Chapter 5 of 8 · 4529 words · ~23 min read

Fünftes Kapitel

Baptist stieg mit seinem leichten Geigenkasten in der Hand aus dem Zug und ließ die Menge der Reisenden langsam um sich vorwärts fluten. Er schaute angestrengt aus und sah auch bald den dicken Italiener wie einen Wellenbrecher mitten auf dem Bahnsteig den Strom der hinausdrängenden Reisenden auseinanderkeilen. Baptist hastete zwischen den Menschen durch zu ihm und drückte ihm kräftig die Hand.

„Nun, gut gegangen?“ fragte der Italiener.

„Wie Sie sehen!“ antwortete Baptist.

Sie ließen sich dann gemächlich hinausschieben. Vor dem großen Tor auf dem Platz Charles Rogier standen Margherita und ihr Bräutigam Paolo. Das kleine schwarze Weibchen hatte sich mit einem großen Tuch vor der herbstlichen Abendkühle geschützt. Sie war ganz hineingehutzelt, daß nur das Äffchengesicht dunkel herauskam, und es war rührend für Baptist, die beiden fremdländischen jungen Menschen so einsam an dem Platz am Tor der großen abendlich entzündeten Stadt auf ihn warten zu sehen. Sie stürzten ihm voll Freude entgegen und es war ihm, als wollte sich die kleine biegsame Hand des Mädchens an seine Finger festkrallen, als sie sich zum Gruß die Hände drückten.

„Wir nehmen einen Wagen zu eurem Hotel!“ sagte Baptist und er ließ eine Droschke vorfahren. Das Hotel zum Prinzen von Flandern lag in einer Sackgasse hinter der Grand’place. Es war eines der alten netten Brüsseler Hotels, etwas dunkel, aber reinlich und einfach bürgerlich. Baptist war froh überrascht, daß die Italiener so ordentlich wohnten.

Die Wirtin führte ihn selber in ein Zimmer, das im zweiten Stockwerk über der Gasse lag und mit alten Möbeln und mit großgeblümten Vorhängen an Fenster und Bett wohnlich genug aussah. Er fand seinen großen Korb schon bereitstehn, Bett und Zimmer in wartender Ordnung, und es war ihm warm, wohl und frei. Als er dann später in das kleine Eßzimmer hinunterstieg, saß Margherita allein drin und nähte an einer farbigen Schürze.

Baptist setzte sich auf die andere Seite des Tisches.

Das Mädchen sagte, ohne von der Arbeit aufzublicken:

„Rosa nicht Station. Solamente ich! Ist Zimmer schön?“

„Sehr schön!“ antwortete Baptist und war etwas verwirrt.

„Ich gesucht Zimmer!“

Sie schaute auf und winkte ihm ernsthaft zu. Und er errötete und war gerührt und hätte das kleine schwarze Tierchen gerne geherzt und geküßt.

Dann sagte sie nichts mehr. Baptist schaute der Flinkheit ihrer kleinen Finger zu. Ach, es ist schön so! Es ist schön so! bestätigte er sich unaufhörlich. Schließlich kam Rosa. Sie blieb vor ihm stehen und hielt ihm unbeholfen die Hand hin, die er drückte, ohne daß sie den Druck wiedergegeben hätte. Sie lächelte schwerfällig und murmelte ein paar italienische Wörter. Darauf ging sie sich neben Margherita setzen.

Baptist war enttäuscht. Er hatte sich dieses Wiedersehen anders gedacht.

Einer kam nun nach dem andern. Er drückte allen herzlich die Hand, und sie setzten sich an ihre Plätze um den Tisch und lachten ihm zu. Dann brachte ein Kellner das Abendessen.

Das Leben in dem kleinen Hotel nahm etwas zurückgezogen Einförmiges an. Die drei Frauen bewohnten ein Zimmer, ebenso die Männer. Nur der Dicke und Baptist hatten jeder ein Zimmer für sich. Das machte, daß sich die Gesellschaft in kleine Kreise teilte.

„Wie ist’s?“ fragte beim Mittagessen am dritten Tag der Dicke. „Wollen wir mal zusammen üben, Herr Battisto?“

Nach dem Essen gingen sie darauf alle in das Zimmer der Frauen, das geräumig und hoch war und abwärts lag. Paolo schleppte einen Stoß Noten heran und Baptist holte seine Geige. Während er die Noten durchblätterte, zupfte der Dicke an den Saiten, beklopfte den Rücken und schnitt dann eine Grimasse anerkennender Bewunderung, indem er mehrmals den Mund zusammenzog, die Unterlippe weit herausdrückte und mit seinem dicken Kopf dazu nickte.

