Part 5
Als wir an Land kamen, sahen wir erst so recht, wie gewaltig der Orkan hier gewütet hatte. Die weithin gestreckte Pflanzung war ein einziges großes, trauriges Trümmerfeld. An keiner, keiner einzigen Palme mehr eine einzige Frucht, die Blätter gelb und zerfetzt, auf dem Boden in wirrem Durcheinander gefallene Stämme, abgerissene Blätter und Kokosnüsse, auf Jahre hinaus keine Ernte mehr zu erwarten. Die Palmhütten der Arbeiter niedergerissen, von dem festgefügten Koprahaus das Dach verschwunden, alle vier Wände niedergelegt.
Die Insel, die auf mehrere Jahre hinaus keinen Ertrag und keine Ernte mehr geben würde, mußte fürs erste aufgelassen und der größte Teil der Arbeiter davon zurückgezogen werden. In diesem Sinne gab der deutsche Kaufmann seine Anordnungen.
Nun begann in der vorher ganz stillen Ansiedelung sich plötzlich das regste und bunteste Leben zu entfalten. Die braunen, pudelnackten Karolinerkinder -- außer einigen Chamorros, den Ureinwohnern der Marianen, sind fast sämtliche Arbeiter den auf Saipan ansässigen Karolinern entnommen -- tollten in wilder Jagd hinter dem Geflügel, Hähnen, Hühnern und Enten, einher. Die Männer, ebenfalls fast ganz nackt, es waren kräftige und prächtig ebenmäßige Gestalten darunter, machten sich daran, die Schweine einzufangen, eine böse, schwierige und gefährliche Arbeit. Denn das Schwein hierzulande ist nicht so zahm, friedlich und gutmütig wie unser deutsches Hausschwein. Es verteidigt seine Freiheit mit allen Mitteln, und vor allem die großen schweren Eber sind böse und ungebärdige Gesellen.
In den auf hohen Holzpfählen stehenden, mit Palmblättern bekleideten und überdeckten Hütten sind inzwischen die Frauen an der Arbeit, die wenigen Familienhabseligkeiten in Kisten und Bündel zu packen und ihre Lawa-lawa, ein schurzartiges, die Lenden deckendes Bekleidungsstück, in der sie sich zuerst vorstellten, gegen irgendein grellfarbiges, leichtes Festtagskleidungsstück europäischer Machart zu vertauschen.
In kurzer Zeit sind alle Reisevorbereitungen beendet, die Arbeiterkolonie von Agrigan steigt mit ihren Tieren, Kisten und Bündeln zum Strande hinab.
Der deutsche Kaufmann und ich haben die Zwischenzeit dazu benutzt, uns an einigen Kokosnüssen und an einem Stück saftigen Schweinebratens zu erfreuen; man kann sonst nicht viel tun, denn das mannshohe, messerscharfe Savannengras macht jedes weitere Eindringen in die sonst gänzlich unbewohnte Insel fast unmöglich. Leider fehlten die Bananen und die Orangen -- all das wurde auch vom Taifun zerstört --, aber dennoch hat mir noch kein Diner je so gemundet, wie nach langer japanischer Schiffskost dieser einfache, aber frische und schmackhafte Imbiß, bei dem die fehlenden alkoholischen Getränke sowie das ebenfalls ermangelnde Quellwasser eine Schale erfrischender Kokosnußmilch ersetzen mußte.
Als wir zum Strand hinabkamen, saß schon die ganze braune, bunt zusammengewürfelte Gesellschaft fröhlich schwatzend und scherzend im Sande und wartete der Einschiffung. Diese gestaltete sich infolge der Brandung etwas langwierig und schwierig. Für das Landungsboot ist es unmöglich, ganz ans Ufer heranzukommen. Die Männer waten und schwimmen hinaus bis zum Boot; Frauen, Kinder und sämtliches Getier werden hinausgetragen, wobei sich manche heitere Episode abspielt, wenn irgendeine höhere Brandungswelle die Träger samt ihrer Last teilweise oder auch ganz für ein paar Augenblicke in feuchtes, salziges Naß eintaucht.
