Part 4
Es ist gewiß etwas Großes, etwas noch nie Dagewesenes, wenn ein Volk es fertig bringt, in wenig Jahrzehnten und ohne jede Revolution ein nach außen hin vollständig abgeschlossenes, mittelalterliches Feudalwesen in einen von allen Mächten anerkannten modernen Staat zu verwandeln. Daß die Japaner sich dieser Tat rühmen, daß sie stolz sind auf ihre Rasse und Kraft, ist selbstverständlich und sehr begreiflich. Aber dieser gute Stolz artete bereits vor so manchem Jahr in Überhebung, in Aufgeblasenheit aus. Der Japaner vergißt, daß er bis jetzt nur ein freilich ausnehmend geschickter Nachahmer westeuropäischer Werte und Dinge gewesen ist, daß er aber in dieser Hinsicht Selbständiges und Eigenes noch nicht geschaffen hat. Kluge und berechtigte Vorsicht wandelt sich häufig zu Mißtrauen und Spionenriecherei, gar zu gern wird auch mit List und Lüge gearbeitet. Den eidlichen Versicherungen eines japanischen Diplomaten wird man nicht leicht Glauben schenken dürfen, der japanische Kaufmann genießt bei seinen europäischen Kollegen keinen sehr guten Ruf. So kommt es, daß, während alle Touristen und Reisenden meist nur eine Stimme des Entzückens haben, all die Europäer, die in Japan lange zu leben gezwungen sind, sehr oft keineswegs begeistert von ihrem Aufenthalte und ihrer Umgebung sind.
Im Märchenland Nippon hat, gewiß nicht immer zum Vorteil des Landes, das nüchterne Europa seinen Einzug gehalten, hat da und dort bereits festen Fuß gefaßt. Schon erheben sich in der und jener Stadt rote Ziegelbauten und rußige Fabrikschlote, schon gibt es auch in Japan aus der rasch emporschießenden Industrie emporgewachsene, schwer zu lösende, soziale Fragen.
In den Hafenorten und Verkehrsmittelpunkten beginnen die Männer sich nach englischem Schnitt zu kleiden. Gottlob haben wenigstens die Frauen die ihnen herzlich schlecht zu Gesicht stehenden französischen Toiletten noch nicht angenommen, nur für die hoffähigen Damen ist europäisches Kleid vorgeschrieben. Ich wünsche der Japanerin auch nie, daß sie von ihrer jetzigen, hübschen und malerischen Tracht abgehen möge. Aber das kann man ihr von ganzem Herzen wünschen, daß ihre noch recht gedrückte und unfreie Stellung sich recht bald verbessern und heben möge. Sie würde es bei all ihren guten Eigenschaften wirklich verdienen! Hier könnte man den Japanern Nachahmung europäischer Sitte gewiß nur empfehlen.
Aber trotz dieses und jenes Schattens, den ich an Japan besonders gegen Ende meines Aufenthalts da und dort zu entdecken geglaubt, scheinen mir die Japaner als Volksgemeinschaft doch einer eingehenden Betrachtung und Beachtung wert zu sein. Abgesehen von ihren Künstlereigenschaften, ihrer Reinlichkeit, ihrer Naturliebe fällt ihr Patriotismus, ihr Rassegefühl und -bewußtsein auf. Auch die Ahnenverehrung des Japaners ist hier zu nennen. Unterstützt durch diesen Shintoismus, diesen Ahnen- und Naturkult, der neben einer Anzahl von Naturkräften die Kaiser und die hervorragenden Männer des Landes verehrt, baut sich auf ihr Familiensinn und Familientradition auf.
