Part 3
Kaum hat er den dritten und letzten schallenden Schlag getan, kaum das huldigende und beschwörende Gebet an den Gott des Flusses zu Ende gesprochen, da gibt auch der mächtige Gott aus der Tiefe schon Antwort: dumpf, aber viel, viel schwerer und wuchtiger als der Schlag des Ruders an die Bootswand, donnert und dröhnt, brüllt und braust er seinen lauten Gruß in die Höhe. Gischt und Schaum, Wellen und Wogen speit und schleudert er in weitem Bogen empor, rast in sinnloser, alles zermalmender Wut da unten im tiefen, dunklen Grunde.
Wie ein Federball tanzt das Boot dahin und dorthin, vom gewaltigen Atem seiner Riesenbrust hin- und hergeweht, hoch hinaufgehoben, um krachend wieder auf die zischende Flut zurückzuprallen. Und nun schießt es, ein von starker Sehne abgeschnellter Pfeil, mit plötzlichem Entschluß auf die nahe, steile Felswand zu. Wenn es mit der Spitze den Stein berührt, zerstäubt es in tausend Trümmer.
Jetzt aber beginnt ein Kämpfen und Ringen unserer vier Schiffsleute mit den ungestümen, ungeheuren Machtgewalten des Stromes. Die Ruder ächzen und stöhnen, die zusammengepreßte Bootswand seufzt und wimmert, der Boden zittert.
Aber der Strom, der gewaltige Gott der Tiefe, bleibt Herr und Meister, zürnend schleudert er uns an den Fels, nahe schon ist die verderbliche Klippe.
Man sieht die Gefahr, man weiß die Gefahr und doch, man fühlt, empfindet sie nicht als solche. Man starrt nur still und andächtig auf dies gewaltige Ringen zwischen schwacher Menschenkraft und ungebändigten Naturgewalten. Und die, die siegen, die müssen ja einmal und endlich über uns Menschen siegen.
Doch unsere Leute denken nicht so. Mit beiden Füßen stehen sie jetzt alle auf der schmalen Bootswand, holen weiter aus, setzen tiefer und wuchtiger ein. Jede Sehne, jeder Nerv ist fieberhaft gespannt. Wie leichte Weidengerten biegen sich die vier schweren Ruder, winden und krümmen sich. Wenn eines der vier jetzt bräche, wäre alle Mühe vergebens. Freilich, der Tod in einem solchen Augenblick, in einer solch königlichen Machtoffenbarung der Natur wäre wahrhaftig das Sterben wert und frei von allem Schaudern und Grauen.
Aber heller und lichter ist dennoch das Leben! ... Leben! Leben! ... Wir hängen ja doch daran, oft ohne es zu wissen, und wenn es nicht viel mehr als die sichere Gewohnheit von Atmen und Bewußtsein wäre.
Ins lachende Leben hinein gleitet wieder das Boot. Kaum einen Fuß vor der todbringenden Wand hat sich schwerfällig langsam der Bug gedreht.
Die erste Stromschnelle ist genommen, ungezählte andere folgen. Um 6 Uhr morgens sind wir aufgebrochen, erst in den Nachmittagsstunden kommen wir in ruhigeres Fahrwasser.
Was sehe ich nicht alles während dieser langen Fahrt!
Immer wieder muß ich die Riesenkräfte des Flusses anstaunen! Mit grober Faust hat sich der wilde, ungebärdige Berggeselle irgendwo ein paar mächtige Baumhünen zur Kurzweil gepflückt und spielt mit ihnen lustig Ball, als ob es leichte Wiesenblumen wären. Schwere Holzflöße, von starksehnigen Gebirglern mit schweren Ruderstangen zu Tale geleitet, sind in seinen Bärenarmen nur gebrechliche, leicht geknickte Strohhalme.
