ERSTES KAPITEL
DER BESUCH
I.
Unter meinen Jugendbekannten war ein sonderbarer Mensch, dessen Geschichte wohl wert ist, der Vergessenheit entrissen zu werden. Ich habe mein möglichstes getan, um wenigstens einen Teil der seltsamen Vorkommnisse, die sich an den Namen Claus Patera knüpfen, wahrheitsgetreu, wie es sich für einen Augenzeugen gehört, zu schildern.
Dabei ist mir etwas Eigentümliches passiert: während ich gewissenhaft meine Erlebnisse niederschrieb, ist mir unmerklich die Schilderung einiger Szenen untergelaufen, denen ich unmöglich beigewohnt und die ich von keinem Menschen erfahren haben kann. Man wird hören, welcherlei seltsame Phänomene der Einbildungskraft die Nähe Pateras in einem ganzen Gemeinwesen hervorbrachte. Diesem Einfluss muss ich meine rätselhafte Hellsichtigkeit zuschreiben. Wer eine Erklärung sucht, halte sich an die Werke unserer so geistvollen Seelenforscher.
Ich lernte Patera vor sechzig Jahren in Salzburg kennen, als wir beide in das dortige Gymnasium eintraten. Er war damals ein ziemlich kleiner, doch breitschultriger Bursche, bei dem höchstens der schöngelockte Kopf antiken Zuschnittes auffallen konnte. Mein Gott, wir waren damals wilde, lümmelhafte Buben, was gaben wir viel auf Äusserlichkeiten? Trotzdem muss ich erwähnen, dass mir heute noch, als betagtem Mann, recht gut die etwas vorstehenden, übergrossen Augen von hellgrauer Farbe im Gedächtnis geblieben sind. Aber wer dachte denn in jenen Zeiten an das „Später“?
Nach drei Jahren vertauschte ich das Gymnasium mit einer anderen Lehranstalt, der Verkehr mit meinen ehemaligen Kameraden wurde immer spärlicher, bis ich schliesslich von Salzburg fort in eine andere Stadt kam und für viele Jahre alles, was mir dort bekannt war, aus den Augen verlor.
Die Zeit floss dahin und mit ihr meine Jugend, ich hatte so manches Bunte erlebt, war nun schon ein Dreissiger, verheiratet und schlug mich als Zeichner und Illustrator schlecht und recht durchs Leben.
II.
Da --, es war in München, wo wir damals wohnten, -- wurde mir an einem nebligen Novembernachmittag der Besuch eines Unbekannten gemeldet.
„Eintreten!“
Der Besucher war -- soweit ich im Dämmerlichte unterscheiden konnte -- ein Mann von Durchschnittsäusserem, der sich hastig vorstellte:
„Franz Gautsch; bitte, kann ich Sie eine halbe Stunde sprechen?“
Ich bejahte, bot dem Herrn einen Stuhl an und liess Licht und Tee bringen.
„Womit kann ich dienen?“ und meine anfängliche Gleichgültigkeit wandelte sich erst in Neugier, dann in Erstaunen, als der Fremde ungefähr nachfolgendes erzählte:
„Ich werde Ihnen einige Vorschläge machen. Ich spreche nicht für mich, sondern im Namen eines Mannes, den Sie vielleicht vergessen haben, der sich Ihrer aber noch gut erinnert. Dieser Mann ist im Besitze von für europäische Begriffe unerhörten Reichtümern. Ich spreche von Claus Patera, Ihrem ehemaligen Schulkameraden. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Durch einen eigentümlichen Zufall kam Patera zu dem vielleicht grössten Vermögen der Welt. Ihr einstiger Freund ging nun an die Verwirklichung einer Idee, welche allerdings eine gewisse Unerschöpflichkeit der materiellen Mittel zur Voraussetzung hat. -- +Ein Traumreich sollte gegründet werden!+ -- Der Fall ist kompliziert; ich werde mich kurz fassen.
Zunächst wurde ein geeignetes Areal von 3000 Quadratkilometern erworben. Ein Drittel dieses Landes ist stark gebirgig, den Rest bilden eine Ebene und Hügelgelände. Grosse Wälder, ein See und ein Fluss, teilen und beleben dieses kleine Reich. Eine Stadt wurde angelegt, Dörfer, Meierhöfe; dazu war sofort ein Bedürfnis vorhanden, denn schon die Anfangsbevölkerung bezifferte sich auf 12000 Seelen. Jetzt zählt das Traumreich 65000 Einwohner.“
Der fremde Herr machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck Tee. Ich war ganz still und sagte nur ziemlich betreten:
„Weiter!“
Und ich erfuhr dann folgendes:
„Patera hegt einen ausserordentlich tiefen Widerwillen gegen alles Fortschrittliche im allgemeinen. Ich sage nochmals, gegen +alles Fortschrittliche+, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete. Bitte meine Worte hier möglichst buchstäblich aufzufassen, denn in ihnen liegt der Hauptgedanke des Traumreiches. Das Reich wird durch eine Umfassungsmauer von der Umwelt abgegrenzt, und durch starke Werke gegen alle Überfälle geschützt. Ein einziges Tor ermöglicht den Ein- und Austritt und macht die schärfste Kontrolle über Personen und Güter leicht. Im Traumreiche, der Freistätte für die mit der modernen Kultur Unzufriedenen, ist für alle körperlichen Bedürfnisse gesorgt. Der Herr dieses Landes ist weit davon entfernt eine Utopie, eine Art Zukunftsstaat schaffen zu wollen. Anhaltende materielle Not ist, nebenbei erwähnt, dort ausgeschlossen. Die vornehmsten Ziele dieser Gemeinschaft sind überhaupt weniger auf Erhaltung der realen Werte, der Bevölkerung und Einzelwesen gerichtet. Nein, durchaus nicht!....... aber ich sehe Sie ungläubig lächeln, und in der Tat, es ist fast allzu schwer für mich, mit trockenen Worten +das+ zu beschreiben, was Patera mit dem Traumreich eigentlich will.
