Part 7
Zur Weihnachtsstimmung hier fehlt auch, daß man keinen „Weihnachtsbaum“ sieht. Die bräunlich-grüne, dünnfaserige Fadentanne, die sie dazu hergerichtet haben, kann ihn nicht ersetzen. Ebensowenig die sonstige, üppig reiche Tropenpracht, die hier in Jap, wo eine größere Anzahl Deutscher und Europäer ansässig ist, in manchen Weihnachtszimmern prächtig zusammengetragen ist.
Auch der Sturm, der heute draußen auf dem Meere braust und die Palmkronen auf dem Gestade zerzaust, kann mir nicht einen deutschen, herzhaften Wintersturm ersetzen. Wohl peitscht er die schweren Regenschauer so dicht über die unruhig schäumende See dahin, daß sich das im fahlen Abenddunkel wie ein winterliches Schneetreiben ansieht, aber es fehlt den mächtig niedergehenden Tropenungewittern an der nervenstärkenden, den Menschen erfrischenden, gesunden Kälte des deutschen Winters. Man lebt nach wie vor, ob die Sonne herniederbrennt, ob Wolkenbrüche herabstürzen, in der schwülen, erschlaffenden Treibhausluft der Tropenzone.
Hinweg aus dem Regen, der mich in kaum einer Minute vollständig durchnäßt hat.
Unter dem schützenden Dach der „Wirtschaft zur Kokosnuß“, dem Refugium der Junggesellen Japs, finde ich Zuflucht.
Ich nehme einen Weihnachtsabend-Dämmerschoppen zu mir und bestaune die prächtige Festdekoration, ganz und gar ein Werk der geschickten Japkaroliner.
Dann geht’s hinauf auf das noch aus spanischer Zeit stehende, trotzige Fort. Dort ist Weihnachtsbescherung der hier hausenden, lediglich aus Karolinern bestehenden Polizeitruppe.
Wie in einem deutschen Kompanierevier ist die Mannschaft vor einer mit brennenden Lichtern geschmückten Fadentanne in Reih’ und Glied angetreten. Die Leute sehen ungemein phantastisch und farbenprächtig aus. In dem nach Frauenart hoch aufgebundenen, dichten, schwarzen Haar steckt der kunstvoll geschnitzte, mächtige Holzkamm, der zur Zeit durch den darüber aufgestülpten Federntschako verdeckt wird. Der Oberkörper ist mit einem deutschen Matrosenhemd, Lenden und Unterkörper bis zu den Knien sind mit der roten Lawa-lawa bekleidet.
Unsere Jappolizeitruppe feiert auch Weihnachten, obwohl sie fast insgesamt noch aus Heiden besteht, und die Leute erhalten Messer, Lawa-lawa, Tabak, Konserven und Bier.
Es folgt ein Abendessen bei dem gastfreundlichen, stets hilfsbereiten und liebenswürdigen Bezirksamtmann an festlich gedeckter Tafel, auf die die ganze Blumen- und Blütenpracht der Tropen herniedergeschneit ist.
Bei einem Weihnachtslied werden die Lichter des improvisierten Festbaumes entzündet und von der mageren Fadentanne eilen wohl die Gedanken aller nach Hause.
Um Mitternacht lädt von der Höhe herab die Glocke der Kapuzinerkapelle zur Mette, und ein Teil unserer Tischgesellschaft pilgert durch die Nacht zu dem Kirchlein hinauf. Der Sturm hat sich inzwischen gelegt und es ist mondhelle, windstille Sternennacht, heller und leuchtender als bei uns eine frostklare Winternacht in den Bergen.
Die Kapelle ist nur klein, abgesehen von den Europäern wohnen verschiedene Chamorromänner und Frauen, einzelne der wenigen getauften Karoliner und viele Chamorrokinder der Mette bei. --
Für den Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages waren Tänze der Japkaroliner angesagt.
Schon im Laufe des Vormittags kamen die verschiedenen Dorfschaften unter der Führung ihrer Häuptlinge anmarschiert oder sie segelten in ihren ganz lang und schmal gebauten graziösen Kanoes daher. Leicht und pfeilgeschwind schossen diese über die bewegte Flut.
