FÜNFTES KAPITEL.
Beichtstuhl und Pfandhaus: Es wird nur Speicherkram eingeliefert gegen einen Vorschuß auf Rückfall.
Wer wollte die unverschuldete Geldlosigkeit eines Studenten nicht entschuldigen, zumal wenn er nach ehrlichen Mitteln greift, um seine Finanzen aufzubessern? Alle Studenten sind, von den Ausnahmen abgesehen, ehrliche Burschen.
In der Regel gibt es zwei Wege, um aus der Klemme zu kommen, den Vater der Braut um einen unkündbaren Vorschuß anzuhauen – doch dazu ist eine Braut und ein bemittelter Vater vorausgesetzt. Dazu kommt die Gefahr, daß Herr Studio im Verweigerungsfalle nicht nur den Vorschuß, sondern auch die Braut verliert, was um so peinsamer ist, wenn die Braut den Vorschuß wirklich aufwiegt. Aber wie oft ist die Braut nur ein Vorschuß auf Liebe! Der andere Weg ist, in aller Demut und Gelassenheit mit irgendeinem versetzbaren Gegenstand die große Bedürfnisanstalt der Stadt aufzusuchen, um auf rechtmäßigem Wege das Allernötigste leihweise aufzunehmen. Durch weise Verordnungen der respektiven Stadtväter sind diese Anstalten gegründet. Die Abschätzer, welche den Preis für die zu versetzenden Gegenstände festsetzen, sind nur bis zur Hälfte der normalen Wertskala geeichte Männer, sind also nur halbanrechnungsfähig: Die Begründer der Versatzämter waren sicher Juden, die eine bewegte Studentenzeit hinter sich hatten.
Jappes ging den Weg, den so viele schon gegangen sind, denn er war Student und hatte nichts Wertvolles zu versetzen, weil er nie große Bedürfnisse hatte. – – –
Im Pfandhaus:
Ein vielfältiger Duft umkitzelt die Nase und weckt die kühnsten Bilder, erinnert an Sachen, die man sonst nicht leicht zu denken wagt. Geruch von Windeln, Kleinkinderstube, Affenhaus, Hunden in der Brunstzeit, schweißstinkigen Wäschestücken, stickigem Qualm – Nase trink dir genug! Ein Archenduft, wo alles um Vater Noah versammelt stank. Jappes hatte eine gute Nase. Er war noch Novize, aber nicht schüchtern. Er tat wie ein Esoteriker, wie ein alter Pfandgast. Verordnungen und Bestimmungen waren an die Wand genagelt:
Außer Kindern unter vierzehn Jahren, Geisteskranken und betrunkenen Personen wird jedermann als Verpfänder zugelassen. Dem Pfandgast steht es frei, sich beim Abschluß des Pfandgeschäftes des eigenen oder eines willkürlich gewählten Namens zu bedienen ... usw.
Jappes überlegte: vierzehn Jahre hatte er, war nicht geisteskrank, nicht betrunken. Er las alle Tafeln durch, hörte Namen rufen, alle mit derselben Betonung, wie Nummern; denn auch vor dem Pfandgesetz sind alle gleich. Alle, die versetzen, sind bedürftig und nur die Bedürftigen beugen sich einem Gesetze.
Durch ein Schalterfenster kam der krähende Diskant eines Buckligen, der mit fiebernder Eile Zahlen hersagte. Er sah aus wie ein Fragezeichen und hatte ein zerknittertes Gesicht. Ein schwammiges Biergesicht daneben verfolgte die schreibenden Finger, die wie Würstchen über eine lange Zahlenliste glitten.
Frauen mit Körben voll von Wäschestücken, Kleidern und Schachteln, kamen und gingen, bettelnd und fluchend, weil ihr Saumann kein Geld herausgab. Eine brachte Bilder und heraldischen Schnickschnack, eine andere eine ziselierte Lampe, eine wertvolle Uhr, eine nackte Bronzefigur. Ein zerschossener Soldat kam mit Regenschirm und Tripperspritze, den Werkzeugen seiner zivilen Praxis. Der Schätzer lehnte ab: „Luxusgebrauchsartikel nehmen wir nicht an, lesen Sie die Verordnung!“
Ein Kind schrie auf und die Mutter schob es an ihre Naturmilchflaschen. Buntes Stilleben! in welchem die Frauen die Staffage sind! Jappes versetzte ein Schachspiel mit Figuren aus Elfenbein geschnitzt und war mit dem Erlös zufrieden. Nach ihm kam ein Mädchen an die Reihe. Sie war nie auf dem Versatzamt gewesen und paßte auch nicht hin. Verschüchtert bat sie um fünfzig Mark für ein Opernglas. Der Schätzer gab dreißig. Sie verzog die Lippen zu einer weinerlichen Grimasse und sagte: „Dann langt es noch nicht.“ Jappes bat: „Fräulein, verzeihen Sie, ich kann Ihnen mit etwas aushelfen.“ Sie zuckte zusammen und erwiderte:
„Glauben Sie, ich schäme mich nicht, hier zu sein, es ist so hart. Die Mutter ist gestorben und ich will einen Kranz aufs Grab kaufen.“ Dann weinte sie und war still. Jappes gab ihr sein Geld, sie bat um seine Adresse und ging.
Auf seinem Pfandschein stand: Doktor Jappes. Der Bucklige musterte ihn scharf: Doktor Jappes? und der Student haßte das Fragezeichen. Draußen schrieb er mit Bleistift an die Wand: Empfindsame Nasen sollen Karbolwatte einstecken! Dann spuckte er hin und sagte: Wozu war ich nun hier?