FÜNFTES KAPITEL
DIE VORSTADT
I.
Verschnörkelte, zackige Giebel, Strohdächer! Es war ein kleines Dörfchen, in das ich trat. Niedere Holzhäuschen, schrullig in ihrer Form, winzige Kuppelbauten, kegelförmige Zelte. Jede Wohnung war von einem gepflegten Gärtchen umgeben. Von ferne gesehen, wirkte diese Kolonie wie eine ethnographische Musterausstellung. Signalstangen mit Wimpeln und Glasscheiben, zahllose grosse und kleine groteske Figuren in Steingut, Holz, Metall standen herum, ein Durcheinander mit Moos bewachsen. Ehrwürdige Bäume verhüllten das meiste mit ihren tief herabhängenden Zweigen.
Hier waren die Ureinwohner des Traumlandes zu Hause. Eine eigentümliche Ruhe lag über allem. Die bizarren unverständlichen Gestalten auf ihren fremdartigen Holzaltären waren verwittert und fügten sich trotz ihren oft scheusslichen exotischen Formenkonglomeraten harmonisch in den umgebenden Frieden ein. Eine geraume Zeit wandelte ich da herum, bis ich auf die ersten Menschen stiess. Drei hochgewachsene, sehnige Gestalten kamen einen Hügel herab.
Auf meinen Gruss neigten sie ernst die rasierten Köpfe und wandelten ruhig weiter. Es waren Greise von deutlich mongolischem Typus, in matt-orangegelbe Tücher gehüllt. Bald sah ich andere. Regungslos, statuenhaft sass jeder anscheinend ohne Beschäftigung vor seiner Hütte. Einer hatte Gefässe mit Blumen vor sich, ein anderer betrachtete einen schlafenden Hund, ein dritter war in den Anblick einiger Steine versunken. „Über diese Leute schüttelt man in Perle den Kopf“, dachte ich. Man ging nie hieher, sie waren beinahe verachtet. Trotzdem war dieser Stamm sehr stolz, er leitete seine Herkunft in gerader Linie von dem grossen Dschingis-Khan ab. Allerdings erinnerte er in nichts mehr an diesen asiatischen Despoten. Was jetzt noch hier lebte, waren durchgehends alte Leute, die paar Frauen unter ihnen waren kaum zu unterscheiden; Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck glichen sich. Das schönste an diesen Menschen waren ihre leicht schräg gestellten Augen von strahlendstem Blau. Wie widersprach hier alles den Zuständen im übrigen Traumreich! Dort die Hast, hier die Ruhe. Doch mussten diese alten Leute auch ihren Kampf gehabt haben, tiefe Furchen in den Gesichtern sprachen davon.
Nach diesem ersten Besuch wanderte ich öfters über die Brücke zu den Blauäugigen. Obwohl mich niemand einlud, verwies man mich auch nicht. Immer mehr fiel mir der schroffe Gegensatz auf. Ich ruhte mich hier aus und beobachtete still. Die Abgeklärtheit machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich dachte darüber nach und versuchte, die Ergebnisse meinen andern Erfahrungen anzugliedern.
Stand ich doch schon seit sechs Monaten dem grossen Rätsel Pateras nicht mehr ganz blind gegenüber. Der alte Professor hatte in manchem recht. Das gesamte Traumland war einem Bann unterworfen, die Schrecken und der unleugbar humoristische Einschlag in unserm Leben standen in Verbindung. Der Meister steckte wirklich hinter allem und manifestierte sich häufiger als es angenehm war auf geheimnisvolle Weise. Der Gedanke, dass er der Lenker von fast 65000 Träumern sei, war nicht von der Hand zu weisen, so ungeheuerlich er mir auch schien. Wo die Grenzen seiner Macht lagen, konnte ich unmöglich absehen, denn ich bekam noch genug Beweise, dass er auch allem tierischen und pflanzlichen Wesen seine Impulse mitteilte. Wir ahnten das auch sämtlich und nahmen es als ein besiegeltes Schicksal ruhig hin. Das Ganze war derart verworren, dass der spitzfindigste Geist daraus nicht klug werden konnte. Pateras Art blieb unergründlich, ebenso unverständlich die Macht, die uns im Traumlande zu Marionetten machte. Bei jeder Kleinigkeit fühlte man sie. Der Herr besass unseren Willen, trübte unsere Vernunft. Er bediente sich seiner puppenhaften Untertanen, aber wozu? Wir hatten doch keine Abgaben zu zahlen, schufen doch nichts für ihn? Es wurde immer dunkler, je mehr man darüber dachte. Sicherlich litt diese mysteriöse Persönlichkeit, er war Epileptiker, und wir alle empfanden seine Anfälle mit, das war der „Klaps“. Er wird altern, er wird sterben, was soll dann sein? Wird dann jeder Funke unserer eigenen Kraft mit verglühen? Wir brauchen ihn ja zu allem, nur um nicht umzusinken. Woher besass er diese masslosen Energien? -- Nun lebte hier ein Überrest eines alten, vornehmen Stammes, seine Gewohnheiten waren den unseren entgegengesetzt, wie hingen diese mit dem Meister zusammen? Die Greise starrten stundenlang trockenen Auges in die Ferne, beugten sich tagelang über irgendwelche Kleinigkeiten, Steine, Knochen, Federn.