Herrlich aber sind die Ufer, in die der Wildfang sein Bett tief eingewühlt hat. Ein ewiger, reizvoller Wechsel: bald hochstämmiger Nadelwald, bald lichtgrüner Bambushain, bald kahler Fels; in schwindelnder Höhe kleine Bergdörfer, wie Schwalbennester an steil abfallende Wände angeklebt. Jubelrufe von Kindern klingen hell aus dem Hochwald zu uns hernieder. So unendlich vieles erblicke ich, daß ich schon nach den ersten Stunden der Fahrt fast sehensmüde bin und kaum mehr einen geringen Teil der blitzartig vorbeiziehenden tausend Bilder in mich aufzunehmen vermag.
Etwas steif und gerädert, mit eingenommenem Kopfe -- wir haben alle das Gefühl, eine schwere, stürmische Seefahrt hinter uns zu haben -- entsteigen wir am Abend dem Boote.
Müde lehne ich mich in die Riksha zurück, die mich zu der nächsten, etwa zwanzig Kilometer entfernten Bahnstation bringen soll.
Nach dem tollen Dahinjagen über Strudel und Stromschnellen glaube ich, jetzt auf den weichsten und besten Gummirädern der Welt zu fahren, so sanft und ruhig gleitet der von einem kräftigen Kuli gezogene Wagen rasch auf schmalem Feldwege dahin.
Abendstille über der weiten, friedlichen Herbstlandschaft. Ein Schimmer von edelstem Goldbrokat über dem grünen Land, das langsam sich in tiefere, feuchtfahle und dunkelsatte Farbentöne einhüllt.
Leise und lautlos trabt der Rikshamann weiter, sanft schwankt und schaukelt der Wagen.
Das große Schweigen ringsum dünkt mich zu tief fast. Ich habe im Ohr noch den tosenden Donner der Wildwasser.
An meinen geschlossenen Augen zieht alles Geschaute noch einmal vorbei: es ist Japans Zartestes und Lieblichstes, Packendstes und Gewaltigstes -- Japans Bestes und Seltenstes gewesen!
7. Tempelfeste.
Viel Schönes und Reizendes, Sonniges und Farbenfrohes zog während meines Aufenthaltes in Japan noch an mir vorbei. Als eines der besten Dinge aber, die man in Nippon überhaupt sehen kann, wollen mir noch heute in der Erinnerung die Tempelfeste erscheinen, wie sie die kleinen Leute des Landes feiern. So möchte ich versuchen, im folgenden solch ein Fest, deren ich manche mitgemacht, mit einigen Worten zu schildern:
Ein Tempel im Grünen; ein brauner, strohgedeckter und verwitterter Holztempel, bald auf freier Höhe stehend und weit über Stadt und Land, Ebene und See hinwegblickend, bald in stilles, entlegenes Waldtal versteckt oder mitten in den reichen Segen rauschender Reisfelder eingebettet. Eine Föhre oder Kiefer, ein Ahorn oder anderer Baum, der den Tempel beschattet.
Tempel im Grünen, vom Winde umflüstert, von der Zikade umsungen, von Bambushainen umrauscht.
Ein altes, gebeugtes und gebrechliches Mütterlein, das mühsam zum Beten herangehumpelt kommt; ein Pilgerpaar, Mann und Frau, die müde an geweihter Stätte andachtsstille, schweigende Rast halten; ab und zu vielleicht noch einmal ein anderer, der etwas Schweres auf seinem Herzen lasten und seinem Gott zu sagen hat. Sonst nichts.
~Treuga Dei~, Gottesfrieden, gebietet feierlich der altmorsche Holztempeltorbogen. Lärm und Unrast der Welt finden keinen Einlaß in die heilige Klause des Gottes. Kirchenstill ist es rings, jahrein, jahraus. In tiefem Schweigen träumt das schmale Schutzland der Gottheit dahin und kein Fuß, kein lautes Wort stören den Frieden.
