Chapter 4 of 11 · 555 words · ~3 min read

VIERTES KAPITEL

Gott erschuf den Gespielen der Frau und nannte ihn Kavalier.

Jappes wurde feierlich zum akademischen Bürger ernannt und Seine Magnifizenz der Rector Magnificus drückte ihm hochselbst die Hand. Damit war er Studierender und hatte seine Ausweiskarte.

Angelica erhielt einen Brief. Liebe Mutter! Dein Sohn schreibt Dir Erfreuliches. Heute war sein erster großer Tag: die feierliche Aufnahme in den Organismus des Studentenkörpers. Der Rektor, ein glattrasierter Herr im Brautanzug, drückte mir die Hand vor über tausend Studenten. Denk Dir einen großen Saal, so groß wie unsere Scheune und die Remise dazu. Mutter, nun muß ich immer viel denken, bis ich auch ein großes Tier bin.

Angelica zerdrückte eine Träne, war stolz auf ihren großen Sohn und sagte: Das ist der Segen des Herrn Pfarrers.

Jappes stand im Lichthof der Universität und lauschte dem murmelnden Geräusch, das sich an dem hohen Kuppelgewölbe brach. Eilige Studenten zogen vorüber, knipsten die Asche wichtig von der Zigarette, verrieten durch Haltung der Handschuhe, daß sie eine gute Kinderstube absolviert hatten. Man sieht jedem Menschen die Kinderstube an, dachte Jappes, und ich schmeichle mir, daß ich im Freien aufgewachsen bin. Fesche Burschen, deren Beinkleider von betörendem Schnitte waren, lachten über irgendeinen Witz, stiegen die Treppe hinauf und tippten mit dem Stock auf die Stufen. Dandys, denen der Snob in den Nacken gebaut hatte, bildeten eine Gruppe. Peinlich korrekte Ehrenmänner mit Bügelfalten wie Anstandslehrer, Schlipsen, die Ladenschwengelrepräsentationsschleifen ausstachen. Einer hielt ein Päckchen Keks unter dem Arm und naschte sie zierlich hinunter. Es gab Ein- und Zweigläser in der Gruppe; die Zweigläser schienen die Klügsten.

Als sie gingen, wußte Jappes, daß sie zum Segeln wollten, falls Egon zu pumpen beliebe.

Die Weibsen sind an der Universität in der Minderheit. Jappes sah zwei Arten, die einen mit Kavalier, die anderen, die noch keinen hatten. Etliche gingen sinnend vorüber und schleppten sich müde an ruppigen Büchermappen. Jappes sagte: Das sind die fleißigen Arbeitsbienen, denen vielleicht nur der literarische Stachel fehlt. Andere klapperten mit Holzsandalen vorbei, hatten sonnengebräunte Gesichter: Töchter der Rucksackkultur. Jappes sah, daß die meisten blond waren und ihm schien, als wären sie noch nicht schlüssig in der Wahl zwischen Kavalier oder Studium. Selbst unter den Büchertragenden gab es noch solche, die Jappes Zweifel einflößten: Ob die Büchertaschen nicht gar Attrappen seien? Oja-duftige Bürgertöchter hingen lässig am Arm ihrer ehe- und pensionssicheren (in spe!) Kavaliere. Gierig tranken sie den Honig der Worte, der von den angebeteten Lippen floß, hörten die vernichtende Kritik gegen ein Buch, gegen einen Vortrag und hauchend: Gelt, wenn’s Doktor bist, hältst auch Vorträge – aber andere, weißt! ... Es war eine bunte Mappe von dünnen und dicken, von lachenden und ernsten Studentinnen. Im Gewimmel glänzende Mitternachtstulpen und göttliche Flirtmaschinen. Jappes dachte: Wie heißt wohl der Geist, den sie suchen mit der Lampe des Geschlechts? Er stieg die Treppe hinauf zur Quästur. Zwei Studentinnen gingen vor ihm. Eine hatte kuhmagdpralle Waden. Sie sagte: „... möglich, daß vom ästhetischen Standpunkt aus etwas einzuwenden wäre, aber die Form ist doch die Hauptsache – übrigens willst du jetzt eine Kässtulle?“

Die andere piepste: „Ja, eine kleine!“ Jappes dachte: Gottlob, daß es auch noch natürliche Menschen gibt, die nicht nur metaphysische Bedürfnisse zu befriedigen haben. Und das dralle Kind stahl sich in seine Sympathie. Jappes belegte so viele Vorlesungen, bis sein Geld fast alle war. Aber er war glücklich, daß er nicht zu knapp eingekauft hatte.