Niemals lachend, kaum miteinander sprechend, waren diese Blauäugigen die Verkörperung des vollkommensten Gleichgewichts. Davon zeugten die massvollen Gebärden, die gefurchten, den Stempel geistiger Kraft tragenden Gesichter. Ihre fast aussermenschliche Gleichgültigkeit liess sie wie ausgebrannt erscheinen. Teilnahmslose Anteilnahme -- diese widersprechenden Worte fallen mir immer ein, wenn ich ihrer gedenke, und ich werde ihren Zauber bis in meine letzte Stunde spüren. Über das Alter der einzelnen wagte ich keine Schlüsse zu ziehen. Trotz greisenhaften, allen Gefühlen scheinbar unzugänglichen Mienen, konnte ich aus ihren gewissermassen von innen erleuchteten Blicken nichts bestimmtes lesen. -- Auch ihre Zähne waren ohne Fehl -- der übrige Körper hager, fast dürr wie ein Gerippe. Ihre Anzahl wird fünfzig schwerlich überschritten haben. Dreimal sah ich sie, wie sie ihre Toten bestatteten, dabei konstatierte ich, wie sehr sie sich von christlichen wie buddhistischen Anachoreten unterschieden. Die Leichen wurden in ihr Gewand gewickelt, mit Moos und Blättern in die Erde gebettet und überdeckt; die Grube wurde mit Erde wieder aufgefüllt. -- Neben der Hütte, in der sie gelebt hatten, wurden sie verscharrt; ohne irgendein Zeichen zu errichten, ebnete man den Boden wieder. Da gab es keine Aufregungen, keine Gebete. -- Allein aus der Beobachtung dieser eigentümlichen Dinge habe ich unermesslichen Gewinn gezogen.
Hier unterbreche ich den Fluss der Erzählung und Schilderung, um dem Leser die Philosophie der Blauäugigen so wie ich sie erfasste, nicht ganz vorzuenthalten.
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II.
DIE KLÄRUNG DER ERKENNTNIS
Was ich vor allem lernte war, den Wert der Indolenz zu schätzen. Diese zu erobern, erfordert für einen lebhaften Menschen die Arbeit eines Lebens. Hat man ihre Süssigkeit einmal erfasst, so hält man sie, wenn auch unter stetem Kampfe, für immer fest. Auch ich versuchte jetzt Steine, Blumen, Tiere und Menschen stundenlang gesammelt zu betrachten. Dabei wurde mein Auge geschärft, sowie es Geruch und Gehör schon waren. -- Jetzt kamen grosse Tage -- ich entdeckte eine neue Seite der Traumwelt. Die ausgebildeten Sinne beeinflussten allmählich den Gedankenapparat und formten ihn um. Einer überraschenden Art des Staunens wurde ich fähig. Herausgerissen aus dem Zusammenhang mit den andern Dingen gewann jeder Gegenstand eine neue Bedeutung. Dass so ein Körper aus der Ewigkeit bis zu mir reicht, das machte mich aufschaudern. Das blosse Sein, so und nicht anders sein, ward mir zum Wunder. Eines Tages wurde es mir vor einer Muschel überklar, dass sie gar nicht so plump existiert, wie ich bisher meinte. So ging es bald mit allem, mit der ganzen Welt. Die stärksten Sensationen kamen anfangs vor dem Einschlafen oder unmittelbar nach dem Erwachen, -- also wenn der Körper müde war und das Leben in mir sich in einem Dämmerzustand befand. Eine nicht immer lebendige Welt musste nach und nach geschaffen werden und zwar immer neu.
Immer mehr fühlte ich das gemeinsame Band in allem. Farben, Düfte, Töne und Geschmacksempfindungen waren für mich austauschbar. Und da wusste ich es: -- Die Welt ist Einbildungskraft, +Einbildung+ -- +Kraft+. Überall, wohin ich ging und was ich trieb, war ich bemüht, meine Freuden und Leiden zu verstärken, und heimlich lachte ich über beides. Wusste ich es doch jetzt sicher, dass das Hin- und Herpendeln ein Gleichgewicht darstellt; gerade bei der weitesten und heftigsten Schwingung kann es sich am deutlichsten fühlbar machen.
