Part 6
Wenn je ein Mensch etwas Furchtbares, Grausiges, etwas Schreckliches erlebt hat, das ihn bis in das innerste Herz traf, so war es für diese Frau, für die Marchesa! Ottern- und Schlangengezüchte hatte sie um sich. O und der Schlag in ihr vornehmes, edles Antlitz! – –
So sendet die Hölle wirkliche Ausgeburten, wirkliche, leibhaftige Teufelinnen in die Welt!? Sind das die Frauen, welche „flechten und weben himmlische Rosen in’s irdische Leben?!“ O Frauenlob! –
Entgeistert starrten die Augen der Marchesa in verzweiflungsvollem Schreck zu der rasenden Sprecherin hinüber.
Sie war wie gelähmt. „Nur keinen Eclat!“ das war die letzte Regung ihres erstarrenden Denkens.
Einen Schlag ins Gesicht, dieser Marchesa!? Sie, die noch nie, so lange sie denken konnte, auch nur ein einziges Mal gezüchtigt worden war, auch nicht als Kind – und nun hier?! Sie lehnte sich an eine Wand, um nicht umzusinken. Hatte sich denn heute Alles gegen sie verschworen? Was sie hier erlebt – glich es nicht einem Complott?
War das Corni, ihre geläuterte, fromme, demüthige, dankbare Corni? Wer mochte soviel Gewalt über sie gewonnen haben, daß sie sich erkühnte, ihre Gönnerin, Wohlthäterin und Freundin, und, was am schlimmsten war, die Marchesa in ihr auf das Schmachvollste zu beleidigen?
O Entsetzen, daß diese freche Dirne es wagen durfte, einen solchen Ton anzuschlagen! Wie nun sollte man die verkommene, verlogene Hetäre züchtigen? Ah – unmöglich! Der Scandal, der unausbleibliche öffentliche! –
Todtenbleich wandte die Marchesa sich ab. „Verrätherin!“ ächzte sie und voll tiefer Verachtung sich umwendend, war sie im Begriff, den Salon zu verlassen. Blitzschnell vertrat Corni der Marchesa den Weg.
„Ha, so leichten Kaufes kommst Du mir nicht davon, hochedelste Marchesa.“
Sie ergriff die Hände der schutzlosen Dame und zog sie mit sich in das Badezimmer. Vor ihrem Galan blieb sie stehen und forderte diesen auf, der stolzen überlisteten Freundin Propositionen zu machen. Ohne sich zu erheben sagte der Mann cynisch:
„Meine Geliebte hat Ihnen große Ergebung bewiesen, sie folgte Ihnen, meine Gnädigste, hierher und hat viel dazu beigetragen, Ihnen großes Vergnügen zu bereiten. Erweisen Sie sich nun erkenntlich und die ganze Angelegenheit sei damit abgethan.“
Mit dem Ausdruck grenzenloser Verachtung maß die Marchesa den jungen Mann vom Scheitel bis zur Sohle:
„Wohlan“ erwiderte sie mit unbeschreiblichem Ekel, „ich bin nicht gewillt, mit dem Abschaum menschlicher Gesellschaft viele Worte zu wechseln. Ihr Wunsch sei Ihnen gewährt; ich werde Ihnen eine Anweisung an mein Bankhaus geben und dann will ich niemals wieder etwas mit Ihnen zu thun haben.“
Die Marchesa war halb todt zufolge der erlittenen Unbill und Aufregung und so schnell als es ihr möglich war, verließ sie, die spöttisch grinsende Freundin noch einmal aus zornfunkelnden Augen messend, das Haus, um so eilig als möglich in ihres Groom’s Begleitung von dannen zu reiten. An dieses widerwärtige Ereigniß reihte sich ein Aergerniß an das andere für die Marchesa. Sie wurde von der dreisten Hetäre und deren sauberem Patron auf das Gröblichste und Gemeinste ausgepreßt. Bei einer einmaligen Abfindungssumme blieb es nicht. Droh- und Schmähbriefe nahmen kein Ende. Wo die Marchesa es versuchte, sich mit ihrem Stolze zu wappnen, machte sie immer wieder von Neuem die üble Erfahrung, daß sie den Angriffen des durch und durch verkommenen Paares nicht gewachsen sei und, was für den Seelenzustand der Marchesa am schlimmsten war – sie war nicht im Stande, das Bild der verrätherischen Freundin aus dem Herzen zu reißen. Unter unsagbaren Qualen machte sie die Entdeckung, daß sich der Verrath an ihrer Freundin Annina bitter räche ... Jetzt war sie allein in der Welt, trotz zahlreicher sogenannter Freundinnen und Bekannten.