Zunächst wäre hier zu bemerken, dass jeder Mensch, der bei uns Aufnahme findet, durch Geburt oder ein späteres Schicksal dazu prädestiniert ist. Eminent geschärfte Sinnesorgane befähigen ihre Inhaber bekanntlich zum Erfassen von Beziehungen der individuellen Welt, welche für Durchschnittswesen, abgesehen von vereinzelten Momenten, einfach nicht vorhanden sind. Und sehen Sie, gerade diese sozusagen unvorhandenen Dinge bilden die Hauptessenz unserer Bestrebungen. Im letzten und tiefsten Sinne ist es die unergründliche Weltenbasis, welche die Traumleute, -- so nennen sie sich --, keinen Augenblick ausser acht lassen. Normalleben und Traumwelt sind vielleicht Gegensätze und eben diese Verschiedenheit macht eine Verständigung so schwer. Auf die Frage: Was geschieht eigentlich im Traumlande? Wie lebt man dort? müsste ich schlechterdings schweigen. Ich könnte Ihnen nur die Oberfläche schildern, aber zum Wesen des Traummenschen gehört es ja gerade, dass er in die Tiefe strebt. Alles ist auf ein möglichst durchgeistigtes Leben angelegt; Leid und Freud der Zeitgenossen sind dem Träumer fremd. Sie müssen ihm von seinem ganz anderen Wertungsmassstab aus natürlich fremd bleiben. Am ehesten dürfte noch, wenigstens vergleichsweise, der Begriff ‚Stimmung‘ den Kern unserer Sache treffen. Unsere Leute erleben nur Stimmungen, besser noch, +sie leben nur in Stimmungen+; alles äussere Sein, das sie sich durch möglichst ineinandergreifende Zusammenarbeit nach Wunsch gestalten, gibt gewissermassen nur den Rohstoff. Dass dieser nicht ausgeht, dafür ist selbstverständlich überreichlich gesorgt. Doch glaubt der Träumer an nichts als an den Traum, -- +an seinen Traum+. Dieser wird bei uns gehegt und entwickelt, ihn zu stören wäre unausdenkbarer Hochverrat. Darum auch die strenge Sichtung der Personen, die eingeladen werden, an diesem Gemeinwesen teilzunehmen. Um mich kurz zu fassen und zu Ende zu kommen“ -- hier legte Gautsch seine Zigarette fort und blickte mir ruhig ins Gesicht:
„+Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu überreichen.+“
Die letzten Worte sprach mein Besucher etwas lauter und sehr förmlich. Und nun schwieg dieser Mensch und auch ich war vorerst still, was jeder meiner Leser begreifen wird. Fast zwingend hatte sich mir nämlich der Gedanke aufgedrängt, einem Irrsinnigen gegenüber zu sitzen. Es war mir wahrhaftig recht schwer, meine Aufregung zu verbergen. Scheinbar spielend rückte ich die Lampe aus dem unmittelbaren Bereich meines Besuchers, zugleich entfernte ich geschickt einen Zirkel sowie ein kleines Radiermesser, -- spitze, gefährliche Gegenstände --.
Die ganze Situation war entschieden äusserst peinlich. Beim Anfang der Traumgeschichte hatte ich an einen Scherz gedacht, den sich irgendein Bekannter mit mir erlauben wollte. Leider schwand dieser Hoffnungsschimmer immer mehr, und seit zehn Minuten überlegte ich krampfhaft meine Chancen. Zwar wusste ich, das beste bei Geisteskranken sei immer, auf die fixen Ideen einzugehen. Aber trotzdem! ich bin durchaus kein Riese, ich bin ein schüchterner, ein schwächlicher Mensch im Grunde! Und da sitzt dieser schwere Gautsch, mit korrekter Assessorenphysiognomie, Kneifer und blondem Spitzbart in meinem Zimmer!
So ungefähr waren damals meine Gedanken. Und sagen musste ich nun auch etwas, mein Gegenüber wartete ja darauf. Bei einem Tobsuchtsanfall konnte ich schlimmstenfalls immer noch die Lampe ausblasen und mich leise aus dem mir wohlbekannten Raume stehlen.
