Chapter 4 of 8 · 6597 words · ~33 min read

Viertes Kapitel

Baptist lag noch im Bett, als er vor der Türe Annas Stimme hörte: „Elis!“ rief sie hastig in den Flur hinein, „der Hämmelsmarsch!“

Halbwach hörte Baptist weiter, wie die Worte von einem ungeduldigen Davonknistern von Röcken erstickt wurden. Plötzlich rannte ein anderer gröberer Schritt trommelnd in den ersten Lärm, und in demselben Augenblick unterschied er mitten in diesen Geräuschen, die ihn im Halbschlaf überfallen hatten, die Töne von Blasinstrumenten, die zusammenhangslos ineinander krähten. Er sprang verwirrt aus dem Bett und stürzte ans Fenster, durch das er seitwärts auf die Straße sah. Dort waren vier Musikanten aufgestellt, von einer Herde bändergezierter Hämmel umgeben, die sie, während sie spielten, mit den Füßen energisch zusammen hielten. Einer stand etwas vor und blies in ein weißes Nickelpiston; das war der Kellner Ändri von Hiltchen. Eine Schar Kinder hielten sich neben den Musikanten und sangen mit frechen, spitzen Stimmen, die aus den Tonmassen der Trompeten gleichsam herausstachen:

„Die Kanner lossen hire Kaffi stohn Fi...ir den Hä...ää...ämel nozegohn, Den Hämmel no! ze! gon!“

Den letzten Vers zerhackten sie, gleich als hätten sie es eilig.

Die kurze Melodie begann immer wieder von neuem. Die hungrigen Hämmel wurden von den Kindern hinterlistig gereizt und sprangen mit kläglichen Schreien durcheinander. Ändri haute, ohne das Piston abzusetzen, einem Buben unversehens eine hinter die Ohren. Der Bube sprang heulend weg und rief: „Wart, du Hund, ich sag’s meinem Vater!“ Aber Ändri blies wie wütend über das Geschimpf hinweg. Dann ging der Junge auf die andere Seite der Straße, wartete ein wenig und warf mit einem kleinen Stein nach Ändri. Ohne umzublicken, stürzte der Bub davon und rannte was gibst du, was hast du!

Baptist war von dem plötzlichen Zusammenstoß all der Geräusche im Halbschlaf überrumpelt worden. Nun wollte er enttäuscht vom Fenster weggehn. Es ärgerte ihn, daß man den alten schönen Gebrauch, die Schobermesse, das Nationalfest der Stadt, mit dem Hämmelsmarsch einzuweihen, so zum Gewerbe machte, daß schließlich die Musikanten an jedem dritten Tag den Marsch spielen gingen. Aber da erschien Anna auf der Straße und reichte Ändri ein Geldstück. Das weiße Piston glitt vom Munde ab, und Ändri machte einen Diener. Einen Augenblick spielte nur der Keuchatem der begleitenden Instrumente. Dann beschrieb Ändri mit der Linken einen schnellen Schnörkel durch die Luft, jagte mit dem Piston an den Mund, aber nur zu einem kurzen, zweitönigen Auftakt, der die kleine Weise abschloß.

Die Musikanten hoben die Trompeten vom Mund. Sie riefen wie aus einem Hals: „Ein Vive für den Herrn Biver!“

Die Trompeten flogen wieder unter die Schnauzbärte und, eine nach der andern einsetzend, bliesen sie dreimal hintereinander das „dreimal-hoch, dreimal-hoch-hoch-hoch!“

Dann lupften die Musikanten die Hüte gegen ein Fenster, in dem Baptist seinen Vater vermutete, und der Zug setzte sich in Bewegung auf die nächste Villa zu.

Als Baptist ins Zimmer zurücktrat, fühlte er seinen Kopf schwer und voll stechender Schmerzen. In seiner Lippe brannte ein kleines Feuer, und er ging zum Spiegel. Aber die Wunde war kaum sichtbar und nicht bedeutender, als die Geschwulst eines Wespenstichs. Das beruhigte ihn. Er goß das Waschbecken voll Wasser und steckte den Kopf hinein, daß das Wasser über den Rand der großen Schüssel auf den Tisch niederkletterte.

Er zog sich langsam an, indem er die Ereignisse der Nacht vor sich aufmarschieren ließ, und ging in das Eßzimmer hinab. Dort fand er seinen Vater am Kaffeetisch über ein Blatt der ‚Luxemburger Zeitung‘ gebückt sitzen. Der Vater grüßte aus der Lektüre heraus Baptist gut gelaunt und herzlicher, als seine Gewohnheit war.

Als Anna Baptists Tasse gefüllt hatte, sagte dieser zu seinem Vater: „Dieser Hämmelsmarsch entwickelt sich schnell zur reinsten Bettelei. Vor zwei Jahren folgten sie wenigstens noch dem alten Brauch und kamen uns nur am Schobersonntag in aller Früh’ aus den Betten blasen. Nun kommen sie auch noch am Donnerstag, und am zweiten Sonntag und warten, bis die Leute aufgestanden sind. So ist es nicht mehr schön.“

Aber der Vater meinte gutmütig: „Laß’ die Jungen doch ihre paar Mark verdienen.“

Baptist war nicht einverstanden damit: „Die paar Mark gönne ich ihnen. Aber daß sie den einzigen alten volkstümlichen Gebrauch, den die Stadt noch hat, industrialisieren, das meine ich nur damit!“

Sein Vater ging jedoch nicht ein auf Baptists Einwände. „Das Industrialisieren ist der Zug der Zeit. Diese alten Gebräuche, das kommt aus der Mode. Heute ist eben eine andre Zeit!“ meinte er gleichgültig und las wieder in der Zeitung, von der einige Blätter über den Tisch gebreitet lagen. Dann ging er hinaus, kam aber bald wieder.

„Sag’ mal,“ fragte er, „du hast doch den Professor Hamilius im Examen?“

„Leider!“ antwortete Baptist.