Aber einmal im Jahr will es unter dem breitästigen Föhrengezweig lebendig werden, brausender Jubel umwogt die heilige Stätte, einmal im Jahr, wenn sie das Fest des Tempels feiern.
Schon kommt ein feierlicher Zug aus dem Dorfe, aus der Vorstadt herangezogen.
Schwer geschmückt schwankt ein hochgetürmter Wagen daher. Bekränzte Götterbilder stehen darauf, ein halbes Hundert weißgekleideter Knaben leistet freudigen Vorspanndienst.
Andere Jungen haben kunstvoll gefügte und geschnitzte Abbilder des Tempels auf ihre Schultern genommen. Vorwärts stürmen sie, rückwärts weichen sie, schwanken zur Seite, drehen in lachender, jauchzender Festesfreude sich wie toll im Kreise umher, wollen durch ihre Rufe, ihre Gebärden und Bewegungen uns glauben machen, daß das auf ihren Schultern ruhende, leichte Holztempelbild eine zentnerschwere, drückende Steinlast sei, kaum zu tragen und durch ihr Gewicht wuchtig vorwärts, rückwärts und nach allen Seiten treibend.
Hinter dem Wagen, hinter den Tempelbildern kommen Scharen von freudig erregten und erwartungsvoll gespannten Menschen im Feiertagskleide gepilgert: Männer, Frauen und Kinder, Hunderte, Tausende von Kindern.
Vor dem Tempel staut sich die Menge.
Ernste, weißgekleidete Priester steigen langsam feierlichen Schrittes, Würde und Andacht vereinend, die Stufen empor, treten ehrfurchtsvoll in das geheimnisumwobene Halbdunkel des Tempels ein, knien schweigend nieder, flüstern und raunen seltsame, kaum mehr zu deutende Worte uralten Väterglaubens, neigen sich tief zur Erde, pressen Stirne und Haupt auf den geweihten Boden. Stille, andachtsvolle Gebetsstille herrscht im heiligen Hause des Gottes.
Aber draußen, dicht, dicht daneben, rings um den Tempel herum, seine Stufen hinan, bis zu seiner Schwelle empor brandet ein breites Brausen jauchzender Lust, schäumt ein rauschendes Meer wogender Freude. Ein Jubel, ein einziger toller Lebenstaumel hat das ganze, ganze Volk in seinem Innersten mächtig gepackt und mit sich fortgerissen.
Hat das die weiche, mild schmeichelnde, die göttliche Luft Japans getan, die wie süßer Wein berauschend den ganzen Menschen durchdringt? Hat sie heute alle frohen und hellen Saiten des Menschenherzens noch froher und heller, noch höher gestimmt?
Oder ist’s die Sonne, die glänzender strahlt als sonst? ... Der tiefblaue Himmel, der ein wolkenlos leuchtendes Festgezelt über all den Jubel gespannt hat?
Ein goldenes Lichtfest feiert die Natur, und die Menschen, Kinder der Sonne, Kinder des Lichtes, feiern es mit! ...
Strahlende Lebenslust auf allen Gesichtern, verklärt selbst das verhärmte Antlitz der Armen. Rings ein Laufen, Tanzen und Springen, alle Glieder sind leicht und gelöst; rings ein Lachen, Singen und Jubilieren; Glockenhelle und Glanz in allen Stimmen. Von Auge zu Auge rauscht und flutet es, schwillt an zum klaren, flüssigen Strom, der die frohe Botschaft der Freude jauchzend ins weite Land hineinträgt ...
Jubel allüberall!
Doch am frohesten, am lustigsten schauen die Augen der Kinder darein.
