Chapter 6 of 8 · 8710 words · ~44 min read

Sechstes Kapitel

Baptist trug den heimlichen Besuch in der verfemten Gasse noch eine Weile quälend mit sich dahin. Er lag in ihm wie ein unlösbarer Rest einer bittern Tatsache und erschien ihm als die Frucht eines unabweisbaren, tragischen Sündenzwanges, der alles Menschliche belastete. Daraus dämmerte ihm mit einem erlebten, tief fruchtbaren Erfassen die Symbolik hervor, in der die Bibel die Geschichte des Menschen beginnt. Auch er hatte nun die fluchwürdige Tat begangen, auch er stand hinter dem Sündenfall. Aber es war ihm nun erst, als hätte er das wirkliche Leben auf die Schultern genommen, das große, riechende, raffende Leben, das in ungemischter Kraft nur von den Starken getragen werden kann; das Leben, in dem keine Lust selbstverständlich, sondern die Blüte von Arbeit und Qualen ist; das Leben, das nächtig geheimen Wegs ist, voll angstdrückender Willkür wie ein Blitz.

Eine tragisch erfüllte Wichtigkeit begleitete so mit melancholischem Schatten die erste Zeit nach seinem Erlebnis und es erschien ihm von ernster Bedeutung, daß sich nun seinen Vorstellungen das Bild der Schwester öfters nahte, als jemals, seitdem er sie verlassen. Aber es war eine Schwester, deren stolzer Sinn von der Traurigkeit über seine Verfehlung bedrückt und beleidigt war. Sie stand wie der Erzengel Gabriel am Tor des Paradieses, vor den versunkenen Gefilden seiner knabenhaften Reinheit, und er war gewärtig der Sühne und Strafe.

Aber Baptist verlebte diese Zeit in Sprüngen und was ihn in den folgenden Wochen wie in einem einzigen, sturmrauschenden Zug mit sich riß, trieb ihn unversehens länderweit ab von der naiven Schmerzhaftigkeit der reuigen Stunden nach dem Sündenfall. Er fühlte sich auf einmal und ohne daß er zu Atem kam, in einen heißen, sumpfigen Schwall von Frauenerlebnissen gehüllt, deren dumpfe Süßigkeit, deren fiebrig anstachelnde Genußsucht ihn keinen Augenblick mehr freigaben. Er brauchte nur hineinzuspringen. Es war überall weich und ertrinkend wie in mächtigen Daunenpfühlen. Er fiel vom einen in den andern, und wenn er vom Podium aus die Blicke über die Gesichter der Frauen im Café spielen ließ, sah er fast auf jedem einen nickenden Blick eingestandener Heimlichkeit, wie eine aufreizende Erinnerung an dunkle, wollusterlebte Stunden, die mit stöhnendem Verlangen in ihm weiterschrien.

So nahm er diese Frauen. Es war nur Duft, unfaßbar, im Augenblick des Besitzens zu genießen, und nachher löste sich alles in die verantwortungslose, täuschende Leichtfertigkeit schwül süßer Erinnerungen. Und er ging unter diesen Frauen wie mit einem heißen, betrügerischen Schwindligsein an der Kante von Nächten, in denen große Bäume wie im Wunder plötzlich aufblühten, tolle, flammende Abenteuer ihn an sich rissen; und er glaubte, ihn hüllte eine ungemessene, unirdische Romantik ein.

Sein Leben spannte sich in der weichlichen Nachgiebigkeit dieser widerstandslosen Genüsse immer mehr ab. Es wurde etwas Molluskenhaftes aus ihm; er spürte keinen festen Boden mehr, sank mit schaukelndem Dahinleben durch die Tage.

Da kam der letzte Abend in Brüssel. Er war von Leprotto zu einer kleinen Schlußfeier ausgestattet worden. Am Podium hingen einige Lorbeerkränze ungenannter Herkunft mit golden bedruckten Schleifen. Girlanden schlangen sich um die Stühle und Notenpulte, und Baptist spielte mit einer feierlichen, parfümierten Sentimentalität.

Gegen den Schluß des Abends stand ein Solo für Baptist im Programm. Er spielte das Lied des Bajazzo: ‚Lache, Bajazzo, und schminke dein Antlitz ...‘ Er konnte spielen mit dem dramatisch melancholischen Gehalt dieser Melodie, zu der die Zuhörer auch den Text kannten. Er rückte selber an die Stelle des unglücklichen Gauklers, er war selber der Spieler gegen Lohn. Und die frisierte Melancholie, die er von zitternden Saiten in die Herzen hinunterfließen ließ, sprang auf ihn selber zurück, wie die Strahlen eines Reflektors.

Als er den Bogen hinter dem letzten Ton abhob, wurde mit lärmender Begeisterung geklatscht und Evviva gerufen. Frauen und Männer erhoben sich, drängten sich an das Podium heran, um Baptist die Hand zu drücken, und Päcke von Blumensträußen wurden von allen Seiten heraufgereicht.

Die Italiener schauten mit harmlosem Neid neugierig diesen Begebnissen zu. Rosa hatte dumme, bewundernde Augen. Nur Margherita blickte mit einem verächtlich verzogenen Gesichte weg.

Baptist nahm einige der Buketts, reichte der Mutter Margheritas einen, Rosa einen und wollte für Margherita einen besonders schönen aussuchen. Während er dies tat, sah er, daß in allen zwischen den Blumen kleine Visitenkärtchen befestigt waren. Auf einer las er in der Hast Mimi de belle Vallee, auf einer andern Carmen l’Espagnole ... Da fuhr er hastig nach den Kärtchen der beiden verschenkten Buketts, die die Frauen an ihre Gesichter hielten. Aber Margherita kam ihm zuvor. Sie riß mit ein paar Blumenköpfen die Karte aus dem Strauße Rosas und hielt sie Baptist trotzig hin.

„Hurenbuketts!“ sagte sie zugleich schroff.

Aber Paolo trat heftig von hinten an sie heran und stieß sie derb in die Seite. „Bist du verrückt! Mensch!“ schrie er sie unterdrückt an.

Sie machte nur eine verächtliche Handbewegung.

Baptist schaute verwirrt auf das rosige, schmale Kärtlein in seiner Hand. Er las ein paarmal Juliette ... Juliette ... Sonst stand nichts drauf. Aber die Buchstaben flogen an ihm ab.

Den Rest des Abends war er bedrückt und verworren. Er dachte mit einer betäubten Benommenheit an Jeanne, an sein Studierzimmer in Luxemburg mit den Bücherschränken, an den Park, aus dem der feuchte, wehmütige Abendduft im September ins Zimmer gestrichen war, an den Nebel, der aus dem Alzettetal heraufkam und durch den Park wanderte ... er dachte an Erlebnisse aus seiner Kinderzeit und dann gleich wieder an seinen Sündenfall, und eine ängstliche Qual schlich ihn heimlich an. Wäre er allein, allein! Er wollte so ganz gerne weinen! Wieder einmal!

Als er mit den Italienern nach Hause ging, hörte er hinter sich, wie Paolo heftig auf Margherita einsprach.

„Ich sag dir, jetzt gehst du zu Baptist hin und sagst ihm pardon!“

„Nein!“ schlug Margheritas Stimme zischend durch.

Gleich drauf schrie sie mit einem kleinen Schmerzensruf.

Da wandte sich Baptist um.

„Aber Paolo, was machst du denn?“

„Sie soll sich bei dir entschuldigen!“

„So laß sie doch!“

„Nein, sie soll!“

„Aber ich will nicht!“ sagte Baptist schreiend, um nicht weinen zu müssen. „Sie hatte recht. Komm, laß sie!“

Dann ging er abseits und aufgeregt weiter.

Als er in sein Zimmer trat, sah er erstaunt, daß Rosa und Margheritas Mutter ihm folgten. Sie hatten die Arme voll Blumensträuße, legten sie auf seinen Tisch und gingen dann mit denen, die Baptist ihnen geschenkt hatte, und mit einem Gute Nacht davon.