Eine große allgemeine Fröhlichkeit erfaßt allmählich diese Menschen, die nun wieder bessere Tage vor sich sehen. Fast zwei Monate haben sie sich so ziemlich ausschließlich von Kokosnüssen genährt. Der Proviant war ausgegangen, alle Baum- und Feldfrüchte waren vernichtet. Hühner und Schweine waren in der Hauptsache Eigentum des deutschen Kaufmannes, des Aufsehers und einiger weniger, besser gestellten Arbeiter gewesen. So freuen sie sich jetzt der kommenden guten Zeiten.
Nur zwei Menschen sehe ich, die mitten in der allgemeinen Lustigkeit traurig sind, zwei schlanke, hübsche Karoliner: ein junger Mensch, Anfang der Zwanziger, und ein junges Mädchen, beide in Lawa-lawa und ein paar grüne Zweige in den schwarzen Haaren.
Er muß, da seine Arbeitskraft hier nicht mehr benötigt wird, nach Saipan zurückkehren, während sie in Agrigan zurückbleiben soll.
Sie lehnt und preßt ihren Kopf an seine Schulter, schluchzt bitterlich und hat die braunen Augen voll von großen schweren Tränen. Er hat ihre Hand gefaßt, drückt sie und starrt wortlos und düster in den Sand.
So stehen sie lange, stehen noch da, als unser Landungsboot schon weit in der See schwimmt, stehen als die letzten, die einzigen, am Ufer, die zwei braunen, jungen, schlanken, nackten Menschen mit dem lichten Baumgrün im dunklen Haar, beide ganz allein an der unendlichen tiefblauen See, die sich mit ihren weiten Wassern nun trennend zwischen sie legen soll, beide von Abschiedsweh durchzittert.
Plötzlich macht er sich entschlossen los, springt durch die Brandung und schwimmt mit starken, kräftigen Stößen, von der Dünungswelle bald hoch hinaufgetragen, bald in den Wogentälern versinkend, unserm Boote nach. Sie aber wendet sich kurz um und geht langsam, ohne noch einmal umzusehen, zu ihrer Hütte unter den entlaubten Palmen zurück. -- --
Eine Stunde später lichten wir den Anker und segeln in den rasch herabsinkenden Abend hinein. Monate und Monate werden vergehen, bevor das weltvergessene Agrigan wieder ein Schiff zu Gesicht bekommen wird.
12. Pagan.
Die Tora Maru fährt am nächsten Morgen in die Bucht der Insel Pagan ein.
Hier sieht es freundlicher aus. Zwar bemerken wir schon vom Schiffe aus, daß auch hier der Taifun gewütet haben muß. Aber Dorf und Pflanzungen liegen hier geschützter, mehr landeinwärts, zur Linken von schwarzen, hohen bizarren Basaltfelsen umtürmt, rechts ebenfalls von Höhen umlagert, und weiter landeinwärts baut sich ein mächtiger, noch tätiger Vulkan auf, der sein Haupt in schwere, dichte Dunst- und Rauchwolken gehüllt hat.
Bald stehen wir auf dem schwarzen Ufersand, bald sind wir in dem freundlichen Dörfchen mitten unter den braunen, lustigen Leuten, bald durchwandern wir die weiten, hohen, saftig grünen Palmpflanzungen.
Hier sind die Palmen selbst wenigstens nicht vom Taifun gestürzt und entwurzelt, nur dann und wann ist eine Krone oder eine Blättergruppe geknickt worden, die Früchte liegen auf dem Boden verstreut. Nach Jahresfrist, wenn kein neuer Taifun über die Insel wegzieht, ist wieder auf eine Ernte zu hoffen. Aber vorläufig freilich muß auch diese Insel in der Hauptsache geräumt werden! ...
