Erstes Kapitel
Es war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der schwerfällig melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf in Pluderhosen und Blusen, in Bauschröckchen und engen Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme kamen, und an den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif, ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die Leute sich schwermütig hin und her und setzten auf einmal mit einem trommelnden Auftakt alle Holzpantinen, melodisch und kurz hintereinander niederklappernd, daß es wie ein Wirbel klang, auf das Pflaster, während ein junges Liebespaar still glücklich herauskreiste. Und gleich wieder schloß sich alles im Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper Bewegungen zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf, wie ein neutraler Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft zurückhielt, obschon es wußte, daß es Meister sein könnte über alles.
Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck auf dem Flügel.
Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die zwischen Flügel und Wand geklemmt war. Er lag auf den Rücken gestreckt, bequem und aufgelöst, schützte mit der linken Hand seine Augen vor der elektrischen Hängelampe und schlug, so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im Flügel erklang, mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt, den Takt. Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie schwermütige Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können, einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren süßen, traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung eines einsamen Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden Salzes ging, das Leib und Seele reinigte. Körperliche und innere Schönheit wurden schlank und plastisch herausgearbeitet. Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den Händen auf dem Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte jede Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle Herzen.
Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung um die Melodie, die Jeanne mit warmen Regungen aus der Harfe des Flügels holte. Sie wurde aufgescheucht, als sich plötzlich, wie unter einem heimlichen Stoß, die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf hinfuhren, durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt, sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ die Klinke nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen Sohn, zog die Türe wieder zu und die Geschwister hörten ihn im Flur davongehn.
„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich.
Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell gewechselt. Sie spielte eine „Chansonette sans paroles“ des Belgiers Lekeu. Es ging wie in zarten Ringeln, mit sauberer, klarer Süßigkeit immer rundum, ein zärtliches Tänzchen verliebter Jungmenschlein.
Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt unter seinen Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun auf einmal unter einem Sessel heraus, buckelte sich um die Beine des Flügels, aalte um Jeannes Schuhe herum und sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es schnurrend und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen Schnäuzlein und weißen Samtpantoffeln.
„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte.
Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von Baptist eingeschmiegt und sang vor lauter Behaglichkeit. Es spielte mit den weißen Schuhen seiner Pfötchen an den dunklen Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett herum, schlug mit leise gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es neckten, und es war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob es noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels schnellte und erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen Pfoten aufklangen.
„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen gibt, wie das Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren Willen auf, und wir glauben, sie stehn unter unserm. Sie buckeln sich schnurrend mit schlanker Zartheit über die Widerstände hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und sind so leise darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und spielerisch. Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“
Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu spielen. Dann sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen gibt. Und wenn, dann taugen sie eben nichts!“
„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“
Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie verliebt mit dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich um ihren Nacken schlang und eitel Graziosität war.
Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und die Chansonette sans paroles von neuem begonnen.
„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören.
„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht, ob das Stück oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in irgendein Nachsinnen verloren hatte.
„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich, aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß auch oberflächliche und sentimentale Gefühle, die in einem stecken und die dieses Lied so leicht in sich aufnehmen!“
„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul.
„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“
„Ich liege viel zu gut!“
„Du wirst zu dick, Battist! Du bist schon ganz faul!“
Baptist schaute an sich herab. Er sah seinen großen Körper wohlgenährt, weich massig in seiner Kräftigkeit daliegen. Deshalb genierte er sich ein bißchen vor seiner schlanken Schwester, die mit einer sehnigen, großen und freien Linie leicht über das Griffbrett des Flügels geneigt saß.
„Wir essen zu viel im Haus und zu gut!“ sagte er auf einmal geärgert. „Wir müßten leichtere Speisen bekommen und keinen Wein über Tisch trinken. Schweinemast!“
Für sich dachte er: ich bin nur übernährt! Er stritt mit sich, mit einem flotten Ruck aufzuspringen, die Geige zu nehmen und sich im Spielen in den Hüften zu wiegen. Das gäbe ihm dann eine Befreiung von seiner gemästeten Körperlichkeit.