Baptist war nun allein. Die Blumen füllten im Nu das Zimmer mit ihrem bittersüßlichen Treibhausgeruch. Und alle die Abenteuer erstanden aus ihnen, die Baptist entflammt vom Wege genommen hatte, und er sah nun, was es war. „Ihr wart ja nur Dirnen! Ihr Frauen!“ sagte er leise und mild. „Nur kleine Prostituierte, von denen man auch hätte kaufen können, für abgewägtes Geld, was ihr gabt. Es lag kein Reif mehr auf euch!“

Oh, diese knirschend schmerzende Enttäuschung, dieses graue, fröstelnde Erwachen!

Baptist legte das Gesicht in den Blumenhaufen, und ein Schluchzen stieg in ihm auf, wie märzlicher Odem rauh aus den Schollen bricht.

Als er wieder ruhig geworden war, nahm er sanft die Blumen zwischen beide Arme und warf sie zum Fenster hinaus auf die Straße.

„Ihr müßt weg, ihr Blumen!“ sprach er ihnen nach.

Die Nachtfrische des Märztages fiel herein, strudelte wie kaltes Wasser um seine Glieder. Baptist suchte alles Geld zusammen, was er noch hatte, legte es auf den Tisch und setzte sich mit klappernden Zähnen hin. Er zählte, rechnete seine Schulden zusammen, strich ab, und der Schrecken sprang ihn grau und krampfhaft an, als er wußte, daß ihm kaum noch zweihundert Franken blieben.

Wie geht es mir nun? Wie geht es mir nun? fragte er sich, von diesem jähen Erwachen wie von einem Fall betäubt. In einem Atem schloß er das Fenster, warf die Kleider ab, löschte die Kerze und duckte sich ins Bett. Er ließ die kleine, graue Dunkelheit, in der etwas Licht von einer Gassenlaterne ungelöst lag, schlaf- und wehrlos über sich niedersinken. Der Duft, der sich von den Blumen im Zimmer eingenistet hatte, zog immer wieder heran. Er stank süßlich nach feuchtem Saft und war wie ein widerwärtig übersättigter Geruch von Sünde. Das riechende, raffende Leben richtete sich daraus wie ein entsetzliches Fabeltier über seinen Bettrand herüber, und Baptist zuckte verprügelt vor ihm zusammen. Er floh unter die Leinentücher.

Aber er erwachte am Morgen mit einer neuen Zuversicht. Der Dicke mußte jetzt eben bezahlen. Ja, und nun erst beginnt dann das Leben, das richtige, große Leben ... Wenn er auch nun noch damit bestand, was er selber verdiente, dann erst schloß sich der tätige, trotzige, schöne Kreis!

Am Nachmittag reiste Leprotto nach Antwerpen, um Quartier zu besorgen und Vorbereitungen einzuleiten. Er nahm den zweiten Violinisten und den Klavierspieler mit. Die andern und Baptist sollten erst folgen, wenn ein Telegramm sie rief.

Die drei Italiener waren noch nicht lange weg, als Baptist von seinem Fenster aus Margheritas Mutter mit Rosa unten in der Gasse um die Ecke davonschreiten sah. Er hatte den Wunsch, bei Margherita und Paolo von seinem neuen Dasein zu sprechen, und wollte auch nachforschen, was sie zu seinen Plänen meinten.

Er packte noch rasch fertig und verließ dann das Zimmer. Im Augenblick, als er an die Türe der Männerstube klopfen wollte, öffnete sie sich und Margherita kam heraus. Aber sie zog die Türe erschreckt hinter sich zu. Ihr Gesicht flammte rot auf.

Sie wollte vor Baptist davoneilen.

„So bleiben Sie doch, Margherita! Ich will gerne etwas mit Ihnen besprechen!“ rief er ihr zu.

Margherita blieb wie widerwillig im Flur stehen. Baptist schaute sie wegen ihres merkwürdigen Benehmens verwundert und schweigend an. Da sagte sie plötzlich heftig, ohne zu ihm aufzublicken: „Wir sind schlecht!“

Baptist verstand ihr sonderbares Verhalten nicht. „Was ist denn, Margherita? Ist etwas geschehen?“

„Nein, nein!“ antwortete sie schnell. Und nach einer Pause: „Sie sind doch ein Gentiluomo, Baptist!“ Sie reichte ihm impulsiv die Hand. „Ach, wir sind gemein und schlecht!“

In diesem Augenblick kam Paolo aus dem Zimmer. Er stellte sich an die Wand zwischen die beiden, von denen er glaubte, sie unterhielten sich über die Abreise, und sagte scherzhaft lächelnd, indem er Margherita mit der Hand streichelte:

„Und in Antwerpen? Nun? Wirst du da auch soviel Glück und soviel Frauen haben wie hier, Baptist?“

Baptist dachte an den Auftritt mit den Blumen und warf verächtlich und geniert hin: „Ach _die_ Frauen! Faß’ keine an!“

„Nun, nun!“ begütigte Paolo, „Weil dir die Kleine das gestern so frech gesagt hat, das ist nun nicht ...“

Und er liebkoste zugleich Margherita im Nacken. Es schien Baptist, als strengte sich das Mädchen mit aller Gewalt an, diese verliebte Hand des Mannes auf sich zu dulden.

„Nein!“ wehrte Baptist energisch ab.

Aber er hatte nun keine Lust mehr, mit den beiden über sich zu sprechen. Er verstand auf einmal, was vorangegangen war und weshalb Margherita ihn so verwunderlich betroffen an der Türe empfangen hatte. Peinlich berührt machte er sich davon.

Schon am nächsten Vormittag kam das Telegramm: ‚Kommt sofort Hotel Fleur d’Or Ruelle des Moines Leprotto‘.

Sie reisten am nächsten Nachmittag und erfragten sich in Antwerpen zu der Ruelle des Moines durch. Es war ein Gäßchen, das dunkel, alt und schmal sich in den Schatten der Kathedrale begrub, und das Hotel fanden sie eng und klein, aber bürgerlich ordentlich wie der Prinz von Flandern. Sie wohnten wieder wie in Brüssel, die Frauen zusammen, die drei Italiener zusammen und Leprotto und Baptist nahmen jeder ein Zimmerlein für sich.

Eigentlich hatte Baptist sich vorgenommen, gleich schon den Abend für die wichtige Unterredung zu nutzen, die seinem Leben die große Wendung bringen sollte. Es war ihm wohl außer Bedenken, daß der gemütliche Dicke die Angelegenheit als etwas Selbstverständliches aufnahm. Aber schließlich genierte es Baptist doch, so rasch schon die äußerliche Formalität herbeizuführen, und er verschob es auf den nächsten Morgen.

Als er da Leprotto im Flur traf, wie jener gerade in sein Zimmer eintreten wollte, erfaßte Baptist die Gelegenheit und schloß sich ihm an. Er wollte die Geschichte in einer burschikos leichten Manier erledigen, die ihrer äußerlich unwichtigen Form entsprach.

„Also, Sie müssen nun dran glauben!“ lachte Baptist den Italiener an, als sie im Zimmer waren.

„Woran, woran glauben?“ fragte dieser.

„Ja, ich habe kein Geld mehr!“ entgegnete Baptist.

Da blieb der Italiener stehen, schaute auf, als hätte einer ihn geschlagen, gegen den er nun anspringen wollte, und fragte schließlich mit einem brutalen Betroffensein, in dem die Enttäuschung mitschrie: „Ihr Geld – schon weg!? Ja, hatten Sie nicht mehr? Ja, wie haben Sie denn gelebt? Sie?!“

Baptist glaubte, der Dicke scherzte mit ihm. Er sagte in demselben leichten Ton wie vorhin und zuckte bedauernd die Schultern: „Unmäßig, verschwenderisch! Sie müssen herausrücken!“

„So, so! Muß ich!“ ahmte ihn der Dicke höhnisch nach.

„Ja, Häuptling, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig!“

Aber da sagte der Italiener kalt und hochmütig: „Zunächst, Mann, bin ich kein Häuptling, sondern Herr Leprotto, italienischer Kapellmeister. Bitte zu merken!“

Da sah Baptist erst, daß es dem Schwarzen ernst gemeint war, und er schrak zusammen. Kraftlos stotterte er: „Ja, ... aber ... was? ...“

Leprotto grub die Hände in einen Korb mit Wäsche, der auf dem Tisch stand, und tat zunächst, als sei Baptist nicht da.