Ein kleines, buntschillerndes Völklein, sind sie mit wichtigen Mienen eilig gekommen, im Alltagskleide, das ihnen die Mutter mit ein paar farbigen Streifen und Bändern liebreich verbrämt hat, und im phantastisch geschmückten und aufgeputzten, weißen oder bunten Festgewand; um die Stirne als Sonnenschutz ein breites Tuch gewunden oder um die Schultern den großen, mit lang wallenden roten oder gelben Gräsern gezierten Strohhut gehängt; in der kleinen, geballten Faust sehr oft einen, dem warnenden Nachtwächterstock nachgebildeten Eisenstecken, mit klirrenden und klingenden Ringen versehen.
Wohin das Auge sieht: leuchtende, glühende Farbenpracht! ... Guter Geschmack, angeborener und vererbter Künstlersinn, hier, auf dem Feste der Vorstadt oder des Bauerndorfes, wo die Armen und Kleinen des Landes die Feier ihres bescheidenen Tempels begehen. Geschmack und Künstlersinn bei Jungen und Alten, in Tracht und Kleidung, in Haltung und Bewegung.
Künstlerhände haben auch den Festplatz geziert. Wie schön und harmonisch ist das alles: der Tempel, den sie mit wenigen bunten Tüchern und ein paar Blütenzweigen geschmückt haben, der phantastische Festwagen, die Abbilder des Tempels, das mit Lampions und buntem Zierat überschüttete Kinderfesttheater, die lustig dareinschauenden Budenstände der Spielwarenverkäufer und sonstigen Händler.
Lächelnd und staunend steht man da und sucht das vielgestaltige und immer wechselnde Bild in sich aufzunehmen. Auch den Fremden hat bald eine Woge der allgemeinen Freude mit sich fortgerissen und trägt ihn mitten hinein in den lauten Festjubel der großen Menge.
Solange man auch darin herumwandert, nie wird man in der ausgelassensten Fröhlichkeit einen Mißton erlauschen, nie etwas Maßloses, Verletzendes, Störendes -- Unkünstlerisches möchte ich sagen -- hören oder sehen. Keine Roheiten! Kein Rüpel oder Betrunkener. Nicht einmal irgendwo eine Bude, die alkoholhaltige Getränke verschenkte. Man braucht das hierzulande nicht, um fröhlich zu sein. Alle Menschen und Herzen scheinen auf einen einzigen warmfrohen Grundton gemeinsamen und gegenseitigen Verstehens gestimmt!
Das wogt so den ganzen, langen, lieben Tag lachend und scherzend durcheinander. Das endet auch nicht, wenn die Sonne mit einer glutroten Farbenorgie strahlend Abschied genommen hat.
An den Föhren, die ihre geschweiften Drachenarme tiefschwarz und starr in den blaßblauen Abendhimmel hineinheben, leuchtet golden, wie ein plötzlich aufgehender Mond, eine Papierlaterne auf. Dann noch eine und noch eine. Und später andere, Hunderte; in allen erdenklichen bunten Farben schillernd. Wie gefangene Vögel und Riesenschmetterlinge rauschen, flattern und schwanken sie im leisen Abendwind hin und her.
Grünlich leuchtende Glühwürmchen schlingen um Busch und Baum einen lautlosen, zitternden Reigen. Mit ihnen tanzen um die Wette, ein nächtlicher Spuk, ein wilder, wirbelnder Feuerzauber von hundert großen, flackernden Irrlichtern, die glutroten, auf schwankenden Bambusgerten daherwirbelnden Lampions herumtollender Knaben.
Erst tief in der Nacht will all die Lust langsam verebben. Die Kühle treibt die fröhlichen Leutchen wieder nach Hause. Jubelnd und singend ziehen die letzten davon.
Kaum sind sie fort, auf dem schmalen Tempelwege ein leiser, kaum hörbar huschender Schritt.
Die da langsam gegangen kommt, trägt auf ihrem stillen, wunschlosen Antlitz den Frieden der Welt. Mild und hell wie der Stern der Nacht blickt ihr das Auge. Ihre Hand ist schmal, eine sanfte Hand, die auch an jede Wunde rühren darf, eine weiche Hand, die so manche wird heilen können.