Als sie sich endlich weigerte, dem Moloch, Corni’s Habgier, fernere Opfer zu bringen, bedrohte der Mann sie mit einem Prozeß, den er aus Rache und auf Anrathen seiner „Braut“ gegen die Marchesa anstrengen werde. Dieselbe, welche bereits Unsummen dem Irrthum, den sie begangen, dargebracht hatte, war der Verzweiflung anheimgegehen; sie, die Trägerin eines stolzen Namens, den alle Welt kannte, sollte gebrandmarkt, an den öffentlichen Pranger gestellt werden. –
Wie hatte sie sich nur derart täuschen lassen können. Sie, die zu siegen und zu herrschen gewohnt war, mußte der ehrlosen Betrügerin weichen! – In schamlosester Weise hatte man sie hintergangen und ihr, der vornehmen Aristokratin, eine Falle gestellt, in welcher sie ihre Ehre preisgeben oder sich finanziell ruiniren mußte. Wenn sie daran dachte, daß die Drohungen eines Tages erfüllt würden und daß man sie vernichten könnte, dann kam es über sie wie wahnsinnige Verzweiflung.
Dann kam ihr eine neue Idee. Sie wollte an die Heuchlerin schreiben und an die früher so oft gerühmte Dankbarkeit appelliren ... konnte ein Weib so hart und erbarmungslos sein, das Herz einem solchen Mahnwort zu verschließen? ... O, Felicita, Du ahnst es, wie schnell Annina durch die Nemesis gerächt worden ist!! Die andauernden furchtbaren Aufregungen prägten sich bald auf dem schönen Antlitz der Marchesa aus. Die Augen blickten nicht mehr so feurig wie ehemals; die schlaflosen Nächte hinterließen ihre trüben Merkmale und sie vermied es, wo sie konnte, mit ihren Bekannten zusammenzutreffen. Wenn es dereinst ruchbar werden sollte, – – welche ungeheuerliche Sensation würde diese skandalöse Affaire hervorrufen ... sie, die hochgestellte Frau, vor welcher sich die Häupter der Großen dieser Erde neigten ... vor den Schranken des Tribunals! ... Nein, es war unerträglich! Also schrieb sie noch ein letztes Mal an Corni. O Du unergründliches Räthsel in der Verirrung weiblicher Liebe!
Und da Dein Mund mir Liebe log, Und da ich selig einst in Deinen Küssen Dir Deine Seele von den Lippen sog ... Wo war da Dein Gewissen?
Und da Du wußtest, daß ich sterben muß, Wenn Du von meinem Herzen mir gerissen, Und Du doch schiedest ohne Gruß und Kuß Wo war da Dein Gewissen?
Und da ich todeswund im Fieber lag, Mit meinen Nägeln meine Brust zerrissen, Mit blut’ger Lippe Deinen Namen sprach, Wo war da Dein Gewissen?
Und wenn Dir einst der bleiche Engel naht, Dem alle Erdenkinder folgen müssen, Dann denke mein! und denk an den Verrath Und frage Dein Gewissen ...
