FÜNFTES KAPITEL
SCHLUSS
Ein weites, weites Trümmerfeld; Schutthaufen, Morast, Ziegelbrocken -- der gigantische Müllhaufen einer Stadt. Es ist noch alles in bläuliche Frühnebel gehüllt. Nur die Felsenberge im Hintergrunde fangen an, sich im Scheine der aufgehenden Sonne zu vergolden. Der Himmel, obgleich noch ziemlich dunkel, ist wolkenlos. Ein barhäuptiger Mann mit einem wuchtigen Gepäckstück auf der Schulter bahnt sich mit festen und doch elastischen Tritten den Weg durch das Geröll. Er trägt einen schmalschwänzigen Frack mit breiten Sammetaufschlägen, und enge, an den muskulösen Beinen straff angezogene Pantalons nach der Wiener Mode der sechziger Jahre. Aber diese Garderobestücke sind mit Brand- und Blutflecken bedeckt und an vielen Stellen durchlöchert. Er gleicht einem Einbrecher, der seinen Raub in Sicherheit bringen will. Nun stellt er seine Last auf einen grossen Stein, welcher sich ihm wie ein Tisch darzubieten scheint. Den schmutzigen Überzug streift er herunter, -- ein nagelneuer Lederkoffer mit polierten Messingbeschlägen steht da. Diesem entnimmt Herkules Bell einen eleganten Anzug sowie modernes Unterzeug und beginnt sich umzukleiden. Dann rasiert er sich sorgfältig, prüft sein Gesicht in einem Handspiegel, holt einen neuen, breitkrämpigen Panama hervor und steckt sich seine kurze Pfeife an; ein dünner Pfefferrohrstock mit goldener Krücke gibt seiner Toilette die letzte Vollendung.
Keiner hätte seiner frischen Haltung, seinem gebräunten Teint die überstandenen Abenteuer und Strapazen angesehen, nur an den Schläfen war das sonst pechschwarze Haar ein wenig ergraut. So ging der Amerikaner den anrückenden Europäern entgegen.
Generalleutnant Rudinoff schickte als Avantgarde eine Schützenabteilung voraus, die sich unter Benützung aller möglichen Deckung an die rauchenden Mauerreste heranschlich, aber einen Feind mit bestem Willen nicht entdecken konnte. Auf ihre Meldung entschloss sich der General zum weiteren Vorrücken. Durch die Feldstecher nahm man jetzt ein kleines Fort wahr, das auf einer mit dem Berge zusammenhängenden Felsnase erbaut war. Rudinoff liess einige Batterien abprotzen und die Geschütze auf die hochgelegene Festung einstellen. Dann sandte er einen Parlamentär, zwei Kosacken mit weissen Flaggen und einen Trompeter vor, um dem Feinde ein Ultimatum zu überbringen, wonach er sich sofort in Kriegsgefangenschaft zu begeben hätte. -- Alle Waffen und sein Eigentum seien an die Russen auszuliefern -- etwaige in seinem Gewahrsam gehaltene Angehörige europäischer Staaten sogleich in Freiheit zu setzen. Der Parlamentär fand aber einen verlassenen Boden, der mit grösstenteils bis zu Sand zermalmtem Gestein bedeckt war. Ab und zu ragten wohl noch ein paar verkohlte glühende Holztrümmer aus dem Schutt; längerer Aufenthalt auf diesem Platze schien aber nicht angezeigt, denn der Boden senkte sich und wurde schlammig. Die Trümmer rutschten langsam in die Tiefe.
Es war niemand da, dem man das Ultimatum hätte zustellen können.
Der Befehlshaber war mit dieser Botschaft unzufrieden. Man hatte sich schon etwas allzu sicher auf reichgefüllte Schatzkammern gefreut.
So wurde der Entschluss gefasst, bis an den Berg vorzudringen, natürlich unter Beobachtung der grössten Vorsichtsmassregeln, denn ein Teil der Stabsoffiziere hielt hartnäckig an der Idee eines gestellten Hinterhaltes, maskierten Batterien u. dgl. fest.