Einmal sah ich die Welt als ein teppichhaftes Farbenwunder, die überraschendsten Gegensätze alle in einer Harmonie aufgehend; ein andermal überschaute ich ein unermessliches Filigran der Formen. In der Finsternis umrauschte mich eine Orgelsymphonie von Tönen, worin sich pathetische und zarte Naturlaute zu verständlichen Akkorden ergänzten. Ja, ganz neuartige Empfindungen erfasste ich nachtwandlerisch. Ich entsinne mich jenes Morgens, da ich mir wie das Zentrum eines elementaren Zahlensystems vorkam. Ich fühlte mich abstrakt, als schwankender Gleichgewichtspunkt von Kräften -- ein Gedankengang, der mir niemals wieder gekommen ist. Jetzt verstand ich Patera, den Herrn, den ungeheuren Meister. Nun war ich mitten unter den grossen Burlesken ein Hauptlacher, ohne zu verlernen, mit den Gequälten zu zittern. In mir war ein Tribunal, das alles beobachtete und da wusste ich, dass im Grunde gar nichts geschah. Patera war überall, ich sah ihn im Auge des Freundes wie des Feindes, in Tieren, Pflanzen und Steinen. Seine Einbildungskraft pochte in allem, was da war: Der Herzschlag des Traumlandes. Dennoch fand ich noch Fremdes in meinem Innern. Da fand ich zu meinem Schrecken, dass mein Ich aus unzähligen „Ichs“ zusammengesetzt war, von denen immer eines hinter dem andern auf der Lauer stand. Jedes folgende erschien mir grösser und verschlossener; die letzten entschwanden meinem Begreifen im Schatten. Jedes dieser Ichs hatte seine eigenen Ansichten. So war zum Beispiel vom Gesichtspunkt des organischen Lebens die Auffassung des Todes als Ende richtig, auf einer höheren Stufe der Erkenntnis gab es den Menschen überhaupt nicht, da konnte nichts zu Ende sein. Allgegenwärtig war der rhythmische Pulsschlag Pateras, er wollte, unersättlich in seiner Einbildungskraft, immer alles zugleich, die Sache -- und ihr Gegenteil, die Welt -- und das Nichts. Dadurch pendelten seine Geschöpfe so hin und her. Dem Nichts mussten sie ihre eingebildete Welt abringen, und von dieser eingebildeten Welt aus das Nichts erobern. Das Nichts war starr und wollte nicht, dann fing die Einbildungskraft an zu summen und zu schwirren, und in allen Skalen formte, tönte, roch und färbte es sich -- da war die Welt da. Aber das Nichts frass alles Geschaffene wieder auf, da wurde die Welt matt, fahl, das Leben verrostete, verstummte und zerfiel, war wieder tot -- nichts --; und wieder fing’s von vorne an. So war’s erklärlich, warum sich alles ineinander fügte, ein Kosmos möglich war. Das alles war furchtbar mit Schmerz durchwebt. Je höher man wuchs, desto tiefer musste man wurzeln. Will ich Freuden, dann will ich zugleich Leid. Nichts -- oder alles. In der Einbildungskraft und dem Nichts musste der Urgrund liegen; vielleicht waren sie eins. Wer seinen Rhythmus erfasst hat, der kann ungefähr berechnen, wie lange Qual oder Leid für ihn dauern kann. Der Irrsinn, der Widerspruch müssen mitgelebt werden. Der Brand meines Hauses ist Unheil und Flamme zugleich. Der Leidende möge sich damit trösten, dass beides eingebildet ist. Patera, der auf beiden Seiten gewann, musste das ja auch.
Durch den verwandten Pulsschlag verstand ich auch die niedern Wesen. Ich wusste genau: dieser Kater hat schlecht geschlafen, jener Stieglitz hegt gemeine Gedanken. Diese Spiegelungen in mir regelten nun mein Tun und Lassen. Der Lärm der Aussenwelt hatte meine Nerven gerade so lange gepeitscht und empfindlich gemacht, bis sie für die Erlebnisse der Traumwelt reif waren.
Am Ende dieser Entwicklungen hat der Mensch als Einzelwesen aufgehört, man braucht ihn auch nicht mehr. Dieser Weg führt zu den Sternen.
III.