Behutsam und leise schreitet sie in ihrem lichtgrünen, aus Mondlicht gewirkten Kleide unter dem alten, verwitterten Tempeltorbogen hindurch, schaut lächelnd in weiter Runde umher, breitet die Arme und segnet das schweigende, schlafende Land.
Auf den Tempelstufen läßt sie sich langsam nieder, eine stille, getreue Wächterin.
Die Gräser flüstern, Kiefern und Föhren rauschen, die Zikaden singen. All das Flüstern, Rauschen und Singen, die hundert Stimmen und Stimmchen in Wald und Feld klingen zusammen in einen einzigen freudigen Gruß an die Wiedergekommene, die Herrin des Tempelgrundes: an die „Einsamkeit“.
Ganz stille sitzt sie und nickt zufrieden.
Für ein langes Jahr hat wieder ihr Reich begonnen!
8. Insel der Seligen.
Von einem berühmten Tempelort im Süden des Landes muß ich des weiteren noch berichten, einer Insel. „Insel der Seligen“ habe ich sie in dankbarer Erinnerung getauft.
Heilige Erde! --
Reiner, geweihter Schutzboden! Kein Hund darf das Land betreten, kein Wild hier getötet, kein Toter begraben, kein Leben geboren werden. Weit in bergwasserklarer, blauender Meeresflut steht, heiligen Gottesfrieden gebietend, der ragende, verwitterte Holztempelbogen.
Insel des Friedens, Land der Heiligung seit grauer Urväterzeit. Hier rauscht der Wald noch so geheimnisvoll, stehen die Fichten und Föhren noch so dunkel und dicht wie zu den Tagen, da erste frohe Botschaft und fromme Sage durch fahrende Pilger hinüber zum Festland getragen wurde. Auf windumbrauster Höhe brennt seit mehr denn tausend Jahren ein heiliges, ewiges Feuer; in weiten, weihevoll dunklen Tempelhallen murmeln weißgekleidete Priester Gebete; zum Klange der Flöten, zum Spiele der Saiten wiegen junge Priesterinnen in rotem Festgewand, von weißsilbernem Mantelgewebe umflutet, sich langsam und feierlich im heiligen Tanze.
Hier klingt noch jetzt voll und rein die alte, liebe Weise von dem vergangenen, dem gewesenen, dem langsam nun sterbenden Japan, klingt so lockend und bezaubernd, daß man nicht müde wird, ihr zu lauschen.
All ihr Weg- und Wandermüden, willkommen drum in Miyajima, der weltvergessenen Insel der Seligen! ...
Weg- und wandermüde war ich, als ich nach den Herrlichkeiten Kiotos und Nikkos, Nagoyas und Naras in Kobe aufs Schiff stieg, um die vierundzwanzigstündige Fahrt durch die Inlandsee nach Miyajima anzutreten, eine Fahrt, die man nur völlig frisch und aufnahmefähig unternehmen sollte, denn sie ist einzig schön.
Bald ist dies das Meer, oft scheint das wieder nur ein großer Binnensee zu sein, dann wieder ein ganz kleiner Gebirgssee, der plötzlich und unerwartet in eine herrliche, schimmernde, weite Bucht mündet, die kurz darauf wieder sich in einen Fjord zusammenpreßt, so schmal und eng, daß kaum ein Steinwurf ist von Land zu Lande. Oft kein Ausweg zu sehen, rings ein nirgend sich öffnender Kreis der herrlichsten Bergrundpanoramen der Welt, Felsen und Klippen, Hügel und Höhen, Bergketten hinter Bergketten. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht ein ewiges, prachtvolles Wechselbild!