So fand man das kleine Tor in dem Felsen und auf der untersten Stufe der Treppe mich in vollständiger Besinnungslosigkeit liegen. Diesem glücklichen Umstande verdanke ich es, dass ich mit dem Leben davongekommen bin.
Man trat mir auf das freundlichste entgegen. Journalisten, die meinen Namen von früher her kannten, wollten mich unaufhörlich interviewen. Verschiedene Zeitschriften wollten meine Photographie bringen, mit Ansichten des Platzes, auf dem die Traumstadt gestanden hatte. Ich war zu schwach, um all den auf mich einstürmenden Anfragen gerecht zu werden und verwies auf Mister Bell, welcher sich nun auch bei den Europäern eingefunden hatte.
Von dem Tempel im Innern des Berges fand man nichts mehr, eine Verschiebung der Gesteinschichten war eingetreten und hatte alle Zugänge verschlossen. Über meine Vermutung einer derartigen Veränderung schüttelten anwesende Geologen sehr komisch den Kopf. Ich sah, dass die Leute mir keinen Glauben schenkten, um so mehr, als der Amerikaner sich gross tat und prahlte, er habe mit der Zertrümmerung der Wachspuppe dem ganzen Paterahumbug ein Ende bereitet.
Wir beide waren übrigens nicht die einzigen, die die Katastrophe überstanden hatten. Im nahen Urwalde jagten herumstreifende Soldaten ein Rudel halbnackter Geschöpfe auf, die auf Bäumen sassen und heftig sprachen und gestikulierten. Es stellte sich heraus, dass es ebenfalls Traumstädter waren, 6 Israeliten, Besitzer von Gewürzkrämereien. Ich hörte später, dass sie sich auffallend rasch erholt haben und in den grossen Städten des europäischen Nordens und Westens zu grossem Reichtum gekommen sind.
Dann fand man bei Nachgrabungen in einem warmen Aschenhaufen eine eingetrocknete Figur; sie wurde abgestaubt -- eine Mumie, hiess es. Ein Regimentsarzt fand aber noch Leben in ihr, mühte sich ab und brachte den kleinen Funken wieder zum Brennen. Alles lief, um diesen Geretteten zu sehen, der, wie sich bald herausstellte, weiblichen Geschlechts war. Ein hoher russischer Offizier, Träger eines alten Namens, erkannte in ihr seine Tante, die Prinzessin von X. Er liess sie wieder herrichten und putzen und nahm sie nach Europa mit.
Ich selbst trat die Heimreise über Taschkent an in Begleitung eines Arztes und musste zunächst in Deutschland eine Heilanstalt aufsuchen, um mich zu erholen und mich an die alten Lebensverhältnisse, besonders an das Sonnenlicht, zu gewöhnen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder halbwegs zutraulich zu meiner Umgebung wurde und meinem Berufe in gewohnter Weise nachgehen konnte.
Nach einem Telegramm: „Gebiet des Traumstaates vollständig besetzt“ -- verhielten sich alle Teilnehmer an dem Zuge still, wie es sich für blamierte Europäer gehört.
Das Phänomen Patera bleibt ungelöst. Vielleicht waren die Blauäugigen die wirklichen Herren, die durch magische Kräfte eine leblose Paterapuppe galvanisierten und das Traumreich nach Gefallen schufen und vergehen liessen.
Der Amerikaner lebt heute noch und ihn kennt alle Welt.
[Illustration]
EPILOG
„Der Mensch ist nur ein selbstbewusstes Nichts“
+Julius Bahnsen+
In der Heilanstalt musste ich immer wieder dem Zauber der gewaltigen Schauspiele, die ich erlebte, nachsinnen. Mein Traumvermögen war augenscheinlich erkrankt, die Träume wollten meinen Geist überwuchern.
