Chapter 6 of 11 · 2919 words · ~15 min read

SECHSTES KAPITEL

Wem Gott eine Begierde gab, dem gab er auch Gelegenheit, sie zu befriedigen.

Nacht! Von den Gaslaternen tropft ein müdes Licht und zerspritzt auf dem Pflaster. Paare flüstern Geheimnisse im Schatten. Andere gehen müde umschlungen, zucken auf im Licht, wenn sie ihre Gesichter sehen. Stehen eine Sekunde still, gebannt vom Gedanken, daß sie im Wonnetaumel eine Sünde taten: die Sünde! Ihre Blicke streifen aneinander vorbei und zag: Wir verlassen uns nicht. Sie wissen, daß sie müde sind und sich doch nicht verlassen können, obwohl sie allein sein wollen. Müde sein und nicht ruhen dürfen ist Qual. Ist Qual nicht der Fluch der Lust, wenn sie die Jugend mordet! Sie gehen in den Abend und ihre Seelen hüllen sich in den Schatten der Nacht. Andere kommen. Ihre Herzen sind trunken von Sehnsucht nach dem Geheimnis. Stehen still, als wollten sie sich noch etwas Wichtiges sagen, wozu ihnen der Mut fehlt. Schweigend küßt er ihr die Stirne und hauchend, oh, du! Lächelnd drückt sie ihm die Hand. Sie gehen und träumen vom Glück, das der Erfüllung harrt. Durch die Straßen geht die Begierde hingebungsvoll, geil, einladend, schüchtern. Verführte Verführung, tierisch-triebhaft. Betrügt das Leben um seine Inhalte und lacht den Hohn der Verworfenheit, gleitet durch die Nacht, reicht die Schale der verdorbenen Frucht und träufelt den Mohn des Vergessens mit lässiger Hand in die Wunden des verlorenen Selbst.

So geht sie und dichtet die Parodie der Liebe.

Das Haus schlief schon, als Jappes in seine Bude stieg, und der Mond lag wachend in der Treppe, gelb wie Safran. Er rasselte geräuschvoll mit den Schlüsseln und warf die Tür ins Schloß. Nach einer Weile:

„Nun liegt sie drunten in der Erde und hat einen Kranz aus Pfandhausblumen.“ Die Trauer wuchs in ihm, als er an das Mädchen dachte.

* * * * *

Draußen ging ein müder Wind. Jappes schrieb auf ein Blatt: Der Tod ist der höchste Gott, weil wir ihm unser letztes Opfer bringen; aber wozu an den Tod denken! Er ist ja doch immer das letzte! Er riß eine Schublade auf und langte ein paar Aepfel hervor: Das ist ein anderes Kraut; die Mutter hat sie selbst eingepackt, ein Borsdorfer, eine Kalville; Herr Doktor Jappes speist schöne Aepfel und denkt nicht mehr an die letzten Dinge. Puh! der dürre Tod. Und lustig: Im Anfang war der Apfel!

Aber eine Träne stahl sich durch die Wimper, als Jappes durchs Zimmer ging und sich zwang, lustig zu sein. Da hörte er ein leises schüchternes Klopfen an der Tür. Im Türspalt erschienen zwei sanft bittende Augen und eine schmiegsame Stimme klang: „Störe ich nicht, Freund, ich bin so einsam, so arm heute ...“

„Mich stört man nie,“ sagte Jappes, „ich gebe Ihnen einen Apfel, dann sind Sie nicht mehr so einsam.“

„Da muß ich lachen,“ sagte die Stimme, „wie ist das komisch! Fast wie im Paradies.“ Er gab ihr den Apfel und sie aß. „Schmeckt sehr schön, danke, wie ulkig! Ich muß immer lachen. Heiße übrigens Reinette. Das ist auch ein Apfelname. Der Apfel ist ein gefährliches Talent. Freund! Ich habe so eine seichte Natur, bin immer ein bißchen verliebt – ja Gott! wie lustig: In Paris habe ich auch so einen Studenten gekannt, ein toller Bursche, er hat mich auf der Straße aufgegabelt, in sein Zimmer hat er mich eingesperrt und ist davon gerannt – – – – willst du den Rest auch hören, ja?“

