Part 10
Kaum hatte man sich von diesem Schlage ein wenig erholt, begann die Schildlaus in so zerstörender Weise aufzutreten, daß die meisten Kokospalmen eingingen und die Kopraausfuhr für Jahre gesperrt werden mußte. Erst im Frühjahr 1908 konnte sie wieder freigegeben werden.
Neben diesen drei deutschen Händlern war auf Jap ein japanischer Kaufmann tätig. Wie schon des öfteren erwähnt, fand man sie überall, diese kleinen, schlauen Japaner. Auf allen größeren und wichtigeren Inseln hatten sie bereits ihre Handelsstationen angelegt. Da und dort wurde sogar das Geburtsfest des Mikados wie fast das des Landesherrn feierlich begangen.
Schon vor zehn Jahren war meiner Schätzung nach auf den Westkarolinen ein Viertel der Einfuhr und die Hälfte der Ausfuhr in Händen der Japaner. Auf den Marianen stellte sich diese zu ihren Gunsten noch weit höher.
Es lag ja immer offen zutage, daß die japanische überseeische Politik sich einige weite Linien durch den Stillen Ozean gezogen hat. Die eine lief und läuft von Japan aus südostwärts nach den Hawaiinseln, die andern laufen südlich Australien zu. Zäh hielten sie immer an diesen Linien fest und schauten schon damals begehrlich über die ihnen bereits gehörigen Bonininseln nach den Marianen und Karolinen einerseits, von Formosa nach den Philippinen und Molukken andererseits aus.
Es muß ja den Japanern zugestanden werden, daß diese Inselgruppen für sie immer weit größeren Wert als für uns hatten. Die kleinen japanischen, mit wenigen Matrosen bemannten Segler brachten ihren Handelsstationen billig die notwendigen Tauschwaren zu, fuhren Kopra, Trepang und Schildpatt ebenso billig wieder zurück. Der deutsche Händler hatte eine zweimalige teuere Fracht, einmal nach Hongkong und von dort aus weiter nach Hamburg und Bremen. Er war auch sonst von vornherein gegenüber seinem überaus lebensbescheidenen Konkurrenten im Nachteil. Der Japaner verstand sich auch leichter und besser mit den Eingeborenen, trat auf den Südseeinseln, wo er politisch nichts zu sagen hatte, nicht als harter Zwingherr wie in Korea oder der Mandschurei auf. Dafür brachte der Eingeborene seine Tauschwaren am liebsten in die japanische Faktorei.
Außer den eben angeführten Gründen dieses guten Einverständnisses mögen vielleicht noch verschiedene andere mitspielen, darunter wohl auch der, daß -- so gewagt das klingen mag -- zwischen dem Insulaner und dem Japaner eine recht weit zurückliegende, aber doch vielleicht etwas wie eine leise Blutsverwandtschaft besteht. Wer einmal sonnenverbrannte, nackte japanische Fischer oder Bauern bei der Arbeit gesehen hat, kann diesem Gedanken schon leichter nähertreten.
Auch theoretisch läßt sich diese Behauptung verfechten. Die Ansichten über den Ursprung der Mikronesier laufen ja sehr weit auseinander -- aber eine, die wahrscheinlichste Theorie geht, wie schon gestreift, dahin, daß in ihren Adern ein starker Einschlag von Malaienblut rollt. Das japanische Volk wiederum hat sich aus mongolischen und malaiischen Elementen herausgebildet, und diese beiden Urrassen sind noch heutzutage oft so wenig verschmolzen, daß man mit leichter Mühe den einen Japaner dem mongolischen, den andern dem malaiischen Urstamm zuteilen kann.
Man kann diese eben aufgeworfene Frage ruhig dem Fachgelehrten überlassen -- das steht jedenfalls ganz zweifellos fest, daß der Mikronesier sich mehr zum Japaner als zum Europäer hingezogen fühlt.