Was uns Deutsche anlangt, so liebte uns der Japaner längst vor dem Kriege schon nicht allzusehr. Der Friede von Shimonoseki nach dem Kriege mit China, bei dem wir Japan unnütz in die Arme fielen und es um die Früchte seiner Siege brachten, mag der Hauptgrund hierfür gewesen sein. Auch das von unsern Gegnern in Japan vielverbreitete Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ hat Schaden gestiftet. Ebenso die bei uns so häufig gebrauchte Bezeichnung als „gelbe Affen“. Durch solche Dinge wird weit mehr Unheil angerichtet als gemeiniglich geglaubt wird. Auch der Erwerb der Marianen und Karolinen, einer Inselwelt, die Japan vor der Türe lag, hat die Stimmung für uns nicht gerade verbessert. Noch mehr war dem Japaner lästig, daß wir uns in Kiautschou häuslich eingerichtet hatten. --
Zuneigung für uns Deutsche fand ich damals nur bei Leuten, die uns näher kannten, japanischen Offizieren, die längere Zeit bei uns gelebt und gelernt, bei Ärzten, bei Professoren, die ihre Studien in Deutschland gemacht hatten. -- Im übrigen war es England bereits gelungen, seinen Bundesgenossen in das deutschfeindliche Lager hinüberzubringen. --
* * * * *
So will ich denn fort aus Japan, will wieder hinaus auf die rauschende See.
Schon im Laufe des Sommers hatte ich neue Pläne geschmiedet und war in Tokio zu einer japanischen Segelschiffahrts-Gesellschaft gegangen, der Hiki South Trading Company, die ab und zu einen kleinen Segelschoner nach den Marianen laufen läßt. Dampferverkehr ist von Japan aus nach dieser Inselgruppe überhaupt keiner vorhanden. Die Schiffsgesellschaft erklärte sich auch bereit, mich mitzunehmen, aber so oft ich vorsprach und fragte, die Abreise des Seglers wurde von Woche zu Woche hinausgeschoben.
Da kommt mir plötzlich der Zufall, endlich einmal wieder ein günstiger, zu Hilfe. Ich höre von einem deutschen Kaufmann, der einen japanischen Segler gechartert haben und nach den Marianen fahren soll.
Es ist wirklich so! ... Schon habe ich den Kaufmann aufgestöbert, schon sind wir auch einig.
Erstaunt und erfreut begrüßt er mich als den allerersten Globetrotter, der seit undenklicher Zeit, jedenfalls aber seit den zehn Jahren, die er auf den Marianen lebt, den Boden Saipans betreten wird.
Freilich, auf seinem Schiffe wird ebenfalls japanisch gekocht werden. Dafür wird es aber sehr billig sein. Der Fahrpreis beträgt, die Verpflegung eingerechnet, 25 Yen = 50 Mark. Sein Schiff ist auch nicht größer als mein zuerst in Aussicht genommenes, es faßt ungefähr 180 Tonnen, und ist wohl auch nicht besser. Keine Versicherungsgesellschaft nimmt diese kleinen japanischen Schoner auf. Acht Matrosen, Steuermann und Kapitän, sämtlich Japaner, er und ich, mit der heiligen Glückszahl „12“ werden wir auslaufen.
Aber mein Mundwerk braucht nicht vollständig einzurosten, und vor Saipan, der Hauptinsel der Marianen, werden wir noch an einigen andern ganz weltvergessenen Inseln anlegen.
Am nächsten Tag besuchen wir unser Boot. Schlank, mit drei hohen Masten, liegt die Tora Maru, das „Tigerschiff“, ruhig auf der stillen Flut des Hafens.
Ich besehe mir meine Kammer, die ich mir erst mit ein paar Decken zur „Schlafkabine“ werde einrichten müssen. Aufrecht kann man darin nicht stehen, wird nicht ausgestreckt darin liegen können. Aber was tut das für die paar Nachtstunden? ... Am Tage werde ich in die Sonne sehen! ...
