Neuntes Kapitel
Baptist ging in den frühen Morgenstunden nach dem Süden, wo der Gerichtspalast lag. Das Leben der Straßen hatte noch etwas Taufrisches vom Schlaf der Nacht her. Auf der Place Verte, die er bald kreuzte, waren große Haufen von Gemüse aufeinandergeschichtet, welche die Fruchtbarkeit des Waeslandes hereingeschickt hatte. Es lag noch Tau auf den grünen Büscheln; sie waren üppig, fruchtbar und saftig, wie mannbares Leben. Über den Platz zog der Turm der Kathedrale in den morgenblassen Himmel hinauf, und seine Spitze war rosig von der neuen Sonne, wie mit duftendem Reif belegt. Das alles sah Baptist und er ging, in den dumpfen Kreis seiner märtyrerhaften Vorstellungen eingeschlossen, der selbstbestimmten Sühne entgegen. Er klagte sich öffentlich an. Es war eine dunkle Feierlichkeit in ihm, seltsam gemischt mit bitterer Scham und einer weglosen Verzweiflung.
Es war halb acht, als er vor dem Gerichtspalast ankam. Er stieg die große Treppe hinan mit einer mürrischen und trotzigen Entschlossenheit. Im Treppenhof stand ein einsamer uniformierter Beamter bewegungslos wie ein Standbild, und in den Gängen sah man kaum ein paar Menschen auf den Bänken an den Wänden sitzen. Als Baptist den Treppenhof durchqueren wollte, setzte das Standbild in Uniform plötzlich ein Bein vor. Wohin? hieß dieser stumme kleine Schritt.
„Wo ist das Bureau des Staatsanwalts?“ fragte Baptist.
Der Beamte zeigte mit dem Daumen über die Schulter: „Viert’ Tür’ rechts!“ sagte er, als spräche er in die Luft hinein.
Baptist trat schwer in den Flur, in dem auf einmal ein kleines, hartes, graues Licht war, das durch ein fernes Fenster im Grund herbeikam. Er klopfte an der vierten Türe. Als er keine Antwort hörte, legte er die Hand schwerfällig auf die Klinke und drückte nieder. Aber die Türe war verschlossen.
Da ging er zu dem Beamten zurück und sagte ihm das.
„Gleich sa’n kön’! kom’ erst zehn!“ antwortete der ihm, feierlich trotz seiner abgeknapperten Sprechweise.
Baptist verließ das Haus wieder, stieg die Treppen hinunter in die Straße und ging finster der Stadt zu. Er wollte zur Taverne zurück, um zunächst noch seine Morgenarbeit zu verrichten. Aber so wie er in seiner dunkel und schwerfällig angetriebenen Bewegung sich der Strafe zu stellen, auf einmal unerwartet aufgehalten worden war, verließ ihn der finster geballte Grimm des Sühnenwollens wieder, der ihn festgehalten hatte. Er war nun wieder nur der Mensch, der das Vertrauen anderer getäuscht, der sich heimlich am fremden Eigentum vergangen hatte, der verächtliche, verluderte Dieb. Diese harten Vorstellungen wirbelten verbrennend in ihm herum und er eilte achtlos durch die Straßen. Er war auf einmal auf dem Paulsplatz und ging quer hinüber auf die Taverne zu. Wie unter dem Gewicht der eisernen Gedanken trug er den Kopf gebeugt. Als er an die kleine Treppe kam, die zu der Wirtschaftstüre hinaufführte, hob er ihn auf, und es erschien ihm eine Sekunde lang merkwürdig vertraut, daß eine junge schlanke Dame mitten in der Straße auf ihn zukam.
Aber in demselben Augenblick, wo die Dame wie gewaltsam angehalten keine zehn Schritte von ihm weg mit dem Kopf in die Höhe zuckte – erkannte er, daß es seine Schwester war, die dort vor ihm erschrocken zurückfuhr.
Da wurde er von einem schweren Schlag seines Herzens getroffen, daß er sich aufbäumte wie eine Woge, die gleich vornüber niederzubrechen droht. Aber im letzten Augenblick fand er eine verzweifelte, trostlose, leise wegschiebende Gebärde mit der Hand. Er sprang die Treppen hinan und warf sich in die Türe hinein. Die Scham goß sich wie heißes, nasses Blut über sein Gesicht. Er drehte sich nicht mehr um.
Drinnen stürzte er wie gestoßen zwischen den Tischen hindurch, bis er Hasenklever hinter dem Büfett arbeiten hörte. Da blieb er stehen. Das Lokal war ganz leer. Er drehte dem Wirt den Rücken und versuchte seitwärts mit einem scheu verbrannten Blick durch die Fenster die Straße zu erreichen. Er hörte, wie die Arbeit hinter dem Büfett auf einmal aufhielt, wie Hasenklever mit ein paar langsamen, neugierigen Schritten hervorkam und dann stracks zu den Fenstern eilte.
Hasenklever pflanzte sich dort auf. Er sah eine elegant gekleidete junge Dame mitten auf der Straße stehen und ein kleines weißes Taschentuch erregt an die Augen pressen. Er konnte deutlich erkennen, wie das Schluchzen sich in ihrem Körper bewegte. „Deibel, Deibel!“ knurrte Hasenklever in seinen Bartwust, „Was ist denn nu das wieder?“ Das ungewohnte Bild vor seiner Türe war ihm doch etwas zu kasongolisch, wie er sich ausdrückte. „Baptist, Sie Mensch,“ rief er hitzig, „so kommen Sie doch mal heran, ob Sie schon so was gesehen haben! Am hellen Morgen steht ein Mädel draußen und plärrt den Sankt Paulsplatz an. Und hol mich der und der, das arme Frauenzimmer ist nicht aus unserer Gegend. Das ist was Feines!“
Baptist stand erstarrt in der Mitte des Raumes an einen Tisch gedrückt und sah seine Schwester draußen weinen. Und Hasenklever hatte noch nicht ausgesprochen, da kam eine Welle an Baptist heran, hob sich an ihm hoch und glitt über ihn nieder. Heiß und unwiderstehlich schwer drückte sie ihn in die Knie. Er warf sich mit dem Kopf über den Tisch und schluchzte es heraus: „Es ist meine Schwester!“
Hasenklever fuhr herum und kam langsam herzu. Erst war er etwas fassungslos vor dem langen starken Burschen, der weinte, und er rieb sich eine Weile seine rote Nase. Als sie ganz warm war, zupfte er seine Schnurrbartspitzen aus der Wildnis des Backenbartes heraus. Dann legte er unbeholfen seine dicke Hand auf den Rücken des Weinenden, und schließlich hatte er’s gefunden.
„Aber nu hör’ doch mal Junge!“ sagte er so leise, wie er konnte, „Wer geht denn weinen, wenn er seine Schwester wiedersieht! – hat sie dich reingehn sehn?“ fragte er dann rasch.
Als Baptist Ja nickte, hüpfte Hasenklever auf: „So mein Sohn, jetzt geh’ ich sie stante pedante vom Paulsplatz rein zum Brüderchen in die Stube holen. Dann fallt ihr euch um den Hals und küßt euch und weint ein Grützchen zusammen hier drinnen.“ Hasenklevers schwere Stimme begann ein wenig zu schwanken wie ein Seiltänzer, dem das Seil unter den Füßen ins Schaukeln geriet. Aber er stieß sich mit der Faust auf den Bauch und sein Gemüt war wieder im Gleichgewicht. „Ja, jetzt geh ich schlankweg!“ sagte Hasenklever bestimmt.
Baptist lag die erste Weile wie gelähmt über den Tisch. Er hörte den Wirt davongehn, und das Entsetzen schnürte ihm die Glieder ein. Er wäre gerne aufgesprungen und hätte sich an ihn festgeklammert, hätte ihn erwürgt, damit er nicht hinauskonnte. Nur das nicht, nur nicht das Schwesterlein an seinen Schmutz rühren lassen! das stand unverrückbar versenkt in ihm, wie ein eiserner Obelisk.
Auf einmal, als Hasenklever schon nach der Türklinke faßte, gewann Baptist die verzweifelte Kraft über sich. Er ergriff das gewaltsamste Mittel, das er im Feuer des Augenblicks fand, und schrie: „Ich habe Ihre fünfzig Franken gestohlen!“
Hasenklevers Hand blieb in der Schwebe auf dem Weg zum Türgriff. Er drehte den dicken Kopf über die Schulter, das Blut stieg in seinem Gesicht hoch und rötete es bis in die Wirrnis des Bartes hinein. „Bürschlein!“ brüllte er auf einmal, drehte sich um und kam langsam heran, die schweren Arme, an denen die Hemdsärmel bis über die Ellbogen heraufgestülpt waren, etwas an den Hüften hochgezogen, wie zum Angriff. Er blieb unbeholfen atmend vor Baptist stehen, und der ganze kleine schwere Leib war angehalten behende Wut, die nur eines blitzschnellen Druckes braucht, um loszurasen.