* * * * *
... Wenn die Schreiberin glaubte, daß die schändliche Lügnerin sich durch diese Worte von ihrem schamlosen Ausbeuten abhalten lassen würde, so hatte sie sich geirrt! Hohnlachend las Corni ihrem Ritter die Verse vor, welche die Marchesa unter bitteren Thränen niedergeschrieben hatte ...
„Ah, jetzt wird man rührselig, aber warte schöne Marquise, ich werde Dich nicht locker lassen, ich kenne jetzt die Stelle, wo Du sterblich bist. Das ganze Aufgebot von Stolz und Hochmuth, mit dem man sich panzerte, ist erschöpft – man zieht andere Saiten auf – doch ich bin nicht derjenige, der leicht nachgiebt und darum auf einen so seltenen Bissen verzichtet. Sie kann’s sich ja auch leisten – man hat es ja dazu!“ Und der ehrlose Bube lachte laut und roh zu seinen Worten.
„So ist es“, pflichtete ihm die halbnackte Hetäre zu, „und wir lassen den ganzen poetischen Erguß unbeantwortet und später machst Du ihr unter Deinem wirklichen werthen Namen, den sie glücklicherweise noch nicht gehört hat, eine formelle Visite! Dein stolzklingender Name wird Dir Einlaß verschaffen in den Salon der plötzlich sehr elegischen Marquise.“
„Siehst Du nun wohl“, fiel der herabgekommene Wicht triumphirend ein, „siehst Du nun wohl ein, mein schönes Kind, daß es nothwendig ist, in diesem jämmerlichen Erdenthal das Eisen zu schmieden, so lange es heiß ist!?“
Und statt aller Antwort erfaßte Corni seinen Arm und die Melodie eines Strauß’schen Walzers trällernd, tanzte sie seelenvergnügt mit ihm im Zimmer umher ...
Das Herz, ausgebrannt wie ein Krater, Ehrgefühl und Gewissen ertödtet in dem Sumpfe, der die Heimath der Messalinen ist – – so war dieses Weib, deren fauler Kern in einer glänzenden Hülle lag, dasselbe Weib, welches unwahr war durch und durch, das aber durch äußere Reize vermocht hatte, den Sinn der Marchesa zu bethören – ebenso – als die Herzen der Männer, deren mancher einer der falschen Sirene einen Fluch nachsandte ...
Tagelang wartete die Marchesa auf Antwort; es vergingen schließlich Wochen ... kein Brief, keine Mittheilung. Das saubere Paar, einander würdig, verstanden es vortrefflich, sie auf die Folter zu spannen.
Dann endlich hatte der lockere Galan Corni’s der Marchesa den geplanten Besuch gemacht.
Tief empört über diese unerwartete Dreistigkeit hatte die Marchesa den Mann, eine recht stattliche Erscheinung, aber mit einem wüsten Gesicht und verlebten Zügen, nothgedrungen empfangen müssen.
Ein der Marchesa bekannter, hoher Justiz-Beamter hatte sie inzwischen informirt, und ungefähr wußte sie, wie gegenüber den Erpressungen dieser Beiden sie sich zu verhalten habe. In der That trat der Mann auf wie ein Gentleman und er war nahe daran, sich zu erkühnen, der Marchesa die Sammthaut ihrer weißen Hand zu küssen ...