„Prachtvolle Violino. Ein großer Suono!“

„Sie ist aus Ihrer Heimat!“ sagte Baptist.

„Oh nein!“ entgegnete jedoch der Italiener, „in Neapel macht man keine so guten Instrumente.“

Er hob sie unters Kinn und strich ein paar Läufe. „Cremona, Cremona!“ sagte er und machte wieder seine anerkennende Fratze.

„Ja, Cremona!“ bestätigte Baptist.

Dann reichte der Dicke die Geige herum und alle zupften an den Saiten und winkten wichtig und ernst, daß sie auch mit ihr einverstanden seien. Baptist geigte alle die Lieder, die der Dicke ihm vorlegte, ohne Schwierigkeit vom Blatt. Die meisten kannte er und vermochte sie herunterzuspielen, ohne die Noten anzusehn.

„Das geht besser, als wie wir alle zusammen!“ sagte der Dicke beifällig. „Aber nun auch noch Zusammenspiel! Avanti!“ Und er klatschte, zu den andern gewandt, in die Hände.

An jedem Abend wurden nun einige Stunden geprobt. Baptist machte nach und nach gegen einige der Lieder Einwände und sagte, die seien doch zu dumm. Aber der Dicke setzte ihm einen querköpfigen und lebhaften Widerstand entgegen.

„Sie kennen das Publikum nicht!“ rief er. „So, dies Lied da, dies: tra la ti ta ta ... in den Bäumen geht der Wind ... hoho, das gefällt, das müssen wir immer _da capo_ spielen. _È vero?_“ wandte er sich an die andern, die ja nickten.

Ein besonderes und unerwartetes Ergebnis aber hatten diese Proben: Baptist lernte in dem lebhaften Verkehr, in dem sie ihn mit den Italienern hielten, ihre Sprache wie von selbst. Er badete sich scheinbar in ihr, verlor jede Scham, die fremden Wörter heraus zu wagen. Die Sprache flog ihn an.

Die ersten Tage leitete der Dicke regelmäßig genau und kritisch die Proben. Aber dann blieb er weg und verließ das Hotel immer gleich nach dem Essen. „Probt gut!“ sagte er zum Abschied. Einmal wandte er sich an Baptist, bevor er wegging.

„Wir müssen ein Engagement bekommen. Es steht schlecht. Müssen das Hotel jede drei Tage bezahlen und verdienen nix! Ich lauf immer herum und find nix!“

Wenn er wieder einen halben Tag vergebens verfahren hatte, saß er am Abend mit seinem schwarzen, faltigen Gesicht griesgrämig zwischen den andern. Er trank viel und behandelte seine Leute wie mit einer nur mühsam unterdrückten Roheit. Baptist hatte dann das Empfinden, als bereite sich eine peinliche Verwickelung vor.

In diesen Tagen kam der Dicke einmal unvermutet zu Baptist aufs Zimmer: „Kein Geld mehr! Alle, alle!“ rief er ihm zu. „Die drunten will Bezahlung, aber ich kann doch nicht, ich verdien doch nix!“

„Nu, nu, Häuptling, das wird ja auch mal wieder anders werden!“ tröstete ihn Baptist und reichte eine Hundertfrankennote hin.

Da war der Dicke sehr dankbar und sagte: „Oh, aber wenn wir jetzt mit Ihnen spielen, dann werden Sie sehn, ganz Brüssel kommt. Wie Sie spielen und mit Ihrer Violino und mit Ihrer Figur!“

Er ging wieder. Baptist nahm die Angelegenheit mit Humor und ergötzte sich an diesem ersten Widerstand, der, wenn auch nur, ohne ihn selber anzufassen, genaht war, und den er dann mit der kleinen Geste seiner Gabe so leicht hatte brechen können.

Sonst hütete er sein Geld mit einer rechnerischen Sparsamkeit und es machte ihm viel Freude, sein kleines Vermögen so sicher verwalten und sein Leben so straff in den Zügeln halten zu können, daß seine Ausgaben fast immer auf einen Centime nahe den Voranschlag deckten. Er führte gewissenhaft Buch in einem kleinen Heftchen und lebte so mit einer fast mechanisch funktionierenden Regelmäßigkeit.

