Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1928 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration:
Reisen und Abenteuer 14]
[Illustration: Palau-Versammlungshaus:
Meine Wohnung in Melegejok. (S. 124)]
Walter v. Rummel
Sonnenländer
[Illustration]
Leipzig / F. A. Brockhaus / 1928
Dies Büchlein ist ein Auszug aus W. v. +Rummel+ „+Erster Klasse und Zwischendeck+“ (Berlin 1911).
Copyright 1921 by F. A. Brockhaus · Leipzig
Inhalt.
Seite
1. Ausreise 5
2. Ankunft in Japan 8
3. Japanisches Nachtleben 14
4. Kreuz und quer durchs Land 20
5. Sintflut und Erdbeben 28
6. Die Stromschnellen des Tenryugawa 33
7. Tempelfeste 39
8. Insel der Seligen 44
9. Neue Reisepläne 51
10. Unter dem Sonnenbanner 56
11. Agrigan 66
12. Pagan 70
13. Geschichte der Marianen 72
14. Saipan 75
15. Tinian, die Jagdinsel 82
16. Auf dem „Condor“ 90
17. Jap 95
18. Nach den Palauinseln 104
19. Auf Korror 109
20. Auf Babeltaob 122
21. Hundert Tage auf Jap 139
22. Abschied von der Südsee 153
23. Heimreise 156
[Illustration: Karte zu Walter v. Rummel, Sonnenländer
Reiseweg des Verfassers
Südhälfte von Nippon mit Inland-See
Marianen und Karolinen
Kartographische Anstalt von F. A. Brockhaus, Leipzig.]
[Illustration]
1. Ausreise.
Sonnenländer! Von jeher habe ich sie gesucht. Mit 17 Jahren bin ich das erstemal in Venedig, mit 19 in der Gironde und Provence, mit 21 Jahren in Algier, Marokko und Spanien gewesen. Immer mitten im Hochsommer. Je heißer die Sonne brannte, desto mehr freute es mich.
Auch auf meiner Weltreise habe ich immer treue Fühlung mit dem Süden gehalten.
Von Hamburg fahre ich ab. Siebzehn Tage auf hoher See. Das Meer wird glatt wie ein Spiegel und ist von einer tief ultramarinblauen Farbe. Rotes Golfkraut schwimmt darin herum, schlanke blitzende Fische sprühen wie schimmernde Silbertropfen darüber hinweg und des Nachts leuchten im weißen Kielwasser feurig sprühende Funken auf. Windverwehte, kleine, bunte Vögel hüpfen unruhig auf dem Bootsdeck umher und huschen, einen Unterschlupf suchend, durch das Tauwerk.
Wir sind der Sonne nähergekommen, die Sterne sind heller und leuchtender geworden; deutlicher als in der Heimat sieht man die dunkelstarren Berge im toten Mond.
Land in Sicht. Ein blasser Dunststreifen. Bereits auf freiem Meere fühlt man, daß man bald auf dem Boden der Tropen stehen wird, 30 Grad im Schatten schon um 7 Uhr morgens.
Eine Stunde später liegt Kuba zum Greifen nahe vor mir, in grellgelbe Farbentöne getaucht. Weißglut trinkend und ausströmend, verbrannt und ausgedörrt von einer allgewaltigen Sonne. Havanna, die erste Tropenstadt, die ich hier betrete, wirkt auf mich als etwas ganz Neues und Seltsames.
Westwärts weiter. Zwei Tage später die mexikanische Küste. Wie flüssiges Glas flimmert die Luft über flachen Dächern, die in trostloser Sanddüne liegen: Verakruz. Kein freundlicher Empfang. Um so größer die Überraschung, wenn man ein wenig höher und landeinwärts kommt. Heiße Blüten- und Früchtepracht. Hoch darüber Gipfel in einsamer Majestät und weißem Königshermelin.