Am Abend dieses Tages hat die kleine Tora Maru ungefähr siebzig Karoliner an Bord: Männer, Frauen und eine Unmenge Kinder, einige Dutzend Schweine und unzähliges Geflügel, darunter an dreißig Kampfhähne, die getrennt an der Reling angebunden, sich gegenseitig nach Leibeskräften und Herzenslust ankrähen.
Leider waren auch wieder die letzten sechsunddreißig Stunden unserer Reise, die Fahrt von Pagan nach Saipan, sehr wenig erquicklich. Es war, als ob die Berge und Vulkane von Pagan sich ins Meer fortpflanzen wollten, so stark war der Seegang, und jede Minute kam ein schwerer Brecher über Bord.
Dazu das mit Menschen und Tieren überfüllte Schiff. Der Kapitän machte einen ganz gekränkten Kopf, und die Matrosen wußten kaum, wo sie sich hinstellen sollten, die Segel aufzuziehen und einzureffen.
Freilich, das mörderische Geschrei der Kampfhähne verstummte sehr bald. Schon nachdem sie die paar ersten Wellen über den Kamm bekommen hatten, wurden sie ganz friedlich und duckten sich mit nassen Flügeln so klein zusammen, als sie nur konnten. Auch die Schweine gaben ihr Grunzen und Brummen sehr bald auf, kauerten sich, schwer seekrank, unter der vor der Nässe schützenden Holzverkleidung des Buges zusammen und lagen dort wie leblos und tot.
Dafür zeterten und schrien nun unsere zahlreichen Kinder der verschiedensten Jahrgänge um so mehr und die Frauen ächzten und stöhnten.
Einige Frauen und Kinder können wir zwar enggepfercht in unserm Eßzimmerchen unterbringen. Aber alle die vielen andern, für die hier kein Platz ist, müssen die sechsunddreißigstündige, durch Regenböen und übergehende Wellen wenig behaglich gemachte Fahrt auf freiem, ungeschütztem Deck verbringen, und alle wohl seufzen erleichtert auf, als am Morgen des übernächsten Tages die grüne Bergküste Saipans im Süden auftaucht.
Auch ich. Und ich sagte der Tora Maru endgültig Lebewohl. Ich hatte zwar beabsichtigt, drei Tage später mit ihr noch bis Guam weiterzufahren und von dort wieder auf ihr nach Saipan zurückzukehren. Aber während man zur Fahrt von Saipan bis Guam nur zwei Tage benötigt, dauert die Rückreise von Guam nach Saipan zehn bis vierzehn Tage, oft auch länger. Man muß beständig gegen den in dieser Jahreszeit hier regelmäßig wehenden Nordostpassat aufkreuzen. Und ich war nicht gewillt, mir das amerikanische Guam durch einen weiteren vierzehntägigen japanischen Kostgenuß zu erkaufen.
Während ich im Landungsboote in das Korallenriff Saipans einfahre, blicke ich Abschied nehmend noch einmal zu den weißen Segeln der Tora Maru zurück.
„Leb wohl!“ rufe ich ihr über die hohe schäumende See zu. „Leb wohl, du schlankes, schönes Tigerschiff! ... Hast mich treulich durch Sturm und böse See viele Meilen weit hierher getragen. Hab tausend Dank! Leb wohl, schlanke, schöne Tora Maru!“ --