Sein Leben schloß sich äußerlich eng an das der Italiener. Aber innerlich hielt er sich ihnen doch wie mit einer mild abweisenden Handgeberde, mit einer nicht merkbaren Überhebung fern. Trotz dieser kleinen Schranke, die kaum sichtbar, aber für Baptist doch von unentbehrlicher Wichtigkeit war, besprach er ernsthaft mit ihnen die Möglichkeiten, bald in Brüssel spielen zu können, und beteiligte sich mit ganzem Herzen an den naiven und manchmal unzarten Späßen, die sie trieben. Da diese sich besonders gegen die Frauen richteten, so kam er oft näher an Rosa heran. Er gewöhnte sich an ihre gutmütige Schwerfälligkeit und vermochte sie öfters mit warmer Zärtlichkeit zu umwerben, die sich unmerkbar rasch stets zu Anfällen heimlicher Sinnlichkeit erhitzten.

An einem Sonntag im Oktober war der Dicke nicht am Mittagstisch. Aber er kam plötzlich als sie probten ins Zimmer. „Haben wir, Kinderchen!“ rief er noch in der Türe. Er hatte ein rotes Gesicht, war vergnügt und drollig wie ein verliebter Frosch und küßte die Mutter der Margherita feierlich zweimal auf jede Wange.

Er erzählte dann, daß sie am Donnerstag anfangen könnten in einem Gartenrestaurant beim Bois de la Cambre. Ein großes Etablissement!

„Jetzt im Freien!“ rief Margherita entsetzt dazwischen und schüttelte sich.

„Aber Liebchen es ist ja noch im Sommer. Und bei schlechtem Wetter natürlich im großen Saal!“

... Oh, der Saal war schön, mit weißen Säulen, einem blauen Himmel mit goldenen Sternen und einem Lilipütchen von Springbrunnen, das ganz süß und s...s...s... zu der Musik plätscherte.

Der Dicke küßte zärtlich in die Luft hinein und alle lachten wie erleichtert. Die Nachricht war gekommen, wie eine Musikkapelle plötzlich am Ende einer Straße erscheint und mit fliegendem Marsch sich nähert. Es tanzte allen in den Beinen. Baptist lief hinunter und bestellte drei Flaschen Bordeaux. Sie sangen und scherzten, während sie die Flaschen tranken, und ließen später noch zwei Flaschen heraufbringen.

Als Baptist nachher auf sein Zimmer kam und unter die üblichen Tagesausgaben für fünf Flaschen Wein fünfzehn Franken eintragen mußte, die die Wagschalen seines knapp gehaltenen Budgets schwer aus dem Gleichgewicht brachten, da spürte er eine peinliche Reue. Er fing an, mit kleinen Bruchteilchen von Franken und mit einer insektenhaften Geduld einem Ausweg nachzurechnen. Erst als er klar vor sich aufgebaut hatte, daß die fünfzehn Franken durch bestimmte kleine Sparsamkeitsmittel in einem Monat wieder ausgeglichen seien, war er zufriedengestellt.

Während der Tage bis zum Donnerstag erfüllte ihn dann eine fiebrige Ungeduld. Seine Stimmungen wechselten zwischen der Angst, daß der Vertrag schließlich doch noch zurückgenommen werden könnte, der leise stechenden Scham, sich nun öffentlich mit der Geige herauszustellen und der tiefen Lust, ein tätiges Leben aufzunehmen.

Es wurde unter der Leitung des Dicken wieder ernst und peinlich genau geprobt. Die Frauen nähten Baptist weiß und blau gestreifte, locker flatternde Hosen und rote weite Blusen mit umgeschlagenen Kragen. Das war die Uniform der Kapelle. Für Sonntags war die Bluse aus roter Seide. Er bekam zwei solcher Garnituren, zu denen die Frauen den Stoff aus ihren Körben zusammengesucht hatten. Als er eines Tages in sein Zimmer kam, lagen die beiden Anzüge sorgfältig über sein Bett gebreitet. Er probierte sie einen nach dem andern an und lachte sich im Spiegel aus. Aber er fand, daß das Feuer der roten Bluse sich sehr gut zu seinem weißen Gesicht und den hohen schwarzen Haaren gesellte. Da ging er an die Tür des Zimmers der Frauen pochen.