Von Verakruz aus hat Cortez, der Eiserne, mit sechzehn Reitern und sechshundert Waffenfähigen seinen Vormarsch ins Innere Mexikos angetreten, ein ganz tollkühnes Wagnis, das ihn nach manchen Rückschlägen schließlich eines der herrlichsten Länder der Erde erobern ließ.
Zwei Monate habe ich dies einzig schöne Land bereist. Wollte man es einigermaßen richtig kennenlernen, müßte man mehr denn zwei Jahre daran wenden. Ist es doch viermal so groß als Deutschland, ohne dessen Bahnverbindungen zu haben.
Nordwärts nun. Aber das bedeutet noch lange nicht den Norden. Denn stark glüht die Sonne über den Staaten Zacatecas, Durango und Chihuahua, ebenso in dem bereits zu Nordamerika gehörigen Texas. In der Coloradowüste Arizonas aber steigt die Hitze ins Unerträgliche. Das Land -- Sand und Salz -- liegt bis zu hundert Metern unter dem Meeresspiegel. Feuerluft schlägt mir von allen Seiten entgegen.
Dann aber der herrliche Garten Kaliforniens, in dem die Fichte sich freundlich mit der Palme paart. Der Tag ist noch warm, aber die Nächte sind wundersam kühl und erquickend, mildlinde Sommernächte, schwer von Blumendüften und durchzittert von dem flötenden Lockton eines südländischen Vogels, durchbebt von Geigen- und Mandolinenklängen, von den weichen Stimmen singender Mädchen und Frauen, durchweht von einem lebend gebliebenen Hauch altspanischer Romantik.
In San Franzisko halte ich Ausschau. Eigentlich wollte ich nach Samoa und Tahiti. Aber gerade vor der Nase ist mir das Schiff weggefahren. Allzu lange müßte ich auf das nächste warten.
Ein anderer Dampfer liegt auslaufbereit im Hafen. Er geht nach Japan und nimmt mich mit.
Um einmal andere Bilder zu sehen, fahre ich Zwischendeck. Der Entschluß hat mich nie gereut. Ich habe in meinem Zwischendeck viel mehr gesehen, erlebt und gelernt, als wenn ich erster Klasse gefahren wäre.
Nach sechstägiger Reise die hawaiische Inselgruppe, Eiland Oahu und Stadt Honolulu. Diese erste Südseeinsel ist eine Enttäuschung, allzusehr ist dort alles amerikanisiert. Und während Oahu, das nicht Herbst und Winter, das nur den Sommer kennt, langsam im Abendnebel verschwimmt, träume ich von andern Inseln, glücklichen Inseln, wo Sonne und Sterne, wo das rollende Rad der Zeit stille zu stehen scheint, stille steht für Menschen, die eines guten Willens gekommen sind. -- --
Fast vierzehn Tage wieder auf hoher See. Ich benütze die lange Zeit, um mich in aller Eile ein wenig auf Japan vorzubereiten. Denn ich hatte es nicht auf mein Reiseprogramm gesetzt.
Doch ich komme nicht recht vorwärts. Ein Mühlrad geht mir im Kopfe herum, hundert Namen und Dinge wirren sich chaotisch durcheinander. Aber eines präge ich mir ein, die Lehre, daß man um das europäische Hotel einen weiten Bogen schlagen muß, wenn man vom eigentlichen Nippon, wie das Kaiserreich Japan in der Landessprache heißt, etwas kennenlernen will.
2. Ankunft in Japan.
Eines Tages sind wir wirklich da. Grün und freundlich erschließt sich die weite Bucht von Tokio. Wie unsagbar wohl tut dieses frische, saftige Grün nach den verbrannten Steppen Nordmexikos, nach dem starken Seewind und der scharfen Salzluft! Goldschimmernder Glanz, zitternder Silberflimmer über Land und See, da und dort noch geheimnisvoll verschleiernder Nebelflor. Aus ganzem Herzen sei mir gegrüßt, heiteres, sonniges, lächelndes Japan!
