Part 9
Aber wir bekommen wenigstens Gesellschaft und wiederum die allerbeste. Eine Schar von etwa dreißig jungen Mädchen, alle mit Laubgrün und roten Hibiskusblüten, mit Korallen und Schildpattschmuck reich behangen, mit der Gelbwurzel an Gesicht und Körper gefärbt, kommt den Strand entlang gezogen. An ihrer Spitze, wie mir Otto erklärt, die Königin, -- eine noch hübsche, etwas reife Schönheit. Ich verneige mich, Otto stellt mich wieder als mächtigen „Rubak“ vor, huldreich nickt die Königin, nicken die kleinen schmalen Mädchen, lächeln und flüstern und mustern mich neugierig-ängstlich.
Dann setzt sich die Königin und um sie herum lagern sich ihre schlanken jungen Begleiterinnen im Sande. Man ladet mich ein, auch Platz zu nehmen. Und nun beginnt, während Otto wieder den Dolmetsch macht, eine gemütliche Plauderstunde. Die Königin und ihre Damen erzählen, daß sie den Nachmittag über im Walde getanzt und dann ein Bad in der See genommen, Otto berichtet über unsern Besuch beim König, erzählt auch noch so manches von mir, meiner Rubakschaft und meinen weiten Reisen, erzählt und erzählt, und immer größer und erstaunter betrachten mich die dunklen Augen der braunen Schönen. Ich glaube fast, Otto ist da einmal wieder nicht bei der Wahrheit geblieben und hat dem Hofe von Nabuket Märchen aus Tausendundeiner Nacht berichtet.
Wenn ich nur ein bißchen etwas verstehen würde, ein wenig mitreden könnte. Ich bin es oft müde, bei allem und allem ohne jede Fähigkeit, auch nur ein Wort enträtseln zu können, dabeisitzen zu müssen, ich sehne mich oft danach, ein wenig mit jemand sprechen zu dürfen, denn die paar kurzen Worte, die ich mit Otto wechseln kann, zählen ja schließlich nicht. Der Mensch ist ein Herdentier, das merkt man recht gut auf solch einer Reise, wo man viel sich allein überlassen ist.
Allmählich dunkelt es, die Königin erhebt sich, ich schüttle ihr und den Hofdamen zum Abschied die Hand.
In langem Zuge verschwinden sie im Tropenwalde. Nun ist es still um uns, kein Windhauch flüstert in den Kronen der Palmen, nur draußen donnert schwer die Brandung.
Aber schon kommen andere Gäste -- ganz ungebetene --, Moskitos. In dichten Scharen rücken sie aus Unterholz und Büschen heran. Bald können wir uns ihrer nicht mehr erwehren. Otto und mein anderer Kanoegenosse tragen Reisig und Palmstroh zusammen, bald prasselt das Feuer, und dichter Rauch beginnt uns einzuspinnen. Die bösen Peiniger müssen weichen.
Durch das Licht angelockt, stellen sich von da und dort Leute von Nabuket ein, Männer und Knaben. Auch ihnen erzählt wieder Otto weiß Gott was für Dinge von uns, daß sie nicht müde werden zu lauschen.
Endlich beginnt die Flut langsam heranzuplätschern. Ich werde eingeladen, auf dem Kanoe wieder Platz zu nehmen, und die ganze frohe, lustige Gesellschaft, Otto an der Spitze, schiebt mich mit lautem Hallogeschrei ins tiefere Fahrwasser.
Eine herrliche, ruhige Heimfahrt. Still und dunkel die Nacht. Otto entfacht einen Palmstrohbrand, und bis wir um Mitternacht wieder in Melegejok landen, hat er Fische, eine ganze Menge Langusten und Seekrabben mit seinem Speer erbeutet.