Er schaute seine Schwester an. Ihr krauses, kastanienbraunes Haar trieb kleine feine Löckchen heraus, die über die glatt und zart gerundete Stirn herniederblühten. Das Kerzenlicht, das hinter ihrem Kopf stand, quoll mit goldigem Leuchten in diese Löckchen, entzündete sie zu einem lieblichen, dunkelblumigen Licht, in das ein Scheinchen Sonne versenkt schien.
Aber wie Baptist einmal an dem Kopf vorbeischaute, sah er in dem großen Spiegel jenseits an der Wand sein Gesicht voll und weich in den Wust schwarzer Haare eingeschlossen. Er war unzufrieden damit und er legte den Kopf so, daß er nicht mehr im Spiegel stand.
Dann wirkte das Lied wieder mit wohligem Vergessen, mit sentimentalem Aufruhr in ihm.
Die Türe öffnete sich mit ihrem kleinen Schrei.
Herr Alois Biver kam herein, machte sich an einem Tisch zu schaffen, auf dem drei Zigarrenkisten nicht so standen, wie er es mochte. Er öffnete die Kisten. Das Kätzchen sprang unter dem Tisch hervor und schlang sich schmeichelnd um die Füße des Mannes. Die schoben es mit einem Stoß ungeduldig weg. „Viehzeug!“ sagte Herr Biver grimmig, riß die Türe auf und rief: „Hinaus! ... Lebt nur vom Nichtstun! Das ganze Haus voll solcher Existenzen!“
Das Kätzchen sprang entsetzt zur Türe und davon.
„Meinst du damit auch mich, Papa?“ fragte Jeanne und lächelte schalkhaft für sich. Aber Herr Biver drehte sich nicht einmal nach ihr um. Er trat wieder an die Zigarrenkisten heran, untersuchte sie, tauschte den Inhalt von zweien und zählte sie. Er schob eine Kiste unter den Arm, ordnete die beiden andern übereinander und stellte das Feuerzeug drauf.
Dann schlug er förmlich mit einem Blick nach seinem Sohn und verschwand wieder durch die Türe.
Als die Türe heftig geschlossen worden war, lachte Baptist: „Wie hat er unsere kleine schmeichlerische Frau behandelt, hast du gesehen? Er hat wieder sein Ich-beiß-dich-Gesicht!“
„Ach, Battist!“
Jeanne reichte dem Bruder die Hand und drückte die seinige heftig, als wollte sie mit dieser körperlichen Bewegung einen Ausbruch ihres Gefühls übermitteln, zu dessen Ausdruck ihr die Worte versagten.
„Papa! ...“ fing sie an, aber sie brach gleich ab, schüttelte die Schultern. „Ach, nein!“ und griff einige Akkorde, die sich bald in eine Melodie auflösten.
„Gott ja!“ seufzte Baptist, „so ein Examen!“
Nach einer Weile sagte er ungeduldig: „Wie das Sofa wieder nach Katzen stinkt! Scheußlich!“
„Ach, Battist, das Sonnenblümchen, es ist doch so lieb. Jetzt bist du auch gegen das Sonnenblümchen wie der Vater!“
Baptist lächelte.
Die beiden schwiegen, bis Jeanne auf einmal fragte: „Gehst du heut abend zur Schobermesse?“
„Ja!“
„Papa wird es dir verbieten!“
„Deshalb sag ich es ihm gleich lieber nicht!“
„Dann gehst du heimlich?“
„Natürlich!“
„Hast du das schon einmal getan?“
„Jeden Abend, lieber Beichtvater!“
Da schwieg die Schwester. Die so sehr gerundeten Augen, die wie glänzend schwarze, fast hartfarbige Perlen in ihrem schmalweichen Gesicht saßen und trotz ihres entschiedenen Glanzes oft abwesend irrten, nahmen einen Ausdruck an, unter dem sie sich langsam zu entfernen schienen. Sie schaute angestrengt in die Notenreihen. Sie verstand nicht und strengte sich doch an zu billigen. In diesem Zwiespalt wuchs das Gefühl in ihr auf einmal wie ein vernachlässigter Garten. Es hatte nur den Selbstzweck: Pflanzen und Pflänzlein zu treiben, irgendwelche Pflanzen, ob für Menschen, für Insekten, für Schnecken, für Bienen, für Vögel, für Schmetterlinge, ohne sichtbaren Zweck ...