„Bin ich schön so?“ fragte er ins Zimmer hinein. Aber er blieb an der offenen Türe stehen.

„Oh, oh!“ rief Margherita und schlug ihre kleinen Hände zusammen, „sehr, sehr fein! oh, komm doch herein, Baptisto.“

„Nein, nein!“ antwortete Baptist lachend. „Es ist die Sonntagsuniform, ich muß sie gleich wieder ausziehen!“

Er lief über den Flur nach vorne zurück und traf den Dicken in seinem Zimmer.

„Ah, bravo!“ sagte dieser zerstreut, „sehr gut, sehr gut!“ aber er fügte mit einer geschäftlichen Miene hinzu: „Hier, Herr Baptisto. Unter Ehrenmännern ist es so Sitte, und ich hoffe, den Zettel bald wieder zurücknehmen zu können!“

Er reichte ihm ein Papier. Darauf stand auf Deutsch:

„Unterzeichneter bescheinigt, Herrn Battisto 100 Lire schuldig zu sein, wovon für Kostüme aus Tuch und Seide abzuziehen sind 25 Franken. Rest 75 Lire.

Emilio Leprotto, italienischer Kapellmeister.“

„Wär’ aber nicht nötig gewesen“, meinte Baptist und faltete das Papier zusammen.

„Bahbah! unter Ehrenmännern ...“ entgegnete der Italiener, indem er mit der Hand eine weitläufige Geste in der Luft zeichnete.

* * * * *

Und nun ging Baptist an dem großen Tag inmitten der andern Musikanten durch den menschengefüllten Saal des Restaurants _aux vieux chênes_. Es hatte auf einmal angefangen zu regnen und die Spaziergänger, die den Herbsttag im Bois genutzt hatten, füllten die Restaurants, die am Eingang zum Park Spalier standen. Grade die Vieux chenes, die durch große Plakate italienisches Konzert anzeigten, waren im Augenblick vollgeschwemmt. Es war fünf Uhr und unter dem grauen Himmel in dem Saal schon dunkel. Die Kronleuchter funkelten auf. Hereindrängende Menschen, Stuhlrücken, rufende Stimmen, eilende Kellner, Gläsergeklirr mischten sich zu einem wüsten Lärm durcheinander, der, als die buntgekleidete Gruppe der Italiener in der Türe neben dem Büfett erschien, ein paar Augenblicke lang wie in einem gewaltigen Trichter zu einem hoch gespannten Aüh! zusammenklang.

Baptist ging in der Maskerade seiner gestreiften Hose und seiner feurigen Bluse wie zwischen einer funkelnd nebeligen Mauer durch die Menschen hindurch. Er stieg mit den andern auf die kleine Bühne und sah nichts, war auf einmal droben und wußte nicht, wie er hinaufgekommen. Er war nicht so kühn, in die leise schaukelnde Masse zu seinen Füßen zu schauen. Sie schien nur wie ein tonloses, erhitztes Brüllen schwindelhaft tief unter ihm zu wogen. Es war ihm, als würde sie ihm die Augen verbrennen, wenn er hineinblickte. Ein heißer, funkenstiebender Regen ging dicht um ihn nieder. Er wurde von den andern vorgeschoben, er setzte den Bogen an und verstand nicht, was er tat. Er spielte, wie ein Automat, dessen Mechanismus man gerade gelöst hat, und die Töne hatten etwas Belegtes, wie eine Stimme, die im Schnupfen heiser ist.

Auf einmal sah er in der tiefen verworrenen Flut unter sich etwas Bekanntes und wußte nach einer Minute dumpfen Erstauntseins, daß das Bekannte, das er an einem der ersten Tische sah, der dicke Italiener, der Häuptling war. Und da stand der Herr Leprotto wie mit einem Schlag als eine wichtige kleine Insel drunten in dem Meer; als eine aufgeplusterte, winzige, komische Insel. Rasch hob sich das unruhige Erbrausen bis an die Ufer der Insel und brach sich langsam an ihnen. Um den Italiener bildeten sich für Baptist klare Kreise, die sich überblicken ließen. Auch weiterhin ordneten sich seinen mutiger werdenden Augen nun rasch die Erscheinungen. Er sah, daß eine blaue, mit goldenen Sternen gepunktete Decke sich von Säulen getragen über dem Raume schloß; er hörte sogar irgendwo ganz spitz das s...s...s... der kleinen Fontäne immer hinterlistig zwischen die Töne zischen, und sah sie auf einmal in einem Spiegel zwischen zwei Säulen. Und sah Menschen sich um Tische scharen und unter einem ineinander verzogenen Rauschen, wie unter einem Netz von gedämpftem Lärme liegen.