Ich bleibe weiter im Dorf Melegejok. Mein trefflicher Otto ist, wie vorher, der einzige Mensch, mit dem ich einige wenige Worte wechseln kann. Aber leider will seine Unternehmungslust immer noch nicht wiederkehren. Immer früher tischt er mir am Abend mein einfaches Nachtmahl auf, immer rascher und eiliger verschwindet er. Sein alter, guter Freund hat, wie er mir des öfteren erzählt, ihn völlig mit Beschlag gelegt.
So sitze ich denn am Abend weiterhin allein in der niederen Eingangsöffnung meines Hauses und schaue in die Dämmerung hinaus. Oft eilen meine Gedanken der sinkenden Sonne nach. Weit da drüben im Westen, über unendlichen Weltmeeren, liegt die Heimat. Dort jauchzt und tollt jetzt die fröhlichste Faschingslust. Welch Unterschied zwischen dort und hier, zwischen brausendem Leben und allerstillster Einsamkeit! ...
Ab und zu sprüht durch den dichten, dunklen Busch ein heller Feuerbrand zu mir herüber. Er läßt die dunklen Umrisse von Palaumännern erkennen, die, einer nach dem andern, in langem, stummem Gänsemarsche auf der Wanderschaft nach irgendeinem Tanzplatze sind.
Der einzige Weiße bin ich unter vielen Hunderten von braunen Insulanern, der allereinzige Weiße auf der großen Insel. Gar nicht weit von hier das Dorf, wo sie vor kurzem beschlossen hatten, die wenigen Weißen auf den andern Inseln zu ermorden. Wenn ihnen wieder solche Gelüste kämen? ... Wenn sie die gute Gelegenheit benutzten und plötzlich in der Nacht vor mein Haus rückten? Wohl liegt der Browning neben mir auf dem Boden, aber ich käme ja gar nicht dazu, ihn zu gebrauchen. Ich würde den barfüßigen Feind gar nicht heranschleichen hören, würde ihn nicht hereinhuschen sehen. Denn tief und schwer ist der Schlaf in den Tropen.
Wozu die Gedanken? Bis jetzt habe ich keinen Grund zu Besorgnissen. Obwohl mein Haus mit allen Habseligkeiten tagelang unverschlossen dasteht, ist mir noch nie das geringste abhandengekommen. Ein paar schöne Angelhaken, die irgendein ungezogener Dorfrange hat mitgehen lassen, kann ich nicht rechnen. Wo bei uns zu Hause findet man so große Ehrlichkeit wie bei diesen sogenannten „Wilden“? ...
Weiter spähe ich in die Dunkelheit hinaus. Allmählich bricht mildes Mondlicht durch das Laubwerk. Nun wird es lebhafter im Busch. Frauen- und Mädchengestalten huschen da- und dorthin -- Kinder laufen, springen und tanzen -- jagen sich wie ein nächtlicher Spuk im hell erschimmernden Buschwald herum. Ein einsames Paar wandert in leisem Gespräch bergaufwärts, der Mann überragt das kleine Mädchen wohl um Haupteslänge. Bei einer plötzlichen Wendung seines Kopfes, kurz bevor das Paar langsam in den Bambusgebüschen meinen Augen entschwindet, habe ich in dem eifrig auf das Mädchen einredenden braunen Galan Otto, meinen trefflichen und tüchtigen Otto, erkannt. Täuschung ist bei dem hellen Mondlicht ausgeschlossen ...
„Otto!“ meine ich am nächsten Morgen, „kann ich deinen Freund nicht kennenlernen?“ ...
„Freund ist in anderes Dorf -- weiß nicht, wann wiederkommt“, antwortet er treuherzig.
„Ist aber noch recht klein und jung, dein Freund, Otto!“ ... Otto stutzt und betrachtet mich mit einem taubensanften Augenaufschlag prüfend und forschend. „Du hast gesehen meinen Freund?“ sondiert er vorsichtig.