Schon am 15. November -- nein, das ist ein Freitag -- am 16. November 1 Uhr morgens, infolge dieses Schifferaberglaubens, stechen wir in See. Ich habe gerade noch Zeit, ein paar Weihnachts- und Neujahrsbriefe zu schreiben und muß leider auch auf die Ehre und Freude verzichten, den Kaiser, den Sohn des Himmels, bei dem demnächstigen Staats- und Hofchrysanthemenfest von Antlitz zu Antlitz schauen zu dürfen! ...
Aber allzu stark lockt mich wieder das Meer, locken die blauen Fernen. Auf zu fröhlicher Fahrt! -- --
10. Unter dem Sonnenbanner.
Lustig wehte die japanische Flagge, das Banner der feuerrot aufgehenden Sonne, von unserm Heck, als die „Tora Maru“, das schlanke, dreimastige Tigerschiff, an einem kühlen Novembermorgen langsam aus dem Hafen Jokohamas hinausglitt.
Doch der Wind war leider nur gerade stark genug, um den leichten Flaggenwimpel seelenvergnügt hin und her flattern zu lassen, viel zu schwach aber, um unsere drei großen und sieben kleinen Segel zu füllen. In einem erbärmlich traurigen Schneckentempo -- oft schien das Schiff überhaupt stille zu stehen -- schoben wir uns fast unmerklich vorwärts. Dazu ein grauer, trüber Herbsttag, so daß ich nicht einmal die Umrisse der hübschen grünen Bucht von Tokio zu erkennen vermochte, nichts als Nebel, Rauch und Dunst ringsumher.
Es war schon dunkle Nacht, als wir das freie Meer erreichten. Hier aber setzte endlich ein schärferer Nordost ein, und mit fröhlich und behäbig geblähten Segeln tanzte nun die Tora Maru vergnügt dem Süden zu.
Je tiefer wir in die See eindrangen, desto stärker wurde die Dünung, desto dichter der unaufhaltsam niederströmende Regen, desto finsterer die Nacht.
Bald konnte ich mich auf dem Deck vor lauter vom Himmel und von der See kommender Nässe nicht mehr halten, und da es zudem empfindlich kalt wurde, war es das beste, sich in die enge und niedere Koje zu verkriechen.
Geschlafen freilich habe ich in dieser ersten auf einem „Segler“ verbrachten Nacht nicht allzuviel. Beständig klatschten die übergehenden Wellen an die wohlverriegelte Fensterluke meiner auf Deck stehenden Koje; um mich, dicht neben mir und über mir wurde beständig von unsern Matrosen gearbeitet; Schoten wurden angeholt und losgelassen, Segel umgestellt, gerafft und eingeholt; Befehlsrufe ertönten; der laute, anfeuernde Wechselgesang der im Tauwerk und in den Masten hastig arbeitenden Matrosen wollte die ganze Nacht nicht verstummen, und zu alledem rauschten Wind und Wellen ständig ihr lautes, unruhvolles Lied.
Allmählich begann auch das Schiff immer stärker und stärker zu arbeiten. Es stampfte und rollte zu gleicher Zeit, und mit dumpf donnerndem Gruße klopften die Wogen dröhnend an seinen Rumpf. Links hin und rechts hin wurde ich auf meinem Lager gewälzt, bis ich endlich Kopf und Füße leidlich verstaut und gelernt hatte, mit den haltenden und sich anklammernden Händen das Gleichgewicht des Körpers richtig zu regeln.
Freilich, was ich alles Zerbrechliches an irdischen Gütern in meine Koje mitgebracht hatte, das rollte sehr bald, in hundert Scherben zerschlagen, auf dem Boden umher, und verschiedene Flüssigkeiten überzogen das ganze fahrende Hab und Gut mit bunter, phantastischer Farbenpracht. Aber was kümmert das einen in solchen Augenblicken des Reiselebens? ... Wenn man nur selbst heil und mit gesunden Gliedern auf seiner Schlafstätte sich zu behaupten weiß und den Kopf nicht allzu heftig an die Holzwände angedonnert bekommt. Mag sonst zerbrechen, mag spritzen, fließen und ausrinnen, was da nur will.
