Chapter 2 of 8 · 3385 words · ~17 min read

Zweites Kapitel

Baptist sprang stracks die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Es lag neben seinem Schlafraum im zweiten Stockwerk der Villa und war stets das Refugium seiner bösen Stunden. Er drehte den kleinen elektrischen Kronleuchter an und setzte sich auf den Holzstuhl, den er als Schreibtischsessel benutzte, seitdem er sein Examen vorbereitete.

Aber er vermochte noch immer nicht sich in Ruhe zu fassen.

„Drecks-, Drecks-, Drecksleben!“ schimpfte er laut ins Zimmer hinein. „Und das Examen mach ich doch niemals!“

Vor ihm lagen die Bücher geordnet, aus denen er täglich fürs Examen auswendig lernen mußte. Sie setzten seinen Ärger in Flammen. Er sprang auf, ergriff das zunächstliegende, riß es aus dem Deckel und biß mit den Zähnen hinein, als wollte er es verschlucken, um seine Wut damit zu sättigen. Aber es widerstand den Zähnen. Da riß er es fünf-, sechsmal auseinander und spaltete die paar Blätter, die ihm schließlich in der Hand blieben, mit einem Ruck mitten entzwei.

Aber wie er diese traurigen, unschuldigen Reste in seiner Hand sah, mußte er laut herauslachen.

„Ach Gott, nun muß ich mir morgen nur ein neues kaufen!“

Er las die Fetzen vom Boden, knüllte sie zusammen und stopfte das zerrissene Buch in den Ofen.

„Weiter nichts, nur ein neues kaufen!“ sprach er traurig und resigniert dem Buche, das in den schwarzen Behälter verschwand, als Grabrede nach.

Aber die Tätlichkeit, der das Buch zum Opfer gefallen war, hatte ihn doch etwas abgespannt und versöhnt. Er ging auf und ab und ein Bedürfnis nach Ruhe und Frieden quoll warm in ihm auf. An einer Wand standen zwei schwere doppeltürige Eichenschränke aus Flandern voll von Büchern, die der Reichtum seines Vaters ihm erlaubt hatte zu sammeln. Baptist riß alle Türen weit auf, und im tiefen Schoß der Schränke erschimmerte der absichtslos bunt gescharte Schwarm der Bücher. Im Schrank, der dem Fenster am nächsten stand, hob sich aus den farbig gescheckten Regalen eine Bücherreihe verzärtelt vornehm heraus. Alle hatten denselben Rücken aus flaumgelbem, samtigem Leder und alle trugen dieselben blauen und grünen Schilder, golden bedruckt, mit einem feierlichen Reichtum zur Schau. Das waren Baptists Lieblinge: Werther, Hauff, Eichendorff, Stifter, Lenau, Cosmopolis von Bourget, Maeterlinck, die Chronik der Sperlingsgasse, Bruges la Morte, Freund Hein, Sar Peladan, Cyrano ... verliebt und kritiklos aus dem Schatz des Geschriebenen herausgelesen und zueinander geschart; uniformiert in all denselben Halbfranzbänden mit den hellen Lederrücken und den dunkeln Tunkpapierdeckeln, wie sie es in der empfindsamen und einseitigen Zärtlichkeit des jungen Menschen waren, der in diesen Bänden wahllos sich mit seinen Tröstern vereinsamte, seine Geliebten besaß und seine Beispiele ahnte.

Baptist fuhr innig mit der Hand über die Reihe und seine Augen suchten zugleich an den Wänden die geliebten Bilder auf, und er sagte, während Rührung zugleich mit Zuversicht in seinem Herzen aufbrauste: „Wir!“

Das Genießen der Bücher und Bilder in dem lieben Schlupf seines vereinsamten Zimmers führte seine Gedanken zu weiten Streifzügen über die Wege, die er liebte, und Baptist stand auf einmal vor dem Bild der Italienerin auf der Schobermesse. Stracks überschwemmten ihn die Wünsche nach ihr mit weichen, haltlosen Gefühlen, und er begann in einer Schublade herumzusuchen, ob er nicht irgendein liebes schönes Stück fände, das er ihr am Abend zugleich mit seiner verliebten Zärtlichkeit geben könnte.