„Nach einem japanischen Gasthaus!“ sagte ich den Gepäckträgern bei meiner Ankunft in Jokohama, dem Hafen von Tokio. Die taten sehr, sehr erstaunt, zuckten zweifelnd und unschlüssig die Achseln und beratschlagten lange, ein Beweis dafür, daß ihnen dieses Verlangen etwas ganz Ungewöhnliches war.
„Mankahotel!“ meinten sie endlich. „Mankahotel!“ nickte ich zustimmend, froh, daß sie doch noch irgend etwas ausgeklügelt hatten.
Dort, wo die europäische Niederlassung bereits in die japanische Stadt übergegangen ist, steht es, in der Parkstraße, einer großen, öffentlichen Gartenanlage gegenüber.
Ringsum kein europäisches Haus mehr, auch Wirt und Bedienung sind japanisch. Nur das Hotel selbst, ein kleiner einstöckiger Bau, ist nicht mehr ganz waschecht japanisch.
Mankahotel hat sich bereits mit Tischen, Stühlen und Betten europäisch frisiert und ist so eigentlich nicht das, was ich gewollt und gesucht hatte.
Aber auch die Leute vom Mankahotel sahen mich und meine Koffer mit ganz mißtrauischen und argwöhnischen Augen an: -- ja, ja -- ein Bett hätten sie wohl schon frei -- aber wie lange ich denn bliebe, und ob ich mir vielleicht nicht doch das Zimmer vorher des näheren ansehen wollte.
Das tat ich denn auch und unterwarf den einen von den zwei Räumen, die Mankahotel zu vermieten hat, einer kurzen Untersuchung: ein nicht sehr großes Zimmerchen mit einem breiten Bett französischen Stiles, außerdem mit Tisch, Stuhl und Waschtischchen eingerichtet. Aber alles, und das ist mir die Hauptsache, ist blitzblank sauber gehalten. Durch die niederen Fenster bietet sich ein interessanter Einblick in allerlei japanische Nachbarhäuschen, in mancherlei Häuserwinkelwerk und Höfe. Dazwischen ein nicht überbautes Stückchen freier Erde, das mit ein paar grünen Bäumchen bepflanzt ist.
„Ich nehme das Zimmer!“ nickte ich.
Der Hotelwirt, ein kleiner, schmaler, gelbfarbiger Japaner mit klugen Augen, nickte ebenso, ohne über meinen Entschluß besondere Freude oder Genugtuung zu bekunden. Es entging mir auch nicht, wie er mich mit einem erstaunt fragenden und forschenden Seitenblick streifte.
Freilich, die ersten Nächte, die ich nun im Mankahotel verbrachte, sollten sich nicht allzu genußreich gestalten.
Nicht der glühend heiße Tag, an dem die Sonne so gewaltig herniederbrennt, macht das Leben in den Tropen und den der Tropenzone nahe gelegenen Ländern schwer. Der Tag ist mit einigem guten Willen immer noch ganz gut zu ertragen. Das wirklich Schlimme, das, was böse an den Nerven zehrt, die eigentliche Strapaze, das sind die Nächte, diese feuchtschwülen, dumpfschweren Nächte, in denen man doch nicht den ersehnten Schlaf finden kann, wenn man auch todmüde auf sein Lager sinkt.
So eine nicht enden wollende, qualvolle und ruhelose Nacht war gleich die erste, die ich im Hotel Manka verbrachte.
Ganz fein säuberlich hatte ich mein Moskitonetz zugezogen und alle Fenster fest und gut geschlossen, um blutsaugende, unerwünschte Nachtgäste am Eintritt zu hindern.
Aber nachdem ich mich drei Stunden lang schlaflos in der schweren Stickluft auf den heißen Kissen herumgewälzt hatte, öffnete ich zuerst zögernd ein Fenster, eine Viertelstunde später das zweite und kurz darauf das dritte.
Wie luftig nun der frischkühle Nachtwind kräftig das Zimmer durchwehte! Stolz und kühn, als ob es ein wahrhaftiges Schiffssegel werden wollte, blähte und bauschte mein Moskitonetz sich mächtig auf.