Nun sprangen ihm die Noten klar und sicher in die Finger. Er stieg aus dem Zusammenspiel heraus und sah, wie die Menschen unter dem wogenden Netz anfingen, die Köpfe zu wenden und aufzuhorchen. Da kam er sich unendlich wichtig vor und er ließ das Intermezzo der Cavalleria aus seiner Geige fließen, wie einer, der hingestellt ist, die Gemüter der Menschen beglückend zu erheben.

Er hatte in dem gefühlvollen Verfließenlassen des letzten Tones den Bogen noch nicht abgehoben, als sich der ganze Saal wie mit drohendem Radau unter seinem Netz herauszuheben schien. Baptist schrak zusammen und er faßte krampfhaft Margheritas Hand, die mit einer Mandoline neben ihm stand.

„Es war schön!“ flüsterte sie ihm trocken heiß zu und drückte seine Finger mit ihrer kleinen Hand. Er glaubte, er habe etwas angerichtet und sie wolle ihn trösten. Die Italiener stießen ihn. „Geh vor, geh vor!“ riefen sie ihn erregt an. Er wehrte sich gegen sie. Er war wie von scharfem Duft betäubt. Da griff Paolo ihn von hinten unversehens unter die Arme, hob ihn vom Stuhl und schob ihn vorwärts.

Nun erst verstand Baptist, daß er sich verneigend für den Beifall danken mußte. Er tat es und lächelte ganz verwirrt und mit lichtverblendeten Augen. Die Zuschauer, die diesen Auftritt sahen und alles für Bescheidenheit hielten, lachten drunten und klatschten wie verrückt weiter, trampelten und riefen. Der Dicke saß mit einem ruhig lächelnden Grinsen zwischen ihnen und machte nur immer eine kleine Bewegung mit seiner fetten Hand, die hinauftelegraphieren sollte: ‚alle auf, spielt noch einmal‘.

„Wir müssen es noch einmal spielen!“ sagte Paolo zu Baptist.

* * * * *

Baptist war naiv frisch und robust gegen diese verführerischen ersten Erlebnisse. Er nahm sie als etwas, das selbstverständlich ist, aber nicht die geringste Bedeutung hat. Die Leute, die da unten saßen, waren ihm nur eine gleichgültige Masse. Sie schwabbelte ein wenig in seinen Vorstellungen. Er spielte vor ihr aus Lust am Spielen, aus inniger, kräftiger Arbeitsfreude. Er hätte vielleicht ebenso gern in einem Bureau geschrieben oder bei einem Zimmermann gehobelt. Und das war der Unterschied zwischen früher und jetzt: Tätigkeit! Tätigkeit mit einem nahen robusten Ziel. Wie lebendiger Saft auf der Schnittfläche eines Baumes aufquillt, so sah Baptist sein Schaffen frisch und hell aus sich steigen. Darüber empfand er einen naiven warmen Stolz.

Einmal sah er, während er spielte, zwei Bekannte aus Luxemburg im Garten sitzen. Er hatte dort wohl nicht mit ihnen verkehrt, weil sie älter waren wie er. Aber der Bruder des einen war sein Schulkamerad gewesen und sie kannten sich gut. Baptist genierte sich ein wenig vor ihnen wegen seines bunten Kittels. Aber im Grunde freute er sich, daß etwas von früher her Bekanntes an seinen neuen Weg kam. In den Pausen lugte er öfter halb befangen und halb neugierig hin. Aber sie saßen zu weit weg, als daß er irgendeine Antwort auf seine Blicke hätte erkennen können. Als dann die Musikanten zum Abendessen gerufen wurden und an dem Tisch, an dem die Luxemburger saßen, vorbeigehn mußten, um ins Haus zu kommen, war Baptist freudig gespannt, ob sie ihn anhalten und begrüßen und was sie sagen würden. Er hielt sie mit dem Blick fest, während er zwischen den Tischen hindurch auf sie zuging, zögerte ein wenig mit den Schritten, als er an ihrem Tisch angekommen war ... Aber sie redeten heftig abgewandt auf einander ein, drehten ihm schroff den Rücken, als wiesen sie ihn damit grob und energisch ab.