„Horch mal!“ und Herr Biver las aus der Zeitung vor: „Der Sultan von Marokko, der bei dem Nationalfest der französischen Turner in Reims zu Gaste war, hat Herrn Professor Albert Hamilius aus Luxemburg, den der Turnverband des Großherzogtums als Vertreter zu den französischen Freunden geschickt hatte, den Orden des Nicham Astika am grünweißen Band verliehen.“

„Den verdient er!“ sagte Baptist spöttisch. „Er ist ein wirklicher Gymnastiker! Er läßt Knabenschicksale auf seinem Bizeps jonglieren, wie ein Zirkuskünstler, der mit Messern spielt, die nicht geschliffen sind.“

„Ja, er soll ein strenger Lehrer sein!“

„Streng und gerecht – nach dem Recht von: Ich bin groß und du bist klein!“ entgegnete Baptist bitter.

„Das ist ein Grund, ihm entgegen zu kommen!“ sagte Herr Biver.

Baptist schaute seinen Vater an. Der sah nicht weg aus der Zeitung. Aber nach einer Weile stand er auf und trat vor Baptist hin: „Schau mal, Junge, ich weiß ja, was das ist, mit dem Examensglück. Die einen haben’s, die andern nicht. Das verändert einen Menschen nicht. Besteht man es dieses Jahr nicht, so besteht man es im nächsten. Ohne das kommt man aber auch durch, wie du an mir siehst. Aber du hast nun einmal _den_ Weg genommen, und es wäre doch gerade miserabel dumm, wenn du mit so einem Examen ein Jahr verlieren müßtest. Ein Jahr ist heute was. In unserer Zeit, die so schnell lebt, ist ein Jahr ein bedeutendes Stück Arbeit. Was meinst du, wenn wir der beim Examen so wichtigen Gunst des Geschicks ein wenig entgegenkämen?“

Baptist stammelte betroffen: „Ja, ich weiß nicht, Vater ...“

„Ich meine,“ fuhr der Vater fort, „wir sichern uns einen Hauptfaktor des gutgesinnten Geschicks, zum Beispiel den Herrn Hamilius. Herr Hamilius gibt dir die vier Wochen, die es bis zum Examen noch sind, Unterricht. Einem bellenden Hund hält man am besten eine Wurst hin, das ist ein bewährtes Mittel. Wir finanzieren das Glück, und es wird seinen Vertreter, den Professor Hamilius, günstig gegen uns stimmen. Ich hab’ gestern Abend mit Herrn Wampach darüber gesprochen. Der hat mich gerade auf Hamilius gebracht, den er aus der Erfahrung seiner Studenten kennt. Was meinst du, ich nehm den Nicham Astika bei der Krawatte und beweg mich mal zu dem Herrn Examinator? Ich will ein blaues Känguruh sein, wenn der Streich nicht gelingt.“

Er schaute Baptist lächelnd und fragend an.

Baptist sagte: „Das würde sicher helfen!“

Aber das Blut kam ihm voll Scham ins Gesicht. Er freute sich an der unerwarteten Herzlichkeit, mit der sein Vater sich in sein Geschick mischte, aber er schämte sich, daß der Vater seine Angelegenheit vor das Kartenkollegium gebracht hatte; vor diese Versammlung kleinbürgerlicher Rechner, mit denen sein Vater verkehrte, weil ihre gröbern Formen ihm mehr gingen als der Schliff der Gesellschaft, und weil diese Männer ihn bedingungslos anerkannten, während er für die andere Klasse noch zu sehr die Spuren der Arbeit, mit der er sein Vermögen hereingeackert hatte, an seinen Kleidern trug. Und Baptist haßte diesen Proleten Hamilius, der wie ein Hofköter hinter dem schwächeren Vieh des Stalles dreinbellte, um seine rücksichtslose Macht an ihm zeigen zu können, und der durch jede Wurstpelle zum Bundesgenossen zu machen war. Er konnte sich nicht vorstellen, daß er sich gerade diesem so ausliefern sollte, wie es sein Vater vorschlug, obschon er wußte, wie vortrefflich der väterliche Plan war.

Sein Vater rieb sich hastig die Hände, als fühlte er sich von einer Last befreit. „Das wollen wir schon deichseln!“ sagte er vergnügt, faltete die Zeitungen geschäftig zusammen und ging, die Blätter in die Tasche schiebend, auf die Türe zu. „Heute kann ich nicht gut zu ihm gehen!“ meinte er noch, während er sich an der Türe umdrehte. „Es ist Sonntag. Das geht dann wohl nicht.“

„Nein!“ antwortete Baptist. „Aber morgen vielleicht!“

Dann entfernte sich sein Vater.

Baptist seufzte. Er wußte nicht, wo er dran war. Seine Gedanken lagen wie in Nebel gebadet. Er sah keine zwei Schritte weit hinein. Dann schloß sich ihr Gemengsel zu einem unklaren Dickicht, in dem sich, wie etwas unerhört Rohes, aber doch Wichtiges, der Zusammenstoß bewegte, den er gestern mit dem verlumpten Arzt gehabt hatte.

Er wollte mit Jeanne über sich sprechen und klingelte.

Anna kam. Aber sie sagte, Jeanne sei schon ausgegangen.

„Wie spät ist es denn?“ fragte Baptist.

„Gleich elf!“ antwortete das Mädchen lächelnd. Sie räumte auf dem Tisch herum. Dann fragte sie vertraulich: „War es schön gestern Nacht, Herr Baptist?“

Baptist erschrak.

„Was wissen Sie denn, wie es war?“

„Ja, Sie sind doch gestern ausgegangen!“

„Ach so! Ja, ja, es war sehr schön!“

„Die jungen Herren amüsieren sich immer gut!“

„Ach was!“ sagte Baptist gedankenlos. Er kam nicht mit sich in Ordnung, und das Gespräch des Mädchens reizte ihn.

Anna räumte den Tisch auf und verließ mit einem schnippisch unzufriedenen Gesicht das Zimmer.

Baptist stieg zu seiner Studierstube hinauf. Er setzte sich zum Schein an seinen Tisch – er konnte ja doch nicht arbeiten und er versuchte auch gar nicht anzufangen. In das Gespräch seines Vaters mischten sich unerbittlich die Erlebnisse der Nacht, und beides wollte nicht ineinander aufgehn. Es war wie zwei Welten, die sich an einander rieben: die Sorge des äußern Lebens und die Sorge des innern Lebens. Aber aus dem Mischmasch all dieser zwiespältigen Überlegungen drängten sich die Schlägerei und die auf seinen Feind losstürzenden Italiener unaufhörlich grob und faßbar klar heraus, bis die Erinnerung an diese leibhafte Tat Baptist etwas wie eine Erlösung in dem Verfließen aller andern Vorstellungen wurde.

