Part 8
Die Insel Korror selbst nun ist in dem Teil, wo der Stationsleiter dicht über dem Meer sein Haus hat, wenig schön. Neben dem Haus beginnt ein verschiedene Kilometer langes und kahles Hochplateau. Aus der roten Erde wächst Gestrüpp und Unkraut, und tagsüber liegt heiß und schwer die Sonne darauf. Der Stationsleiter hat diesen Platz wohl deshalb gewählt, weil er von dort einen guten Überblick auf die nächstgelegenen Inseln hat und weil die Lage sicherlich sehr gesund ist. Der Seewind hat hier stets Einlaß und vertreibt die Schwüle; nichts auch von der dumpfen Feuchtigkeit, die überall unter den hohen, schweren Kronen der Tropenbäume sich entwickelt. Das kahle, öde Hochplateau wurde damals durch die Strafgefangenen aufgeforstet und wird sich inzwischen viel freundlicher gestaltet haben. --
Nach Durchquerung der sonnigen Ebene erschließt sich ein hochstämmiger und dunkelschattiger Tropenwald. Mitten darin Dorf Korror, wo zwei Kapuzinerpatres -- außer dem Stationsleiter die zwei einzigen Weißen der Insel -- Kirche, Schule und Kloster haben. In Korror wohnt auch der alte König der Insel. Ururalt ist er, kann nur mehr mühsam humpeln und leidet unter verschiedenen Gebrechen. Nur die Augen blicken noch ganz klug und klar aus dem von einem gelbweißen Barte umrahmten, braunen Gesichte heraus.
In Korror bekam ich auch die ersten Klub- und Versammlungshäuser zu sehen. Ich war von ihrer großzügigen Anlage, von der schönen Harmonie ihrer Raum- und Maßverhältnisse vollkommen überrascht. Hochgiebelig und langgestreckt erheben sie sich auf schweren, starken Holzstützen. Die Front und auch oft die Seitenwände, ebenso Stützen und Tragbalken des Innern sind mit Ornamenten und Malereien übersät, mit seltsamen und buntfarbigen, manchmal an altägyptische oder assyrische Linienführung erinnernden Darstellungen in Bilderschrift aus Sage und Geschichte, Seefahrt und Krieg, Jagd, Fischerei und häuslichem Leben. Ab und zu auch an der Front einige noch etwas ungefüg gearbeitete Holzschnitzereien, meist Mädchen darstellend.
Türen sind keine vorhanden. Die rechteckig ausgeschnittenen, kleinen Eingangslöcher liegen in ziemlicher Höhe. In die senkrechten Stützbalken sind Stufen eingearbeitet, die ein Emporklettern ermöglichen. Dann eine kleine Bauchwelle und man ist ins Innere gelangt, das stets aus einer einzigen, hohen und riesengroßen, vornehm wirkenden Halle besteht.
In diesen schönen Klubhäusern hocken die Eingeborenen, kauen bedächtig ihre Betelnuß, rauchen, schwatzen, lügen und prahlen, lassen, um den neidischen Nachbar ein wenig zu ärgern, ein besonders wertvolles Geldstück im Kreise herumgehen, eines dieser hier großen Wert besitzenden, unreinen Glasstückchen, oder irgendeinen terrakottaähnlichen, wohl auch uralten Scherben. Ihr Ursprung und ihre Herkunft sind noch nicht völlig geklärt, nur das ist jedenfalls sicher, daß sie zu ihrer Herstellung eine höhere Stufe der Kultur und Technik erforderten, als sie je auf diesen Inseln gewesen. Wahrscheinlich wurden sie in grauer Vorzeit von seefahrenden Japanern oder Chinesen auf die Inseln gebracht.
Es hat auch nicht an findigen Matrosen gefehlt, die sich ähnliche unreine Glasstücke zu verschaffen gewußt und damit reiche Leute zu werden hofften. Denn oft ist schon für ein einziges dieser Glasstückchen die Kopraernte oder der Schildpattertrag eines ganzen Jahres, sind drei oder vier Häuser zu kaufen. Aber die Eingeborenen waren noch klüger als die schlauen Matrosen. Sie erkannten sofort den Betrug und nun laufen diese später eingeführten Glasstücke als sogenanntes „falsches Geld“, das recht gering bewertet ist, im Verkehr weiter.
