Achtes Kapitel
Der Herr hielt sich unterwegs hart neben Baptist und untersuchte heimlich und verwundert sein Gesicht und sein Wesen. Der Fremde war ein blonder Mann mit hohen, schlanken Gliedern. Seine Haare fingen an grau zu werden. Er trug einen korngelben, etwas wehenden Schnurrbart, nahm lange Schritte, hatte eine freie, blanke Stirn und darunter ausschauende helle Augen, eine schlanke Nase und ein starkes Kinn.
Sein Koffer war schwer. Baptist mußte ihn oft von einer Hand in die andere gehen lassen und ihn schließlich erschöpft ein Weilchen auf den Boden niedersetzen. Der Mann blieb indessen mit Baptist stehen und schaute, als ob es ihn nicht interessierte, wie es mit seinem Koffer zuging, zu den Dächern der Häuser hinauf und an ihren Fassaden entlang. Diese stumme und untätige Duldsamkeit reizte Baptist. Er hob den Koffer gleich auf und ging weiter. Als er wieder müde wurde, biß er die Zähne auf die Lippen fest, als könnte er damit seine Kräfte anspornen und aufrecht erhalten. Aber die Last wurde fast unerträglich. Sein geschwächter Körper konnte ihr kaum noch widerstehen, und es kam ihm vor, als seien seine Glieder ausgehängt. Da ließ er mit einem knirschenden Seufzer den Koffer zu Boden gleiten und blieb stehen.
Auch der Fremde hielt zugleich seine Schritte an. Baptist fühlte, daß jener ihn anschaute, und er wandte seinen Kopf weg.
„Sie!“ sagte da der Fremde mit einer Stimme, die so gütig bezwingend klang, daß Baptist ihm die Augen zukehren mußte. „Wann haben Sie zum letztenmal gegessen?“
„Gestern um zwölf Uhr!“ antwortete Baptist in Eile und ohne weitere Überlegung. Es hatte nur den Zweck, rasch über die neuauftauchende peinliche Angelegenheit wegzukommen.
„Das sind jetzt über vierundzwanzig Stunden her!“
„Oh, ich bin daran gewöhnt!“ Das sagte Baptist zunächst mit der harmlosen Absicht, diesen unerwarteten Zwischenfall abzutun; aber dann kam doch, ganz aus innerer Macht unversehens emporgeschleudert, ein so höhnisches, empörtes und zitteriges Lachen hinein, daß der andere ausrief: „Wer sind Sie denn? Sie sehen nicht aus, wie die, bei denen Sie standen!“
Aber Baptist glaubte sich hinter einem querköpfigen Trotz verschanzen zu müssen: „Sozusagen ein Vagabund, dem es nicht schlechter geht, als den andern Kollegen!“
Der Fremde schaute ihn mit einem langen, suchenden Blicke an. Dann glitt sein Auge weg und er sagte mild: „Wollen wir etwas essen gehen! Eine halbe Stunde Zeit habe ich noch!“
„Nein, danke!“ wies ihn Baptist hartnäckig ab.
Da schwieg der Fremde. Baptist nahm den Koffer wieder auf und sie gingen weiter. Aber bald blieb der Fremde stehen und bemerkte kurz und wie obenhin, indem er seine Brieftasche herauszog: „Wenn Sie mal Lust dazu bekommen, daß es Ihnen anders gehen soll, da haben Sie meine Adresse. Wenn Sie dann vielleicht in der Gegend sind oder es gibt ja auch eine Post, – helf ich Ihnen!“
Mit einem trotzigen und verächtlich zweiflerischen „Ho!?“ fuhr Baptist mit der Karte in die Hosentasche. Aber während er weiterschritt fing er rasch an, seinen hartsinnigen Trotz zu bereuen. Wie töricht war sein verlumpter Stolz gegen den Edelmut dieses Mannes! Und wer war dieser ernste, stolze Mensch, der so neben ihm ging und sich für ihn einsetzen wollte, obgleich er ihn eben erst aus dem Kreise der Schnapser und Vagabunden genommen hatte! War in ihm, dem Verluderten, denn noch etwas, das zurückzeigte nach seinem Ehedem? ...
Baptist liebte den Fremden mit einer scheuen und ergebenen Haltlosigleit, wie eine gütige Macht, die ihn warm anblies. Während er den Koffer in der Hand neben jenem herlief, fühlte er sich wie ein Kind, dessen Phantasie der Fremde die verlockenden Spiele von Märchenerzählungen zuwarf. Das naiv Unbeholfene, das zärtliche Abhängigsein des Kindes von der nährenden Phantasie des Erwachsenen regte sich in Baptist ... Dieses stammelnde Verwundertsein und verwunderte Zugreifen, das gerührte, schweifende Fabulieren, mit dem das Kind die schönen Märchen in sich nimmt! Aber er war doch zu zerknetet, als daß er die Kraft zu dem Märchen selber gefunden hätte: diesem fremden Manne nun auf einmal in der kalten großen Stadt sein Schicksal zu offenbaren. Er schlich nur nebenher, und sein Herz quoll wieder zu einer kleinen, zagen Fruchtbarkeit auf.
Am Bahnhof nahm der Fremde ihm den Koffer aus der Hand.
„So!“ sagte er und reichte Baptist ein Fünffrankenstück, „Ich könnte Ihnen mehr geben, denn ich weiß, daß Sie es gebrauchen. Aber ich pflege nie eine Arbeit über Gebühr zu bezahlen, weil ich kein Almosen geben mag.“
Daran hielt er Baptist zum Abschiedsgruß die Hand hin. Dieser war darüber so betroffen und so erschrocken, daß er zunächst nur verwirrt vor sich hinstieren konnte. Aber auf einmal überströmte es ihn, weh und zärtlich, wild und verlangend; er bückte sich nieder und küßte die Hand des Unbekannten. Dann stürzte er kopflos davon, und die Tränen sprangen wie Brunnen in seinen Augen, während er durch die nächsten Straßen vom Bahnhof weglief.