Und all die seltsamen, zum Teil noch halb rätselhaften oder ganz unverständlichen Stimmen und Stimmchen der japanischen Nacht dringen jetzt an mein Ohr: grelles Lautengeklimper und süßes Flötenklagen. Dann Wassergeplätscher. Drüben im Nachbarhäuschen wird noch gebadet. Wohl einer, der auch nicht schlafen kann. Deutlich sehe ich von meinem Bette aus eine sich nun am Fenster abtrocknende nackte Gestalt. Man gibt sich höchst natürlich in Japan.
Ich lausche weiter hinaus: nun das zum vorsichtigen Gebrauch von Feuer und Licht mahnende Holzgeklapper des japanischen Nachtwächters. Kurz darauf der hübsche melodische Gesang eines Vogels. Dann der leise elastische Sprung einer ihn jagenden Katze. Das langgezogene Zirpen einer Zikade in dem Bäumchen vor meinem Fenster, fast wie das leise Schnarchen eines Menschen hört es sich an. Rings um das ihnen den Eintritt verwehrende Netz das laut-begehrliche Summen und Surren der Moskitos.
Aber jetzt! Nein, das rumort nicht mehr nur da draußen herum. Ganz dicht an meinem Ohr höre ich nun einen brummen. Und jetzt noch einen und noch einen. In der nächsten Minute folgt auch schon Stich nach Stich.
Das im Winde hoch aufflatternde Netz hat den kleinen Teufeln Einlaß gewährt. Ein paar der schlimmen Gesellen klatsche ich an der Wange tot, die übrigen setzen ihr blutiges Marterhandwerk lustig fort.
Der Morgen, der ersehnte Morgen beginnt fahl durch das Fenster hereinzudämmern und all das böse, lichtscheue Nachtgesindel sucht seine Tagesverstecke auf. Ein tiefer Morgenschlaf entschädigt mich für die ruhelose Nacht.
Im übrigen ist es im Mankahotel zum allerbesten bestellt.
Alles gut, reinlich und nicht teuer!
In ein paar Tagen sind der Wirt und seine ihm den Haushalt führende Schwester, ist auch die gesamte Bedienung unseres Hotels schon ganz zutraulich und zutunlich geworden, die aus sechs Köpfen bestehende Bubenschar, welche die Rolle von Servier- und Zimmerkellnern spielt, und auch unsere drei Hausmädchen.
Was immer ich verlange, alles wird rasch und willig ausgeführt. Nie auch nur der Schein einer Gegenrede, nie ein Besserwissenwollen, nie, und wenn auch noch so viel noch so rasch zu tun ist, je eine mürrische oder unzufriedene Miene.
Aber nicht nur gut und bequem lebt es sich in Hotel Manka. Ich kann hier auch schon in der sonst stark unter europäischem Einfluß stehenden Hafenstadt Jokohama japanisches Leben, japanische Sitte, japanischen Volkscharakter studieren.
Nicht nur, daß fast alle Speisegäste waschechte Japaner sind. Ganz japanisch ist vor allem unsere engere Hausgenossenschaft.
Da sind vor allem unsere schon erwähnten Hotelbuben. Ihr Häuptling -- der Älteste -- heißt Kakutaro. Wie geschickt, flink und gewandt er ist! Trotz seiner Jugend könnte er manchem Oberkellner eines europäischen Hotels als Vorbild dienen.
Die Götter hatten ihm schon bei seiner Geburt ersichtlich wohl gewollt. Denn sie hatten ihm nicht die so oft als böses Danaergeschenk sich erweisende Mitgift „männlicher Schönheit“ mit auf den Lebensweg gegeben. Sehr hübsch ist der gute Kakutaro nicht zu nennen.
Aber dafür hat er andere Vorzüge.