„Gewiss, gewiss! ich bin begeistert! ich werde nur noch mit meiner Frau Rücksprache nehmen. Morgen, Herr Gautsch, erhalten Sie dann meine Antwort.“ Ich redete so in begütigendem Tone und erhob mich. Mein Gast blieb aber ganz ruhig sitzen und sagte trocken:
„Sie missverstehen unsere gegenwärtige Lage, das finde ich begreiflich. Höchst wahrscheinlich schenken Sie mir keinen Glauben, wenn nicht gar Ihre mühsam zurückgehaltene Aufregung auf einen noch ärgeren Verdacht mir gegenüber hindeutet. Ich versichere Sie, ich bin ganz gesund, so gesund wie nur je irgendeiner. Was ich Ihnen mitteilte, ist vollster Ernst; dass es merkwürdig, wunderbar klingt, nun ja, gebe ich gerne zu. Vielleicht werden Sie ruhiger, sobald Sie sich +dieses+ angesehen haben.“
Dabei zog er ein kleines Paket hervor und legte es vor mich auf den Tisch. Ich las meine genaue Adresse, erbrach das Siegel, und hielt ein glattes Lederetui von graugrüner Farbe in den Händen. Darin befand sich eine kleine Miniature, ein auffallend charakteristisches Brustbild eines jungen Mannes. Braune Locken umringelten ein Antlitz merkwürdig antiker Prägung; gross, überhell, gerade aus dem Bilde heraus, starrten mich die Augen an: -- das war unstreitig Claus Patera!..... In den zwanzig Jahren, die wir uns nicht mehr gesehen, hatte ich kaum einmal an diesen für mich verschollenen Schulfreund gedacht. Beim Anblick seines sehr ähnlichen Porträts schrumpfte diese beträchtliche Zeitpause in meinem Geist zusammen. Vor mir tauchten die langen, gelbgestrichenen Korridore des Salzburger Gymnasiums auf, ich sah wieder den alten Schuldiener mit dem würdigen Kropf, nur mühsam verdeckt durch eine raffinierte Bartkultur. Ich sah mich wieder, mitten unter den Jungen, und mitten drin auch Claus Patera, geschändet durch einen steifen Filzhut, ein Zwangskleidungsstück, dem verworrenen Geschmack seiner Ziehtante entsprungen.
„Woher haben Sie dieses Bild?“ rief ich, unwillkürlich von froher, neugieriger Stimmung gepackt.
„Ich sagte es Ihnen doch!“ antwortete mir mein Gegenüber. „Und Ihre Furcht scheint auch geschwunden zu sein“, fuhr er mit einem gutmütigen, harmlosen Lächeln fort.
„Aber das ist ja ein Unsinn, ein Scherz, ein Schwindel!“ kam es mit Lachen aus mir hervor. Herr Gautsch erschien mir nämlich in diesem Moment als ein durchaus normaler und ehrbarer Mensch. Eben rührte er bedächtig in seiner Teetasse. Sicher steckte irgendein Witz hinter dieser Sache, später wollte ich das schon aufklären! Meine Einbildungskraft hatte mir natürlich da wieder einen netten Streich gespielt! Wie konnte man auch so schnell einen braven Mann für verrückt halten, nur wegen einer solchen Geschichte? Früher hätte ich so etwas mit gleichwertigem Humor pariert. Du lieber Gott, man wird also älter! Ich war völlig heiter und aufgeräumt geworden.
„An das Bild glauben Sie aber wohl?“ sprach Gautsch. „Ihr Freund, den es darstellt, hatte die verschiedensten Schicksale. Er machte nur einige Klassen der Lateinschule in Salzburg durch; mit vierzehn Jahren entlief er seiner Ziehtante und trieb sich in Gesellschaft von Zigeunern in Ungarn und am Balkan herum. Zwei Jahre später gelangte er nach Hamburg -- damals war er Tierbändiger -- vertauschte diesen Beruf jedoch gegen den eines Seemannes, und liess sich als Schiffsjunge von einem kleinen Kauffahrer heuern. So gelangte er schliesslich nach China. Das Schiff lag mit vielen anderen in Kanton; man brachte Hirse und Reis, um einer drohenden Teuerung zuvorzukommen. Nach gelöschter Ladung musste das Fahrzeug noch einige Tage im Hafen bleiben, weil für Europa bestimmte Güter -- menschliches Haar und eine neue Art feiner Porzellanerde -- noch nicht versandbereit waren.