Da klopfte es und das Zimmermädchen sagte vor der Türe: „Der Herr Battist möchte zum Abendessen kommen!“

Baptist hörte das Mädchen noch einen Augenblick draußen stehenbleiben, und er hielt ein, in der Lade zu kramen. Dann ging ihr Schritt, eingehüllt in das leichte Rauschen der Röcke, davon. Baptist schritt langsam den Flur entlang und die Treppe hinab. Das Mädchen huschte unter ihm lautlos in den Stufen und er sah noch gerade ihre weißen, steif geplätteten Schürzenbänder flattern.

Im Eßzimmer saßen der Vater und Jeanne bereits am Tisch. In einer Karaffe schlief, dunkel und schwer, roter Wein, der darauf wartete, erlöst zu werden. Die Schwester ordnete ein paar Blumen in einer Vase und rückte sie in die Mitte des Tisches, die Karaffe mit dem Bordeaux etwas beiseite schiebend.

„So! rüttele ihn recht! Das hat er gern!“ brauste Herr Biver auf. „Was machen überhaupt die Blumen da? Sie nehmen nur Raum weg!“

„Aber Papa!“ wehrte Jeanne. „So sieht der Tisch doch viel freundlicher aus. Es ist ja auch Platz genug rundum!“

„Ach was, der Tisch ist da für das Essen und nicht für eine Blumenausstellung. Dafür mußte ich dir den Wintergarten ans Haus bauen!“

Jeanne zuckte mit den Schultern.

„Was hast du daran auszusetzen?“ fragte der Vater und schaute beleidigt auf.

„Nur, daß ich eine andere Meinung habe!“

„Du kannst deinem lieben Bruder die Hand geben. Der hat auch immer eine andere Meinung als wie die gewöhnlichen Menschen!“

Baptist horchte nicht hin, während der Vater schwatzhaft weiter kritisierte. Er fragte sich nur einmal, ob er seiner Schwester vielleicht zu Hilfe kommen müßte? Aber dann fuhr ein anderer Gedanke, der schon eine kleine Weile gelauert hatte, in ihm nieder.

Baptist stand auf und ging an dem Mädchen vorbei, das gerade eine Platte mit Speisen hereinbrachte, zur Türe hinaus. Er schloß die Türe hinter sich und eilte, die Schritte dämpfend, über die dicken Teppiche an den geschlossenen Türen des Korridors vorbei. Als er im Seitenflur war, wo kein Licht brannte, verfinsterte er mit einem kleinen Ruck sein Gesicht. Er dachte, er sähe jetzt aus wie ein Bösewicht. Aber er biß trotzig die Zähne aufeinander.

Die letzte Türe führte in das Arbeitszimmer seines Vaters. Baptist machte sie geräuschlos auf und tastete sich zu dem Sekretär, der gleich an der Wand stand. Ein schwacher Dämmerschein fiel durch die offene Tür in das dunkle Zimmer. Als Baptist ein wenig mit den Fingern unter der hervorstehenden Platte getastet hatte, gab es einen leisen Knall. Das war das Geheimnis, das Herr Biver mit ängstlicher Genugtuung für sich allein zu besitzen glaubte. Baptist schob an einem Knopf den Rolldeckel fausthoch auf, griff in die Öffnung hinein und fühlte gleich den kalten Schlüsselbund. Er zog ihn vorsichtig heraus, während er in den Flur hinaushorchte. Seine Brust klopfte mit spitzigen Schmerzen dazu, und die Finsternis legte sich angstvoll wie Wasser auf ihn.

Baptist schlüpfte mit einem schnellen Schritt zu dem eisernen Ungetüm, das dunkel erkennbar aus der Wand trat. Seine Finger glitten an einem Eisenband entlang, rutschten langsam suchend über eine glatte Fläche, bis sie den Messingknopf trafen; sie drehten ihn rasch herum. Die andere Hand haftete mit dem kleinen Schlüssel mit dem Strahlenkranz von Bärten heiß in die Öffnung; das Schloß gab mit einem weichen, dumpfen Schrei glatt nach, und es war fast, als käme Baptist die schwere Eisentüre leicht und unheimlich entgegen, um ihn vor die Brust zu stoßen. Aber sie blieb auf einmal stehen.