Als er sich schon wieder gefaßt hatte und die Wirklichkeit hobelnd über das Erlebnis zu fahren begann, stand er auf einmal, von einem Schild festgehalten, vor einem Haus. ‚Alientje Veroken, Plätterin‘ ... Aber es dauerte eine kleine Zeit, bis er den Zusammenhang zwischen dem Schild und sich gefunden hatte, und in dieser Zeit hatte Alientje durchs Fenster geschaut, ihn gesehen und war schnell auf die Straße gekommen.
„He da, Herr!“ rief sie. „Man will wohl vorbeigehn?“
„Fräulein Veroken!“ machte Baptist und war froh erschrocken, so plötzlich etwas Bekanntes vor sich zu haben.
„Nun kommen Sie mal auf einen Augenblick mit herein!“
Und als sie drinnen waren, fragte das Mädchen: „Und wie gehts denn seitdem?“
„Gut und schlecht!“ antwortete Baptist.
„Aber mehr schlecht?“ sagte Alientje, und ihre starken Augenbrauen hüpften einmal auf. Dann fügte sie unvermittelt hinzu, indem sie ihre Stimme sanft und gefühlvoll machte: „Wer gibt sich aber auch mit solchem Pack von Musikanten ab, Sie Kind!“
Baptist machte eine unentschiedene Gebärde mit dem rechten Arm. Es kam ihm heute, seitdem er den Fremden verlassen hatte, nichts mehr erstaunlich vor, und er fand es natürlich, daß diese Frau, die ihm einst in einer Stunde der Not ihr Bett gegeben hatte, mit solcher Selbstverständlichkeit an seine innersten Dinge rührte.
„Wie konnten Sie so etwas machen!“ beharrte Fräulein Veroken. „Sie scheinen ja anderswoher zu sein, als wie Sie jetzt leben. Sie sind ja noch ein Kind. Wie alt?“
„Dreiundzwanzig!“
Alientje schlug die Hände zusammen und legte sie dann Baptist schwer auf die Schultern. „Dreiundzwanzig Jahre!“ rief sie aus, und ihr großer Mund formte mit einer seltsam erregten Bewegung die beiden Wörter, so daß die Fächer der kleinen Fältchen, die von ihren Mundwinkeln aus niederwärts ins Kinn gingen, sich verstärkten und wie gekräuselt aussahen. „Sie sind ja noch ein Kind. Sie brauchen ja noch eine Mutter! Sie sehen schlecht aus. Haben sich wohl noch nicht ganz erholt von Ihrer Krankheit im Spital? Wie leben Sie denn jetzt? Sagen Sie mal, wie leben Sie ...!“
Baptist freute sich an dieser Teilnahme. Aber was er in der letzten Zeit erlebt hatte, war ihm in diesen Stunden unwirklich geworden unter dem großen Wunsch, den der Fremde in ihn gesät hatte und den sein Herz wie in einem Vorfrühling durch die Schollen trieb; und er antwortete mit heißem Aufbegehren: „Ach, ich möchte so gern eine kleine feste Arbeit haben!“
„Jetzt bringen Sie mir“, sagte Alientje, nachdem sie etwas überlegt hatte, „einen Korb Wäsche zum St. Paulsplatz in die Taverne du Congo. Das muß weg und ich mach’ dann die pressante Arbeit, die noch daliegt, hinter mich. Dann kommen Sie zurück, und wir sprechen mal ordentlich zusammen!“
„Ganz gern!“ sagte Baptist und das ‚ganz‘ klang mit einem Ton kindlicher Herzlichkeit. Er war glücklich, schon wieder ein vorgemessenes Stück Arbeit erledigen zu können. Er nahm den Korb, der mit einem roten Tuch zugedeckt war, auf die Schulter und ging auf die Straße hinaus. Der St. Paulsplatz lag kaum eine Viertelstunde von der Wohnung der Plätterin, und Baptist trat in die Taverne du Congo ein.
Er kam in einen großen Raum, in dem jedes Plätzchen, das Tische, Stühle und Lampen freigelassen hatten, mit Kuriositäten vollgestopft war. Bilder von Schiffen waren von Gruppen seltsamer Holzwaffen umrahmt und dazwischen stachen gewaltig verbogene oder unheimlich lang zugespitzte Geweihe hervor, fremdartige Geflechte lagen unter ausgestopften Rieseneidechsen, hühnenhafte Eier hingen von der Decke herunter, ein paar Schiffsmodelle schaukelten leise im Luftzug, und ein farbiges Gewölbe von Papiergirlanden hob sich über diesen Gegenständen und verbarg die braune angeräucherte Decke.
Baptist ging auf den Schenktisch zu, hinter dem ein Mann mit klotzigen, roten Armen Gläser spülte. Als dieser Baptist mit dem Korb sah, trocknete er sich die Hände und sagte lebhaft: „So, Sie bringen die Wäsche schon?“
„Von Fräulein Veroken!“ antwortete Baptist.
Der Wirt kam herausgehüpft. Er war ein kleiner solider Mann von spaßhaftem Aussehen mit drollig lebhaften, kurz gehackten Bewegungen und hatte eine erfreuliche rote Nase, die aus einem graugemischten Wust von Bart herauskam.
„So! Das hält Leib und Seele zusammen in dieser Jahreszeit!“ sagte er und goß aus einer dunklen Flasche Baptist ein Gläschen ein. „Nun wollen wir mal schauen, ob sie auch nichts zurückbehalten hat, das Fräulein, oder ob Sie nichts verloren haben unterwegs.“ Damit hob er Baptist den Korb aus den Händen und stellte ihn auf den nächsten Tisch. Er zog rasch Stück für Stück heraus, nahm einen Zettel von einem Nagel und rieb sich die Nase, während seine Lippen leise gingen und ihre Bewegungen dem Haarwust seines Bartes verstärkt mitteilten.
„_All right!_“ rief er schließlich. „_C’est juste_, stimmt, _è giusto_!“
Baptist gefiel der drollige Kerl. Er wollte sich mit ihm gut stellen und sagte: „Sie sind gescheit, vier Sprachen!“
„Ja, was wollen Sie! Hier im Hafen! Und ich müßte dazu noch mindestens chinesisch, japanisch, kasongolisch und maorisch können, um ein guter Wirt zu sein, so wie’s Geschäft international wird!“
„Sie sind wohl ein Deutscher?“ meinte Baptist dazwischen.