So nahm Baptist seinen Hut und ging schnell durch den Park zur Schobermesse, weil er die Italiener finden mußte.

* * * * *

Auf der Schobermesse schritt Baptist ohne umzublicken zwischen den Reihen der langsam zum Sonntagsleben erwachenden Buden auf die Baracke von Hiltchen zu. Die Vorderwand war ausgehoben wegen des Tages, der sonnig begonnen hatte, und ein paar Vormittagsgäste saßen vereinzelt an den vorderen Tischen und tranken ihr Pöttchen Bier. Baptist setzte sich abseits von ihnen tiefer ins Lokal hinein. Ein fremder Kellner bediente ihn.

„Sind die Italiener noch nicht da?“ fragte ihn Baptist.

„Die lassen wir nicht mehr herein, nein, nein!“ antwortete der Bursche mit wichtigtuender Aufgeblasenheit.

„So, so!“ sagte Baptist wütend. Er trank sein Glas auf einen Zug leer und ging wieder.

Als er langsam und unentschieden in der harten Vormittagssonne durch eine der schattenlosen Budenstraßen schritt, sah er unerwartet den dicken Italiener vor sich.

„Das ist gut, daß ich Sie finde!“ rief Baptist erfreut. „Ich suchte Sie grade bei Hiltchen.“

Der Italiener drückte ihm lässig die Hand.

„Bei Hiltchen ist nix mehr!“ sagte er traurig. „Großer Schaden für uns!“ fügte er nach einer Pause hinzu.

„Das ist durch mich, und es ist selbstverständlich, daß ich Sie entschädige.“

Der Dicke blitzte ihm erstaunt zu.

„Ja, und ich danke Ihnen auch, daß Sie gestern für mich einsprangen!“ fuhr Baptist fort.

Aber auf einmal umringte ihn die ganze italienische Kapelle. Er konnte nicht begreifen, wo sie alle so plötzlich herkamen. Sie reichten ihm mit lebhaften Worten alle nacheinander die Hand und schüttelten die seinige, zuletzt Rosa, und sie fingen an, mit schnellen Bewegungen der Arme, mit gespreizten und geballten Fingern, mit hüpfenden Sprüngen des Körpers ihm zu erzählen und zu schildern. Sie mischten in ihr Italienisch die paar deutschen und französischen Wörter, die sie sich angeeignet hatten, und waren herzliche Kameraden zu ihm. Margherita drängte sich an ihn heran und tupfte sich mit dem winzigen Zeigefinger auf die Oberlippe, riß dann die Augen auf, sperrte alle zehn Finger auseinander und sagte immer, indem sie die gespreizten Finger wie abwehrend vorhielt, oh, oh, oh! die ganz entsetzt klangen. Rosa schaute ihn mit dem sanften Mitleid ihrer gutmütig dummen Augen an und die andern turnten, hüpften, lachten, drohten und schimpften um ihn herum.

Als aber der Dicke etwas zu ihnen sagte, waren sie bald ruhig. Nur Margherita konnte ihre entsetzte Miene noch nicht beendigen. Die Italiener schauten Baptist erwartungsvoll an. Aber er verstand nicht, worum es sich handelte.

„Wir wollen morgen in der Früh reisen!“ sagte der Dicke.

„Wissen Sie was, Häuptling!“ rief ihn Baptist an. „Wir feiern zusammen Abschied. Ich lade Sie zum Mittagessen ein, und dann bringen wir auch die andere Sache in Ordnung. Wollen Sie um zwei Uhr alle zu Engler am Bahnhof kommen?“

„Gut, gut!“ sagte der Dicke. „Dank schön!“ Er verdolmetschte die Einladung an die Italiener und sie winkten froh ja!

In dem Augenblick ging eine Kameradin von Baptists Schwester vorbei und drehte sich auffällig weg, indem sie die Nase rümpfte. Da genierte sich Baptist der Gesellschaft, zog den Hut und machte sich rasch davon. An der Ecke, an der er die Schobermesse verlassen wollte, stieß er mit dem Professor Hamilius zusammen. Der Professor tat, als müßte er vor Verwunderung, daß der Schüler hier und nicht hinter seinen Büchern war, einen Schritt lang stehen bleiben. Baptist errötete, weil er an den Kuhhandel dachte, der ihn vielleicht schon morgen mit diesem Manne verband. Er lüftete verwirrt den Hut und drückte sich dann rasch in den Park hinein.

* * * * *

Als Baptist gegen Mittag wieder nach Hause kam, war seine Schwester im Garten zwischen den Rosen.

„A, Jeanne!“ grüßte er.

„Wir sind heute und morgen Herr im Haus!“ rief Jeanne ihn gleich an, „Papa fährt um halb eins nach Nancy. Er hat ein Telegramm bekommen. Was fangen wir an?“

„Armes Schwesterlein, du mußt dich das allein fragen. Ich bin schon belegt. Ich muß bald weg!“

„Darf man fragen – wohin?“

„Nein, das darf man nicht!“

„So?!“ machte Jeanne enttäuscht und schnitt weiter in dem dichten Rosenstock.

„Ist der Vater schon weg?“ fragte Baptist.

„Du weißt doch, daß er immer eine Stunde vor Zugabfahrt im Bahnhof sein muß. Sonst hat der Zug keine Lust einzulaufen!“

„Ja, ja!“ lachte Baptist.

Die Nachricht dieser Reise war ihm sehr angenehm. Er hatte gefürchtet, daß er nicht bis zwei Uhr bei Engler sein könnte, denn er mußte zu Haus mit essen. Jetzt war er schon gleich frei. Er ging sich umziehen. Dann schlenderte er über die neue Brücke dem Bahnhofviertel zu und trat ins Hotel Engler ein. Er ließ in einem kleinen Saal des ersten Stockes den Tisch rüsten, bestimmte, was serviert werden sollte, und fing an, auf die Italiener zu warten.