Aber dieses „Glasgeld“ ist nicht das einzige, was auf den Palauinseln, was auf den andern Karolineninseln noch ungeklärt ist.
Da ist -- um eines all dieser noch der Lösung harrenden Dinge zu erwähnen -- der Ursprung und die Herkunft der Palauinsulaner, wie der aller Karoliner und Mikronesier noch ziemlich unerforscht. Verschiedene Ansichten laufen da durcheinander. Früher glaubte man ihre Heimat in Amerika suchen zu müssen. Und darüber ist ja kein Zweifel, daß ein Mikronesier und beispielsweise ein mexikanischer Indianer eine gewisse Ähnlichkeit miteinander haben. Beide sind mittelgroß, schlank, brauner Hautfarbe und schwarzhaarig. Auch gewisse Charaktereigenschaften haben sie gemeinsam, vor allem ein ziemlich entwickeltes Phlegma. Dennoch steht es heute wohl so ziemlich fest, daß die Mikronesier ein ursprünglich von Westen gekommener, malaiischer Stamm sind, der sich im Laufe der Zeiten mit Polynesiern und Melanesiern stark vermischt hat. Aber das „wie“ und das „wann“ ist noch lange nicht erforscht, wird sich überhaupt vielleicht nie mehr nachweisen lassen.
Schon die Bewohner einzelner benachbarter Inseln -- so zum Beispiel Jap- und Palauleute -- weisen in ihrer äußeren Erscheinung gewisse Unterschiede auf. Ja -- selbst die Eingeborenen einer einzigen Insel sind sich oft ganz und gar unähnlich. Da gibt es tiefbraune, hellbraune, fast gelbe Färbungen, da gibt es hochgewachsene und kräftige, kleine und schmächtige Menschen. Mitten dazwischen -- gar nicht so selten -- ein brauner Insulaner von ausgesprochenstem semitischem Typus. Wie kommt dieser semitische Einschlag hierher? Er ist auf Jap, ist auf Tobi und Sonserol, ist auf Palau zu finden. Vielleicht durch Blutmischung auf dem Wege über südlichere Inseln, über die Molukken, wo dieser semitische Typus zahlreicher anzutreffen ist. Denn es ist wohl kaum anzunehmen, daß Phönizier, daß Araber selbst einmal in grauer Vorzeit auf die mikronesischen Inseln kamen. Man hat ja in verschiedenen Glasgeldstückchen der Palauinseln arabische Zeichen zu entdecken vermeint. Aber wenn dem auch so ist, so kann dies Geldstückchen doch lange von Insel zu Insel gewandert sein, bis es einmal in Korror oder Babeltaob gelandet ist.
Auch die Religion der Eingeborenen zu erforschen, wäre nicht uninteressant. Freilich müßte man hierzu lange hier leben, die Sprache erlernen und sich da und dort gute, sichere und wahrheitsliebende Freunde erwerben. Denn wenn der mit den Insulanern wenig bekannte Europäer nach diesen Dingen fragt, wird er von den mißtrauischen Eingeborenen recht leicht angelogen. Eine allerhöchste Gottheit wird allgemein angenommen. Unter ihr und neben ihr alle möglichen andern Götter und Geister -- in Jap beispielsweise ein Kriegs- und ein Donnergott --, außerdem haben aber auch Dorf und Tal, Busch und Bäume, Bach und See ihre eigenen Schutzgeister. Es ist das alles ganz ähnlich wie im japanischen Shintoismus. Wer weiß, ob nicht diese religiösen Ideen in Urzeiten von Malaien sowohl nach Japan wie auf diese weltverlorenen Südseeinseln gebracht wurden.