„Weil ich mein Französisch mit kölnischem Akzent spreche, meinen Sie. Freilich, ganz direkt aus Köllen, wenn Sie wissen, wo das ist!“
„Selbstverständlich weiß ich das und war schon dort!“ sagte Baptist nun auf deutsch.
„Psst, psst! Nicht zu laut!“ machte der Wirt und spitzte die Lippen aus der Wildnis seines Bartes heraus. „Es sind zuviel Deutsche hier in Antwerpen, die gute Geschäfte machen. Und wenn man Taverne du Congo heißt ...“ Aber er lachte hinterher wie eine losrasselnde Ankerkette. „Nee, es is nich so gefährlich. Man verträgt sich ... Sagen Sie mal, sind Sie so ein bißchen in die Sprachen rin?“ fragte er dann mit einem andern Ton. „Sie sprechen französisch, wie _monsieur Boulanger de Paris_.“
Baptist antwortete: „Ja, es geht, neben französisch und deutsch noch italienisch, englisch und auch ein wenig flämisch.“
„So, so!“ sagte der Wirt. „Ja, ja! Und Lateinisch und Griechisch?!“ Dabei strich er sich pfiffig mit dem Finger über den Mund, an der Stelle, wo Baptist die Narbe hatte.
„Bonn?“ fragte er dann mit einem verständnisvollen Kopfheben und einer verschmitzten Sachkenntnis. Aber er fügte gleich bei: „Ihren Kleidern sieht man keene fünf Sprachen mehr an. N...ja, es geht bisweilen, wie der Preuß sagt, dreckig zu in Jottes schöner Welt. Das kriegt man in so einem Hafen ja zu sehn. Wollen Sie eintreten in die Taverne du Congo? Meiner fährt mir hinterlistig heut Abend nach dem richtigen Kongo im Afrika drin. Dafür aber in Uniform. Anständiges Essen, ein Kämmerlein, zwanzig Franken im Monat und dagegen ein bißchen Gläserputzen, Stubenreinigen, Servieren und wenns scharf kommt, einem zu der guten Luft des Paulsplatzes verhelfen. Nu schlagen Sie mal rin!“
Das tat Baptist. Er kam sich vor wie in einer Wunderkomödie, in der sich alles Gute zum Schluß plötzlich überstürzt. Er bekam noch einen Schnaps.
„Morjen früh acht Uhr antrrräten! äh, äh!“ machte der Wirt militärisch und schlug den dicken Zeigefinger an die knollig runde Stirn.
Baptist ging durch die Straßen und hielt den Kopf hoch. Er war gerührt. Es war wieder Milde in sein Leben gekommen. Es erwartete ihn wieder ein Kämmerlein, ein gedeckter Tisch, Menschen. Der frostige Dezembertag wurde ein Frühlingstag und er schritt wie von einem Tänzchen getragen leicht hindurch.
‚Das ist der Segen der Arbeit!‘ sagte er sich zwanzigmal auf dem Weg zu der Plätterin. Wäre ich bei den Lumpen geblieben und hätte den Koffer nicht getragen, so wäre ich nicht zu Alientje Veroken und nicht zu dem kölnischen Wirt gekommen. Ob er’s nicht dem Fremden schreiben soll, daß er nun in einer ordentlichen Anstellung arbeiten wird.
Da las er erst die Karte. Es stand drauf: Just Timmermann, Oevelgönne bei Hamburg, Flottbecker Chaussee 77a.
Just! sagte er sich, hat die Wurzel von ‚gerecht‘, und Timmermann hat so etwas von Balken, etwas eichen Aufgebautes ... Zimmermann!
So kam er zur Plätterin zurück.
„Ich glaubte, Sie wollten mich im Stich lassen!“ sagte sie mit einer Miene zu schmollen, und die zwei Fächer von Fältchen falteten sich um ihr Kinn auf.
Da erzählte ihr Baptist, was er derweil unternommen habe. Sie zeigte eine lebendige Freude darüber und klatschte in die Hände, während die dicken dunklen Augenbrauen leicht auf und ab zuckten.
„Als ob ich eine Vorahnung gehabt hätte!“ sagte sie. „Kommen Sie mein Kind!“ und sie legte ihre Hand wie mit einer plötzlichen überschwemmenden Herzlichkeit kräftig um seinen Arm und zog ihn mit sich in das kleine Zimmer hinter dem vorderen Raum. Dort war es schon dunkel. Als Baptists Augen an dieses schwere braune Licht gewöhnt waren, sah er einen gedeckten Tisch mit Brot, Butter und Wurst und mit Bierflaschen. In dem kleinen eisernen Öfchen brodelte ein Feuer, das lustig durch das Luftloch in dem Türchen leuchtete und blaßgoldene hüpfende Flecken an die dunkle Bettstelle warf.
„Für heut schließen wir das Geschäft!“ sagte die Frau dann, indem sie sich die Schürze abband. Sie ging auf einen Augenblick hinaus, und Baptist härte, wie der Schlüssel im Schloß der Straßentüre sprang. Als sie dann wieder in der Stube war, schob sie Baptist auf einen Stuhl, ließ die Läden vor den Fenstern herunter, zündete die kleine Stehlampe an und setzte sich nahe an ihren Gast heran an den Tisch. Dann machte sie Brot zurecht, goß Bier ein, sie aßen und tranken, während sie Baptist nötigte zu erzählen, wie es in der Taverne gegangen sei.
Baptist saß wieder auf einem ordentlichen Stuhl in einem netten Stübchen. Das Zimmer war so weichwarm. Das Feuer schnurrte plaudernd im Ofen und durch das Lufttürlein sprangen die Lichtflecken an der dunklen Bettstelle hinauf in die weichen Kissen, die über den Rand der verhängten Lampenglocke hinaus heimlich grau im Schatten lagen. Neben ihm saß wieder einmal ein Mensch, ein guter Mensch aus Fleisch und Blut, den er mit den grausamen Stunden seiner letzten Wochen warm machen konnte. Er sah Alientjes große, kühl glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen Worten; sie kam unter seinem aufgeweichten, bittern Erzählen innerlich ganz an ihn heran und in der warmen Berührung mit ihrer Anteilnahme lösten sich die erlittenen Kümmernisse leicht und flüchtig von ihm los.