Sie kamen kurz nach zwei und begrüßten ihn mit einer gewissen steifen Feierlichkeit. Sie hatten ihre Instrumente mitgebracht und ordneten sie in einer Ecke zusammen. Als sie sich um den Tisch setzen wollten, wies der Dicke die Plätze an. Er schob Rosa Baptist zu und nahm sich selber den Stuhl an der andern Seite des Gastgebers. Baptist gegenüber saßen Margherita und ihre Mutter. Die Tischgesellschaft zählte neun Personen, die zuerst etwas geniert anfingen, vor einander zuzulangen. Baptist hatte das Menü mit Überlegung zusammengestellt, indem er die Nationalität und die Gewohnheit der Lebenslage der Gäste gegen die Gebräuche seiner heimatlichen Küche aufrechnete. An Weinen stand ein leichter Mosel und ein kleiner Bordeaux auf dem Tisch bereit, denen sich, wer davon mochte, italienische Weine zugesellten. Ein schwererer Rheinwein wartete in Eiskübeln auf dem Büfett. Es war ein kleines Meisterstück von Höflichkeit, dieses Mahl, eine diskrete Huldigung für die Italiener.

Sie merken es wohl nicht! sagte sich Baptist. Aber das störte seine Laune nicht. Weshalb sollen sie’s auch merken! Die Hauptsache ist ja nicht für sie, sondern für mich – die Absicht, die wie ein Kern in der Schale liegt.

Baptist war zum ersten Male allein und unbeobachtet zwischen ihnen, und es machte ihm Schwierigkeit, immer den Dicken als Dolmetscher heranziehen zu müssen, wenn einer ihn anredete oder er selber einem etwas sagen wollte. Es hatte etwas Befremdendes, so eng zwischen ihnen zu sitzen und sie mit einer ganz andern Führung der Gesten, mit Worten der fremden Sprache, gegen deren Sinn er vergeblich anrannte, miteinander verkehren zu sehen. Ja, es hatte etwas Feindliches zum Ansehn, und jedes Lachen machte Baptist mißtrauisch. Er kam sich unsicher und wie verraten vor.

Aber bald fühlte er doch heraus, daß lebhafte Gutmütigkeit ihren Verkehr beherrschte. Er mischte sich öfter und inniger hinein, trank Rosa, Margherita und ihrer Mutter, auch den Männern zu, und als er ein wenig getrunken hatte, während zugleich die Italiener ihre Schüchternheit immer mehr abwarfen und sich mit immer eindringlichern Gebärden und Wörtern an ihn wandten, war ihm, als verstünde er den ganzen Gang der Unterhaltungen.

Da gehörte er ihnen mit ganzem Herzen an und erwies den Damen dieselben galanten Aufmerksamkeiten, die er sich gegen die Freundinnen seiner Schwester angewöhnt hatte. Aber er zeichnete dabei Rosa immer aus.

Rosas ovales, zartgoldiges Gesicht glühte von dem Essen und dem Wein. Ihre Augen hatten etwas träge Lüsternes, eine verlangende Schläfrigkeit. Baptist fühlte, wie die andern ihn immer mehr mit ihr allein ließen. Der Dicke drehte ihnen schon halb den Rücken.

Baptist unterhielt sich mit Rosa, indem er die kleinen Dinge, die er ihr sagte, dem Bestand von Wörtern anpaßte, die er aus der fremden Sprache kannte, und die Lücken durch Gesten füllte. Aber ihre Antworten mußte er fast rein aus Gebärden erraten. So bekam ihr Verkehr etwas Lebhaftes, das Glieder und Körper in fortwährende Bewegung setzte und einander entgegenbrachte, so daß seine Knie bald an ihre Schenkel stießen. Diese Berührung wurde ihm ein Ausdruck seiner Zärtlichkeit. Er gab sie nicht mehr auf, und der fortwährende körperliche Kontakt erhitzte das weinvolle Blut der beiden noch stärker.

Baptist knittelte dem Mädchen mit seinen kargen Sprachkenntnissen ein paar Verliebtheiten zusammen und sie tat, als glaubte sie sie nicht. Das war ein Spielchen, das sie eine geraume Weile mit Lust pflogen. Aber Baptist neigte sich plötzlich zu ihrem Gesicht, dessen seidig blasse Gebräuntheit jetzt auf einem rosigen Untergrund leuchtete und seine Wärme auf Baptists Wangen und Augen überströmte. Er fragte, ernster geworden, und mit einer bedeutsamen Eindringlichkeit: „Willst du jetzt mit mir allein sein?“

Sie antwortete: „_Io sono come in una stufa!_“

Baptist verstand sie nicht. Er forschte nach: „Du bist wie in ein ...? wie in was?“

„In _stufa, stufa_!“ sagte Rosa nachdrücklich und schaute im Zimmer herum.

Aber als Baptist, nicht verstehend, den Kopf schüttelte, rief Margherita auf einmal herüber: „In Ofen!“

Baptist fuhr erschreckt und beschämt mit dem Kopf auf. Margherita hatte sie belauscht. Er sah, wie sie ihn mit ihrem kleinen schwarzen Äffchengesicht vermessen einen Augenblick anschaute. Dann lachte sie ihm grinsend zu: „Offen, in Offen! Swarser Offen!“ und sie schaute in die Ecke, ob sie ihm nicht einen Ofen vor Augen führen könnte.

Aber in diesem Augenblick rettete ihn der Dicke: „Wär’s angenehm, wenn wir jetzt ...“ und er machte ping, ping mit seinem Daumen über den gebogenen Arm.

„Los, Häuptling!“ rief Baptist und schlug ihm auf die Schulter. Der Dicke hob die Hand mit einem: ‚_avanti_‘! Die Burschen sprangen auf und brachten die Instrumente heran.

„_Vieni sol mare?_“ fragte der Häuptling, verständnisvoll lächelnd und Baptist winkte mit einem Lachen zu.

Baptist saß nun allein am Tisch und die Italiener standen vor ihm in einer Ecke zusammengeschart, wie auf dem Podium bei Hiltchen und spielten. Aber sie waren heute nicht alle so wie gleich gehobelt. Jeder war über Tisch wieder einmal er selbst geworden, hatte sich losgelöst von dem Beruf auf dem Podium zu stehen und jeder bewegte sich nun anders unter dem Ertönen seines Instrumentes. Selbst der lange zweite Violinist mit dem schwarzen, verschlafenen Sarazenengesicht, dessen Schnurrbartspitzen den Kasten seiner Geige kitzelten, wedelte gefühlvoll mit dem langen, flachen Körper zu seinem Bogenstreichen.