Baptist wiederholte mit leiser, ergebener Stimme: „Ich war’s!“
Auch ihm stieg das Blut über die Wangen, die Augen und die Stirn, heiß und qualvoll. Er fuhr rasch fort: „Ich war gerade auf dem Gericht, um mich zu stellen deswegen.“
So einen Tag hatte Hasenklever noch nicht erlebt. Die Wut rann heimlich und unversehens aus ihm davon. Es ward leise schwindlig in seinem schweren einfachen Kopf, und er sah wie betreten, daß er zwischen dem Bruder hier drinnen und der so vornehmen Schwester draußen stand, wie zwischen zwei dunklen, gefährlichen Dingen voll unglücklicher Rätsel. Unvermittelt trat er etwas beiseite. Die Überlegung versagte ihm den Dienst. Er suchte und suchte und fand den Hebel nicht, der die gestörte Maschine wieder in Gang bringen konnte. Schließlich fluchte er einen „Deibel“ herbei und sagte mit bekümmerter, sorgenvoller Stimme: „Komm, wir wollen mal einen Schnaps zusammen trinken!“
Er kippte das gefüllte Glas mit einem kurzen Ruck zwischen seinem Barte um und setzte es leer auf den Tisch. „Noch einmal!“ murmelte er und wiederholte das kleine Manöver. Dann schaute er Baptist an, zuerst etwas scheu, und dann sagte er sich, daß er ihn gern habe und ihm wohl eine seiner Töchter gebe. Es war ihm schwierig, nun diese Angelegenheit wegräumen zu müssen. Schwerfällig fragte er: „Also du warst’s? Ist das denn nu auch ganz gewiß?“
Baptist winkte: „Ja.“
„Wo ist denn das Geld?“
„Es ist fort. Es war nicht für mich!“ antwortete Baptist scheu.
Da wurde es licht in dem schwerfälligen Kopf des Wirtes.
Ja, fast lächelte er, daß er seinen geliebten Baptist so reingewaschen sah. „So, so!“ tat er tröstend. „Na denn is nich so schlimm. Wofür war’s denn?“ Er schaute zugleich zu den Fenstern hin und machte schon einen Schritt auf die Türe zu. Aber die junge Dame war nicht mehr draußen. Der Paulsplatz war ganz menschenleer und trug nur die Sonne, die von den Dächern aufs Pflaster herunterglitt. Hasenklever war sehr enttäuscht.
„Das mag ich nicht sagen!“ antwortete Baptist mittlerweile.
„Nu, fort ist fort. Auch egal. An fünfzig Franken gehen wir nicht kaputt. Besser das, als wie ’n Bein gebrochen. Wollen uns wieder vertragen!“ sagte er herzlich. Er fühlte sich von einer drückenden, dunklen Last befreit, daß sich die Angelegenheit nun so klar darbot. Er meinte noch: „Und es bleibt ganz zwischen uns. Da, Hand drauf!“
Aber Baptist schaute betroffen auf. Dann schüttelte er eifrig den Kopf. „Nein“, sagte er erregt.
„Ja, was nun wieder: nein!“
„Ich stell’ mich dem Gericht. Der Staatsanwalt ist nur noch nicht dagewesen!“
Da starrte ihn Hasenklever an. „Helf mir der Heiland, ich muß noch einen Kümmel heben!“ sagte er. Als er das Glas wieder leer hingestellt hatte, faßte er Baptist beim Handgelenk und zog die Uhr unter der Schürze hervor: „Du hast wohl Fieber, Mensch – Ne, ne, seinen alten ‚Patron‘ so zu plagen!“
Baptist wurde durch diesen Scherz so wundersam, ja lieblich gerührt, daß er es ganz warm in sich werden fühlte und dem kleinen dicken Mann gerne um den Hals gefallen wäre. Er stammelte ihn an, die Erregung seines Gemütes hielt ihn strampelnd zwischen Lachen und Weinen hoch. Aber er wurde unvermittelt ernst und er erzählte Hasenklever, wie er um seine Tat litte und daß er sie sühnen müsse. Aus diesen schwerblütigen Worten glitt ein Schein in das Verständnis des Wirtes, der selber keine sturmsichere Jugend gehabt hatte und selber oft ohne Grund unter den Füßen umhergetrieben war. Er erkannte einen Schimmer eigener Erlebnisse in der Erzählung des andern, ahnte Zusammenhänge und Notwendigkeiten und er nickte zustimmend. Nur daß das öffentliche Gericht die Angelegenheit erledigen müsse – dagegen wehrte er sich absolut. „_Die_ Schmach geht ja nimmer weg!“ sagte er. „Eine Verurteilung, das klebt wie Teer, und das ist diese Kleinigkeit doch nicht wert. Hol mich die ganze Hölle! Junge sei doch bei Trost!“ Hasenklever kam in Eifer und trumpfte noch einmal auf: „Hol mich Beelzebubs Großmama! verrückt! Ich muß als Zeuge hin, und ich sag’, ich vermisse keine fünfzig Franken bei mir. Da hast du’s!“
Vor diesen Schwierigkeiten stieg allmählich ein anderer Gedanke in Baptist auf: er könne in die schwarzen Löcher der Schiffe verschwinden! Aber er sagte Hasenklever nur, daß er dann fort wolle, in die Welt hinaus!
„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!“ entgegnete der Wirt. Er gab ihm die Hand und versprach zu helfen.
„Heut noch!“ bestand Baptist.
„Gut denn!“
Sie gingen noch vor der Mittagsstunde zusammen zu den Schiffsbureaus. Das erste, das sie trafen, war das der Hamburg Ozeanea-Gesellschaft. Als sie in den Heuerraum eintraten, rief gerade eine Stimme: „Hier Schiff ‚Hamburg‘! Noch Trimmer vorhanden?“
Baptist trat einen kleinen Schritt vor und sagte: „Ja!“
„Papiere?“ fragte der Beamte kurz.
Hasenklever stieß Baptist an: „Nein, nicht doch!“ flüsterte er ihm erregt zu. „Das ist eine Arbeit für Pferde, das Kohlenschaufeln!“
„Nu, Kap’tain kann er woll nich gleich wer’n!“ warf der Beamte ungeduldig ein.
Aber Baptist entgegnete einfach: „Es ist gut so!“ und reichte dem Schreiber die Papiere, die er bei sich hatte. Der schaute sie kaum an. Er suchte nur den Namen und schrieb. Baptist fragte nicht nach dem Lohn, nicht nach dem Ziel der Reise, nicht nach der Arbeit. Er übernahm seine Stellung wie ein Schicksal, in das man sich ergeben hat.
„Gehn Sie damit zum Heueramt. Vier Uhr auf’m Schiff!“ sagte der Beamte, während er Baptist den Heuerzettel hinreichte, auf dem Baptist sich verpflichtet hatte, die ganze Reise des Schiffes nach Neuyork, von dort nach Bahia und zurück nach Hamburg mitzumachen.
Hasenklever war von einer zärtlichen Väterlichkeit zu Baptist. Er half ihm bei den Formalitäten, die noch zu erfüllen waren, und nahm ihn dann mit nach Haus. Sie gingen gleich in die Stube hinauf. Sie aßen dort zusammen zu Mittag und Hasenklever ließ eine Flasche seines besten Weines heraufholen.
„Der Baptist fährt heut weg!“ sagte er zu seiner jüngsten Tochter, die mit am Tisch saß.
„Ja, wieso, weshalb so auf einmal!“ fragte die erstaunt.
„Weibervorwitz! Das wissen wir, gelt Baptist!“ Er nickte ihm mit einem milden guten Blick zu und goß sein Glas wieder voll. Dann begann er von „Njujork“ zu erzählen und von „Njuorliens“ und Chikago und „Frisko“, wo er überall gewesen war und wo Baptist nun auch hinkäme, und er nannte ihm Freunde, die er dort gehabt hatte, und die Baptist vielleicht noch in jenen Städten fände; er erzählte von seinen Abenteuern und seinen Bummeltagen und den verhungerten Wochen. „Das waren die sieben magern Jahre!“ sagte er. „Und ein Mensch, der nichts erlebt hat, der ist nichts. Das ist heutzutags anders, als wie Anno ehedem, wo es von einem Städtchen zum andern eine Woche brauchte. Heut muß einen das Leben am Wickel nehmen und anständig durch die ganze Welt rumschütteln ...“
Aber Baptist ließ Hasenklevers Worte über sich weggleiten. Er war schon auf dem Dampfer; die Arbeit, die ihn erwartete, stand rätselhaft verwischt neben seinen Vorstellungen. Es war ihm nur klar, daß er jetzt das Leben begänne, vor dem er einmal zurückgeschaudert war. Er dachte an seine Heimat und wußte, daß er nun nie mehr zu ihr zurückgelangen würde; daß das Leben, das er um vier Uhr über sich nahm, das Versinken in die dunklen Schiffe sei, das sich die Gedanken seiner Heimat als das allerletzte, das allerniedrigste, schon ans Verbrechen streifende vorstellten. Und seine Heimat war ihm nun maßgebend, da er an dieser letzten Schwelle stand und zum letztenmal seine Blicke auch nur die Richtung des kleinen Landes erkennen konnten. Es war ihm aber wie ein kleiner weicher Trost, wie eine ferne mildernde Güte, daß er sich seine liebe Schwester von ehedem so nahe denken konnte an diesem Tag, an dem sein Leben die Richtung änderte – zu welchem Ziel? das fragte er sich nicht.