Mittags hat sich bereits der ganze Heerbann des Karolinervolkes, des Beginnes der Tanzfeierlichkeit harrend, um das spanische Fort herum gelagert. Um 4 Uhr nachmittag beginnt der erste Tanz.
Er hat sich wohl ursprünglich einmal aus einem alten Kriegstanz entwickelt. In zwei Gliedern gehen die zwei Parteien, jede vielleicht aus vierzig Mann bestehend, aufeinander los, kauern sich zusammen, verharren in spähend vorwärts geneigter, geduckter Stellung, so wie man im Dickicht ein Wild oder einen Feind anschleicht. Nun ein lauter, gellender, durchdringender Schrei, und wie auf ein Kommandowort prasseln und rasseln, knattern die schweren Bambusstäbe und -knüttel aufeinanderlos. Blitzschnell und exakt ausgeführte Paraden wechseln mit allen erdenklichen Kampf- und Fechterstellungen. Nicht eine einzige Bewegung könnte besser klappen, besser ausgeführt sein. Ein lautes, mächtiges, gleichzeitig aus achtzig Kehlen hervorgestoßenes dumpfes Kriegsgeheul beendet diesen ersten Tanz.
Beim zweiten, von einer andern Dorfschaft zum besten gegebenen, singen drei Mädchen die Begleitmelodie. Der nackte Hals und der nackte Oberkörper sind mit allerhand Muschel- und Korallenschmuck verziert. Um die Lenden tragen sie die hier landesübliche grüne Pflanzen-Lawa-lawa, die so dick und bauschig ist, daß sie in ihrer Form an die Krinoline erinnert. Die drei Sängerinnen, die Mühe haben, mit ihren Stimmen den Lärm der Tanzenden zu überbieten, sind hübsche, nur etwas sehr kleine, schmächtige und zierliche Erscheinungen.
Dem zweiten Reigen folgten nun Tanz um Tanz; Häuptling um Häuptling bringt seine festlich aufgeputzten Leute zur Stelle.
Wieder einmal eine ganz andere seltsame Welt, in die ich staunend eingetreten bin. Nie und nimmer hätte ich diesen braunen Inselsöhnen eine solch glänzende Tanzmeisterschaft zugetraut, nie hätte ich erwartet, eine solch bunte, glühende, wahrhaft künstlerische Farbenpracht zu Gesicht zu bekommen.
Denn Farbenpracht, denkbar reichste Farbenpracht ist hier alles: die braunen, oft durch Wurzelschminke und -zutat rot gefärbten Körper der Tanzenden, die grellrote Lawa-lawa der Männer, die lichtgrüne der Mädchen. Die Frauen haben sie nach Landesbrauch und ungalanter Landessitte sämtlich zu Hause gelassen. Außer von der Lawa-lawa wird Braun und Rot des Körpers durch um den Leib geschlungene, in allen möglichen Farbentönen gehaltene Palmenfasern unterbrochen, um Hals und Arme schmiegt sich reicher, oft kunstvoll und mühselig zusammengefügter und zusammengetragener Muschelzierat.
Hellbraun glänzen aus dem dunklen, immer nach Frauenart hoch aufgebundenen Haupthaar die mächtigen, schlank geschnitzten Holzkämme heraus, meist mit irgendeinem Festabzeichen, und sei es auch nur einem beliebigen bunten Lappen, verziert und verbrämt. Aber auch andere kompliziertere Kopfbedeckungen sind zu sehen, oft meterlange, leicht und luftig geformte Gestelle in Schiffsform, ganz mit weißem, zartem Federflaum duftig überhaucht, überall Farbe und stets wechselnde, oft bizarre und phantastische, aber immer geschmackvolle und ansprechende Formen, Verzierungen und Ornamente.