„Ich hab gesehen. Denk an den Calabus, Otto!“
„Nicht Calabus. Ist ein junges Mädchen. Ich will heiraten es.“
„Potztausend, Otto. Ich gratuliere!“
Unruhig von einem Fuß auf den andern tretend, bleibt er vor mir stehen. Nervös spielend gleiten seine Hände über seine Lawa-lawa. Dann springt er mit einem plötzlichen Entschluß auf die Türöffnung zu, schwingt sich hinaus und läßt sich auf der Außenseite rasch herabgleiten. „Ich will fragen Vater von Mädchen.“ Fort war er.
„He, Otto,“ rief ich ihm noch nach, „bring doch deine Braut her!“ Eine Viertelstunde später erschien er mit ihr, sie an der Hand nachziehend. „Vater sagt ja!“ meinte er kurz.
Die jungen Palaumädchen sind meist sehr schlank und gut gewachsen, haben einen hübschen, freien Gang und elegante, fast graziöse Bewegungen. Über ihr ganzes Wesen ist etwas klug und verständig Abwägendes gebreitet, eine gewisse kühle und abwartende Zurückhaltung. Nach dem Eindruck ihrer Erscheinung und der Art und Weise, sich zu geben, könnte man versucht sein, sie die Französinnen, die Pariserinnen Mikronesiens zu nennen.
Otto, der Frauenkenner, hatte bei seiner Brautschau gar keinen schlechten Geschmack entwickelt. Das Mädchen hatte ein regelmäßiges, ovalschmales Gesichtchen, aus dem zwei hübsche braune Rehaugen stillklug herauslugten und mich neugierig prüfend musterten. Die schlanke, schmalschulterige Gestalt war ebenmäßig und gut durchgebildet. Kleine, zierliche Händchen, schmale Gelenke und schlanke Fußfesseln. Außer dem schmalen, landesüblichen, goldgelben Hüftenschurz hatte die Braut noch einen saftig grünen Blätterkranz um den Hals gelegt und eine brennend rote Hibiskusblüte in ihr glänzendes Schwarzhaar gesteckt. Sie mochte wohl noch sehr jung sein, kaum fünfzehn Jahre alt.
Auf den Gesichtern der beiden stand ganz unverkennbar eine gewisse Zufriedenheit ausgeprägt. Ein sehr hohes und großes Glücksgefühl leuchtet ja überhaupt wohl selten oder vielleicht gar nie auf diesen ruhigen und meist etwas regungslosen Gesichtern auf.
Ich beeilte mich, aus meiner Blechkiste der niedlichen Braut einiges Zwiebackgebäck zu schenken, die kleine Palaudame, die schon früher sehr eifrig ihre jungen Geschwister um unser Haus spazieren getragen hatte, ließ sich auch ganz zutraulich auf der Diele nieder und knusperte langsam und bedächtig prüfend an dem ihr fremden Gebäck herum.
Es mußte ihr sehr gut gemundet haben, denn schon am nächsten Tage kehrte sie wieder und brachte gleich mehrere Freundinnen mit, die eifrig mithalfen, meine Zwiebackkiste zu leeren.
Ich überließ Otto noch einige Tage seinem jungen Glücke und versuchte den einsamen Tagen in dem einsamen Dorfe soviel als möglich noch abzugewinnen, saß lange bei der versammelten Dorfschaft, wenn sie stunden- und stundenlang in einem Versammlungshause ihre Tänze einübte, sah den Mädchen und Frauen bei ihrer mühsamen und schweren Arbeit in den schlammigen Tarofeldern zu -- bis zum Knie und zu den Lenden stehen sie bei glühendster Sonnenhitze in dem grünen Sumpfe --, photographierte und versuchte, diese und jene Seltsamkeit einzuhandeln.
