Chapter 7 of 7 · 1243 words · ~6 min read

Part 7

Ich konnte mich von meinem Erstaunen nicht erholen. Hatte mir Elisabeth nicht gesagt, daß sie von den Mysterien der Frauenliebe erst vor einiger Zeit erfahren? Hatte sie mir nicht bekannt, daß sie wohl einem einzigen Mann angehört, doch niemals vor mir einer Frau und ferner, daß dieser Mann sie überhaupt nicht besessen!? Träumte ich denn? Elisabeth hat mit mir Gaukelspiel getrieben in der ganzen Zeit, da ich ihren Bitten Gehör gab, mit ihr zu verkehren. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen, daß sie mich oftmals getäuscht haben mochte. Sie wußte, oder mußte doch wissen, daß Stephani sie über Alles liebte und doch buhlte sie um meine Zuneigung, obwohl sie wußte, daß ich ein Unrecht beging, wenn ich hinter dem Rücken Edita’s ein „Verhältniß“, wie sie selber es bezeichnete, unterhielt. –

Als sich Stephani verabschiedet hatte, sandte ich sogleich einen Boten zu ihr mit einem Billet, in welchem ich ihr, ohne direkt eine Indiskretion zu begehen, reinen Wein einschenkte. Ich ermahnte sie auf Grund der Thatsache, daß ich sie persönlich werthschätze, den Verkehr mit ihrer Freundin allmälig abzubrechen. Da ich wußte, daß die so überaus liebenswürdige, jugendliche Professorin absolut ehrenhaften Charakters war, so theilte ich ihr von meiner Zuneigung für Elisabeth mit. Daß Stephani mich an Edita nicht verrathen würde, davon war ich überzeugt.

Wie ich alsbald erfuhr, hatte Stephani vor ihrer Abreise einen langen, ausführlichen Brief geschrieben und folgende vielsagende Antwort von Elisabeth erhalten:

„Durch Gräfin Anna Pongrácz sende ich Dir, Stephani, einen Abschiedsgruß. Lebe wohl!

Elisabeth.“

Und dazu folgendes Gedicht:

„Dich liebt’ ich nicht! Ob Dir die Lippe auch von Liebe sprach, „Dich liebt’ ich nicht! Ob aus dem Auge auch Begeist’rung brach, „Dich liebt’ ich nicht! Ob ich’s auch einst im Traume selbst geglaubt, „Dich liebt’ ich nicht! Ob Du auch meinen Frieden mir geraubt, „Dich liebt’ ich nicht! „Den ich geliebt – Das war ein vielmals Höherer als Du, „Den ich geliebt, Der strebt mit mir den höchsten Höhen zu; „Der war mir gleich, War ebenbürtig mir, „War mein Genoß’ – Ein Denken schied „Ein Fühlen trennte uns vom großen Troß. „Dich liebt’ ich nicht! „Dir gilt die Thräne nicht, Die heut’ ich wein’, „Dem hehren Traum, der mir versunken ist, „Gilt sie allein! Ich weiß es heut: „Aus meiner Seele nahm ich all’ den Glanz „Den ich Dir lieh; „Welk fällt von Deinem Haupt der fremde Kranz: „Dich liebt ich nie! „Geliebt hab’ ich mit meines Herzens Allgewalt – – Das eig’ne Werk! – – Ein Wahngebild – – nur eine Truggestalt! ...“

* * * * *

Stephani eilte sofort nach Empfang dieser Zeilen zu uns und stand, vielleicht noch rathloser, als zuvor, uns gegenüber.

Das war allerdings mehr, als man schlimmsten Falles erwarten durfte. –

Stephani war in großer Aufregung und ich? ... So war ich also auch hintergangen! Ich hatte dieses Weib, diese Elisabeth, wirklich gern gehabt; sie war mir immer sehr, sehr angenehm gewesen.

Einen Rath, eine Aufklärung vermochte ich nicht zu geben.

So wußten wir es dann schließlich auch zu ergründen, daß mich Elisabeth in mehr als einem Falle betrogen! Während sie sagte, daß sie ihr Herz dereinst „einem“ Mann geschenkt, mit welchem sie ihre Beziehungen gelöst, erfuhr ich jetzt, daß die schöne hochmüthige Salondame nicht nur ihre verbotene Liebe jenem erwähnten „Einen“ schenkte, sondern auch anderen Cavalieren gegenüber nicht mit ihrer Gunst kargte.