Mit todtkalter Ruhe, schnell gefaßt, wandte sie sich hoheitsvoll ab:
„Ich bin genau unterrichtet“, begann sie, „wie ich Ihnen und jener Corni“ – sie sprach unter spöttischem Zucken der Lippen den Namen mit unnachahmlicher Verachtung aus, – „fortan zu begegnen habe. Ihre Drohungen und Erpressungen, welche Ihre Briefe enthalten, sind meinem Advokaten bereits unterbreitet worden. Ich werde sofort entscheidende Maßregeln treffen, sofern Sie nicht einen Schein unterschreiben, laut dessen Sie und Ihre schätzbare Freundin sich als vollkommen abgefunden erklären. Ich biete Ihnen dieses Gold, ... hier, nehmen Sie es und unterschreiben Sie!“
Bei der Erwähnung des Advokaten lächelte der Mann sarkastisch, als er aber die Schatulle erblickte, überlegte er eine geraume Weile, dann schien seine Kalkulation zu Gunsten seiner Habgier auszufallen. Er überflog, nochmals prüfend, die blitzenden Goldrollen und sich tief verbeugend, sprach er: „Sie sollen wissen, Gnädigste, daß Sie es mit einem Kavalier zu thun haben! Ich will mich daher schnell entschließen und werde den Schein schreiben und unterzeichnen; ich könnte später vielleicht wieder anderen Sinnes werden!“ –
Was die gepeinigte Marchesa ihm da anbot, war ein Vermögen und wenn er dasselbe jetzt abgelehnt hätte, so wären ihm später im Rechtsstreit entschieden große Schwierigkeiten entstanden und vielleicht wären er und Corni gänzlich leer ausgegangen. So war nun denn diese Angelegenheit aus der Welt geschafft worden. Die Marchesa hat nie wieder ihr Augenmerk auf eine Halbweltdame gerichtet; ihre kostspielige Laune hatte ihr des Kummers die Fülle eingetragen und sie war noch froh, daß die peinliche Affaire in der großen Welt nicht bekannt geworden. Die Marchesa hatte ein Leid erfahren müssen, das ohne Grenzen war. Sie hatte in Corni aus der Hetäre eine Megäre gemacht, statt des geläuterten Engels, als welchen jene sich darzustellen gewußt hatte. Sie hatte die Liebe Annina’s verloren durch eben diese Verirrung und Annina eine bitterliche Kränkung zugefügt, indem diese sich von der Marchesa zurückgesetzt und vernachlässigt wußte ...
Sie hatte die Freundschaft Felicita’s – ja sogar deren Hochachtung verscherzt, weil sie den Rath derselben mißachtete und das fremde, gesunkene Mädchen an ihr Herz nahm, obgleich Felicita ernstlich davor gewarnt hatte ...
Dieses war das schlimmste und widerwärtigste Ereigniß, welches ich in dem Leben der Frauenliebe erfahren habe – – – – – –
* * * * *
Wie der Zufall gar oft spielt im menschlichen Leben, so war es auch hier Zufall, daß ich in Gemeinschaft Edita’s einer Soirée in befreundeter Familie beiwohnte, in welcher ich eine Dame wiedersah, welche ich durch Edita vor längerer Zeit kennen gelernt hatte.
Das blonde Lockengeringel krönte ein hochedles Haupt; ein feiner, etwas schmaler Mund ließ tadellose Zahnreihen sehen und über der geraden, schmalen Nase blickten zwei blaue, kluge Augen ausdrucksvoll in die Welt. Volle, üppige Linien umschloß die schillernde Seidenrobe und mein Blick blieb voll aufrichtigen Entzückens an den selten schönen, schneeweißen Armen hängen, die bis zu den Ellenbogen von dänischen Handschuhen bedeckt waren.
In einem unbelauschten Augenblicke konnte ich es mir nicht versagen, auf den mir verführerisch entgegenleuchtenden Nacken einen ungesehenen Kuß zu drücken und Elisabeth – so war ihr Name – erwiderte diese Huldigung durch zahllose Flammenblicke, die sie mir während des ganzen Abends zuwarf. In der Garderobe bat sie mich, ihr eine Schleife an einem ihrer knappen Atlasstiefelchen zu knüpfen und während sie den Fuß kokett auf ein Tabourett setzte, hatte ich Gelegenheit, ein köstlich geformtes Bein und einen ganzen Reichthum Brüsseler Spitzen zu bewundern.