Es bestehen ja auch sonst noch andere Ähnlichkeiten zwischen Japan und den ihm zunächst gelegenen Teilen der Südsee. Der Malaie, der nach Nippon eingewandert ist, hat dorthin wohl sein pfahlbautenartiges Haus gebracht. Dasselbe Haus finden wir auch auf den Marianen, Karolinen und Palauinseln. Nur ist es hier in seinen rohen und einfachen Uranfängen steckengeblieben, während der Japaner es in jahrtausendlanger Entwicklung weiter ausgestattet und verfeinert hat. Ebenso wie in Altjapan treffen wir in Mikronesien die Sitte an, die Zähne tiefschwarz zu färben, dort wie hier eine große Verehrung des Mondes, dort wie hier eine sehr liebevolle und nachsichtige Kinderbehandlung und -erziehung. Wie schon einmal erwähnt, ist auch in der Götterlehre manchen Eilandes eine ganz ähnliche Naturverehrung, wie sie der Shintoismus aufweist, festzustellen. Ein Reisender und Forscher, der lange in Japan, lange in der Südsee leben würde und in alle Dinge des Lebens tiefer einzudringen vermöchte, der würde wahrscheinlich noch auf dies und jenes andere Gemeinsame stoßen.
Um zu den japanischen Ambitionen auf die Marianen und Karolinen zurückzukehren, so gab es längst vor dem Kriege bereits Leute, die einen vorteilhaften Weiterverkauf der beiden Inselgruppen an Japan befürworteten und ihn als die beste Lösung aller deutsch-mikronesischen Fragen betrachteten. Denn darüber war für den Einsichtigen niemals ein Zweifel, daß Japan sich bei gegebener Sachlage der Inseln bemächtigen würde.
So schrieb auch ich seinerzeit:
„Japan hat zwar vorläufig noch an Korea zu schlucken -- aber trotzdem schielt es zweifellos auch beständig in die Südsee hinunter und bei gegebener guter Gelegenheit wird es sicherlich versuchen, ob es nicht nach den amerikanischen Philippinen und Hawaiinseln, nach den deutschen Marianen und Karolinen erfolgreich die Hand ausstrecken kann.“ --
Es kam denn auch, wie es nicht gut anders kommen konnte. Man brauchte kein großer Politiker oder Stratege zu sein, um das vorauszusehen. Nur ein großer und wohlausgerüsteter deutscher Kolonialbesitz, der sich aus sich selbst und ohne Flotte verteidigen konnte, hätte im Weltkrieg mit vollem Erfolg bestehen können, nie aber solch zerstreute, so weit vom Mutterland abliegende Inselgruppen.
* * * * *
Allmählich begann mir die Zeit lang zu werden. Die Natuna kam nicht im Februar, kam auch nicht im März, hatte, wie ich später erfuhr, bereits Ende Januar, ohne Jap zu berühren, die Südsee verlassen. Ebensowenig ließ sich der japanische Segelschoner blicken. Auch sonst wollte kein weißes Segel, kein schwarzer Rauch sich draußen auf dem blauen Meer zeigen.
Ich sitze fest in unfreiwilliger Gefangenschaft. Und wenn ich noch so sehr in die Weite sehe und spähe, ich erblicke nie etwas anderes als unendliche Wasserfläche, so daß ich schließlich an meiner Befreiung wirklich oft verzweifeln möchte.
Ärgerlich kehre ich der See den Rücken und stürme in meinem Gefängnis herum. Sehr groß ist es ja nicht. In zwei Tagen kann ich die ganze Insel zu Fuß umwandern. Sie ist, darüber ist nicht zu streiten, wirklich ein kleines Paradies, ein einziger, großer, blühender Garten. Da ist am Strande der See bald flacher Sandstrand, wo die stets vergnügte, braune Jugend fischt, badet und sich im Kanoefahren übt, bald wieder dichter Mangrovenbusch mit ganz unglaublich verschlungenem Wurzelwerk, undurchdringlich und dunkel, unheimlich fast, nur vom Leguan, großen Riesenkrabben und anderm Kriechgetier bevölkert. Dicht neben dem Wasser, fast darin sich noch bespiegelnd, ist das Reich der Palmen, steht Palme an Palme, ein einziger, fast die ganze Insel umfassender Palmenwald. Wenn die Luft ruhig und still ist, dann flimmert das heiße Sonnenlicht schwer in den regungslosen breiten Kronen. Aber schöner ist’s, wenn der Meerwind lustig herangeflogen kommt, daß sie zu flüstern und sich behaglich zu wiegen beginnen. Doch am schönsten wird es in den taghellen Vollmondnächten, wenn das Meer viel Meilen weit hinaus erschimmert und der große, große Wald brausend mit mächtigem Rauschen der sehnsuchtsvoll zu ihm herandrängenden See sein Nachtlied singt.