Auf den Palauinseln schien mir der Geisterglaube noch mehr wie auf Jap ausgebildet zu sein, denn in so manchem Dorf sah ich ein kleines, nicht bewohntes Holzhäuschen stehen, und auf meine Frage, wem es gehöre und was damit sei, vernahm ich, daß es irgendeinem Geist oder einer Gottheit geweiht sei.
Eigentümlicherweise finden sich in der Religionslehre der oder jener Insel entschiedene Anklänge an die christliche Legende, an die Sintflut, an die Hölle, an die Erlösung. Wohl wahrscheinlich, daß da und dort, wie auf den Marianen, schon in früheren Jahrhunderten Missionare tätig gewesen sind. Es verlautet freilich nichts mehr davon -- aber vielleicht dürfen wir doch in diesen Annäherungen an biblische Erzählungen Nachwirkungen ihrer Bekehrungsversuche sehen.
Über die Entstehung der mikronesischen Inselwelt selbst, um auch dies zu streifen, gibt es verschiedene Theorien.
Die einen sagen, diese Inseln seien durch vulkanische Ausbrüche entstanden, die andern halten sie für die letzten, die höchsten Reste eines früheren Festlandes; beides wohl möglich.
Aber gleichzeitig kommt in der Südsee doch auch die beständige Korallenbildung sehr in Betracht, so daß manche niedere Insel ihre Entstehung als solche hauptsächlich dieser verdankt. Auf irgendeinem unterseeischen Berge hat sich die Koralle festgesetzt, baut in nimmermüder Arbeit höher und höher, baut bis zum Meeresspiegel herauf. Sturm und Brandung werfen abgestorbene Korallenstücke auf die oberste Schicht, und langsam, ganz allmählich taucht aus der Flut eine kleine Insel, ein Atoll. Samen aller Art treibt an, ein bißchen Erdreich bildet sich, und eines Tages grüßt die erste grüne Palme auf das blaue Meer hinaus.
Die Korallenriffe bedeuten selbstverständlich, solange sie über die Wasserfläche nicht herausragen, die allergrößte Gefahr für die Schiffahrt. Gerade in der Südsee hört man so oft von Schiffen, die völlig spurlos verschwinden. Da ist dann entweder das Schiff einem Taifun zum Opfer gefallen, oder es ist auf irgendein unbekanntes und nicht sichtbares Riff aufgefahren, ist leck geworden und gesunken.
Ganz nahe bei Korror -- nur zwanzig Minuten mit dem Kanoe zu fahren -- liegt die Insel Malakal, auf der zwei japanische Händler tätig sind. Sie haben sich Haus und Hof, wie das die Japaner meist tun, sehr praktisch angelegt, sehr nett und gemütlich eingerichtet. Verschiedene Japaner und Palauleute stehen in ihren Diensten -- aber auch ein früherer deutscher Matrose, der vor Jahren auf den Palauinseln hängengeblieben ist. Er hat es jedoch mit nichts vorwärtsgebracht, bis er schließlich als Fischer von den japanischen Kaufleuten angestellt wurde.
Mit einem dieser Japaner, namens Fujikawa, trat ich in näheren Verkehr. Es war ein recht gebildeter, junger Mann mit guten Manieren und in fast allen Dingen äußerst geschickt. Meinen -- ich weiß gar nicht, zum wievielten Male -- gänzlich zusammengebrochenen „Tropenapparat“ flickte er mir immer von neuem so zurecht, daß ich einige Tage damit wieder photographieren konnte. Zum Dank hierfür schenkte ich ihm meine Aquarellfarben und ein kleines Skizzenbuch. Schon zwei Tage später bekam ich dieses wieder zurück, ausgefüllt mit hübschen Malereien von der Hand meines Freundes Fujikawa.
Sonst befindet sich in der Nähe der Insel Korror kein Kaufmann und Händler, weder ein Europäer noch ein Japaner, den man besuchen könnte.