Bevor wir uns trennten, verabredeten wir ein baldigstes Wiedersehen in unserem Hause. Elisabeth brachte noch eine ihr engbefreundete Dame, die Gattin eines stattbekannten Professors mit und wir verlebten einen herrlichen, genußreichen Abend.
Diese Besuche wiederholten sich häufig und wir fanden großes Gefallen an einander, ja es kam vor, daß Frau Stephani mich ebenso heiß und bezaubernd küßte, als Elisabeth meine Edita!
Stephani war durchaus keine hervorragende Schönheit, doch von berückender Liebenswürdigkeit und eleganten Umgangsformen. Sie hatte eine eigene Art zu küssen: Den warmen, etwas vollen Mund halb offen, legte sie leise, zaudernd, ihre Lippen an die meinen und sog gleichsam meinen Athem ein. Ich hatte sie sehr lieb, mehr aber noch Elisabeth und ich fürchtete bereits wieder, Gefahr zu laufen, meinem Herzenslieblinge neuerdings untreu zu werden. Elisabeth kam eines Abends in Edita’s Abwesenheit zu mir. Sie trug eine grüne Sammtrobe – chic, originell, eigenthümlich! Die lange Schleppe rieselte in weichen Falten über den Teppich; ein miederartiges, reich mit kostbaren Spitzen garnirtes Jabot umhüllte die üppige Büste; das Jabot war ärmellos und an den weißen Handgelenken blitzten kostbare Steine, deren Strahlen sich in den zahlreichen Flammen der Kandelaber brachen. Diese nackten weichen Arme übten eine bethörende Wirkung auf mich aus und ich erinnere mich genau, daß ich mir ungemein große Mühe geben mußte, an mich zu halten, denn nachdem ich heiße Küsse mit ihr gewechselt, hauchte sie mir mit warmem Athem die Worte in’s Ohr: Haben Sie mich doch auch lieb, Felicita, so wie ich Sie liebe ... machen Sie mit mir was Sie wollen! ...
Ein süßer Schreck durchfuhr mich und ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn unser _tête à tête_ nicht durch Edita’s Eintreten unterbrochen worden wäre. So kam ich auch schnell zur Besinnung und noch desselben Abends schrieb ich an Elisabeth, daß es für meinen Frieden und für die Liebe zwischen Edita und mir richtiger wäre, wenn wir uns nicht mehr zu Zweien wiedersähen u. s. w.
Am nächsten Tage erschien wider Erwarten – Elisabeth! –
„Im Gegentheil, Felicita,“ rief sie mir beim ersten Begrüßen entgegen, „im Gegentheil, wir wollen uns recht oft und viel sehen!“
„Ja gern,“ antwortete ich hastig, „allein ich darf meine Neigung auf andere Damen nicht mehr erstrecken, denn darunter würde Edita leiden und das würde auch mein Glück zerstören, oder,“ setzte ich leise, ihre Hand ergreifend, hinzu: „kennen Sie nicht Frauenliebe? Dieselbe ist mächtig wie der Tod und in ihrem Eifer schaurig wie das Grab ... ihre Gluthen sind Feuergluthen!!“
„Wohl weiß ich das“ entgegnete Elisabeth, während ihre Wangen sich höher färbten „und es ist stets mein heißester Wunsch gewesen, von einer geliebten Freundin ganz und voll wiedergeliebt zu werden! Ich bin kürzlich erst darauf aufmerksam gemacht worden; zuvor hatte ich keine Ahnung von der Frauenliebe – – ich hatte mein ganzes Herz einem Manne zu eigen gegeben und seit dem ich die zwischen demselben und mir bestehenden Beziehungen gelöst, sehne ich mich nach einer Dame, die mit mir sympathisirt und mich liebt. Ich liebe Sie Beide; Edita jedoch nicht so feurig als Sie, denn Sie haben eine unglaubliche Macht über mich gewonnen; Sie haben mir ein Flammenmeer in die Seele gegossen ... Haben Sie Vertrauen zu mir! Wenn ich Sie meiner Liebe versichere, dann können Sie Alles von mir erreichen, Alles, nur seien Sie lieb gegen mich!“ Und ich – erlag auch der Versuchung.