Da hielt mitten im Spiel der Dicke mit einem fragenden Kopfwinken Baptist seine Geige hin.

Baptist sprang hinzu und fuhr gleich mit vollem Ton ins Zusammenspiel hinein und führte es mit der nachdrücklichen Kraft seines Spiels davon, wie eine Windbö ein paar Segler mit sich zieht. Er ließ wieder die Töne steigen, als erreichten sie die blaue Uferlosigkeit des Himmels.

Als das Lied fertig war und die Italiener leise in die Hände klatschten, drückte sich die kleine Margherita verstohlen gegen Baptist an, daß ihr dickes krauses Haar seinen Hals traf. Er faßte sie lachend unters Kinn und sagte, auf ihren Bräutigam zeigend: „Er sieht’s ja nicht!“

Der Bräutigam lachte und drehte ihnen mit einem Ruck den Rücken. Da schauten die kleinen schwarzen Augen des Mädchens Baptist entflammt an. Wie ein fordernder Blitz schlug es zu ihm herauf und alle seine Gedanken bäumten sich eine Sekunde vor diesem trotzigen Verlangen. Aber der dicke Manager rieb sich wie unabsichtlich an ihn, schob seinen Arm unter und zog ihn zum Fenster. Dort zwinkerte er ihm mit einem Auge zu und warf mit knapper, ernst tuender Wichtigkeit hin: „Das wär was für Sie!“

Baptist war betroffen. Er glaubte, der Dicke meinte Margherita.

„Das wär was!“ fuhr der Italiener fort. „Da kämen Ihnen die Weiber in die Arme geregnet. Ich sag Ihnen – was für welche! Da ist die Rosa eine Henne dagegen!“

Und er beschrieb mit seinen kurzen Armen die Umrisse prächtiger Frauen.

„Ich kann’s Ihnen sagen! Mit Ihrer Figur!“ und er schnalzte mit der Zunge.

„Ja, was?“ fragte Baptist. Er verstand nicht.

„Was!?“ fuhr ihn der Dicke wichtig an. „Gehn Sie mit uns. Ich gebe Ihnen die erste Violine zu spielen!“

Baptist lächelte den Häuptling erst ein wenig an.

Auf einmal dachte er an den Auswanderer in der Kneipe, und dann war es, als sauste der Vorschlag des Italieners wie ein Anker in ihn hinein, biß sich mit einem einzigen, ganz kleinen, aber froh aufjauchzenden Schmerz fest und zog ihn wonnig davon.

Ist das die Rettung! Ist das die Zukunft? jubelte es in Baptist.

Im Nu fühlte er sich frei von aller Last der Jugend, der Umgebung, des Examens. Mit einem Schlag war alles gelöst, alles klar, alles Freude und Lust, und er – thronend über den Dingen!

Er legte dem dicken Manne beide Hände auf die Schulter und schüttelte ihn im Überschwang: „Ja, ja, ja!“ rief er.

Der Dicke sagte vorsichtig und untersuchend: „Ich weiß aber nicht, ob Sie so leben können wie wir? So einfach!“ Mit einer Handbewegung deutete er auf den Tisch, „so geht’s nicht bei uns zu!“

Aber Baptist meinte: „Ach, das ist das wenigste. Das werde ich schon!“

Er bedachte sich jedoch auf einmal. Er wollte sich nicht ganz ausliefern und war sich auch nicht ganz sicher, ob die Absichten des Italieners ernst seien.

„Ich hab ja einiges Geld!“ sagte er vorsichtig. Und dachte sich, daß er damit immer eine letzte heimliche Macht in der Hand behielt.

Der Italiener winkte zufriedengestellt.

„Wo gehen wir denn zuerst hin?“ fragte Baptist.

„Wir spielen in Brüssel, bis die Ausstellung in Antwerpen im Frühjahr eröffnet wird. Da haben wir ein gutes Engagement, in einer großen Bierhalle zu spielen. Wir wollten morgen mit dem Frühzug abreisen.“

„Ja, ja!“ sagte Baptist. „Es ist gut, daß wir gleich aus dem Lande kommen.“

Der Italiener teilte der ganzen Gesellschaft mit, daß Baptist sie begleiten wollte und sie drängten sich um ihn, wie Kinder so laut und fröhlich.

„Aber hören Sie mal Häuptling!“ wandte Baptist ein, „es darf kein Wort in der Stadt darüber gesagt werden, daß ich mitgehe. Und ihr müßt mir auch helfen, meine Kleider und so allerlei wegzuschaffen. Ich fahre dann morgen mit dem Abendzug und komme in der Nacht in Brüssel an.“

Der Italiener winkte mit der Hand und bedeutete lächelnd: „Wird gemacht werden!“

Dann dachte sich Baptist einen Kriegsplan aus. Zwei von den Italienern sollten in der Nacht hinter dem Haus die Sachen sammeln, die Baptist an einem Seil herunterließ. Der Koffer könne dann über das Geländer in den Park geschafft werden, von dort auf die Straße und Baptist wolle einen verschwiegenen Droschkenkutscher auftreiben, der die Sachen zum Bahnhof bringe.

„Punkt zwölf Uhr! Ganz genau zwölf Uhr! Und kein Geräusch machen!“

Der Dicke gab die Weisung weiter. Die Italiener winkten zu. Als sie sich dann verabschiedet hatten, entfernte sich Baptist zuerst allein.

Er lief mehr als er ging. Mit wirren, stürmischen Gedanken, die flatterten wie Festfahnen auf hohen Dächern, malte er sich sein neues Unternehmen aus. Er fluchte und lachte und watete, und ungemessen stiegen die Hoffnungen auf ihn hernieder.