Ringsum allergrößte Berg- und Meereseinsamkeit, eine Stille, in die nur das Wogen und Branden der Wellen hineinklingt. Viel Schönheit ist überall gestreut. Da sind in der kraus verschlungenen Inselwelt langgestreckte Meeresarme, aus denen die Berge hoch und steil, senkrecht sich emporbauen; tief, tief grün sind sie und oft ganz glatt geebnet wie irgendein geschützter, norwegischer Fjord. Da sind entzückende kleine Buchten, Höhlen und Grotten, blau oft wie die von Capri oder klar kristallgrün wie ein heimischer Gebirgssee. Weiter draußen flutet das freie Meer, mit frischem, starkem Wellenschlage sich zwischen die Inseln hereindrängend.
Ganz herrlich ist das alles besonders bei Sonnenuntergang. Da sind Färbungen, wie ich sie noch nie und nirgends gesehen. Da ist manchmal ein tiefes und sattes, noch lang in die sinkende Nacht hineinstrahlendes Blau, da sind heißrote und starkgelbe, breit aufgetragene Tinten, und all diese Töne sind von einer ganz seltenen, leuchtenden Reinheit.
Je öfter ich im schwanken Kanoe diese wundersame Inselwelt durchfuhr, desto mehr gewann ich sie lieb.
Bei all diesen Fahrten hängt, wie schon einmal gestreift, meist die Schleppleine hinaus, welche die Insulaner ganz ähnlich wie unsere Fischer gebrauchen. Nur ist die Leine länger und stärker, die Haken sind größer und kräftiger. Trotzdem sprengen die ganz gewaltigen Fischriesen mit einem Ruck manchmal Leine und Haken. Als Köder dient ein toter, frischer Fisch oder ein künstliches Fischchen, das die Karoliner sehr geschickt aus weißen und rosa Muscheln oder aus Schildpatt sich zurechtzuschneiden verstehen. Ist aber gerade gar nichts anderes zur Hand, so befestigen sie rasch am Haken ein weißliches, lang und schmal geformtes Pandanus- oder Drazänenblatt, das durch die rasche Vorwärtsbewegung des Kanoes ganz das Aussehen eines eilig dahinschwimmenden Fisches erhält.
Auch mit der Angelgerte habe ich Erfolge erzielt. Manchmal baute Otto mit einigen seiner Getreuen aus Bambusstäben eine große Fischfalle, in der die Meeresbewohner bei Ebbe zurückblieben. Aus dem dann nur etwa einen Meter tiefen Seichtwasser holten wir, auf den Bambusstäben sitzend, die Fische mit dem Speer heraus, und das Ergebnis war besonders in den ersten Tagen stets sehr reichlich. Abgesehen von verschiedenen schweren Haien befanden sich auch stets eine ganze Menge großer, guter und eßbarer Schuppentiere in der Falle.
Hundert Arten von Fischen bevölkern die kristallklare Flut, und fast alle sind sie von einer bei uns nicht gekannten Farbenpracht, die vom glühendsten Purpurrot und leuchtendsten Sammetblau, vom allertiefsten Schwarz und sattesten Braun in die lichtesten und allerduftigsten, in zartgelbe und mattgrüne, in weichrosa, mildviolette und perlmutterartige Töne hinüberspielt, oft nur ganz leise und leicht, wie ein schon verblassender und ersterbender Schimmerhauch aufgetragen.
Dazu eine kühne Verwegenheit und phantastische Abenteuerlichkeit der Form: Fische mit gekrümmten, harten Papageienschnäbeln, Fische mit großen Katzen- oder Eulenaugen, Fische wie Igel, rings mit Stacheln besät, mit spitzen und gefährlichen Dolchen und Schwertern bewehrt, oder auch ganz drollige Kumpane, die sich in der Tiefe kugelrund mit Wasser und Luft aufgeblasen haben, ans Tageslicht befördert aber wie ein lebensmüder Kinder-Kirchweihfestballon allmählich auslaufen und jämmerlich zusammenklappen.
Sehr schön und farbenprächtig sind vor allem verschiedene Barscharten, sehr häßlich die Haie mit ihrem breiten Kopf und den tückischen, winzigen Augen, der ganze böse Kumpan in ein schmutziges Gelbgrün gekleidet.