Wir sahen uns fast täglich und ich hatte stürmische Auseinandersetzungen mit Edita, welcher ich nicht genug versichern konnte, daß der Verkehr zwischen Elisabeth und mir ein absolut harmloser sei ...
* * * * *
Später einmal wechselte Elisabeth ihr Quartier und ich, um sie in demselben zu begrüßen, brachte ihr einen duftigen, großen Strauß. Edita, welche mich begleiten und dann aussteigen wollte, bat mich, die Blumen nicht mitzunehmen; von mir hätte sie sehr lange schon keine erhalten und es thue ihr weh, daß ich Elisabeth auszeichne. Ich sah, wie es in ihren Augen feucht schimmerte und um sie zu beruhigen, legte ich die Blumen auf den Wagensitz, ihr versprechend, daß ich sie für sie wieder zurückbringen wolle. Da Edita mir glaubte, so verabschiedete sie sich an einer Straßenecke und ich befahl dem Kutscher bald darauf, vor einem Blumengeschäft zu warten; ich kaufte ein anderes Bouquet, welches ich nun doch für Elisabeth mitnahm. In dem Blumenladen traf ich mit Stephani zusammen, welche mich in ihrer gewinnenden Manier begrüßte und mir unter Anderem erzählte, daß sie nach ihrer Heimath zurückkehren wolle, da ihr Gatte sie vor die Alternative gestellt habe, sich ohne Aufsehen von ihm zu entfernen, oder einen scandalösen Ehescheidungsprozeß über sich ergehen zu lassen. „Aber weshalb denn, um’s Himmelswillen?“ fragte ich flüsternd, auf’s Tiefste erschrocken. „Den Grund theile ich Ihnen mit, wenn ich zu Ihnen komme; vielleicht heute noch!“ entgegnete Stephani.
„Weiß Elisabeth davon?“ fragte ich, ihr die Hand zum Abschiede reichend.
„Jawohl, die weiß Alles,“ gab Stephani bedeutungsvoll zurück, „doch sprechen Sie, bitte, keine Silbe zu ihr davon.“
Das geschah natürlich auch.
Eine Stunde später sagte ich dann unter ungezählten heißen Küssen Elisabeth Adieu und fuhr nachdenklich nach Hause. Dort traf ich zu meiner großen Ueberraschung Stephani an, welche früher, als beabsichtigt, ihre Schritte nach unserem Hause gelenkt hatte.
Ohne etwas zu bedenken, hatte ich den ominösen Blumenstrauß vor Edita’s Venus von Milo aufgestellt, was ich ihr sogleich mittheilte.