Diese Mussezeiten benützte Patera zu häufigen Ausflügen in das Land. Bei einer solchen Gelegenheit rettete er eine vornehme Chinesin, eine ältere Dame, vor dem Tode des Ertrinkens. Im Überschwemmungsschlamm ausgeglitten, hätte die alte Frau in einem Seitenkanal des Kantonflusses bestimmt ihr Ende gefunden. Anwesende Zopfträger -- sie können fast nie schwimmen -- rangen zwar die Hände und schrien, wagten sich aber doch nicht in die braunen, trüben Fluten. Ihr zufällig vorübergehender Freund -- ein Meister im Tauchen -- sprang kurz entschlossen ins Wasser, und nach hartem Kampfe mit den Wellen schleppte er die Bewusstlose ans Land. Die Frau wurde ins Leben zurückgerufen. Sie war die Gattin eines der reichsten Männer der Erde. Dieser, ein gebrechlicher Greis, den man in einer Sänfte rasch herbeigetragen hatte, umarmte wortlos den jugendlichen Retter. Patera wurde in ein grosses Landhaus geführt. Welche Verhandlungen dort gepflogen worden sind, wissen wir nicht. Kurz Hi-Yöng, der selbst ohne Nachkommen war, nahm den armen Schiffsjungen an Sohnes Statt an und behielt ihn gleich bei sich im Hause. Nach weiteren drei Jahren, von denen wir nur wissen, dass Reisen in die unbekannten, inneren Teile Asiens unternommen wurden, sehen wir Patera um seine Adoptiveltern trauern: Hi-Yöng und seine Frau waren am gleichen Tage gestorben. Der Erbe befand sich nun im Alleinbesitze von unermesslichen, fabelhaften Schätzen.“
„Und jetzt kommt wohl das Traumreich an die Reihe,“ warf ich immer noch belustigt ein; „die Idee ist entschieden neu; wenn Sie erlauben, so gebe ich sie einem literarischen Freunde, daraus liesse sich sicher etwas ganz Hübsches machen. -- Darf ich bitten?“ Und ich offerierte dem Fremden eine Zigarette. Mein Gast dankte, seufzte ein wenig geschäftsmässig auf und bemerkte alsdann in vollkommen ruhigem, klarem Tone:
„Wie schon gesagt, es leuchtet mir wohl ein, dass Sie mich für irgendeinen Aufschneider oder Märchenerzähler halten. Aber schliesslich bin ich nicht gekommen, um Sie von der Tatsache des Traumstaates zu überzeugen, sondern um Sie im Namen eines höheren Auftraggebers einzuladen. Ich habe meine Mission vorläufig erfüllt. Wenn Sie meinen Darlegungen schon absolut keinen Glauben schenken wollen, kann ich heute auch nichts dagegen machen. Auf jeden Fall bitte ich, mir eine Bestätigung über den richtigen Empfang des Bildes zu geben. Es ist sehr möglich, dass ich in allernächster Zeit für Sie weitere Aufträge zu entrichten haben werde.“
Gautsch erhob sich mit einer leichten Verbeugung. Ich muss bekennen, er erschien mir so in seiner Einfachheit durchaus nicht wie ein Schwindler. Und das Etui hielt ich ja in den Händen. Beim nochmaligen Öffnen fühlte ich eine vorher übersehene Lederklappe, darunter standen auf einem Kartonblatt in Tinte die Worte: -- +Wenn du willst, so komme+ --!
Und abermals durchzuckte mich ganz leise und traumhaft ein Bild aus längst entschwundener Vergangenheit. So, so auseinanderstrebend, zerfahren und gleichsam unbeholfen, zu gross, so, genau so war doch die Schrift meines alten Schulkameraden gewesen -- „desperat“ nannte sie einmal ein Lehrer. Gewiss waren diese fünf Worte in festeren Zügen hingesetzt, doch der Schreiber war offenbar derselbe. Ein seltsames Unbehagen erfasste mich jetzt, -- eiskalt starrte dieses schöne Gesicht mich an. In diesen Augen konnte man sich verfangen, es war etwas Katzenhaftes darin. -- -- -- Meine vorherige Lustigkeit war dahin, fremd und unklar war mir zumute. Gautsch stand noch da und wartete, er musste wohl meine innere Erregung bemerkt haben, denn er beobachtete mich aufmerksam.
Wir schwiegen noch immer.
III.
Im Grunde kann kein Mensch über sein Temperament hinweg, es wird immer seine Lebensäusserungen bestimmen. Bei dem meinigen, einem ausgesprochen melancholischen, lagen Lust und Unlust ganz nahe bei einander. Seit jeher unterlag ich unvermittelt meist den stärksten Gefühlsschwankungen. Aus dieser eigentümlichen nervösen Anlage, einem Erbteil meiner Mutter, schöpfte ich die grösste Lust, aber auch die bitterste Qual. Diesen Überschwang an Empfindungen erwähne ich jetzt schon, das wird dem Leser mein Verhalten in manchen späteren Lebenslagen verständlicher erscheinen lassen.
Ich musste zugeben, dass Gautsch mir jetzt als ganz vertrauenerweckender Mensch vorkam. Es stand für mich fest, dass er mit Patera in irgendwelchen Beziehungen stehen müsse, und augenscheinlich war an dem Traumreich etwas Wahres. Vielleicht habe +ich+ alles falsch aufgefasst, zu wörtlich genommen? Die Welt ist gross und es ist auch mir schon viel Kurioses vorgekommen. -- Patera ist jedenfalls sehr reich, wahrscheinlich handelt es sich hier um irgendeinen Spleen, eine kostspielig und grosszügig betriebene Liebhaberei. Für mich als Künstler war so etwas immer sehr plausibel. In plötzlicher Aufwallung streckte ich Gautsch meine Hand entgegen:
„Verzeihen Sie mir bitte mein sonderbares Benehmen, aber mir wird jetzt vieles begreiflicher. Ihre Erzählung interessiert mich aufs lebhafteste. -- Bitte, berichten Sie mir mehr von meinem alten Schulfreund.“ Dabei schob ich ihm wieder seinen Stuhl zu.