Dann ging er in sein Schlafstübchen und brachte den kleinen alten Koffer, den ihm Hasenklever gegeben hatte, mit seinen Sachen gefüllt herunter. Er verabschiedete sich von den beiden Mädchen und wollte Hasenklever die Hand drücken. Aber der wehrte ab. „Ich geh doch mit!“ rief er.
Baptist sagte: „Ach, nein!“ Das Herz war ihm schwer und er hätte gerne dem Wirt dargelegt, daß er diesen letzten Weg lieber allein ginge. Aber er fand keine Worte und Hasenklever schritt neben ihm zum Hafen hinunter. Sie fragten sich am Kai entlang durch bis zur „Hamburg“. Der Dampfer lag zwischen dem Scheldetor und dem Waeslander Bahnhof und Baptist sah zum Abschied noch den Zaun, an dem er einst mit Vater Ladstock und den Vagabunden gestanden und aus ihrer Flasche Branntwein getrunken hatte.
Bald machte er kurzen Abschied von Hasenklever. Er hätte ihn gerne umarmt, drückte ihm aber dann nur hastig zaghaft die Hand. Er sagte: „Ich dank’s Ihnen herzlich!“ Doch Hasenklever fuhr auf: „Zum Deibel, sei still und wir sehn uns noch mal wieder in dieser Welt. Bei Hasenklevers bist du immer willkommen, wenn dich mal wieder ein Schiff oder ein anderes Geschick hier an Land bringt!“
Baptist schritt mit seinem Köfferchen in der Hand über den Landungssteg und sagte dem ersten Menschen, den er traf, er sei auf dem Schiff als Trimmer angeheuert. Der wies ihn zum ersten Offizier in der Kabine an Deck. Ein glattrasierter Mann empfing Baptist hinter der Türe mit dem Eisenschild und dem Messingring und bat um seine Papiere. Die gab ihm Baptist. Der andere sah sie schnell und gleichgültig durch und schob sie unter einen Pultdeckel. „_All right!_“ sagte er. „Sie können gehn!“ schrie er Baptist an, als er sah, daß er stehen blieb. Baptist trat hinaus und schritt langsam an der Reihe der kleinen Türen mit den Messingringen entlang und als er einen Mann in einer Uniform mit zwei Goldbändern am Arme sah, trat er auf ihn zu, zog den Hut und sagte, er sei als Kohlenzieher angeheuert.
Der Angeredete, ein junger Offizier mit einem blonden Spitzbart, machte über seinen hohen Kragenrand mit einem kurzen Ruck eine knappe Linksneigung des Kopfes auf Baptist zu und warf verächtlich hin: „’ch g’meldt?“ – „Jawohl, soeben in der Kabine dort!“ – „’s gutt!“ Dann rief er in anderm Ton einem dicken Manne zu, der in einer blauen Jacke und mit einer Uniformmütze auf dem grauen Kopf auf der Reeling saß: „Härr Obermaschinist, ein Trimmer!“
Der Dicke schob sich vom Eisengeländer ab und kam freundlich heran. Baptist grüßte höflich und sagte, er sei das erstemal auf einem Schiff, er müsse bitten, daß man ihm seine Arbeit und alles zeige. „Tjawoll, tjawoll!“ nickte der Alte liebenswürdig, „wird geschehn, wenn Sie hier die Luke hinuntersteigen, gleich Backbord hinübernehmen und an der Türe klopfen, wo ‚Heizer‘ drauf steht. Sagen Sie, ich habe Sie hergeschickt und was Sie wollen!“
„Danke!“ antwortete Baptist.
Drunten führte ihn dann ein von Ruß nur halb gereinigter Mann zunächst in die kleine Kabine, in der sechs Betten waren, drei und drei übereinander. Spärliches Licht fiel durch eine dicke, unklare grüne Glasscheibe in der Decke über einem der Betten beschwerlich herein. Baptist mußte dieses Bett nehmen, weil die andern schon belegt waren. Der Heizer blieb in der Türe stehen und meinte, Baptist könne gleich den Arbeitsanzug anlegen.
Baptist tat es. Dann ging der Mann vor ihm her durch einen engen Schluff, zog eine eiserne Türe auf, und Baptist trat auf einem Boden von Eisenstäben weiter. Unter diesem Boden lag ein weites, dunkles Loch, in dem er in einiger Tiefe einen zweiten Boden aus Eisenstangen sah. Allmählich dämmerte drunten, wie auf dem Grund einer gut vergitterten Grube, ein dunkles Gemenge von Rädern, Eisenrahmen, Kolben und Röhren auf. Das Licht fiel hoch über seinem Kopf durch einen Glaskasten hernieder. Die beiden glitten rückwärts enge Eisenleitern hinab und kamen langsam bis auf den Grund der Grube. Das Licht wurde immer grauer und kleiner, die Luft gewichtiger und riechender. Sie schlüpften zwischen stillstehenden Rädern, ruhend versenkten Pleuelstangen, schweren, geneigten Eisenrahmen, verknüpften und lang hinlaufenden Röhren hindurch; eine kleine Eisentüre klappte hinter ihnen zu, und Baptist stand in einem engen Raum, den eine starke Hitze brennend erfüllte. Zwei kreisrunde große Löcher warfen Licht zuckend und blendend heraus und ein Mann stocherte mit einer Eisenstange in dem einen der Löcher. Der Flammenschein glühte auf dem schmalen nackten, steif zurückgestellten Oberleib. Das Gesicht lag aber über dem scharf begrenzten Kreis des Feuerscheins im Dunkeln. Dann sprang Baptists Führer unversehens in ein Loch, das gegenüber der einen der beiden Feuerhöhlen schwarz aus der Wand schaute.
Baptist folgte ihm in einen Raum, den eine schwere, staubige Finsternis drückend verengte. Aus der Tiefe donnerte rollender, fallender Lärm heran. Irgendwo hing eine kleine Glühbirne, leuchtete faul, wie ein kraftlos roter Ball. Der Flammenschein des nahen Feuers im Kesselraum schlug schräg bis über den Rand des Loches hernieder und ließ sich in einem roten Streifen über einem Haufen Kohlen verflackern. Der Führer erklärte mit schreiender Stimme durch den Lärm hindurch: Das seien die Kohlenbunker, aus denen die Kohlen hierher geschafft werden, an dieses Loch und an das andere drüben; danach werden sie zu den Flammrohren hinauf geschaufelt.
Das war alles.
„Hoi, hoi! Genug!“ rief er plötzlich in die schwere Tiefe hinein und das prasselnde Fallen hörte auf.
Der Mann wandte sich wieder Baptist zu: „So, Sie können grad beginnen. Es wird sowieso gleich zur Ablösung glasen!“
Dann war er auf einmal in dem dunkeln Winkel verschwunden. Eine Türe knallte, ferne, hoch, verstummend, wie ein Schrei in verschlossenem Mund. Zugleich erlöschte draußen im Kesselraum das Licht des Feuers, weil die Türe der Esse zugeschlossen wurde. Es wurde finster und stumm um Baptist, der der leblosen Glühbirne den Rücken kehrte. Er war nun abgesperrt von dem Dadraußen, war versunken und begraben. Er fühlte den niedern, finsternisschweren Raum wie einen versenkten Schacht um sich, bückte sich schwer zu einer Schaufel nieder, die er im dünnen, rötlichen Dämmern zu seinen Füßen liegen sah, und schob sie in den Kohlenhaufen. Wie er sich so niederbückte, um die Schaufel in die widerstehende Masse einzubohren, erblickte er auf einmal einen zarten blauen Schein auf seinen Händen. Er schaute ihm nach und sah, daß aus der Höhe des Kesselraumes ein Fädlein dünnes Licht herunter und durch das Loch in der Wand bis zu ihm sickerte, gleich einem Wasseräderchen auf einem Felsen, das das Licht des freien Himmels rinnend widerfunkelt. So oft Baptist nun die Schaufel in den Kohlenhaufen stieß, floß das dünne blaue Licht ihm leicht wie gleitende Eidechsen über die Hände und die Arme. Das war der einzige Gruß der weiten, freien Luft.
Auf einmal hörte Baptist in der Düsternis der andern Seite noch eine Schaufel gehen. Er erschrak ein wenig. Aber er schaute nicht hin.
Kurz darauf hielt die Schaufel drüben ein mit Arbeiten, und eine Stimme wie eine grelle, heiser klingende Trompete brach plötzlich durch die Finsternis herüber: „Grüß dich Gott, Kamerad von der heiligen Kohlenschaufel, auch wieder mal unterwegs?“
Baptist erschrak. Sein Herz gab ihm einen kleinen Schlag, und seine Hände zuckten einmal mit dem Holzstiel. Aber er bückte sich über seine Arbeit, emsiger tuend als wie zuvor, und lauerte zugleich mit allen Sinnen nach dem Fremden hinüber, dessen Gestalt er drüben wie wild aus dem Dunkeln hervorquellen sah. Sie war von ungewissen Bewegungen belebt, als näherte sie sich langsam, drohend und unberechenbar tückisch. Bald jedoch hörte er wieder die Kohlenschaufel gehen und seine geängstigte Aufmerksamkeit spannte ab.