Leider wird der zweite Teil des Festes wieder durch wolkenbruchartig herniederstürzenden Regen gestört. Wir flüchten unter das nächste erreichbare Dach, und die Japleute suchen Schutz unter den dichten Bäumen. Aber trotz des beharrlich weiter niederströmenden Regens lassen sie sich nicht von der Station vertreiben. Denn auch sie haben heute ihr Weihnachten. Es ist einer der wenigen Tage im Jahr, wo sie Bier bekommen. Sonst ist hierzu ein besonderer Erlaubnisschein des Bezirksamts notwendig. Sie machen von dieser ihnen heute zustehenden Vergünstigung gewissenhaft Gebrauch. Ich war daher sehr verwundert, daß ich beim späten Nachhauseweg durch die dichtgelagerten Scharen der Japleute auch nicht einem einzigen Betrunkenen begegnete. Wie ich später erfuhr, hat das seinen Grund nicht in der Wohlerzogenheit, Nüchternheit oder Trinkfestigkeit der Festteilnehmer, sondern in der Tatsache, daß die emsige Polizeitruppe jeden allzu angeheiterten oder radaulustigen Insulaner rasch und unerbittlich aus dem Weichbilde der Station in den Busch hinaus abschiebt.
Lange stand ich, als dieser erste Weihnachtsfeiertag schlafen ging, am weit aufgestoßenen Fenster meines ganz einsam im Grünen gelegenen, winddurchbrausten, luftigen Holzhauses.
Wie schön das alles ist! ... Der scharfe Nordostpassat hat die Regenwolken wieder weggeweht. Hinter den letzten, eilig nach Südwesten dahinhetzenden Dunstnebeln ist still und friedlich der Mond herausgetreten.
Hellsilbern erglänzt nun alles: der Himmel und das Meer, das zu meinen Füßen unruhvoll brandet. Selbst in das dichte Geranke des wilden grünen Busches, der bis in meine Fenster hineinwuchern will, gelingt es ab und zu einem hellen Silberstrahl, leuchtend einzudringen.
Und brandendes Meer und brausender Wind, rauschender Busch und raunende Zikade singen ein in herrlichen Akkorden zusammentönendes Lied von Pracht und Herrlichkeit der Tropen.
Eine einzige Schönheit ist ringsum gebreitet. Die Sonne, die Sterne sind heller als bei uns zu Hause. Reicher und glänzender, wärmer und prächtiger ist alles. Kein Tag, an dem man die Sonne nicht sieht, keine Nacht, in der man friert oder fröstelt. Früchte und Blumen das ganze Jahr. Meer und Erde werfen den Menschen ihre Gaben in den Schoß. Da ist auch keiner, der Sorge zu haben brauchte für den morgigen Tag! Und doch trotz aller Pracht und allen Segens, trotz allen Lichtes und aller Wärme -- ein Weihnachten gibt es hier nicht.
18. Nach den Palauinseln.
Sofort nach den Feiertagen macht sich der „Condor“ schon wieder auf den Weg und steuert nun den Palauinseln zu, die politisch noch zu den Karolinen gezählt wurden und mit diesen seinerzeit von Spanien übernommen worden waren.
Wirtschaftlich hatte diese Inselgruppe nicht allzuviel zu bedeuten. Auf der oder jener Insel, weit verstreut, da und dort, lebte ein deutscher, englischer oder japanischer Händler. Die Ausfuhrprodukte waren Kopra und „Trepang“ = „die getrocknete Seewalze“. Letztere wird von den Chinesen als Delikatesse sehr begehrt und teuer bezahlt. Wer freilich diese schwarze, schleimige Holothuria lebend gesehen, wird wenig Appetit darauf haben. Außerdem wurden Schildpatt und einzelne Alligatorenhäute exportiert. Später gesellte sich dazu Phosphat.
Sehr viel aber bieten diese bei uns zu Hause so gut wie nicht bekannten Inseln dem Touristen und Naturfreund.
Schon der erste Anblick aus der Ferne ist packend. Tiefblau rollt die See gegen eine langgestreckte, zerrissene Küste an. Es ist Babeltaob, das größte Palaueiland. Schroffe Zinnen und Zacken ragen empor, manche nadelscharf zugespitzt, dazwischen wieder abgerundete und bewaldete Kuppen mit weichen, sanften Linien, bald steil ins Meer abstürzender Fels, bald flach verlaufender Palmenstrand.