Alientje war enger an ihn gerückt. Der Halsrand ihrer Bluse war noch von der Arbeit her nach innen eingebogen und das nackte Fleisch ihres sehnigen Halses schien warm und leuchtend aus dem Ausschnitt heraus. Ihr Gesicht war von dem, was sie hörte, gespannt. Es hatte einen dunklen, verwilderten Zug. Die Augenbrauen erhoben sich buschig und schwül darin und zuckten in der Erregung. Die Frau horchte mit Bewegungen zu, die sich wie unbewußt springend, wie hastig verlangend dem jungen Menschen entgegenmachten. Ihr eckig sinnlicher Leib hatte ein vergessenes Sichhinhalten.
Als Baptist auserzählt hatte, sagte er nach einer Pause, in der ihm die Stimmung des warmen, heimelig verdunkelten Stübchens mit seiner Bewohnerin leise umwogte: „Ach, hier ist’s so gut!“ Da legte die Frau ihre Arme schwer um seinen Hals und glitt zu ihm heran.
„Du bist so schön!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht. Er fühlte den Frauenleib auf seine Glieder drücken. Ihr Atem flog ihn mit einem feuchtbitteren, aufreizenden Geruch an und er legte seine Arme um sie. Als seine Hand in dem dünnen Stoff des Kleides unvermittelt ihren Busen spürte, sagte er sich, wie aus etwas Unklarem aufgeweckt: ‚Sie ist ja eine Frau!‘
„Du siehst so vornehm aus!“ flüsterte sie wieder. Und ihr Atem strich erregend warm über sein Gesicht. Er zog sie enger heran; er fühlte ihren Leib, dessen Blüte schon im Vergehen war, mit rückhaltloser Weichheit und doch wie steinigt auf seinen Gliedern, und er legte seinen Mund kosend auf ihr Gesicht. Aber er traf ihre Lippen, die sich heftig auf die seinigen schlossen, und er lag dann bei ihr in den schmiegsamen, weichen Tüchern einschläfernd aufgereizt, wehrlos sich hingebend, warm und dankbar.
* * * * *
In der Taverne du Congo am Paulsplatz fing Baptist dann an zu arbeiten. Zuerst mutig und zuversichtlich und alle Gedanken von der angestrengten Arbeit eingehüllt. Des Abends war er immer müde und stieg mit zufriedener Ermattung, nachdem das Lokal unten geschlossen war, zu seinem Dachkämmerlein hinauf und legte sich, gewiß des erfüllten Daseins, in sein wackeliges Eisenbett. Das sichere, gutgenährte und von körperlicher Beschäftigung erfüllte Leben stärkte langsam seine Glieder wieder. Er fühlte seine Muskeln straffer, seinen Körper widerstandsfähiger werden.
Die Kunden, die kamen, und die er gelegentlich bedienen half, waren der Mischmasch der groben und abenteuerlichen, der einfachen und brutalen Existenzen, die die Hafenstadt versammelte. Sie kamen und gingen. Nichts blieb von ihnen zurück. Sie hatten meist viehische Manieren. Baptist hörte sie ihre gemeinen Geschichten erzählen, sah sie in Streit geraten und sich roh bedrohen; beobachtete, wie sie sich untereinander und den Wirt zu betrügen versuchten, wie sie stahlen. Sie brachten ihre verluderten Weiber mit, kosten sie ohne Scham und prügelten sich, wenn sie betrunken waren, um diese öffentlichen Bälger, die gleichgültig, welchem Sieger sie zufielen, mit tierischer Gedankenlosigkeit den rohen Auftritten zuschauten.
So blieb Baptists Leben flach auf der Linie liegen, wie er’s am ersten Tage an der Seite des Herrn Hasenklever aus Köln begonnen hatte. Er fühlte sich manchmal wie schon leise durchsetzt von der brutalen Atmosphäre, in der sich sein Leben vollzog, und er hörte auf, das Unbestimmte, verlockend Weiterführende zu erwarten. Er tat seine Arbeit mit einer ratlosen Gleichgültigkeit und Notwendigkeit. Aber er lag rastlos und still seinen Pflichten ob und gewann sich die volle Sympathie des Wirtes.
Jeden Montag Abend, denn die Montagabende waren Geschäftsflauten, hatte Baptist Ausgehtag. Nach einiger Zeit nahm ihn Hasenklever an diesen Abenden immer mit in seine Stube. Sie lag mit den Schlafzimmern der Familie auf dem ersten Stockwerk. Sie aßen dann miteinander zu Nacht, zusammen mit den beiden Töchtern des Wirts, die stille, einfache Mädchen waren und ihre ganze Zeit zur Verwaltung der Küche gebrauchten. Wenn sie dann nachher noch etwas beisammen saßen, benutzte der Wirt die ruhige Zeit, nahm aus dem kleinen Eichenschrank auf der Kommode die Kasse und die Bücher und machte mit Baptists Hilfe die Eintragungen der Woche. Bis das erledigt war, ging es immer bis um die neun Uhr.
Baptist verließ dann das Haus und schritt schnell durch die Abendgassen zur Sudermanstraße, in der Alientje wohnte. Er klopfte an den Holzladen der Türe. Bald kam drinnen Antwort. Das Schloß knackte und er schlüpfte in die Dunkelheit und in die Arme Alientjes hinein, die immer mit einer gleich zufassenden, wie stürzend überschwemmenden Zärtlichkeit diese Empfänge vollzog. Die beiden glitten dann aneinanderhängend in die kleine Stube, in der der Ofen brodelte und goldene Flecken ins Bett hüpfen ließ. Die großen Augenbrauen Alientjes gingen auf und ab und Baptist spürte sie aufreizend an seinen Wangen, seinen Augen, seinen Lippen. Wenn er sich dann an Alientjes warmen nackten Körper drücken konnte und ihn so nach wortarmen und doch vollen Stunden sorglos erfüllt und sanft hingegeben, der Schlaf überkam – das war Mitleid, Milde, Flucht.
Von allem Persönlichen entfernt, waren diese wöchentlichen Nächte, die ihm das Mädchen gab, wie ein Prinzip der Güte. Er wuchs in ihnen in den Schoß des warmen Menschlichen, das mit vegetativ unbewußten Absichten sich um die Paare schlang und sich wie Blitzableiter in die Gewittergeladenheit der gewalttätigen Tage des Daseins richtete.