Nun kommt das Leben zu mir! unterhielt er sich so im Ausschreiten mit sich selber. Die Welt ist offen. Ich bin frei. Geld? Ach was Geld! Ich weiß ja, wo davon ist. Es wird nun einmal ernst, was bis jetzt Verlegenheit und unproper war. Er ist reich genug. Ich schädige niemanden. Davon kann ich dann eine Zeit leben. Ich nehm genug mit und werde sparsam sein. Wenn ich dann eine Zeitlang umsonst gespielt habe, muß der Häuptling mich schon bezahlen. Ich kann ja mehr, als die ganze Kapelle zusammen. Die Rosa ist meine Freundin, und die Margherita ... ach, die Margherita! ... daran denk ich lieber nicht. Das soll laufen, wie es geht. Vielleicht liebt der Italiener sie nicht so sehr. Sie ist im Gesicht nicht so schön wie Rosa, aber ... nein, nein ich rühr’ daran nicht. Das soll von selber fließen. Und dann ziehn wir von Stadt zu Stadt, durch die Länder. Teufel, Teufel!

Jeanne!

Da blieben die Bilder stehn. Es schmerzte ihn, an sie denken zu müssen.

‚Jeanne, Jeanne, liebes Gutes!‘ schmeichelte er dem Geist der Schwester. ‚Geh mit! Du bist ja auch nicht gut hier und bist nicht glücklich! ...‘

‚Jetzt muß ich brutal sein!‘ sagte er auf einmal. ‚Solche Unternehmen gehen nicht anders. Rücksichtslos und brutal! Ich muß Jeanne das auch schreiben. Ich werde ihr einen langen schönen Brief hinterlassen. Darin steht so und so ... und daß es auch gar nicht wegen Rosas ist, und daß ich das Schwesterlein lieber hab als sonst alle Menschen ...‘

* * * * *

Als Baptist nach Haus kam, ging er gleich, ohne daß jemand ihn gesehen hatte, in das Arbeitszimmer seines Vaters und schloß die Türe hinter sich ab. Er ließ das geheime Schloß knacken, schob den Rolladen hoch und nahm die Schlüssel von ihrem gewohnten Platz.

Mit kühler Ruhe untersuchte er dann den Inhalt des Geldschrankes. Es lagen wohl einige tausend Mark in Goldrollen und in Scheinen drin. In einem Fach seitwärts stand ein abgegriffenes Ledertäschchen aufrecht. Er zog es heraus und sah, daß es mit Papieren gefüllt war.

Da setzte Baptist sich an den Tisch und begann, die Papiere eins nach dem andern durchzuschauen. Es waren Verträge zunächst. Aber dann kam etwas wie ein Heft, auf dem in Rundschrift ‚Bilanz‘ stand. Die Jahreszahl drunter zeigte, daß es die letzte Vermögensberechnung seines Vaters war, die er in den Händen hielt.

Mit knappen und stumm in einander gebissenen Zeichen war die Sprache geführt, die diese Seiten füllte. Aber Baptist las sie, indem er seinen Willen zur Aufmerksamkeit anstrengte. Er sah bald leise Beziehungen sich zwischen den einzelnen Summen knüpfen; die Seiten lasen sich fort, wie ein Gewebe. Es war das Gewebe eines Lebens, das sich in dieser heimlichen, verbotenen Stunde bloßlegte; eines Lebens, in dem das seinige bis heute gefaßt und gefesselt lag. ‚Also ihr!‘ grollte er und schlug mit den Knöcheln der geballten Hand in die Zahlenhaufen.

Es war das Leben seines Vaters, und er konnte es nun Schritt für Schritt verfolgen in seiner vergiftenden Phantasielosigkeit und seinem kleinen, rasselosen Aufeinanderhäufen. Er konnte so hart und klar aus diesen ordentlich gescharten Zahlen Tag für Tag aus dem letzten Jahr dieses Hauses herausheben und sich sie anschauen, wie gefangene Käfer, die sich zwischen den Fingern nicht wehren können. Tage der Freude: hinter einem Plus eine Summe; Tage des Griesgrams und hadernder Gereiztheit: hinter einem Minus eine Summe. Und jene Summen standen unter den Tagen, wo die kleinen, übeln Zwischenhändler mit am Tisch gegessen hatten, mit Knechtsmanieren, und sich zur Empörung Jeannes betrunken hatten, während er selber ihr Benehmen mit einer verlegenen Peinlichkeit überwachen mußte. Und jene andern Summen trugen die Namen der Herren, hinter deren Rücken sein Vater lästerte, während er mit einem ergebenen Lächeln ihre Gespräche empfing, wenn sie sich ins Haus verirrten. Und es gab keine Teppiche, keine Schlinggewächse, die wohltätig bedeckten. Es war roh und brutal. Es waren keine großen Zahlen, aus denen waghalsige Ruhelosigkeit mit Gefahr gespielt hätte. Es waren nur ungezählte, unruhige, kleinmütige mit drei oder vier Nullen.

Baptist redete sie an: ‚Herr Wampach, Herr Küborn, Herr Faber!‘ Und er hatte die Summen auf der Hand liegen, wie armselige tote Tierchen, denen man Fell und Haut abgezogen hat.

Aber in dieser unvermuteten kalten Beschäftigung änderte sich in seinem Innern das Bild der geplanten Flucht. Es verlor das Genießerische und bekam etwas Wehrendes. Es schnitt eine Grimasse mit dem schönen Gesicht, kniff die träumerischen Augen zu und bleckte ein herrliches Gebiß.

‚So machen wir’s jetzt!‘ triumphierte Baptist. ‚So, so, so! Mit den Muskeln!‘

Er mußte seine Körperkraft in Tätigkeit setzen, sprang auf und hob die eiserne Kopierpresse mit einer Hand über den Kopf und ließ sie langsam mit ausgestrecktem Arm wieder auf ihren Platz nieder. Dann machte er dasselbe mit dem linken Arm. Die Presse war gewichtig. Und die Übung hatte seine ungeschulten Muskeln ermattet. Schwer atmend ging Baptist zu den Zahlen zurück. Er schlug genau Seite um Seite um. Das Bild blieb dasselbe. Nur sein Vater änderte darüber das Aussehn. Baptist drang nun in ihn hinein, weil er die Zusammenhänge sah. Er dachte fast mit zärtlichem Mitleid an ihn.