Kaum kommen wir etwas näher, sehe ich bereits, daß sich hier eine ganze Welt von Inseln aufschließt, von Inseln, Inselchen und allerwinzigsten Miniaturinselchen, manche sich ausnehmend wie ein schöner Blumenstrauß oder ein putziger Waldschwamm. Grün die runde bewaldete Kuppe, und der sie tragende, graue Felsenstiel tief von ewig nagender Salzwoge eingefressen.
Auf den größeren Inseln ist allerüppigste Tropenflora über den flachen Uferstrand, über das steil aufsteigende Hügel- und Bergland ausgestreut: Palmen jeder Art, Brotfrucht- und Kalophyllonbäume, undurchdringliche Mangrovenwälder, Taro- und Lackfelder, Orangen- und Mandarinenhaine, Bananenstauden und Ananaspflanzen und wie all die andere reiche, verschiedenartige Vegetation noch heißen mag.
Bei der Insel Malakal wirft der „Condor“ Anker. Der deutsche Stationsleiter Winkler kommt an Bord, und eine Stunde später fahren wir mit ihm nach der Insel Korror, auf der er seinen Amtssitz hat. Ganz schmal ist die Durchfahrt, die der Fels freiläßt, nur für Ruderboote und Kanoes passierbar. -- -- --
Auf den Palauinseln war dem „Condor“ die Aufgabe zuteil geworden, zur Warnung ein wenig die „Kriegsflagge“ zu zeigen.
Denn die guten Insulaner, hauptsächlich die Bewohner von Babeltaob, waren im Laufe des Jahres plötzlich und wohl aus lauter Langeweile -- Zeitvertreib durch irgendwelche Arbeit kennen sie nicht --, noch dazu aufgehetzt von den „Kalits“, herrschaftslüsternen Zauberern, auf den Gedanken verfallen, die Weißen aus ihrem schönen Inselreich hinauszuwerfen und gründlich mit ihnen aufzuräumen. Allzu schwierig mochte das nicht erscheinen. Auf eben der größten Insel Babeltaob war überhaupt kein Weißer, in Korror war der einzige wehrhafte Europäer der Stationsleiter, und die paar andern deutschen und englischen Händler lebten als Einsiedler auf weit auseinanderliegenden Inseln.
So wurde denn in Babeltaob der wohlverborgen gehaltene treffsichere Kampfspeer wieder ausgegraben, Gesicht und Körper mit grimmiger, roter Blutfarbe beschmiert und unter Leitung der Kalits mit wildem Geheul ein stürmischer und begeisterter Kriegstanz abgehalten, all das mitten in tiefer, stockdunkler Nacht.
Aber der deutsche Stationsleiter Winkler hatte gerade noch rechtzeitig Wind von der Sache bekommen, setzte noch mitten in der Nacht mit seiner sechzehnköpfigen braunen Polizeitruppe nach Babeltaob über, fuhr störend in die Kriegstänze und allgemeine Kampfesfreude hinein, nahm die Kalits gefangen, riß ihr „heiliges Haus“ ein und ließ die Zauberer mit nächster Schiffsgelegenheit nach den Karolinen und Marianen deportieren, wo sie ihre weltlichen Herrschaftsgelüste mit mehrjähriger Zwangsarbeit abzubüßen hatten.
Durch das rasche und entschlossene Vorgehen des Stationsleiters war der Aufstand im Keim unterdrückt worden. Wäre er wirklich zum Ausbruch gekommen, so hätte die kleine Polizeitruppe gegen die große Übermacht nichts ausrichten können. --
Der „Condor“ sollte nun den in Korror zusammenberufenen Häuptlingen und den von allen Seiten zusammengeströmten Insulanern vor Augen führen, wie sich die Sache, wenn sie einmal wirklich mit allen Weißen reinen Tisch machen sollten, nachträglich gestalten würde.