Weiter landeinwärts dehnen sich große Lackfelder mit ihren breiten, mannshohen Blättern, blüht der Hibiskus mit freudigem Rot, grüßen zauberhafte Orchideen in allen Farben hernieder, stehen dicht die Drazänen, schimmert rosig die Ananas, und über all dem schweren Reichtum wölben sich die Kronen uralter Bäume. Erst auf den Höhen wird der Boden magerer und geringer. Nur der ölbaumgraue, hartblättrige Pandanus liebt solch trockene, sonnenverbrannte Erde.
Schön ist es ringsum, aber Freiheit, die ihre Grenzen selbst sich steckt, hat seit Adams und Evas Zeiten seltsamer Menschensehnsucht immer köstlicher und begehrenswerter geschienen als das allerschönste, aber mit hohen Mauern umgürtete Zwangsparadies. Die Mauern, über die es kein Entrinnen gibt, hat hier das Meer gebaut, unüberschreitbarer, als sie je ein Zwingherr aufgeführt hat. Und ich sehe sie überall, diese viele Hunderte von Meilen breiten Wassermauern. Selbst wenn ich tiefer in den Busch hineingewandert bin, nach wenigen Wegstunden stehe ich doch schon wieder vor derselben, heiter und sonnig lächelnden, aber doch so betrübsamen und unüberbrückbaren Meeresunendlichkeit.
Bald habe ich manchen Tag, wo ich mein kleines Paradies kaum mehr sehe und beachte, manchen, wo ich aus der ganzen, goldenen Pracht am liebsten auf und davonlaufen würde. Freilich kommen dann auch wieder Stunden, wo ich mir ein frohes Herz nehme, daß all die lachende Schönheit wieder aufs neue ersteht, jung, unvergänglich und bezaubernd, wie ich sie im lauten Jubel erster Begeisterung gesehen -- gesegnete Glücksstunden.
Aber am grauen Alltag habe ich doch bereits mit schärferem Auge zuzusehen gelernt und habe da und dort trotz aller Sonne einen Schatten erspäht. Zuviel Licht, zuviel Sonne! sage nun auch ich. Ich beginne zu verstehen, daß die Insulaner in ihrer Einfalt die Sonne, deren Wohltaten sie nicht begreifen, nicht lieben, sondern hassen -- nur den Mond mit seinen kühlen, schimmernden Nächten haben sie ganz ins Herz geschlossen -- und daß sie nach der heißen Herrin des Tages und ihrem flammenden Strahlenzepter in ohnmächtiger und verbissener Wut Scheltworte und Steine emporschleudern.
Wie schwül und schwer oft der Tag! Wie drückend, sowie ich das Zimmer betreten, die Nacht! Und gar erst bei Windstille, wenn draußen kein Blatt und kein Grashalm sich regt. Wie unerträglich der scharfe, nie zur Ruhe kommende, metallene Rundgesang der Moskitos!
Ich empfinde plötzlich als lästig, was ich im Anfang als selbstverständlich und mit einem Lächeln hingenommen habe. Unternehmungslust und Arbeitsfreude weichen langsam einer trägen, stumpfen Gleichgültigkeit. Gottlob, sage ich mir oft, daß ich hier nicht für immer zu bleiben gezwungen bin. Ich werde eine bange Ahnung nicht los, daß alle meine Kräfte dann gänzlich erschlaffen würden.
