Part 2
In meinem Benehmen zu Edita war ich doppelt aufmerksam und doppelt liebevoll, weil eben ich heimliche Wünsche hegte, deren Erfüllung meiner liebsten und einzigen Freundin wohl gleichen Kummer bereiten würde, als wie mir, wenn ich Zeugin eines Interesses ihrerseits für eine zweite schöne Frau werden sollte.
Vor mir selbst konnte ich bestehen, denn ich liebte meine Freundin und nichts würde diese Liebe jemals aus meinem Herzen reißen können, aber dennoch machte ich mir ob dieses Zwiespalts so viele Selbstvorwürfe, daß ich meines Lebens nicht froh werden konnte. Schon das Bewußtsein, daß ich Gedanken Raum gab, welche ich vor Edita verbergen mußte, war mir drückend und peinlich, aber das Verlangen in mir, jenes fremde Weib kennen zu lernen, war so mächtig, daß ich häufig, in Sinnen versunken, statt meiner lichtäugigen Blume vom Rhein – in die nachtdunklen Augen der Anderen zu blicken vermeinte.
So verging eine geraume Zeit. Die Saison hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wir saßen frohgemuth beieinander, Edita und ich.
Sie löffelte träumerisch in ihrem Kaffee. Nachdenklich sah sie mir in’s Gesicht: „Du bist anders geworden, Felicita. Ich kenne Dich nicht mehr so, wie Du ehemals gewesen. Deine Stimmung ist wechselvoll und Deine frühere Emsigkeit in der Ausübung Deiner Kunst hat sich verringert. Warum das, Kind? Willst Du, daß wir fortgehen? Nicht an den Rhein; dorthin begeben wir uns nach beendigter Reise. Ich möchte mit Dir ohne Zwang, ohne _dame d’honneur_ hinaus in die liebe Gotteswelt, sie und Dich zu genießen!“
Und, ihr die Antwort schuldig bleibend, schloß ich sie bei Ihren letzten Worten, wie electrisirt, in meine Arme ...
Ja, Altmeister Göthe, Du hast Recht: „Glücklich allein ist die Seele, die liebt!“ – –
Dann war’s geschehen.
Am Ziele unserer Vergnügungsreise sah ich „sie“ wieder: die Andere mit dem bestechenden Exterieur.
Wir, Edita und ich bewohnten eine, unweit des Strandes belegene Villa. Ein sorgsam gepflegter Garten dehnte sich vor der stattlichen Front des Landhauses aus.
Es war die Zeit der Rosen. Tausende von thautropfenfunkelnden Blüthen sandten ihre Düfte in die weitgeöffneten Fenster unseres Quartiers.
Und da schritt ich hinunter in das Eden von Morgenglanz und Duft und Licht und schmetternder Vogelkehlchen.
Ich raffte meine Schleppe hoch, um die Diamant-Tropfen der Gräser nicht zu streifen. Behutsam bog ich eine der schönsten Rosen am Stengel nieder. Sinnend ruhten meine Augen darauf, lange, lange ... und dann wandte mein Blick sich aufwärts empor nach den Fenstern zu Editas Gemächern.
Es überkam mich eine unabweisbare Sehnsucht, meiner Edita einen Morgengruß zu bringen, der in den wunderbar schönen Klängen eines künstlerischen Tonschöpfers ausklingt:
Leise, leise, mit immer vollerem, immer mehr anschwellendem Sopran erhob ich meine Stimme:
„Du rothe Rose auf grüner Haid, Wer hieß Dich blüh’n? Du heißes Herz in tiefem Leid, Was will Dein Glüh’n? – – Es braust der Sturm vom Berg herab. Dich knickt er um. Es gräbt die Lieb’ ein stilles Grab, Du bist dann stumm. Denk’ nicht an Tod, an Leben denk’ In Lieb’ und Lust! Dich selber wirf’ als Dein Geschenk An meine Brust!! Ich weiß es ja, daß Du mich liebst Im Ueberfluß. O Seligkeit, wenn Du mir giebst So heißen Kuß! Geschrieben steht am Sternenzelt: Du wärest mein; Was fragt die Liebe nach der Welt Und ihrem Schein? Um meinen Nacken schling’ den Arm, Preß’ Mund auf Mund, Ruhst anders nicht so süß und warm In weitem Rund! Versink’ in Wonnerausch Der Erde Zeit. Gieb für den Augenblick in Tausch Die Ewigkeit! Komm, daß Du meine Sehnsucht stillst, O Königin! Und wenn Du meine Seele willst, So nimm sie hin! ...“
* * * * *
... Ich hielt die Purpurblüthe in der unwillkürlich hocherhobenen Hand.