Gleichgiltig war mir diese Entdeckung freilich nicht ... ich war ihr ja so über Alles gewogen gewesen und glücklich, daß ich es vermochte, ihr die erbetene Liebe und Zuneigung zu widmen. – Natürlich war ich fest entschlossen, jeglichen Verkehr mit ihr abzubrechen; doch einmal noch sollte sie an mich erinnert werden und vielleicht würde es ihr wehe thun, daß sie mich in so unverantwortlicher Weise hintergangen hatte:

Ich schrieb ihr:

Ich habe geträumt so wundersüß Ich habe geträumt vom Paradies Ich habe geträumt von Lieb und Lust Vom Glück in frommer Menschenbrust. Ich habe geträumt Du wärst mir treu. ... Nun ist der schöne Traum vorbei! Eh’ ich’s gedacht bin ich erwacht. Den Traum umhüllt die Nacht. Nur Eines weiß ich und fühle es klar, Daß meine Liebe ein Traum nur war! Was ich in meinen Armen hielt, War nur ein nichtig Traumgebild. – Zerflossen ist’s in leeren Schaum ... Mir bleibt Enttäuschung nach dem Traum.

* * * * *

So war der gordische Knoten gelöst. Elisabeth sandte an Stephani Bücher, Briefe, Bilder und die im Laufe der Jahre erhaltenen Geschenke an diese zurück; sie sah sich erkannt und zog nun vor, einstweilen von der Oberfläche zu verschwinden und weit lieber in Begleitung ihres Cavaliers, einer hochgestellten Persönlichkeit die halbe Welt zu bereisen ...

Ich aber zog aus dieser neuesten Erfahrung eine Warnung für mein ganzes Leben; mein Vertrauen zu den Frauen hatte ebenso sehr gelitten, als mein Interesse für dieselben erstickt worden war. Nie wieder begeisterte ich mich für die Schönheit einer Dame – – ich hatte erkennen gelernt, daß die Neigung der Frau zur Frau in Wirklichkeit nur eine geistige Verirrung ist! Ich mißtraute von nun an allen Frauen, welche von ihrer Frauenliebe entzückt waren; ich konnte spöttisch lächeln, wenn ich später bemerken mußte, daß hier und da eine schöngeistige Mitschwester sich um meine Gunst bewarb. Ich lebte nur noch meiner stolzen reinen Edita und über unserer Liebe lag der Weihrauch eines unantastbaren Idealismus!

Es werden Viele, welche des vorgeblichen Glückes der Frauenliebe theilhaftig geworden sind, ebenso wie ich und meine süße Blume vom Rhein, zurückkehren in die vorgeschriebenen Wege, welche das Weib von Gottes- und Rechtswegen zu wandeln hat – – alles Andere ist Verirrung –

Druck von A. Winser, Berlin SW.

Anmerkungen zur Transkription

Die Zeitungsnotiz, die am Anfang des Buches wiedergegeben ist, stammt aus einer separaten Publikation (_Tägliche Rundschau_, Berlin, 19. März 1898, S. 7). Da diese Notiz sowohl die Verfasserin identifiziert und die Entstehungsgeschichte des Buches beleuchtet, als auch in dieses einzige bekannte Exemplar fest eingeklebt war, reproduzieren wir sie hier unverändert.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 30]: ... thautropfenfunkelnde Blüthen sandten ihre Düfte ... ... thautropfenfunkelnden Blüthen sandten ihre Düfte ...

[S. 30]: ... anschwellenden Sopran erhob ich meine Stimme: ... ... anschwellendem Sopran erhob ich meine Stimme: ...

[S. 42]: ... erträumten und in Wirklichkeit bestehenden Glückes. ... ... erträumten und in Wirklichkeit bestehenden Glück. ...

[S. 55]: ... An die elegante Damenwelt, welcher einer still-verschwiegenen ... ... An die elegante Damenwelt, welche einer still-verschwiegenen ...

[S. 71]: ... Wir rasteten in einem zwischen großstädtischen ... ... Wir rasteten in einem zwischen großstädtischem ...

[S. 77]: ... waren freilich gewissermaßen verblaßt, aber ... ... war freilich gewissermaßen verblaßt, aber ...

[S. 94]: ... und least not least – über ihr Messalinenthum ... ... und last not least – über ihr Messalinenthum ...

[S. 107]: ... So lebte ich in süstem dolce far niente; der ... ... So lebte ich in süßestem dolce far niente; der ...

[S. 113]: ... und als Letztere sich mit freudestrahlendem Lächeln sich über die Hand der Marchesa neigte, sprach ... ... und als Letztere sich mit freudestrahlendem Lächeln über die Hand der Marchesa neigte, sprach ...

[S. 136]: ... vielleicht wäre er und Corni gänzlich leer ausgegangen. ... ... vielleicht wären er und Corni gänzlich leer ausgegangen. ...

[S. 148]: ... gezwungen werden. Und darum sage ich Ihnen ... ... gezwungen werde. Und darum sage ich Ihnen ...

[S. 157]: ... Es werden Viele, welches des vorgeblichen ... ... Es werden Viele, welche des vorgeblichen ...