Nun bin ich auch schon so weit, daß ich all die mannigfachen Klagen der ansässigen Europäer besser verstehen kann.
Es gibt ja da und dort in der Südsee einige, die sich vollkommen eingewöhnt haben und sich sehr wohl fühlen, Menschen, die einen großen Wirkungskreis haben, mehr aber noch Leute, die ganz jung als Matrosen, Fischer, Jäger, Abenteurer oder Händler durch irgendeinen Zufall hängengeblieben sind, die zehn, zwanzig und noch mehr Jahre Deutschland nicht gesehen haben und auch gar keine sonderliche Sehnsucht mehr danach haben. Sie sind teilweise, wie man hier sagt, allmählich „verkanakert“, haben nicht mehr sehr viel andere geistige und leibliche Bedürfnisse -- den Alkoholgenuß vielleicht ausgenommen -- als die phlegmatisch zufriedenen Inselkanaken selbst.
Alle andern aber, besonders Menschen mit regeren geistigen Interessen oder Leute, die an einen größeren, gesellschaftlichen Kreis gewöhnt waren, fühlen sich selten auf die Dauer sehr befriedigt, und manche kommen verbittert sogar dazu, die in der Südsee verlebten Jahre als „verlorene“ ihres Lebens zu bezeichnen.
Das abgebrauchte Sprichwort, daß man nicht ungestraft unter Palmen wandle, wird hier oft zur vollen Wahrheit.
Wir Deutsche, die wir den Nordländern zuzuzählen sind, vertragen eben auf die Länge keinen ewigen und noch dazu einen so gewaltigen und mächtigen Sommer. Wir wollen auch nicht immer nur Blumen und Blüten und Früchte, immergrüne Sträucher und Bäume sehen. Stark duftende Linden, rotwelkende Buchen, weiß beschneite Fichten stehen manchem hier draußen lockend vor Augen. Wenn man all das, sich folgende und ablösende Jahreszeiten, Frühlingsahnen, Herbstschauer und Winterstürme, den Wechsel in der Natur, Werden, Leben und Sterben, mehrere Jahre entbehrt hat, so leiden darunter, anfangs unmerklich, später stärker und stärker, Leib und Seele. Die Nerven beginnen bei vielen lebhafter als gut ist zu spielen oder sagen gar Generalstreik an. Bald überfrohe und überlaute, ungesunde Lustigkeit, bald unmittelbar darauf und ohne jeden begründeten Übergang Zeiten innerer Zerrissenheit und tiefster Depressionen, die sich manchmal bis zum vollständigen Lebensüberdruß steigern können. „Neurasthenie“, wird der Arzt sagen und wird wenig tun können, sie zu heilen, solange der Betreffende an Ort und Stelle bleibt. Nur ein Klimawechsel kann Besserung bringen. Ist dieser unmöglich, so wird der böse Zustand immer wieder und immer stärker kommen.
Immer mehr sehnte ich den Tag herbei, an dem es mir vergönnt wäre, weiterzuwandern. Mit einer solch langen Reiseverzögerung hatte ich nie gerechnet. Februar und März waren verstrichen. Jetzt im April begann gar der lustige Passatwind einzuschlafen, schwerer und schwüler wurden die Tage, dehnten und dehnten sich, endlos und ohne Schlaf war die Nacht.
In der zweiten Hälfte des April sollte die Germania wieder hierherkommen, und so setzte ich denn auf sie meine Hoffnung. Da plötzlich ein Telegramm aus Sydney, daß die Germania in Ponape, der Hauptinsel der Ostkarolinen, gestrandet sei und schwere Havarie erlitten habe. Die Ausbesserung der Schäden werde mehrere Wochen beanspruchen.
Geduld! Geduld! ... In dieser der menschlichen Natur so sehr widersprechenden Tugend kann es ein Südseefahrer zur Weltmeisterschaft bringen. Es hilft, hilft gar nichts, daß man jeden Morgen zu den Flaggenmasten emporstarrt, ob nicht der bunte Wimpel zur Begrüßung eines zufällig einlaufenden Schiffes lustig daran emporgehen will.