Da schoß Baptist die Schamröte ins Gesicht. „Ihr Rindviechers, ihr Lakels, ihr krummen Hunde!“ schimpfte er vor sich hin, als er davonging. „Ihr ...“ und schließlich fand er in der Erregung nichts mehr, was erbitterter, verächtlicher und beleidigender gewesen wäre – und er sagte: „Ihr Luxemburger!“

Als er dann wieder später zurückkam, wollte er mit einem verächtlichen Lächeln an ihnen vorbeigehen. Aber ihr Tisch war leer.

Mit einer kindischen Verletztheit trug er das kleine bürgerliche Erlebnis in den Abend hinein und stach sich dran. Sein Ehrgeiz war verwundet worden und es wuchs kein Kraut, das zu heilen.

Da spielte er in verweichlichtem Trotz um die Gunst der Masse, die da unten dumpf ein wenig schwabbelte. Er hielt die sentimentalen Töne mit einem langen Tremolieren wie an einer zitternden Schnur an einer Stange über die Tische. Und die Herzen griffen danach. Es war Großstadtabend, und um die weißen Monde der Bogenlampen zwischen den Bäumen tanzten die letzten Sommertiere. Aus dem Bois schlugen die scharfen Düfte der ersten Zersetzung, nach abgeschälten Rinden riechend, bitter und verwirrend in den Konzertgarten. Draußen fuhren erleuchtete Elektrische vorbei zur Stadt zurück. Das Jahr, der Bois und der Tag starben.

Das fühlten die Bürger und mehr noch ihre Frauen und ihre Töchter und sie hatten eine Ahnung, eine dumpfe, ferne traurige Ahnung von den Zusammenhängen, von der unerbittlichen Sinnbildlichkeit dieser dunklen, heftigen, erregenden Stunde in dem kühl werdenden Konzertgarten und fühlten ihre Vorstellungen von den schwermütigen, gefühlvollen Geigentönen melancholisch bestätigt und bequem ausgedrückt. Und lag nicht auch Liebe in den Liedern? Die Liebe, in der man sich zusammenschließt, um jene Traurigkeiten gemeinsam zu tragen.

Und sie klatschten, weil sie gerührt und erregt und weil sie dankbar waren, und wußten wohl, daß unter den Musikanten da oben es nur der schöne stattliche Junge sein konnte, der die erste Geige führte und sich dabei in den Hüften bog und mit dem Körper im Rhythmus schaukelte wie ein rassiger, koketter Hengst im Zirkus.

Acht Tage nach der schmerzlichen Begegnung mit den Luxemburgern setzte ein Vorstoß des Winters ein und man fuhr nicht mehr hinaus zum Bois. Die Vieux Chenes wurden geschlossen. Aber ihr Besitzer leitete das Café de l’Univers in einer Seitenstraße der Boulevards im Norden und verpflichtete Leprotto und seine Gesellschaft auf eine weitere Zeit für dieses große Cafélokal. Dort spielten sie nun jeden Tag von sechs Uhr bis Mitternacht. Vor sich sahen sie fast immer dieselben Gesichter, die nur mit den Stunden wechselten. Zwischen dem Podium und den Gästen entstand ein familiärer Verkehr. Man bewunderte Baptists Spiel und mancher sagte ihm, ihn wichtig beiseite nehmend, er könne ganz wo anders sein.

Frauen machten sich an ihn heran. Ein Herr kam oft hin, setzte sich stets in die Nähe des Orchesters und war außerordentlich liebenswürdig zu Baptist. Er tat, als schätze er ihn sehr, und Baptist unterhielt sich gerne mit dem Unbekannten und war froh über seine Teilnahme. Eines Abends trat der Herr auf ihn zu und bat mit einem großen Aufwand von Höflichkeitsworten, ob er nicht einmal seine Geige besehen könnte. Baptist reichte sie ihm hin. Der Herr klopfte und schaute, zupfte an den Saiten und schaute wieder und gab Baptist das Instrument schließlich zurück.