13. Geschichte der Marianen.
Die Marianen wurden von Magalhães im Jahre 1521 entdeckt. Er war im September 1519 von Spanien aufgebrochen, um einen neuen, auf der spanischen Erdhälfte gelegenen Weg nach den Molukken zu finden. Vierzehn Monate später erreichte er, nachdem er schon zwei Schiffe verloren hatte, mit den drei übrigen die Südsee. Magalhães war es, der sie wegen des andauernd ruhigen Wetters, das er hier antraf, den „Stillen Ozean“ taufte. Am 6. März 1521 warf er vor einer Marianeninsel Anker. Die Eingeborenen, die sein Schiff mit ihren kleinen Seglern umringten, waren zuerst freundlich und brachten ihm Nahrung und die Früchte des Landes, dann aber wurden sie zudringlich, stahlen ein Boot und Metalle. „Ladronen“ = „Diebsinseln“ nannte daher Magalhães das neue entdeckte Land. Ein Streit entspann sich, die Eingeborenen kämpften mit Wurfspeeren und Schleudern, waren aber den Feuerwaffen der Europäer nicht gewachsen. Schon am 9. März fuhr Magalhães weiter, und nach seinem bald darauf auf den Philippinen erfolgenden Tode vollendete sein Begleiter Eltano diese allererste Weltumseglung.
Auf einer zweiten Reise entdeckte Eltano die Marianeninsel Rota, im Jahre 1565 ergriff Spanien förmlich Besitz von der Inselgruppe, aber erst ein Jahrhundert später mit der Ankunft des Jesuitenpaters Sanvitores setzte die tatsächliche Herrschaft der Spanier ein. Nach der Königin Maria Anna hieß er die Inselgruppe „Marianen“.
Der Bekehrungstätigkeit des spanischen Paters stellten sich bald Schwierigkeiten entgegen. Der Adel wollte nicht dulden, daß das Volk auch die Sakramente bekomme. Außerdem war die Ehe der „Chamorros“, der Ureinwohner der Marianen, stets eine sehr lose und nur auf Neigungsdauer geschlossen. Sie betrachteten daher die durch Sanvitores eingeführte, unlösliche katholische Ehe als eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.
Schon 1670 brachen die ersten Unruhen aus und Sanvitores wurde 1672 von einem Chamorro getötet, dessen Kind er gegen den Willen des Vaters getauft hatte.
Doch alle Versuche der Chamorros, die Spanier zu vertreiben, scheiterten daran, daß die Eingeborenen, wie fast alle Naturvölker, im entscheidenden Augenblick nicht genügend Entschlossenheit zeigten und auch nie vollständig einig waren.
Kämpfe und Kämpfe, dann Seuchen und Hungersnot folgten. Schon im Jahre 1710 war von dem in alten Missionsberichten auf 100000 Köpfe geschätzten Volke der Chamorros nur mehr ein kleiner Überrest von 3700 Menschen übrig.
Der Rest des Chamorrovolkes vermischte sich mit Spaniern, Tagalen, den Ureinwohnern der Philippinen, wohl auch mit Chinesen und Japanern. Es hat seine früheren guten Eigenschaften so ziemlich verloren, Kriegsmut und Seetüchtigkeit, Freiheitsliebe und Unabhängigkeitssinn. Alle Chamorros sind heute katholische Christen und gehen bekleidet. Auf den früher deutschen Inseln leben ungefähr 2500, während auf der größten und fruchtbarsten Marianeninsel, auf Guam, das im spanisch-amerikanischen Kriege von den United States durch Überrumpelung genommen und beim Friedensschluß behalten wurde, noch ungefähr 10000 wohnen. Neben den Chamorros sind auf den meisten Inseln, so auf Agrigan, Pagan, auf Tinian und vor allem auf Saipan, auch Karoliner zu finden -- ungefähr 500 --, die hauptsächlich im Laufe des vorigen Jahrhunderts auf ihren Kanoes hierher gekommen sind. Sie zählen zum Stamme der Mikronesier, einer Mischung aus Malaien und Melanesiern, sind Heiden geblieben, gehen unbekleidet, halten zäh an ihren alten Gewohnheiten und Gebräuchen fest, sind auch bis heute ziemlich rasserein geblieben. Die auf Saipan lebenden Karoliner sind die kultiviertesten ihres Stammes, sind vor allem ziemlich fleißige Land- und Ackerbauer geworden. Auch eine Strafkolonie befand sich auf Saipan, in der Deportierte verschiedener anderer Inseln, von Jap, Palau und Samoa zwangsweise angesiedelt waren.