Alle Sprachen -- englisch spricht er noch am besten -- aber alle andern Sprachen radebrecht er ein wenig, deutsch und französisch, italienisch und spanisch, russisch und chinesisch, und beständig sucht er lerneifrig seine Kenntnisse zu erweitern. Die andern Buben streben ihm nach. Sowie sie eine freie Minute ergattert haben, kauern sie in ihren Badehosen -- Badehose ist außer bei den Mahlzeiten die Hauptbekleidung unserer männlichen Bedienung -- in irgendeinem Winkel und grübeln über einer Grammatik, einem Sprachführer oder sonst einem lehrhaften Buch hin. Oder sie fragen und fragen, tun lauter kluge Fragen. Alles und alles möchten sie wissen, sind beständig daran, ihren Gesichtskreis zu erweitern -- und sind doch nur die kleinen, aus niederen Kreisen stammenden Bedienungsbuben eines kleinen Gasthauses.
Für jedes freundliche Wort sind sie dankbar. Mit irgendeiner für ein paar Sen, geringen japanischen Bronzemünzen, gekauften billigen Kleinigkeit kann ich ihnen die größte Freude bereiten. Und dann suchen die hübschen frischen Jungen ihre Dankbarkeit durch alle möglichen kleinen, nicht erbetenen Dienste zu beweisen.
Grundehrlich sind sie. Nie habe ich irgend etwas verschlossen; das Portemonnaie, selbst Zigarren und Zigaretten -- und sie rauchen sehr gern -- konnte ich ruhig auf dem Tisch liegen lassen. Nie ist mir die kleinste Kleinigkeit abhanden gekommen.
Schmerzen können sie aushalten wie ein Mann. Einmal hatte einer eine offene böse Wunde am Fuß. Kakutaro, nicht nur Manager, Ober- und Zahlkellner in einer Person, sondern auch allseitig geachteter Hoteldoktor, steckte ihm irgendeine Heilpflanzenwolle in die Wunde und zündete das Zeug an. Langsam glimmte die Wolle weiter und brannte die Wunde aus. Drei- bis viermal wiederholte der gute Kakutaro mit größter Seelenruhe diese äußerst schmerzhafte Manipulation. Der tapfere, kleine, dreizehnjährige Junge aber saß dabei ganz still auf dem Fußboden, besah sich, ohne eine Miene zu verziehen, die brennende Wolle und -- lächelte!
Sie lächeln ja immer, diese Japaner, in Freude und in Schmerzen, auch die Mädchen und Frauen. Unser ältestes Dienstmädchen hatte einmal rasendes Kopfweh, daß sie kaum aus den Augen schauen konnte. Sie erzählte es mir und lächelte dabei, als ob sie sich entschuldigen wollte.
Ja, auch unsere Hotelmädchen sind ebenso nett und lustig, liebenswürdig und freundlich wie die männliche Bedienung. Oshige, Osuzu, Omiyo heißt das Dreigestirn, die älteste ist 21, die jüngste erst 13 Jahre alt. Nur viel weniger wissensdurstig und lerneifrig sind sie als die Jungen, dafür aber hundertmal neugieriger.
Der strahlende Zenit und Mittelpunkt des Hotels Manka aber ist sein Besitzer selbst: Herr Gonjiro Shibata. Nicht in meinen allerkühnsten Träumen hätte ich einen derartigen Hotelier für möglich gehalten, so ist er die verkörperte Idealfigur vorbildlicher Gefälligkeit.
So bin ich sehr zufrieden, gleich am ersten Tag meiner Ankunft sofort ein angenehmes Haupt- und Standquartier für meinen Aufenthalt in Japan ausfindig gemacht zu haben. Zudem habe ich gleichzeitig in Herrn Shibata einen eifrigen Führer gefunden, der selbst gern in Stadt und Land umherzieht und die japanische Wanderlust stark in sich sitzen hat. Er freut sich, mir all die Sehenswürdigkeiten Jokohamas zeigen zu können, stille Tempel und stimmungsvolle Friedhöfe. Er geleitet mich auch oft in die lustige, papierne und hölzerne Welt der japanischen Stadt, führt mich hinaus in die Vororte oder ins Seebad Homoko.