Nach einer Weile sagte er mitten in seiner Beschäftigung und ohne Baptist anzuschauen: „Sie sind ja eigentlich überflüssig, da ich ja noch da bin und die erste Geige nehmen kann!“

Baptists Herz setzte mit einer tonlosen wilden Angst springend auf und ab. Seine Beine bebten heimlich, und er mußte sich an einem Stuhl halten.

Leprotto drehte sich mit einem Ruck zu ihm und sagte schroff: „Will sehn, was ich Ihnen gewähren kann!“

„Ja!“ antwortete Baptist mit einer kleinen Hoffnung bescheiden und bittend.

„Fünfzehn Franken in der Woche. Der Wirt gibt Euch ja das Abendessen!“ warf ihm Leprotto kurz hin.

„Ja!“ antwortete Baptist wieder bescheiden und gleichmütig.

Der Italiener hob die Hand hoch, um anzudeuten, Baptist möchte gehen, die Geschichte sei erledigt.

Baptist stammelte einen Dank und verbeugte sich linkisch. Sein Hals war ihm zugeschnürt. Er ging sich in sein Zimmer aufs Bett setzen und schaute bewegungslos in die verdunkelten Fensterlein. Er kam sich wie gestürzt vor. Er war auf einmal unsicher und zaghaft, auf einmal klein und bescheiden.

„O Gott, wenn er mich fallen läßt!“ rief er plötzlich laut, und die Angst fauchte ihn an. Er drückte die Hände auf die Augen, um die erschreckenden Bilder abzuwehren.

Bald wurde zum Essen gerufen. Auf dem ersten Stockwerk des Gasthofs war eine kleine Stube nach hinten gelegen, in der man für die Italiener allein deckte. Der Raum war gerade groß genug für die neun Leute. Sie setzten sich um den Tisch, wie sie eintraten, und da die beiden Seiten schon besetzt waren, als Baptist kam, nahm er den Kopfplatz an der Türe. Zuletzt erschien Leprotto. Er tippte Baptist auf die Schulter und deutete mit einer mißachtenden Bewegung des Daumens, er möge aufstehn. Baptist fuhr im Schrecken in die Höhe und dachte: Jetzt widerruft er, was er vorhin zugesagt hat.

Aber der Italiener schob ihn nur weg und setzte sich selber auf den Stuhl. Baptist mußte beschämt und verwundet sich an den andern vorbei zum Platz drücken, der noch am Fenster frei war. Er sah, wie Margheritas Kopf aufzuckte und ihre Augen ihn fragend anschauten.

Es schwindelte ihm ein wenig. Die Gedanken zogen langsam und schwer in ihm durch. Sie waren wie graue, niedrige, bedrückende Gewitterwolken, voll Regen, voll Dunkelheit, voll Trübsinn. Baptist aß nur zum Schein und hielt seine Blicke mit ermattender Scham an den andern, den Zeugen seiner Schmach und seines Unglücks vorbei ins Leere geheftet.

Als die Italiener gegessen hatten, standen sie auf und verließen das Zimmer. Er wollte ihnen folgen. Aber an der Türe faßte ihn Margherita, die allein zurückgeblieben war, unversehens an der Hand. Sie schloß eifrig die Türe, schaute Baptist an und fragte, indem sie ihn an den Tisch zog und sich mit ihm niedersetzte: „Was ist geschehn?“

Baptist zuckte gequält mit den Schultern.

„Erzählen Sie mir’s!“ bat Margherita.

Und Baptist erzählte mit einer rauhen, wie zerrissenen Stimme, daß er kein Geld mehr habe und zu Leprotto gegangen sei, und wie der es mit ihm gemacht habe ...

„Ja, er ist ein Schweinehund!“ sagte Margherita hart.

Baptist schaute qualvoll zum Fenster hinaus in den lichtarmen Hof. Er hatte die drängende Begierde, sich an das Mädchen zu flüchten. Aber Margherita fuhr fort: „Er wollte dein Geld! Ich wußte es ja. Er dachte, daß sich einmal die Gelegenheit fände, es zu bekommen, und meinte wohl, daß du eine viel größere Summe hättest!“

„Was wird nun aus mir, wenn er mich fallen läßt!“ fragte Baptist. Er vermochte den Druck nicht mehr auszuhalten und indem er dies sagte, nahm er die Hände des Mädchens und legte hungrig nach Trost, wie ein ausgetrockneter Acker nach Regen, heiß aufweinend, sein Gesicht drauf.

„Lieber, sei nicht so verzweifelt!“ tröstete ihn Margherita, indem sie ihm sanft ihre Hände entzog und ihm übers Haar streichelte. „Das ist doch noch nicht so finster, wie du es jetzt siehst! Komm, sei ruhig. Ich setze mich für dich ein und paß auf ...“

Ein Dienstmädchen, das den Tisch abräumen kam, vertrieb sie dann.

* * * * *

Baptist erholte sich nicht mehr. Die Angst und die Verzagtheit blieben in ihm festgebissen sitzen, auch noch, als sie schon in der großen Restauranthalle spielten, die zur Feier der Ausstellung an der Ecke der Avenue de Keyser und des Boulevard du Commerce errichtet worden war. Es war ihm, als sei alle innere Festigkeit, aller Willen zum Mut aus ihm herausgeflossen.

Sie spielten schon vierzehn Tage, als eines Morgens Margherita an seine Türe klopfen kam, sie öffnete und ihm einen Brief hineinreichte.

„Da! Nehmen Sie rasch und lassen Sie sich nicht beim Lesen überraschen!“ flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu.

Baptist riegelte sich ein. Er erschrak zu Tod, als er den Namen und die nervös gedehnte, hastig fliegende Handschrift seines Vaters auf dem Kuvert sah. Er riß es zitternd auf, ohne sich Zeit genommen zu haben, die Adresse zu lesen. Zwei Briefe lagen drin. Er las den, der die Handschrift seines Vaters zeigte, zuerst:

„Luxemburg den 24. April.

Wenn Sie mir noch einmal einen Brief schreiben, wie den, welchen ich hiermit zurückschicke, so hetze ich Ihnen die Polizei auf Ihren Flohbuckel. Mein ehemaliger Sohn kann sich mit einem Pack herumschlagen, mit dem es ihm beliebt.

Alois Biver.“

Der andere Brief lautete:

„Sehr geehrter Herr!

Weiß wo Ihr Sohn ist. Wenn Sie nötiges Geld zur Verfügung stellen, könnte ich Ihnen wieder dazu verschaffen. Freundliche Nachricht sieht bald entgegen

Hochachtungsvollst E. Leprotto.

Postlagernd Hauptamt Antwerpen.“

Baptist empfing diese Briefe wie einen Schlag. Zuerst wollte er gleich mit ihnen zu dem schwarzen Hund von Italiener stürzen, sich über den Schuft werfen und ihn bis aufs Blut prügeln. Aber er sank gleich wieder zurück. Er steckte die Briefe in das Kuvert und ging dann Margherita suchen, um bei ihr Unterstützung und Anteilnahme zu finden.

Sie stand in der offenen Türe zu der Stube der Frauen und schien gewartet zu haben.

„Wo ist der Brief? Was war’s?“ fragte sie hastig.

Baptist nahm ihn aus der Tasche.

„Da, lesen Sie!“

„Ich habe mir gleich gedacht, daß es etwas sei, als ich Ihren Namen und Luxemburg las. Er hatte mich zur Post nachfragen geschickt, ob nichts da sei!“

„Dann weiß er gar nicht, daß ein Brief gekommen ist?“

„Nein, wir werden sie auch gleich zerreißen!“

Baptist übersetzte ihr die Briefe rasch und flüsternd. Als er fertig war, schaute ihn Margherita an.

„Was tun Sie nun?“ fragte sie laut und triumphierend.

Aber Baptist fand nichts zur Antwort, als ein weiches, geschlagenes Armzucken.