Und Jeanne freute sich auf einmal an diesem Gefühl, das mit so prachtvoller Fruchtbarkeit in ihr emporschoß. Sie nannte es Liebe. Es machte sie weh und zärtlich. Sie umschloß ihren Bruder ganz mit ihm, hüllte ihn in sich ein, und sie, die ihre Mutter nicht kennen gelernt hatte, blühte auf in einer großen mütterlichen Güte. Sie war zwanzig Jahre alt und wußte, was Liebe war, obschon sie niemals noch sich an einen Mann verloren hatte. Aber ihre Sehnsucht stand wartend nach dem großen, reichen, prächtigen Empfänger, in den sie einst münden sollte, wie auf der hohen Flur ein Baum, der den Sturmwind erwartet, um alle Äste, Zweiglein und Blätter von ihm umspannen und rühren zu lassen.
Sollte sie jetzt endlich von diesen Dingen zu ihrem Bruder sprechen? Dann gingen sie beide ineinander auf, dachte sie sich wohl, und das war ein Wunsch, den sie voll Leid und Wärme pflegte, ja, dessen Erfüllung sie wie ein Wunder erwartete ... Sie hatte niemand Vertrautes in der kleinen Stadt und dem kleinen Lande gefunden und alles täglich in dem engen Kreis ihrerselbst hundertmal unfruchtbar erhitzt.
Und Baptist selber, der das stumme Sichändern Jeannes am Klavier sah, dachte daran, wie er gewartet hatte, sich an die weiche Weiblichkeit seiner großen Schwester flüchten zu können, als die Schwester von ihm fern in den Pensionaten in Frankreich und England aufwuchs und er so allein all die kleinen Schmerzen der Jünglingsjahre auf sich eindringen sah. Wenn sie einmal aus der Pension zurück sei ... dann werde sie ihm eine körperlose Geliebte. Sie werde empfangen, ohne daß man gebe. Man werde sich nicht berühren, und die Luft um einen übermittele die zartesten Regungen. Jeanne könne die enge Heimat Luxemburgs zu einer großen Welt auseinanderdehnen ... Und nun war sie schon seit zwei Jahren wieder im Haus, und sein Leben war in demselben Weg von Qualen und Genießenwollen, von heißen, immer nur halberfüllten Wünschen und törichten Sünden geblieben; und er hatte niemals auch nur mit einem Wörtchen Jeanne dorthinunter gewiesen, wo das alles schmerzvoll und unerlöst umherging.
Aber so stumm nebeneinander, halb blind für sich selber aufsprießend, trugen die Geschwister doch die Ahnungen umeinander in sich herum, und das war für beide so groß, schön und traurig, daß sie immer von neuem scheuten, Licht hinter sich zu machen.
Ost hatte das Mitteilenwollen aus dem Bruder dem Mädchen entgegengeknospt, daß die Blume fast herausgesprungen wäre. Aber die letzten Harzfäden hielten den Ausbruch doch fest. Baptist blieb bei sich allein und dachte sich nur in heißem Schwelgen die vielen edeln und vollen Möglichkeiten und Richtungen aus, die in seinem Innern so ganz anderswohin zeigten, als sein unzufriedenes Leben ihn führte, und die einmal, sich und der Schwester zur Freude, in Erfüllung gehen müßten. Und daß er auch hierin die Parallelität des Daseins Jeannes erkannte, das verband ihn unlösbar der Schwester.
