NEUNTES KAPITEL
Die Professoren sind Seifenblasen, die meistens durch ihren eigenen Wind platzen.
Die Sonne warf einen gelben Klecks an die Tapete. Wagen fuhren über die Straße mit Hüh und Hott. Die Wirtin stellte den Kaffee auf den Nachttisch und Jappes tat, als schliefe er noch. Er war ärgerlich und die Langeweile durchzog seine Seele mit grauen Fäden. Er wollte etwas erleben, was Neues hören. Rekelte sich aus dem Schlaf und warf sich in die Kleider. Der Postbote brachte einen Brief von der Mutter. Jappes legte ihn auf den Tisch und quälte sich, was wohl drin stehe.
Ging fort und ließ den Brief ungeöffnet.
Tagsüber war er an der Universität und schlürfte das Manna des Wissens am Busen der Alma Mater. Lutschte sich stundenlang müde am ledernen Lutschbeutel verbissener Pedanten, ließ sich anöden vom faden Aesthetengeflunker, horchte der einschläfernden Musik verkrüppelter Humanitätsduselei, hörte subjektive Anschauungen über objektive Rhetorik, trieb im seichten Fahrwasser der sturmlosen Logik, geriet in die Strömung lyrischer Ergüsse und lauschte dem Gesäusel romantischer Seiltänzer. Und die Abwechslung reizte seinen Appetit, von allen Bissen zu essen, die auf den Schanktischen der Universität angeboten wurden, hörte, daß Moral keine Tugend sei, stocherte im geistigen Riesenmüllkasten und fand nebst abgenagten Knochen die Asche der guten Gedanken, ohne etwas vom Feuer der Kohle zu merken. An dieser Brutstätte großer Gedanken gewahrte er, daß das Gefieder der Vögel buntschillernd gespreizt war, daß die Vögel aber lauter faule Eier legten. Fand, daß das Schönste das Getrampel war, das die Dozenten sich in der akademischen Stunde ergreint hatten, zerbrach sich den Kopf darüber, wie die Studenten die Rezepte der Weisheit nachschreiben konnten, statt gegen den hirnzerschlitzenden Blödsinn Front zu machen, der dort verzapft wurde. Die Professoren rieben sich gegenseitig aneinander, um sich von den eigenen Unsauberkeiten freizumachen. Um sieben verließ er die letzte Vorlesung. Ein Dozent hatte über den Empirismus geredet: Eine erkenntnistheoretische Richtung, die alle Erkenntnis aus der Erfahrung ableitet. Für Jappes praktische Begriffe einer praktischen Lehre. Neben dem reflektierenden und kritischen Empirismus gefiel ihm der naive am besten. Die Hörer drängten zur Tür. Zwei Studenten diskutierten, ob John Locke oder Francis Bacon die Ehre gebühre, als Begründer des Empirismus anerkannt zu werden. Jappes mischte sich ein: „Ich bin dafür, Wilhelm Wundt aus Neckarau in Baden die Ehre zu geben, weil er den naiven Empirismus erfunden hat und ich bin Badenser!“
„Ein glänzender Kopf – Wilhelm Wundt,“ sagte der eine Student, und Jappes dachte an Pomade.
Er verfolgte eine üppige Bluse, die in ein Speisehaus lenkte. Saß vis-à-vis von ihr und sah sie auf und nieder wogen. Eine duftige handgearbeitete Guipurespitze wehrte dem kühnsten Auge, zu den gewölbten Eigentümlichkeiten des Mädchens zu dringen. Die Dame bestellte zwei Menüs, schlang sie hinunter und unterhielt sich mit Jappes über ihre Appetitlosigkeit. Er war sprachlos und kaute ein wieherndes Beefsteak à la tartare hinunter. Zahlte und empfahl sich: „Gnädiges Fräulein, lieben könnte ich Sie, aber nicht füttern.“ Und sie: „Reiten Sie angenehm mit Ihrem Roßbeef!“
Aus einem Kaffeehaus floß das sacharinsüßliche Ariengesäusel einer Streichkapelle. Das viktoriaschwangere Gebrüll eines Veteranenvereins zitterte durch den Tabaksqualm eines säuerlichen Bierlokals. In den Anlagen standen junge Astronomen, die sich mit dem Teleskop der Liebe in die Augensterne ihrer Geliebten verirrten. Jappes eilte vorüber, er hatte Sehnsucht nach dem Brief, der am Morgen von seiner Mutter gekommen war.
Während er las, betete Reinette im Nebenzimmer ihr Liebesbrevier. Der Mutter ging es gut, und Pepy schrieb: Ich hole Dich morgen um sieben Uhr ab. Wir gehen in den Lohengrin. Es hat seine Bedeutung.
Es hat seine Bedeutung, las er zum zweitenmal.