Ein leises Erdonnern scholl auf, die Eisenwände fingen an dumpf zu beben und zu klingen; dieser Lärm verstärkte sich allmählich zu einem stoßenden Poltern und schaukelnden Brüllen, Werfen und Schießen, das sich die Eisenwände zuzuwerfen schienen, und lief dann bald in ein starkes, ruhig dahinrollendes Grollen und Stöhnen aus. Das Schiff fuhr. Eingehüllt in das Toben dieser gewaltsamen Geräusche, in denen der Lärm seiner eigenen Arbeit erstickt zu sein schien, breitete sich eine schwerfällige Schläfrigkeit in Baptist aus und er vergaß in seinen stumpfgeriebenen Gedanken bald den Zwischenfall. Er arbeitete, daß ihm der Rücken voller Nägel saß und seine Muskeln brannten, und nach einer unendlichen, mit dumpfer Gedankenlosigkeit erfüllten Zeit stand auf einmal ein Mensch neben ihm und nahm ihm die Schaufel aus der Hand.
Baptist tastete sich hinaus, irrte über Eisenleitern und durch schmale Gänge, bis er aufs Deck gelangte. Da trat ihm unvermutet ein geschwärzter Mann entgegen. Das Weiß der fremden Augen brannte wie zwei kalte Scheiben aus dem schmalen, verrußten Gesicht, und die dicken roten Lippen unter der kleinen, verwegen geschärften Nase glühten wie Blumen aus dem Ruß heraus. Sie öffneten sich, während der rechte Arm die zur Faust geballte Hand, um Schwung zu nehmen, nach hinten schlug, und eine wütende, grelle Stimme fuhr Baptist an: „Bin ich dir nicht gut genug? Willst du meine Faust im Gebiß spüren, du Wackes!“
Baptist schrak zurück. Was war denn nun wieder? Wurde er verfolgt? Er erkannte sofort die Stimme von unten. Er stammelte, ohne zu wissen, was er sagte: „Nein!“
„Ja, was denn, was denn?“ bellte der andere ungeduldig zurück. Dann ließ er den Arm sinken und tat verächtlich: „Wohl ’n vornehmer sogenannter Hinüberarbeiter?! Willst das Reisegeld sparen, Geizkragen? Hö? Hast du Geld? Wieviel hast’ schon gespart? Sag wieviel? Zweitausend, viertausend ...? Hö?!“
Aber Baptist sagte mit kleiner Stimme: „Ich hab gar kein Geld!“
Da war der andere plötzlich wie umgewandelt. „Na also denn!“ rief er fröhlich. „Geben wir uns die Hand! Vertragen wir uns!“ und er reichte Baptist die Hand hin und drückte die seinige. „Wir müssen uns waschen gehn!“ sagte er dann und führte Baptist an einen Trog in eine kleine Kabine. Dann bekamen sie durcheinandergekochtes Fleisch, Gemüse und Brot in einer Blechschüssel, und als sie gegessen hatten, suchten sie ihre Betten auf.
„Ich heiße Hartwig!“ sagte der Kamerad zu Baptist, während sie sich auszogen. Baptist wußte nicht, ob das nun der Vorname oder der Geschlechtsname sei. Er schwankte ein wenig und nannte dann seinen Rufnamen. Hartwig legte sich ins oberste Bett, Baptist gegenüber. Es war dunkel in dem kleinen Raum. Baptist streckte sich auf sein hartes Lager schwer und zermürbt. Es war so eng unter die Decke geschoben, daß er die Ellbogen nicht ausstrecken konnte. Seine Hände spielten in der Schlaflosigkeit mit der runden Glasscheibe, die von einer milden, dunkeln Helligkeit erfüllt war. Seine Glieder fielen auseinander wie Steine. Seine Gedanken waren heiß und leblos zermalmt.
Da fragte eine laute, verletzende Stimme von drüben: „Schläfst du?“
Baptist antwortete erschreckt: „Ich kann nicht!“
Er hatte die drei Wörter noch nicht zu Ende gesprochen, als Hartwigs Stimme, die wie knitterndes Metall klang, wieder losfuhr: „Hölle und Teufel, ich auch nicht. Das ist immer so am ersten Tag! Diese Hundearbeit mit den Kohlen! Weißt du, wenn wir jetzt hinüberkommen, so führ ich dich zur Ilanka. Eine Jüdin! Ein Weib! Dreck und Feuer und Revolverschuß, ein Weib, ha! Ein Weib! Sie ist ja wohl nur eine Jüdin aus Polen oder da herum. Aber ein Weib! Ich bin nur ihretwegen herüber gegangen. Aber meine Verwandten, die Dreckspföter, haben sich nicht mehr anzapfen lassen. So bring ich nur die hungrige Heuer mit, wenn ich drüben wieder zu ihr komm’. Und damit zahlt man nicht einmal, daß dieses Fraumensch einen mit dem Fuß ins Gesäß tritt. Aber wir legen zusammen, nicht wahr, Kamerad? Was? Das Leben ist uns nun mal so gelaufen. Laß laufen. Dreck und Hölle, es hätt’ auch anders zum Krepieren geführt. Aber in diesem Europa ist man schon zu Lebzeiten im Grab. Keine tausend Bisonstiere aus den Rocky Mountains ... ziehn mich wieder dahin ... tausend Bison ... Weib! ... Pech ... Schwefel ... Ilanka!“
Das letzte Wort war wie ein Ausflöten gewesen. Baptist hatte zugehorcht mit einem erschrockenen Erstaunen, mit einem halb besiegten Sichhingeben. Nun hörte er, wie Hartwig schnarchte. Wie ein Zauberwort, so hatte dem Kameraden das Wort Ilanka den süßen Schlaf gegeben, auf einmal, ohne Übergang, und in seine eigene wunde Schlaflosigkeit hinein wuchs schnell die Frauengestalt der Jüdin Ilanka aus Neuyork und nahm die Umrisse üppiger Bäume, schwellender Riesenblumen, bereit liegender Hügel, die weichen Formen märchenhaft ungeheuerlicher Tiere. Die tückisch haltlos gleitenden Verwechselungen dieses Unwesens schürten die hitzige Unruhe seines Blutes. Er schlug mit den Armen nach dem heißen Spuk und fühlte sich atemberaubt eng unter die Decke gefesselt. Endlich lag er dann in einem schwül lastenden Schlummer.
Am nächsten Morgen, als die beiden wieder Seite an Seite in den Kohlenbunkern arbeiteten, schien auf einmal etwas wie ein Tobsuchtsanfall Hartwig zu vergewaltigen. Er griff mit beiden Armen tief in die Haufen hinein und warf die Kohlenklötze, die er zu fassen bekam, wie in einem wild gewordenen Tanz weit von sich, daß sie donnernd auf dem Eisenboden in Splitter zerkrachten. Er steigerte rasch das Tempo dieser wahnwitzigen Arbeit, die schwarzen Massen regneten bald heftig ringsum nieder, daß Baptist sich hinter einen Eisenpfosten flüchten mußte.
Als dieses unverständliche Spiel eine Weile gedauert hatte, blieb Hartwig plötzlich hoch gereckt stehen. Sein Atem leuchte wie ein hüpfend dampfgebendes Ventil, der Schweiß quoll aus seinem nackten, geschwärzten Oberleib und die Tropfen spiegelten das Licht der trüben Glühbirnen. „Baptist!“ rief er heiser, „komm her! Da, leg deine Finger hin!“
Er führte Baptists Hand auf den Bizeps seines rechten Armes, und kaum hatten die Finger die Haut berührt, als der Muskel wie eine gebuckelte Katze mit einem wilden harten Ruck Baptist in die Hand sprang.
„Drüben sind wir aus Dreck und Feuer, zum Teufel. Du sollst mal sehn, ich zerspreng’ einem die Hirnschale mit diesem Muskel, nur so, daß ich ihn gegen den Schädel springen laß, wie eine Bulldogge. Weißt du, was ich jetzt gemacht habe? – Ich war mit Ilanka. Ich hab mit ihr gerungen und hab sie am Hals gehabt und sie gebändigt. Jede Kohle, die ich zu fassen bekam, und die wegflog, war ein Griff in ihren Leib, ein Widerstand, den ich brach. Da schau, ich laß meinen Bizeps springen, wie eine ganze Schwadron Kavallerie. Es soll mir einer im Weg stehn! Aber wenn du glaubst, davon hat man was drüben bei uns und das hilft einem – ein alter Dreck, nein! Siehst du, ich bin aus dem Lothringschen, und die Parzen oder wie die Viecher heißen, haben mir ein anderes Lied an der Wiege gesungen. Aber Räuberhauptmann, Amerika, wilde Stiere und tolle Weiber! Meine Verwandten sagen: der Boden ist ihm weggerutscht. Es wird wohl so sein, wenn man seine Heimat in die Welt verlegt. Aber man gewöhnt sich dran, Wasser zu saufen, wenn man keinen Champagner hat und des Nachts die Abfallkästen zu durchstöbern, wenn man kein Geld hat, um ein Steak zu kaufen und der Magen einem den Schlund heraufschreit.“
Baptist stand hilflos vor dem Kameraden. Er fühlte sich selber von der Krankheit ergriffen, deren Höhepunkt der andere erreicht zu haben schien. Er verabscheute den wilden Gesellen, dessen Leben über die Ränder der Wirklichkeit hinausgetrieben war, und zugleich vergewaltigte ihn die Heftigkeit aller Äußerungen Hartwigs. Liebe und Haß für diesen heißen Hund standen von der ersten Stunde an Baptist in gleicher Nähe zur Hand.