So war ihr schweigendes Verhältnis halb aus unklarem Kummer und halb aus schönem und edlem Bewußtsein gemischt. Sie wußten, daß sich ihre Wurzeln im Boden zärtlich die Finger verschränkt hielten, und waren doch jeder für sich ein Baum. Sie wuchsen in denselben Himmel hinauf und richteten sich doch jeder frei sich selber.
Deshalb empfand Jeanne es auch als ein Wagnis, das Gespräch dahin zu wenden, worum ihre Gedanken den ganzen Abend sprangen. Sie fürchtete, weil sie nicht wußte, in welcher Innerlichkeit bei ihrem Bruder die Frau saß, von der sie gerne gehört hätte. Als aber schließlich das Bedürfnis nach Kritik ihre Neugierde unterstützte, sagte sie, indem sie verschämt und rot geworden lächelte und auf ihre Finger niederschaute, die etwas fester in die Tasten griffen: „Sie hat so große Hände!“
„Wer?“ fragte Baptist.
Da nahm ihr Mut einen Anlauf.
„Sei nicht bös, Battist, die Italienerin! Bist du mir bös?“
Jeanne hörte zaghaft auf zu spielen. Baptist antwortete nichts. Die Schwester wollte sich die Gelegenheit aber nicht entfallen lassen.
„Die blonde Italienerin bei der neapolitanischen Kapelle auf der Schobermesse!“ behauptete sie sich.
„Pfui, Schwester,“ lachte Baptist, „ich bin ein Knabe, der gerade großjährig geworden ist; der sich schämt, seine Matura noch nicht gemacht zu haben, wo sie andere schon mit neunzehn hinter sich zu legen pflegen. Ich arbeite, wovon du dich hoffentlich überzeugt hast, den ganzen Tag und die halbe Nacht in Sinus’ und Tangenten, Cäsar und Xenophon, Racine und Schiller, in Säuren und Berechnungen elektrischer Kräfte. Was würde mein ehrbarer Vater dazu sagen, wenn ich eine italienische Tamburinschlägerin der Schobermesse umwürbe!“
„Bleibst du denn heute abend zu Haus, um zu studieren?“
„Nein!“
„Wo gehst du denn hin, Battist?“
„Zu der mit den großen Händen.“
„Sie hat Hände wie eine Bauernmagd!“ sagte Jeanne, und die Wut stieß sie davon.
„Leider!“ bedauerte Baptist lächelnd.
„Sie hat Füße wie ein Pferdeknecht.“
„Ach!“
„Ja, und überhaupt ...“ aber unter dem ironisch tuenden, kalten Blick ihres Bruders verging Jeannes Heftigkeit. Nun fürchtete sie, ihm wehgetan zu haben. Sie fragte voll zärtlicher Angst: „Liebst du sie denn, Battist?“
Da drehte Baptist seinen Kahn plötzlich in den Wind. Er gab seinen Widerstand auf, der nur äußerlich gewesen war: „Ach nein, ich lieb sie ja wohl nicht. Aber ... zum Henker, aber, aber, aber ... hundertmal hintereinander: aber!“
„Ich versteh dich nicht.“
„Ach Gott – es ist doch alles nicht so einfach und solid zum Anfassen, wie man aussieht. Man hat’s ja nicht so leicht. Ich weiß nicht. Ich kann’s nicht sagen.“
Er stand auf und küßte seine Schwester.
„Manchmal blickt man etwas klarer in sich hinein. Dann ist mir, als sähe ich zwei Getrennte: Der eine steht immer still unter dem Boden der Erscheinung. Der andere, der mit dem Leib, geht sichtbar oben. Aber ich bin doch natürlich keiner, der das dann so genau sezieren und kontrollieren kann. Sag’ doch der Köchin, daß sie anders kochen soll. Es muß doch nicht immer diese fette Mast sein. Ich habe Sehnsucht nach Hygiene und sehe die des Innern erst hinter der des Körpers. Davon kommt sicher die ganze Geschichte, daß alle Widerstandskraft in einem verfettet, daß man über die unbewegliche Masse seines Leibes nicht mehr hinauskommt. Geh, Jeanne, spiel was!“
Baptist ging im Zimmer hin und her. Jeanne spielte. Es war Chopin, bunt und zerrissen, schwermütig und voll Glanz. Aber auf einmal klang es jäh ab; mitten in der Harmonie blieben die Hände still, drückten sich noch mit einem mißklingenden Akkord auf die Tasten. Jeanne wandte sich um: „Battist, wenn du dein Examen nicht bestündest?!“
Es war eine Frage und war Entsetzen und Liebe.