„Habe Dank, Felicita! Nun weiß ich doch, daß Du mich lieber hast, als Elisabeth, oder – sage mir einmal, Schelm, Du hast doch nicht etwa andere Blumen für sie unterwegs gekauft?“
„Bewahre, Kind, wo denkst Du hin!“ log ich entschieden, aber als ich dann Stephani’s ansichtig wurde, schämte ich mich unaussprechlich. Ich errieth sogleich, daß Stephani natürlicherweise von unserem Treffen in der Blumenhandlung gesprochen haben würde, denn auf mein Befragen, ob sie soeben erst angekommen sei, erwiderte sie harmlos: „Nein, ich begab mich sogleich auf den Weg hierher, als wir uns im Blumengeschäft verabschiedet hatten.“ – – –
Ich hatte aber auch entschiedenes Unglück. Wenn jemals ich etwas vor Edita verbergen wollte, so entdeckte sie es ganz bestimmt – und wenn jemals ich mich um des Friedens willen zu einer Unwahrheit flüchtete, so wurde ich sicher von meiner Freundin dabei ertappt. Dieselbe war indessen viel zu tactvoll, um mir in Gegenwart einer anderen Dame eine Verlegenheit zu bereiten. Erspart ist es mir freilich nicht geblieben, Vorwürfe anzuhören, die mich tief beschämten ... „Der Grund, weshalb der Professor sich von mir lossagen will? So hören Sie denn, meine Damen:“
Stephani hielt einen Augenblick inne und begann dann:
„Da ich die feste Ueberzeugung habe, daß ich bei Ihnen Beiden auf Verständnißinnigkeit rechnen darf, so überlasse ich Ihnen gern die Beurtheilung meiner Handlungsweise. Ich habe mich meinem Manne nicht aus Liebe vermählt. Es war eine Convenienzheirath. Sein reiches Wissen, seine soziale Stellung und vor Allem sein alter, vornehmer Name wog das Vermögen meines Vaters, des reichen Handelsherrn auf und ich vertröstete mich darauf, daß eine Neigung zwischen uns mit der Zeit entstehen und wachsen würde. Ich hatte mich jedoch getäuscht; seine Wissenschaft ist seine Geliebte: mir war er nichts. Er ließ mir schrankenlose Freiheit und ich habe diese nach Willkür genossen. Ich interessirte mich für die Frauenliebe und jahrelang schon huldige ich ihr. Für ein einziges Weib interessire ich mich. Diese aber liebe ich mit der ganzen Kraft meines Temperaments und ich weiß, daß ich ihre Gegenliebe besaß und daß sie mir bedingungslos treu war und ist. Nie hatte sie, so lange ich sie kenne, einem Manne angehört, aber auch niemals tiefere Gefühle für eine andere Frau bekundet. Unsere Liebe machte unser ganzes Glück aus; es war unser süßes Geheimniß, das wir Beide sorgsam hüteten, weil ich in erster Reihe auf meinen Gatten Rücksicht zu nehmen hatte. Doch der Verräther schläft nicht. Vor ganz kurzer Zeit hat mein Mann Alles entdeckt und die vollgiltigsten Beweise meiner Verirrung erhalten. Ein Prozeß würde mich tödtlich kompromittiren. Es bleibt mir nun nichts anderes übrig, als daß ich, ohne Zeit zu verlieren, mich von ihm trenne, ohne daß er nöthig hat, den Rechtsweg zu beschreiten. Mit unsäglicher Wehmuth aber denke ich an die Stunde des Scheidens von dem Liebsten, was ich besitze meine ... geliebte Freundin.“ – –
Als Stephani schwieg, sagte Edita, welche, gleich mir, der Darstellung gespannt gelauscht hatte:
„Was Sie uns da mitgetheilt haben, ist schlimm genug. Man kann Ihnen nur den Rath ertheilen, leisten Sie dem Professor Abbitte und versprechen Sie ihm, nie wieder die betretene Bahn einzuschlagen. Wenn derselbe auch sich nicht immerfort mit ihnen beschäftigte, so hatten Sie doch zu bedenken, daß er sich unsagbar gekränkt fühlen müsse, wenn er davon erführe, daß Sie die Freundschaft einer Dame ihm vorziehen. Wenn Sie dann nach geraumer Zeit, während welcher er sich beruhigt hat und über die ganze Sache Gras gewachsen ist, werden Sie, wenn Sie zurückgekehrt sind, wieder an seiner Seite weiterleben. Sie sind Ihrem Hausnamen, Ihrer Ehre und derjenigen Ihrer ganzen Familie schuldig, das Decorum nach jeder Richtung hin zu bewahren.“
Ich pflichtete meiner Freundin mit voller Ueberzeugung bei und betheuerte, daß ich sehr wohl begreife, wie schwer die Aufgabe sei, die sie zu lösen hätte, allein sie müsse sich derselben unterziehen. Später könne noch alles wieder gut werden.