Da erscholl ein leiser Ruf über die dichte Taxushecke zu mir herüber:
„O mir die rothe Rose, o bitte, bitte!“
Erstaunt, halb bestürzt wandte ich den Kopf, denn eine überaus melodische Stimme in französischer Sprache klang an mein Ohr.
Da stand sie vor mir, jene interessante Schöne, deren Anblick ich herbeigesehnt und welcher mich nun doch mit seltsamer Bangigkeit erfüllte.
Es entging mir nicht, daß ich eine „Dame“ vor mir hatte.
Ihre Erscheinung hatte vielleicht einen Anflug von Emanzipation, aber das kleidete sie gut. Sie war zweifellos eine Dame vornehmer Stände. So konnte ich es getrost wagen, ihr die Rose zu schenken. Mit einer leichten Verbeugung – nahte ich mich ihr, ihr die Blume zu überreichen.
* * * * *
„Das soll die Revanche sein für die Blumen aus meinem Corsowagen“, sagte sie mit leisem Lachen und ich erwiderte lebhaft, daß es mir Freude bereite, Gelegenheit zu solcher Revanche gewonnen zu haben.
Freudestrahlend neigte sie dankend ihr Haupt und preßte leise an die geöffneten Lippen die flammende Rose.
In ihrer Begleitung befand sich ein altes exotisches Fräulein, in deren Gesellschaft sie alsbald grüßend weiterschritt, während ich, alle Rosen vergessend meiner Edita entgegenstrebte; mir war’s als hätte ich ein Unrecht begangen.
Mit gemischten Empfindungen betrat ich Editas Schlafgemach. Diese war bereits angekleidet und erhob drohend den weißen Finger:
„Schatz, wo steckst Du, allein, ohne mich? Und wem galt das herrliche Lied? Mir wohl? Ja, ja, ich weiß, mein Herzchen“, fuhr sie mit raschen Worten fort, da sie sah, wie ich schmollend den Kopf zurück bog. „Nur mir allein konnte Lessmann’s wunderschönstes Liebeslied gelten; Du weißt ja, wie so sehr gern ich Dich höre!“
Ich warf mich an ihre Brust und küßte sie lange und innig ... Der Fremden erwähnte ich nicht. In den nächsten Tagen richteten wir, bevor wir unseren gewohnten Spaziergang antraten, unsere Schritte nach der See.
Unsere Kammerfrau empfing uns bereits und im Nu tummelten wir uns nach Herzenslust in der blauen Fluth. Ich spähte suchenden Blickes über die leicht bewegte Wasserfläche. Mein Auge fahndete auf schöne Frauen-Gestalten. Forschenden Blickes betrachtete mich Edita. Ob sie wohl meine Gedanken errieth? Da – wir hatten gerade unsere Toilette beendet, drangen hastige, lebhafte Rufe an mein Ohr. Ich zog die Thür zurück und sah hinaus, nahm auch sofort wahr, daß einige Badefrauen offenbar um eine Ohnmächtige bemüht waren.
In wenigen Minuten hatte ich die betreffende Zelle erreicht und übersah mit einem einzigen Blicke die ganze Situation. Die leidende Dame hatte jedenfalls eine übermäßig lange Schwimmtour zurückgelegt und war nunmehr von einem Nervenzufall ergriffen worden.
Cölnisches Wasser und englisches Salz hatten die beabsichtigte Wirkung und nach wenigen Augenblicken hob ein zitternder Seufzer die Brust der jungen Pariserin, welche mir mit aufleuchtenden Augen dankte und mir alsbald ihren Namen und Rang nannte.
Wie mir ihre alte Begleiterin mit einer fabelhaften Beredsamkeit darthat, hatte die junge Dame, Comtesse Eugenie, bereits wiederholt einen derartigen Nervenzufall gehabt. Das erregte mein Mitgefühl und ich bat sie mit herzlicher Eindringlichkeit, einstweilen von dergleichen Schwimm-Uebungen abzusehen.
Da ich während der kurzen Unterhaltung auch meinen Namen nannte, flüsterte sie mir erfreut die Antwort entgegen, daß derselbe ihr lange bekannt sei und daß sie genau gewußt, „wem“ auf jenem Corsofest sie die Blumen gewidmet hätte.