Eindrücke über Eindrücke stürmen auf mich ein. Ich staune und komme nicht aus dem Staunen heraus. Eine große, bunte, seltsame Welt hat sich mir mit einem Schlage aufgetan.
3. Japanisches Nachtleben.
Am allerbesten gefällt mir Jokohama am Abend und in der Nacht. Tagsüber ist es auch dort wie überall etwas still, besonders an heißen Tagen, an denen die Sommersonne Nippons recht erbarmungslos herniederstechen kann. Aber wenn der Abend kühl herniedersinkt, wenn vom goldglänzend breit gemalten Firmamente sich scharf und tief olivengrün mit einer satten Einheitsfarbe alle Bäume abzeichnen, dann strömt es aus allen Häusern und Häuschen hinaus. Rings ein dicht durcheinanderwogendes Gedränge.
Ab und zu auch einige europäische Globetrotter, die in den zweirädrigen Droschken Japans, den Rikshas, angefahren kommen. Galopp! Galopp! Schwer keuchend und schweißtriefend stürmen die armen menschlichen Zugtiere, die Jinrikishamen, einher, der erste bahnt sich schreiend und brüllend den Weg, die andern folgen. Galopp! Galopp! In zwanzig Minuten haben die guten Europäer die ganze Stadt durchquert und glauben, damit alles gesehen zu haben. In Wirklichkeit haben sie nichts gesehen, nichts gehört und gelernt, haben nur einen Mißton in die ihres sauer verdienten Abends sich freuenden japanischen Fußgänger hineingetragen.
Nur wer da langsam geht und oft wiederkommt, stehenbleibt und verweilt, fragt und beobachtet, der lernt den Reiz der japanischen Stadt wirklich begreifen.
„Klipp, klapp; klipp, klapp; klipp, klapp!“ Ich weiß nicht recht, mit welchem Laute ich am besten dieses schlürfende Geklapper Tausender von Holzsandalen, Holzpantöffelchen und allerkleinsten Holzschühchen vergleichen sollte. Das ist so ein Massen-, ein Millionenton, ähnlich vielleicht wie das Zwitschern der Zikadenheere in den japanischen Bäumen, der Sprung und Flug von Heuschreckenlegionen, das Singen der Grillen im Grase, das Rauschen und Murmeln des Flusses, das langsame Branden des friedlichen Meeres -- viel tausend großer, kleiner und kleinster Töne, alle in einen einzigen Einheitsakkord zusammenklingend und verschmelzend, nicht in einen süß schmeichelnden, auch keinen elementar gewaltigen vielleicht. Denn das klirrt nicht silbern wie der über glatte Eisfläche fliegende Schlittschuh, dröhnt auch nicht ehern wie der wuchtige Schwer- und Gleichschritt heranmarschierender Bataillone, läßt auch nicht donnernd die Erde erzittern wie heranbrausende Reiterdivisionen; das ist ein japanischer, echt japanischer Ton, gleichmäßig immer, nicht allzu leis und nicht allzu laut, nicht allzu schüchtern und nicht allzu leidenschaftlich, erinnernd vielleicht an den harten Holzton der japanischen Laute, an das unermüdliche Holzgeklapper des japanischen Nachtwächters, hartes Holz auf harter Erde, ein ganz harter Ton, hart wie das Leben der Menschen hierzulande ist, wenn man es nach unsern Begriffen mißt.
Ist aber gar nicht hart in Wirklichkeit! Es ist Arbeit, viel schwere Menschenarbeit; oft Arbeit, zu der wir nur das Tier knechten. Es ist fast spartanische Genügsamkeit; die Zufriedenheit mit Wenigem, unsagbar Wenigem, würden wir sagen. Es ist ewige, stille Heiterkeit, ist helle Freude an allem Schönen, was ihnen ihre Erde bietet: Freude an ihren bunten Vögeln, großen Schmetterlingen und zirpenden Zikaden; Freude an ihren großen, prächtigen Waldbäumen, an all den tausend Blumen und Blüten; Freude an all den unzähligen Dingen und Dingelchen, die sie sich selbst zu verfertigen verstehen.