Tausende von Inseln und Inselchen sind in die Inlandsee eingebettet, manche groß und nicht zu übersehen, manche ganz winzig nur, ein paar hoch und spitz aufgetürmte Felsblöcke oder eine Handvoll Land, das von dem dunklen Grün der breiten japanischen Kiefer überschattet ist. Fischerkähne und kleine Segler werden von der starken Kielwelle unseres Schiffes hoch emporgeschleudert, und all das bunte, lustige Leben in den unzähligen Fischerdörfern spielt sich zum Greifen nahe vor unsern Augen ab.
Dunkle Nacht ist es schon, als ich nach einem meiner schönsten Reisetage in Miyajima lande. Noch ein viertelstündiger, bergaufwärts führender Weg, und ich bin in meinem japanischen Hotel „Momiji-ya“ = „Gasthaus zum Ahorn“ angelangt.
Am nächsten Morgen halte ich nähere Umschau: mein Erkerzimmer steht ganz auf mächtigen, bemoosten Felsblöcken. Dicht unter mir plätschert ein kristallklarer Bergbach vorbei, den sie etwas oberhalb zu einem kleinen See gestaut haben. Drei kleine niedliche Teehäuser, drei Inseln, auf ein paar Felstrümmern aufgebaut, schwimmen drin herum. Und weiter hinauf ein Gewirr von Brücken und Stegen, Springbrunnen und Inselchen.
Rasch hinaus und den Berg empor! An einigen Teehäusern und auch schon rötlich gefärbten Kirschbäumen vorbei geht es hinein in den Wald. Der mutet einen fast an wie lieber deutscher Wald. Nur die Formen der Föhren, Fichten und Kiefern sind abenteuerlicher und phantastischer, und unter das Nadelholz mischt sich viel immergrünes Gesträuch. Ganz sommerlich sieht das alles noch aus, jetzt im November, heute am Allerseelentag. Nur der wilde Wein, der sich dicht und schwer um die hohen Stämme der Föhren schlingt, hat schon ein rotes Herbstkleid angezogen, und das Waldgras ist da und dort von einem leisen Rotschimmer überhaucht. Aber sonst ist hier noch Sommer! Tiefgrün und lichtgrün, wie man es sehen will, und alles noch in Saft und treibender Kraft. Bunte Schmetterlinge und leuchtende Libellen irren um schimmernde Waldblumen, die Grillen zirpen, die Vögel locken und rufen so laut wie im Frühling, manchmal ein Damwild, das mich fragend mit seinen großen Lichtern ansieht -- und über all der Pracht liegt warmer, milder Sonnenschein.
Durch dämmerig dunklen Wald nun höher hinauf, bis alles tief unter mir liegt: blaue See, in die der graue Tempel sich einbaut, dicht daneben die schlank graziöse Pagode, und ringsum das in Sommergrün und Herbstrot gebettete Dorf. Über der See durch Ferndunst und Höhenrauch herübergrüßende Berge. Ringsum Stille und Schweigen. Ringsum unzerstörte, unentweihte, heilige Natur -- Insel der Seligen!
Zum Dorfe hinab. In den saubern und netten Holzhäuschen wohnen Fischers- und Schnitzersleute. Brauchen nicht viel zum Leben und haben das Wenige. Zufriedene und vergnügte Gesichter allüberall. Kein Bettler, kein Armer zu sehen -- Insel der Seligen! ...
Nun in die Tempel. Der eine, auf kiefernbestandener, weitblickender Höhe, der andere zu seinen Füßen in der See. Zu dem Gotteshaus, das unten im Meere steht, müssen die es umsäumenden Föhren von hoher Schutzmauer herab alle sich ehrfürchtig niederneigen. Manche bäumt sich zwar, nachdem sie tief sich schon gesenkt, mit ihrem mächtigen Stamme widerspenstig, hoch und trotzig wieder empor. Aber der Gott, der zwingt sie nieder. Demütig küssen sie schließlich alle mit den Spitzen der Wipfel die geweihte Erde tief unter ihren Füßen und Wurzeln, bezwungene Walddrachen, die den heiligen Göttern huldigen.