Baptist griff in den dunkeln Spalt. Seine Finger trafen eine runde eiserne Schüssel, die offen war; es fühlte sich an wie brennendes Eis, als er hineingriff; hastig ließen die Finger Stück für Stück von dem Inhalt in die Hosentasche gleiten. Baptist wollte zählen, aber er vermochte es nicht. Es zitterte ihm leise in den Händen und in den Beinen. Er hatte die Augen geschlossen, während er so tat, und er sah sein Blut dabei lärmend und mit glitzernden Schwärmen funkelnd im Kopf herumgehen.

Dann drückte er fiebrig zurückhaltend die hohle Türe ins Schloß. Es knackte einmal heller und dann noch einmal, wie ein ferner halb verschallter Hammerschlag Baptist zuckte in erhitzten eckigen Gebärden mit der Hand unter den Rolldeckel des Sekretärs, legte die Schlüssel nieder, schob, die Zähne in die Lippen beißend, den Deckel ins Schloß.

Er richtete sich auf in der Dunkelheit und blieb ein paar Augenblicke so hochgereckt und unbeweglich stehen. Er kniff die Augenlider zu, krampfhaft fest, als schmerzte es ihn. Das Blut sprang wie in einem Strahl gewaltsam in seinen Kopf hinauf. Er sagte zu sich: „Dieb!“ aber alles war plötzlich in ihm hochgespannt. Er fühlte seine Gedanken sich straffen, daß sie klangen. Sie waren wie aus Glas auf einmal, hart, scharf und klar. Er sah durch sie hindurch in sich hinein. Er erlebte wie mit einem Schlag voll schweren Lichtes das, was in ihm vergangen war, und sah in sich die Möglichkeiten maßlosen Verkommens und großen Werdens ungebunden nebeneinander stehen. Er spürte seine ungeheure Widerstandskraft hinter der wohllebigen Weichheit seines Leibes und der Verfettung seines Willens unberührt und untätig liegen und war angefüllt mit einer erregten, reichen Abenteuerlichkeit voll möglich gemachter Taten, über die sich mit dunkel schwerer Gebärde die Fatalität herniederbückte.

Aber wie ein kleiner körperlicher Schmerz stach ihn gleich darauf die Häßlichkeit der heimlichen Diebstähle, denen er schon lange ergeben war und gegen die er sich kaum mehr wehrte.

Er zog die Türe des Zimmers vorsichtig ins Schloß und ging schnell über die Teppiche zurück in den Speisesaal, von dem er kaum einige Minuten fortgewesen war. Über seinen Augen lag ein nebeliger Flor, als er eintrat und sich an seinen Platz setzte. Er nahm unsicher und mit schwachen Fingern Speisen von den Platten, die das Mädchen ihm hinhielt. Er legte ohne es zu wissen, seinen Teller übervoll. Wie mit einem Merkmal im Gesicht saß er da. Er zwang sich, die schweren Fleischgerichte zu essen, die ihm widerstanden, und die Ungeduld hinaus- und davonzukommen, blähte sich fiebrig in ihm auf.

Währenddeß dachte er sich zehn-, zwanzigmal hintereinander aus, wie er diese Diebstähle vollführte. Wie sie in dem müßigen, verweichlichten Hinfließen seines Lebens die einzigen Taten waren, an denen sich Wagnis und Widerstandskraft einmal aufrichten konnten, wie sie zugleich gemein, heimlich und ekelig waren, wo sie ihm Spannkraft und die abenteuerlich verwilderten Genüsse in den abseitigen Weibercafees gaben, in denen aller Widerstand des Lebens in den Dunst von Alkohol- und unfruchtbaren erotischen Räuschen verdampfte. Er stahl und verpraßte und erkaufte sich mit den harten Schmerzen seines Bereuens die fessellose Romantik seiner heimlichen, dumpfen Sünden.

Und trotzdem wußte er wohl, daß er sich von dieser Krankheit freimachen müßte, um die edlen Genüsse des Lebens zu erlangen, die er für sich in der Ferne bereitet fühlte.

In diesen Vorstellungen gingen seine Gedanken ruhelos hin und her, wie ein Raubtier in einem Käfig. Immer hin und her, zwischen die engen Wände gedrückt und durch das Gitter von der Freiheit getrennt. Ein Stück langsam und regelmäßig, dann mit einem Satz im Bogen an das Gitter schnellend, dann fiel er in der Mitte wieder zu Boden, begann von vorne, kühl und sich fassend, und gleich wieder flammend erhitzt, beschönigend, verzerrend. Seiner Schwester wagte er nicht in die Augen zu schauen. Aber die wässerigen hellen Augen seines Vaters konnte er dabei mit kaltem Gleichmut überwachen.