DIE VERWIRRUNG DES TRAUMES
In dieser Nacht schlief ich mit grossen Gedanken ein. Weniger grossartig war mein Traum, den ich seiner Sonderbarkeit wegen doch hierher setzen möchte. Ich sah mich selbst am grossen Flusse stehen und sehnsüchtig nach der Vorstadt blicken, die ausgedehnter und pittoresker erschien, als sie wirklich war. So weit man sehen konnte, ein Gewirr von Brücken, Türmen, Windmühlen, Bergzacken, alles ineinander eingeschaltet und miteinander verbunden wie eine Luftspiegelung. Grosse und kleine, dicke und dünne Gestalten bewegten sich in diesem Gewirr. Wie ich so hinüber sah, fühlte ich, dass hinter meinem Rücken der Müller stand: „+Ich+ habe ihn umgebracht“, raunte er und wollte mich ins Wasser stossen. Da zog sich mein linkes Bein zu meiner grossen Überraschung in die Länge, so dass ich ohne Anstrengung in das Gewimmel auf dem andern Ufer treten konnte. Und nun hörte ich um mich herum ein vielfaches Ticken, und gewahrte eine Menge flacher Uhren der verschiedensten Grössen, von der Turmuhr bis zur Küchenuhr und kleinsten Taschenuhr hinab. Sie hatten kurze Stummelbeine und krochen wie Schildkröten unter aufgeregtem Ticken durcheinander auf der Wiese umher. Ein in grünes weiches Leder gekleideter Mann, mit einer Mütze, welche wie eine weisse Wurst aussah, sass auf einem entlaubten Baume und fing aus der Luft Fische. Er hing sie dann an den Zweigen auf und im Nu waren sie gedörrt. -- Ein alter Kerl mit abnorm grossem Oberkörper und kurzen Beinen näherte sich; bis auf ein paar beschmierte Arbeiterzwilchhosen war er nackt. Er hatte zwei lange senkrechte Reihen von Brustwarzen -- ich zählte achtzehn --. Nun zog er seine Lungen schnaufend voll Luft, bald schwoll die rechte und bald die linke Brust mehr an, dann spielte er mit den Fingern auf diesen achtzehn Warzen die schönsten Harmonikastücke. Dabei bewegte er sich taktmässig nach der Melodie wie ein Tanzbär, während er die Luft wieder ausstiess. Schliesslich hörte er auf, schneuzte sich in die Hände und schleuderte sie von sich. Dann wuchs ihm ein ungeheurer Bart, in dessen Gestrüpp er verschwand. Nebenan in einem Dickicht stöberte ich eine Anzahl fetter Schweine auf; im Gänsemarsch liefen sie vor mir davon und wurden immer kleiner und winziger, bis sie laut quiekend in einem Mausloche am Weg verschwanden.
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Hinten am Flusse sass der Müller -- mir wurde unbehaglich --; er studierte ein gewaltiges Zeitungsblatt. Nachdem er es gelesen und gefressen hatte, dampfte Rauch aus seinen Ohren, er wurde kupfrig, stand auf und hielt sich seinen Hängebauch mit beiden Händen, während er das Ufer auf- und niederstürmte. Dabei blickte er wild um sich und stiess schrille Pfiffe aus. Endlich fiel er wie vom Schlage getroffen zu Boden, erblasste, sein Leib wurde licht und durchsichtig, und man sah deutlich in seinen Eingeweiden zwei kleine Eisenbahnzüge herumsausen; sie schienen sich fangen zu wollen, blitzschnell wurde eine Darmschlinge nach der andern durchfahren. Kopfschüttelnd und etwas verblüfft wollte ich dem Müller meine Hilfe antragen, die Worte wurden mir aber von einem Schimpansen abgeschnitten, der um mich mit grösster Geschwindigkeit eine ringförmige Gartenanlage pflanzte, wobei dicke apfelgrüne Strünke wie Riesenspargel dichtgedrängt aus dem feuchten Boden sprossen. Ich fürchtete in diesem lebenden Zaun wie in einem Käfig gefangen zu werden, wurde jedoch, ehe ich mir recht überlegte was zu tun sei, befreit. Der tote Müller, nun nicht mehr durchsichtig, hatte in Krämpfen einen Kranz von vielen Hunderttausenden milchiger, weisser Eierchen gelegt, aus denen sich Legionen von Schnecken entwickelten, die ihren Erzeuger sogleich begierig auffrassen. Ein durchdringender Geruch von Selchfleisch verbreitete sich und brachte die fleischigen Stengel zum Faulen, so dass sie in sich zusammenfielen. In der Ferne verschwand die Vorstadt in einem Gespinst violett schimmernder Fäden.
Ich bemerkte eine kolossale Muschel, die wie ein Felsenriff am Flussufer lag; ich sprang auf ihre harte Schale. Da, ein neues Unheil! die Muschel öffnete sich schwerfällig, mein Standort wurde abschüssig, in ihrem Innern zitterten gelatineartige Massen -- -- -- -- -- -- -- ich erwachte. --
DRITTER TEIL
DER UNTERGANG DES TRAUMREICHES