Ferner berichtete sie mit schelmischem Lächeln, daß sie auch lediglich aus dem einzigen Grunde ihr Portrait bei meinem Lehrer bestellt hätte, weil sie bestimmt angenommen, mich, als dessen Schülerin, wie ihr zufällig bekannt war, dort sicher zu treffen.
Ich hatte allen anwesenden Frauen längst bedeutet, sich zu entfernen und während ich die Reisebegleiterin der Comtesse zu Edita sandte, daß sie meiner nicht länger harren, sondern mir entgegenkommen sollte, kleidete sich ... o süßer Schreck! – die üppige Französin in meiner Gegenwart an. Ich konnte der mir angeborenen Regung nicht widerstehen und, die Falten ihres Spitzenhemdes auseinanderschiebend, küßte ich die rosige Haut ihres schönen Busens!
Da brach die ganze sinnbethörende Leidenschaft sich Bahn und mit fliegendem Athem und fliegenden Worten entrollte Comtesse Eugenie mir das Bild ihrer Seele.
Geschmachtet hätte sie nach mir – lange, lange, denn sie liebe mich – – „_parceque vous êtes si belle, mon coeur, alors je vous aime indisible, brûlant – passionnée_!“ Und dann senkte sie ihren Mund und ihre zuckende Zunge drängte sich sanft zwischen meine Lippen ...
Wie betäubt ließ ich das schöne junge Weib aus meinen Armen; ich versprach ihr, sie in einigen Tagen hier wiederzusehen. Noch einmal drückte ich mein heißes Gesicht an ihren mir entgegenwogenden Busen und als ich dann mit brennenden Wangen hinaustrat, sah ich Edita auf- und abpromenirend, welche sich wortlos zu mir wandte, mich mit todternsten Blicken musterte und an meiner Seite dahin schritt, ohne sich, wie sonst an meinen Arm zu hängen.
Ich fühlte mich bewogen, eine Aufklärung dieses Zwischenfalls zu geben, aber es berührte mich unsagbar peinlich, als ich ihre Augen mit unendlich spöttischem Ausdruck auf mich gerichtet sah und spöttisch dünkte mich auch das Lächeln, welches vielsagend um den feinen Mund irrte.
Ich kann wohl sagen, daß mich selten ein so furchtbar unerquickliches Gefühl beschlich, als in diesem Momente. Trotzdem war ich fest entschlossen, die junge Pariserin wieder zu treffen. –
Ich fühlte, wie mich ein süßes Erschauern überrieselte, wenn ich an die Berührung der warmen, weichen Zungenspitze dachte! ...
So muß ein erotischer Kuß sein! ...
Ungewollt, war zwischen mir und Edita eine Spannung eingetreten, die sich mit jeder Minute steigerte und die ich doch durch nichts zu verhindern vermochte. Meine Vorliebe für schöne Frauen erheischt eben Opfer! ...
Mochte Edita meine Wünsche errathen haben, wollte sie mich prüfen oder war es Zufall, genug, sie verharrte dabei, in ihren Gemächern zu verbleiben, während ich, theils gewohnheitsmäßig, theils von gewisser Sehnsucht getrieben, dem Strande entgegenschritt.
Comtesse Eugenie kam mir bereits entgegen. Sie bestürmte mich so lange mit Bitten, bis ich nachgab, sie in ihr Hôtel zu begleiten. Dort angelangt, bat sie mich, einige Augenblicke zu verweilen, während sie ihr Ankleide-Cabinet betrat, um ihre Strandtoilette mit einem geradezu bezauberndem Kostüm zu vertauschen.
Ein halboffener, weißer Burnus aus indischem Cachemir umhüllte in weiten Falten die volle, schlanke Gestalt. Mit elastischen Schritten eilte sie auf mich zu und ich ließ es gern geschehen, daß sie meinen Mund mit heißen Küssen bedeckte und weiter ließ ich es geschehen, daß ihre weißen, feinen Zähne sich tief in die Haut meines Halses gruben. – –
Ein intensiver Goldlack-Duft entströmte ihren Kleidern und benahm mir fast den Athem. Da ich sie mit beiden Armen fest umschlang, mochte ich sie ermuthigt haben, denn sie setzte sich auf meinen Schooß!