Die Gemeinheit dieses brutalen Ereignisses verschlug während des Tages in ihm zu einem unklaren dumpfen Grollen. Baptist war fassungslos und wie verwirrt. Er fühlte sich von finstern Gewalten dunkel verfolgt, sehnte sich nach einem Ausweg und zappelte gepeinigt, verwundet und ermattet in der Fessel seines plötzlichen Schicksals. Die einzige Ruhe, die er bekam, gab ihm Margherita. Er stand mit einer kindlichen Wärme, mit einer ungefaßten, schwärmenden Dankbarkeit den Abend über neben ihr auf dem Podium und wich auch nicht von ihrer Seite, als sie gegen Mitternacht nach Haus gingen.

Auf einmal sagte Margherita in der dunklen Straße: „Ach, Baptist, ich bin krank!“

Er beugte sich zärtlich geängstigt in der Dunkelheit zu ihr nieder.

„Was ist denn, Margherita? Kann ich helfen?“ fragte er besorgt. Aber er sah, wie sie haltlos bebte, daß sich alle ihre Glieder schüttelten.

„Was fehlt dir? sag! Sag’s doch“, bettelte er erschreckt und fassungslos. Sie antwortete nicht. Das Zittern schlug sie immer stärker.

Mittlerweile waren die andern herangekommen.

„Margherita ist krank, Paolo!“ rief Baptist den Italiener an.

Paolo fragte: „Was fehlt ihr denn?“

Aber Margherita antwortete nicht. Sie kuschte sich zusammen, als wollte sie sich gegen das Zittern wehren, das wie Schläge durch sie fuhr.

„Ach was, es ist nichts. Weiter!“ sagte Paolo leichthin.

„Doch, doch!“ widersetzte sich Baptist.

„Also was ist denn?“ fragte Paolo noch einmal.

Als er keine Antwort bekam, befahl er barsch: „Nun mach, daß du weiter kommst!“ und er stieß sie mit dem Knie ein Stück voran.

„Das ist ja roh!“ schrie ihn Baptist an. „Ich werde eine Droschke holen. Kutscher, Kutscher!“ rief er aufgeregt.

Vom nahen Standplatz auf der Place de Meir kam ein Wagen heran. Es war eine große, geschlossene Droschke.

„So!“ liebkoste er Margherita ängstlich, „jetzt kommt ein Wagen und dann bist du bald im Bett und dann ist’s gleich wieder gut. Es ist nur Schüttelfrost. Da, nimm meinen Mantel um!“

Die Droschke hielt am Trottoir. Baptist packte die kleine Frau in den Mantel, hob sie halb auf und schob sie in den Wagen hinein, indem er selber sich mit in den dunklen Raum neigte, um den Mantel gut um sie wickeln zu können.

Aber als er sie auf das Polster niedergelassen hatte und die Arme und den Körper zurückziehen wollte, fühlte er sich auf einmal festgehalten. Das Gesicht Margheritas löste sich nicht mehr von dem seinigen. Ihre Arme waren um seinen Hals geknüpft, ihr Mund hing an ihm fest, glühend und verzweifelt, und küßte mit heißer Wirrsal seine Lippen, seine Augen, wohin es ging, und mitten in diesem leidenschaftlichen Ausbruch, der wie Flammen aus hilflosen Fenstern ihn anschlug und einhüllte, sang ihre Stimme, wie ein zarter, sehnsüchtiger Vogellaut im April: „_Cuor mio!_ ...“

Da wurde Baptist zurückgezerrt. Mit einem kurzen, derben Ruck war er losgerissen von der Wohligkeit und der Milde dieses Erlebnisses, und verzweifelt sank der bleiche, heiße Frauenkopf vor ihm zurück. Hände gruben sich in Baptists Rücken und aufgereizt wie ein Tier, das fühlt, daß es ihm ans Leben geht, raste er herum, hob die Fäuste gegen das nächste Gesicht, das er im Laternenschein nicht gleich erkannte, und schrie: „Was, was wollt ihr mit mir?“

Paolo sprang gegen ihn, brüllend: „Verräter, du Schuft, du Betrüger, Verräter!“

Paolo weinte zugleich mit langgezogenen, rasenden Lauten, die zwischen jedem Schimpfwort herausstachen wie Messerhiebe.

Baptist wollte ihn beruhigen: „Aber so hör doch, Paolo! Paolo, sei doch vernünftig. Ich sag dir alles!“ machte Baptist sanft und faßte mit beiden Händen den Erregten an den Schultern und zog ihn an sich heran. „Paolo, wir wollen ...“

Aber da war es Baptist, als führe ein knitternder Schrei mit dem gellenden Knattern eines grellen Donnerschlags durch seinen Leib hindurch. Er wußte nicht, ob er selber oder ein anderer den Laut ausgestoßen hatte. Seinen Mund fühlte er auf einmal weich und gewichtig werden und gleich darauf löste sich sein Leib in eine schlafschwere, widerstandslos erwärmte Müdigkeit auf, in der er sanft und rasend durch funkelnd gestreifte Abgründe sank und sein Leben erlebte, als eine unerhört süße und gewaltsam himmlische Erfüllung.

‚Das hat alles das Liebeswort Margheritas getan!‘ konnte er noch denken, kurz und aufglühend wie ein Wetterleuchten hinter zackigen Bergfernen. Dann war es aus und Finsternis.

Siebentes Kapitel

Baptist lag fünf Monate im Krankenhaus.

Nur mit zäher Bedächtigkeit schloß seine körperliche Widerstandskraft die Wunde, die Paolos Stilett ihm zwischen den Rippen bis ins Herz geöffnet hatte, und von den paar Armeleutebäumen, die im Hofe im Schatten der hohen verrußten Ziegelmauern des Hospitals griesgrämig den Sommer gefeiert hatten, sanken willig schon die Blätter, als Baptist zum ersten Male aus der Stube und an die freie Luft gelassen wurde.

Er mußte dann noch in der ärmlichen Ordentlichkeit des öffentlichen Krankenhauses wochenlang sorgfältig und von Anordnungen von Ärzten und Krankenschwestern leben und wurde auf einmal an einem Vormittag auf die Straße gesetzt.

Er war geheilt.

Baptist hatte eine Zeit müßig geduldigen Verdämmertseins hinter sich. Es hatte stets alles bereitgestanden, was er gebraucht hatte. Aber in dieser Armeleuteabteilung des Hospitals waren immer alle Dinge um ihn herum geschehen, wie mit der knappen mechanischen Funktion eines Automaten. Nichts war ihm genähert, das in ihm einen wärmeren Gedanken aufgewirbelt, einen Widerstand angespannt hätte. Dadurch war in ihm eine bequeme, außerhalb des Bewußtseins stehende Gleichgültigkeit bereitet worden, in der er es als unglückselig empfand, daß er sich nun auf einmal draußen dem windigen Lebenszug der Straßen anpassen und selbständig dem Leben übergeben mußte.

Die aufreibende Verwundung und der zehrende Heilungsprozeß hatten ihn schlank und mager gemacht. Er trug, als er durch die Rue de l’Hopital auf die Kathedrale zuging, den Anzug, den er getragen hatte, als er ins Spital gebracht worden war. Der Stoff bewegte sich in sackigem Übermaß um seine hagern Glieder und schien ihn bei jedem Schritt in seine Falten einwickeln zu wollen.

Baptist raffte mit der Hand die Weite der Weste zusammen, und seine Finger spürten auf einmal die Naht, die das Loch schloß, durch das der Dolch in seinen Leib gedrungen war. Als er sich am Morgen angezogen, hatte er auch in der geplätteten Hemdenbrust und in der Unterjacke dieselben geflickten Schnitte gefunden. Sie entsprachen alle der schmalen roten Narbe, die über seiner linken Brustwarze lag.

Da dachte er an Paolo. Aber er dachte ohne allen Groll an ihn und nur ein wenig traurig. Und er dachte ebenso an Margherita. Als hätte er sie beide verloren. Als seien sie einmal so heftig und heiß nahe bei ihm gewesen und als seien sie nun fort und davon. Er konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie sie aussahen. Obgleich er angestrengt in seinen Gedanken ihre Gesichter suchte, fand er sie nur mehr als verflüchtigte Bilder.