In fünf Booten kam ein Landungsdetachement angerückt und ging in durch Spitze und Seitenpatrouillen gesicherter Marschkolonne über das Hochplateau gegen den an dem Waldrand des Dorfes Korror gut gedeckt liegenden Feind vor, warf ihn zurück, nahm Korror im Sturm, und zwischen den Bananenstauden, unter den Orangen- und Brotfruchtbäumen eilten unsere blauen Jungens, auf dem Kopf den schützenden Tropenhelm, dem im Busche eilig verschwindenden Gegner nach. Gerade vor den prächtigen Königs- und Versammlungshäusern Korrors fuhren Geschütze und Maschinengewehre auf und donnerten dem fliehenden Feinde einen letzten, lauten Abschiedsgruß zu.
Aber dann wird Friede. Unter den hohen, schattigen Bäumen, vor dem Hause des uralten Häuptlings von Korror, spielt die Musikkapelle des „Condor“ und hat bald einen dichten Zuhörerkreis um sich versammelt. Selbst die vor dem schweren Geschützdonner und dem heftigen Gewehrgeknatter anfänglich eilig in den Busch geflohenen Mädchen und Frauen stellen sich, noch etwas verschüchtert, allmählich ein.
Die von der schwülen Tropenluft und dem heißen Sturmangriff durstig gewordene Mannschaft schüttelt sich Orangen und Mandarinen herab, läßt sich durch Kanakenjungen Kokosnüsse öffnen und fahndet, soweit das die Kürze der Rast zuläßt, unter der Hand eifrig nach selbstverständlich bezahlter „Kriegsbeute“, nach Kuriositäten irgendwelcher Art.
Am Tage nach dieser Landungsübung wurden sämtliche Häuptlinge auf den „Condor“ eingeladen. In ihren Kanoes kamen sie angefahren und wurden mit Tee und Gebäck bewirtet. Alsdann führten die Offiziere sie durch das ganze Schiff und zeigten ihnen -- der eigentliche Zweck der Einladung -- zur Warnung alle Waffen, die Gewehre und vor allem die Geschütze, deren Bedienung, Wirkung, Treffsicherheit und Durchschlagskraft erklärend.
In Erwiderung dieser Einladung wurden zu Ehren des deutschen Kriegsschiffes am nächsten Tag von den waffenfähigen, lanzenbewaffneten Männern der Insel Korror einige wilde Kriegstänze zum besten gegeben.
So verbrachte ich auf den Palauinseln noch einige schöne Tage mit den Herren des „Condor“. Wir besichtigten die Missionsschule auf Korror, fuhren hinüber zu dem auf Insel Babeltaob gelegenen, idyllischen Dörflein Airei und machten noch den und jenen kleinen Ausflug. Am letzten Dezember gab es gemeinsame Neujahrsfeier an Bord des „Condor“, auf festlich geschmücktem Achterdeck. Hell klingen die Gläser zusammen, froh finden die Augen sich, und durch die Stille der sternklaren Tropennacht fliegt über unendliche See aus allen Herzen auch ein Gruß in die Heimat.
Zwei Tage später hieß es Abschied nehmen. Die Herren des „Condor“ hatten noch die Liebenswürdigkeit gehabt, mich für den Aufenthalt auf den Palauinseln mit einigem auszustatten, vor allem für einige Kisten Zigarren war ich von Herzen dankbar. Nirgends hatte ich mich damit versehen können. Denn was man in Japan davon erhalten kann, ist kaum rauchbar, außerdem bei dem darauf liegenden, ganz ungeheuren Zoll von 300 Prozent auch kaum bezahlbar. Auf den Marianen und Karolinen aber hatte ich vor geleerten Lagern gestanden.
Mit Kisten und Paketen beladen, stehe ich dankend am Ufer.
Händeschütteln nach allen Seiten. Auf Wiedersehen! Auf frohes Wiedersehen irgendwo und irgendwann zu Hause!