Nicht nur die Bäume, nicht nur das Meer, das dem Tempel hier ewig sein hohes Lied rauscht, auch die Tiere grüßen die Götter. Ein schwarzes Tempelroß ist da und Störche und Tauben, Hunderte und Hunderte von Tauben, zahmer und zutraulicher als die auf dem Markusplatz. Auf stillem Tempelgrund äsen friedlich die Hirsche. An heiliger Stätte Gottesfriede zwischen Mensch und Tier. Beide sind Freunde hier, beide sind eins in der Gottheit! ... Insel der Seligen! --
Am Nachmittag hinaus ans Meer, hinaus ins Meer auf schmaler, sandiger Landzunge, vorbei an dem mächtigen Tempelbogen, dem wogenumrauschten Wahrzeichen Miyajimas. Auf einem alten, wegüber liegenden Baumstamm läßt sich da schön sitzen. Leise brandet das Meer, von einer fernen Fischerbarke trägt der Wind ein lustig Lied herüber, und auf einem dürren Ast krächzen darüber ärgerlich ein paar Raben.
Nun hinter mir ein Rascheln im Sand. Damwild, das mich begehrlich ansieht. „Nein, nein, ich habe nichts!“ Und als ob es mein Kopfschütteln verstanden hätte, beginnt es ruhig, dicht neben mir, sich mageres Gras zu suchen.
Ich sitze und sinne nach. So ganz anders wie bei uns! Soviel sonniger, farbenprächtiger und leuchtender! Und doch, es ist heute Allerseelentag für einen -- auch hier. Man ist mit Gedanken und Träumen mehr als sonst in der Heimat, man gedenkt seiner Toten, gedenkt derer, die leben.
[Illustration: Der heilige Fujiyama. (S. 27)]
[Illustration: Japanisches Bauernhaus am Fujiyama. (S. 27)]
[Illustration: Anmarsch zum Tenryugawa. (S. 33)]
[Illustration: Auf dem Tenryugawa. (S. 36)]
„Oheio!“ tönt es da hinter mir, eine helle Knabenstimme. Ein Fischersbub, mit der Angel in der Hand, steht dicht hinter mir, hat ein paar schlechte Rüben in der Hand und deutet auf die Hirsche.
„Oheio“ = „guten Morgen“, so grüßen hier mit einem tiefdrolligen Knix alle Kinder, „Oheio“, weil dies Wort den Fremden meist geläufig ist; grüßen hier so, auch wenn es schon Nachmittag oder gar Nacht ist.
„Oheio“, sage auch ich und sage „Arrigato“ = „ich danke schön“. Gemeinsam füttern wir die Hirsche. Mein Fischersbub bleibt, auch nachdem wir ausgefüttert haben, bei mir, deutet da- und dorthin und erklärt mir wohl nun all die hundert Herrlichkeiten seiner schönen Insel, redet, redet immerzu, ganz wie der Bergbach neben uns, den es auch nicht stört, wenn niemand sein Murmeln und Rauschen versteht.
Aber endlich hat der Kleine sich müde gesprochen, und als die Sonne hinter den Waldhügel hinabsinkt, trollt er mit einem letzten Oheio nach einer wohlgelungenen Verbeugung in sein Dorf zurück.
Ich bin wieder allein, wie ich es nun schon Wochen und Monate gewesen. Ganz still ist’s rings geworden. Die Fischer sind längst eingefahren -- Wild und Raben sind zurück in den Wald.
Ich möchte den Tag so gerne länger halten können. Er ist so schön gewesen! ...
Schön und herrlich und strahlend wie das alte Japan, das nun todgeweihte Märchenland, dessen Lied einen so vollen und guten Klang hatte, der noch süß klingt im Sterben, das alte Japan, das eines Tages sterben wird, auch auf Miyajima, der Insel der Seligen.