Die Marianen und Karolinen wurden im Jahre 1899 für 16 Millionen von Deutschland erworben. Der Kaufpreis war nicht gering, wenn man bedenkt, daß die meisten Inseln klein sind, daß kulturell und kolonisatorisch nur geringe Vorarbeit geleistet worden war. Auch saßen wir nun plötzlich mitten in der japanischen Interessensphäre. Japan hätte die Inselgruppen ebenfalls gern besessen und hatte dafür 12 Millionen geboten. Die Möglichkeit von Reibungen aller Art war gegeben, zudem noch die Wahrscheinlichkeit, daß Japan, sowie das Deutsche Reich von ernsteren kriegerischen Verwicklungen heimgesucht würde, auf diese Inselwelt seine Hand legen würde. So ist es denn auch gekommen.
Japan hat durch den Versailler Frieden das Mandat für die Marianen und Karolinen und für alle andern früher deutschen Inseln bis zum Äquator erhalten.
14. Saipan.
Auf Saipan und in dessen Hauptort Garapan gab es kein Gasthaus. Mir glückte es schließlich bei einem japanischen Kaufmann, namens Isoda, unterzukommen. Er war früher Dolmetscher beim deutschen Generalkonsulat in Jokohama gewesen.
Neben dem Hause, über den angrenzenden Hütten der Chamorros, ringsum, wohin man von breiter Veranda aus blickt, Palmen und Palmen. Wenn der Wind in den breiten Blättern liegt, hört sich das an wie das Rauschen eines großen unermeßlichen Waldes.
Nur zwanzig Schritt vom Hause entfernt beginnt der weiße Ufersand und weitere zwanzig Schritt das Meer, zuerst seicht und smaragdgrün. Weiter draußen dann ein weißer Silberschaum. Dort brechen die Wellen sich am Riff. Noch weiter draußen, außerhalb des Riffs, endlose, azurblaue Fläche.
Sehr schön ist es, wenn die Sonne im Westen gesunken ist, wenn nur noch ihr Widerschein mit blassem und doch hellem Licht durchs Ufergrün irrt und oben am tiefblauen Firmament die sanftroten Windwolken ziehen.
Wird es dunkler, singen sie in den Hütten, heute in der und morgen in jener, altspanische Kirchenmelodien. Es ist gerade „Novena“, das heißt die neun letzten Tage vor einem größeren Kirchenfeste. Und die feiern sie auch heute noch so, wie die spanischen Mönche sie es gelehrt haben.
Man merkt es dem Gesange der Chamorros nicht allzu schwer an, daß nicht recht viel Andacht bei der Sache ist, daß es vielmehr die Freude am Gesange ist, die ihnen die Feier lieb und wert macht. Aus der Ferne klingt es ganz hübsch und bringt Stimmung in die Landschaft.
Aber dann -- dann wird es still! ...
Still stehen die schlanken, hohen Stämme, still ruhen die breiten Kronen der Palmen. Nachtschwarz und still -- kaum zu sehen, schlafen die Hütten im weichen Ufersand. Still ist die See und dunkel, bloß ein schmaler Streif erglänzt matt im fahlgrünen, von Wolkenschleiern halbverdeckten Mondlicht. Die Sterne schimmern hell durchs schlanke Blattwerk der Palmen. Nun beginnt auch auf der See ein großer Stern aufzuleuchten -- und dann noch einer und noch einer -- bis es wohl an hundert sind.
Und lautlos wie hundert Irrlichter gleiten die hundert Sterne da und dort hin über die dunkle, nachtschwarze See. Karoliner sind es, die in ihren Kanoes bei Fackellicht fischen.
Aber man sieht nicht die Boote, hört nicht die Menschen. Nur die Lichter ziehen -- wie die Sterne über den Himmel -- lautlos ... zitternd über das Meer.