Mein Gast setzte sich und sagte sehr höflich: „Gewiss, ich werde meine Angaben von vorhin vervollständigen und Ihnen mehr vom Traumstaate und seinem geheimnisvollen Herrn erzählen.“
„Ich bin gespannt!“
[Illustration]
„Vor zwölf Jahren weilte mein jetziger Herr in dem weitläufigen Tien-schan oder Himmelsgebirge, welches zu dem chinesischen Zentralasien gehört. Er oblag dort hauptsächlich der Jagd auf die äusserst seltenen Tiere, die nur in jenen Gegenden noch vorkommen. Er wollte unter anderm einen persischen Tiger erlegen, und zwar sollte es ein Exemplar einer kleineren, ganz besonders langhaarigen Art sein. Nachdem sich wirklich Spuren gefunden, machte er sich eines Abends zur Verfolgung auf. Unter Mithilfe des begleitenden Burjäten gelang es bald, das Tier aufzustöbern. Ehe man aber imstande war, auch nur einen Schuss abzugeben, stürzte sich die gestörte Bestie auf die beiden Angreifer. Der Asiate wich rechtzeitig zurück, Patera wurde niedergeworfen. Da gelang es dem Begleiter noch glücklich, die Gefahr abzuwenden. Mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe tötete er das Tier. Patera kam mit einer zerfleischten Hand davon. Die Wunde verursachte einen längeren Aufenthalt in dieser Gegend. Sie wollte nämlich erst heilen, als ein alter Mann, Häuptling eines merkwürdigen, blauäugigen Stammes, seine Kunst an ihr versuchte. Dieser kleine Volksstamm -- er zählte nur etwa hundert Mitglieder -- zeichnete sich auch durch eine bedeutend hellere Hautfarbe aus. Eingesprengt zwischen eine rein mongolische Bevölkerung -- die Ausläufer der grossen Kirgisenhorde -- lebte er gänzlich abgeschlossen und vermischte sich auch nicht mit den Nachbarvölkern. -- Seltsame, geheimnisvolle Gebräuche sollen schon damals bei ihnen geherrscht haben, -- aber leider kann ich Ihnen darüber gar nichts mitteilen. -- Jedenfalls steht es fest, dass Patera bei ihnen Einlass fand, und sich für sie interessierte; denn, als er unter Hinterlassung reicher Geschenke wieder fortreiste, geschah das mit dem Versprechen, bald, sehr bald wieder zu kommen. Die Häuptlinge begleiteten ihn eine grosse Strecke, und man sagt, der Abschied sei sehr feierlich gewesen. Unser Herr war tief ergriffen davon. Nach neun Monaten kehrte er für immer in die Gegend zurück. In seinem Gefolge befand sich ein hoher Mandarin, sowie ein ganzer Trupp Ingenieure und Geometer. Man schlug ein grosses Lager in der Nähe der blauäugigen Freunde des Meisters auf. Diese äusserten die grösste Freude, als sie ihn wiedersahen. Ein mir bekannter Ingenieur, welcher heute noch im Traumreiche lebt, schilderte mir einmal diese Begebenheiten. Man war sehr tätig und das Resultat dieser Anstalten war das Abgrenzen und der Kauf eines grossen Landkomplexes. Es waren einige tausend Quadratmeilen, worauf das Traumreich errichtet wurde. Das übrige ist rasch erzählt. Ein ganzes Heer Kuli arbeitete unter verständiger Leitung Tag und Nacht. Der Meister trieb fortwährend zur Eile. Zwei Monate nach seiner Ankunft kamen bereits die ersten Häuser aus Europa, alle von beträchtlichem Alter und verwohnt. Geistvoll in einzelne Stücke zerlegt, wurden sie sogleich zusammengesetzt, und auf die bereits vorher errichteten Fundamente gestellt. Natürlich gab es oft Kopfschütteln beim Anblick dieser schmutzigen und verräucherten alten Wände. Das Gold floss aber in Strömen und alles geschah dem Willen des Herrn gemäss. -- Alles klappte. -- Ein Jahr darauf muss +Perle+, die Residenzstadt des Reiches, schon fast so ausgesehen haben wie heute. Alle ehemals ansässigen Stämme zogen mit den Arbeitern ab, die Blauäugigen blieben.“
Gautsch machte eine Pause.
„Aber ich begreife noch immer nicht“, warf ich da ein. „Nach welchem System kauft Patera die Häuser?“
„Ja, das weiss ich selbst nicht“, fuhr er fort. „Es sind sämtlich ältere Objekte; manche sind sogar baufällig und für jeden anderen wertlos, andere wieder massiv und gut erhalten. Sie standen früher verstreut über ganz Europa. Diese Stein- und Holzgebäude, aus allen Himmelsgegenden zusammengesucht -- der Meister bezeichnete jedes einzelne -- müssen für ihn wohl einen ganz besonderen Wert haben, sonst hätte er in diese Gründung schwerlich viele Millionen stecken können.“
„Um des Himmels willen, wieviel besitzt denn dieser Mensch?“ rief ich erschrocken.
„Ja, wer +das+ wüsste?“ klang da die schwermütige Antwort. „Ich stehe zehn Jahre in seinem Dienst, und zahlte sicher annähernd 200 Millionen für Kaufsummen, Entschädigungen, Transportspesen und sonstige Dinge aus. Agenten wie ich, leben aber in allen Teilen der Welt. Man kann sich keine, auch nur halbwegs richtige Vorstellung von dem Reichtum Pateras machen.“ Ich stöhnte.
„Mein Herr, ich glaube Ihnen, aber verstehe nichts. Das klingt alles so rätselhaft! Nun erzählen Sie, erzählen Sie! Wie lebt man dort?“
„Ich werde versuchen, Ihnen manches zu erklären, -- alles zu sagen wäre unmöglich, dazu mangelt die Zeit. Ausserdem lebe ich ja nicht ständig im Staate, sondern nur gelegentlich. Bitte über was wollen Sie orientiert werden?“
Ich interessierte mich natürlich für ästhetische Fragen. Gautsch erzählte mir nun das, was er über die Beziehungen zur Kunst im Traumreiche wusste.