Zudem beginnt auf Jap, da der Dampfer über seine Zeit ausbleibt, alles sehr knapp zu werden. Mehl und Kartoffeln gibt es längst nicht mehr, auch die Konserven gehen ihrem Ende entgegen. Frisches Rindfleisch kann auf Jap nur wenige Male im Jahre gegessen werden, zu Weihnachten und Ostern wird je eine Festkuh geschlachtet. So greifen wir jetzt auf die Schweine der Eingeborenen zurück, die so zahm sind, daß sie die Insulanerinnen auf ihren Wegen durch den Busch wie treue Hunde begleiten. Auch Fische lassen wir uns von den Japleuten besorgen. Sie sind aber meist ungenießbar, da die Karoliner sie stets unausgenommen auf dem Kanoe in der fürchterlichen Sonnenglut den ganzen Tag lang liegen lassen. Nach mikronesischem Küchenrezept ist freilich ein sehr starker Hautgout der Schuppentiere allererstes Erfordernis.
In der „Wirtschaft zur Kokosnuß“ ist die Bierquelle auch leider versiegt. Zigarren und sonstiger Tabak sind fatamorganahafte Gebilde. Ebenso ist sämtliches Schuhwerk auf den scharfen Korallensteinfelsen mit der Zeit zum Teufel gegangen.
Aber die Germania kommt nicht, will nicht kommen!
22. Abschied von der Südsee.
Es ist Anfang Mai geworden. Ich habe, um für alle Fälle gerüstet zu sein, bereits eifrig mit dem Packen begonnen. Keine leichte Arbeit das! Ein ganzes Museum aller möglichen Dinge hat sich allmählich bei mir angesammelt: Speere, Kriegs- und Tanzgürtel, Stein- und Muschelgeld, Jagd- und Fischfanggeräte, Holzfiguren und geschnitzte Kanoemodelle, Matten und Kleidungsstücke, Schildpattgegenstände, Schildkrötenschalen und riesige, zentnerschwere Muscheln. All das muß nun in Kisten verstaut werden.
Rasch ziehe ich auch noch ein letztes Mal zu meinen Lieblingsplätzen hin, und jetzt, wo ich weiß, daß ich all das sehr bald nicht mehr, wahrscheinlich gar nie mehr sehen werde, empfinde ich erst wieder ganz allen Liebreiz und alle Schönheit.
Auch diese hundert unfreiwilligen Tage von Jap, die ich meist nur als eine höchst unwillkommene Hemmung meiner Reise angesehen, werden mir schließlich eine liebe Wandererinnerung bleiben.
Erinnerungen: Träume, die einmal leibhaftige Wahrheit und Wirklichkeit gewesen -- Wirklichkeit, die jetzt schon nur mehr ein schöner Traum ist.
Bald, bald wird die Südsee, die ich so sehr ersehnt, die ich jubelnd begrüßt, hinter mir liegen. All die südliche Schönheit, die allmächtige Sonne, die tiefe, meerumgürtete Stille ist dann für mich nicht mehr, ist alles versunken. Und ist doch alles auch fest und für immer gegründet und gebaut. In jedem Augenblick dem suchenden Auge der Sehnsucht erreichbar: Erinnerungen, das ganze Leben hindurch leuchtende Erinnerungen. --
Am 6. Mai läuft die so heiß ersehnte Germania wirklich in den Hafen von Jap ein und schon einen Tag später lichtet sie wieder die Anker. -- Noch ein letztes Händeschütteln mit den Zurückbleibenden, ein Grüßen und Danken, ein Abschiednehmen für lange Zeit, vielleicht für immer.
Auf den Palauinseln ein kurzer Halt. Ich begrüße auch hier wieder gute alte Bekannte, meinen liebenswürdigen Wirt vom Januar, Stationsleiter Winkler, und meinen Freund Fujikawa. -- Meinen Begleiter Otto und dessen Frau -- sie haben inzwischen wirklich geheiratet -- bekomme ich aber leider nicht zu Gesicht. Er ist nicht an den Landungsplatz und auf die Regierungsstation gekommen -- er ist kein allzu großer Freund wohl von Regierungsbeamten und Vorgesetzten, die schon so manchen Tropfen Wermut in den Kelch seines Lebens geträufelt haben.