Bei Morgengrauen auf Deck! An Schlaf ist ja doch nicht zu denken. Das ist freilich, wie so manches im Leben und auf der Reise, auch einmal wieder leichter gedacht und gesagt als getan.
Kaum ist es mir mühsam und mit Aufbietung aller schon halb vergessenen und eingerosteten turnerischen Künste gelungen, mich aus der engen Koje herauszuwinden, so fliege ich im flottesten Riesenschwung aus der Kammer heraus, durch das an die Kammer anschließende Eßzimmerchen hindurch, um mit großem Radau, Lärm und Gepolter an der andern Wand zu landen, postwendend und glatt segele ich alsdann mit noch größerer Durchschnittsgeschwindigkeit und lauterem Anprall wieder in mein Kämmerlein zurück.
Nicht nur selbst und höchstpersönlich torkele und taumele ich so vollständig direktionslos im Raum herum, auch die gesamte andere Welt der Erscheinungen dreht und kreist beständig im tollsten Wirbeltanz umher. Vorsichtiger nun! Mich anklammernd, wo ich nur irgendeinen Halt finden kann, mich weiter ziehend und weiter schleppend, komme ich endlich doch, halb gehend und halb kriechend, glücklich auf Deck, um dort sofort wieder die triefende Reling in stürmische und innigste Umschlingung zu nehmen. Im nächsten Augenblick habe ich dies freilich schon wiederum bitterlich bereut, eine übergehende Welle hat mir ein kostenloses Morgenvollbad beschert. Ich schüttele mich, spucke das Salzwasser wieder aus und meine „Pfui Teufel!“ ...
Auch sonst sehe ich nicht allzu Erfreuliches! Sturm! ... Scharfer Nordoststurm! ... Wind und Wellen, Wasser und Regen, Nässe; Nässe von unten, Nässe von oben, Nässe von seitwärts; Nässe, wohin ich mich flüchte! Das ganze Deck ist eine einzige große, bald tiefere, bald seichtere Wasserlache, die ihren durch die Ablauflöcher weggehenden Feuchtigkeitsbestand sofort aus den neu einschlagenden Wellen ergänzt.
Einen recht netten, lieben Abschiedsgruß, den uns da das übellaunige Japan nachgeschickt hat! ...
Arme Tora Maru! Wie siehst du aus! ...
Wahrhaftig wie ein springender Tiger! Aber wie ein ganz arg und stark bezechter. Als ob das gute Tigerschiff sich zu seinen 180 Tonnen einen allerschwersten Sake-Abschiedstrunk von weiteren 180 Tonnen geleistet hätte. Ostwärts und westwärts schwankt der Bug, steigt hoch hinauf in die Lüfte und zeichnet dort die absonderlichsten und possierlichsten Linien, beschreibt die wunderlichsten Kurven, malt die abenteuerlichsten Ornamente, bis er endlich nach langer, zielloser Höhenrundreise und -irrfahrt sich wieder dazu bequemt, in der ihm vom Steuer vorgeschriebenen südlichen Richtung schwer, widerwillig und widerspenstig in die zischende Flut niederzuplatschen und einzustampfen.
Schiefes Schiff und schiefe Masten! Schiefer Wasserspiegel und schiefer Horizont! Schiefe, grundschiefe Ebenen und Flächen nach allen Seiten, ob man hinauf oder hinab, nah oder weit sieht! ... Hexenkessel! ... Hexenschaukel! ... Abscheulicher, schwindelig machender Hexentanz! ...
Und das Schiff! Wie das keucht! Wie das stöhnt! Wie es schon müde, todmüde zu sein scheint von dem wilden, tollen Reigen, wie es Ruhe haben möchte und doch immer wieder von neuer Woge zu neuem Tanze geholt und geladen wird. Und der sausende Sturm spielt im Takelwerk dazu sein Liedlein auf. Alle wärmenden Hüllen haben sie der Tänzerin weggenommen. Nackt tanzt sie im kalten Winde einher! Alle Segel sind eingeholt und festgemacht, alle neun, Groß- und Besansegel, Vorstagsegel und die drei Jib- und die drei Topsegel, nur das zehnte, das Vorsegel, bläht sich noch ächzend und stöhnend im Winde.