Aber endlich hatte ich doch genug an all der Stille und Einsamkeit. Zurück nach Korror! Otto wäre zwar begreiflicherweise noch gerne geblieben; aber da es nun einmal nicht anders ging, machte er gute Miene zum bösen Spiel, bat mich nur kurz vor der Abfahrt noch, dem Stationsleiter nichts von seiner „Verlobung und seinen Heiratsplänen“ zu sagen. --
In Korror kam mir das Häuschen des Stationsleiters Winkler wie ein Luxuspalast vor -- freudig begrüßte ich Tisch und Stuhl und all die vielen kleinen Dinge des Lebens, an die wir Europäer nun einmal von Kindesbeinen an gewöhnt sind. Vor allem aber waren die Abende nun nicht mehr so still. Bis tief in die Nacht hinein sind wir oft beisammengesessen, haben von zu Hause, haben von der weiten Welt geplaudert. Stationsleiter Winkler war mit seinem Posten wohlzufrieden. Er hatte manche Strapaze und manche Fährnis auf Expeditionen in unsern afrikanischen Kolonien bestanden. Das Leben auf Korror ist damit verglichen viel leichter und einfacher. Es gibt ja wohl auch manch schlimme, lebensgefährliche Fahrt von Insel zu Insel, es gibt manchen Ärger mit den Eingeborenen, schwere Arbeit im Kampfe gegen die Schildlaus, die auf der Insel Jap den größten Teil der Palmenbestände zerstört hat, während es Winkler gelungen ist, sie äußerst glücklich zu bekämpfen.
Auch heißt es immer ein offenes Auge haben. Die Eingeborenen sind ja durchschnittlich recht gutmütige Leute, wenigstens den Europäern gegenüber. Mord und Totschlag kommt zwar öfter vor, aber nur zwischen den Insulanern untereinander. Sie sind wie große Kinder, die aber gleich diesen leicht zu betören sind.
Da braucht nur irgendein fremdenfeindlicher Zauberer aufzustehen, und wenn er einen größeren Anhang gewinnt, wird er es leicht so darstellen können, als ob es ein Geringes wäre, die Europäer niederzumachen und zu vertreiben.
Es kommt ihm dabei zugute, daß die meisten Insulaner keinerlei Vergleichsmaßstab haben. „Ist Deutschland auch so groß wie unsere Insel?“ kann man fragen hören.
Wäre Winkler seinerzeit nicht auf der Hut gewesen, es wäre ihm ganz ebenso ergangen, wie später den deutschen Beamten in Ponape.
Aber das bißchen Gefahr und der nicht seltene Ärger vergällt einem alten Afrikaner das Leben noch lange nicht. Schlimmer ist schon die große Einsamkeit, die langen, stillen Abende -- jahrein und jahraus. Nur sechsmal im Jahr legte zur Zeit meines Aufenthaltes der Postdampfer an den Palauinseln an. Sonst das ganze Jahr kein Schiff, nur einmal der „Condor“ und vielleicht zwei oder drei japanische Segelschoner. Später mag es etwas besser geworden sein, mögen vor allem auch einige Weiße mehr auf der Inselgruppe gelebt haben, da mit dem Abbau des Phosphates, von dessen Hebung man sich viel erwartete, auf der Insel Angaur begonnen wurde.
Eine der schwersten Aufgaben des Stationsleiters schien mir die Krankenpflege zu sein. Kein Arzt war damals auf der ganzen Inselgruppe, auf der eine schreckliche Geißel der Südsee wütet, die Framboisie. Ich weiß nicht, ob wissenschaftlich schon feststeht, worum es sich hier eigentlich handelt, aber es ist wohl eine lepraähnliche Erscheinung; die von der Krankheit Befallenen verfaulen bei lebendigem Leibe. Man sieht angefressene Glieder und aufgebrochene Körper, tief in den Leib hineingewachsene Geschwüre. Manches Gesicht ist ohne jede Nase, statt ihrer nur mehr eine schwarzrote Höhlung -- ein entsetzlicher Anblick --, dem einen fehlt ein Arm, dem andern ein Bein.