Kurz nach der Abfahrt von Malakal in aller Morgenfrühe ein kleiner Reiseunfall der Germania. Als wir der Küste von. Babeltaob entlang steuern, ein plötzlicher Ruck und Stoß. Schon sitzt auch das gute Schiff unbeweglich auf einem Korallenriff fest. So etwas ist recht rasch und leicht geschehen. Die stark blendende Sonne, der blitzende Wasserspiegel machen es oft fast unmöglich, die gefährliche Untiefe rechtzeitig zu erkennen. Kapitän und Offiziere, die ganze Bemannung der Germania arbeiten fieberhaft, um das Schiff von dem bösen Korallenriff frei zu bekommen. Alles vergeblich. Trotz der verschiedensten Manöver und Anstrengungen rührt sich die Germania nicht von der Stelle. Es wird Mittag, es wird Nachmittag, brennend sticht die Sonne nieder, nicht der mindeste Luftzug, der Kühlung brächte. Ein paar Kanoes schwirren um uns herum. Wer weiß, ob wir sie nicht bald besteigen müssen, um an Land, für recht lange an Land zu fahren, und ich mache mich schon mit dem Gedanken vertraut, einen unfreiwilligen zweiten Aufenthalt auf Babeltaob nehmen zu müssen. Denn wenn die Germania sich wirklich hier sehr festgerannt hat, wird ihr niemand in ihrer unangenehmen Lage zu Hilfe kommen können.
Nirgends ein Schiff, das sie abschleppen könnte. Auch keinerlei Möglichkeit, sich mit Jap oder Hongkong zu verständigen.
Doch der Gott der Meere und Riffe hat ein Einsehen. Gegen Abend erlöst er uns mit der wiederkommenden Flut und hebt das Schiff vom Felsen. Alles ist gut abgegangen, und die Germania hat bei dem unliebsamen Zwischenfall auch keinerlei ernsteren Schaden davongetragen.
Unsere weitere Reise verlief ohne jeden ferneren Zwischenfall. Das Meer, das in diesen Breiten oft so bös und stürmisch sein kann, war ganz eben und spiegelglatt wie nur irgendein windgeschützter Hochgebirgssee. Wir machten sehr gute und rasche Fahrt und liefen, nachdem einmal kurz die Philippinen in Sicht gewesen waren, am 18. Mai in den Hafen von Hongkong ein.
23. Heimreise.
Noch manche Sonnenländer sah ich auf dieser Reise. Ich verbrachte einen Monat in dem prächtigen Hongkong, ich lud mich in dem volksreichen, lärmenden Kanton, in dem stillen, verschlafenen Macao, in dem schwülen Singapore und Johore zu Gast, ich bestaunte Ceylons Herrlichkeiten. Aber so vielerlei Länder und Städte lassen sich in einem Bande kaum zusammendrängen.
Auf der „Scandia“ der Hamburg-Amerika-Linie, mit der ich die Heimreise antrat, verlebte ich zwei Monate unter immer lachendem, sonnigem Himmel. Eines Tages aber regengraues Firmament. Wir sind in der Nordsee.
Ich möchte nun auch dieses Buch genau mit denselben Worten schließen, die ich damals, eine Reihe von Jahren vor dem Kriege, niedergeschrieben habe. Denn ich glaube, sie haben in so manchem Punkte noch heute ihre volle Berechtigung. Ich schrieb damals, im Sommer 1908:
„All das viele Geschaute gleitet noch einmal, als wollte es von mir Abschied nehmen, in raschbuntem Wechsel an meinem Auge vorbei. Nicht nur Schönheit und Freiheit fand ich da draußen in der weiten Welt. Ich bekam auch wirkliche Einsicht in so manche Dinge, die ich bisher nur mit den Augen der andern geschaut, nur aus Büchern und Reiseberichten gekannt hatte. --
„Länder und Völker sind an mir vorbeigezogen. Ihre Stärken und Schwächen, ihre Bedürfnisse versuchte ich zu erkunden. In Osten und Westen hatte ich Gelegenheit, die Rassenfrage in den mannigfachsten Abstufungen und Erscheinungsformen zu studieren.
