Chapter 9 of 11 · 949 words · ~5 min read

ZEHNTES KAPITEL

Die Kunst bleibt rein, selbst wenn sie vom Pöbel beschmutzt wird.

Jappes führte Pepy aus. Beide in hoher Wichs. Er unterhielt und war galant. Lässig schlenderte er mit ihr in den Wandelgängen. „Ja, Pepy, wer ins Theater geht, sollte alle seine Sorgen in der Garderobe ablegen können. Eine Oper soll man eigentlich genießen wie ein türkisches Bad: den Zauber wohlig-prickelnd über sich ergehen lassen und dabei mit der Nacktheit seiner Gefühle allein sein. Die Oper will ich durchaus nicht mit einem türkischen Bade vergleichen. Nein!“ Pepy zerknitterte das Programm in ihren Händen: „Jappes, du bist wieder toll!“

„Kleine, liebe Puppe,“ fuhr Jappes fort, „ich habe den Hang zum Raffinierten und das viele wimmelnde Fleisch reizt mich. Dann könnte ich eine Dummheit begehen, irgendeine Mastdame anrempeln und sie in den großen Wandspiegel bugsieren. Die Lorgnetten machen mich nervös und ich verspüre Lust, eine Dame in der Abendtoilette in die Schulter zu beißen. Pepy, hier dürfen wir nicht oft herein, wenn du keinen Skandal aushalten kannst. Schau den Dickwanst drüben! Die Verblüffung über seinen plötzlichen Reichtum ist nicht mehr aus seinen Zügen gewichen und nun geht er mit seinen plattfüßigen Metzgergefühlen eine Oper genießen. Genußmenschen à hundertfünfzig Kilogramm Lebendgewicht. Da, der Kerl, sieht aus wie ein geschundenes Gerippe, ein Kopf wie eine Blase, und halluziniert der Kokotte, die neben ihm geht, die schlotterndsten Liebesgefühle. Aber wahrlich, das Weib ist wie aus Milch und Rosenduft und schön wie eine Sünde. Das Gefunkel der Geschmeide macht mich verrückt. Pepy, fühlst du dich wohl in diesem Massengeflunker?“

„Du bist wirklich lächerlich, es ist doch nett.“

„Nein! ich amüsiere mich, wie köstlich! das reinste Panoptikum. Korsettstramme Offizierlichkeiten, mit besäbelter Sicherheit im Auftreten, vierdimensionale Damen, in ihren Zügen das flache Bedauern, daß ihr Schoßhund fehlt. Junge flirtende Holdseligkeiten mit halbgezwungen-flötender Drehung zu ihrem Manne gewandt. Ihr Mann, eine selig-sichere Kotillon-Erinnerung. Rauschende Seidenpuppen durchlauern die Gruppen, ziehen die Blicke auseinander und mustern, mustern. Und die Männer sehen dasselbe ins Weibliche übersetzt, vielleicht zäher, sicherer, brünstiger. Die Männer sind stärker, sicherer, zugeknöpfter!“

„Die Männer sind nicht alle wie du, komm, du machst wirklich noch einen Alarm.“

„Ich sehe den Wind,“ entgegnete Jappes; „die Leute würden mich nie langweilen, nicht einmal, wenn sie im Negligé wären. Ich weiß, wie sie sind, und was sie nicht sind. Die hier alle sind verblassend wenig, weil sie etwas zeigen oder etwas sehen wollen. Den Leuten steht die Form ihrer Nachttöpfe auf der Nase geschrieben. Ich wollte, ich hätte keine Nase.“

Pepy stieß ihn in die Seite – „Jappes!“ –

„Gehen wir hinein, die Menschen, die etwas sein wollen, sitzen drinnen und sammeln sich, statt sich schon am Flitterkram zu zersplittern. Schnell, dort wickeln sie die Stullen aus dem Papier, das Pack frißt immer, schade, daß es nicht unsterblich ist!“

„Komm, Jappes,“ bat Pepy, „sei vernünftig.“

„Ich will es versuchen, Liebe. Es ist gefährlich, mit Menschen zusammenzukommen, man muß immer auf etwas gefaßt sein. Du bist sehr schön, wenn du so schweigend neben mir gehst. Hier die Plätze, ich glaube, im Theater setzt sich die Dame rechts.“ Und Pepy: „Jappes, du bist ein liebes Schaf.“

Er drückte ihre Hand.