„Südsee.“ Nun bin ich wirklich da.
„Südsee!“ Schon in Wort und Namen liegt ja für uns Menschen der nördlich gemäßigten Zone ein starker und verlockender Klang. Wenn der Wintersturm pfeifend über die Dächer fegt und klirrend an den Fensterscheiben rüttelt, wenn in den nebelgrauen Städten unter Rauch und Dunst die Sonne gestorben ist, dann träumt man von schimmernder Lampe und warmem Ofen sich über Berge und Meere in ferne Länder hinweg, die keinen Herbst und Winter kennen.
Ewiger Sommer, strahlende Sonne über uns. Blumen, Blüten und Früchte. Nacktbraune Menschen an stillem Palmenstrand, und ringsum das Meer, das raunende, rauschende, in dunkelblau wallendem Kleide unruhevoll hin und her wandernde Meer, das sich mit einem leuchtenden Halsband smaragdgrüner Korallenriffe festlich geschmückt und heiter lächelnd auf sein ewig jugendschönes Haupt eine strahlende Diademkrone von Millionen funkelnder Brillanten gedrückt hat, von Millionen in allen Farben blitzender und erschimmernder Tropfen, die von dem schneeweißen Gischt der wuchtigen Brandungswoge ins lachende Sonnengold hoch emporgeschleudert werden.
So träumt man. -- Wenn man dann wirklich den Fuß auf die erste Palmeninsel gesetzt hat, wenn man zum erstenmal faul im weichen Ufersand sich reckt und streckt oder sich von lauer, sonnendurchwärmter Flutwelle vergnüglich auf und ab schaukeln läßt, so sagt man sich froh und zufrieden, daß das Bild paradiesischer Idylle, das sich Traum und Phantasie zurechtgesponnen, nicht, wie so oft, schöner und lockender als die erdgeborene Wirklichkeit gewesen ist.
Im Gegenteil! ... Der Phantasie haben des Lebens leuchtende Farben doch nicht so ganz zur Verfügung gestanden. Viel zu nüchtern und grau -- zu kalt und nordisch hat sie gemalt. Schon der Grundton war falsch. Und der heiße Farbenrausch ringsumher, dies unendlich mächtige Sonnenlicht, diese taghellen, weißsilbernen Mondnächte, die Feuerglut der Gestirne, das alles läßt sich nie erdenken und erdichten. Man muß es sehen und schauen.
Halb andächtig, halb übermütig blickt man umher. Lachender Lebenssonntag um und in uns. Leib und Seele wurden in einem Jungbrunnen gebadet, Wegstaub und Erdenschwere sind weggewaschen. Man meint, auf höherer, freierer Warte, man glaubt, näher der Sonne zu stehen.
Und -- während man selbst den Puls rascher und freudiger schlagen, das Blut heißer durch die Adern jagen fühlt, hört man rings um sich die lange auf diesen Inseln lebenden Europäer alles Mögliche über die Entbehrungen und Strapazen ihres Lebens klagen und fabeln. Aber man lächelt nur ungläubig dazu. Denn selbst ist man ja so ganz erfüllt von Freude, daß man am Abend keinen Schlaf finden kann, weil man sich zu schwer von all der Pracht trennt, daß man mit einem frohen Willkommen das Morgengrauen und den ersten Sonnenstrahl begrüßt, die uns wieder zum Bewußtsein all der Herrlichkeiten erwachen lassen.
Früh schon wird es Tag im Dorf Garapan. Es ist noch dunkel, da beginnen schon die Hähne zu krähen. Aber nicht der eine oder andere nur, Hunderte und Hunderte von Hähnen. All die vielen, vielen Kampfhähne der Chamorros und Karoliner lärmen um die Wette, ganz Garapan scheint ein einziger, großer Geflügelhof geworden zu sein. An Schlaf ist da, wenigstens in den ersten Tagen, nicht mehr zu denken.