Die ganze Episode seines letzten Jahres war etwas zurückgesunken. Jedoch erinnerte er sich mit einem müden, aber warmen Verlangen an die Frauen, mit denen er in Brüssel davonging, wenn das Abendkonzert zu Ende war. Er kam vom Krankenlager wie ein ganz trockener, leerer, leichter Schwamm. Alle Poren weit auf, ausgewunden, durstig und hungrig, für alle neuen Empfänge, für gute wie schlechte, wahllos offen und zittrig bereit.

An diesem Morgen, da ihn das Krankenhaus ohne alle Vorbereitung entlassen hatte, war Baptist, als sei es sein gewohnter Weg, ganz von selbst auf die Kathedrale losgesteuert und in die Ruelle des Moines gegangen. Er trat in die kleine Stube des Hotels zur goldenen Blume, in die es gleich von der Gasse durch eine Glastüre ging. Der Wirt kam auf ihn zu: „Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er. Er wußte nicht, wer der Eingetretene war.

Baptist sagte: „Ich wohne hier!“

Da erkannte ihn der Wirt wieder. „Sie, Sie!“ rief er, als sei es ganz unmöglich, und er schaute Baptist an, indem er ihn ins Licht drehte.

„Was hat man denn mit Ihnen gemacht?“

„Wissen Sie das nicht?“ fragte Baptist gleichgültig.

„Nein, nein, kein Wort. Wie sehen Sie aus! Als hätten Sie im Grab gelegen! Und diese Wunde über dem Mund!“

„Über dem Mund?“ fragte Baptist und fuhr sich ein wenig erstaunt mit der Hand an die Lippen. Er hatte im Krankenhaus niemals in einen Spiegel geschaut. Als der Wirt ihn vor einen solchen führte, sah Baptist eine rote Narbe, von der Backe aus über den rechten Mundwinkel bis ans Kinn schneiden.

„So, so! Auch da!“ sagte er dann wie verwundert. „Das wußte ich nicht!“

Er erzählte dann dem Wirt mit kurzen Worten von seiner Verletzung. Der kleine gemütliche Mann konnte kaum mehr zu sich kommen über solche schwarze Schlechtigkeit und über solche unerhörten, heftigen Geschehnisse.

Sie plauderten eine Weile über diese aufregenden Dinge, als der Wirt plötzlich auffuhr.

„Nun erinnere ich mich, die kleine Schwarze gab mir damals, als die Italiener weggingen, ein Paket für Sie. Sie kämen es holen! sagte sie, und ich solle sehr, sehr darauf aufpassen! Das bring’ ich doch mal gleich.“

Als er wiederkam, legte er ein langes, papierumhülltes und gut verschnürtes Paket vor Baptist hin. Dieser band es bedächtig auf. Es war seine Geige.

„Ja, meine Geige!“ sagte er, ohne darüber verwundert zu sein. „Es sind ja auch noch andere Sachen von mir im Haus!“

Aber der Wirt schaute ihn mißtrauisch an.

„Ein Koffer mit Kleidern und Wäsche!“ fuhr Baptist fort.

„Ohne Kleider und Wäsche!“ sagte aber der Wirt auf einmal kühl.

„Ohne Kleider und Wäsche?“ fragte Baptist ruhig dagegen.

„Ja, sie haben einen leeren Koffer hiergelassen.“

Baptist schaute den Wirt an. „Wer?“ fragte er verständnislos.

„Ihre Italiener!“

„So, einen leeren Korb? Dann haben sie meine Kleider und alles mitgenommen. Wo sind sie denn?“

„Verdamm mich, soll ich’s wissen! Sie sind schon im Mai, gleich als Sie nicht mehr kamen, weggezogen.“

„Dann haben sie ja meine Sachen gestohlen!“ sagte Baptist wie teilnahmslos. „Was mach ich denn jetzt?“

Den Wirt verließ nun doch sein Mißtrauen. Er faßte Bedauern zu dem Rekonvaleszenten, dem seine Freunde so niederträchtig mitgespielt hatten. Aber er wollte Baptist doch erinnern, daß er noch in seinem Buche stehe.

„Wieviel ist’s?“ fragte Baptist.

... „Ja, ja ... es pressiert aber nicht!“ wehrte der Wirt.

„Ich hab’ kein Geld!“ sagte Baptist.

„Nu, vielleicht können Sie sich von irgendwo welches verschaffen. Oder vielleicht haben Sie einen Vater, der mal einspringt?“

„Nein, ich habe niemanden, von dem ich Geld bekommen kann.“

„So!“ machte der Wirt enttäuscht. Als er ein wenig, wie überlegend, geschwiegen hatte, sagte er: „Ich bin ein kleiner Mann, es sind doch gegen hundertzehn Franken!“

„Ja!“ antwortete Baptist.

„Hm, hm! Ja, ja!“ Der Wirt drückte sich und wand sich. „Aber so eine Garantie sagen wir, so eine Garantie, könnten wir nicht irgendwie so eine Garantie haben?“

Baptist sagte: „Ich verkaufe meine Geige!“

Er sagte das teilnahmslos und mild, und es war doch ein Einfall, dessen Ausführung ihm insgeheim wie etwas Ungeheuerliches vorkam; ihm vorkam, als sprengte er damit seine Vergangenheit, seine Jugend, sein Elternhaus in die Luft. Es war etwas Verbrecherisches, etwas Revolutionäres!

Der Wirt meinte sorgenvoll: „Ja, aber es sind hundertzehn Franken!“

„Die Geige ist viel mehr wert!“ hielt Baptist dem ruhig entgegen.

Da sagte der Alte beruhigt: „So, so, es ist ein gutes Instrument?“

Aber Baptist sprang ungeduldig auf, er kam sich vor, als säße er mit dem ruhigen Alten in einer Schinderkammer. „Gehn wir! Zeigen Sie mir einen Musikhändler, der sie vielleicht kauft,“ sagte er erregt.

Aber als die beiden draußen in der Gasse waren, hatte sich der Anfall, der wie heißes Wasser über Baptist gestürzt war, wieder verlaufen. Sein geschwächter Körper war übermüdet von der ungewohnten Freiheit, seine Gedanken waren wie entfernt von ihm, wie abgetrieben. Sie lagen wie vereinzelte Menschen auf großen Plätzen, faul und verloren und schlafend in der Sonne einer rastenden Mittagsstunde.

Der Wirt schleppte ihn in einen kleinen dunklen Laden, in dem neben allerlei Musikinstrumenten noch einige andere Sachen verkauft wurden; ein kleiner Instrumentenmacher, der die Lage seines dunklen Winkels und die Art seiner Kundschaft nützte.

Der Händler nahm die Geige und ging damit ans Fenster.

„Zehn Franken!“ sagte er.

Der Wirt erschrak. Baptist wandte gleichgültig ein: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

„Nein, nein, Herr!“ entgegnete der Instrumentenmacher und Trödler, „es ist eine Geige, weißt du!“

Baptist nahm die Geige sacht aus der Hand und bettete sie zärtlich in den Kasten.

„Dann gehen wir wieder!“ sagte er zum Wirt.

„Zwölfeinhalb Franken!“ warf der Trödler dazwischen.

„Adieu!“ sagten die beiden und verließen den Laden.

Auf der Straße meinte Baptist: „Wir müssen in ein Musikgeschäft gehen, in ein größeres Musikgeschäft.“

Als sie in der Kipdorpstraße in ein solches traten, begrüßte sie mit verbindlichem Händereiben und Kopfnicken ein Kommis. Er nahm die Geige, und tat, als zupfte und guckte er sachverständig dran herum.

Baptist warf hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

Diesen Namen mußte der Kommis schon gehört haben. Er schlug die Augen zu Baptist auf und tat wichtig: „Ah, ah!“ dann kehrte er stracks um und ging in den Raum hinter dem Laden. Von dort brachte er einen dicken blonden Herrn mit einem Vollbart und einer goldenen Brille mit zurück. Der nahm die Geige, beschaute sie ein Weilchen am Fenster und verschwand dann mit ihr in dem hintern Raum. Kurz darauf hörte Baptist, wie in der Ferne, Geigentöne aufklingen und gleich wieder verstummen. Das wiederholte sich ein paarmal.

Nach einer Viertelstunde kam der blonde Mann zurück. Er sagte: „Guten Tag!“ als er an die beiden herantrat, und fragte gleich hinterher: „Was wollen Sie dafür?“

Baptist zuckte mit den Schultern.