Da die zwei letzten Deutschen, welche vor mir die Inseln besucht hatten, Ärzte gewesen waren, so glaubten die Leute wohl, jeder Weiße müsse ein Medizinmann sein und wiesen mir ihre schauerlichen Gebrechen und Gebresten. Ich konnte leider gar nichts anderes tun, als sie an den Stationsleiter weisen. Denn der verbindet in seinem kleinen Krankenhaus jeden Abend, wenn er seine andere mannigfache Arbeit beendet hat, die zu ihm gekommenen Kranken, gibt ihnen Medizin und hilft ihnen, so gut er kann. Ein Arzt täte da dringend not! Er würde Arbeit genug finden, denn außer der Framboisie sind auch alle möglichen andern Hautkrankheiten auf der Inselgruppe verbreitet. Ebenso sollten die Missionen auf solchen Inseln, wo ein Arzt noch nicht ist, sich möglichst viel der Krankenpflege widmen. --
Ende Januar hieß es für mich, mich zu entscheiden. Entweder mußte ich bis Ende April auf den Palauinseln bleiben oder ich konnte mit dem in den letzten Tagen des Januar von Hongkong kommenden und nach Jap gehenden Postdampfer Germania dorthin reisen. In Jap aber war die Natuna, der Dampfer der Phosphatgesellschaft, mit Kurs auf Singapore für den Februar, und ferner für den März ein nach Japan laufender Segelschoner angesagt. So entschloß ich mich, um endlich auch wieder aus der Südsee weiterzukommen, für letzteres.
Rasch war der Tag der Abreise gekommen. Selbst hier, wo das Leben so gleichmäßig dahinrinnt und manchmal ganz stocken will, fliegen dann plötzlich wieder die Tage und Wochen spukhaft rasch vorbei.
Als ich bei einem wolkenbruchartigen Dauerregen an Bord fahren mußte, stand mein Freund und Begleiter Otto gerade vor dem Hause des Stationsleiters Posten. Der Dampfer hatte einen auf der Durchreise befindlichen höheren Reichsbeamten gebracht, und da man den Wachtdienstfähigkeiten der andern Polizeisoldaten scheinbar nicht so recht traute, war Otto für einen Tag eingezogen worden und repräsentierte mit angezogenem Gewehrkolben und umgeschnallten Patronentaschen stolz die militärische Besatzung Korrors.
Als ich von ihm Abschied genommen und mich schon einige Schritte entfernt hatte, rief ich, auf den Calabus deutend, ihm noch zu: „Und heirate bald, Otto!“ ...
Er zwinkerte mir mit den Augen zu zum Zeichen, ich möge dies heikle und vertrauliche Thema doch baldmöglichst fallen lassen, schielte mißtrauisch zum Calabus, noch mißtrauischer zu den Fenstern des Stationsleiters zurück und, als er alles richtig und in bester Ordnung befunden hatte, da -- lächelte er.
Es lag unendlich viel in diesem Lächeln. Es war ein Lächeln freudiger Befriedigung -- da schwebten ihm wohl seine Braut, seine Missetaten, die ihn in den Calabus gebracht, oder noch viel mehr die, die unaufgedeckt geblieben waren, vor Augen, -- es war ein Lächeln stiller Wehmut und Resignation, wenn er der im Calabus verlebten Tage, wenn er des Stationsleiters gedachte, -- ein Lächeln heimlichen, aber zähen Trotzes, mit dem er die ganze europäische Kultur und Wirtschaft, welche die Freiheit des Palaumannes und noch so vieles andere grausam zerstört hatte, lebhaft zum Teufel wünschte.
Als ich mich -- mehr aus der Ferne -- noch einmal umblickte, legte er gerade äußerst gelangweilt sein Gewehr auf die andere Schulter.
Unsere Augen trafen sich noch einmal, und da lächelte er wieder, lächelte, als ob er damit über sein eigenes Leben und über Leben und Schicksal seines ganzen Volkes hinwegblickte, sein halb freundliches, halb still resigniertes Lächeln.
Einige Stunden später ist rings um mich her nichts als tiefblaue, unruhvoll wogende See -- spurlos im Weltmeer versunken die stille Inselidylle.