Allerseelenstimmung auch hier! ... Noch eben spielte auf dem grauen Tempelbogen ein letztes, leises Sonnenlicht, nun liegt das alles schon im dunklen Schatten.
Götterdämmerung ist finster über die alten Götter hereingebrochen. Der Kinderglaube derer, die einst hier Tore und Tempel türmten, hat den Todesstoß empfangen.
Schon lächeln die Jungen der neuen Zeit, die ganz Klugen und Weisen, mitleidig nicht nur über die alten, die toten Götter, lächeln erhaben auch über ihr altes, über das ganze, alte, selige Japan! ...
Aber sie sollten nicht lächeln -- ich würde weinen, wenn ich ein Japaner wäre, sollten wenigstens trachten, einen eigenen guten Klang, eigene Note und eigene Melodie in das neue Lied des neuen Japans zu bringen. --
Im Nachtdunkel gehe ich durch stillen Bergwald zurück.
Allerseelen! ... Alle die Seelen, die von mir weggeflattert sind ins große Wesenlose, sind heute um mich und bei mir, und auf dem Eiland, in dessen Erde kein Toter ruht, kommen die Toten, die in ferner Heimaterde schlafen -- meine Toten -- mir so nahe wie sonst noch nie.
Auf nachtschwarzen, feuchten Wiesen stehen sie, von weißen Nebeln umflattert, an spukhaft geformten Föhren lehnen sie, kauern in dunklen Hohlwegen unter abgestorbenen Wurzeln und Baumstümpfen, knien vor altersgrauen Steinlaternen, treten aus einsamen Waldtempelbogen hervor, spähen und schauen, winken und warten, warten, daß ich sie sehe und grüße.
„Willkommen, ihr Toten!“ ...
Da lächeln sie leise ein leeres, freudloses Lächeln, ein lichtloses Lächeln der Nacht, neigen zum Gruße das Haupt und ziehen mit mir. --
Rascheln von welkem Herbstlaub, Brechen von morschem Gezweig. Aber das stört nicht die Toten und mich, stört nicht die Zwiesprache: Unausgesprochenes wird heute gesprochen, Ungeklärtes wird heute geklärt, Unverständliches wird verständlich, klar wie selige Sonne und leuchtendes Licht. Zwischen mir und den Toten ein einziges großes Verstehen und eine unendliche Liebe.
Dicht neben mir wandern sie hinein in die grüne Waldinsel der Seligen, wo Leben und Leiden nicht in Schmerzen beginnen, in Schmerzen nicht enden darf, wo kein Toter weilen, kein Toter begraben werden darf. -- --
9. Neue Reisepläne.
Ich gehe aus der Inlandsee nach Jokohama zurück. Herbst- und Allerseelenstimmung auch hier.
In Tokio, weit draußen in der Vorstadt, wo die Gärtner wohnen, haben diese aus den schönsten Chrysanthemen aller Farben und Größen bunte, lebende Bilder zusammengewoben, haben aus Blumen, nur aus Blumen, streitbare kriegerische Ritter und Knappen, Krieger und Streitrosse geformt und zarte Töchter Nippons aufgebaut und gestaltet, haben ganze bewegte, dramatische Szenen hervorgezaubert.
Aber trotz aller schimmernden Chrysanthemen und noch blühenden Rosen, trotz aller in lachende Farbenpracht gehüllter Kamelienbäume kann es schon bitter kalt sein und, wenn man nur für Sommer und Tropen ausgerüstet ist, friert und klappert man wie noch nie im Leben. Kein Ofen im Hotel Manka. Mißvergnügte Gesichter manchmal nun auch hier. Allen, den Menschen, dem Lande fehlt die wärmende Sonne. --
Fort denn aus Japan!
Ich hatte dort das alte Japan gesucht und gefunden. Das neue, das ich nun deutlicher sah und erkannte, hat doch so manche und nicht immer leichte Schatten im Bilde.