„Zweihundertfünfzig Franken geben wir Ihnen!“

Der Wirt ließ ein feines Pfeifen hören, wie von einer Maus, so erstaunt war er. Baptist wußte, daß für dieses Geld die Geige weggeworfen sei. Aber er war mürbe. Die Verhandlungen und vorher das Herumlaufen wegen der Geige kamen ihm unwürdig vor. Sie schlugen ihn. Er schämte sich.

Da sagte er: „Ja.“

Er bekam das Geld gleich ausbezahlt und ging mit dem Wirt der Fleur d’Or rasch davon.

Als die beiden draußen waren, hob der Blonde die Geige noch einmal an seine Brille. Er schaute noch einmal, wie zu einem behaglichen Nachgenießen, in den Kasten, über das Saitenbrett. Währenddessen warf er dem Kommis hin: „Es ist eine Aegidius Barzellini!“

„Ja, eben! Sapperlippopett!“ antwortete der verbindlich.

Da bemerkte der Blonde, daß tief unter das Saitenbrett ein Papier eingeschoben war. Er arbeitete es mit dem Taschenmesser hervor, während er den Kommis bat, die beiden zurückzurufen. Der junge Mann verschwand eine Weile auf der Straße. Aber er kam allein zurück. „Nicht mehr zu sehen!“ sagte er.

Der Blonde lächelte. Er hatte den Zettel auseinandergefaltet und gelesen, was drauf stand. Es war italienisch und unbeholfen geschrieben und hieß:

„Die heilige Jungfrau beschütze Baptist!“

Er kugelte das Zettelchen zusammen und warf es in eine Ecke. Dem Kommis antwortete er: „Na, ist auch nicht wichtig!“ Dann trug er den erworbenen Schatz mit einem tänzelnden Gehen seines kurzen, schweren Leibes in die Räume hinter dem Laden.

* * * * *

Baptist eilte mit dem Wirt durch die Straßen, als drohten die Häuser um sie herum zusammenzustürzen. Er sagte für sich: Nun bin ich ganz allein! Aber er sagte bei jedem Schritt diesen selben Satz. Er sagte ihn so, als schlüge er sich jedesmal damit. Es war ihm, als sei er auf einmal in eine Schlucht heruntergefallen, seitdem er die Geige nicht mehr besaß.

Er ging immer schneller. Er sah nichts mehr um sich. Seine Blicke verhüllten sich mit dunklen Tüchern. In seinen eilenden Beinen wurde es unsicher und warm. Das tat ihm wohl. Auch seine Augen füllten sich nun mit einem vollen funkelnden Dunkelsein, und auf einmal brachen seine Beine mit einem kleinen wohligen Schmerz ermattet zusammen.

Er erwachte nach langer Zeit in einem kleinen dunklen Zimmer und in einem weiß gedeckten Bett und war frisch gekräftigt. Aber zugleich mit dem Bewußtsein der jungen Kraft stellte sich auch das Gefühl des unausmeßbaren Verlassenseins ein.

Nach einer Weile öffnete sich die Türe zu Füßen des Bettes und eine Frau, die er noch nie gesehen hatte, streckte den Kopf herein.

„Sind Sie wach? Sind Sie wieder gut?“ fragte sie.

Baptist bejahte.

Dann kam sie herein. Sie war eine mittelgroße Dreißigjährige mit einem etwas eckigen Körper in einem sauberen bunten Leinenkleid und einer weißen koketten Schürze. Ihr unregelmäßiges Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, hatte zugleich etwas Grobes und etwas Leidendes. Es war blaß, von feiner Hautfarbe und die Backenknochen sprangen derb vor. Die Augen waren dunkel und in einem kalten Glanz verschwommen. Dicke Augenbrauen spannten sich drüber. Sie sahen wie wild aus und herrschten machtbewußt über das ganze Gesicht.

Die Frau trat nahe ans Bett heran und fragte, indem sie sich niederbückte, noch einmal: „Ist’s wieder ganz gut?“

„Ich glaube ja!“ antwortete Baptist.

Da schnappte draußen eine Klingel ein paarmal auf und die Frau verließ rasch das Zimmer. Währenddessen wühlte sich Baptist emsig aus den Tüchern. Er hatte mit der Hose im Bett gelegen und seine Kleider waren nebenan auf einem Stuhl geordnet. Er war dabei, sich anzuziehen, als die Türe wieder geöffnet wurde und die Frau mit dem Wirt der Fleur d’Or erschien. Mit einem herzlich familiärem „So, na, schon wieder auf!“ trat der Wirt auf Baptist zu.

Baptist sagte: „Danke!“

„Ja, Sie müssen Fräulein Veroken danken. Die hat Sie in ihr Bett gelegt.“

Baptist reichte der Frau die Hand. Sie umfaßte seine Finger mit einem raschen Zudrücken und schüttelte den Kopf.

„Nicht nötig! Gern geschehn!“

Baptist zog sich dann ganz an, bedankte sich noch mehrmals und verließ mit dem Wirt die Stube. Sie kamen durch einen kahlen weißen Raum, in dem es nach Kohle roch und Stöße von Hemden auf weißen Brettern lagen, und traten auf die Straße hinaus.

Das Fräulein begleitete sie bis in die Türe. „Auf Wiedersehn!“ rief sie, als die beiden schon ein paar Schritte gegangen waren. Baptist drehte sich um und grüßte noch einmal mit dem Hut. Da las er neben der Türe auf einem runden, weißgemalten Blechschild: Alientje Veroken, Plätterin.

Es war nicht mehr weit bis zur Fleur d’Or. Dort reichte Baptist dem Wirt all sein Geld hin. Der zählte hundertzehn Franken ab und schob Baptist ein paar Gold- und Silberstücke wieder zu.

Baptist schaute ihn verwundert an. Was sollte das Geld? Er hatte doch dafür seine Geige verkauft; alles Gute seines Lebens hintan geschmissen, um seine Schuld zu bezahlen.

„Weshalb wollen Sie das nicht?“ fragte er den Wirt verstört.

„Aber lieber Mann, Sie sind mir doch nur hundertzehn Franken schuldig!“

Da verstand Baptist erst. Er steckte den Rest des Geldes resigniert in seine Westentasche. Der Wirt ließ Essen bringen. Aber Baptist rührte es kaum an. Bald ging er weg und wieder auf die Straße. Wie freigeworden von einem Druck irrte er draußen umher.

Er kam an den Hafen und stand lange auf der Promenade, die über die Lagerschuppen gebaut ist. Zwei große Dampfer luden ein und aus, und Baptist sah unter sich die Arbeit in knirschender Raserei Land und Schiff verbinden. Kleine berußte oder verstaubte Menschen tauchten immer wieder irgendwo aus dem glatten Deck heraus, gingen ein paar hastende Schritte und verschwanden wieder. Baptist sagte sich traurig: „Ach Gott, vielleicht wärs das beste, wenn ich auch in solch einen Kasten verschwände!“

Aber er lehnte sich gleich wieder auf gegen diesen Gedanken. Von seinen heimatlichen Begriffen her hatte er von diesen Dampfern noch die Vorstellung, als seien sie große, dunkle Behälter, in die all das hineintauchte, was die Länder nicht mehr duldeten: die elenden Flüchtlinge, die ausgebleichten Heimatslosen, Gesindel und Verbrecher, die in dem rätselhaften Leib dieser schwarzen Schiffe mit sklavischer Arbeit der Hände ihr verwirktes Leben in Dunkelheit bargen und jämmerlich dahinfristeten. Und in einem dumpfen Sichausspannen wehrte Baptist dieses ton- und lichtlose Arbeiten der Hände von sich ab, als das rettungslose Versinken, als das letzte Sichaufgeben.

Aber er hatte mit dem Gedanken gespielt und er war an ihm haften geblieben, wie ein Teerfleck, der immer wieder durch alles hindurchschlägt. Baptist sah drunten die kleinen Leute, die aus den Luken heraus an Deck krochen, wie Würmer, als seinesgleichen an. Er sah sich in ihnen. So wie der! So wie der! sagte er von sich bei jedem der berußten oder verstaubten Arbeiter, die auf den Schiffen erscheinen. Aber schließlich lief er gepeinigt aus dem Bereich des Hafens hinaus.