Tag für Tag, die nun folgten, legte Hartwig mit derselben Wucht und Brutalität sein Leben vor Baptist bloß. Immer stand die große, starke jüdische Frau drin hoch gereckt, drohend und begütigend, sie war wie der Saft, der aus dem verletzten Frühlingsbaume stürzt, wie aufspringendes Blut, sie gellte wie der Schrei eines, der ermordet wird, sie hatte das dumme kindliche Blöken eines Lämmchens, den tirelierenden Laut einer kräftigen, sorglosen Lerche, sie knallte wie ein geflochtener Lederriemen und säuselte wie der Abendwind.
„Ich kann dir nicht alles sagen von ihr und mir!“ begann eines Abends Hartwig wieder. „Aber wo sie wohnte damals, da sind die dunkeln, schmalen Schlüffe in der Stadt, und selbst die Policemans fürchten die! Sieh mal da das Wasserfaß und den weißen Holzpfropfen im Spund!“
Kaum hatte Baptist Zeit gehabt, sich das etwa zehn Schritte entfernte Faß anzuschauen, als Hartwigs Arm mit einer kreisenden Bewegung rundum fuhr, gleich darauf gab es einen kurzen, trocken gellenden Laut, und Baptist sah in dem weißen Holzpfropfen ein langes Stilett stecken. Aber blitzschnell flog Hartwig drauf zu, riß mit einem Ruck nach unten das Messer weg und es war im Nu verschwunden, Baptist sah nicht, wohin. Hartwig lächelte ihn verächtlich an. „So!“ sagte er kurz und roh.
Baptist verstand nur halb, wie es dem andern gemeint war. Aber er zuckte vor ihm zusammen und seine Gefühle, Liebe wie Haß, verschärften ihre Kraft seit diesem Tage. Er war Hartwig unterlegen und wagte nicht gegen ihn aufzumucken. Er stellte sich Hartwig vor, wie er, ein flatternder Blitz, durch die Straßen des unberechenbaren Neuyorks tobte und mit trotzig zusammengebissenen Zähnen, hohnlachend und schmetternd, die Menschen anbellte. Bis dieser verwegene Räuberhauptmann aufseufzend in den Schatten der wilden, dunkel großen Gestalt des jüdischen Weibes trieb und anfing, vor ihren Launen zu winseln, oder in ihrem Geben zu ertrinken.
So hielt Baptist die verwilderte, sumpfige Romantik des fessellosen Gesellen in der schweren, dicken Atmosphäre seiner Arbeit in den Bunkern wach. So wuchsen seine Wünsche hinter dem knallenden Schreiten dieses Strolches Neuyork entgegen.
Eines Abends erzählte Hartwig ihm mit vielem großtuenden Trara einen der üblen Streiche, bei denen er in Neuyork mit geholfen hatte. Da kam es Baptist auf die Zunge, seine eigenen Schandtaten zu verraten, und er wollte erzählen, wie er schon als Knabe gestohlen und wie er seinen Wirt in Antwerpen betrogen hatte, und wollte diese Taten gleichermaßen mit Gefahren und Gemeinheit ausschmücken. Aber daß er sich dennoch enthalten und diese schmutzigen Flecke in seinem Leben vor dem andern bedeckt halten konnte, gab ihm zuletzt die Möglichkeit, doch zwischen Hartwig und sich eine Distanz zu setzen, durch die er das letzte randlose Gemeinwerden mit dem Verbrecher zurückzuhalten vermochte. Es war ihm, als habe er die Macht, wenn er nur wollte, sich von dem andern zu befreien, und es schien ihm, als gewänne er gerade dadurch in den Augen des eindrucksvollen Weibes Ilanka einen Glanz, den Hartwig bei ihr nicht besaß.
In einer lichten Nachmittagsstunde lagen sie in ihren Betten, da sie in der Nacht Schicht gehabt hatten. Baptist konnte nicht schlafen. Es gingen immer Schritte über die runde grüne Glasscheibe und seine Augen zuckten unaufhörlich unter ihnen weg. Es war ihm, als traten die Sohlen ihm aufs Gesicht. Er sah, daß auch Hartwig nicht schlief und sagte hinüber: „Gehn wir an Deck. Ich kann nicht einschlafen!“
„Gut!“ antwortete Hartwig. „Vielleicht sehn wir schon die amerikanische Küste.“
Er sprang auf. Sie zogen sich rasch an und gingen auf die Vorderback hinauf. Hartwig legte gleich die hohlen Hände über die Augen. Dann schlug er Baptist heftig auf die Schulter und zeigte über das Meer.
„Da hinter wohnt sie!“ rief er und schaute scharf auf einen Punkt in der Ferne, als sei es möglich, daß er dort jemanden sehen und erkennen könnte.
„Wer?“ fragte Baptist verwirrt.
„Wer?“ schrie Hartwig dagegen und starrte Baptist entgeistert an. Dann brüllte er: „Schwefel und Dreck, das Weib! Ilanka!“
Und Baptist schaute nun selber bezwungen scharf in die Ferne, wo sich nur erst wie eine körperlich werdende Ahnung, wie ein zarter Flaum ersten Wachstums die Küste abhob. Alles Blut war ihm plötzlich zu Kopf gestürzt und er wußte auf einmal, daß es nicht die Stadt dort im Küstenstreifen und nicht das Land dahinter und nicht Hartwig sei, sondern daß diese schwarze Jüdin Ilanka es war, die seit Tagen seine ungeduldigen Gedanken trug. Daß dieses Weib selber und ganz allein wie eine große, mächtige Küste, wie ein einziges einsames Land für ihn irgendwo in den Fernen stand.
Da war er verzweifelt und entmutigt, denn die Frau stand ohne Umrisse, die er fassen konnte, ohne Körper, gegen den seine Wünsche anströmen konnten, in ihrer raumlosen Ferne. Aller Glanz fiel ab, und Baptist lehnte sich mit einem wilden Anfall von Haß gegen den abscheuvollen Hartwig auf, den Schurken und Verbrecher, der vorgab, den süßen, schmerzhaften Spuk dieses Weibes zu besitzen. Er sagte bitter und schadenfroh: „Du kommst doch nicht zu ihr!“
Da schaute ihn Hartwig einen Augenblick scheel an. Aber sein Gesicht heiterte sich gleich wieder auf und er lachte polternd los, daß sein Lachen wie eine Holzkugel über die Back sprang.
„So, so, so!“ lachte er, „ich komm nicht zu ihr. Ich komm nicht zu ihr? Was sollen wir wetten. Sollen wir den Bettel unserer Heuer gegeneinander wetten? Schlag ein!“
Er hielt Baptist mit einem spöttischen Grinsen die Hand hin. Aber Baptist antwortete gebeugt und unsicher: „Es war nur Scherz, daß ich das sagte!“
„Ich meine auch!“ sagte Hartwig dagegen, und seine heisere, knitternde Stimme klang wieder rauh und grell. Seine Finger zuckten zusammen und die Leidenschaft sah man zitternd über seinen magern Körper fahren. Dann sprach er vor sich hin, wild und doch sanft, wie ein heißes Rufen und zugleich wie eine kosende Bestätigung: „Schwarze Ilanka!“
Als Hartwig eine Weile über das Meer geschaut hatte, sagte er: „In Neuyork komm ich dich einmal von Bord holen und dann gehn wir zusammen zur Ilanka. Es ist schade, daß du dich für die ganze Reise dieses Kastens geheuert hast. Ich hätte dich in Neuyork gut einführen können!“
Da setzte Baptist alle Hoffnung auf dieses eine Versprechen. Alle seine Wünsche sammelten sich immer wieder um dieses Versprechen an, unruhig, flatternd, schreiend, und hoch wie Dohlenscharen um das Dach des Kirchturms. Und in der Ungeduld dieser letzten Stunden wurde Hartwig ihm so unausstehlich, daß seine Gegenwart ihn zu brennen schien. Er war ihm nun ein Feind, der mit allen Listen und allen Mitteln bekämpft werden mußte. Aber Ilanka wuchs, wuchs, wie ein wilder Garten.
Am nächsten Tage liefen sie in den Hafen ein. Baptist sah die Einfahrt nicht, weil er Arbeitszeit hatte und in den Bunkern vergraben lag. Aber er hörte, wie die Maschine anfing, ihr Tempo zu ändern. Oft wechselte sie es mit kurzen Stößen, arbeitete bald nur noch ruckweise. Auf einmal verstummte mit einem aufschreienden letzten Laut all der Lärm, der Baptist sechzehn Tage ununterbrochen eingehüllt hatte, und eine Grabesstille verbreitete sich im Nu in den niedern dunklen Räumen. Aus einer Ecke scholl Hartwigs Stimme grell herein: „Wir sind da. Dem Teufel sei Dank!“
Schluß
Kaum lag das Schiff fest an Land, so war Hartwig verschwunden, ohne ein letztes Wort und ohne Händedruck. Es war Baptist recht, daß es keinen Abschied gegeben hatte, denn es ekelte ihn, dem Schurken eine Äußerung seines Gemütes zu erweisen. Aber er begann jetzt zu warten, daß Hartwig sein Versprechen lösen würde und ihn holen komme, um ihn zu Ilanka zu führen. Dieses Erwarten floß wie ein Strom über ihn. Es war ihm oft, als ertränke er drin, und er stöhnte heimlich in der Bedrängnis seiner Ohnmacht, dieses Ermatten zu erfüllen. Er sah hinter den Masten der Schiffe die Stadt anschwellen. Aber die Stadt war nichts Fremdes. Sie war das große, starke, schwarze Weib, in dessen Willen er sein Leben liegen fühlte.
