Chapter 2 of 11 · 1213 words · ~6 min read

ZWEITES KAPITEL

Eine befangene Seele kann Alltägliches sogar als Ausnahme genießen. Und der Alltag bietet so viel Alltägliches.

Jappes schlenderte durch die Stadt, sog seine Seele voll von neuen Eindrücken und frischte alte auf. Er merkte sich alle Namen, die komisch klangen, und besah die mit Modeartikeln gespickten Schaufenster. Er dachte: die Menschen kaufen ihre Sachen hier und sehen doch so unappetitlich aus im Vergleich zu den leckeren Schaufenstern. Manchmal streifte eine Modepuppe an ihm vorbei mit wiegender Hüfte; hinter ihr drein ein Duftschweif von Oppoponax oder Lavendel oder –. Dann war er immer etwas befangen. Weshalb ziehen die Weibchen sich so duftig an? Weshalb der süßprickelnde Duftschleier über der angemalten Anmut? Sieht doch eine aus wie die andere und ist das kein Trost für die Häßlichen!

Manchmal grüßte er ulkig aussehende Männer – ach! so viele Männer sehen ulkig aus – um sich an den verdrehten Institutsbücklingen zu freuen, die sie ihm machten. Aber er tat, als habe er Eile, um zu verhindern, daß jemand ihn anrede. So machte er sich allerlei Gedanken darüber, wen er wohl gegrüßt habe und freute sich, weil der andere nicht wußte, daß er angeulkt worden war.

Die Straße war glühend heiß. Die Häuser standen bleich und starr und hatten wehe Augen. Jappes sog sein Teil Benzin- und Menschen- und Roßäpfelduft ein und fluchte: „Verdammt, ist das eine Luft!“

Ein Wagen mit Obst. Die Birnen waren feuchtschmierig, wie gepuderte Damen, die zu lange getanzt haben. Am Wagen ein Mann und ein anderer Esel. Jappes fragte: „Kosten?“ „’s Pfund eine Mark!“ „Bitte ein Pfund. Ist der Esel schon alt?“ „So alt wie Sie, Herr, wird er schon sein, Herr,“ und reichte die Birnen, „aber gut ist er schon. Halt wie ein Zugpflaster, man muß tüchtig aufschmieren und ziehen lassen.“

Der graue Zögling spitzte die Ohren.

Ein Batisttaschentüchlein mit feinen Spitzchen rettete ein Damennäschen vor Ueberschwemmung. Jappes staunte, daß eine so unappetitliche Prozedur mit soviel Grazie vollzogen wurde, und er wagte es nicht, sein gemaltes Sacktuch hervorzuziehen, auf welchem irgendeine rührende Liebesszene dargestellt war. Bunte Taschentücher der Landleute haben etwas originell Anschauliches; vielleicht sind so viele bunte Motive auf den Tüchern der Alten, weil sie gewohnt sind, ihre Nase in alles zu stecken! Vom Taschentuch bis zum Schnupfen ist nur ein Schritt, dachte Jappes, als es kühl wurde. Abends weinte sein grobes Leinen, weil es allein war und vom duftigen Spitzenbatist träumte.

Schau, sagte Jappes, auch ich bin einsam, und da war das Taschentuch sein Trost in Tränen.

Wenn wir vor unseren dummen Gedanken fliehen sollten, wären wir beständig auf der Flucht.

Nachts schrieb Jappes seinem Tagebuch:

Liebes Tagebuch, du weißt, daß ich ein guter Kerl bin und du immer der Sarg meiner Gefühle warst, daß ich mich immer an den Bibelsprüchen erbaut und nie eine Geige gestrichen habe; daß ich meinen Geist, die beste Kuh, die ich in allen Notlagen melken kann, nie auf unrechte Weise führte. Um recht in das Stadtbild zu passen, muß ich meine äußere Fassade etwas aufputzen, denn ich bin nun einmal in den Kulturtopf umgepflanzt. Du weißt, ich stehe genau wie du auf den untersten Sprossen der sozialen Erwerbsleiter und werde wohl die neunundzwanzig letzten Tage des Monats ohne Geld bleiben. Das sage ich dir, weil ich mich in Zukunft auch mit Kleinigkeiten abgeben will, und die eigenen Mängel können wir autobiographisch am besten vertuschen, denn die Dialektik ist der Vatermörder für den Kropf unserer Verbildung. Ja, mein liebes Tagebuch, ich weiß bestimmt aus einer Chronik, daß ein reicher Herr den Vatermörder erfinden ließ, um seinen Kropf zu verdecken: Eine Erfindung, die wie gute Kragen glänzend, aber ebenso steif ist.