„Sehr gut!“ sagte der Herr.

„O ja, es ist eine gute Geige!“ meinte Baptist wohlgelaunt.

„M ... ja ... ich sammle Instrumente aus dieser Zeit. Nur Historisches. Sie ist Ende sechzehnhundert, Oberitalien ... Würden Sie mir sie für zweihundert Franken überlassen?“

Der Herr griff in die Brusttasche.

„Ich pflege keine Geigen für zweihundert Franken zu verkaufen, von denen ich weiß, daß sie zweitausend wert sind!“ antwortete Baptist lachend.

„So, Sie wissen?“ Der Herr machte ein überrumpeltes Gesicht.

„Allerdings!“ sagte Baptist.

Darauf grüßte ihn der Herr nicht mehr.

Dieses Erlebnis erzählte Baptist Margherita, als sie nachts zusammen nach Haus gingen. Er fügte hinzu: „Wissen Sie, liebe Margherita, es ist nun wahr, daß diese Geige jetzt für mich so etwas besitzt, wie es eine Frau hat, die lieb, zärtlich und treu ist. Sie wissen doch, mit der Rosa ist es nichts! Sie ist so steif und so hölzern. Hat sie eigentlich einen Leib? ... und nun bin ich wohl ein wenig allein und hab die Geige aber immer Tag und Nacht als Gesellschafterin.“

Da sagte Margherita leidenschaftlich: „Gehn Sie von uns weg. Sie müssen mehr werden!“

„Ach Gott, Margherita, das werde ich auch!“ antwortete Baptist. „Aber hat’s dazu nicht Zeit?“

„Nein! Unser Holz ist morsch und faul und steckt rundum an!“

Aber Baptist ließ sich nicht weiter von diesem Gespräch rühren. Er war jetzt immer sehr müde, wenn er nach Hause kam, und führte selbst sein Ausgabenbuch nicht mehr so freudig wie anfangs. Er fühlte sich biegsam werden. Er versuchte jetzt im Café de l’Univers oft, worauf er an dem Abend verfallen war, da er die Luxemburger in den Vieux Chenes gesehen hatte: die Zuhörer an sich heranzuziehen, und empfand in diesem enger zusammengedrängten Kreis die Wirkung unmittelbarer. Er sah Frauenaugen begehrlich und erregt leuchtend an ihm hängenbleiben, wenn er die langen Töne mit süßlicher Eindringlichkeit aus dem Zusammenspiel herauszittern ließ, und er fühlte sich übergossen von einem heißen, rieselnden Reiz.

Diese Musik noch nervöser zu spielen, als sie schon von Haus aus war, das war das Rezept, das Baptist dann seinen Zuhörern aufmischte.

Damit konnte er diese zur Nacht erblühten Blumen des Asphalts, diese im feuchtwarmen Duft des Verkommens fiebernden Frauen, all die aufgelösten, gierigen Menschlein in erhitzendem Auferwecken an ihren Tischen erregt tänzeln machen.

Es war eine Morphiumkur. Aber ihre Dünste schlugen ihm selber in die Adern. Er wurde nun umworben, er der schöne Primgeiger! Er, der den Zauber der Klänge aus der Geige heben konnte. Die andern fingerten ja nur! Er, der interessante Flüchtling! Leprotto ging drunten herum und biederte sich mit den Gästen an, um ihnen die ausgeschmückte, romantisch verdunkelte Geschichte des Geigers zu erzählen. Die öffentliche Anteilnahme richtete die blendend erhellende Scheibe ihres Reflektors auf ihn, und er schwänzelte in diesem Beleuchtungsfeld, wie eine kokette Frau, die Männerblicke auf sich fühlt.

Er warb, obschon er genug hatte. Er warb weiter, weil seine Nerven eine austrocknende Hitze bekamen und er sie nur aus dem Saale heraus auffrischen konnte. Nun machte er auch keine Opposition mehr gegen die sinnlosen Modestücke und spielte sie mit denselben kokettierenden Anstrengungen wie die andern. Zugleich aber stumpfte sich sein zugespitztes Feingefühl ab. Seine Musik war eine Funktion, die jeden Tag um dieselbe Zeit begann, pauste, endigte. Die jeden Tag dieselben Höhepunkte, dieselben Anstrengungen und Gleichgültigkeiten hatte. Er verlor das Gefühl für Nüancierungen. Seine Empfindsamkeit war zum Handwerk geworden und setzte Huf an.