Die Arbeit in den dunklen Schlüffen der Bunker war beendet, nachdem die entleerten Lager wieder frisch mit Kohlen gefüllt waren. Zuerst mußte dann Baptist am Reinigen des Maschinenraumes mithelfen. Später kam er aber in die Laderäume und bald darauf, als man begann, für die Weiterreise nach Brasilien neue Güter aufzunehmen, unterstützte er den zweiten Offizier, der an Deck das Verladen leitete. Baptist hatte eine der Dampfwinden am Vorderdeck zu bedienen. Über seinem Kopf streckten sich die Arme der Ladebäume hin und her. Die Räder der Winden knirschten und sausten vor ihm. Am Kai lagen hochgestapelte Ballenhaufen, in die die Ketten hineingriffen, und achtern zur andern Seite scharten sich die schweren Schuten um das Schiff und beluden sich mit den Waren, die es aus Europa mitgebracht hatte. Unermüdlich glitten die Ketten, griffen die Ladebäume, eilten die Menschen. Die Arbeit brauste und brandete wie ein Meer an einer Küste. Ein wirbelndes Gemisch zuckte hin und her, schüttelte sich durcheinander, ohne Zusammenhang, mit verwilderten, wüsten Gebärden, mit einer kleinen, fessellosen Brutalität. Rundum auf der großen Wasserfläche lagen tausend solcher regellos belebter Flecke wie der Dampfer „Hamburg“. Überall in ihnen krachten die schreienden Winden, überall zuckte die Arbeit durcheinander. Überall brüllte die rasende, zerfetzte Ungeduld.
Aber ruhig erhoben sich die riesenhaften Dämme der Stadt hinter den Schiffen, und alle Arbeit floß, wie in einem graden, schweren Strom dorthinaus. Wohin?
Der Hebel der Dampfwinde schlug Baptist in der Faust. Ein ungeheurer Pack von Säcken wurde von seinen zehn Fingern über den Abgrund der Laderäume gehalten, und in der Tiefe wimmelte es von kleinen Menschenkräften, die den Pack erwarteten. Der Offizier hob den Arm wie einen allmächtigen Signalmast, der dem Eisenbahnzug den Weg in den Bahnhof schließt, und mit verhaltenem Schwanken blieb die Ladung in den eisernen Kettenarmen in der Höhe schweben. Dann fiel der Arm, Baptist riß den Hebel los und mit schießendem Knarren ließ die Winde die Last vorsichtig in die Tiefe sinken. So ging es stundein und -aus. Baptist stand am Hebel und fühlte mit einem dumpfen, ängstlichen Staunen, daß in seinem Willen ein Teil der Kraft lag, die das wüst zerwühlte Feld dieses Hafens in Arbeit aufpflügte, und wußte nicht, wieso er auf einmal zu solcher Macht gelangt war. Er sah rundum reckenhaft sich das Werk des Welthafens vollziehen, aber er erkannte nicht, wie sich das ungeregelte, wirbelnde Durcheinander zu der groß ausfließenden Richtung fand; er spürte den Sinn der gewalttätigen Anstrengung nicht.
Und einmal, als ihn die dunkle Macht dieser Lebensäußerung der Weltstadt überwältigte, brüllte er in die tobenden, ratternd springenden Geräusche der Winde den mit heimlich wilder Sehnsucht beladenen Namen Ilanka hinein. Hartwig kam nicht. Es waren Tage vergangen. Die Schiffsräume hatten sich entleert und frisch gefüllt, die Abreise stand bevor. Der Hund von Hartwig kam nicht. Wie konnte Baptist zu Ilanka gelangen? Wie war es möglich, einen Weg in den ungeheuerlichen Damm hinein zu finden, den dort die Stadt aufwarf? Dunkel verletzt, beleidigt, wund aufgewühlt erlebte Baptist immer wieder die zwingende Offenbarung der ungemessenen Große der Stadt, zu der dieser Hafen das Tor war. Wie ein Geschick von erbitterndster Brutalität warf sich ihm die Stadt und ihr Hafen in den Weg, der zu dem großen, starken Judenweib ging. Er wütete dagegen an, und seine heimlichen Schreie schienen oft den Lärm der pustenden Winden zu überbrüllen.
Eines Nachmittags, als er arbeitsfrei und frei von dem Drucke war, mit dem ihn sein Werk belegte, überfiel ihn ein verzweifelter Groll. Er glaubte am Äußersten zu sein. Sein Begehren wuchs mit leidenschaftlicher Gewalt über ihn her. Er glaubte hin zu müssen, in seiner Raserei Hartwig erwürgen zu müssen und über seine Leiche zu Ilanka gelangen ... „Du treuloser Hund!“ schimpfte er Hartwig. „Du hast mich betrogen, ganz gemein betrogen, du Schuft!“ ... und er raste auf den Kai hinunter und jagte davon, der Stadt zu. Aber die Arbeitswut des Hafens fing ihn in ihrem brausenden Sturm auf. Sie schloß sich von Schritt zu Schritt gewalttätiger um ihn, wie Maschen eines stählernen Netzes. Er begann sich zu ducken. Er glitt ängstlich und unsicher dahin, und als er an die Grenzen der Stadt kam, und als er die Maßlosigkeit ihrer Straßen und Richtungen sah, kehrte er um, vergiftet und durchseucht, das Hirn wirbelnd voll Todesgedanken.
Er eilte zu seinem Dampfer zurück, kreuz und quer abirrend, über Eisenbahngeleise, auf denen sich schwerfällige lange Züge heranschoben, verfolgt von Warnungsrufen; unter donnernden Krähnen hindurch, die mit Lasten von Fässern, Säcken, Baumstämmen spielten; durch lange Hallen, die mit Gütern und mit fremden, betäubenden Düften angefüllt waren. Endlich fand er die ‚Hamburg‘ und ging schnell aufs Deck hinauf. Droben sah er die Schiffsmannschaft im Kreis zusammenstehen. In ihrer Mitte hielt einer ein großes Zeitungsblatt, aus dem er eben vorgelesen haben mußte.
Als Baptist an Deck erschien, sprang der Mann mit der Zeitung in der Hand heran, hielt ihm aufgeregt das Blatt hin und zeigte mit dem Finger auf eine dicke Überschrift. „Das ist der Hartwig!“ brüllte er mit überschlagender Stimme. „Der Hartwig!“ ...
Das Zeitungsblatt glitt in die Hände von Baptist. Er legte sich gegen die Reeling und las mit spitz klopfendem Herzen: „Grauenhafter Mord ... Deutschlothringer Hartwig Didier ... seine Geliebte aus Galizien eingewanderte Jüdin Ilanka B... in ihrer Wohnung erdrosselt ... Körper mit Dolchstichen zerfleischt ...“
Langsam fühlte Baptist, der mit den Augen fliegend diese ersten Zeilen erschnappte, Kälte durch sich fließen. Sein Hirn wurde klar, seine Gefühle grausam und er las nun kalt und zusammenhängend: „Als Zimmernachbarn, die das Opfer schreien hörten, die Türe einschlugen und auf den Mörder losdrangen, schoß er gegen sie, ohne jedoch zu treffen. Der Revolver war bald leer. Da eilte er ans Fenster, über dem ein Leitungsstrang der Elektrizitätswerke vorbeiführte. Von den Verfolgern hart bedrängt, schwang er sich aufs Fensterbrett und setzte, ohne sich zu bedenken, mit einem weiten Sprung an die Drähte hinauf. Er erreichte sie, glitt im Schwung ein Stück weit an ihnen über die Straße. Die Menschen, die sich unten versammelt hatten, sahen, ein grauenvolles Bild, wie ein Menschenkörper in wilden Zuckungen an den Drähten hin und her schlug. Dann fiel er aus der Höhe des sechsten Stockwerks auf die Straße nieder, wo er, ein unkenntlicher Haufen von Kleidern, Knochen, Fleisch und Blut liegen blieb. Aber dieser Absturz wäre nicht mehr nötig gewesen. Die elektrischen Drähte hatten den Mörder schon hingerichtet.“
Als Baptist das gelesen und der andere ihm wieder die Zeitung aus der Hand gerissen hatte, stellten sich ihm zunächst nur die beiden Wörter ein: „Schuld und Sühne“. Dumm und sinnlos sagte er sie immer wieder vor sich hin. Unzählige Male: „Schuld und Sühne! Schuld und Sühne!“ ... Kindlich erschrocken lallte er die Wörter weiter, als deckten sie eine unmeßbar hohe, geheimnisvolle Vorstellung, in der die Erklärung der dunkel gewaltsamen Tat lag. Er ging lange wie in einem kalten Rausch umher, machte seine Arbeit mit einer kühlen, fernen Gleichgültigkeit und wagte kaum zur Stadt hinüber zu schauen, deren Dächer durch das Gewirr der Masten liefen, ohne es zu berühren. Aber alle Kälte in ihm war nur ein Kleid, unter dem sich die entsetzliche Spannung seines Innern dem Erkennen verbarg, und er wurde sich immer mehr bewußt, daß er sich nur mit Gewalt auf diesem entlegenen, ruhigen Standpunkt hielt.