Ich warne dich vor Vatermördern, denn es haftet der Fluch daran, das heraufzubeschwören, was sie verdecken sollen. Fatales Gesetz der dunklen Magie. Zudem ist die Unterlassung von Modenarreteien ein sparsames Hausrezept. Verzeihe, daß ich über etwas geschrieben habe, was ich mir noch nicht leisten kann, aber du weißt selbst, wieviel Trost es bringt, uns über Unerreichbares hinwegzuekeln. Könnte ich das immer! Heute war zum Beispiel ein jungatmiges Spitzentuch – – – – doch nein! Ich will unsere Wehmut nicht kitzeln.

Noch ein Wort über die Stadt: Sie hat eine staubige Atmung und ich weiß wie du aus Erfahrung, daß ein Bauer sieben Kilogramm Staub schluckt – über die Zeit ist nichts gesagt –, aber dabei gesund und grob ist! Darum will ich Betrachtungen über die Unterschiede des Stadt- und des Landstaubes anstellen; werde gelehrsame Meditationen über die Wirkung des Stadtstaubes auf Landbewohner und umgekehrt halten. Der Wissenschaft zuliebe will ich mich als Versuchskarnickel opfern. So wälze ich die staubigsten Probleme in meiner Gehirnhöhle: sagte die gute Mutter nicht immer, ich sei ein problematischer Kerl.

Was Mütter gefühlsmäßig sagen, soll man immer glauben.

Mein liebes Tagebuch! Die Fliegen umsummen die Lampe und lärmen unruhig. Ich schließe und lösche, denn es ist wirklich Zeit, daß die Tierchen schlafen gehen, und schlafend erwartet man am sichersten den nahenden Tag.

Die Worte, die wir morgen reden, waren heute noch nicht wahr.

Jappes forderte im Schlaf das Recht der Jugend, ruhend zu träumen.

Ein Traum setzte sich kitzelnd wie eine Fliege auf die Nasenspitze seiner Einbildung: Das zweibeinige seidenrauschende Riechfläschchen, das ihm beim Stadtbummel in die Nase gestiegen war, erschien. Es trippelte kühn vor ihm her, trippelte, trippelte, langsam und schwupp drehte es sich um.

„Freund, erschrick nicht! was starrst du mich so an, meine Dekolletage? Die Polizeigrenze verläuft tiefer, seitdem die Zensur aufgehoben ist.“ Unterfaßte ihn und ging mit ihm in den Abend hinein, wo das Licht blind wurde. Da bat er um ihren Mund. Sie sagte: „Es kommt jemand, er sieht unsere Silhouetten.“ Und Jappes: „Laß den Silhouettenjäger, komm, sei gut –“

Ein Klaps übers Ohr von weicher Hand, daß er erwachte: „Gott ja! was hab ich nur geträumt? Oh! ich weiß, wir träumen immer, was wir nicht haben können.“

Er dachte an seine Mutter und hatte Sehnsucht nach Prügeln.

Der Morgen brachte einen Brief. Das Tagebuch schrieb: Mein staubiger Problematikus: Du schreibst: Heute war zum Beispiel ein jungatmiges Spitzentuch – – – – Die zwei letzten Gedankenstriche voller Ironie hättest du dir sparen können. Die beiden ersten haben mich traurig gestimmt, weil ich weiß, daß du wieder auf der Pirsch nach Freiwild bist. Weshalb betrügst du mich nicht und schweigst über diese Sachen! Mich als sächliches, geschlechtsloses Tagebuch muß es um so tiefer kränken; „der“ und „die“ können zusammen poussieren, aber „das“ muß immer verzichten. Daß ich nie Vatermörder trug, weißt du schon, weil ich keine Vatermörderkragenhalshöhe habe: mithin technisch unmöglich. Spintisierender Staubfänger, du willst das Opfer der Wissenschaft werden. Nur Mut! Du bist das richtige Karnickel dazu. Der ekle Rest deiner übrigen Andeutungen über Personalveränderungen ist trieblos spröde und in puncto Freundschaft bin ich sehr ernüchtert, weil du gewaltsame Aenderungen durch allerlei Modekrempel an dir vornehmen willst. Ueberhaupt – ich kündige dir die Freundschaft auf acht Tage!

Jappes lachte und freute sich, daß das Tagebuch sächlich war. Er brummte: Bauer, du bist doch nur mein Waschzettel, also fort mit dir. Nach acht Tagen, wenn wieder großes Reinemachen ist, werde ich mit meinen Siebenmeilenstiefelgedanken deinen Groll schon dämpfen.

Das Tagebuch war dickköpfig und unwiderruflich, wie alles Geschriebene. Doch kaum war der Brief weg, als es leise-zitternd wimmerte: Acht Tage ist halt doch eine lange Frist!

Die Sehnsucht aber baute ihr Nest an dem Ausblick auf einen Jappesschrieb.