Baptist war im Hafen wieder offener geworden für die Notwendigkeiten des Lebens. Er ging in den ärmlichen Gassen umher und schaute aus, wo er ein Zimmer mieten könnte. Er suchte nicht lange und nahm das erste, das er sah. Es kostete fünfzehn Franken im Monat. Es lag in einem geschwärzten Hof, war aber von bescheidener Ordentlichkeit. Er legte sich gleich ins Bett.

* * * * *

Als Baptist sich zum ersten Male Wäsche kaufen mußte, wurde er darauf aufmerksam, daß sein Geld fortfloß. Da begann er mit einer leeren, tatlosen Angst zuzuschauen, wie Franken um Franken dahinschwand.

Und unversehens schaute eines Abends der alte Hunger einen Spalt breit zu seiner Türe herein.

Baptist glaubte zunächst nicht, daß es ernst sei. Er dachte: ‚Ach, es ist so ein wenig zum Bangemachen, wie so ein farbiger Flederwisch im Kirschbaum für die Staare. Der Wind bläst ihm in die leeren Ärmel, und selbst die Vögel glauben bald nicht mehr an ihn.‘

Baptist legte sich mit ausgebreiteten Gliedern mit dem Rücken aufs Bett und unterdrückte den kleinen leeren Schmerz, indem er wie ein Frosch mit den Beinen und Armen in die Luft hinaufturnte. Dann ging er emsig um den Tisch herum und fuchtelte mit den Händen vor dem Gesicht, als schlüge er Fliegen weg. Plötzlich brach eine heiße Welle aus seinem Herzen in den Kopf und er legte sich mit geschlossenen Augen über die verschränkten Arme auf den Tisch und dachte sich: ‚Wie ist es doch so roh, ein Kind mit dieser Strohpuppe zu bedrohen!‘ Er erinnerte sich, daß sie zu Hause als Kinder niemals die Suppe essen wollten und daß der Vater dann sagte: „Vielleicht bist du noch einmal mehr als glücklich, wenn du eine solche Suppe bekommst. Wart nur mal ab!“

Baptist sprang auf.

„Ja, ich wollte, ich hätte jetzt so eine Suppe von daheim!“ sagte er laut und in einem widersinnigen Trotz. Und langsam kroch die Angst an den Tischbeinen heran, wie Katzenpfoten, die mit ihren Krallen spielen. Es war Baptist, als drückte etwas leise schmerzend und dunkel auf seine Augen. Aber er erwachte gleich wieder, und etwas anderes fiel ihm mit einem plumpen Fall in den Leib und bohrte sich schwer darin niederwärts. Das war so gewichtig, daß es ihn auf den Boden niederzwang. Er stieß mit den Füßen gegen das dickköpfige Ungeheuer; aber es hatte eine knöcherne Haut. Seine Fäuste wollten nervig an den Hals greifen, aber die Muskeln gehorchten nicht und schienen in einem feuchtheißen Beben zu schmelzen. Da saugte sich der Mund des Hungernden bettelnd an das Holz des Fußbodens fest. Es gab nichts ab. Er biß in die schwachen, leblosen Hände, bis diese Schmerzen die Qualen des Magens überstiegen. Jedoch der Sieg dauerte nur drei Augenblicke.

Baptist wimmerte leise.

Der Flederwisch war zu der alten, steinharten Legende geworden, die dürr und grell wie ein Fels aus der Dunkelheit der Menschwerdung durch alle Zeiten heraufragte, unvergänglich und unzerbröckelt mit den Zeiten wuchs – der alte Hunger: Blut und Morde blühten zu seinen leblosen Füßen, graue Qualen pfiffen wimmernd daneben, wie im Gras verborgen irrende, verletzte Tierchen.

Diese widerstandslose, unsichtbare, entkräftende Fessel wurde Baptist etwas so seltsam Unheimliches, daß es wie eine langsam niedersinkende Mauer auf ihn eindrang. Er wurde, ohnmächtig den Einsturz erwartend, wie ein Kind. Er plapperte: „Will Essen haben! Will Essen haben!“ Lallend sagte er: „Bringen Kindi nix! Kindi krank, krank!“ Er schmollte: „’s is gut! Kindi stirbt!“

Aber dann stieß er einen röchelnden harten Laut aus, kurz wie das Zerknallen einer Blase und wälzte sich vom Boden auf. Mit zitterigen, schwachen Beinen glitt er die Treppe hinab und schlich sich ausschauend an den Häusern entlang durch die Gasse, in der die Laternen schon leuchteten. An der Ecke rannte eine lärmende Gesellschaft junger Männer an ihn. Im Nu hatten sie ihn ohne Absicht eingeschlossen.

Da zog Baptist seinen Hut ab und murmelte lautlos und blöde: „Gebt!“

Einer sah es.

Der legte Baptist die Hand auf die Schulter und sagte mit derbem Wohlwollen auf Deutsch: „Hast du Hunger, armer Teufel?“

„Er hat Hunger!“ wandte er sich dann laut an die andern. Die wiederholten: „Er hat Hunger!“, nahmen Baptist geräuschvoll in ihre Mitte und zogen mit ihm wie im Triumph in die Kneipe hinein, die gerade an der Ecke ihre Türe offen hielt.

‚Zur Loreley‘ hieß sie und die Matrosen waren hier gut bekannt.

„Vater Brix! Er hat Hunger!“ rief einer von der Gesellschaft über den Schenktisch. „Was kost’ der Schinken!“

Aber er nahm ihn schon. Ein anderer brachte Gabel und Messer; ein anderer Teller, ein anderer Brot, ein anderer Bier, ein anderer eine Schnapsflasche. Und sie schnitten ab, gossen ein und schoben Baptist alles hin.

Der saß mit einem kindlichen Lächeln da und fing an zu essen, wie ein Mühlenkanal sein Wasser verschluckt. Sein Herz flog auf, wie ein Luftballon. Er trank und aß und die Fülle um ihn herum kam ihm vor, wie der goldene Überfluß herbstlicher Kornfelder, wie reiche Bauernhöfe, die mit Schweinen, Hühnern und Kühen, Früchten und Mehl vollgestopft waren, kam ihm vor, wie die sieben fetten Jahre Ägyptens. Die deutschen Matrosen sangen um ihn herum, wie Indianer tanzend: „Trinke mer noch en Tröppche ...“ und er mußte ihnen, das Essen unterbrechend, Bescheid tun, einmal mit Bier und einmal mit Branntwein.

Als sich die Lärmfreude ermüdet hatte, und die Matrosen sich ruhiger um ihn herumsetzten, und mit derber Herzlichkeit ihm zum Essen zuredeten, bemerkte Baptist an einem andern Tisch einen Kreis junger Leute, deren Gesichter er schon einmal gesehen haben mußte. Das viele Trinken hatte seinen Blicken die Schärfe genommen und er konnte nicht mehr genau hinschauen. Auf einmal erkannte er, daß die jungen Leute fortwährend zu seinem Tisch herüberblickten und er drehte den Kopf weg. Aber in demselben Augenblick wußte er, wer die waren, die dort saßen und ihn anstaunten ... Es waren ehemalige Schulkameraden von ihm aus Luxemburg, die das Studieren aufgegeben hatten und in Antwerpen in Geschäftsbetriebe eingetreten waren.

Da schlug die Scham auf ihn nieder, wie mit einer versengenden Flamme. Er rückte heimlich ans Ende der Bank und glitt zur Türe hinaus, lief stolpernd die enge Gasse hinauf zu seiner Wohnung. Die Trunkenheit saß mit einer weichen Unsicherheit in ihm, sie leitete ihn wie schwebend die Treppen hinauf, in denen die Lichter schon gelöscht waren, und warf ihn mild aufs Bett. Sie wickelte die Härte seiner verletzenden Vorstellungen in eine weinerliche, süß schmerzliche Verschwommenheit und übergab ihn bald sanft dem Schlaf.