Die Insulaner fürchten ihn übrigens weit weniger als den Seehecht mit seinem bösen Gebiß. Auch der Hornhecht kann durch seinen nadelspitzen Dolch gefährlich werden, besonders des Nachts beim Fischen mit der Fackel. Da springt er -- ganz ähnlich wie der fliegende Fisch -- nach dem über der Flut zitternden Lichte in weitem, langgestrecktem Bogen aus dem Wasser heraus, und wenn er dabei auf einen braunen, nackten Insulaner stößt, so dringt durch die Wucht des Anstoßes sein Dolch tief ein. Ich habe da böse Schrammen und Narben gesehen, die ganz nach einer Verwundung durch ein modernes Geschoß ausschauten.
20. Auf Babeltaob.
Von Stationsleiter Winkler und meinem Freunde Fujikawa hörte ich eines Tages, daß am nächsten Morgen in aller Frühe ein Boot nach der auf der Insel Babeltaob befindlichen japanischen Handelsniederlassung abgehen sollte.
Ich beschloß mitzufahren, und am andern Morgen saß ich mit Otto im Boote der Japaner. Auf vier bis fünf Stunden war die Fahrt veranschlagt; wir hatten aber scharfen Gegenwind, mußten beständig kreuzen und kamen erst nach zwölfstündiger Reise, schon in dunkler Nacht, an unserm Ziele an. Otto briet noch rasch einen während der Fahrt gefangenen Seehecht. Dann übernachteten wir auf dem Fußboden in der höchst einfach eingerichteten, japanischen Handelsstation.
Am andern Morgen fuhren wir nordwärts weiter, landeten bei einem früheren, nun nicht mehr bewohnten spanischen Missionshaus und traten von dort aus den Weg nach dem auf der Höhe gelegenen, mir als Wohnort empfohlenen Walddorf Melegejok an.
Hohe und uralte Brotfrucht- und Kalophyllonbäume werfen ihre tiefen, schweren Schatten. Üppigste Drazänen wuchern ringsumher. Ab und zu lacht eine reifende Ananas wie eine Riesenerdbeere aus dunklem Grün heraus. Steil steigt der Pfad hinan. Der glatte, ausgetretene Fels trieft von Feuchtigkeit. Vorsichtig klimmen wir aufwärts. Ein ungeschickter Tritt und unglücklicher Fall ist tunlichst zu vermeiden, ein Bruch des Fußes wäre hier wenig angenehm. Es bliebe gar nichts anderes übrig, als sich durch irgendeinen heilkundigen Häuptling behandeln zu lassen.
Wir begegnen einigen jungen Mädchen. Sie tragen aus gelbgefärbten Gräsern gefertigte, an den Hüften seitlich geteilte Lendenschürzen. Kaum haben sie mich richtig erblickt, als sie auch schon so rasch als sie nur können mit ganz entsetzten hohen Sprüngen, wie ein aufgescheuchtes Rudel flüchtiger Waldtiere, eiligst in den allerdicksten Busch hineinjagen. Alte Seeräubergeschichten mögen hier noch spuken und lebendig sein, und den „weißen Mann“ fürchten die Mädchen hierzulande gar sehr, fürchten ihn, besonders wenn es Nacht und dunkel wird, und das darum, weil er gar so blaß und bleich, so weiß und so sehr zum Erschrecken aussieht, ganz wie eine leibhaftige Geistererscheinung, ein unheimliches, schlimmes Gespenst.
Endlich sind wir auf der Höhe. Otto, der Tüchtige, führt mich zum Häuptling. Der bewirtet mich mit Bananen und mit Tee, dessen Zubereitung ihn der japanische Händler gelehrt hat. Unterdessen bringt Otto mit wohlgesetzten Worten die Empfehlung von seiten des Stationsleiters und unser Gesuch um ein passendes Wohnhaus vor. Otto hat mich dem Häuptling von Melegejok recht wenig der Wahrheit entsprechend als „Rubak“ vorgestellt, welches Wort ungefähr mit „hoher Herr“ oder volkstümlicher mit „großes Tier“ übersetzt werden dürfte.
