ELFTES KAPITEL
Guter Wein ist so erhaben, daß man keine schlechten Aphorismen darüber machen soll.
Jappes und Pepy saßen in einer Nische der holländischen Teestube. Sie trank ein Glas Glühwein, er aß eine Schale Eis. Pepy überlegte, ob sie Jappes ernst nehmen solle. Sie fand ihn entzückend und abstoßend. Mußte ganz verbissen über seine Späße lachen, die manchmal brutal klangen, dann stampfte sie mit dem Fuß auf: Teufel! Er warf ihr huldigende Blicke zu und sagte: „Pepy, du bist bezaubernd, lockend schön, faszinierend wie der Nabel des Buddha, wenn man ihn gesehen, kann man nicht mehr los.“
Pepy erfuhr gerne, daß sie reizend war, aber die Vergleiche zerstörten die schauersüße und sinneglühende Romantik. „Du bist der beste Mann, weil ich für dich schwärme, aber du sollst dich auch liebhaben und das Gute nicht in dir töten durch das Grobe deines Benehmens.“
„Soll ich schön schweigen und mich vor Langeweile töten. Ich, Jappes, genannt Paul vom Schlapphof. Ein tüchtiger Kerl, wer nicht am Weibe verrückt wird. Pepy, du bist aus Dreck und ich bin aus Dreck und zwei mal Dreck ist Dreck. Die längste Zeit waren wir zusammen, glaubst du nicht auch? Feiern wir Abschied heute, ein bißchen Abschied voneinander, wir haben nicht viel aneinander zu verlieren, weil wir noch nicht viel gewonnen haben.“ Pepy war starr. Jappes bestellte eine Flasche Affentaler, und mit sinnlicher Ungeduld fragte er Pepy, wieviel Männer sie lieb habe.
„Aber Jappes, du bist wohl entgleist! Keinen einzigen, sage ich dir, keinen!“
„So,“ sagte Jappes, „keinen?! Ich danke dir, daß du nicht einmal mich lieb hast. Kapsele deine Gefühle ein, bis dein guter Ritter kommt und die Schale der Ehe bringt. Hehe! Der Storch wird die Taube sein, die alljährlich wiederkommt, um die Wunderkraft des Kelches neu zu stärken.“ Er lachte ein gedehntes, viehisches Lachen.
Pepy schluchzte, nahm seine Hand, und sagte weinend: „Jappes, ich habe dich lieb.“
„Du willst wohl Ortrud sein und Rache nehmen, Schlange du, du glatte. Komm, trink mit mir dies Trostgebräu, daß deine Tränensäcke nicht versiegen.“ Er schenkte ein: „Prosit! Trinken wir auf das, was wir nicht lieben.“ Sie tat ihm nicht Bescheid. Er trank die beiden Gläser leer. Dann war es still.
„Soll ich gehen, Jappes?“ Er schwieg.
„Soll ich noch dableiben?“ Er schwieg.
„Was soll ich tun?“ Er schwieg.
Sie goß die Gläser voll, „Trink Jappes, und sprich, dein Schweigen ist gräßlich und paßt nicht zu dir.“ Er trank. „Ich werde Arzt, prosit! Nabelstrangspezialist. Weshalb schneidet man das Organ ab? Ich werde den Nabelstrang kultivieren, pfropfen und ihn so drillen, daß er der Rezeptator der okkulten Schwingungen wird. Ich sage dir, der Nabel wird nicht umsonst in Indien verehrt; wenn wir ihn ausbauen, können wir alle Geheimnisse durchschauen. Ja, du lachst, ich werde den Nabelstrang ausbauen und eine Physiologie schreiben, eine Anatomie und eine Psychologie. Da muß das Feinste der Seele hinein, das Animalische. Freundin! es wird das zentrale Problem der medizinischen und okkulten Forschung. Das Problem, um das sich alles dreht. Es wird der Nabel von allem sein. Prosit!“ Er soff sein Glas leer. „Trink nicht zuviel,“ sagte Pepy, „du bist schon an der Grenze des Ungenießbaren.“ „Ja,“ tat ihr Jappes Bescheid, „es ist ungefähr die Grenze. Aber ich bin nicht so dumm, wie ich mir die Mühe gebe zu scheinen.“ Ihr Lachen streichelte seine grobe Stimme.
Jappes hob sein Glas: „Leben, ich küsse dich!“
„Du bist unberechenbar,“ sagte Pepy, „man weiß nie, was kommt.“
„Ich tue immer das Gegenteil von dem, was man erwartet.“
Da wurde Pepy traurig: „Weißt du, Jappes, ich kann dich nicht lieben, weil ich keinen Halt an dir finde, weil dein Wesen mir immer entgleitet, und ich muß dich lieben, weil du so bist. Ich kann das selbst nicht verstehen.“
Er: „Da gibt es nichts zu verstehen! Bitte, Fräulein, zahlen.“
Als sie gingen, nahm Jappes die leere Flasche mit, aber er war traurig, als er das Mädchen sah, das nach Liebe rang.
Schlichte Naturen haben manchmal tiefe Gedanken, die uns heimlich von ihrem Wesen Kunde geben.
Nebelhaft und drohend starrten die Häuser in die Nacht, hier erlosch ein Licht, dort ein anderes. Straßenkehrer säuberten die Schienen der Tram, kehrten den Unrat der Straßen zusammen und schliefen dabei. „Die Bedeutung, weshalb wir in Lohengrin waren?“ fragte Jappes.
„Hast du das Lohengrin-Motiv verstanden?“
„Ich glaube ja,“ sagte er und wurde ernst. „Sage mir etwas von deiner Seele. Ich liebe deine Stimme, Pepy!“
„In der Lohengrin-Idee liegt etwas von meinem Leben. Ist es nicht das göttliche Sehnen aus der Einsamkeit nach der Menschwerdung? Gott will keine unterwürfige Demut, kein Zerfließen in Anbetung, er will durch die Liebe erlebt und begriffen werden. Gott will ein fühlender Mensch sein und in seiner Sehnsucht ruft er nach der Frau, nach dem Herzen. Ist es nicht die Kraft, die sich in Liebe wandelt und die Tragik gebiert? Der Mann, der sich läutert und die Frau, die aus Sehnsucht stirbt. Lohengrin wieder rein vom Schmerz durch das Opfer der sterbenden Elsa. Jappes, das wirst du verstehen, wenn du dies Büchlein gelesen hast.“ Und sie reichte es ihm.
Zwölf Schläge rieselten durch die Nacht, und zwei Menschen dachten an den Inhalt der vergangenen Stunden.