Die Kunstgelehrten streiten darüber, ob Lohengrin eine spaßhafte oder eine ernste Figur sei.

Die ersten Takte gerannen zur Melodie und das Orchester erzählte ein Märchen:

Monsalvat im fernen Land ist eine heilige Burg. Ein lichter Tempel, dessen Pracht die Rosen Schiras’ glühend neiden, liegt im Purpur eines glückverklärten Scheins. Verzückte Engel tragen Liebessehnsucht auf dem weichen Flaum der Flügel nieder. Im ätherklaren Schein harrt eine Ritterschar des Wunders, das aus lichten Höhn herniederschwebt. Süßer Duft umschmeichelt sanft die Wartenden. Und bebend legt die süße Furcht das zage Herz in seinen Bann. Ein Purpurschein umloht ein Flaumgewölk, das schwebend sich der Erde naht. Die Wartenden, vom Strahl der Liebe heiß durchglüht, erschauern in verklärter Wonne. Die Schale mit dem Blut des Herrn, in weißen Nebelflor gehüllt, erglüht im Flammenglanz der ewigen Glut und senkt sich vor dem Auserkorenen der Schar, vor Lohengrin, der seiner Sinne nicht mehr mächtig anbetend sich als Opfer weiht. Segnend gibt der Gral dem Ritter seinen Weihekuß. Im Herzen des Auserwählten verzehrt sich die Beseligung zur Wirklichkeit, indes die lichte Schar dem ätherklaren Zelt entgegenschwebt. – – – –

Die viergeteilten Violinen verklangen in hoher Lage auf dem Gralmotiv modulierend.

Jappes flüsternd zu Pepy: „Darf ich klatschen?“

„Wenn du etwas empfunden hast. Ja.“

„Ich habe sehr stark empfunden.“

Die fanfarenartig rauschenden Triolen, die König Heinrichs Rede begleiteten, füllten Jappes mit hellem Jubel, daß er Pepys Hand fast zerdrückte. Dem falschen Telramund wäre er am liebsten an den Hals gesprungen. Telramund, der in seiner blechernen Rüstung und mit seiner blechernen Anklage eine jämmerliche Figur bot. Als Oboe und Englischhorn erklangen, als trauernde Zeugen von Elsas Unschuld, weinte Pepy, und Jappes flüsterte: „Vergiß nicht, wo wir sind.“ Ein Herr zischte und Jappes schwieg. Als der Schwan mit Lohengrin erschien, sagte er lachend: „Der gefiederte Omnibus!“ Erneutes Zischen und Pepy schaute ihren „Kavalier“ vorwurfsvoll an. Als das Warnungsmotiv im düsteren As-moll unheilkündend vor Ungehorsam warnte, schaute Jappes den Zischenden bedeutungsvoll an. Der erste Aufzug verlief unbefriedigend für Jappes, weil Telramund nicht getötet worden war.

Pause.

Ein junger Künstler unterhielt sich mit Jappes über Wagner: Es sei schauderbar, daß man Wagner früher ausgepfiffen habe. Und dazu die unsinnigen Gerüchte, daß der Besuch einer Wagner-Oper Pest und Blattern und Gallensteine nach sich ziehe. „Das ist mir neu,“ sagte Jappes, „ich erinnere mich, daß ein Jahr vor meiner Geburt Lohengrin im Berliner Opernhaus seine dreihundertste Aufführung erlebte. Uebrigens, haben Sie den Draht gesehen, mit welchem der Schwan über die Bühne gezogen wurde. Ich entdecke den Schwindel immer.“

Der Fremde lachte: „Wann sind Sie geboren?“

„Am 16. Oktober 1893.“

„So, ein merkwürdiges Datum.“

Da begann der zweite Akt.