Und in ihrer Freude, in ihrem heiteren Lebensgenuß, da werden selbst die Großen und Alten: Großeltern, Väter und Mütter, werden sie alle wieder zu Kindern, zu großen Kindern, die die sorglose, ganze Seligkeit des Kindes in sich tragen.
An jedem Abend, Nacht für Nacht, ist zur Belohnung für des Tages schwere Last und Müh die japanische Stadt wie ein kleines oder großes Kinderzauberfest aufgeputzt: bunte Lampions, bunte, rote, blaue und grüne Lichter, wohin man sieht. Wohin das Auge blickt: bunte Tücher in hundert Farben, Fahnen, Laternen, Papierstreifen, die alle lustig im Winde wehen. Fratzen und lachende Reklamegesichter, Tiger und wilde Meerungeheuer, Göttergestalten und finster drohende Tempelhüter, nichts darf fehlen!
[Illustration: Jokohama. (S. 8)]
[Illustration: Die Bedienung des Mankahotels. (S. 11)]
[Illustration: Japaner in Jokohama. (S. 17)]
[Illustration: Riksha. (S. 15)]
Die bis tief in die Nacht hinein offen stehenden Kaufläden sind voll von Tausenden von Herrlichkeiten, eine ist schöner als die andere, die Kinderherzen dürfen jubeln, und gerade oft das Allerschönste und Reizendste ist für ein paar Heller auch von den Kleinsten der Kleinen zu erwerben.
Langsam schiebt sich die Menge dahin, langsam pilgere ich mit, vor jedem fliegenden oder stehenden Laden haltmachend, alle Basare durchwandernd und durchstöbernd; nie komme ich zurück, ohne eine Kleinigkeit erstanden zu haben.
Was sehe ich nicht sonst noch so unendlich viel, an dem ich mich erfreuen kann, ohne es gerade erwerben zu können oder zu wollen: alte Holz- und Bronzearbeiten, uralte Götterbilder, kostbarste und farbenprächtigste Seidengewänder und Stoffe. Dann all die Blumen und Zierbäume, von denen ich schon so viel gehört habe, daß sie mich von allem Anfang an schon wie alte, liebgewordene Bekannte anmuten wollen. Trotzdem staune ich, wenn ich sehe, wie so ein japanischer Gärtner mit ein paar winzigen Zwergbäumchen den Eindruck eines hohen Urwaldes oder eines ehrwürdigen Götterhaines hervorzurufen versteht, oder wie er aus ein paar Blümchen, niederen Grashalmen und einigen Steinchen einen großmächtigen Prunkgarten zusammengebaut hat.
Blumen und Bäume, Gärten und Wälder! Nur die Vögel fehlen darin! ...
Die Vogelhändler haben schon Schluß gemacht, gut für die kleinen gefiederten Gefangenen, die nun Ruhe haben, schlecht für das Ganze des Festes.
Denn ich vermisse sie nur ungern, die hübschen, immer hinter den weißen Holzgitterstäben sitzenden und trotzdem immer vergnügt plaudernden und zwitschernden Gesellen, schon allein wegen ihrer Farbenpracht müßten auch sie da sein. Das glänzt und schimmert in allen erdenklichen Tönen, vom hellsten Weiß bis zum tiefsten Schwarz; alle Abstufungen und Übergänge, alle Mischfarben sind gegeben, und manche der fremdländischen Südlandvögel sind bunt getupft und gesprenkelt wie unsere heimischen Salme und Forellen.
Aber sie schlafen und nur die in einem ganz winzigen Holzkäfig sitzende und zirpende Zikade versucht sie zu ersetzen, beteiligt sich, so laut sie nur kann, an dem lustigen Nachtkonzert.
