Chapter 9 of 12 · 816 words · ~4 min read

ZWEITES KAPITEL

DIE AUSSENWELT

I.

Man war in der zivilisierten Welt etwa zwölf Jahre lang in Unkenntnis von dem Bestehen des Traumlandes geblieben. Gewiss, es kamen Fälle vor, dass Personen plötzlich auf unerklärliche Weise verschwanden. Wohl wurden viele noch auf Bahnen und Schiffen gesehen, später aber blieb jedes Nachforschen ohne Ergebnis. Solange es sich um Leute handelte, die auf irgendeine Art mit dem Kulturleben zerfallen waren und Grund hatten, sich zu verbergen, machte man wenig Aufhebens. Für bankerotte Menschen hat die Welt geringes Interesse übrig.

Weit empfindlicher wurde die Gesellschaft getroffen, als anerkannte Mitglieder der Gelehrten-, Künstler- und Finanzkreise zu rätselhaften Flüchtlingen wurden. Meist erhielten die Angehörigen zwei bis drei Wochen nach Abgang des ungetreuen Familienmitgliedes noch ein Lebenszeichen -- wenigstens einen Brief mit ein paar Zeilen. Aber was liess sich daraus entnehmen, wenn es hiess: „Forschet nicht nach mir, ich bin gut aufgehoben“ oder „eingetretener Umstände halber muss ich Dich bitten, auf meine Hand zu verzichten“ oder „Verzeihet alle, ich kann nicht anders“.

Jeder hätte ungläubig gelacht, wenn ihm einer gesagt hätte, dass diesem Verschwinden eine gemeinsame Ursache zugrunde lag. Die Polizei versagte.

Am bemerkenswertesten war das Verschwinden der Prinzessin von X. Nun war man zwar in jenen Tagen an das Entwischen hochstehender Damen gewöhnt, aber es kamen doch zumeist die jüngeren Jahrgänge in Betracht. Dieses Mal war es eine Alte, der es auch daheim gut gegangen war. Ihre Spuren führten bis an das Schwarze Meer. Einigen türkischen Gepäckträgern war sie durch ihr ungewöhnliches Knausern mit den Trinkgeldern aufgefallen. Dadurch hatte man sie erkannt. Ernstlich getroffen wurden durch ihr Verschwinden nur einige Neffen und Nichten, die auf die Erbschaft rechneten. Leider hatte das alte Fräulein sein gesamtes Eigentum mitgenommen. -- Die Prinzessin von X. blieb verschollen.

Bald folgte der Fall des amerikanischen Milliardärs Bell, welcher die Gesellschaft auf den Traumstaat aufmerksam machte und schliesslich zur Aktion trieb. Dieser Pökelfleischkönig hatte auf mir unbekannte Weise von dem sonderbaren Land gehört und sich in den Kopf gesetzt, ein Bürger dieses Reiches zu werden. Der sofortigen Aussprengung, dass er geisteskrank sei, begegnete Bell dadurch, dass er sich einen namhaften Nervenarzt zur eigenen, ständigen Beobachtung hielt; diese Koryphäe konnte nur bestätigen, dass der Amerikaner vollkommen bei Verstand sei. Jahrelang trieb sich der Sonderling auf allen Meeren und in allen Gegenden der Welt herum, um das Traumreich zu suchen, er war von seinem Arzte und zwei Dienern begleitet. Bald sah man ihn in Neu-Seeland alle Inseln durchstöbern, bald tauchte er im indischen Archipel auf. In Hongkong verliess ihn sein Arzt. Er erklärte, er könne es bei Herkules Bell nicht mehr aushalten, seine anfangs günstige Meinung müsse er dahin korrigieren, dass er den Amerikaner jetzt doch für belastet halte und an fixen Ideen leidend. Der Arzt fuhr nach Hause, der reiche Mann folgte seinen Einbildungen. Und dann das Sensationelle: Der Amerikaner hatte einen Boten geschickt, der eines Tages mit einem dicken Brief und einer Proklamation in das Kabinett des englischen Premierministers trat. Se. Lordschaft musste sich überzeugen von dem Vorhandensein einer allen Gesetzen Hohn sprechenden Vereinigung, in welcher ein ebenso spitzbübischer wie unermesslich reicher Machthaber sein Unwesen trieb. Viele Tausende braver Europäer wurden hier in widerrechtlicher Gefangenschaft gehalten. Der Amerikaner schrieb, dass er sich an die Engländer wende, als den erklärten Feinden jeder entwürdigenden Sklaverei, und von ihnen die schnellste und durchgreifendste Hilfe erwarte.

Wenngleich Brief und Proklamation in einem derben und marktschreierischen Ton gehalten waren, man konnte sich den Bitten um schleunige Hilfe nicht gänzlich verschliessen, wenn man das geheimnisvolle Verschwinden so vieler Personen bedachte. Sollte doch auch die Prinzessin X. dort in Gefangenschaft schmachten. Auch die sonderbaren Häuserkäufe, die seinerzeit in der europäischen Presse so viel Befremden erregt hatten und für die Marotte eines asiatischen Kleinfürsten galten, erklärten sich nun. Die Folge war ein eifriger Depeschenwechsel zwischen den Regierungen der europäischen Grossmächte; es schien geboten, ohne viel Lärm rasch zu handeln. Russland erhielt als Grenzreich das Mandat zum Eingreifen; die gewöhnlichen Eifersüchteleien schwiegen, die Parlamente wurden vorläufig nicht verständigt.

In einem Monat war eine russische Division mobilisiert und dem Befehl des fähigen Generals Rudinoff unterstellt. Man schrieb: „Für christliche Moral und Nächstenliebe!“ auf die Fahnen und dachte an die zu erobernden Goldbarren. Der Zar erhoffte nebenbei, dass ihm eine steuerkräftige Provinz zufallen würde; lag doch das sagenhafte Land ganz nahe der russischen Grenze.

Eine Reihe von Zeitungsberichterstattern, Photographen, Spekulanten und sachverständigen Kaufleuten wurden in aller Stille eingeladen und mitgenommen.

Zwar protestierten die chinesischen Gesandten bei allen Mächten gegen diese offenkundige Verletzung der Grenze des himmlischen Reiches, doch da war es bereits zu spät und die bezopften Herren mussten sich zurückziehen.

Man kannte zwar die Lage des Traumreiches ziemlich genau nach der Karte, zur Vorsorge sollte der Bote des Amerikaners die Truppen führen. Aber man fand diesen Mann eines Tages in seinem Hotelzimmer tot vor. Ein Dolch steckte ihm im Bauch und mit Befremden las man die drei Worte, die in die Klinge geätzt waren:

„+Schweigen ist Gold!+“

Rudinoff musste allein suchen.