Ich verlor in ihnen meine Identität, sie griffen oft in historische Perioden zurück. Fast jede Nacht brachte mir entlegene Begebenheiten, und ich bin der Meinung, dass diese Traumbilder aufs engste verkettet waren mit Erlebnissen meiner Ahnen, deren seelische Erschütterungen sich vielleicht organisch geprägt und vererbt haben. Noch tiefere Traumschichten öffneten sich mir im Aufgehen in Tierexistenzen, ja im blossen bewussten Hindämmern in Urelementen. Diese Träume waren Abgründe, denen ich mich willenlos preisgegeben sah. Sie hörten auf, als wir besseres Wetter bekamen und klare, schöne Nächte.
Die Tage verliefen nun eintönig. Jetzt plagten mich Untätigkeit und Langeweile. Langsam hatte ich mich kräftigen und wieder arbeiten wollen. Ich sah aber, dass ich zu gar nichts mehr tauglich war. Die Wirklichkeit schien mir eine widerwärtige Karikatur auf den Traumstaat. Mich erquickte nur noch der Gedanke an das Hinschwinden, an den Tod. Mit aller Inbrunst, deren ich noch fähig war, umfing ich ihn.
Ich liebte ihn ekstatisch, wie wenn ich ein Weib gewesen wäre, ich war verzückt. In den nun folgenden, vom Lichte des Mondes erfüllten Nächten gab ich mich ihm völlig hin, schaute ihn an, fühlte ihn und genoss überirdische Wonnen. Ich war der Vertraute dieses ungeheuersten Herrn, dieses glorreichen Weltfürsten, dessen Schönheit unschilderbar ist für alle, die ihn fühlen. Er war mein letztes, mein grösstes Glück. In jedem abgefallenen Blatt, im nassen Rasen, in der Erdkrume selbst erkannte ich ihn. Seinem katzenhaften Werben nachzugeben, seine Zerstörungen als Liebesumarmungen zu fühlen, machte mich glücklich! Bezeichnend für diese Zeit ist eine Vorliebe für halbwelke Blumen.
An mein eigenes Sterben dachte ich wie an die grössten, himmlischen Freuden, die ewige Hochzeitsnacht wäre dann angebrochen.
Wie sträubt sich doch alles gegen ihn, und wie gut meint er es! In jedem Gesicht forschte ich neugierig nach seinen Zeichen, in den Runzeln und Falten des Alters entdeckte ich seine Küsse. Immer wieder neu erschien er mir; wie köstlich waren seine Farben! Seine Blicke gleissten so verführerisch, dass sich der Stärkste ihm ergeben musste, dann warf er seine Vermummung ab und mantellos schaute ihn der Sterbende, umglänzt von Diamanten, in tausend spiegelnden Fazetten.
Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, dass mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Grössten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstossenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiss -- das sind Kämpfe.
Die wirkliche Hölle liegt darin, dass sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt „zwischen Kloaken und Latrinen“. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.
+Der Demiurg ist ein Zwitter.+
[Illustration: Situationsplan der Stadt Perle
1. Palast 23. Mühle 2. Franz. Viertel 24. Brücke 3. Grosser Platz 25. Badeanstalt 4. Archiv 26. Entenzucht 5. Post 27. Landstrasse-Allee 6. gr. Uhrturm 28. Vorstadt 7. Bank 29. Schutthalde 8. blaue Gans 30. Kaserne 9. Gartenstadt 31. Pforte i. d. Berg 10. Villa Lampenbogen 32. Fort 11. Leichenhalle, Polizeistation 33. Schlossgarten 12. Friedhof 34. Krämergasse 13. Tommassevićfelder 35. Grünmarkt 14. Ziegelofen 36. Hospital, Kirche 15. Viehhof 37. Bahnhof 16. Abdecker 38. Maschinenhaus 17. Lange Gasse 39. Bahnhofsviertel 18. Caféhaus 40. Landhaus d. Redakteurs 19. Magazin v. M. Blumenstich 41. Ruinen 20. Zinshaus Lampenbogen 42. Strassenwirtshaus 21. Molkerei 43. Villa Alf. Blumenstich 22. Flusswärter
]