21. Hundert Tage auf Jap.
So bin ich denn wieder in Jap. Als ich an Land fahre, hege ich freilich die allerbeste Hoffnung, daß ich nur wenige Wochen später schon wieder an Bord der Natuna oder des japanischen Segelschoners gehen könne. Die Germania aber, die mich hierher gebracht, sticht bereits am nächsten Morgen von neuem in See, um nach den Marianen, nach Ponape und anderen Inseln zu fahren. Dreimal im Jahre trat sie von Sydney, dreimal von Hongkong aus die Reise durch die mikronesische Inselwelt an, deren einzige und regelmäßige Verbindung mit Asien, Australien und Europa sie darstellte.
Sofort nach Ankunft mache ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Quartier. Das ist auch auf Jap gar nicht so leicht, denn das „Gasthaus zur Kokosnuß“ verschenkt wohl Bier und Whisky, bietet aber keinerlei Unterkunftsmöglichkeit. Das Holzhäuschen, in dem ich das erstemal gewohnt hatte, war wegen Baufälligkeit zum Abbruch bestimmt, und so war ich sehr froh, als mir der Direktor der Telegraphenstation die Erlaubnis erteilte, ein freies Zimmer im Wohnhaus der Beamten zu beziehen und an den Mahlzeiten in der Messe teilzunehmen.
Jap war nämlich, wie schon erwähnt, Telegraphenstation der deutsch-holländischen Kabellinie Menado-Schanghai, und außer dem Direktor waren dort ständig acht bis zehn Beamte tätig -- bis auf einen Schweizer, einen Engländer und einen Holländer lauter Deutsche. So waren schon dadurch auf Jap viel mehr Europäer als auf den meisten andern dieser Inseln. Neben den drei Beamten des Reiches, einem deutschen Arzt, zwei Kapuzinerpatres und drei Händlern befanden sich auch einige deutsche Frauen auf der Insel.
Jap hat, wie eben erwähnt, eine Kabelstation. Diese Tatsache ist wohl schuld daran, daß Japan sich seines Mandates, das es für die früher deutschen Inseln bis zum Äquator erhalten hat, was Jap betrifft, nicht so ganz sorglos freuen konnte. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika störten ihm das Vergnügen, hierzu wohl veranlaßt durch die Nähe der ihnen gehörigen Philippinen.
Für mich gab es anfangs in Jap recht viel zu sehen. Denn während meines ersten Aufenthaltes hatten die ständigen Wolkenbrüche, die der Nordostpassat herbeigeführt hatte, jeden längeren Aufenthalt im Freien unmöglich gemacht. So war das Verschiedenste nachzuholen.
Jap war schon in altspanischer Zeit Regierungsstation gewesen. Die Spanier hatten aber durch ihre Zwangsbekehrungen die Eingeborenenbevölkerung dermaßen erbittert, daß sie ständig ein kriegsstarkes Bataillon auf der Insel, einen oder zwei Kreuzer im Hafen haben mußten.
Deutschland, das sofort Gewissensfreiheit verkündet hatte, hielt die Ordnung mit einer kleinen braunen Polizeitruppe von dreißig Mann aufrecht, die in dem früheren spanischen Fort untergebracht war.
Manch schmückendes Beiwort verdiente das schöne Eiland: denn Jap ist die Insel der schönen, wohlgepflegten Wege, die, auf Befehl des Bezirksamts von Häuptlingen und Dorfschaften in gutem Stand gehalten, sie nach allen Seiten durchqueren und umlaufen, und welch schöne Wege zu gehen die auf Jap lebenden Europäer meist zu faul sind.
Es ist ferner die Insel der handgroßen, herrlichen Hibiskusblüte. Mit brennend heißem, flammendem, breit und stark aufgetragenem Rot bekränzt sie bacchantisch das Grün am Wege.