Nachdem wir uns etwas ausgeruht, erhebt sich der Häuptling, um uns unser Wohnhaus anzuweisen.
Von seinen Töchtern begleitet, führt er uns durch das hübsche Dorf, dessen weit auseinanderliegende Häuser in den dichten Buschwald hineingebaut sind. Hohe Betel- und Kokospalmen beschatten die Häuser. Mitten in der Ansiedlung befinden sich drei nebeneinanderliegende Versammlungshäuser. In einer kleinen Drazänengruppe ein paar Steine, die frühere Richtstätte. Auf dem runden, höchsten Steine wurde, wie mir Otto erklärt, der gefangene Feind getötet.
Der Häuptling führt mich ins schönste und am besten gehaltene Haus. Es ist groß wie eine Reitschule; auf einen Pfosten tretend, klettere ich durch die Eingangsluke hinein. In einer Ecke wird meine Reisedecke auf den Boden gelegt, das Moskitonetz darüber gespannt; das Nachtlager wäre fertig. Kein Tisch, kein Stuhl, auch sonst nicht die geringste Spur irgendwelcher europäischen Bequemlichkeit und Einrichtung. Kein Fenster, nicht Schloß oder Riegel. Was tut’s? Auf der Decke, die über die verstaubten und vermodernden Bretter gebreitet ist, liege ich schon am ersten Abend ganz gut, liege halb im Freien, lustig und laut pfeift der Passatwind durch das ganze Haus. Aber ich werde einige Male im Schlafe geweckt. Oben im Dachstuhl, im dichten Palmstroh jagen und tanzen die Ratten herum und vergnügen sich an tollen, wilden Spielen. Wenn ich dann halb schlaftrunken herumblicke, sehe ich auch nicht allzuviel. Denn die alte Schiffslaterne, die mir der Häuptling geborgt, -- woher mag sie wohl stammen? -- will nicht recht brennen, flackert nur ganz ärmlich und trübe und vermag nur ein paar Quadratmeter des großen Hauses spärlich zu erhellen. -- Da ich aber mit niemandem reden kann, schlafe ich doch bald wieder ein. Otto hat mich bereits bei Einbruch der Dämmerung verlassen. Er ist von einer befreundeten Familie, wie er mir mitgeteilt hat, als Gast aufgenommen worden.
Schon die zweite und nächste Nacht höre ich die laut lärmenden Ratten nicht mehr, erwache nur ein allereinziges Mal, als eine der lustigen Dachtänzerinnen bei einem Saltomortale verunglückt und dicht neben meiner Lagerstätte zu Boden fällt, um sofort schnellstens wieder davonzurasen.
Am Tage habe ich die allerbeste Gesellschaft, kein Tor, keine Türe versperrt ja den Eingang. Jedermann, der Lust hat, kann kommen. Da rückt der Häuptling mit einigen seiner Getreuen an, sie hocken sich auf dem Boden im Kreise herum, da kommen seine Töchter, da kommen noch andere Mädchen des Dorfes, ihre kleinen Geschwister auf dem Arme herbeischleppend, da kommen auch einige Frauen. Eifrigst knuspern sie an meinen Schokolade- und Zwiebackvorräten herum, höchlichst bestaunen sie meine Tauschgegenstände. Geld kann man auf dieser herrlichen Insel überhaupt nicht loswerden. Ein ganzes Warenhaus habe ich bei mir: prächtiges, rotes Lendentuch, gewaltige Küchenmesser, Angelhaken und Schnüre, Tabak und ähnliche Kostbarkeiten. Mit diesen Dingen bestreite ich meinen Lebensbedarf, für einige Stangen Tabak bekomme ich eine Wildtaube oder ein Huhn, Ananas und Bananen holt mir Otto aus dem Busch, die Fische fangen wir gemeinsam, die Lendentücher sind für die Leute, die mit mir auf dem Kanoe fahren, ein Küchenmesser erhält der Häuptling für die Überlassung des Versammlungshauses.