Da trat, als er den letzten Griff am Hebel der Winde getan und der Feierabend begonnen hatte, der Kapitän auf ihn zu. Der Kapitän war ein noch junger Mann, der jedes Wort, das er sprach, und jede Bewegung, die er machte, mit einer kurzen Entschiedenheit kräftigte.
„Biver,“ sagte er, „es wäre schade, wenn Sie in den Kohlenbunkern blieben. Wir wollen Ihnen eine andere Beschäftigung an Bord suchen, bei der Sie sich mehr ausgeben können!“
Baptist schaute den Kapitän verletzt an. Er hatte kaum verstanden, was gesagt worden war, aber er fühlte sich in seinem künstlichen, mühevollen Gleichgewicht gestört und er warf geärgert hin: „Ach, wozu?!“
Da sagte ihm der junge Kapitän rauh: „Schämen Sie sich!“
Baptist fuhr mit mürrischem Trotz auf: „Weshalb?!“
Der Kapitän antwortete sofort mit seiner schnellen, scharfen Stimme: „Das will ich Ihnen sagen. Weil ein Gesetz unter uns ist, das immer die Anspannung der höchsten Kraft von uns verlangt, die man hergeben kann. Das sind die Triebfedern der Kräfte, unter deren Druck die Welt fortschreitet. Es ist eine Schande, wenn einer sich aus irgendeiner Ursache diesem Gesetz entzieht.“
Dann griff er in die Tasche und sagte kurz: „Da ist ein Brief für Sie!“ Darauf ging er weg.
Baptist hielt den Brief in der Hand. Er las die Aufschrift und sah sich das Kuvert an und verstand zunächst nicht, daß es eine Einrichtung in der Welt gab, die sich um ihn kümmerte und sich die Mühe machte, einen Brief hinter ihm her über das Meer zu schicken. Es war ein großes weißes Kuvert, mit hohen Schriftzeichen bedeckt. Es war etwas Geheimnisvolles, etwas Ängstliches, ein Rätsel.
Er ging mit dem Brief in seine Kabine, drehte die düstere Glühbirne an und brach das Kuvert auf. Er las:
„Lieber Bruder!
Mach es nicht mit diesem Brief, wie Du es in Antwerpen mit mir gemacht hast. Wenn Du noch manchmal an Deine Schwester denkst, so lies den Brief zu Ende, ich beschwöre Dich drum. Ich schreib ihn nur, um mit Dir zu sein in der Einsamkeit, in die ich in Luxemburg eingeschlossen bin. Wir brauchen ja nicht fröhlich miteinander zu sein, sondern schreiben so, wie es uns zumute ist. Vielleicht ist es meine Schuld, daß ich immer so kopfhängerisch umhergehe. Wenn ich meine alten Freundinnen ansehe, so muß ich das glauben. Aber ich gehe hier wie in einer Schachtel herum. Die Wände sind so eng, so nah, so hoch. Man kann nicht aus der Schachtel heraussehn. Die Luft ist so dick und so schläferig, die Menschen machen so kleine Schritte rundum. Sie haben sich dran gewöhnt. Weshalb kann ich es nicht?
Ich war damals so stolz auf Dich und wußte, so sicher, wie ich selber lebte, daß Du etwas Besonderes würdest. Und ich liebe Dich auch heute so, wie damals. Das muß ich Dir sagen und bitte Dich mit meinem ganzen gequälten, traurigen Herzen, mir nicht bös zu sein, daß ich von diesen Dingen spreche. Es scheint uns schwer gemacht zu werden. Ich verstand, als Du fortgingst damals, so gut, daß Du den Flug in die freie Luft gewagt hast. Ich war stolz darauf, obgleich es mir so schweren Kummer machte, daß Du mir nichts gesagt hattest und daß Du nicht schriebst. Ich wäre Dir nachgekommen. Und ich glaubte, Du kämst eines Tags unerwartet zurück, frei und selbständig – wie in den Theaterstücken.
Und als ich dann hörte, Du seist in Antwerpen gesehen worden, und es sei nichts aus Dir geworden, da fluchte ich gegen alles, was mir heilig war. Mein Gehirn zerrieb sich umsonst an den Widerständen. Aber heute verstehe ich, daß das Leben die Dinge nicht so einfach serviert, sondern daß es mit tausenderlei Abstufungen, die wie Töne und Untertöne so fein klingen, arbeitet. Und wir spekulieren ohne das Leben, das unter der Kruste seinen Weg mit uns geht, wohin es will. Aus meiner Leidenschaftlichkeit, meinem Haß, meiner Verachtung, meinen Brüskerien ist ein bleiches, mageres Mädchen geworden, das nur noch Wünsche hat, die wie Wolken auf dem Meere liegen, man weiß nicht, ob es Berge oder nur Dunstgebilde sind. Ich spiele auf Gesellschaften Klavier, bin zuvorkommend und man findet, daß ich nicht ohne Liebenswürdigkeit auf dem guten Weg bin, eine alte Jungfer zu werden.
Aber wenn du den Griff meiner Finger spüren könntest, indem ich dies schreibe in meiner einsamen Nacht! Es ist mir oft, als hätte ich einen Haß, mächtig genug, das Land, das ganze kleine verfluchte Land zwischen den Händen zu erwürgen! Aber selbst diese Flammen verrauchen, ohne Hitze zu lassen, und morgen nachmittag werde ich dem Viehändler X. den Tisch schmücken und nachher die Verleumderin Y. liebenswürdig behandeln, damit ich nicht von der Gesellschaft abseits stehn gelassen werde. Könnte ich nur ganz still resignieren. Aber es ist noch zu viel Feuer in einem.
Ist es nicht komisch, daß ich die Pein meines kleinen Lebens Dir in die Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß sie Dich vielleicht nicht erreicht. Denn: wo bist Du? Der liebe Herr Hasenklever nannte mir den Dampfer ‚Hamburg‘. Aber die Meere sind so weit! Die Erde ist so tief! Man kann so spurlos drin verschwinden. Ich weine und küsse den lieben Bruder.
Jeanne.“
Das las Baptist. Er faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche. Es war Nacht geworden und er ging langsam zwischen den Tauen und Warenballen hindurch hinter die Back an achtern und setzte sich auf den Anker, der einsam dort lag. Über den schwarzen Stämmen der Tausende von Masten flog der glühende Himmel auf, der den Schein der Abendlichter Neuyorks trug. Er war wie blühendes Blut. Wie mit Messerschnitten arbeiteten die Ereignisse des Tages in Baptist. Er konnte sie nicht zusammen bringen. Die Klage seiner Schwester, Ilanka, der Mord, der Tod der beiden Menschen ... alles floß unaufhörlich ineinander. Es war alles grundlos, alles ohne Erklärung. Wehrlos ließ er es auf sich losschlagen. Auf fernen Dampfern klopfte die Arbeit. Sie scheute selbst die Nacht nicht, die milde, heilige Nacht, in deren Dunkelheit die Sterne standen, wie Bänder, die sich leuchtend nach den verlassenen Ländern knüpfen.
Als Baptist eine lange Weile zu ihnen hinaufgeschaut hatte und langsam die Erinnerungen an einzelne ihrer Gebilde kamen, die zu Haus über den Fenstern gestanden hatten, da bohrte sich, wie ein Strudel, ein wildes Schluchzen aus dem tiefsten Grunde seines Blutes in die Kehle herauf, die Augen stürzten voll mit Tränen, er schlug mit dem Kopf auf die Reeling nieder und weinte. Was war das „Zu Haus“? Er wußte erst in diesem Augenblick, daß er seine Heimat verloren hatte, und er dachte mit einem heißen, empörten Groll an das kleine, unfruchtbare, harte Land zurück, das ihn verstoßen hatte und das nun seine Schwester peinigte. Er weinte lange darüber. Er wurde ganz stumpf von Weinen und legte sich dann betäubt ins Bett.
Mitten in der Nacht wachte er auf. Er war mit einem Mal ganz wach und fühlte sich wie neu gekräftigt. Er zog sich an, ging an Deck hinauf und stellte sich seewärts an die Reeling. Da war ihm auf einmal, als er an das Schicksal Hartwigs dachte, als sei er einer Gefahr entlaufen. Ihr letzter Schatten stand noch neben ihm und sie war tief wie ein Abgrund, daß der Gedanke daran ihn schwindelig machte. Er preßte erschauernd die Augen zu. Aber gleich ergoß sich eine große Zuversicht über ihn. Er war gerettet und flüchtete sich mit seligen Gefühlen zu dem Brief seiner Schwester. Er zog ihn aus der Tasche und drückte lange inbrünstig die Lippen darauf. Er fühlte einen Schoß irgendwo im Kreise der Welt, der mild und warm wie eine Höhle war, in die sich Flüchtlinge retten.