„Besondere Museen, Bildergalerien etc. haben wir nicht. Wertvolle Kunstwerke werden nicht aufgestapelt, aber im einzelnen werden Sie gar manches aussergewöhnliche Stück erblicken. Es ist alles verteilt, sozusagen im Gebrauch. Ich erinnere mich übrigens keines Falles, dass ein Gemälde, eine Bronze, oder sonst ein Kunstgegenstand neueren Ursprungs angekauft worden wäre. Die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bildeten die äusserste Grenze. Bemerken will ich Ihnen beiläufig, dass ich selbst vor einigen Jahren eine Kiste guter Holländer -- darunter auch zwei Rembrandts -- hinuntersandte. Sie müssen also noch dort sein. Patera ist mehr Altertumssammler im allgemeinen als Kunstsammler, das allerdings im grössten Stile. Wie Sie wissen, erwirbt er ja sogar ausgedehnte Baulichkeiten. Aber noch weit mehr! -- Mit einem mir unbegreiflichen Gedächtnis ausgestattet, erinnert er sich fast aller Gegenstände in seinem Reich. In seinem Auftrage werden sie von uns Agenten zusammengekauft. Wir erhalten oft Verzeichnisse der gewünschten Sachen mit genauesten Angaben aller äusseren Details, ausserdem wo und bei wem diese Dinge sich befinden. Die oft mit den höchsten Preisen bezahlten Waren wandern dann sorgfältig verpackt nach Perle. Das gibt viel Arbeit!“, meinte er. „Es ist mir selbst oft unerfindlich, woher unser Herr seine exorbitanten Kenntnisse in diesen Dingen nimmt. Trotzdem ich viele Jahre schon in seinem Dienste stehe und an alles mögliche gewöhnt sein könnte, staune ich immer wieder. Wertvolles und offenbar alter Schund werden da mit derselben Hartnäckigkeit verlangt. Wie manches Mal musste ich in Bürgerfamilien oder bei in der Einsamkeit hausenden Gebirgsbewohnern nach irgendeinem alten Schmarrn Keller und Speicher durchwühlen. Die Leute wussten oft selbst gar nicht, dass sie diese Dinge, einen zerbrochenen Stuhl, ein altes Feuerzeug, ein Pfeifengestell, eine Eieruhr oder irgend so etwas überhaupt besassen. Manches Mal, wenn der Gegenstand gar zu unscheinbar war, schenkte man ihn mir lachend. Öfters hatte ich aber einen schweren Stand, indem die Leute behaupteten, sie hätten das Gesuchte nicht. Hinterher fand sich’s dann. Schlaue Bauern machten dabei meist ihren Schnitt. Ja, ich habe viel zu tun. Erst vorige Woche wurde von mir ein Posten alter Klaviere versandt. Es waren sehr hergenommene darunter.“
„Ach, ich liebe ja den alten Kram so --“, warf ich hier ein.
„Jawohl, Sie würden sich sicher sehr wohl und ruhig dabei fühlen. -- Es ist alles da, was man braucht, gutes Essen, nicht zu vergleichen mit dem schändlichen Zeug, das dem Reisenden sonst im Orient vorgesetzt wird; man wohnt behaglich und anregende Gesellschaft finden Sie überall. Sogar ein hübsches Kaffeehaus steht Ihnen zur Verfügung. Was wollen Sie mehr?“
„Sie haben recht,“ rief ich warm, „es geht nichts über ein geordnetes einfaches Leben. Aber die Leute, das Volk? Wen trifft man drüben?“ Der Agent räusperte sich, seine Augengläser blinkten und er fuhr fort:
„Es ist wahr, ich habe mit Ihnen noch nicht von den Menschen gesprochen. Nun, gerade wie überall, es gibt reizende Personen unter ihnen!“
„Zum Beispiel?“
„Also da wäre erstens ein gebildeter, solider Bürgerstand, dann die zahlreiche Beamtenschaft. -- Auch das Militär ist nett und kommt in Betracht -- -- -- Offiziere sieht man häufig. -- -- Ferner, nicht zu vergessen, eine grosse Anzahl origineller Privatgelehrter, und endlich die ganze Reihe nicht bestimmt definierbarer Existenzen -- Artisten, freie Künstler usw., wie überall .....“
„Und vor allen Dingen mein Freund, der Herr selbst?“ unterbrach ich.
„Den werden Sie wohl nicht so oft treffen. Patera ist zu viel beschäftigt, überladen mit Arbeit. Bedenken Sie, die Verantwortung! -- Es sind natürlich alles Menschen, welche in das Ganze hineinpassen“, sprach er rasch weiter. „+Sie+ wurden, so viel ich weiss, erwählt, weil gewisse Ihrer Zeichnungen einigen Eindruck auf den Meister gemacht haben. Sie sehen, Sie sind dort nicht ganz unbekannt ...... Um die Art, den Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren, ist der erwähnte strenge Abschluss von der Aussenwelt nötig. Des Meisters feine Politik gipfelt in der Durchführung. Es gelang tatsächlich bisher, das Nichthineingehörige von dem Lande fernzuhalten.“
Begeistert pflichtete ich diesen Ideen bei, innerlich bereits entschlossen, der Einladung zu folgen. Erwartete ich doch schon eine reiche künstlerische Ausbeute des Abenteuers.