Jappes nickte: „Nun ja!“

„Eine Viertelstunde war er weg und kam wieder: ‚Reinette, zieh dich aus!‘ Er legte mir ein neues Korsett an. Ich mußte lachen, daß ich mir den Bauch in Falten zog. Wie eine Gipsfigur stand er vor mir und sagte: ‚So, nun hast du eine schöne Figur; ich bin Aesthet und Philosoph, weißt du, Reinette, Menschen, die alles mit dem Verstande tun, selbst das Gute.‘ Es war zum Heulen komisch. Er schmiß mich die Treppe hinunter und rief: ‚Mit der Vernunft kommt man der Liebe nicht bei.‘ Ist das nicht zum, Schieflachen?“ Während sie lachte, schüttelte sie ihre Ponnylocken und dann: „Wohne da nebenan, sehr schön und bequem und üppig.“

Jappes: „Kleine, du bist wie die Pointe zu einem zotigen Witz.“

Reinette: „Das versteh ich nicht recht. Ach so, ja! Mein ganzes Leben ist so ein schwüler Witz,“ – und zärtlich – „hast du mich denn gar nicht lieb? Ich bin doch so manierlich und gefällig.“ Sie lachte durch die Nasenflügel und warf sich auf die Ottomane. Eine glühenddunkle Macht peitschte ihr Wesen und zuckend krampfte sie ein Kissen in den Händen.

Jappes: „Du spreizt dich ja verlangend wie eine Kokotte und wenn ich dich enttäusche und keiner von der Sorte bin, die ...“ Sie unterbrach ihn:

„Von was für einer Sorte?“

Und er: „Wenn ich kein Schrittmacher der Liebe bin.“ Reinette: „Sei nicht gar so sportlich und nenn mich Reinette.“ Verlangend hielt sie ihr Händchen hin und bittend: „Noch einen Apfel!“ Jappes saß auf der Tischkante: „Da fang!“

„Komm, Jappeschen, setz dich her und erzähle mir von deiner Liebe. Komm! Ich hab dich ja so lieb ...“

Jappes lachte ihr ins Gesicht: „Du bist so eine Amorette.“

„Ach ja, Jappeschen, nenn mich Amourette, wie der Baron und schau mich nicht so zynisch an, du willst mich ja doch nur quälen und hernach bist du nett zu mir, genau wie der Baron: Abholen mit Auto und Dressing-gown und Orchidee im Knopfloch, küßt mir die feinen Schweden, zwinkert durchs Monokel, aber zu Hause ist der Teufel los, ich glaube, der Kerl ist eifersüchtig, bin auch eine feine Nummer, die mit Baronen umzugehen weiß, Ach! Komm, Jappeschen, ich erzähle dir: Der Baron sitzt vor mir mit übergeschlagenen Beinen, im persischen Salon, der Kerl ist blödsinnig reich, mustert mich scharf und fragt: ‚Wo warst du die Nacht, Amourette? bist so sanguinisch frisiert!‘ Dabei sieht er so blasiert aus, wenn er den Schwedenpunsch mit dem Halm schlürft – ‚Brauchst mir gar nicht zu antworten, weiß, daß du nicht allein warst, mir nicht treu bist!‘ Wenn ich dann weine, weil ich wirklich allein war, wird er immer so nett und sein Herz schmilzt. Von der Anrichte nimmt er ein Fläschchen Barcarole, bespritzt mich damit und sein bißchen Verstand wird brüchig. Wenn ich weiterschluchze, setzt er sich zu mir auf den Diwan und tätschelt mir die Beinchen: ‚Deine Wade ist so fein modelliert, und du bist so süß, Amourette.‘ Dann bring ich ihn zur Verzweiflung und wimmere: ‚Das sagt mir jeder!‘ Jappeschen, gelt, das ist langweilig, wenn man über die Liebe der anderen sprechen hört.“ – Sie legt ihren Kopf an seine Brust. – „Die Geschichte mit dem Baron artet immer in ein paar angenehme Tätlichkeiten aus, ach! die Männer fallen immer auf uns herein.“

Jappes bewußt: „Ich falle nie herein. Dein Baron ist ein Affe!“

Reinette schmollte: „Ja, stimmt, ich halte mich immer mit Affen auf. Das hat schon ein junger Privatdozent gesagt, ein ganz flaumbärtiger, aber eine Glatze hatte er schon mit dreißig Jahren und mordsgescheit! eine Kapazität oder was Aehnliches, er hat es mir selbst gesagt. Jappeschen, hast du schon so ein kleines Mädchen liebgehabt?“ Sie kicherte.