Den Koch macht Otto, und ich muß es zu seiner Ehre sagen, er hat dies Geschäft stets vorzüglich besorgt. -- Nur am Abend läßt er mich auch weiterhin immer allein sitzen -- bald muß er zu einer bekannten Familie, bald zu irgendeinem Freunde in ein weit entferntes Dorf --, erst am Morgen kommt er um 6 oder 7 Uhr zum Wecken. Und ich gebe ihm immer Urlaub, ich will ihm seine wiedergewonnene Freiheit nicht vergällen. Aber es ist manchmal etwas eintönig für mich, denn früh wird es in den Tropen dunkel, und in Melegejok ist das Gezweig der Palmen ringsum so dicht, daß der Abend noch rascher zu kommen scheint.
Auch sonst scheint mir Otto ein wenig anders geworden. Seine ganze Unternehmungslust ist wie gelähmt. Selbst seine geliebte Fischerei lockt ihn nicht mehr. Weitere und mehr als eintägige Unternehmungen sind ihm ein ganzer Greuel, und vor allem sträubt er sich mit Hand und Fuß, aus allen Leibeskräften gegen ein von mir beabsichtigtes Verlassen von Melegejok, gegen die Übersiedlung in ein anderes Dorf. „O nicht gut das. Anderes Dorf hat nur ganz schlechtes Haus, wo noch mehr Ratten, dazu Kakerlaken und Tausendfüßler; auch Alligatoren sind sehr viele!“ meinte er wichtig warnend und sehr treuherzig. Die bösen bissigen Tausendfüßler, mit denen ich schon einige Male Bekanntschaft gemacht habe, auch die Tatsache, daß ich mich im großen und ganzen im hübschen, hochgelegenen Melegejok sehr wohl fühle, lassen mich schließlich bleiben wo ich bin.
So machen wir denn von Melegejok aus unsere verschiedenen Ausflüge, oft geht es nur für einen Nachmittag auf die See hinaus, dann fahren wir wieder mit Sonnenaufgang ab, um erst in tiefer, dunkler Nacht zurückzukehren. Auch landeinwärts ziehen wir ab und zu, über die kahlen, roten Hochplateaus oder mitten hinein in den wildverwachsenen Busch, der uns oft über dem Kopfe zusammenschlägt. Nach langer Wanderung kommen wir wieder in ein stilles, im Tropenwald versunkenes Dorf, weitgedehnte Tarofelder ringsumher, vor den Hütten girren verschlafen die an Baumstämmchen angefesselten, blaugrünen Locktauben, welche die Wildtauben in Tod und Verderben ziehen sollen. Oder wir halten Rast an einem von dichtem Schilf eingesäumten Binnensee -- im unteren Ende seines Ausflusses seien Alligatoren, erzählte Otto. Ich hielt, da auf all diesen Inseln sonst nur eine sehr große Eidechse zu finden, diese Mitteilung anfänglich für einen Bären, den Otto mir aufbinden wollte. Hatte er mir doch selbst mit behaglichem Grinsen vorgetragen, wie er schon mehrere wissensdurstige Europäer, die kein Ende des Fragens finden konnten, ganz greulich angelogen hatte. Aber diesmal hatte er wahr gesprochen, denn wenige Tage später überzeugte mich eine riesige Alligatorenhaut, die mir in der japanischen Handelsstation gezeigt wurde, von dem wirklichen Vorhandensein dieser Tiere.