„Und wenn ich jetzt am Ende der Reise noch einmal zurückblicke, so muß ich wohl sagen, daß gar manches Land, gar manches Volk seine Sache viel, viel schlechter macht als wir, daß andere aber wieder in so manchen Dingen über uns stehen, und daß wir Deutschen noch in dem und jenem von ihnen lernen könnten. --
„Ich sah auch das eigene Vaterland einmal aus der Höhen- und Fernperspektive und hörte, wie es die andern -- Fremde, Feinde vielleicht -- beurteilten. Einer allzu großen Beliebtheit im Rate der Völker erfreut sich Deutschland sicherlich nicht. Oft mag das in Neid und Mißgunst seinen tiefinnersten Grund haben. Denn deutscher Tatkraft hat sich da und dort ein Ackerfeld erschlossen, das früher von andern bebaut wurde. Aber manche Gegner und Spötter setzen doch oft an Stellen ein, wo wirkliche Schwächen zweifellos vorhanden sind. Wir haben in den letzten Jahrzehnten uns manchmal zu höflich gezeigt und unnütze Verbeugungen gemacht, wir haben geschwankt und gezaudert, nicht recht gewußt, was wir wollten, trugen Vorliebe für unnützen und hohlen Prunk zur Schau, Parvenümanieren wirft man uns manchmal vor.
„Möchte das Deutschland der Zukunft stark und stolz, einfach und schlicht, niemand zuliebe und niemand zuleide festen Schrittes einen zielsicheren Weg gehen! ...
„Und Deutschland könnte das so gut, wenn es nur wollte. Hätte die Kraft dazu in sich. Denn es geht ja aufwärts mit uns in vielfacher Hinsicht. Unser Außenhandel wächst von Jahr zu Jahr -- im Lande mehrt sich bei vielen der Wohlstand.
„Aber in diesem materiellen Aufstieg liegt auch eine Gefahr -- und es ist meines Erachtens gewiß keine geringe. Schon haben wir so manche unter uns, die nur mehr für ein einziges Ding auf dieser Welt Sinn und Blick, Tatkraft und Willen haben -- für das „Geld“. Der Tanz vor dem goldenen Kalbe hat begonnen, Hoch und Nieder beugt sich verehrend vor dem schillernden Götzenbild. Alles, alles, glauben sie, müsse es verschenken können.
„›Wach auf!‹ möchte man so manchem zuraunen, ein lautes ›Wach auf!‹ ins deutsche Land hineinrufen. Denn es ist an der Zeit, achtzuhaben, daß wir über all dem eifrigen Haschen des rieselnden, rinnenden Goldes nicht der viel höheren Güter vergessen, daß wir nicht plötzlich, reich an Besitz geworden, doch unser Allerbestes für immer und unwiederbringlich verloren haben.
„Deutschland! ... Wie zieht es mich jetzt wieder mächtig nach Hause. Unsere Wurzeln, die ruhen ja doch in der Heimaterde, nur in ihr wird unser Lebensbaum so richtig in Saft und Kraft bleiben können, hier werden an ihm auch vielleicht Früchte reifen können. Willkommen denn, Heimat! --“
Nicht freundlich empfängt uns das deutsche Fahrwasser!
Feuchter Nebeldunst und Nässe schlagen uns aus der gelbgrauen Nordsee kalt entgegen.