Rasch zurück zum Steuer! Dort ist noch der trockenste und behaglichste Platz.
Hier sehe ich erst so ganz richtig, wie sich das alles windet und wiegt, wie das stöhnt und stampft, ächzt, schnaubt und kreischt, wie gewaltig der Bug in die Höhe emporbäumt.
Nun sind wir ganz oben auf einem breiten Wogenkamme, nun zu allertiefst im Tale. Hoch über uns die schäumenden, tosenden Wasser. Da rollt es heran, schwarz und finster und brausend, da schwillt es an und bläht sich auf, türmt sich empor mit schaumgekrönten, weißen Spitzen und Brechern, wird zum Hügel, wird zur steilen Klippe, die aus der Höhe herunterdonnert, im nächsten Augenblick müssen Reling und Kojen, Segel und Masten, Steuer und Kompaß von der mächtigen See zertrümmert und weggefegt sein. Aber nur ein dicker, schwerer Wogenschwall der anstürmenden Hochflut ist dumpf krachend auf das Deck herniedergeprasselt, und auf den breiten, gewaltigen Rücken der bedrohenden Woge selbst hat sich mit raschem, katzenartigem Sprung Tora Maru, das schlanke, behende Tigerschiff, gesetzt, drückt und preßt sie, selbst hoch aufsteigend, unter sich und seinen Leib, zerfleischt und zerfetzt sie, daß der weiße Schaum und Gischt, rinnendes Lebensblut der Welle, nach allen Seiten zischend verspritzt. So ergeht es Welle nach Welle, stundenlanger, tagelanger Kampf! ...
Der Steuermann -- erst neunzehn oder zwanzig Jahre ist er alt --, ein schmal und lang gewachsener Japaner, ist wachsgelb wie ein Toter. Und neben ihm der ganz kleine, untersetzte Kapitän kann kaum mehr aus seinen winzigen Schlitzäuglein heraussehen und hat tiefe, schwarze Ringe um die Augen.
„~Atama itai!~“ meint er, mit einem schmerzlichen Lächeln auf seine Stirn weisend. „Kopfweh!“
„~Atama itai!~“ „Kopfweh!“ -- Ja, das haben wir, Kopfweh und noch mehr, bis auf eine oder die andere Ausnahme wohl alle. Außer dem Kapitän und dem Steuermann sind auch noch vier von unsern acht Matrosen regelrecht und schwer seekrank.
Aber trotz aller Seekrankheit finden wir uns doch beim Mittagstisch. Der sieht freilich nicht allzu einladend aus. Die „Schlingerleisten“ konnten es nicht verhindern, daß schon vor Beginn der Mahlzeit mehr auf und unter dem Tische als in den Tassen und Tellern schwimmt und verschiedenstes Geschirr zerbrochen auf dem Boden umherkollert. Als ich zudem nur gebratene Lotos- und Klettenwurzeln, getrocknetes Seegras und dergleichen vegetarische Herrlichkeiten mehr erblicke, als mir außerdem noch der scharfe durchdringende Geruch eines großen aufgeschnittenen Rettichs und verschiedener anderer stark duftender japanischer Delikatessen bös und verdächtig in die Nase steigen will, schüttle ich traurig den Kopf und ziehe mich hungrig und betrübt in meine Koje zurück.
Das ist überhaupt das Allerbeste und Klügste, was ich in den nächsten Tagen beginnen kann: brav in der Koje, möglichst gut verankert, liegenbleiben; versuchen, Sturm, Regen und Seegang zu verschlafen und hoffen, daß es bald anders werde.