„Gehabt schon, aber nicht lieb,“ meinte Jappes, „du bist ein interessantes Weibchen, das schon ganze Romane erlebt hat.“

„Ja,“ sagte Reinette, „genau ganze Romane, wo sie sich am Schluß auch immer kriegten. Ich kriege alle Männer herum, überhaupt Weiberröcke bringen die stabilsten Grundsätze aus dem Gleichgewicht. Ein junger Kaplan war einmal so weit, an mir Wohlgefallen zu finden, da läutete es Angelus, er betete und kam auf andere Gedanken. Aber das ist eigentlich nur ein Anfang ...“

„Glaubst du, daß Kapläne anders sind? Es sind doch auch Brüder wie wir. Aus Fleisch und Blut und Begierden und sie beten zu ihrem Gotte der Liebe.“

„Mit Gott halte ich es nicht,“ wehrte sie, „ich bete zum Teufel, der ist zuverlässiger und schlauer und ...“

„Und? ...“ betonte Jappes.

„Puh! Du bist langweilig,“ sagte Reinette, „du hast keinen Takt, mit Damen umzugehen und kein Gemüt und keine Liebe.“

„Kleine,“ flüsterte Jappes, „ich bin nicht gemütskrank.“

Und Reinette: „Sooo! Liebe ist eine Gemütskrankheit. Du bist gefühlsroh und sadistisch und, und ...“

„Ja, und eifersüchtig,“ schrie Jappes, „dein Baron ist ein Lump, sonst würde er dich heiraten. Ich weiß gar nicht, ob ich deine Anmut oder deinen Witz am meisten bewundern soll. Ich bin so verblüfft und voll von neuen Eindrücken.“

Amourette stand starr: „Mache ich einen solchen Eindruck auf dich, Jappeschen? Du bist doch wirklich ein lieber, guter Kerl!“

Jappes nahm ihre Hand: „Armes Schwesterchen, du tust mir leid, ich denke just, was aus dir wird, wenn du so alt bist, sagen wir so alt, bis der Geschmack des Barons nicht mehr mitmacht. Reinette, Barone sind konservativ, aber Weiberchen sind wandelbar und der feinste Puder frißt den Teint.“

„Jappes, liebes Dummerchen, laß mich machen, überhaupt daran denkt man nicht, vorerst gut gelebt! Ich quartiere mich schon bei einem alten Krebs ein.“

„Alte Krebse zwicken und schnappen lieber junge Fliegen. Puh! mir graust, wenn ich bedenke, wie du runzlig und abgeliebt aussiehst. Brrr.“

„Du quälst mich,“ schrie sie und lag zuckend auf der Ottomane; nach einer Weile und schmollend: „dann geh ich in die Isar.“

„Trottel,“ sagte Jappes, „dann sterben die Fische.“

Reinette sprang zur Tür und keifend: „Lump, Betrüger, Komödiant, hast wohl eine andere, gelt, eine jüngere. Zwanzig Jahre ist alt. Erst lockst du mich mit Aepfeln, machst vor mir das süße Männchen, bist eifersüchtig, schimpfst meinen Baron und ekelst mich zum Schluß zur Tür hinaus. Der Baron wird mit dir reden. Jesus! Der Baron ein Affe! Mit Kugeln wird er dich durchsieben. Herr Doktor Jappes, mich verführen Sie nicht! Ich bin ein ehrbares Mädchen.“

Die Tür flog zu.

Jappes ging durchs Zimmer: Isartrottel! Deinen Baron hau ich dir zu Brei. Ein nettes Lärvchen übrigens und nett zum Unterhalten. Aufs Hirn ist sie nicht gefallen. Schade, daß ihre Instinkte so stark entwickelt sind, aber das hat auch was für sich. Eine Liebe ohne Instinkte ist wie Feuer ohne Zugluft. Er nahm zwei Aepfel: Wir werden Frieden schließen. Das arme Schindluderchen weint sich noch tot die Nacht. Und weshalb heißt sie auch Amourette? Ohne zu klopfen öffnete er ihre Tür.

„Bravo, Freund, du bist tapfer, du suchst den Löwen in seiner Höhle auf. Ich wußte, daß du kommst,“ jauchzte Reinette.

Jappes sanft: „Du sagst Löwe, ich sage Katze, lassen wir die Tiere, hier ist ein Apfel, knabbere den und sei meine Amourette.“

Die Luft war duftgeschwängert und jede Sitzgelegenheit war einladend weich. Ein Tisch mit Lichtbildern: „Darf ich vorstellen, meine letzten Freunde. Die vergriffenen liegen dort im Koffer.“ Auf einer Kredenz Schokolade, Sardinen, Keks, Vol au vent und Pralinés und Schrippen. Eine smaragdene Flasche Anisette und zwei Gläser. Auf der Toilette Duftflaschen, Puder und Schminke und diskretes Werkzeug. Ueber dem Bett eine einladende Nymphe vor einem grinsenden Faun und die Aufschrift: „Treu für eine Nacht!“

Jappes fragend: „Und wenn dein Herr Baron das sieht.“

„Hat er mir ja selbst geschenkt, Freundchen,“ und sie hüpfte durchs Zimmer.