Fröhlich vorwärts denn durch den grauen Dunst, vorwärts über die gelbweiß aufschäumende Flut. Bald liegt die Nordsee hinter uns, elbeinwärts geht die Fahrt. Grüne Wiesen grüßen herüber, wie lange hab ich das nicht gesehen! Wetterfest und jugendschlank streben dahinter dunkle Fichten zur Höhe, Ulmen- und Lindenkronen schwanken im Winde. Schöner dünkt mich das Bild als die reichste Südlandfülle. Es ist ein Stück Heimat wieder, Heimat wie der graue, ganz winterlich anmutende Regenhimmel über mir, der breite, trübe Strom zu meinen Füßen.
Menschen rufen und winken vom Ufer herüber. Man sieht es der braven „Scandia“ an, daß sie von weither kommt und nicht immer gute Fahrt gehabt hat. Die Farben ihres Rumpfes sind von fressender Salzwoge bis hoch hinauf weggewaschen; schwerer, rotbrauner Rost hat sich dick auf die massigen Eisenplatten gelegt. See- und wettererprobt, wird sie darum von den Menschen am Ufer, von den Menschen auf all den uns begegnenden Dampfern und Booten doppelt herzlich in der Heimat willkommen geheißen.
Und schließlich liegen wir im Hafen fest. Händeschütteln und flüchtiges Abschiednehmen. Jeder eilt so rasch wie möglich an Land. Zwei Monate lang hat man Tag für Tag, Stunde um Stunde beisammengestanden und -gesessen. Wie eine große Familie hat sich die Schiffsgesellschaft gut zusammengelebt. Am Morgen dachte man noch kaum an Trennung, am Abend ist alles schon in alle vier Winde zerstreut. Die meisten werden sich nie im Leben wieder treffen.
Aber kaum einer denkt beim Auseinandergehen, daß dies auch einen Abschied bedeute, alle feiern heute ein Fest des Wiedersehens, manche nach langer, langer Zeit, alle Herzen sind auf diesen Grundton gestimmt, auf das Wiedersehen mit der Heimat! ...
Alte Reisen und Abenteuer
Bd. 1 =Fernão de Magalhães=, Die erste Weltumseglung. Bearbeitet von ~Dr.~ +H. Plischke+
Bd. 2 =Ulrich Schmidel=, Abenteuer in Südamerika. Bearb. von +Curt Cramer+
Bd. 3 =J. Cook=, Die Suche nach dem Südland. Bearbeitet von ~Dr.~ +H. Damm+
Bd. 4 =Peter Kolb=, Z. Vorgeb. d. Guten Hoffnung. Bearb. v. ~Dr.~ +H. Damm+
Bd. 5 =Christoph Kolumbus=, Die Entdeckg. Amerikas. Bearb. v. ~Dr.~ +H. Plischke+
Bd. 6 =Kapitän Phillip=, Gründung der Strafkolonie Sydney. Bearbeitet von ~Dr.~ +R. Plischke+
Bd. 7 =Carl Friedrich Behrens=, Der wohlversuchte Südländer. Reise um d. Welt 1721/22. Bearb. v. ~Dr.~ +H. Plischke+
Bd. 8 =Hans Egede=, Die Erforschung von Grönld. Bearb. v. ~Dr.~ +M. Heydrich+
Bd. 9 =Hernando Cortes=, Die Eroberung v Mexiko. Bearb. v. ~Dr.~ +H. G. Bonte+
Bd. 10 =Francis Drake=, Als Freib. i. Spanisch-Amerika. Bearb. v. ~Dr.~ +H. Damm+
Bd. 11 =Marco Polo=, Am Hofe des Großkhans. Reisen in Hochasien u. China. Bearbeitet von ~Dr.~ +A. Herrmann+
Bd. 12 =Mungo Park=, Vom Gambia zum Niger. Bearb. von ~Dr.~ +P. Germann+
Bd. 13 =Vasco da Gama=, Der Weg nach Ostindien. Bearb. v. ~Dr.~ +H. Plischke+
Bd. 14 =Francisco Pizarro=, Der Sturz des Inkareichs. Bearb. von ~Dr.~ +H. G. Bonte+
Bd. 15 =John Smith=, Unter den Indianern Virginiens. Bearb. v. ~Dr.~ +H. G. Bonte+