Es ist auch die Insel der Südseekrinoline, die sich die sonst ganz unbekleidet gehenden, oft recht hübschen Insulanerinnen in Gestalt von zwei oder drei schweren Grasröcken um die Hüften binden -- Grasröcke, so wulstig und umfangreich, daß die armen Japerinnen durch diese recht unbequeme Mode gezwungen sind, beim Gehen die Arme stets weit vom Körper wegzuhalten und abzuspreizen.
Was die Herren der Schöpfung anlangt, so ist Jap ein gesegnetes Dorado und eine Hochburg der „Männereitelkeit“. Nach Frauenart hoch hinaufgebunden tragen die Japmänner ihr mit viel Liebe gepflegtes, langes Haar ernst und würdevoll zur Schau. Diese Haartracht gibt den meisten Gesichtern einen etwas weibischen und weichlichen Zug. Der große, sorgfältig geschnitzte, fest in der dichten Perücke sitzende und mit manchem bunten Lappen verbrämte Holzkamm ist Abzeichen und Sinnbild des „Freien“, der auf jede seine Schönheit gefährdende Arbeit stolz und verächtlich herabblickt. Kein Sklave darf ihn tragen!
Auf Jap gibt es nämlich noch heute in verschiedenen, ganz getrennten Dörfern wohnende „Freie“ und „Sklaven“. Freilich ist die Form der Sklaverei eine ziemlich milde. Dem Manne des Sklavendorfes, ebenso seiner Frau und seinen Kindern steht aber eine größere Reihe von Rechten der „Freien“ nicht zu, auch sind die Sklaven den Häuptlingen der „freien“ Dörfer zu manchen Zwangsdiensten verpflichtet.
Wo die Eitelkeit zu Hause ist, entwickelt sich selbst bei Wilden oder Halbwilden, auf Jap noch gefördert und unterstützt durch die bestehenden Hörigkeitsverhältnisse, ein strenges „Zeremoniell“. Fest geregelt ist zum Beispiel die Grußform und ganz genau bestimmt, welches Dorf und welcher Mann zuerst zu grüßen hat. Es gibt auch keine einzige Japfamilie, gibt keinen Japmann, der nicht seinen ihm durch Tradition und Vererbung für immer zugewiesenen Klassen- und Hofrang hätte. Selbst bei sonst ganz formlosen Wanderungen von Dorf zu Dorf -- die Japleute gehen aus alter Buschangewohnheit auch auf den jetzigen, breiten Wegen nie nebeneinander, sondern immer einer hinter dem andern -- wird mit Argusaugen darauf gesehen, daß der Vornehmste und Würdigste stolz voranmarschiert und die andern sich ihm jeweils nach der gesellschaftlichen Stufenleiter und Rangordnung anschließen. Dies gilt für die Männer, gilt auch den Frauen und Mädchen. Besonders letztere bieten mit ihren hin und her schlenkernden Armen, wichtig und ihrer Würde bewußt hintereinanderhertrottend, oft einen recht drolligen Anblick.
Begegnet solch ein langsam und bedächtig seines Weges ziehender Insulanerzug einem Weißen, so tritt er wortlos beiseite -- das ist sein Gruß -- und läßt den weißen Mann vorbeigehen. Stoßen Japdamen auf einen Europäer, so halten sie ebenfalls an und weichen ganz an den Pfadrand zurück, machen dabei aber schämig völlig kehrt, dem hierüber das erstemal baß erstaunten Fremdling als freundlichen Weg- und Willkommengruß ihre Rückenpartien zeigend.
Die allergrößte Merkwürdigkeit Japs aber ist das Steingeld. Meines Wissens hatte dieses Steingeld von Jap früher ein Gegenstück in Afrika, in Togoland und an der Goldküste. Dort handelte es sich freilich nur um ganz kleines, handliches Steingeld, während auf Jap Geldsteine bis zu vier Meter Durchmesser zu finden sind. Schon mit einem kleinen Stück von zirka sechs Spannen kann man fünfundzwanzig Sack Kopra kaufen, und mit den Steinriesen, die sogar ihre eigenen Namen und Ehrentitel führen, ersteht der Japmann sich die größten Felder und schönsten Häuser, die allerbegehrtesten Frauen; für kleinere Zahlungen aber wird „Muschelgeld“ benutzt.