Frau Wertheim trat ein: „Herr Doktor, das Zimmer kostet zehn Mark die Nacht, darf ich bitten.“

„Zahle morgen,“ sagte er kurz, „zudem habe ich nur einen Apfel gebracht.“

„Ich lege es aus,“ wehrte Reinette.

Jappes bemerkte: „Das Haus ist solid!“

„Und reell,“ sagte die Dirne.

SIEBENTES KAPITEL

Der Glaube macht selig, aber wer glaubt, wird über die Ohren gehauen.

Bei Wertheims gab es ein großes Essen und Jappes war eingeladen. „Herr Doktor wird heute mit uns speisen, mein Mann wünscht seine Bekanntschaft zu machen,“ hatte die Wirtin ausgerichtet.

Sie saßen zu dritt bei Tisch.

Herr Wertheim, ein ramponierter Ehegatte. Ein müdgraues breites Gesicht. Um den Mund spielte eine zuckende Ironie und sprang von den Lippen über die vorstehenden Backenknochen auf die Stirnrunzeln. Ein quecksilbrig-bewegliches Köpfchen mit wallendem Prophetenhaar. Er trug einen grünen Kaftan, wie ihn die Emire tragen, um ihre Verwandtschaft mit Mohammed anzudeuten. Herr Wertheim war weder Jude noch Türke trotz Kaftan und Name und Fes. Er war ein sehr gesprächiges Männchen, das trotzdem den Redefreiheitsparagraphen bei seiner besseren Hälfte nicht zu erzwingen imstande war und viele Gedanken verkümmerten in seinem regen Geiste, weil er nie Gelegenheit hatte, sie auszusprechen. Mit gönnerhafter Gebärde stellte er sich vor und lud zu Tische ein: „Wir werden zusammen tafeln,“ sagte er feierlich, „und ein wenig plaudern; ich habe mich bereits ans Leben gewöhnt und auch ans Erleben. Der Herr Studiosus wird eine interessante Unterhaltung gewiß nicht ausschlagen.“

Jappes: „Im Gegenteil, ich habe eine Schwäche für Belehrungen und Herr Wertheim ist ein interessanter Kopf, der gewiß was Interessantes zu erzählen weiß.“

Der Alte: „Ich liebe es sehr, jungen Leuten interessant genug zu sein, aber manchmal ist es gefährlich, interessant zu sein. Ich erinnere mich, auf einer meiner Reisen in Italien besuchte ich das Grabmal des großen Michelangelo zu Florenz, in Santa Croce. Im rechten Seitenschiff des alten Franziskanerklosters, es war an einem schwülen Spätsommertag, zwischen dem ersten und zweiten Altar, stand ich vor dem Grabmal Buonarrotis, vertieft im Andenken an den großen Meister, wie er im Gefühl der Liebe und der Verklärtheit seine Werke auf der Basis idealisierter Anschauungen schuf – – – da plötzlich entstand ein Gemurmel um mich, dann ein Fragen und Rufen: ‚Heil dem großen Meister! Michelangelo ist auferstanden!‘ Vier Männer trugen mich über den wimmelnden Santa-Croce-Platz durch die Via San Cristoforo in die Via Ghibellina ins Haus Nummer 64 ... Gelt, Schatz, Nummer 64 wohnte der Florentiner?“ fragte er seine Frau, welche zustimmend nickte. „Die begeisterte Menge war kaum zu überzeugen, daß ich Deutscher sei und Studien über Michelangelo mache und das Opfer einer verblüffenden Aehnlichkeit geworden war. Sie sehen, Freund, es ist gefährlich, großen Männern ähnlich zu sehen, wenn es auch schmeichelt. Einem Globetrotter passiert doch manch köstliches Abenteuerchen.“

Da wagte Jappes zu bemerken: „Ich kenne kein Bildnis des großen Meisters, aber ich bin überzeugt, daß er Ihnen sehr ähnlich gesehen hat.“