Das letzte eingetragene Datum war der 15. August. Baptist kannte die Gewohnheit seines Vaters, an diesem Tage das alte Geschäftsjahr zu beschließen und das neue zu beginnen. Heute war der 5. September. Also waren die eingetragenen Tintenzeichen, die die kleinen Felder hinter den Konten: Kassa, Konto – Korrent – Konto bis Kapitalkonto füllten, noch kaum getrocknet. Baptist wollte darüber wischen, wollte in einem Anfall von rebellierender Bitternis sie wegwischen. Aber hinter dem ‚Saldo als Reinvermögen‘ stand fest wie ein eiserner Turm die Schlußzahl:

1 Million 825560 Franken.

Baptist legte das Heft auf den Stoß der Papiere, die er schon durchblättert hatte. In der Ledermappe war noch ein kleines, in Wachstuch gebundenes Büchlein. Als er es öffnete, sah er, daß es ein Sparkassenbuch war. Aber alle die schwarzliniierten Seiten mit den von der Zeit gebräunten Rändern waren unberührt. Nur auf der ersten stand: ‚Sparkassenbuch, gehörend Baptist und Jeanne Biver. Eingezahlt zehntausend Mark‘. Dann ein Datum, das neun Jahre zurücklag, und unten am Rand mit der Handschrift des Vaters ‚Meinen lieben Kindern Baptist und Jeanne zum Fest ihrer ersten Kommunion 10000 Mark, die sie zu gleichen Teilen und zu beliebiger eigener Verfügung bekommen, wenn Jeanne großjährig ist‘.

Baptist blinzelte diese hastig gezogene nervöse Schrift an, als sei es nicht möglich, daß er sie richtig gedeutet habe; daß das so nahe vor ihm zu lesen stand. Er las ein paarmal die Wörter und stockte beim Lesen. Dann schaute er auf, irgendwohin und dann schlug er mit dem Kopf nieder und weinte.

Er schämte sich, daß er anders über seinen Vater gedacht hatte, und daß er hinter dem verbitternden Hadern, der hartherzig erscheinenden Verständnislosigkeit des Vaters für die anders gerichteten Absichten und Wünsche seiner Kinder nie die Liebe für diese Kinder gesehen hatte. Daß er ungerecht und verstockt an einer anders gearteten Seele vorbeigegangen war. Aber er empfand zugleich ganz klar, daß, wenn auch er selber seinen Vater nicht richtig eingeschätzt hatte, so dieser doch niemals seine Stellung zu den Daseinszielen des Sohnes nur das geringste ändern konnte, und er kam sich geschützt und stark vor in seinen jungen Absichten, wie in einer stählernen Rüstung.

Baptist packte die Papiere wieder in die Mappe und stellte sie in den Schrank zurück. Aber das Sparkassenbüchlein steckte er in seine Brieftasche. Er schloß den Schrank, legte die Schlüssel, wo er sie gefunden hatte, und ging auf sein Zimmer.

Jetzt hatte er Geld! Er kam sich wie bewahrt vor, daß er nicht aus dem Schrank zu nehmen brauchte, und die Freude an seinem Unternehmen schlug reiner und freier auf. Er ging erregt auf und ab in dem Raum und versuchte sich kühl zu berechnen, wie lange er mit fünftausend Mark durchkommen könnte. Natürlich: leitendes Prinzip – Sparsamkeit ... Sparsamkeit ... Sparsamkeit! Das kam immer wieder. Aber darüber kam er nicht hinweg. Die Lust an seiner beginnenden Tat schlug jauchzend über ihm zusammen.

Er begab sich in die Schlafkammer und suchte in seinen Schränken, was er mitnehmen sollte, und legte es zusammen.

Ja, er muß doch Jeanne schreiben, sagte er sich während dieser Arbeit und er eilte nebenan zum Schreibtisch und legte einen Bogen Papier zurecht. Die Gedanken, Pläne, Hoffnungen umbrausten ihn, wie Orgelrauschen, das zwischen Kirchensäulen verschallt, und von dem ganzen, prachtvollen, wundererfüllten Choral kam folgendes aufs Papier:

„Jeanne, ich muß fort. Ich gehe fort mit einem Jauchzen, ich würde dich am liebsten mitnehmen. Nun wird alles schön und frei. Ach, ich kann nicht mehr schreiben. Adieu, Schwester. Ich liebe dich. Baptist.“

Ach, was soll ich mehr schreiben. Ich kann auch gar nicht. Ich hab ja keine Zeit dazu und keine Geduld. Und es steht ja auch alles drin! entschuldigte er sich, während er den Zettel in ein Kuvert steckte.

Dann ging er wieder zu den Schränken und suchte weiter in den Kleidern und in der Wäsche; er wählte mit Bedacht die besten und die praktischsten Sachen.

* * * * *

Schon lange vor Mitternacht hatte er das Licht gelöscht und sich aufs Fensterbrett gesetzt. Kaum hatte das Glockenspiel auf der Niklauskirche hinter den zwölf Schlägen ausgeklungen, so war es Baptist, als hörte er ein Geräusch im Garten. Er bückte sich über die Brüstung.

„_Signor!_“ rief unten eine flüsternde Stimme, „_Signor Battisto!_“

Baptist flüsterte zurück: „_Ssst Italiani?_“

„_Si bene!_“ kam es leise von unten herauf.

Dann ließ Baptist an der Wäscheleine, die er sich vom Trockenboden geholt hatte, Bündel für Bündel hinab. Die Italiener arbeiteten huschend katzenleis. Die Dunkelheit der Nacht deckte sie zu.

Endlich flüsterte Baptist hinab: „_Finito! Pss! Finito!_“

„_Bene!_“ hörte er von unten. Schritte schlichen davon. Im Nu war es stumm.

Baptist hörte am Fenster eine Droschke in der Nähe herankommen. Er zündete eine Kerze an und ging rasch die Treppen des schlafenden Hauses hinab und auf die Straße. Die Laternen der Droschke leuchteten neben dem Park und Baptist eilte ihr entgegen.

„Toni!“ rief er leise, als er sie erreicht hatte.

Das Pferd stand mit einem Ruck still und der Kutscher bückte sich vom Bock über die Laterne.

„Jawohl, Herr Biver!“ sagte er nach einer Weile.

Baptist trat außerhalb des Lichtkegels der Laterne an den Bock heran. „Ja, ich bins! Jahren Sie bis zwischen die beiden Laternen. Aber gelt, leise!“ sagte Baptist flüsternd.