Baptist trank viel von dem Bordeaux aus der Karaffe. Die Goldstücke wogen in seiner Tasche auf dem Schenkel. Er hatte sie, damit sie nicht zusammenklingen sollten, mit einem Taschentuch in eine Ecke der Tasche aneinander gedrückt. Mit den Fingern fühlte er oft heimlich von außen ihre runden Leiber an und gab ihnen verschwiegene Liebkosungen.

Baptist war satt wie eine Schlange, die sich vollgestopft hat, und er fühlte sich doch brennend leer zum Empfang. Die Begier, daß es nun endlich in dem Zimmer und auf dem Tisch fertig sein möchte, brannte mit zitterndem Züngeln weiter in ihm und er schaute erregt nach dem aus, was nachher draußen kommen sollte, wenn er erst das Haus verlassen hatte. Vielleicht wurde es heute etwas Verschwiegenes, etwas heimlich Frauensüßes, das er noch nie genossen hatte. Wie liebte er Rosa! Wie liebte er sie! Dazu wirkte sein Feingefühl verletzlich, ja, wie rasend geschärft auf die geringsten Unappetitlichkeiten, wie sie bei jedem Essen vorkommen. Es reizte ihn, daß sein Vater mit seiner runden, wie uneben aufgefütterten Gestalt zu tief in dem weichen Ledersessel saß und die Serviette hoch um den Hals gebunden hatte. Das erschien ihm wie eine Vorbereitung auf das Essen, die durch ihre weitläufigen Anstrengungen abstieß. Auf dem harten blonden Spitzbart seines Vaters lag ein Tropfen weißer Sauce, und Baptist mußte sich zwingen, nicht hinzuschauen und sah doch im Wegblicken die starken runden Backenknochen des Vaters im Kauen wie Kugeln immer drohend zu den Augen aufsteigen und ebenso regelmäßig niedergehen.

„Das Frikassee ist heute nicht genug epiciert, Anna!“ wandte sich Herr Biver plötzlich streng und sachkundig an das Mädchen. „Sagen Sie der Köchin ..., nein, ich werde es ihr nachher selber sagen. Auf Euch ist doch kein Verlaß!“

Aber Anna erwiderte: „Das gnädige Fräulein gab heute Anweisung, die Speisen künftig weniger scharf zu bereiten.“

Herr Biver schaute Jeanne empört an: „Nun hör mal – was fällt dir ein?“

„Wir essen zu viel und zu stark!“ sagte Jeanne trotzig und bestimmt. „Das wird jetzt anders!“

Herr Biver hielt ein mit Kauen. Er blickte betroffen vor sich nieder in den Teller. Aber Baptist wollte versöhnlich ablenken: „Vater gehst du heute zur Schobermesse?“ fragte er, obschon er wußte, daß mit der wichtigen Regelmäßigkeit der Lebensgewohnheiten von Leuten, die sich in kleinen Städten viel langweilen, an jedem Samstagabend im väterlichen Haus die Whistpartie zusammenkam. Der Vater antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte er über den Tisch hinweg: „Anna, sagen Sie der Köchin, daß ich nachher mit ihr zu sprechen wünsche. Vorderhand ist der hier noch Herr im Haus, und es dauert noch ein Stückchen, bis es anders wird.“

Erst nachdem Herr Biver wieder eine Weile gegessen hatte, warf er Baptist hin, ohne ihn anzusehen: „Nein, ich geh nicht zur Schobermesse!“

Jeanne zuckte kaum merklich mit dem Gesicht und schob ihren Teller etwas von sich. Baptist dachte sich: immer lustig gefressen, das ist auch ein Zeitvertreib! Der kleine Zwischenfall hatte ihn erheitert und aus der heißgelaufenen Wirrsal seiner Vorstellungen um die Diebstähle wie durch eine Beschwörungsformel herausgehoben.

Als Herr Biver weitläufig und ohne anzudeuten, daß es bald ein Ende nehme, weiter aß, hob Jeanne mit der Gebärde einer verletzten Fürstin den Tisch auf. Baptist war ihr dankbar für diese Bewegung und schloß sich ihr an, als sie das Zimmer verließ.