Bald zieht der „Condor“, der nimmermüde Wandervogel, dem nirgends lange zu bleiben vergönnt ist, weit, weit in der Ferne langsam und bedächtig seine Bahn. Nun ist er nur mehr ein einziger, weißer Punkt in endloser, azurblauer Fläche. Und jetzt -- jetzt ist gar nichts mehr als ganz verlassene, hin- und herwogende See.
Schon manches Schiff sah ich scheiden auf meiner Reise, von vielen Menschen bin ich nicht leichten Herzens fortgegangen, aber noch kein Abschied ist mir so schwer gefallen wie der vom „Condor“ und seinen mir liebgewordenen Menschen. Nun, wo dieses durchs Weltmeer treibende Stück deutscher Scholle für immer mir entschwunden ist, hab ich Heimweh, richtiges Heimweh danach. -- -- --
19. Auf Korror.
Ich bleibe auf Korror. -- Der Stationsleiter Winkler besaß neben seinem Wohnhaus eine einzimmrige Blockhütte, in der er seine höchst seltenen Postgeschäfte erledigte. Diese Hütte stellte er mir in liebenswürdigster Weise zur Verfügung. Ich breitete darin eine japanische Decke aus, die mir da und dort in der Südsee als Bett- und Nachtlager gedient hat.
Zur Bedienung aber wurde mir ein Eingeborener beigeordnet. „Aumong“ hieß der junge Palaumann eigentlich.
Aber die Deutschen hatten diesen für deutsches Ohr und deutsche Zunge unbequemen Namen, während Aumong Polizeisoldat auf den Westkarolinen war, kurzerhand in „Otto“ umgewandelt.
Otto war einer der wenigen „getauften“ Palauleute. Lange Zeit wußte ich es selbst nicht und erfuhr es nur dadurch, daß er eines Sonntags seinen sonst nur mit einem schmalen Lendentuch bekleideten Körper mit einem weißgrauen, sehr nach alsbaldiger Reinigung rufenden Fest- und Feiertagshemd bedeckte und so stolz und würdig in die Missionskirche von Korror wanderte.
Trotzdem war aber Ottos Lebenswandel sonst leider nicht alleweg christlich, heilig und einwandfrei zu nennen. Zu der Zeit meiner Ankunft auf den Palauinseln saß er sogar im „Calabus“, im Gefängnis, -- saß darin, weil er durch allzu starke Courmacherei den Hausfrieden gleich zweier Palaufamilien etwas gestört hatte.
Otto hatte nicht gerade ein sehr großes diplomatisches Geschick damit bekundet, daß er mit den Versicherungen seiner Liebe und unwandelbaren Treue gleich zwei dicht nebeneinander wohnende Schwägerinnen beglückt hatte. In den guten alten Zeiten der Palauinseln wäre Otto eines Tages wohl irgendwo im Busch als stummer Mann aufgefunden worden. Aber da unter deutscher Herrschaft auf diese löbliche Landessitte die Todesstrafe steht, wurde er von den beiden erbosten Ehemännern auf andere Weise für längere Zeit unschädlich gemacht. Sie rückten mit ihren Klagen beim Stationsleiter an, der den bereits öfter verwarnten guten Otto teils zur Strafe, teils zur Sicherheit für seine immerhin nicht ganz ungefährdete Person in den Calabus steckte.
Dieser Calabus ist im Grunde genommen gar nichts so Schreckliches. Hinter Schloß und Riegel sitzen die Gefangenen nur bei Nacht. Und auch da schwätzen und plaudern sie oft recht laut und vergnüglich. Tagsüber aber werden sie im Freien mit gemeinnützigen Arbeiten, Weg- und Dammbauten, Rodungen, Anpflanzungen und ähnlichen Arbeiten beschäftigt.
Bei den Palauleuten ist aber dennoch der Calabus ein recht gefürchtetes Ding. Freiheitsberaubung und Arbeitszwang sind böse Strafen für einen Südseeinsulaner. Dazu kommt die Angst vor Spott und Hohn der lieben Mitmenschen. Das scheut schon der einfache Palaumann. Und nun gar, wenn einer aus einer Häuptlings- und Fürstengens stammt, wie Otto, der Urenkel des derzeitigen Häuptlings von Korror. So trug er eine recht düstere und finster vergrämte Miene zur Schau, als er die ersten Male an mir vorüberschlich.