„Ja, Gott ... Fragezeichen, Schwesterlein!“ antwortete Baptist. „Dagegen bin ich nicht gewappnet!“ fügte er nach einer Weile ernster hinzu.
Dann ging er und streichelte seiner Schwester über das Haar.
„Nun spiel etwas Ordentliches, etwas Schönes und Großes. Alles andere ist doch Dreck. Geh, spiel etwas von Bach!“
Während Jeanne im Notenschrank suchte, begab sich Baptist zum Rauchtisch, hob das Feuerzeug von den Zigarrenkisten und öffnete die Kiste, die zu oberst lag und die auf lackiertem Holz den Stempel Uppmann trug.
Aber er lachte laut auf, als er hineinschaute.
„Der Vater hat hier einen kleinen Tausch vorgenommen“, sagte er. „Wer ist vom Werte der Umdrehung des alten Sprichworts: Das Kleid macht nicht den Mönch! so überzeugt, wie er! Groschenzigarren sind Importen, wenn sie mit irgendeiner Bauchbinde umwickelt in einer Uppmannkiste liegen und Herr Wampach und Herr Küborn und Herr Faber, die heute nach dem Abendessen auf diesem Tische Whist spielen werden, sind derselben luxemburgisch bürgerlichen Ansicht. Das nennen sie dann: frommer Betrug – und lächeln mild und pfiffig dazu.“
Jeanne kam heran, ein Notenbuch in der Hand. Da ging die Türe auf.
Baptist lächelte vor seinem Vater anzüglich in die Zigarrenkiste hinein.
„Hast du weiter nichts zu tun?“ herrschte ihn der Vater an und klappte unter Baptists Händen die Kiste zu. „Ich denke, du hast in vier Wochen Examen. Du willst wohl eine Meisterschaft im Nichtbestehen von Examen aufstellen, daß alle Leute in Luxemburg mit Fingern auf einen zeigen: ‚Da ist der Vater! Faineant!‘“
„Papa!“ bat Jeanne.
Aber diese Einmischung der schwesterlichen Fürsorge erhitzte in Baptist den passiven Widerstand, mit dem er solche väterliche Anfälle an sich vorbeizulassen pflegte. Das Unrecht der beleidigenden Worte schien ihm nun offensichtlich, und diese Ungerechtigkeit, verstärkt durch die Erinnerungen an die ununterbrochene Kette solcher Auftritte, ins Tragische gesteigert durch die innerliche Unzufriedenheit, an der er seiner Umgebung die Hauptschuld zumaß, hetzte ihn in einen hitzigen Zornausbruch hinein. Er schoß leidenschaftlich empor, stürzte davon und schlug, das Wort Cambronnes brüllend, die Türe hinter sich zu.
Der Vater rief ihm nach: „Wart nur, Jüngchen, es gibt mehr Ketten als rasende Hunde!“
Jeanne ging zum Klavier zurück und mußte den Rest der Schale der väterlichen Gereiztheit über sich ausleeren lassen.
„Ach du, mit deinem ewigen Geklimper und Geplimper! Schau lieber, daß du einen Mann bekommst!“
Jeanne hob den Kopf trotzig empor. Sie dachte an die Abgewiesenen, die sich ihr zu nähern versucht hatten, und schlug mit vollen Händen und beleidigter Empörtheit den ersten Akkord, der in die dunkel trächtige Melodie einer Beethovenschen Sonate ausfloß.