Draußen schob er seinen Arm unter den ihrigen und die Geschwister gingen schweigend bis ans Ende des Flurs. Dann sagte Baptist lächelnd: „Komm, wir wollen lieber noch ein bißchen zusammen etwas spielen, bevor ich mich an den großen Händen freuen geh!“

Er wollte noch mit seiner Schwester zusammen sein.

Aber Jeanne nahm ihn bei den Händen: „Ach, gelt, du liebst sie nicht? Gelt, es ist nur ein wenig zum Zeitvertreib?“

„Hm?“

„Nein, gelt nicht?“

„Weshalb liegt dir denn soviel daran, daß ich sie nicht lieben soll?“

„Weil du eine ganz andere Frau bekommen mußt. So eine Prinzessin oder so ...“

Baptist lachte.

„Ja, ich meine nicht so eine geborene aus einem Fürstenhaus. Das ist ja auch vielleicht meistens nicht mehr als wie das Gewöhnliche. Ich meine eine, die durch ihre Schönheit und Klugheit eine Prinzessin unter den Menschen ist.“

Da streichelte Baptist Jeanne über den Arm: „Ach, das liebe, kleine Schwesterlein!“ schmeichelte er ihr.

„Ja, das mußt du!“ behauptete sie.

Aber Baptist zog sie in die Türe und drehte das elektrische Licht an. Die Sonate von Beethoven stand noch auf dem Flügel.

Jeanne schlug die ersten Takte an.

„Ach nein, Jeanne, etwas anderes, etwas leichteres!“ sagte Baptist, während er den Geigenkasten öffnete.

„Mozart!“ schlug Jeanne vor.

„Nein, etwas Neues, gelt!“

Baptist wollte irgend etwas von der Musik, die man überall hörte, etwas von jener Musik, in der die Erotik der Zeit, wie ein prickelndes Quirlen und Verdunsten zu flüchtigem Genuß und nervösem Reiz festgehalten wurde. Er begann auch gleich solch ein Lied zu pfeifen. Jeanne fiel am Flügel ein, Baptist schob schnell die Geige unters Kinn und fuhr mit ein paar Strichen mitten in die Melodie hinein, die die Violine dann sofort mit einem lostollenden Singen über das Spiel des Flügels, der den leichtsinnigen Allüren der Geige nicht folgen konnte, hinweghob und davonführte.

Baptists Geige war ein gutes Stück von Aegidius Barzellini aus Cremona. Es war das einzige Erbstück der Familie. Der verstorbene Großvater hatte sie in Paris als junger Bursch geschenkt bekommen – er sagte bis zu seinem neunundsiebzigsten Lebensjahr, in dem er starb, von einer Frau – und er hatte sein Leben drauf verfiedelt, statt zu schaffen. Aber ihre adelige Herkunft war erst nachher festgestellt worden: als Baptist aufs Musikkonservatorium kam, untersuchte sie schließlich einmal sein Lehrer, den der süße, singende Ton des Instrumentes schon lange bezaubert hatte. „Unsere Ahnengallerie!“ nannten die Geschwister die Geige, weil der Vater jeden Besucher an diesen einzigen hervorragenden Gegenstand rassiger Herkunft, den das Haus barg, heranführte, und weil die Geige die den Geschwistern romantischen Erinnerungen an den leichtsinnigen, fiedelnden Großpapa trug, der sonst als ein gefährliches Gespenst in dem noch neuen Familienschrank der Biver sorgsam und angstvoll verschlossen gehalten wurde.

Aber aus seiner behüteten Verborgenheit kam heute Abend der Geist des Großvaters an Baptist heran. Der junge Mensch fiedelte das erregende Lied, daß es im Kasten der Geige heiß und menschlich verlangend stöhnte und tollte, und der Großpapa schien dazu zu lächeln und Rosa von der Schobermesse tanzte, das Tamburin schlagend, und auf einmal war die Geige ein Menschlein, ein heiterer Kumpan, der mit einem buckeligen braunen Lachen bei Baptist war ... war der lustige, abenteuerliche, leichtfertige Großpapa, den der Spieler in dem bebenden Unterton der Resonanz des Geigenleibes zu allen Dingen des Tages frech, wurschtig und humorvoll brummeln hörte. Und Baptist sang übermütig zu seinem Geigenstreichen, preßte das Wort ‚Ahnengallerie‘ ununterbrochen durch alle Tonfolgen der werbenden, erhitzenden, einschläfernden Weise ... Ah! ... ahnen ... gal ... le ... ri – ö! A...a...nengallri... und schloß im Spielen die Hand bewegter um den Geigenhals, drückte die Finger gefühlvoller auf die Saiten, führte den Bogen zärtlicher, als handelte es sich darum, im Rausche einem treuen Sauf-, Wander- und Leidgenossen mit einem empfindsamen Händedruck seine Freundschaft zu bestätigen.