Baptist war der Frau deshalb mit einer gedankenlosen Selbstverständlichkeit verbunden. Es war mehr als Liebe, das diesen Bund zusammengefaßt hielt; es war der unbewußte, bescheiden gemachte Egoismus seiner Jugend, seines Ruhebedürfnisses und seiner Angst.
Als er etwas Geld übrig zu behalten begann, brachte er ihr immer kleine Geschenke mit, und es fing von da ab an, daß sie an den Abenden immer ein wenig noch wohin gingen, in ein billiges Varietee oder in einen Konzertgarten. Es war nun wieder Sommer und warm draußen. Alientje putzte sich dann kokett und angestrengt auf.
„Kuck mal, Schatz,“ sagte sie eines Abends, als Baptist kam, „was ich bekommen hab!“ und sie zeigte ihm eine kleine goldene Brosche.
„Ja, die ist schön!“ sagte Baptist, während er das kleine Ding in den Fingern drehte und sich dachte: das hat mehr Wert, als alle die kleinen Frankengeschenke, die ich ihr in einem Jahr geben kann.
„Und nun rate, von wem?“
Aber Baptist antwortete harmlos: „Wie soll ich das können!“
„Denk’ dir, der dicke reiche Bäcker drüben an der Ecke hat sie geschickt.“
„Der Bäcker, weshalb?“ fragte Baptist teilnehmend.
„Ja, was meinst du, deine Alientje hat Verehrer!“
Sie zog ihre buschigen Augenbrauen mit einem Ruck hoch; die Fächer der Fältlein zerrten sich auseinander und blieben auf einmal stehen, und der Glanz ihrer großen dunklen Augen schimmerte lauernd und kalt entzündet gegen ihn auf.
Baptist schaute sie verständnislos an. Sie stand da, und ihr Körper schien sich selber überlassen ihm hinzuhalten. Das Gesicht war aus dem Licht der Lampe heraus, aber die Augenbrauen beherrschten es um so schwerer und aufregender. Ein kleiner Schmerz wollte auf Baptist eindringen. ‚Was kam nun wieder?‘ fragte er sich.
„Wie meinst du das? Alientje?“ stammelte er ängstlich.
„Ja, ja!“ machte sie heimlichtuend, „Ich könnte alle Finger voll haben, an jedem einen, auch der Uhrmacher drüben steht den ganzen Tag hinterm Fenster zu schauen, und wenn ich ausgehe, kommt er immer in die Türe. Und hier den Schal hat mir einer geschickt, von dem ich gar nicht einmal weiß, wie sein Name ist.“
Der Schmerz hatte sich durchgefressen, und Baptist bettelte mit seinem ohnmächtigen Blick: „Alientje!“
Da stürzte sie sich begehrlich über ihn und drückte ihn heftig hinterrücks aufs Bett. Sie lag schwer auf ihm, und er spürte ihren ganzen Leib, steinigt und zugleich verfließend, in seinem Körper. Sie biß ihn in den Hals und sagte, als quölle es zitternd in ihr über: „Liebst du mich denn?“ und ihr Atem schlug ihn an. „Du bist so schön und stark! Liebst du mich?“ flüsterte sie.
Aber seit diesem Abend wiederholte es sich, daß Alientje von andern Männern sprach. Bald war es in einer Kundenwohnung, daß der Hausherr allein zu Hause war und sich unter den freigebigsten Versprechen begehrlich zu nähern versucht hatte. Bald war es irgendeiner auf der Straße. Ein starker junger Mensch oder ein eleganter reicher Lebemann, der ihr bis zur Haustüre gefolgt war und nun öfter an ihrem Weg angetroffen wurde oder ihr Blumen und kleine Geschenke schickte. Oh, und es waren lauter schöne, breitschultrige und reiche Männer. Sie reizte sich und Baptist mit diesen Erzählungen, die sie mit allen kleinen greifbaren Einzelheiten ausstattete und sprang aus ihnen unmittelbar in die Liebesausbrüche, mit denen sie auch Baptist in Flammen setzte.
Aber Baptist begann aus der unbewußten Sorglosigkeit und der instinktiven Lust, mit denen er dieses Gut besaß, herauszugleiten. Er wurde unsicher und bekam Angst; die einfache, primitive Angst zu verlieren. Das Leben glitschte ihm wie ein Fisch durch die Hand. Er hatte es erlebt, wie die Schwelle unversehens unter seinen Füßen weggewichen war, als er schon glaubte, in dem neuen, stolzen Haus zu sein. Der Boden rutschte. Er hatte eine dumpfe Angst, als kämen nun mit dem neuen Verlust, der vor ihm drohte, das Grauen, als käme nun wieder Heimatlosigkeit und Hunger und die höhnischen, verführerischen Vagabunden – das Versinken ins Moor des unglückselig haltlosen Lebens.
Baptist gab jede Besonnenheit auf. Zitternd verrann jedes Wirklichkeitsgefühl vor ihm. Alientje verband die fremden Männer, die er als Agenten seines unglückseligen Schicksals ansah, immer mit Geschenken, und der Gedanke hackte sich in ihm fest, daß er mit Geschenken die böse Macht, die sich wieder näherte, versöhnen und entfernen konnte. Er begann mit fieberhaftem Begehren nachzusinnen, wie er mehr Geld bekommen könnte und rieb sich wund an der Ohnmacht, die über ihm lag.
Einmal lehnte er sich auf. Während er Gläser auswusch, sah er, daß an einem Tisch ein paar Leute miteinander in Streit zu kommen begannen. Da fühlte er es brutal und gewalttätig in seinen Muskeln sich regen und er hatte die unwiderstehliche Lust, in den Menschenhaufen hineinzustürzen, den Streit, der noch wie der erst halbgelöste Stiel einer reifen Frucht am Zweig drohend über ihnen hing, roh in sie herabzuschütteln und selber blind zuzuschlagen. Dann malte er sich aus, wie ein einziger Fausthieb gut gezielt treffen würde, was für gewaltsame Wirkungen er hätte. Diese Vorstellungen bekamen etwas dumpf Schwerblütiges, eine wollüstige Brutalität, die ihn hitzig dahinstieß. Baptist fühlte einen Menschenhals in seinen Fingern und drückte zu; nicht in Wut, in kalt unbewußtem Sichaufrecken von Leben gegen Leben. Und so diese Hunde von Männern hinwürgen, diese Straßenkavaliere ...