Ein so schwächliches, zweifelhaftes Ding ist des Menschen Herz! Hätte ich damals, als der Gedanke dieser Zusage in mir keimte, auch nur ein wenig geahnt, welche Schicksale mir daraus erwachsen würden, so wäre ich der Aufforderung nicht gefolgt und wäre wahrscheinlich heute ein anderer Mensch.
IV.
An dieser Stelle muss ich einflechten, dass ich in jenem Jahre der Erfüllung eines heissen Lebenswunsches sehr nahe stand. Es war eine Reise nach Ägypten und Indien, welche bislang aus materiellen Gründen unterblieben war. Meine Frau hatte nun gerade eine kleine Erbschaft gemacht, das Geld sollte zu dieser Reise verwendet werden. -- Doch es kam, wie immer im Leben, anders, als wir es uns dachten. -- Als ich Gautsch diese Pläne erzählte, sprach er sogleich meinen Gedanken aus:
„Sie vertauschen einfach das Reiseprojekt. Anstatt nach Indien, fahren Sie in das Traumreich.“
„Aber meine Frau? Ohne sie mag ich nicht reisen!“
„Es ist meine Instruktion, auch sie mit einzuladen. Wenn ich das vorhin nicht erwähnt habe, so hole ich es nach.“
Jetzt gab es nur noch einige Bedenken: Der etwas kränklichen Konstitution meiner Frau konnten wirklich ernstliche Reisestrapazen nicht zugemutet werden.
„Aber ich bitte Sie,“ beruhigte mich momentan der Agent, „der allgemeine Gesundheitszustand bei uns ist ein ausgezeichneter ...... Perle liegt auf dem gleichen Breitegrad wie München, aber das Klima ist derartig mild, dass sich selbst die nervösesten Menschen in kurzer Zeit ausserordentlich wohl fühlen. Gehörte doch ein grosser Teil der Traumleute früher zu den ständigen Gästen der Sanatorien und Heilanstalten.“
„Das ist etwas anderes, dann schlage ich ein“, und freudig schüttelte ich Gautsch die Hand.
„Und was die Reisekosten betrifft“ -- er warf einen raschen Blick durch das Zimmer und bemerkte zuvorkommend --: „ein kleiner Zuschuss wäre Ihnen vielleicht nicht unangenehm?“
Scherzhaft lachend sagte ich:
„Nun, wenn Sie mir tausend Mark dazu geben wollen, warum nicht?“
Da zuckte der Agent nur die Achseln, zog sein Scheckbuch heraus, schrieb hastig ein paar Worte, und überreichte mir das Blatt:
Es war ein Scheck der Reichsbank über 100000 Mark.
V.
Hört man von einer Sache erzählen, welche wunderbar ist und vom Alltäglichen weit abliegt, so bleibt immer ein ungelöster Zweifel in uns. Und das ist recht gut. Wäre man doch sonst ein Belustigungsobjekt für jeden guten Erzähler oder den nächstbesten Betrüger. So aber wirkt eine Tatsache weit stärker als eine Mitteilung. Das war hier der Fall. Gautsch hatte ja gewissermassen schon mein Vertrauen. Aber als ich diese grosse Summe -- für mich ein schönes Vermögen -- sah und in der Hand hielt, war mir doch seltsam zumute. Ein Zittern durchlief mich, und mit Tränen in den Augen sagte ich:
„Verehrter Herr, entschuldigen Sie, aber es kommt mir schwer an, die richtigen Worte für meinen Dank zu finden. Nicht für dieses viele Geld da! -- Ach, nein! -- Aber sehen Sie, wenn man das Märchen sein ganzes Leben lang erstrebt und es kommt dann plötzlich zu einem, so ist dieser Augenblick gross und schön. Das habe ich heute durch Ihre Güte erlebt, haben Sie Dank dafür!“
So oder ähnlich drückte ich mich damals in hoher Erregung aus. Gautsch -- wie mir schien ebenfalls sehr ernst geworden -- entgegnete zartfühlend:
„Mein Herr, ich tue nur meine Pflicht. Wenn ich Ihnen damit Freude mache, dann ist es mir sehr angenehm. Dank schulden Sie mir darum nicht, es ist ein Höherer, für den ich handle. Ich kann Ihnen nur noch raten, über die Dinge, welche Sie heute erfahren haben, +zu schweigen. Sprechen Sie mit niemand darüber+, Ihre Frau selbstverständlich ausgenommen. Ich kann allerdings nicht wissen, was die Folge einer Verletzung der bei uns eingeführten Regel sein würde. Aber Pateras Macht ist gross, und er will, dass das Traumreich ein Geheimnis bleibe.“
„Da war es aber vielleicht recht unvorsichtig von Ihnen, mir so viel von der Sache zu erzählen? Sie konnten doch unmöglich wissen, wie ich mich dazu stellen würde“, bemerkte ich überschlau.
„Ganz so war es doch nicht, mein Herr, +ich wusste, dass Sie kommen würden+!“
Damit drückte er mir die Hand, und wandte sich zur Tür:
„Es ist schon spät geworden. Ich komme morgen wieder um diese Zeit, um Ihnen alle Angaben bezüglich der Reise zu machen. Also reden Sie mit Ihrer Gattin und empfehlen Sie mich ihr. Gute Nacht!“
Er war gegangen.