Als diese innere Empfänglichkeit nicht mehr so sicher auf jeden Kontakt reagierte, verlor er seine besten Waffen. Das Leben floß frei auf ihn herein. Das hatte er ja immer gewünscht – das ungebändigte, riechende, rundum raffende Leben. Aber so wie es die italienischen Musikanten und die Gesellschaft des Nachtcafés ihm mischten, vermochte er es nicht zu ertragen. Er war so blutjung und so leichtgläubig. Seine innere Spannung ermüdete bald an diesem unklug und maßlos hochgespannten Leben und wurde schlapp. Er sank wie an einer Stange herunter und merkte es nicht, weil er noch immer die Bewegung des Hinaufkletterns machte.

Nun begann er auch, sein mit Energie geführtes Ausgabenbuch zu vernachlässigen, und einmal, als er gar nicht mehr herauskam, weil er schon eine Woche lang nichts eingetragen hatte, nahm er es und warf es in den Ofen.

Er lud die Italiener oft zum Trinken ein. Sie lagen dann in dem Zimmer der Männer, spaßten und zechten und erzählten sich aus ihrem Leben. Wenn sie betrunken waren, küßten sie sich. Sie faulenzten und luderten zusammen und duzten sich. Die innere Schranke war gefallen. Auf sein Geld gab Baptist gar nicht mehr acht. Er verschwendete, unfähig, sich eine Ausgabe zu versagen, die ihn lockte.

Einmal klopfte es an seiner Türe und als er Herein rief, kam Margherita.

„Margherita!“ rief er plötzlich aufgeregt der Unerwarteten zu.

Sie kam ruhig und ernst näher, lehnte sich vor ihm gegen den Tisch und sagte mit einem herzlichen Ton: „Erinnern Sie sich Baptist, daß ich Ihnen einmal nachts gesagt hab’, Sie seien besser wie wir und sollen von uns weggehn?“

„Ja, und? ... Margherita? ... Sie wollen mich los sein?“

„Nein! Aber es ist Ihretwegen. Ich sag’s noch einmal, es ist die höchste Zeit.“

„Weshalb?“

„Sie sollen nicht mit unsern Männern trinken!“

„Ja, aber ...?“

„Und nicht Ihr Geld verschwenden und nicht so spielen, wie Sie setzt immer die Lieder spielen im Café, so gemein!“

Da sagte Baptist ihr entflammt: „Margherita, liebst du mich!“

Er hob seine Hände, um das Mädchen an den Schultern an sich heranzuziehen.

„Nein!“ rief sie, entwand sich ihm und ging aus dem Zimmer. Seine Arme sanken leer und enttäuscht nieder, und er stand da, aufgehalten in seiner entflammten Gebärde, betrogen und zornig, trotzig und aufgewühlt.

„Dann geh!“ sagte er ihr grob nach.

Er zog seinen Mantel an und stieg auf die Straße hinunter. Er ging die Boulevards in der innern Stadt erregt entlang und schaute den Frauen zu. Sie waren häßlich oder schön, gut oder schlecht gekleidet. Aber alle waren Frauen. Er schaute ihnen mit einem verächtlichen Begehren nach.

Schließlich machte er eine hastige Bewegung der Ungeduld, trat auf der Place de Broukere auf eine Droschke zu und sagte heftig: „In ein Bordell, Kutscher!“

„Gerne, mein Herr!“ erwiderte der Kutscher mit höflicher Gleichgültigkeit.

So erlebte Baptist in der engen heimlichen Hügelstraße diese erste große Feierlichkeit seines Lebens. Durch die kleinen quadratischen Fenster sah er die Häusermassen zurückgehalten den Stadthügel herunterdrängen. Das stumpfe, gewaltige Turmpaar der gotischen Hl. Gudule-Kirche hob sich mit schwerfälliger Sehnsüchtigkeit mitten aus der Sturzflut der Dächer in den grauen Tag.

Und in der herbstlichen regnerischen Nachmittagsstunde erfüllte sich das nächtig und dunkel erwartete Märchen, das seine Jugend abschloß. Er erlebte es als eine enttäuschende, schmerzhafte Winzigkeit. Noch lange blieb es, wie ein trüber Satz in einem Glase, auf dem Grund seines Innern liegen.