Aber Baptist hatte den Einfall noch nicht ausgefühlt, als Hasenklever herankam und ihm sagte: „Baptist machen Sie sich mal rasch auf, die Wäsche von der Veroken holen. Das ist ganz vergessen worden und es ist schon dunkel. Die wird bald zumachen.“
Als Alientje so plötzlich vor Baptist gebracht wurde, sah er, daß sie bei seinem Wunsche, sich in den Streit zu mischen, nicht unbeteiligt war. Und so war mit einem Schlag über dem Gläserspülen das Dulden in Leidenschaft umgeschlagen.
Baptist lief durch die Gassen zur Sudermanstraße. Alientje hatte den Laden schon an die Türe gehängt, aber den Schlüssel noch nicht umgedreht. „Du?“ rief sie erschreckt, als sie Baptist plötzlich sah. Ihre Augenbrauen standen in einem spitzen Winkel gezackt und die Augen schauten in ihrem kühlen Glanz wie mit einem kalten Fieber. „Was willst du denn?“ fragte sie unsicher und mürrisch.
Aber als Baptist ihr gesagt, er komme rasch die Wäsche holen, gewann sie im Nu ihre Beherrschung wieder. Der Korb stand schon bereit. Sie machte emsig herum, drückte ihn Baptist eilfertig in die Arme: „Na, denn schnell, wenn Herr Hasenklever es braucht; denn schnell!“
Baptist ließ sich hinausschieben. Erst als er um die Ecke war, kamen ihm alle Einzelheiten des Empfanges, den ihm Alientje gerade bereitet, zum klaren Bewußtsein. Er hielt sie auseinander, versponn sie schnell zu Vermutungen und im Nu fiel ein ganzes schweres Netz verbrennender Verdächtigungen auf ihn nieder.
‚Was ist jetzt? was ist jetzt?‘ stammelte er laut für sich und wußte nicht, daß er durch die Gassen lief. Er kam auf einmal auf den St. Paulsplatz und sah die Taverne du Congo drüben liegen. Die Fenster des ersten Stockwerks waren dunkel. Er schaute zufällig zuerst dort hinauf und gleich saß, wie mit einem kleinen derben Ruck ein Haken ins Fleisch gerissen wird, der Gedanke hitzig in ihm fest. Er dachte sich nichts aus, lief über den einsamen kleinen Platz und glitt in die dunkle Flurtüre, eilte lautlos die Treppen hinan und stellte oben den Wäschekorb ab. Er schlüpfte in den Flur, in die Wohnstube, glitt zwischen Tisch und Stühlen im Dunkeln zu dem kleinen Eichenschrank, griff in die Kassette und zog einen Papierschein hervor. Er knüllte ihn in die Tasche. Sein Atem blieb stehen. Aber im Nu war Baptist wieder auf der Treppe, auf der Straße und ging durch die Wirtshaustüre in die Schenkstube.
„Das war ja fix!“ empfing ihn Hasenklever. „Einen Extraschnaps, da!“ und stellte ein volles Gläschen hin. Dann übergab er ihm den Gläserschrubber und löste seine Tochter an den Bierhähnen ab. Das große Lokal saß voller Gäste. An dem Tisch, den vorhin der Streit bedroht, hatten sich alle umschlungen und sangen:
„Brüderlich verei...ei...eint, Seg’ln wir in die Wä...ä...lt, Matrosen, hipp, hipp, hurra!“
„Ihr Geviech!“ sagte Baptist trotzig und drückte ein Glas in der Hand, daß es zersprang. Hasenklever warf einen kurzen Blick herüber. „Die Scherben unter den Tisch werfen!“ rief er. Baptist schleuderte sie hin, daß sie in Splitter zerknallten. „Puh, puh,“ machte Hasenklever ohne hinzuschauen und strich den Schaum von einigen Gläsern ab, „war’s Alientje nicht freundlich?“
Baptist war den ganzen Abend über dunkel, trotzig und verbohrt. Er arbeitete mit heftigen, geräuschvollen Bewegungen, um die Gedanken hintanzuhalten. Die stauten sich hoch und gefährlich wie zu einem niederschmetternden Wirbel bereit, rund um die dunkle Tat, die er eben vollbracht hatte. Als er am nächsten Morgen aufstand und gedankenlos in die Hosentasche griff, zog er einen Fünfzigfrankenschein hervor. Erst wußte er nicht, was damit los sei, aber dann kam die Erinnerung mit der klaren Grausamkeit aller Einzelheiten über ihn gefallen, und eine marternde Scham begann sich in ihm einzunisten. Aber in einem Augenblick schlug die Angst um die Frau in ihm hoch und ertränkte alles andere. Mit einer gequälten Unruhe und einer angstvollen Traurigkeit ging er dann in die Stadt hinein und zu dem Laden, wo das Jakett ausgestellt war, vor dem ihn neulich Alientje mit begehrlichen Worten angehalten hatte. Es kostete gerade fünfzig Franken, wie auf einem großen Schild zu lesen war. Baptist trat in den Laden und ließ es einpacken.
„Wo dürfen wir es hinschicken?“ sagte das Fräulein. „Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es heute nicht mehr wegkommt, weil Sonntag ist.“
„Ich nehme es selber mit!“ antwortete Baptist. Dann ging er rasch über die Straßen, den Karton unterm Arm, zu Alientjes Wohnung.
„Baptist!“ rief sie, als er eintrat. Sie ordnete in den Wäschehaufen auf den weißen Brettern, stellte aber gleich ihre Beschäftigung ein und kam auf ihn zu. Sie zog ihn in die Hinterstube und drückte ihre Lippen lang und hart auf seinen Mund, noch bevor er Zeit gehabt hatte, den Karton abzulegen.
„Ich hab’ dir etwas mitgebracht!“ sagte er schließlich scheu.
Alientje öffnete und geriet in lärmendes, jubelndes Entzücken. „Baptist! Baptist!“ rief sie immer, „Wie schön ist das! Wie schön ist das!“ und sie küßte ihn mit einer lärmenden Wucht.