Aber wie eine Vergiftung trug er durch die kommenden Tage diese Begegnung mit den Landsleuten. Er war degradiert, er hatte gebettelt und er gestand sich nun offen ein, daß er an jenem Tage in die schwarzen Höhlen der Schiffe hätte hinuntertauchen sollen, um im Leben spurlos zu verschwinden, wie die Fliegen, die einmal vor ihm an den Fensterscheiben getanzt haben und von denen man dann niemals wieder etwas sah.

* * * * *

Und dann kam auch bald der steinharte, legendenhaft alte Tag, der ihm das Dach über dem Kopfe nahm.

Es war eine kalte Novembernacht, in der er zum erstenmal kein Bett mehr hatte. Er irrte in den schwarzen Gassen herum, betäubt und doch ruhelos, wie in einem Kerker, und setzte sich dann auf eine Bank, ohne zu wissen, wo. Er schlief ein wenig ein. Aber er wachte gleich wieder auf. Er fühlte sich wie geprügelt. Die funkelnde Dunkelheit lag über den kahlen Bäumen des Platzes, auf den er gelangt, und fiel eisig auf ihn hernieder. Er war wehrlos. Er lief ein Stück weit gehetzt davon und schluchzte mit dunklen, kurzen, flehenden Lauten, wie ein verwundetes Tier, das am Sterben liegt.

Aber er überstand auch diese letzte, höchste Grausamkeit. Seine Kleider verkamen. Die Menschen wichen schon etwas beiseite, wenn er sich ihnen näherte. Er aß manchmal in der Volksküche, die im Winter umsonst Suppen verschenkte. Er aß sie mit angeketteten Löffeln. Er hungerte dreiviertel der Zeit. Es war ihm, als ränne sein Herz auseinander, und es entstand eine dumpfe Leere in ihm. Wenn es dunkel wurde, suchte er instinktiv eine geschützte Stelle zum Übernachten, in einer tiefen Haustüre, einem Schuppen, einem Eisenbahnwagen.

Und einmal wurde er an solch einem Ort mitten aus dem Schlaf gerüttelt und ohne daß er sich bewußt wurde, was geschehen war, davongezerrt und in einen warmen dunklen Raum getan. Dort erwachte er erst bei hellem Tag. Ein alter verbogener und blöd aussehender Mann lag neben ihm auf der breiten Holzpritsche. Dann kam ein barscher Polizist herein, rief: „Aufstehen! Raus!“

Der alte Lump, dessen Hosen und Jackenränder in Fetzen gefranzt waren, rollte von der Pritsche herunter und lallte ein paar Flüche. Aber er wälzte sich aufrecht und trollte zur Türe hinaus in den helleren Raum, in dem zwei Polizisten saßen. Dort stellte er sich krumm und klein neben Baptist auf.

Ein Polizist sagte: „So, da ist das alte Ferkel ja auch wieder! Laß ihn doch! Jetzt ist’s Winter. Da wird er ja doch hoffentlich einmal erfrieren. Lohnt doch das Papier nicht!“ Dann wandte er sich an Baptist: „Auf welches Schiff gehörst du?“ Aber bevor er eine Antwort haben konnte, schnauzte der Polizist weiter: „mach, daß du künftighin am Abend in dein Schiff kommst, statt dich sinnlos zu besaufen. Das nächste Mal gehts nicht so gelind ab. – Abmarschieren!“ winkte er mit der Hand.

Baptist ging nun neben dem kleinen alten Vagabunden durch die Straße.

„Hast du keine sechs Zenten?“ fragte der Alte lallend. „Es is so bannig kalt. Möcht mal en lütten ingießen!“

„Ich habe nichts!“ antwortete Baptist.

„Dreckskerl! So ’n Dreckskerl! Weshalb hast du denn nichts, weshalb has du nix für den armen alten Papa Ladstock? Die Beinchen wollen ja gar nicht mehr, och die alten, alten kranken Beinchen! ...“ weinte er. Die Tränen blieben aber in den farblosen Augen glänzend und festgeklebt hängen, und Baptist fühlte sich vor Mitleid weich und warm werden.

„Wart, ich geh jetzt arbeiten, dann geb ich dir was!“ tröstete er den Alten.

Aber da blieb der stehen und hob den schmutzigen, dicken Kopf zu Baptist auf. Er rief empört und fuchswild, daß die Wörter eines über das andere zu schnappen schienen, und sein zotteliger grauer Bart sich sträubte: „Was! Arbeiten! Dreckskerl, Hundsgeburt, du willst arbeiten gehn!“

„Nein, dann nicht“, beruhigte ihn Baptist.

„So is man gut!“ sagte der andere getröstet und ging weiter.

Sie schlenderten dann stumm zu dem Hafen hinunter. Bei der Waeser Station lehnten ein paar Vagabunden an einem Zaun. Papa Ladstock ging geradeaus auf sie zu, und Baptist folgte, zögernd hinterher gezogen. Die Vagabunden fröstelten, hatten die Hände in den Hosentaschen und traten von einem Fuß auf den andern. Sie schickten alle einen scheuen, verborgenen Blick hastig zu Baptists Gesicht hinauf. Aber sie grüßten nicht und sprachen kein Wort. Vater Ladstock stellte sich schweigend mitten zwischen sie an den Zaun. Da tat auch Baptist dasselbe.

Auf einmal sagte Ladstock, ohne sich zu bewegen: „Reich Vatern doch mal die Katrine – och!“

Es war nicht ersichtlich, an wen er diese Worte richtete.

Zwischen der Gruppe entstand trotz des bisherigen Schweigens etwas wie eine Pause. Aber langsam rückte dann eine Hand aus einer Hosentasche und hielt eine kleine flache Blechflasche hin.

Vater führte sie auf ein Weilchen an den Mund. Er drückte sich nachher wiederholt die Nässe des Bartes mit den zittrigen Fingern über die Lippen aus und reichte Baptist die Flasche hin.

Baptist trank daraus.

Währenddessen fing einer an hämisch zu lachen. Vater schaute ihn strafend an. „Wer?“ machte der Lacher, ließ den Daumen aus der Hosentasche heraus und deutete damit auf Baptist.

„Hundsgeburt!“ wies ihn Vater energisch zurecht, und sein zotteliger Bart sträubte sich, „Is mein Freund; mein Freundchen!“ Seine kleinen Augen schauten zu Baptist hinauf und Zärtlichkeit schwamm in ihrem wässerigen, farblosen Glanz.

Baptist empfand eine gerührte Liebe für den kleinen Alten. Aber er bäumte sich gleich wieder auf gegen diese Gefühle. Sie legten sich mit einer faulen und gemütlich saugenden Schwerfälligkeit über ihn nieder, als wollten sie ihn ersticken, und er bekam Angst vor ihnen. Er dämmte sie ein, indem er die andern Lumpen zu hassen begann. Sie waren etwas so Gemeines, so etwas Ekles – Verbrechertum!

Da sagte er auf einmal trotzend: „Jetzt geh ich!“

„Wa – –? ’iebes Freundchen! wirst nich! deinen alten Kameraden im Stich lassen? Wa, wa?“ jammerte der Alte und streichelte ihm mit einer unbeholfenen groben Zärtlichkeit über den Arm. Die andern lachten roh.

Nun genierte sich Baptist vor der Liebe des Vagabunden fortzugehn. Aber er dachte doch gleich daran, es heimlich zu tun, wenn sich eine Gelegenheit böte.

In diesem Augenblick kam ein Herr aus dem Bahnhof heraus auf die Gesellschaft los. Er setzte seinen Koffer vor den Lumpen nieder und fragte: „Wer will mir ihn zum Staatsbahnhof tragen?“

Keiner rührte sich. Die Vagabunden traten weiter von einem Fuß auf den andern und schauten an dem Fremden vorbei die Straße hinab, als stünde niemand vor ihnen.

Da ging Baptist mit einem Ruck unversehens aus ihrer Mitte heraus, hob den Koffer in die Faust und schritt davon.

Vater Ladstock stand da, als glaubte er’s nicht. „Wa, wa?“ lallte er. Die andern fingen an zu schmunzeln und lachten dann laut heraus. „So ’n Dreckskerl, so ’n Dreckskerl!“ wütete Vater los und sprudelte die Schimpfwörter in seinen grauen Bart, daß die Haare wie in einem Regen auf und nieder flogen.