Leider wurde es mit Ausnahme von ein paar wenig besseren Tagen im großen und ganzen nie anders, die lange, lange Fahrt begann und endete stürmisch.
Kaum daß es je so war, daß man ruhig sitzen konnte, ohne sich anzuhalten; daß man friedlich sein frugales Mittag- und Abendmahl zu sich nehmen konnte; daß man gehen konnte, ohne umzufallen, liegen konnte, ohne energisch hin und her geworfen zu werden. Manche Beule, manchen Riß und manche Schramme trug ich aus dem Wogengefecht davon, und am Schlusse der Fahrt war ich dermaßen mit ehrenvollen Narben übersät, als ob ich eine solenne oberbayrische Kirchweihkeilerei aktiv und besonders passiv von Anfang bis zu Ende mitgemacht hätte.
Sehr schlimm war’s in der Höhe der Bonininseln. Dort hatte acht Tage vorher ein Taifun gewütet, hatte die ganze Ernte vernichtet und sogar einen großen Teil der Steinhäuser niedergerissen. Während unsere Segel in einer zweitägigen Windstille schlaff um die Masten klapperten, wurden wir herumgeworfen wie kaum im Sturm des ersten Tages.
Die schlimmste und unruhigste Fahrt, die er je nach den Marianen gehabt, meinte unser Kapitän.
Ich weiß ja nicht, ob das der kleine Japaner nicht vielleicht nach jeder Fahrt behauptet, aber jedenfalls war die Fahrt für eine „Landratte“ vollkommen bewegungsreich genug. Dabei war ich zu vollständiger Untätigkeit verdammt. An Schreiben war nicht zu denken, aber auch das eben aufgeschlagene Buch klappte ich nach einer Viertelstunde, müde des tollen Wirbeltanzes der Buchstaben, gern wieder zu.
Der „Stille“ Ozean! Für den westlichen, sturm- und strömungsreichen Teil des Pazifik stimmt diese Bezeichnung weiß Gott nie und nimmer.
„Still“ freilich in dem Sinne, daß er ganz welt- und menschenverlassen ist, das ist er wohl sicherlich. Rings unendliche, grenzenlose Meereseinsamkeit. Kein Gedanke, daß man einem andern Schiffe begegnen könnte! In der dunkelsten, finstersten Nacht, bei schärfster Fahrt denken sie gar nicht daran, eine einzige Laterne zu entzünden. Ist wider die Vorschriften. Wenn man aber die Leute fragt, ob sie nicht einen Zusammenstoß befürchten, dann lächeln sie nur. Jahr und Tag könnte man hier herumfahren, einem andern Schiff würde man doch nie und nimmer begegnen.
Durch den hohen Seegang scheint auch im Meere alles tot und erstorben zu sein: kein Wal, kein stürmisch jagender Thunfisch, kein lustig mitziehender Delphin. Ein einziges Mal, daß ein hungriger Hai im weiten, scheuen Bogen unser Schiff umkreist. Sonst tote, leblose, ewige Wasserwüste ringsum.
Und doch! trotz aller bösen See, wie unendlich viel Schönes bietet eine solche Segelfahrt!
Der Dampfer, das ist der Sieg des Menschen über die Natur. Was kümmern einen die Windstillen, was kümmert einen da selbst der Sturm. Wenn nicht etwas ganz Unvorhergesehenes eintritt, durchfährt man ihn ruhig.
Auf dem Segler, da ist man wohl nicht Bezwinger und Herr, aber man ist, man wird, und das ist das Schöne daran, ganz Freund, enger Freund der Natur.