... Immer heißer ihre Küsse, immer heißer der Athem und da endlich kannte ihre Leidenschaft keine Grenzen mehr; rasch streifte sie den Handschuh von meiner Hand und führte diese leise in die Falten ihres Peignoirs. Ein Zittern überflog mich, dann fühlte ich die zuckende Berührung ihrer Zunge und in einem heißen Kusse fanden sich unsere Lippen.
Jetzt folgten Augenblicke nie empfundener Erregung, so daß ich, halb ohnmächtig, die Augen schließen mußte ... Da plötzlich durchzuckte mich ein blitzähnlicher Schlag – – – der Gedanke an Edita! Heiße Blutwellen stiegen mir in’s Antlitz. Das war nicht mehr Erregtheit, das war – – Schamröthe!
Wie liebe ich meine Edita und wie vertraut sie mir und ich war schwach genug ihr untreu zu werden! Keine Andere – und wäre es der Schönen Schönste – sollte mich jemals besitzen und eine Liebe mit Edita theilen, die diese allein genießen wollte! ...
Es war das erste Mal an einer anderen Frau soweit mich zu vergessen und es sollte das letzte Mal sein!
Meine ganze Willenskraft zusammenraffend, widerstand ich mit Mühe den sinnlichen Ueberredungskünsten der schönen Französin, welche mir einen noch viel größeren Genuß verhieß, wenn ich mich auskleiden und bei ihr bleiben wolle ...
Einige Minuten später befand ich mich auf dem Heimwege; meine einzige Edita befand sich zweifellos im Hause. Als ich ihren Salon betrat, fühlte ich mich von starken Blumendüften umweht; die Vorhänge waren herabgelassen und wehrten dem Eindringen des strahlenden Sonnenlichts.
Erstaunt, beunruhigt, blickte ich spähend umher; ich durchsuchte alle Zimmer: Edita fand ich nicht.
Wie das leibhafte böse Gewissen eilte ich die Terrasse hinunter in den Garten. Dort saß sie in einer Rosenlaube unter Büchern und Journalen vergraben.
Und ich erschrak.
Edita hatte ja ohne mich speisen müssen!
Was nur mußte sie von meinem langen ungerechtfertigten Ausbleiben denken!
Flüchtigen Fußes eilte ich auf sie zu und als ich ihr ernstes, schönes Haupt an mich ziehen wollte, lehnte sie sich halb abwehrend zurück. Beklommen ließ ich mich an ihrer Seite nieder.
Edita betrachtete mich still mit langen Blicken. An meinem Halse blieben sie haften und in jäher Erinnerung gedachte ich der spitzigen Zähnchen, welche sich in die Haut gegraben und, wie ich nachher entdeckte, einen feuerrothen „Kußfleck“ hinterlassen hatten.
Nach einer Zeit peinvollen Schweigens ergriff meine Freundin das Wort:
„Ich sehe, Felicita, Du hast Langeweile, ich weiß in der That nicht, wie ich länger mich Dir gegenüber verhalten soll. Ist meine Liebe für Dich auch stets stark genug gewesen, Deiner Schwäche für fremde, interessante und schöne Frauen mit Nachsicht zu begegnen, so bin ich doch zu stolz, um ruhig zusehen zu können, wie Du einer Unbekannten vor mir ostentativ den Vorzug giebst. Ich weiß ebenso genau wie Du selber, daß es nur sinnliches Begehren ist, durch welches Du Dich in den Bann dieser Pariserin hast verstricken lassen. Nun wohl, überlege Dir’s, ob Deine Handlungsweise mir gegenüber wirklich _lady like_ war. Ich halte es für gut, wenn wir einige Zeit räumlich getrennt sind; bleibe Du bei der Comtesse – – ich bin jedenfalls entschlossen, heute noch nach meiner Heimath abzureisen. Ich überlasse Dir die Wahl: Jene oder ich!“ ...
Ich starrte, nachdem Edita ausgeredet, eine Weile wie geistesabwesend vor mich nieder.
Das also sollte das Ende sein von meinem erträumten und in Wirklichkeit bestehenden Glück.
Ja: o Liebe wie bist du so bitter, o Liebe wie bist du so süß! – –
Ein minutenlanges Schweigen entstand. Ich schluckte die aufquellenden Thränen tapfer hinunter und war im Begriff, die Laube zu verlassen, da hielt Edita mich zurück; sie sah mich tiefernst an und deutete mit der Spitze ihres Fingers nach dem dunklen Fleck an meinem Halse.