Aber der Tag seiner Erlösung war nahe. Ich benötigte einen Insulaner, der sich zum Führer, Begleiter und Diener eignete. Otto wurde als der einzige, leidlich deutsch redende Palaumann hierfür in Aussicht genommen und ihm der Rest seiner Strafzeit in Gnaden erlassen.
Den durch seine Entlassung aus dem Calabus frei gewordenen Platz aber nahm nun sein Großvater, Arekoko genannt, ein. Dieser Arekoko war trotz seines Alters noch eine jugendlich schlanke, elastische Erscheinung. Sohn des Königs von Korror und künftiger König, gab er sich sehr gnädig und gelassen und wirkte auch tatsächlich in seiner aufrecht-geraden Haltung, mit den ruhigen Bewegungen, höchst vornehm. Ein langer, weißer, würdiger Vollbart wallte ihm bis auf die Brust. Arekoko hatte sich in früheren Jahren viel auf Segelschiffen herumgetrieben, kannte das Meer und die Palauinseln wie kein zweiter und war der einzig brauchbare Lotse auf der Inselgruppe. Da der „Condor“ bei seiner Abfahrt auch noch eine Erkundungs- und Vermessungsfahrt zu machen hatte, war Arekoko um 6 Uhr morgens auf den „Condor“ bestellt worden. Das war ihm aber viel zu früh und er rückte erst um 8 Uhr mit einer nichtigen Entschuldigung an. Am Nachmittag nach erfolgter Vermessungsfahrt hätte er sein Kanoe an eine ihm näher bezeichnete Stelle der Insel Babeltaob hinbestellen sollen, damit es ihn wieder an Land bringen sollte. Auch das hatte er vergessen zu tun, so daß der „Condor“ wieder warten mußte, bis ein zufällig vorbeikommendes und herangerufenes Kanoe den guten Arekoko endlich aufnehmen konnte. In einem Briefe des Kommandanten an den Stationsleiter, den Arekoko selbst zurückbrachte und abgab, standen seine Missetaten verzeichnet und zur Strafe dafür -- er hatte auch noch verschiedenes andere auf dem Kerbholz -- wanderte er an Ottos Stelle ins Gefängnis.
Trotz aller Verehrung für seinen Großvater schien Otto über diese plötzliche und unerwartete Schicksalswendung in hohem Grade befriedigt. Lustig lachten seine dunklen Augen. Er war ein für einen Palaumann auffallend hochgewachsener Mensch von vielleicht dreiundzwanzig Jahren mit hübschen, ebenmäßigen Zügen und ohne die breite Nase des Durchschnittsmikronesiers, breitbrüstig, starksehnig und gelenkig; trotz aller Gefängniskost und in den letzten Wochen hinabgewürgten Ärgers immer noch gut genährt. Der ganze Körper in ein einziges, tiefes Dunkelbraun getaucht; das glänzend schwarze Kopfhaar und der ebenfalls schwarze, eben beginnende Schnurrbart lebhaft mit dem lustigen, scharlachroten Lendentuch kontrastierend.
Im Anfang, wo noch die Freude über die unerwartet rasche und glückliche Befreiung aus dem Calabus nachwirkte, war Otto auch in allen Dingen äußerst brauchbar und anstellig.
Besonders draußen auf See, bei starkem Wind oder unvermutet aufkommendem schlimmen Wetter, an gefährlichen Stellen und in reißenden Strömungen hätte ich mir keinen besseren, geschickteren und zuverlässigeren Begleiter wünschen können. Aber, wie jeder Mensch schließlich, hatte auch Otto seine schlechten Tage, Tage, wo er zu gar nichts Lust hatte und am liebsten auf seiner braunen Haut liegengeblieben wäre. Da hatte er denn auch sofort gleich ein ganzes Dutzend oft gar nicht ungeschickter Ausreden zur Hand: ein Loch im Kanoe, das Segel defekt, Regen oder Sturm, schlecht Wetter im Anzug. Wenn ich dann trotzdem meinen Willen durchsetzte, so stieg er den ganzen Tag mit einer wahren Leichenbittermiene herum. In solchen Zeiten ließ ich ihn am besten ganz gehen, fragte ihn nicht und unternahm auch nichts, wobei ich mich allzusehr in seine Hand gegeben hätte. Denn auf irgendeinen kleinen Possen oder Schabernack, bei dem er sicher war, nicht erwischt zu werden und aufzufliegen, wär’s ihm vielleicht nicht angekommen.