Diese Geldsteine sind gewaltige, durchlochte und kreisrund behauene Kalkspatstücke, die allenthalben in den Dörfern und an den Wegen aufgestellt werden.
Sie sind ein sehr sicherer Besitz, denn gestohlen kann so ein viele Zentner schwerer Stein nicht allzu leicht werden. Bei den großen muß, um sie fortzuschleppen, schon eine ganze Dorfschaft, hundert und mehr Leute, Dienste tun. Ein Palmstamm wird durch das Loch in der Mitte gesteckt, fünfzig Leute fassen vorne, fünfzig hinten an und so wird im feierlichen Zuge das niedliche Geldstück seinem neuen Besitzer zugestellt.
Ein heimliches Fortschaffen bei Nacht würde den Dieben ebenfalls recht wenig helfen, denn jedes wertvollere Exemplar ist an kleinen Kennzeichen auf der ganzen Insel bekannt. In früheren Zeiten dienten die besseren Stücke als Kriegsentschädigung. Dieses eigenartige Geld wird von den hoffnungsvollen Japsprößlingen auch sehr gerne ab und zu als Turngerät benutzt, auf dem sie waghalsig herumklettern und rutschen.
Der in Jap nicht vorkommende Stein wird auf den Palauinseln gebrochen, mitten in den Bergen drin. Durch glattschlüpfrige Wildnis und an schwindelnd steilen Abstürzen vorbei muß man sich zu solch einem „Steingeldbruch“ mühselig hinarbeiten. Mit den primitivsten Werkzeugen wird der Stein hier bearbeitet, unter ganz ungeheuren Schwierigkeiten an den Strand geschafft und auf Bambusflöße verladen. Dann folgt noch der weite, lange und gefahrvolle Seeweg bis Jap. Manch Floß, das diese zentnerschweren Riesensteine trug, manch Kanoe, das diese Flöße schleppte, ist dabei schon in die Tiefe gegangen.
So ist es wohl zu verstehen, daß das so hart und sauer gewonnene Steingeld bei den Insulanern sehr hoch im Kurse steht, und daß es sehr, sehr bitter für die armen Leute sein mußte, wenn ab und zu auf einen solch schönen und lieben, weißen Stein ein mächtiges, häßliches, schwarzes ~B. A.~ (= Bezirks-Amt) aufgemalt wurde, zum Zeichen dessen, daß der unerbittliche Amtmann wegen irgendwelcher Sünden und Missetaten, nicht geleisteter Wegebaupflicht oder anderer Verfehlungen die Pfändung eines Steines angeordnet hatte.
Damals brachte auch die Germania, brachten auch Segelschoner die Geldsteine von den Palauinseln nach Jap, aber nur die Stücke, welche auf dem Kanoe nach der Insel gekommen sind, genossen das ganze volle Ansehen und die höchste Bewertung.
Von den „steinreichen Eingeborenen“ komme ich zu den deutschen Händlern -- es wären ihrer, wie schon erwähnt, nur drei --, die aber alle drei zu ihrem größten Leidwesen keine „steinreichen Leute“ wurden. Denn auch Jap war eine der so häufigen Stätten deutschen Kolonialpeches.
[Illustration: Tanzende Männer auf Jap. (S. 101)]
[Illustration: Steingeld auf Jap. (S. 143)]
[Illustration]
[Illustration: Verschiedene Eingeborenenhäuser auf Jap. (Kap. 21)]
An demselben Tage, an dem auf dem spanischen Fort die deutsche Flagge emporging -- „ein böses Omen“, sagten manche --, verheerte ein schwerer Taifun die ganze Insel.