Ich zuckte zusammen. Rasch entschlossen wollte ich ein Geständniß ablegen von dem Umfange meiner Verirrung, da hatte sie aber schon ihre knisternde Schleppe aufgenommen und in stummem Schmerze sah ich ihre hohe, edle Gestalt in dem Vestibule der Villa verschwinden.
Das Nächstliegende für mich nun war, meine gekränkte Freundin zu versöhnen und einen Brief für Comtesse Eugenie nach dem Hotel zu senden. In diesem Schreiben bat ich sie, sich meiner Sympathie versichert zu halten, die zwischen uns stattgehabte erotische Scene aber als ungeschehen zu betrachten. Ich könne und dürfe meine Freundin nicht beleidigen, denn meine Liebe gehöre ausschließlich dieser! Unter den üblichen formellen Redewendungen schloß ich. So gern ich sie ja wohl noch selbst gesprochen hätte, – meine sieghafte Liebe zu Edita ließ mich dieses Verlangen unterdrücken und überwinden – – – – – – –
* * * * *
– – – Der Pfiff der Locomotive mahnte zum Einsteigen und ich war glücklich, mich auf den Polstern eines Coupees an der Seite meiner angebeteten, stolzen Edita zu befinden. Ich drückte ihr nur immer wieder mit stummer Zärtlichkeit die Hand und ein namenlos frohseliges Gefühl erfüllte mich, als sie mir mit gleichem Händedruck meine Innigkeit erwiderte.
So gelangten wir durch lachende, freundliche Thäler und üppig grünende Auen, welche sich mit den vom hohen azurblauen Himmelsdom sich abzeichnenden, ehrwürdigen Gebirgshäupter malerisch abwechselten.
Wir waren wieder glücklich. Wir hatten uns ausgesprochen und uns wiedergefunden in unserer Liebe!
Endlich, nach interessanter Fahrt langten wir in Edita’s Schlosse an. Der würdige Kastellan und dessen treublickende Ehehälfte empfingen uns an der Spitze der gesammten Dienerschaft; Edita’s Repräsentantin war bereits lange vorausgeeilt und hatte mit ausgeprägtem Tact alles zum Empfange ihrer jugendlichen Gebieterin herrichten lassen.
Die Sonne versank soeben mit glührothem Schein in den glitzernden Fluthen des alten ehrwürdigen Rheins.
Unmittelbar an den Ufern desselben erhob sich, von stattlichen Höhenzügen umsäumt, ein würdevolles einfaches Schloß – eine Veste der Manen Edita’s, der letzten Trägerin ihres Namens.
Anmuthig grüßend, für Jeden ein leutseliges Wort und ein freundliches Händeschütteln dem greisen Verwalter und dessen Gefährtin, geleitete mich Edita in das von hohen Marmorsäulen getragene Portal.
Aus ihren seelenvollen Augen sprach meine stolze, süße, lichtäugige Blume vom Rhein mir einen Willkommensgruß; inniger, glückseliger, wie es Worte nicht inniger zum Ausdruck hätten bringen können. Und ich gelobte mir so recht aus tiefem Herzen heraus, ihr nie wieder eine kummervolle Stunde zu bereiten.
Ach war ich glücklich!
Ich hatte gute Nachrichten von meinem kränkelnden Vater und – am Herzen meinen versöhnten Liebling! –
Voll natürlichen Interesses hatte ich, nach beendigtem Diner mit Edita eine kurze Wanderung durch die Säle und Gemächer des Schlosses angetreten. In einem achteckigen Raum rastete sie, mich an ihre Seite ziehend, da sie auf einem in der Mitte des Gemaches sich erhebenden Rondel Platz genommen hatte.
Die Figuren und Arabesken der schweren Gobelins leuchteten in matten Lichtern durch die magische Tönung, welche eine antike Ampel von dem kostbar geschnitzten Plafond herab verbreitete.
Duftende, echt rheinische Wässer plätscherten aus zwei kleinen Fontainen auf exotisches Blättergewächs nieder; sonst war es traumhaft still.
Dicht umschlungen, saßen wir Beide, Kopf an Kopf geschmiegt, uns dem Zauber des Augenblicks überlassend. Mit einem Male schritt Edita über den Teppich bis in eine Ecke, über welcher sich eine in mattem Golde erglänzende Kuppel für künstliche Akustik wölbte. Dort stand ein entzückendes Instrument. Mit zarten, musikkundigen Händen entlockte sie demselben wundersame Präludien, die sie in süße Liebeslieder hinübergeleitete und in köstliche Accorde ausklingen ließ.