Die zehn Minuten, bis meine Frau von ihren Besorgungen heimkam, erschienen mir endlos. -- Ich musste mich aussprechen -- über das Unerhörte reden können -- brauchte einen Menschen --
....... Jetzt war sie da .......
Der Spass einer Überraschung fiel natürlich ins Wasser, denn meine Frau las mir die Aufregung vom Gesicht. Bei meinen erstaunlichen Mitteilungen horchte sie wohl auf, konnte sich aber doch nicht der spöttischen Frage enthalten:
„Bist du bei Trost?“
„Sehr wohl, meine Liebe. Auch ich hielt Gautsch, ehe ich mich von seiner Anständigkeit und Noblesse überzeugte, für einen Schwindler oder Verrückten.“
Sieghaft spielte ich nun meinen Trumpf aus, den Scheck. Auch in diesem Falle wirkte das gründlicher als die Erzählung. Indem sie mir riet, mich gleich morgen zu erkundigen, ob er auch echt sei, überdachten wir die Reise und alles Drum und Dran.
„Aber richtig, das Bild, zeige es mir doch!“
Es war ein überraschender Eindruck .......
Nachdem sie es lange angesehen, lehnte sie sich zurück und flüsterte in ergebenem Ton: „Glaubst du wirklich dorthin zu müssen? Dieser Mensch gefällt mir nicht. Ich weiss nicht, was es ist, aber er sieht furchtbar aus!“
Sie war nahe am Weinen.
„Aber Kind, was für Geschichten!“ Ich umarmte sie lachend. „Das ist mein alter Freund Patera, ein lieber, netter Mensch! Wenn er sein Geld auf eine künstlerische Art verbraucht, so schätze ich ihn darum nur desto höher.“
[Illustration]
„Willst du nicht doch lieber vorher noch anderweitige Erkundigungen einziehen?“
„Ich weiss nicht, was du willst, für meinen Freund bürge ich. Dass der Scheck Wert hat, wird sich morgen erweisen, und das Traumreich scheint mir eine grandiose Idee zu sein. -- Wir wollten ja doch nach Indien gehen! Aber du willst nie meine Freude ganz!“
Die letzten Worte klangen schon fast vorwurfsvoll. Ich suchte sie zu beruhigen und sie gab mir schliesslich auch recht, nannte ihre Aufwallung selbst übertrieben.
„Du sollst es sicher schön haben dort. Dann denke doch nur an die prachtvollen Anregungen, die ich bekommen werde .... Und das Geld, das ist grossartig, wie?“
Sie war nun wieder heiter, getröstet, und beschäftigte sich gleich mit den praktischen Fragen der Übersiedelung. Ich hingegen fühlte mich schon ganz als Traummensch, und fabulierte darauf los .... Immer wieder sah ich das Bild und den Scheck an, und verliebte mich in beide ein wenig ....
....Der Morgen graute, als wir endlich einschliefen .....
VI.
Eine Stunde vor Eröffnung der Kassen war ich auf der Bank. Für mein Papier erhielt ich ein dickes Paket dreimal durchgezählter Scheine. Und als ich meinen Schatz in Händen hielt, konnte ich nicht schnell genug eine Droschke besteigen, um ihn in Sicherheit zu bringen.
Zu Hause erwartete mich ein Brief von Gautsch: er könne nicht mehr kommen, es tue ihm sehr leid, aber neue Befehle hinderten ihn daran. Er riet uns dringend, wegen der in Aussicht stehenden Winterstürme auf den beiden zu durchschiffenden Meeren, möglichst bald abzufahren. Der Brief schloss mit einem Glückwunsch für die Zukunft. Beigelegt war die Route: München -- Constanza -- Batum -- Baku-- Krasnowodsk -- Samarkand. Dort würden wir an der Bahn erwartet, wir seien signalisiert, ich hätte nur das Bild Pateras als Legitimation zu benützen.
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Die Auflösung unseres Haushaltes war ohnehin beschlossene Sache. Alle Vorbereitungen für die grosse Reise erledigten sich unter der wackern Mitwirkung meiner Frau glatt und einfach. Meine gehobene Stimmung dauerte bis zum Schluss. Am letzten Tag, den wir in unserer alten Wohnung zubrachten, überschlich mich doch ein Wehmutsgefühl. Ich weiss nicht, ob es andern auch so geht, mich schmerzt der Abschied von mir lieb gewordenen Räumen. Hier wich wieder ein Stück Leben von mir, das fortan nur eine Erinnerung sein würde. Ich trat ans Fenster, draussen war es dunkel, alles herbstlich kahl. Gedämpft drang der Lärm der grossen Stadt an mein Ohr. Es wurde mir wirklich weh ums Herz und ich starrte in den nächtlichen Himmel. Er war übersät mit winzigen Sternen.
-- Da legte sich ein freundlicher Arm um meinen Hals --.
Der nächste Tag, ein Freitag -- mit dem Abendzug wollten wir fahren -- wurde grösstenteils in einem Hotel am Bahnhofe verbracht. Zwei Billette der Orientlinie nach Constanza hatte ich schon bei mir. Von Bekannten, denen ich zufällig begegnete, verabschiedete ich mich, wobei ich fallen liess, dass wir nach Indien gingen. Um neun Uhr abends sassen wir im Zuge.
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