Aber er konnte kein Feuer fangen an ihrer Freude.
Nachdem es lange in ihm gearbeitet hatte, sagte er schließlich schwerfällig: „Du darfst dich aber nicht mit andern Männern abgeben!“
Aber sie lachte nur oben drüber weg. „Tepp!“ antwortete sie, „Die schaden dir nichts!“
„Doch!“ rief er brutal und herrisch.
Alientje aber klammerte ihre Hände an seine Schultern und zog sich an ihm hinauf. Er spürte wieder ihren ganzen Leib und die Augenbrauen standen wie gezückt.
„Nein, nein!“ flüsterte sie ihm ins Gesicht und küßte ihn. „Das reizt mich ja nur mehr zu dir!“
Da preßte er sie an sich und stöhnte. „Ja, so, so!“ feuerte sie ihn an, „noch fester!“
Doch Baptist sagte bedrückt: „Komm, wir sterben zusammen!“
* * * * *
Als Baptist am nächsten Abend auf Hasenklevers Stube saß und der Wirt nach dem Abendessen Bücher und Kasse aus dem Schränkchen zog, da fühlte Baptist, daß er kühl und stark wurde. Jetzt zur Wehr gesetzt! Jetzt alle Muskeln angestemmt! hieß eine Stimme in ihm. Er wußte, daß er in diesem Augenblick nun alles in sich beherrschte und er stand seiner Tat gegenüber, wie eine gerüstete Armee gegen die Kriegserklärung des nachbarlichen Feindes.
Baptist sah Hasenklever rechnen und eintragen. Der Wirt zog einen Strich und aus seinem Bart kam mit halblauter Stimme eine Zahl: fünfhundertfünfundsiebzig, die schrieb er dann unter den Strich und setzte eine Summe davor. Er überrechnete noch einmal und nickte zum Schluß mit dem Kopf, während er die kleine Kassette heranzog, sie leerte und mit flüsternden Lippen, deren Bewegungen der Bart verstärkt widergab, den Inhalt zählte. Dann sagte er mehrmals, damit sich die Zahl in ihm festsetzte: ‚Fünfhundertfünfundzwanzig Franken, fünfhundertfünfundzwanzig Franken‘ und blickte in das Buch. Er schüttelte den Kopf und begann von neuem zu zählen. „Hol mich der Deibel!“ rief er, als er fertig war, „Zählen Sie mal dieses Geld, Baptist!“ Hasenklever stand auf und zog Baptist auf seinen Platz.
„Fünfhundertfünfundzwanzig Franken!“ sagte Baptist, nachdem er gezählt hatte.
„Und nun schauen Sie hier und rechnen Sie selber das nach!“ Hasenklever schob ihm das Geschäftsbuch hin, und Baptist bestätigte, daß die Rechnung stimmte.
„Dann fehlen fünfzig Franken!“ sagte Hasenklever.
„Ja, der Unterschied!“ machte Baptist, indem er auf den Geldhaufen und auf die Zahl hinter Summa zeigte.
„Sagen Sie, Baptist, gibt’s denn Diebe im Haus?“ rief Hasenklever aufgeregt.
Baptist fragte kühl scherzend: „Meinen Sie mir oder meinen Sie mich?“
„Ach Quatsch, Unsinn, daß das nicht ist, wissen Sie, sonst täte ich hier nicht so mit Ihnen drüber disputieren! Haben Sie nicht mal was bemerkt, so irgend etwas Verdächtiges?“
Baptist schien nachzusinnen.
„Bei den Gesellschaften, die sich drunten immer herumbewegen, da ist schließlich ein jeder verdächtig. Schließen Sie Ihre Türen immer gut ab?“ fragte er dann, als habe er einen Einfall.
„Nee, is ja wohl wahr!“ antwortete der Wirt.
„Ja, aber Herr Hasenklever, das fordert doch die Vorsicht!“
Doch Hasenklever schimpfte los: „So eine Hundserei! Ich schenk’ einem fünfzig Franken, aber ich will sie mir nicht stehlen lassen. Man will doch seine Sicherheit und sein Vertrauen im eigenen Haus in jedem Zimmer haben.“
„Sie sehen, daß dieser Wille nicht genügt!“ entgegnete Baptist überlegen.
„Na, da muß auch das anders werden!“ rief Hasenklever zum Schluß.
Als Baptist dann durch die nächtigen Gassen zu Alientje ging, setzte er mit einem trotzigen Spielen die Komödie, in der er sich droben in der Stube so sicher gefühlt hatte, für sich fort. „O ja!“ sagte er sich schließlich, „ich bin weit voran, das ist schon der richtige Weg!“
Aber er klopfte vergeblich an Alientjes Holzladen. Als der Schlüssel nicht sprang, schritt er erregt in der Gasse auf und ab und kam immer wieder zu der Türe, pochte ein paarmal leise, dann hieb er einen ungeduldigen Schlag mit den Knöcheln, immer vergeblich.
Da ging er trotzig weg. Die Ungeduld fuhr ihm zitternd durch alle Adern. Sein kühles Heldentum fiel langsam von ihm ab. Etwas Dunkles folgte ihm, durch die engen, abgelegenen Gassen, in die der gröhlende Lärm der Hafenkneipen nur wie mit zugebundenem Munde schlug. Es schleifte mit einem leisen Krachen hinter ihm her, und Baptist ging die großen Straßen aufsuchen. Über die Kipdorpstraße wandte er sich den Avenuen zu und wurde sich schnell einig, in das Eden-Varietee in der Breydelstraße zu gehen, wohin ihn Alientje öfter geschleppt hatte.