Nichts, was einen davon ablenkt, was einen Mißton, etwas Fremdes hereintragen könnte. Kein Maschinenlärm und Kohlenstaub, kein Ölgeruch, keine Eisenplatten und Stahlkonstruktionen, keine Herren im Smoking und Damen in Gesellschaftstoiletten, keine langatmigen Diners und Soupers, keine Kellner und Stewards, nichts von dem ganzen Hotelbetrieb des großen Passagierdampfers, man ist allein mit den einfachen Seeleuten, ist einziger Fahrgast; Fahrgast auf einem leichten, kunstvoll gefügten Holzwerk, das fast lautlos über die Flut dahinrauscht. Ein mittelalterliches, nein, ein ganz uraltes Ding, wie es so oder doch ganz ähnlich schon vor Tausenden von Jahren das Wasser durchfurcht hat. Und ganz nahe ist man diesem Wasser, man kann es fast mit den Händen greifen.
Aller Vorgänge auf dem Meere lernt man achten, lernt alle Zeichen am Himmel sehen und deuten; die grauen Nebel, die dort im Norden brauen, können die Vorboten des ersehnten guten Windes sein. Die Wolken, die sich im Süden auftürmen und finster zusammenballen, können uns schon in einer Stunde den nächsten Sturm gebracht haben.
Einsamkeiten und Riesenweiten des Meeres, Ewigkeitsfernen des Alls reden mit uns zu jeder Stunde. Frei geht der Blick in ungemessenen Raum!
Aus den Weiten kommt er wieder zum Nahen, schweift nach Osten und schweift nach Westen. Dort drüben im Osten, wenn einmal ein klarer Tag aufsteigen will, Sonnenaufgänge von einer unendlich keuschen und stillen Pracht. Kein Laut, als das Rauschen der emporsteigenden Flut grüßt das aufgehende Tagesgestirn.
Wenn es abends wieder niedertaucht ins Meer, schimmert ihm noch lange eine leuchtende Farbenorgie von schwarzen und goldenen, blaßrosa und lila, lichtblauen und tiefsamtblauen Tönen, ein bei uns nie gesehener Farben- und Feuerzauber nach. Zu unserer Rechten leuchtet das Meer noch in rotgoldgrünem Abendglanz; zu unserer Linken, drüben im Osten, ist zu gleicher Zeit schon der Mond aufgestiegen, glutrot wie ein arbeitender Vulkan, das Haupt unheildrohend und finster von schwarzem Dunstgewölk umhüllt. Höher steigt er und wandelt sein Glutrot in lachendes Gold -- golden erschimmert die Flut. Weiter klimmt er empor, silbern wird nun sein Gewand. Er breitet sein leuchtendes Kleid über die rollende See, ihr Ruhe und Frieden gebietend. Da werden die Wellen, die Wogen ganz still, flüstern und lispeln nur mehr ganz leise, rings schlafende, träumende Silbersee.
Und schneeweiß und silbern, ein stummer, glänzender Schwan, gleitet das Schiff mit weitausgebreiteten, leuchtenden Schwingen lautlos durch silberschäumende Flut, gleitet dahin durch weichmilde Tropennacht, dahin unter Sternen und nie zu lösenden Fragen des Firmamentes und über unerforschte Rätsel tiefster Meeresgründe, gleitet südwärts, immer südwärts, unter dem Sonnenbanner der Sonne zu, entgegen dem in weiter Ferne vor uns lockend aufleuchtenden, uns herrlich den Weg weisenden Kreuze des Südens.
[Illustration: Kindertheater. (S. 42)]
[Illustration: Der Festzug. (S. 40)]
[Illustration: Uferpartie bei Enoshima. (S. 26)]
[Illustration: Inlandsee. (S. 45)]
Eine einzige solche Mondscheinnacht macht wochenlange Strapazen wett, so schön ist sie. Man hat alles vergessen, hat vergessen, daß man in Kammern und Kojen des Schiffes nicht aufrecht stehen, nicht ausgestreckt liegen kann, daß man schon tage- und tagelang von nicht viel mehr als von ein paar Handvoll Reis gelebt hat, daß man ... nein, man weiß das alles schon nicht mehr, weiß nur mehr, daß eine ganz einzige Pracht ringsum gebreitet ist.