Ich hatte schon so oft den Schmelz ihres Soprans bewundert, heute aber, in dieser Stunde riß mich ihr herrlicher Gesang zu anbetungsvollem Staunen hin:
„Nun hüllt die Nacht, die lenzige Nacht Die Welt in schweigende Wonne, Ach sonst ergriff mein Herz noch mit Macht Das letzte Verglühen der Sonne. Nun geh’ ich allein, durch Fluren und Hain Und ich denke in Liebe und Sehnsucht nur Dein: Denn ich habe Dich einzig und ewig gern, Du bist meine Wonne, Du bist mein Stern! Der Frühling kommt, der Frühling vergeht, Die süßen Lieder verklingen, Und ob der Herbst die Blüthen verweht, Mir soll er nicht Traurigkeit bringen; Denn ich trage den Lenz, im Herzen die Ruh Und das singet und klinget und blüht immerzu; Denn ich habe Dich einzig und ewig gern, Du bist meine Wonne, Du bist mein Stern!“
... Noch unter den Einflüssen der letzten Vorgänge in dem Strandhause leidend, war ich vor Glück und Wonne wie trunken ...
Ich ermannte mich und sprach in huldigenden Worten ein heißempfundenes Lob ihrer Kunst.
„Diese Kunst, meine Felicita“, erwiderte Edita lächelnd, „vermag wohl kaum mit der Deinigen zu wetteifern. Wohl habe ich meine ganze Seele in mein Spiel gelegt und –“ setzte sie, während wieder ein schelmisches Lächeln den süßen Mund umspielte, hinzu: „ich wollte Dich nur zu meiner Schuldnerin machen!“
„Durch die Kunst?“ fragte ich gespannt. Und, unter plötzlichem Errathen rief ich beglückt:
„Ah, ich verstehe, Du meine schöne stolze Venus von Milo!“ ...
In dieser Nacht schliefen wir Beide nicht. Das war ein seliges Wiederhaben!
Wir erriethen nicht mehr, wir fragten nicht! wir sagten uns in stillseliger Ueberzeugung, daß „wahre Frauenliebe“ des Glücks die Fülle in sich birgt.
... Wonnedurchzittert genossen wir dieses Glück! Stundenlang täglich, viele Wochen hindurch ... Erotische Liebe ist stets sinnlich; es kann anders auch nicht sein; aber diese Sinnlichkeit unter zwei schönen Frauen, die sich in aufrichtiger, tiefer Herzensneigung ergeben sind, ist so zart, so unvergleichlich beglückend, daß ich der Comtesse Eugenie gern Recht gab, als sie mir eines Tages schrieb, entgegen meiner Bitte, es zu unterlassen: „Wenn ich der süßen Augenblicke gedenke, welche ich mit Ihnen, _ma belle reine_, verlebt habe, so könnte ich jubeln und weinen. Jubeln darüber, daß ich das Glück mit Ihnen genossen habe und weinen, daß ich es, kaum gegrüßt, nun meiden muß.
Es ist nun einmal mein Ideal, mit einer Frau zu verkehren im innigsten, engsten Sinne. Ich bin nicht im Stande, einen Mann zu lieben, denn ich habe noch nie einen kennen gelernt, der mir jene Gefühle einzuflößen vermocht hätte, wie sie mich in der Frauenliebe beseligen. Ueber diese bin ich vor einigen Jahren von einer blendend schönen Frau unterrichtet und eingeweiht worden. Da wußte ich, da verstand ich, was schöne Erotik bedeutet, was Sinnlichkeit ist. Frauenliebe ist endlos und so beglückend, daß man sich von ihr nicht losreißen kann. Es ist ein fortwährendes Genießen! Mir ist von einer verheiratheten Freundin vor einigen Jahren versichert worden, daß sie erst dann sich glücklich nannte, als sie in die Mysterien der Frauenliebe eingeweiht worden war. Für die Zärtlichkeiten ihres Gatten war sie absolut unzugänglich; dieselben sind im Verhältniß zu denjenigen des Weibes so unzart und im Verhältnis viel weniger befriedigend ...“
Edita lächelte, als ich ihr dieses und noch vieles andere aus diesem Briefe vorlas. Wir wußten’s Beide besser, oder doch ebenso gut, als Comtesse Eugenie, nur fanden wir es unzart, dergleichen Episteln in die Welt zu senden.