Als er eintrat, sprangen drei Tänzerinnen auf der kleinen Bühne des Hintergrundes in einem hellen Licht, dessen Farben sich drehend änderten. Baptists Augen, noch von der Dunkelheit der Nachtstraße erfüllt, wurden durch das zitternde Glühen der gleitend aufschlagenden Farben geblendet, und er trat, um sich zu schützen, seitwärts hinter die erste Säule. Der Saal war ein flacher, rechteckiger Raum, der durch zwei Reihen von holzumkleideten Kolonnen gedreiteilt war. Baptist blieb an der Säule stehen, und seine Augen erholten sich schnell von den Schlägen, die ihnen die grellen plötzlichen Feuer versetzt hatten. Der Saal war verdunkelt, und die Menschen, die im Seitenteil an den Tischen saßen, bewegten sich leise, mit der Bühne zugewandten Gesten als schwarze Schattenmassen. Baptist schaute in diese dunkle Wirrnis hinein, ohne etwas anderes zu sehen, als die Farben der Feuer, die in verschwächtem und blassem Widerschein über die Wände hinaufliefen. Nur immer, wenn ein helles Licht kam, wurden die Schattenmassen der Zuschauer auf einmal ein wenig körperlicher.
Wie mit einem Schlage versank dieses Spiel, Bogenlampen knallten, zischten und zirpten, und weißes Licht strömte plötzlich in die Schatten und prägte sie zu lebenden Gestalten. Die Menschen klatschten, eine Wollust des Lärmens raste in ihnen, hob und senkte sie leise wie Wogen. Und in diesem erregten Spiel, das wie gewaltsam niedergedrückt über alle Tische lag, sah Baptist auf einmal an einem Tisch vor sich Alientjes schwarzen Hut mit dem roten Kranz von Mohn. Sie saß zwei Tische von ihm weg und drehte ihm den Rücken. Sie drückte ihre Schulter an die Schulter eines ganz jungen, bleichwangigen Menschen, der eine schmale, blutrote Krawatte unter einem handhohen Kragen hatte und sorgfältig und eng gekleidet war, wie ein Modewarenverkäufer. Alientjes bleiches Gesicht war der Bühne zugedreht, und ihre großen dunklen Augen hingen mit kalter Erregung dorthin gerichtet. Die Fältchen um ihr weißes Kinn waren wie aus glühend erstarrtem Marmor. Ihre linke Augenbraue, die Baptist sah, war in dem überhellen Licht schwer und schwarz hochgerichtet, und ihre Hände klatschten rasch und krampfhaft ineinander, während sie sich immer heftiger mit der Schulter gegen den jungen Mann andrückte. Der schob auf einmal seine Hand hinter ihrem Rücken herüber und legte sie unter ihrem linken Arm fest an ihren Busen.
„So!“ sagte sich Baptist, während er eine große Kälte sich schnell in seinem Innern aufrichten fühlte. „Das wäre erledigt!“
Er drehte sich gleich um und ging auf die Straße hinaus. Er nahm den geradesten Weg zum St. Paulsplatz und wurde im Dahinschreiten wie aus Stein, hoch und schwer und kalt. Ein eiserner Hochmut hämmerte ihn zusammen. Er kam sich vor, wie von einer ungeheuerlichen Einsamkeit umgeben, wie von einer eisig kalten Freiheit aus der Scheibe seines Lebens hochgehalten. Der Kreis dieser Gedanken lag eng und stählern um ihn. Baptist verließ ihn über den ganzen Weg nicht.
In der Taverne du Congo sah er Licht in den Stubenfenstern. Er wollte Zeugen seiner Härtung haben und er klopfte oben an. Hasenklevers älteste Tochter saß mit einer Stickarbeit am Tisch.
„Darf ich eintreten?“ fragte Baptist.
„Gern. Es ist sogar erwünscht!“ sagte Fräulein Grete. Und ohne Umstände hängte sie Baptist eine Strähne grünes Garn über die Arme und begann es abzuwickeln. Baptist ließ dieses Geschäft sich vollziehen, als hätte er nichts dabei zu tun. Er saß mit finster geballten Blicken auf dem Stuhl und sah starr die grünen Fäden über seine Hände gleiten.
„Wissen Sie denn schon, daß Alientje Verokens Mann zurück ist und drunten in der Stube sitzt?“ begann Grete Konversation zu machen.
„Wer?“ fragte Baptist rauh.
„Der Mann unserer Plätterin Veroken!“
Nach einer Weile fügte sie mit einem kleinen lauernden Blick hinzu: „Sie kennen sie doch! In der Sudermanstraße die!“
Baptist knurrte: „Wußt’ nicht! ...“
„Daß sie verheiratet ist!“ rief das Mädchen gleich entzückt. „Ja, das wußten viele nicht. Das ist überhaupt eine. Auf alle Wochentage hat sie einen andern. Ja, ihr Mann war ihr in den Kongo davongelaufen, das wird ihr jetzt noch lange nicht recht sein, daß er wieder hier ist. Oh, ich sag Ihnen, das ist eine ...“
Baptist sagte kalt und roh: „Sie ist ein Luder!“
Das Mädchen hielt erschreckt im Abwickeln inne. Dann machte sie ein beleidigtes Gesicht und schwieg. Als das Garn aufgerollt war, verzichtete Grete, noch einen weiteren Strang von Baptists Händen abzuwickeln und zog sich abweisend zu ihrem Kanevas zurück, auf das sie Rosen mit grünen Blättern stickte. Die zwei saßen stumm und voneinander getrennt.
Baptist wünschte bald Gute Nacht! Das Mädchen antwortete ihm kaum. Er legte sich ins Bett und die Gedanken bewegten sich schwer in ihm, wie Eisblöcke. Ihre Kälte hielt ihn wach.
„Und das gestohlene Geld!“
Das Eis war in der aufsiedenden Qual im Nu zerschmolzen. Baptist warf sich ruhelos, grausam bedrängt auf dem schmalen Bett umher. Er dachte gleich an die Diebstähle, denen er sich im Hause seines Vaters nicht hatte entziehen können. Die Umstände, unter denen er dort Geld gestohlen hatte, entwichen seinem Gedächtnis und er sah diesen als die Fortsetzung jener Kette der sündhaften Schmach an. Er kam sich vor als ein Gottverdammter, zum Verbrechen Verfluchter, ein Verächtlicher, Verkommener.
Aber so oft sich in seiner Wirrsal die Erinnerung an den Betrug der Plätterin hervordrängte, fühlte er sich trotzig ruhiger werden. Einmal in einem solchen Augenblick der schrecklichen Stunden sagte er dann mit lauter Stimme in hartsinniger Grausamkeit gegen sich selbst und sah dabei den Schimmer einer ganz fernen Sehnsucht aufscheinen: „Ich stelle mich dem Gericht!“