Aber auf einmal fiel die Unrast auf Baptist nieder, wie ein Netz, das sich im Augenblick zuzog. Baptist warf einen Schnörkel von Akkorden über die vier Saiten, hüpfte zum Geigenkasten, die Violine sank einmal aufschallend hinein, der Deckel schnappte zu.

„Gute Nacht, Schwesterlein, jetzt muß ich!“ rief Baptist, sprang am Flügel vorbei, strich Jeanne rasch über die Schultern und setzte zur Türe hinaus. In demselben Satz stürmte er die Treppen hinan. Er sah kaum noch, wie sein Vater seine drei Gäste, die Herren Faber, Wampach und Küborn, zur Türe des Eßzimmers hineinkomplimentierte, während die weiße Schürze der Anna in der dunklen Garderobenecke schimmerte.

„So, schön, der Weg ist also schon frei!“ sagte er sich, und eine leise Atemnot klopfte in seiner Brust, mehr durch die aufgaukelnden Erwartungen des Abends verursacht, als durch das heftige Treppenlaufen.

Aber Jeanne saß auf dem Sessel am Flügel und schaute die Türe an, die sich so hinterrücks wieder geschlossen hatte. Bald weinte sie. Er war ihrer Liebe und Zärtlichkeit entglitten und ging nun zu dem Kirmesweib, die seiner unwürdig war und an der er sich beschmutzte; Und wieder wuchs der verwilderte Garten in ihr auf.

Baptist wechselte in seinem Zimmer, nachdem er sich gewaschen hatte, mit fliegenden und in der Erregung ungeschickten Fingern Kragen und Krawatte. Sein Gesicht glühte, und das kalte Wasser hatte nur einen Augenblick wohlgetan. Zu den offenen Fenstern zog die erste Abendkühle des Septembertags ins Zimmer. Es lag eine leise modrige Ahnung von Änderungen, von Scheiben und Vergehn in ihr. Sie kam aus der starren Finsternis des Stadtparks feucht und unaufhaltsam herein.

Baptist legte, als er fertig war, und schon den Hut auf hatte, noch ein kleines Weilchen mit einer kosenden Bewegung den Kopf zum Fenster hinaus in ihre wehmütige Herbheit.

Dann verließ er das Zimmer und stürzte die enge Treppe hinab, die im Seitenflur für das Dienstpersonal Erdgeschoß mit Speicher verband. Er nahm jedesmal drei oder vier Stufen, und prallte unten auf Anna, die gerade aus der Küche gekommen war. Um nicht gegen sie zu fallen, mußte er seine Hand auf ihre Schulter stützen, während er sich mit der andern am Geländer hielt.

Anna lächelte ihn geniert an, und Baptist ließ seine Hand liegen. Er spürte unter dem dünnen Taft der Bluse die Formen der Schulter. Er sagte, ebenfalls gezwungen lächelnd: „Mund halten, daß ich weg bin!“

Anna nickte vertraut, während Baptist mit einer Zärtlichkeit, die sich nicht eingestehen will, zaghaft und errötend seine Hand niedergleiten ließ. Das Mädchen schaute verlegen mit warmen Augen an ihm hinauf. Aber er hatte sich schon abgewandt und Anna sah ihn rasch die kleine Treppe hinab und zur Seitentüre hinausgehn. Beiden, ihr drinnen, die nun verlassen die Treppen hinaufging und sich dabei auf das Geländer stützte, und ihm draußen, der über die Rasen zum Tore schritt, damit seine Schuhe nicht im Kies der Wege knirschten, war es, als hätten sie eine kleine Wunde von diesen drei Augenblicken des Zusammenseins in dem einsamen, schmalen Flur davongetragen.