Am nächsten Morgen ging Baptist zum Kapitän und entschuldigte sich, daß er gegen sein Entgegenkommen so unhöflich gewesen sei. Er habe nicht allein die Schuld daran. Denn Baptist fing an zu verstehen, daß die Worte des Kapitäns eine Auszeichnung für ihn waren. Der Kapitän war liebenswürdig zu ihm, ließ ihn am Nachmittag rufen und kündigte ihm an, der Posten als Verwalter des Schiffsinventariums sei für ihn frei. Baptist wußte Dank. Aber dieser Aufstieg war ihm etwas Selbstverständliches. Er bekam nun eine eigene Kabine und der Obermaschinist weihte ihn gleich in die neue Tätigkeit ein.
* * * * *
Gegen Abend verließ der Dampfer den Hafen. Baptist saß auf Deck auf einem Kranz von Tauen und schaute auf die Stadt, die zurückblieb. Überall tollte noch die Arbeit. Der Rauch des Hafens zog in wilden, dunkeln Schwaden gegen die Dächer der Häuser und verband Hafen und Stadt. Die Stadt lag wie eine einzige Masse in der nebeligen Luft, breit zusammengeschlossen, mit einer passiven Wucht, wie eine Frau.
„Da ist es geschehen!“ sagte sich Baptist ... Und so sah diese Stadt auch aus, wie ein entsetzliches Bett für die dunkle Katastrophe Hartwigs und der Jüdin. Die Tat war ihm, nachdem er sie nun ruhiger überblicken konnte, wie eine furchtbare Offenbarung der Natur, einer der einschlagenden Blitze des Schicksals, bei denen man an eine Absicht glauben will. So nahm er sie hin, selber, aber außerhalb der eigenen Wirklichkeit daran beteiligt, und er wälzte dieses Ereignis mit vielen schweren, dunkel bleibenden Schlußfolgerungen in sich herum. Die doppelte Katastrophe hatte nichts Fürchterliches mehr, sondern nur die schwere Gewalt einer urtümlichen Manifestation.
Sie wuchs dort aus der Riesensiedlung heraus. Die Stadt war wie die Burg einer allgewaltigen Maschine, die ihre Kraft aus der ganzen Erde zieht und sie verstärkt über die ganze Erde zurückschleudert. Willen und Notwendigkeit waren die Räder, Menschengeist die Triebkraft. Und das Schicksal Hartwigs und der Jüdin war von jedem Willen und jedem Bewußtsein freie Natur, war aufgesprossen wie eine verhängnisvolle, dumpfe Vegetation, war wie ein Vulkanausbruch in der Stadt aufgeschlagen ... In welcher tiefen, geheimnisvollen Absicht des Schicksals? In welchem urhaft verwurzelten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur? Willen und Geschehen stiegen wie zwei Säulen nebeneinander auf.
Da war es Baptist auf einmal, als wüßte er wie in einem dämmerigen großen Mysterium um das Geheimnis seines eigenen Versagens.
Als er diese dunkle Erkenntnis errungen, war eine große Feierlichkeit in ihm. Er saß abends in seiner einsamen Kabine und blätterte das Pack deutscher Zeitungen durch, die ein Zufall ihm in die Kabine gebracht hatte. Da las er, daß ein ganzes Volk sich wie in einer freudetrunkenen Woge hob, um dem Erfinder eines modernen Gedankens die Kraft zu geben, das Werk zu vollenden. Er las mit fliegenden Gedanken heraus, daß das Volk mit tätig sein wollte, wenn das große Neue geschah, das seinem Leben vielleicht andere Richtungen aufzwang. Hier gab es ein Werk, in dem sich mit der geschlossenen Kraft einer ganzen Rasse der Willen der Zeit kund tat. Alle Einzelnen fügten sich zur Masse zusammen, die Masse drang vorwärts in einer festen Phalanx. Das war auch Neuyork, die Weltburg des riesenhaften Akkumulators, der sammelte und spendete.
Da kam ihm sein eigenes Leben vor wie ein Einsamgehen, wie ein kindisches, dummstolzes Spekulieren, und es war ihm nur recht geschehen, daß es ihn aus dem Kreis der Kraft des Lebens, die wie ein Rad über die Erde drehte, gestoßen und ihn gestürzt hatte. Er fühlte sich zum erstenmal als ein Teil von einem Ganzen; als ein Teil, das suchen mußte, seine sich bescheidende Kraft in das Getriebe des Ganzen einzufügen, wo sein Platz leer war und wartete.
Gerührte und ergriffene Tage kamen ihm nun, und die Begeisterung überbrauste ihn, daß am Ende seiner Reife in die Welt der Hafen jenes Volkes lag. Er hatte schon als Knabe sich in dunklem Drange dem Volk zugehörig gefühlt. Und in diesem Hafen sollte ihm das neue Leben beginnen.
So baute er sich an einem Tage, da zum erstenmal vor seinen Augen die Tropenküste Brasiliens in weißer Glut aus dem Ozean brannte, in der deutschen Ferne den Hafen einer neuen Heimat auf, und seine Augen wandten sich von dem flaumweichen, heißen Streifen des Ufers und suchten verliebt die Richtung nach Osten über das Band der Meere.
Ende
Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane
Zweiter Jahrgang (Oktober 1909-September 1910)
1. Bd. Hermann Hesse, Unterm Rad 2. Bd. Anny Demling, Oriol Heinrichs Frau 3. Bd. Theodor Fontane, Cecile 4. Bd. Herman Bang, Am Wege 5. Bd. Norbert Jacques, Der Hafen 6. Bd. Laurids Brunn, Van Zantens glückliche Zeit 7. Bd. Emil Strauß, Der Engelwirt 8. Bd. Peter Nansen, Julies Tagebuch 9. Bd. Felix Salten, Olga Frohgemuth 10. Bd. Ruth Waldstetter, Die Wahl 11. Bd. Hans von Kahlenberg, Eva Sehring 12. Bd. Johan Bojer, Unser Reich
Jeden Monat erscheint ein Band
Im gleichen Verlage ist erschienen:
Norbert Jacques: Funchal
Eine Geschichte der Sehnsucht. 2. Aufl. Geh. 2 M., geb. 3 M.
Von dieser Geschichte muß ich das Beste sagen, das man von einem Buche rühmen kann: sie ist voll Schönheit und Eigenwuchs. Ein zarter, vornehmer Stil, ein ungewöhnlicher Inhalt und eine wohlklingende Sprache geben ihr ein besonderes Gesicht; man glaubt zuweilen in der Bibel zu lesen, von so knapper, schlichter Größe sind einzelne Stellen; so die Begegnung Thos und Margarethes am Meere, und ihre Hochzeitsnacht, und die Wanderschaft Thos.
In einem armen Fischerdorf an der dänischen Küste geht ein fremdes Schiff zu Grunde; ein Brett mit der Aufschrift Funchal und ein kleines Kind sind die einzigen Überbleibsel. Der Knabe wird in der Familie des alten Bootbauers Nielsen aufgezogen, ein Kuckuck im fremden Nest. Mit siebzehn Jahren wacht in dem braunen Burschen ein Traum von hohen weißen Bergen auf, eine Unruhe und unstillbare Sehnsucht, die ihn verbrennt. Er hört von Funchal, der glänzenden Stadt auf Madeira, und beschließt, sie, die seine Heimat sein muß, zu suchen. Er geht fort über Dünen und Dörfer, arbeitet, hungert, verdient einen kargen Lohn und kehrt im Winter wieder heim nach Klitby. So treibt er es durch die Jahre. Nie kommt er ans Ziel. Alle Frühjahr packt ihn das Heimatfieber, er knüpft sein Bündel, wandert ans Meer zu einem Hafen, um ein Schiff nach Funchal zu finden, und kehrt im Herbst zerbrochen heim. Einmal findet er Margarethe, Nielsens Tochter, badend. Hand in Hand gehen sie zum Vater, verlobt. Nun wird Tho seßhaft. In der Hochzeitsnacht aber steht vor seinen Augen die funkelnde Stadt mit den hohen Bergen und die Sehnsucht seines Lebens ...
Das zitternde Heimweh nach dem unbekannten Vaterlande hat in dieser Geschichte einen hinreißenden Ausdruck gefunden; der arme, fremde Bursche, der anderen Blutes ist als die Menschen um ihn, irrt unstet und von seinem Heimweh geplagt umher, und als er müde das Suchen aufgibt, lebt seine Sehnsucht weiter in seinem Kind.
Jacques hat nicht zu viel gesagt, als er unter den Titel des schönen Buches schrieb: eine Geschichte der Sehnsucht. Glühend und blühend redet sie zu uns und rührt an das Unerfüllte, das in jedem Herzen seine Stätte hat.
(Ludwig Finckh in der „Münchener Zeitung“)
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
Anmerkungen zur Transkription
Verlagsanzeigen wurden am Ende des Buches gesammelt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 20]: ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich sich straffen, daß ... ... ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich straffen, daß ...
[S. 129]: ... glänzenden Augen dunkler und inniger werden an seinen ... ... glänzende Augen dunkler und inniger werden an seinen ...
[S. 172]: ... Dir in die Welt nachschicke. Aber ich habe die Hoffnung, daß ... ... Dir in die Welt nachschicke? Aber ich habe die Hoffnung, daß ...