Papa Wertheim mummelte zufrieden an seiner Pfeife, aber Jappes fand, daß sie ihn gar nicht an türkische Rauchware erinnerte und daß das Brodeln der Pfeife nicht sehr appetitlich klang. Der Alte war gerührt, als er an die erhabenen Augenblicke dachte und wie ein Idiot sagte er mit lallender Zunge: Sein Traum wäre es immer gewesen, ein großer Mann zu werden, aber die Hemmungen des Alltags hätten seine Seele den olympischen Flug nicht nehmen lassen. Er gab sich Mühe, ein imponierendes Pathos anzuschlagen, seine Worte und seine Erregung illustrierte er durch einen embryonalen Gestus. Manchmal erlaubte er sich deklamatorische Abschweifungen, fing einen Satz an, ohne ihn zu Ende zu bringen: „Es war in Palermo oder Ferrara, vielleicht auch in Mailand, oder, Mutter, war es in Venedig? aber Mutter, du nickst ja ein! Ihnen, Herr Doktor, ist es sicher auch langweilig, lassen wir die anstrengenden Reisen. Stochern wir ein wenig im Psychologischen herum. Ich las die Tage ein Traktätchen über den biologischen Wert der Langweile, sehr interessant! Können sich’s mal ansehen. Sie finden ein nettes Kapitelchen über das Instinktive im Menschen, das unbesiegbar sein soll. Ein Brocken über den Wert der Lüge in der Gesellschaft und eine bürgerliche Ansicht über die Gottesidee ...“

Jappes fuhr dazwischen: „Ein Bürger hat überhaupt keine Idee, und wenn Gott nach dem Hirngespinst eines Bürgers geschaffen wäre, sollte er sich wirklich nicht dazu hergeben, zu existieren. Und eine Lüge ist durchaus nichts Schlimmes, wenn sie nur schädlich ist; ist doch die Wahrheit selbst nur eine Parodie der Lüge.“

„Freund!“ unterbrach der Alte und legte seinen stinkigen Kloben auf den Tisch. „Dann sind wir einig: Gott ist nur ein unrasierter Anthropomorphismus, in der Kirche, der Hochburg für Volkstäuschung, großgepäppelt. Wäre ein Aushängeschild für Frisierläden, aber für den Allmachtsgedanken doch zu haarig. Ich gebe mir mein Ehrenwort, an einen solchen Gott habe ich nie geglaubt. Jeder hat seine Religion in sich und die meinige ist durch die Erfahrung meiner Jahre und durch meinen sittlich-strengen Lebenswandel geheiligt.“ Jappes dachte, so siehst du aus, und brannte eine Zigarre an, die der Alte zur Ablenkung reichte und dann fortfuhr: „Wenn wir Fehler haben, ist es immer der Dämon unserer Vergangenheit. Wir sind doch alle ein bißchen die Söhne unserer Väter!“

„Vielleicht sind wir nicht wir selbst,“ stimmte Jappes zu, „und der verzwickte Verdammungsapparat wird sein Menetekel nur für einige schreiben, wenn die große Bilanz im Tale Josaphat gezogen wird, und die ganze Schuld unserer Sünden fällt auf den Stammvater Adam –“

„Oder auf den Affen, von dem wir stammen,“ lachte der Alte.

Jappes: „Vielleicht haben wir das Possierliche und Lustige gerade vom Affen geerbt und wir müßten ihm danken und ihn laufen lassen, statt ihn einzusperren.“

„Das Leben ist ein großer Rausch, und weil der Mensch vom Affen abstammt, wird die spätere Menschheit sicher zum Kater kommen,“ meckerte Herr Wertheim.

„Ich höre ihn schon schnurren,“ lachte Jappes.

Der Alte war ärgerlich, weil ihm der Witz nicht eingefallen war.

Jappes empfahl sich. Vater Wertheim steckte ihm noch eine Handvoll Zigarren zu und die Wirtin begleitete ihn auf die Diele. „Der Hecht war gut und mein Magen dankt Ihnen für die Flasche Bordeaux, in welcher er nun rumschwimmt.“

„Nichts zu danken,“ sagte die Wirtin, „auch nicht für den Rehschlegel, und den Likör zum Mokka. Mehr als zwanzig Mark rechne ich Ihnen nicht, Herr Doktor“ – und leiser – „noch ein Wort: Mein Mann ist eine alte Gurke, der vor Alter einen Knacks weghat, gereist ist er nie und Italien kennt er nur aus den Büchern.“

„Aber erzählen tut er täuschend,“ meinte Jappes, „und geizig ist er auch nicht. Ein bißchen Schwefel tötet die Mikroben der Langweile.“

Der Alte greinte durch die Tür: „Die Geschichte, welche ich erzählen wollte, spielte in Padua!“

„An der Brenta,“ darauf Jappes, „ich bewundere Ihr Gedächtnis.“

„Alter Globetrottel,“ sagte die Wirtin und empfahl sich.