„Wie kann es gut werden?“ rief Stephani, „wenn ich der Liebe zu meiner Freundin zu entsagen gezwungen werde. Und darum sage ich Ihnen ja auch Alles, weil ich rathlos bin. Einige Zeit will ich mich, wenn es nicht anders sein kann, fortbegeben, doch für immer, – nur aus Rücksicht auf das Decorum meines Namens meine Liebe aufgeben!? das – das kann ich nicht!“
„So machtvoll wäre diese Frauenliebe, daß sie Ueberlegung und Vernunft zu rauben vermöchte? Seltsam, seltsam!“ murmelte Edita gedankenvoll.
Doch ehe sie fortfahren konnte, mehr zu sagen, unterbrach sie Stephani:
„Sie, gerade Sie, finden das seltsam? Würden Sie denn Ihrer Felicita entsagen um eines Mannes willen und die bewunderungswürdig reiche Liebe, mit der sie die Ihre vergilt, eintauschen gegen ein Eheleben ohne jedwede Neigung? Könnten Sie das?“
„Nein“, entgegnete Edita: „Das könnte ich freilich nicht und das würde auch Felicita nicht thun, aber –“ und hier lächelte Edita glückselig: „wir haben ja auch Beide keinen Mann und wir danken ja auch Beide für das Glück der Ehe – wir halten Beide treu zusammen – bis zum Tode! Gelt, Felicita?“
Statt aller Antwort drückte ich ihr nur mit ernsten Blicken ihre Hand.
„Wer“ meinte Edita weiter, „nun aber eine Ehe eingeht, hat auch die heilige Pflicht, alle Rechte zu achten, welche dem anderen Theile zustehen. Ich, beispielsweise, würde mich nimmermehr verheirathen, weil ich eine mir unzweifelhaft angeborene Antipathie gegen die Ehe habe und darum, weil ich einem Manne, den ich im Uebrigen nach Verdienst und Charakter hochschätze, ein unglückliches Leben an meiner Seite nicht bereiten möchte, so verzichte ich einfach.“
„Es geht mir genau ebenso!“ schloß ich mich den Worten Edita’s an. „Ich würde auf keinen Fall eine Ehe eingehen, so lange ich mein Herz von der Liebe zu einer Frau erfüllt weiß. Und mehr noch: ich würde keinesfalls eine Frau lieben können, von welcher ich weiß, daß sie ein _faible_ hat für die Herren der Schöpfung.“
Bei den letzten Worten lachte Stephani hell auf, während Edita mir blitzschnell ihre Hand auf den Mund legte.
„Nun ja, Sie haben Beide recht und ich denke im Grunde genommen genau so wie Sie; aber – nun sagen Sie mir, Felicita, wie soll ich denn diesen gordischen Knoten lösen? Ich befinde mich in einem Labyrinth: zwischen legaler Ehe und einer Verirrung – Frauenliebe!“
„Zunächst würde ich an Ihrer Stelle doch prüfen, ob Ihre Freundin Ihnen auch Alles das ist, was Sie vermeinen. Sagen Sie mir vor Allem, wenn Sie mögen, wer ist diese Freundin?“ fragte ich.
„Offen gestanden, liebste Felicita“, antwortete Stephani, „hat es mich schon lange gewundert, daß Sie dieser Frage noch nicht Ausdruck gegeben. Wissen Sie es denn nicht, daß ich überhaupt nur eine einzige Freundin besitze?“
Ein jäher Schreck drang mir durch’s Herz und ich konnte einen leisen Ausruf der Ueberraschung nicht unterdrücken, während Edita, fast ebenso erstaunt ausrief:
„Doch nicht etwa Elisabeth?“
Stephani neigte bestätigend das erglühte Haupt: „Gewiß, Elisabeth! Wer sonst könnte wohl diese Liebe besitzen?!“