Später, bei meiner Rückkehr nach Korror, bestätigte mir auch Stationsleiter Winkler die Richtigkeit dieser Tatsache und erzählte mir dabei, daß er einmal leicht durch diese Alligatoren sogar ums Leben hätte kommen können. Er war als erster deutscher Beamter gerade auf den Inseln eingetroffen und gelangte nach einer langen Wanderung spät abends an den Alligatorenfluß. Freudig benutzte er die Gelegenheit, ein Bad darin zu nehmen und schwamm vergnügt hin und her, wunderte sich nur, daß keiner seiner Leute, die sonst so gern ins Wasser gingen, ihm Gesellschaft leistete. Nach beendetem Bade fragte er sie, ob sie plötzlich wasserscheu geworden? „Nein, nein -- wir fürchten nur die Alligatoren“, meinten sie ganz gemütlich. Im nächsten Augenblick ging dann freilich ein ganz fürchterliches Donnerwetter auf ihre Köpfe nieder. Und es muß wirklich ein Wunder genannt werden, daß keines der gefräßigen Tiere, die gerade bei Einbruch der Dunkelheit meist auf Raub ausgehen, den nichts ahnenden, armen Stationsleiter gepackt und in die Tiefe gerissen hat.
Ein anderer Ausflug führte mich in das Dorf Nabuket. Eine lange Fahrt, die vom frühen Morgen bis in den Nachmittag währt. Heiß brütet die Sonne auf das Meer hernieder. Das lange, untätige und unbequeme Sitzen auf dem Ausleger macht müde und schläfrig. Ein einziger, kleiner Zwischenfall während der Reise. Otto hat blitzschnell einen flüchtigen, ansehnlichen Hai gespeert, hat aber nicht ganz gut getroffen, und der schwere Fisch steuert nun mit dem Speer im Rücken auf die Brandung zu, um sich durch sie ins freie Meer hinauszuretten. Ein Sprung -- ein Plumps -- Otto schwimmt dem gespeerten Hai nach -- ein weiterer Sprung -- mein anderer Insulaner ist auch schon in der See auf der Jagd nach dem Haifisch. Die Bedienung des Kanoes liegt in meiner Hand und ich halte es, so gut ich kann, von der Brandung entfernt. Die beiden braunen Meisterschwimmer haben inzwischen den verhaßten Seeräuber noch rechtzeitig eingeholt, zerren ihn am Speer in die Höhe, einer hat ihn bei den Kiemen, der andere am Schweife gefaßt, und so bringen sie ihn, sich raufend mit ihm, bis ans Kanoe heran. Nun haben sie ihn, wälzen ihn herauf, ein Strick macht ihn fest, ein sausender Axthieb zerschmettert ihm den Kopf.
[Illustration: Hochseekanoe. (S. 113)]
[Illustration: Palaumänner. (S. 117)]
[Illustration: Inneres des Versammlungshauses, in dem ich in Melegejok wohnte. (S. 124)]
[Illustration: Geisterhaus auf Korror. (S. 118)]
Ruhig und phlegmatisch, als ob sich dies alles ganz von selbst verstände, machen sich die zwei Palauleute wieder an die Ruder- und Segelarbeit.
Dorf Nabuket liegt in einem wahren Segen von allerüppigster Tropenfruchtbarkeit. Golden flutet das Sonnenlicht über fleißig bebautes Land. In der Hauptsache ist es wieder die Taro, die hier gepflanzt wird. Alles andere, Kokospalmen, Bananen und Ananas, bedarf ja soviel wie keiner Pflege.
Ich bringe dem König des Dorfes einige meiner Tauschgegenstände als Geschenk mit, er gibt mir eine Schildpattschale als Andenken. Diese Schildpattschalen werden, oft recht hübsch geformt und unpoliert von den Palauleuten als täglicher Gebrauchsgegenstand benutzt. Läßt man sie nach der Heimkehr polieren, so geben sie schöne Schmuckschalen ab.
Nachdem ich mich noch durch eine frische Kokosnuß gestärkt, verabschiedete ich mich wieder. Die Unterhaltung mit dem alten König ist etwas umständlich zu führen. Denn er ist äußerst schwerhörig, und der dolmetschende Otto hat sich nach kurzer Zeit heiser geschrien.
Wir gehen zum Strande zurück. Aber unser Kanoe liegt jetzt bei Ebbe vollständig im Trockenen. An eine Heimfahrt ist für die nächsten Stunden nicht zu denken. Wir werden lange warten müssen. --