„Gewiß Herr Biver!“

Baptist sprang in die Dunkelheit davon, lief in den Park und pfiff leise. Auf einmal hörte er nicht weit von sich den Pfiff wiederholt, ganz fein und wie unterdrückt. Er blieb stehen. Aber er hörte nichts mehr. Da sagte er mit halblauter Stimme: „_Italiani!_“

„_Signor Battisto, voi?_“ antwortete es neben ihm flüsternd aus einem Strauch heraus, der am Wege stand. Baptist erschrak ein wenig. Dann lachte er über die Geschicklichkeit und Vorsicht, mit der die Italiener ihren Auftrag erledigt hatten. „_Tutto pronto!_“ sagte eine leise Stimme, und es rauschte geschmeidig im Gebüsch.

Der Korb wurde auf die Droschke geladen. Baptist schloß ihn ab und steckte den Schlüssel ein. Dann gab er dem Kutscher Anweisung. Die beiden Italiener sprangen in den Wagen und er rollte davon. Baptist spazierte noch eine Weile in dem finstern Park hin und her. Dann ging er ins Haus und in sein Bett, war ermattet und wußte doch, daß er in dieser Nacht keine einzige Minute verschlafen würde.

* * * * *

Am nächsten Tag waren die notwendigen Besorgungen – als Hauptsache die Abhebung von fünftausend Mark auf das Sparkassenbuch – bald gemacht. In der Sparkasse hatte der junge Beamte, der Baptist gut kannte, ihn ein bißchen wehmütig angeschaut, als er das Geld in deutschen Papierscheinen aufzählte. Baptist hatte die Bemerkung des Vaters zuvor mit einem Papierstreifen überklebt.

Als er nach Hause kam, war Jeanne schon fort. Sie hatte Klavierstunde im Konservatorium und blieb dann bei einer Freundin zum Mittagessen, so hatte sie Baptist hinterlassen. Er sah sie also nicht mehr, und das schien ihm gut zu sein. Er strich ruhelos und heiß erregt durch das Haus, weilte wiederholt in allen Räumen, stieg von Stockwerk zu Stockwerk und nahm zärtlichen Abschied von seiner lieben Bude, den Bücherschränken und den Bildern.

Als er dann in Jeannes Räume kam, legte er den Brief und das Sparkassenbuch in die Schreibmappe ihres kleinen lackierten Tischchens. Er strich mit der Hand über die Möbel und über das Bett und über die Wände und bat, sie mögen ihm das Schwesterlein wohl bewahren, daß sie glücklich drinnen werde. Dann sank er unter der Wehmut dieses Abschiednehmens zusammen, und ein Weinen brach aus ihm, das warm und wohltätig quoll, wie ein Mairegen. Aber er riß bald den Kopf hoch und verließ mit einer melancholischen Energie diese Räume, ging noch im Garten zwischen den hohen reich bescherten Rosenstöcken auf und ab und wurde dann zum Essen gerufen. Damit eilte er, appetitlos und unruhig. Er trank viel Wein. Später trat er noch einmal ins Musikzimmer. Aber er mochte nicht auf seiner Geige spielen, schlug nur ein paar Läufe und Ansätze von Melodien über die Tasten des Flügels. Alles zitterte leis und klingend ruhelos in ihm, wie ein leicht aufgestellter Metallgegenstand, der auf einem Klavier durch die Tonschwingungen ins Vibrieren gebracht wird. Es war ihm, als sei er in Feuersgefahr. Er grub das Gesicht in die kühlen weichen Kissen der Chaiselongue in der dunklen Ecke, sprang dann auf und schrieb seinem Vater einen kurzen Brief zum Abschied, in dem er ihn um Verzeihung für alles Leid bat, das der Vater durch ihn erlitten.

Sein Zug fuhr um halb vier.

Um halb drei ging er wieder ins Musikzimmer, nahm seinen Geigenkasten unter den Arm und verließ das Haus. Es war alles so feierlich und so schwer in ihm. Schwer, wie ein Apfel, der in herbstlicher Reise kaum noch am Zweig hält, und jeden Augenblick ins Gras niederklopfen will.

Baptist schritt über die neue Brücke. Die hohen Mauern der alten Bastionen schossen grau, verwittert und kahl aus der grünen Tiefe des Petrustales herauf. Die Stadt lag schmal, wetterhart und nüchtern bis an ihre Kanten heran. Ein Stück weiter lief mit großen, plumpen Sätzen die alte ‚Passerelle‘ mit zahllosen engen Bögen übers Tal bis zum Bahnhofsviertel hinüber.

Baptist zog traurig wie ein beregneter Hund dahin. Diese alte Landschaft hielt eine kleine Zwiesprache mit dem undankbaren Wanderlustigen – und er konnte nicht antworten. Denn gegen diese Argumentation halb verwichener Erinnerungen, die sich in der Zeit die weichen Leiber von Müttern angepflegt haben, war natürlich nicht aufzukommen. Er ging, seinen kleinen leichten Geigenkasten unterm Arm, über das noch unbebaute Glacis wie zwischen Spießruten hindurch zum Bahnhof und weiß der Henker, als er vom Glacis in die Bahnhofstraße einbog, da machte sich auch noch dieses widerwärtige, proletisch rechnerische Produkt des modernen Luxemburgs an ihn heran, das er sein Lebtag gehaßt hatte, weil es wie ein Firmenschild all der Menschen aussah, zwischen denen er zu leben gezwungen war.

Aber da hatte er genug. Mit Galgenhumor schnitt er der Bahnhofstraße eine Fratze, streckte ihr die Zunge heraus und hastete über das Trottoir zum Bahnhof hinunter. Er wartete fast noch eine Stunde, in der die gedämpfte Gewalt seines Innern widerstandslos ausbrach und wie eine Feuersbrunst rasend um ihn herumsprang.

Dann flog der D-Zug in den Bahnhof, wie mit einem donnernden Ruf von Triumph und Unternehmungskraft. Er trug Baptist davon und hüllte alle die Zukunftsfreuden der jugendlichen fliehenden Seele in das brüllend aufgewirbelte, schlagende Rasen seiner Flucht über die gedehnte Hochebene der Ardennen, wie in den Sturz eines Wasserfalls.