– – – Noch einige ergänzende Pinselstriche und das Abbild meines königlichen Modelles war fertig. Ich habe unsagbar schöne Liebesstunden durchkostet, als ich Liebe und Kunst verbindend, in vollen Zügen genießen durfte. – Immer wärmer, immer leidenschaftlicher gestalteten sich unsere Herzensbeziehungen; unser Glück war maßlos!
Ich habe die Schönheit Edita’s nicht mehr bildlich zu idealisiren vermocht; um das zu können, müßte das Modell nicht von so vollkommener idealer Schönheit sein!
In diesem Gemälde hatten wir unserer Liebe ein Denkmal gesetzt!
* * * * *
Mit reichem Erntesegen belastet, kehrten Winzer und Winzerinnen von den Bergen heim. Goldene Sonnenlichter flammten auf dem rothschillernden Laube; der Schmuck des Parkes war erblichen und aufkeimende Wehmuth schlich sich mir in die Seele.
In rascher Aufeinanderfolge mahnten mich die Briefe meines bedenklich erkrankten Vaters an die Heimkehr.
Ohne einen Augenblick zu überlegen, rüstete ich zur Abreise. Edita wand mir mit eigenen Händen einen Abschiedsstrauß der letzten Astern und Reseden. Und nun redeten wir auch einmal noch von Liebe, wie einst im Mai! ...
Doch eine kleine poesievolle Rache konnte sie sich nicht versagen: eine in Purpurfarbe leuchtende Rose ließ sie sich im Treibhause für mich schneiden und, ein mir wohlbekanntes bedeutungsvolles Lächeln auf den Lippen, hielt sie mir die Blume entgegen. Als ich die Hand danach ausstreckte, sagte sie:
„Erst schön bitten! Bitte doch einmal, so wie an jenem Morgen an der Taxushecke Comtesse Eugenie bitten konnte!“ Und die Blumen hinter dem Rücken haltend, weidete sie sich an meinem Erstaunen.
„Das weißt Du auch, Schelm?“ fragte ich, hell auflachend. Aber doch konnte ich mich eines kleinen Unbehagens nicht erwehren. „Ich verbarg es vor Dir,“ fuhr ich fort, „und Dir von jener Begegnung später zu berichten, wurde mir immer peinlicher, weil eben ich es nicht sogleich gethan hatte. Und Du konntest es mir verhehlen, daß Du mich und sie beobachtetest an dem Morgen, da ich Dir Dein Lieblingslied emporsang?“ – – – Edita versprach mir, nach einiger Zeit mir nachzukommen, und unter dem fürsorglichen Geleit meiner Gesellschafterin, welche mich abzuholen gekommen war, steuerte ich der lieben Heimat entgegen.
„So lebe wohl, Du liebes Eden am Rhein! Auf Wiedersehen, Du stolze, süße, Du lichtäugige Blume vom Rhein!“ –
– – Der Zustand meines Vaters war besorgnißerregend; das Leiden steigerte sich und ich war sorgsam bemüht, ihm die letzten Tage seines hohen Alters zu verschönen.
Als er die müden Augen auf immer schloß, sanken die ersten Schneeflocken nieder auf den frischen Hügel, ihm ein weißes, stilles Leichentuch bereitend. – Wieder war es meine Edita, welche, selbst weinend, mir besorgt und theilnahmsvoll die Thränen von den Wimpern küßte. Ich dankte aufrichtig meinem Schicksal, welches mich dies treue Herz finden ließ. Sie auch war es, welche mir die Lasten aufregender Condolenzen abnahm und ihr ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, mich wieder in andere Bahnen zu lenken.
Wohl erwies sie meinem heimgegangenen Vater ebenso herzliche Pietät als ich ihm liebevolles Gedenken, aber dennoch fürchtete sie, daß mein junger Lebensmuth Schaden nehmen könne und sobald, als thunlich, strebten wir dem sonnigen Italien entgegen.
Mit Hinblick auf die traurigen Erlebnisse, war es meiner Freundin darum zu thun, daß ich mich in mein Studium vertiefen und um mit mir gleichen Schritt zu halten, war sie gesonnen, dem Studium der Musik ihre Zeit zu widmen.