[Illustration: Europäerhäuser auf Jap. (S. 95)]
[Illustration: Mannschaften des „Condor“ nach der Übung auf Korror. (S. 107)]
[Illustration: Häuptling von Melegejok. (S. 124)]
[Illustration: Der König von Nabuket. (S. 129)]
Am allerliebsten war ich mit Otto, wie schon erwähnt, auf dem Wasser beisammen. Das machte ihm Freude, hier war er zu Hause. Oft waren wir nur zu zweit auf dem Kanoe, oft hatten wir als dritten Mann noch einen Strafgefangenen mit, einen gleich dreifachen Mörder, der aber eine feste Hand und ein sicheres Auge hatte und über eine wahrhaft stoische Ruhe verfügte.
Man ist bei Touren nach den oft sehr weit auseinandergelegenen Inseln fast ausschließlich auf das Kanoe angewiesen. Solch ein ganz schmales und leichtes, aus einem Baumstamm herausgearbeitetes Fahrzeug fliegt mit seinem mächtigen Segel bei scharfem Wind wie ein Sturmvogel dahin. Kein Dampf-, kein Motorboot, das es einholen könnte. Besonders nachts und bei Mondschein sind solche Fahrten etwas sehr Reizvolles. Das einzig Unangenehme ist, daß bei einigermaßen bewegter See Kanoe und Ausleger viel unter Wasser sind, und man so beständig im Nassen sitzt. Und der Weiße, der solch ein Fahrzeug benutzt, kann auf dem eigentlichen Kanoe sich nicht leicht halten. Er müßte dazu mindestens auch barfuß wie die Eingeborenen gehen. Das verbietet aber wiederum die bös herabstechende Sonne. Ein beschuhter Fuß gleitet aber auf dem glatten Holz unfehlbar aus. So ist’s noch am besten, auf der Verbindung zwischen Ausleger und Kanoe Platz zu nehmen. Aber auch hier ist es, besonders im Anfang, nicht allzu schwer, mit einem plötzlichen Plumpse über Bord zu gehen.
Sehr interessant ist’s, wenn man Fischer ist. Manch schönen und schweren Fang haben Otto und ich mit der Schleppleine aus der Tiefe geholt, manch prächtigen Gesellen hat Otto in monddunkler Nacht bei Fackellicht oder am hellen Tag und in wilder Flucht mit dem Speer erbeutet. Wenn er schlecht gespeert hatte und der Fisch zu entkommen drohte, dann ging er selber blitzschnell und kopfüber ihm ins Wasser nach, einerlei, ob das ein schwerer Seehecht oder ein kleiner Hai war, packte ihn von rückwärts, raufte und balgte sich mit ihm in der See herum, gewandt und geschickt wie ein Fisch- und Wassermensch, und ruhte nicht eher, als bis er ihn trotz aller Bisse und Risse glücklich überwältigt und auf das Kanoe heraufgewälzt hatte.
Selbst wenn in der Nähe der Küste der Fisch tief gegangen war und sich in den Korallen verstrickt hatte, ließ ihn Otto nicht los, sondern tauchte trotz aller Haie oft in recht ansehnliche Tiefen hinab, dort Leine und Fisch lösend.
Noch so manche andere gute Eigenschaft hatte mein Otto. Er war ein recht guter Koch, ein sehr ins Gewicht fallender Vorzug. Er verstand es auch, gut und geschickt einzuhandeln. Manche Schildpattschale, manche holzgeschnitzte Figur und andere Kuriosität verdanke ich seinem Spürsinn.