Doch genug von all den tausend Dingen und Dingelchen. Wer das nicht selbst gesehen hat, dem ist das trotz längster, trotz der begeistertsten Schilderungen doch nie ganz klarzumachen.
Nun rasch zu den Jongleuren und Artisten. Selbst ganz schauerliche, indische Kunststücke werden mir vorgemacht.
Dann ins Theater. Die Japaner sind gute Schauspieler. Sie schließen Fernen und Weiten auf, vor denen wir, im Innersten gepackt, überrascht dastehen. Besonders der Ausdruck finsterer und leidenschaftlicher Regungen, von Schmerz und starkem Schrecken ist oft von unheimlicher Wirkung.
Jetzt die Geishas! Die kennt ja schon jeder und selbst der, dessen Länder- und Völkerkunde Note IV oder V verdient, weiß, daß es in Japan ein Fest der Kirschenblüte, weiß ferner, daß es dort „Geishas“ gibt, daß besagte Geishas tanzen und singen und im übrigen sehr nett und niedlich sind.
Nett und niedlich sind sie auch wirklich, besonders die ganz Kleinen -- die Elevinnen oder Schülerinnen -- ich weiß nicht genau, wie der kunstgerechte Ausdruck lautet --, die in ihrem mächtig großen Obi (Gürtel) und den Riesenblumen im Haar drollig und reizend zu gleicher Zeit aussehen.
Weniger nett und niedlich ist ihr Gesang und ihr Lautengeklimper. Mit den oft recht graziösen Tänzen wird man sich weit eher befreunden können. --
Wieder hinaus ins Freie.
Hell gleitet das Licht aus den im Winde leise zitternden Lampions, springt lustig auf die Straße, schlüpft in die engsten Gassen hinein. Breit bricht es aus den Basaren und großen Theatern heraus. Möchte es irgendwo, wo keine Häuser stehen, ein wenig dunkler werden, flugs sind dort auch wieder ein paar Gärtner mit ihren Blumen zur Stelle, ein Spielwarenverkäufer mit seinen Schätzen, ein Seidentuchhändler, ein Zikadenhausierer, und alle haben sie neben ihre Ware auf den Boden ein paar helle Lampen gestellt.
Nein! Das ist wahrhaftig nicht die regelmäßige, weithin übersehbare, recht brave und ordentliche, aber auch recht nüchterne und hausbackene Art der europäischen Beleuchtung! Da ein Licht und dort ein Licht; hier ein stolzer Strom, dort ein fahler Funke, fern da drüben, in weiter Nacht ersterbend, ein ängstlich flackerndes Irrlicht.
Selbst in den Lichtern, in Strahlenkronen, in Lampions, Lampen und Windlaternen steckt echter Künstlergeist. Unregelmäßig sind sie und doch einheitlich -- ein großes Ganzes -- eine Liliputwiederholung und -nachahmung von den Sternen des Himmels da droben.
Und jedes Licht, und mag es noch so klein und lebensbescheiden leuchten, bringt dem, der da recht hinsieht, eine neue, kleine Überraschung, ein neues Entzücken, eine neue Freude, bis man, müde von vieler Freude, todmüde von all dem Schauen, durch die allmählich stiller werdende Stadt den Heimweg antritt.
Aber selbst im Traume höre ich noch Geklapper von Holzsandalen, höre ich Lachen und Freudenlaute, höre die frohen Stimmen von all den kleinen und großen Kindern und sehe es blitzen und gleißen, funkeln und sprühen, sehe die tausend goldenen Lichter der japanischen Nacht! ...
4. Kreuz und quer durchs Land.
Auch ins grüne Land hinein zog ich mit Herrn Shibata, zog durch die Reisfelder und Wälder der Ebene, zog durch die Schluchten und Engtäler der Berge.
Habe ich mich müde gelaufen, lade ich mich in irgendeinem Dorf zur Nachtruhe.