Auf denn! Zuerst nehme ich ein Morgenbad im klaren Meer. Dann wandere ich ziellos der See entlang, wo unter hohen, schattigen Palmen die Hütten des immer vergnügten Karolinervölkleins liegen; Männer, Weiber, Kinder, Kühe, Schweine und Hühner wimmeln da lustig durcheinander. Reiches Leben auch im warmen Ufersande. Von den großen Krabben bis zum kleinen Einsiedlerkrebs, eine unendlich bunte und mannigfaltige, lebhaft dahinlaufende und kriechende Tierwelt.
Fort nun vom Meere und mitten in den grünen Busch, in die Savannen hinein. Überall gibt es auch hier Neues und Seltsames zu sehen, weite Tarofelder und lichte Bananenwälder, verschlungene Lianen, herrliche Orchideen und verschiedenartigste Drazänen. Eine neue seltsame Welt ist aus der rauschenden See vor mir emporgetaucht.
Am ersten Tage meines Aufenthaltes werde ich auch schon mit allen auf Saipan lebenden Deutschen bekannt. Da ist ein Stationsleiter, ein Lazarettgehilfe, zugleich auch Befehlshaber und Kommandant der braunen, mit roter Lawa-lawa bekleideten Polizeitruppe, ein Weg- und Plantagenaufseher, ein deutscher Lehrer, dessen Schule ich besuche. Frisch und lustig stehen die gelben Chamorro-, die braunen Karolinerkinder Red’ und Antwort, und zum Schlusse singen sie sogar einige Lieder.
„Ich geh’ durch einen grasgrünen Wald Und höre die Vögelein singen. Sie singen so jung, sie singen so alt. Die kleinen Vögelein in dem Wald, Die hör’ ich so gerne wohl singen!“
Hell und jauchzend klingt das alte Volkslied in den Palmenwald der Tropen hinein.
Außer den vier eben genannten und vom Reich angestellten Persönlichkeiten noch zwei deutsche Kapuzinerpatres, welche die frühere spanische Mission übernommen haben, ein deutscher Pflanzer und der deutsche Kaufmann, mit dem ich von Jokohama gekommen bin. Zur Zeit meiner Anwesenheit waren auf Saipan auch noch zwei deutsche Frauen.
Da auf allen andern Marianeninseln keine Deutschen lebten, waren also damals nur zwei dem Privaterwerb nachgehende Deutsche auf der Inselgruppe. Und selbst diese beiden klagten. Außer der Kopra, dem getrockneten Kern der Kokosnuß, ist eben wenig auszuführen. Die Kokospalme kommt nun an und für sich recht gut fort, wenn nicht die immer wiederkehrenden Taifune wären, die alle paar Jahre die Ernte sowie den Palmenbestand der oder jener Insel vollständig vernichten.
Beim Durchwandern der breiten Straßen von Dorf Garapan fällt mir vor allem die große Verschiedenartigkeit der Häuser und Bauwerke auf. Die Chamorros und die von ihnen beeinflußten Karoliner stellen ihre Wohnhäuser auf in den Erdboden gerammte Holzpflöcke und decken sie mit Palmstroh oder den getrockneten Blättern des Pandanusbaumes ein. Fußboden und Wohnraum befinden sich einen Meter über der Erde; der freie Raum darunter dient Hühnern und Schweinen als Aufenthalt.
Am lebhaftesten geht es in Dorf Garapan am Abend her, wenn der Glutball der Sonne nach heißer Tagesreise im Meer sich kühlen will. Auf ihren zu Reittieren dressierten Ochsen kommen in raschem, schlankem Trabe die Karolinerjungen vom Felde herein geritten, langsamer folgen die Weiber, sitzend auf einem kurzen, ebenfalls von Ochsen gezogenen Karren, dessen Räder oft nur aus zwei kreisrunden, massiven Steinplatten bestehen.