Während der Mann am Steuer leise ein kleines japanisches Lied vor sich hinsummt, träume ich neben ihm auf dem Boden liegend, hinaus in die stille Mondnacht, träume und träume! ...
Doch plötzlich, vom Bug des Schiffes her, ein lauter, durchdringender Schrei, der grell die Nacht durchgellt.
Nun ein Gebrüll der sämtlichen Matrosen, und, dieses übertönend, ein lautes, mit hoher Stimme gegebenes Kommando des Kapitäns. Mit schlaffen Segeln treibt das Schiff schon nur mehr langsam vor dem Winde. Erschrocken fahre ich auf und stürze -- ich denke an die Petroleumfässer, welche die Tora Maru geladen hat und an Feuersgefahr --, so rasch ich kann, nach vorne.
Die ganze Schiffsbesatzung lehnt dort an der Reling, gespannt sich hinüberbeugend.
Gottlob, kein Brand und kein Leck und nichts Böses. Ein schwerer, wohl sechs Fuß langer Delphin, der von einem der Matrosen harpuniert wurde, tobt da unten herum, schnaubt und pustet mächtig im Wasser herum, geht tief, kommt wieder empor und peitscht aufgeregt die Flut.
Ein langer, aufregender Kampf. Der Mond ist von einer Wolke überdeckt, man sieht kaum und kann das kräftige Tier nicht richtig führen. Es gelingt ihm, ganz tief und unter das Schiff zu gehen und dort am Kiel die Harpune, die wohl nur leicht in der Haut saß, abzustreifen.
Plötzlich ist die vorher fast überspannte Leine leicht und leer geworden und wird von den betrübten Matrosen mit langen Gesichtern eingeholt. Sie hatten sich schon auf den fetten Festbraten gefreut. Selbst den Hai verzehren die japanischen Matrosen mit größter Begeisterung. Und sehr viel schlechter und ungenießbarer als die sonstige japanische Schiffskost kann auch ein Haifisch nicht sein!
11. Agrigan.
Am nächsten Tage nach dem verunglückten Delphinfang bekommen wir, ganz in der Ferne, die zweitnördlichste Marianeninsel zu Gesicht. Sie ist ein in der See halb versunkener Vulkankrater. Als „Urakas“ wird diese Insel gewöhnlich auf den Seekarten geführt.
Kurz nach Urakas laufen wir an einer andern Insel vorbei, dem von einer hohen, unruhigen See umspülten grünen Vulkaneiland Assumption (richtige Benennung: „Assongsong“). Beide Inseln sind unbewohnt und außer zahlreichen Seevögeln ist dort wohl auch wenig Tierleben zu finden.
Am nächsten Tage werfen wir vor der Insel „Agrigan“ Anker. Leider landen wir nicht in der erhofften, frohen Stimmung. Schon von ferne fielen die fahlen, gelben Grundtöne der Insel auf, und als wir näher kamen, sahen wir nichts als Verheerung und Zerstörung; geknickte, ihrer Blätter und Früchte vollständig beraubte Kokosnußpalmen, nicht in ihrem sonstigen saftigen Grün freundlich und lachend herüberleuchtend, alle gelb, welk und krank herschauend und viele der ganzen Länge nach auf den Boden hingemäht.
Der deutsche Kaufmann, der die Tora Maru gechartert hatte, hatte mit noch einem Teilhaber vier Marianeninseln, darunter auch Agrigan, vom Deutschen Reiche behufs Kopragewinnung gepachtet. Kopra nennt man die getrockneten Kerne der Kokosnuß, die nach Europa verkauft werden, wo Kokosnußöl und aus den Rückständen Viehfutter daraus gewonnen wird. Außer zwei eigenen Segelschiffen, die im Taifun ihm verlorengegangen waren, hatte ihm dieser bereits zwei Inseln im letzten Jahre vollständig zerstört, nun war die dritte ebenfalls zugrunde gegangen.