[Illustration: Dorf auf Pagan mit vom Taifun entblätterten und entwurzelten Palmen. (S. 70)]
[Illustration: Die „Tora Maru“ verläßt Pagan. (S. 71)]
[Illustration: Ochsengespann auf Saipan. (S. 80)]
[Illustration: Karolinermädchen auf Saipan. (S. 81)]
Wie ein Bild aus dem antiken Griechenland sehen besonders die Gefährte mit den Steinrädern sich an. Die Zugtiere gehen nach uralter Sitte unter dem Joche. Die schlanken, fast unbekleideten Mädchen und Frauen haben ihr dichtes Schwarzhaar mit einigen Blumen geschmückt oder auf die Stirne sich einen grünen Laubkranz gedrückt. Harmonisch und ebenmäßig meist ihr Körperbau, ganz ungemein fein und zart ihre Fesseln und Gelenke, sehr klein die Hände, zierlich die Füße.
Ich habe verschiedene Schildpatt- und Muschelarmreife, wie sie diese Karolinerfrauen tragen, mit nach Hause gebracht. Keiner Europäerin wird es gelingen, sie über ihre Hand zu streifen.
Auch die mehr einem beschaulichen Nichtstuerleben huldigenden Chamorros kommen gegen Abend aus ihren Häusern hervorgekrochen. Die Männer paradieren in weißen Leinenanzügen; die Frauen, ebenfalls weiß gekleidet, geben sich besonders an Fest- und Feiertagen sehr prächtig, tragen kostbare Spitzentücher aus Manila, rote Strümpfe und weiße, absatzhohe Atlasschuhe, während ihre Kinder -- im Gegensatz zu den ganz nackten, kleinen Karolinern -- bis zu ihrem achten oder zehnten Lebensjahr oft nur in ein weites Hemd gehüllt herumlaufen ...
Am Feierabend findet auch vor der oder jener Hütte eine Vorprobe zum sonntägigen Hahnenkampfe statt, in einem andern Hause erklingt irgendein Musikinstrument und, wenn es Nacht und noch kühler wird, gibt auch mancher in besseren Verhältnissen lebende Chamorro einen kleinen Ball -- für Tanz und Gesang sind die Chamorros immer zu haben.
Die Karoliner wiederum teilen sich mit den Ureinwohnern der Inseln wohl in die Freude an den Hahnenkämpfen, im übrigen sind sie in ihren freien Stunden leidenschaftliche Fischer und Jäger, Segler und Seefahrer.
Das Interessanteste, was ich von Fischerei auf Saipan zu Gesicht bekommen, war ein großer Delphinfang. War da eine Herde Delphine oder Schweinsfische, neugierig wie sie immer sind, in das Riff hereingekommen. Flugs hatten die flinken Insulaner ihnen mit ihrer gesamten Kanoeflottille den Ausweg in die freie See versperrt und trieben nun unter lautem Hallo und Geschrei die mächtigen Tiere langsam aus der Tiefe auf den flachen Strand, wo sie kurzweg gepackt und ganz ans Land geschleppt wurden. Das war ein großes, großes Fest fürs Karolinerdorf. Fette Braten standen in Aussicht. Männer und Knaben trugen die Beute in den Schatten der Palmen, die Weiber führten einen von ganz seltsam weichem und melodischem Gesange begleiteten Dank- und Freudentanz auf. --
15. Tinian, die Jagdinsel.
Auch jagdlich Interessantes sah ich auf den Marianen, und zwar auf der Nachbarinsel Saipans, auf Tinian. Ein altes, ausgedientes Walfischfängerboot fährt von Saipan aus ab und zu nach dieser Insel. In den ersten Morgenstunden, es ist noch dunkel, gehen wir in See. Ein gerade auf den Marianen anwesender, von den Westkarolinen gekommener deutscher Kaufmann, ferner der Alkalde und Bürgermeister von Saipan, ein Chamorro, der die Jagd auf Tinian gepachtet hat, machen die Reise mit. Auch ein kleines Chamorromädchen hat sich angeschlossen.