VIERTES KAPITEL
IM BANN
I.
Einmal kam ich aus dem Kaffeehaus und kletterte die Stufen zu meiner Wohnung empor. Auf unser verabredetes Zeichen öffnete meine Frau. Sie sah verweint und angegriffen aus. Auf dem Tische lag das Lederetui mit dem Bilde Pateras.
„Warum liegt das hier? Ist etwas passiert?“
„Ich habe +ihn+ gesehen -- ja -- diesen da!“ sie sprach abgerissen und verwirrt. „Ich begreife noch gar nichts, aber eine Täuschung ist unmöglich, +diese Augen+ kann es nicht zweimal geben.“
„Aber ich bitte dich, erkläre dich genauer.“
Und nun erzählte sie stossweise mit fliegendem Atem:
„Vom Markte kommend wollte ich gerade in die Lange Gasse einbiegen -- es dämmerte schon stark, daher beeilte ich mich heimzukommen. -- Da hörte ich hastige Schritte hinter mir, es war ein Laternenanzünder -- beim Überholen streifte er mich fast. -- Zugleich wandte er sich einen Augenblick um und sprach leise: Entschuldigung! Doch wie entsetzlich, denke dir -- -- dein Freund Patera war es.“ -- --
Die letzten Worte schrie sie förmlich, Tränen rannen ihr die Wangen hinab. Schluchzend barg sie ihren Kopf an meiner Schulter. Selbst aufs höchste erschrocken, mühsam mich beherrschend, suchte ich sie zu beruhigen. „Du täuschst dich“, ich sprach so gleichgültig als es mir möglich war, „du täuschst dich bestimmt! Die Dämmerung ... im Zwielicht ist das so leicht möglich. Und dann, wo denkst du hin? Patera, der Eigentümer von allem hier, er wird doch nicht als gewöhnlicher Laternenanzünder herumlaufen?“
Meine Stimme war unsicher, mir war selbst sehr bange.
„O sprich nicht so, du machst es nur noch schlimmer! Sein Gesicht war ganz bewegungslos wie eine Wachsmaske, nur die Augen!..... Es lag ein blinder Glanz darin!..... Ein Schauder verfolgt mich noch, denke ich daran!“ Ihre Hand war heiss und fiebrig, ich drang darauf, dass sie zu Bett ging. Dabei suchte ich sie durch dummen Kaffeehausklatsch zu erheitern. Es war mir aber unmöglich, ihre Gedanken von dem Erlebnis abzulenken. -- Auch ich hatte Angst.
Das Leben wurde jetzt immer verteufelter und aufreibender. Trotz der schleichenden Gleichförmigkeit der Tage gab es kein Ausruhen, nicht einmal der nächsten Stunde war man sicher.
Ich bekam das Traumreich allmählich satt. Natürlich das Erlebnis meiner Frau war Halluzination. Ha, Patera, mein Freund, der hatte anderes zu tun, als Fastnachtsscherze auszuführen. Gleichviel, eine Halluzination ist immer ein Mahnruf, die gepeinigten Nerven melden sich.
II.
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Nik. Castringius habe ich auch kennen gelernt. Ich weiss eigentlich nicht recht, ob ich ihm sympathisch war. Die Stellung beim Traumspiegel hatte er aufgeben müssen und arbeitete jetzt auf eigene Faust. Ich fand ihn recht originell, viel netter als seine beiden Freunde, mit denen er ins Café kam: de Nemi und den Photographen, meine ich. Castringius konnte sich nicht gut verstellen; seinen Neid und seine Eifersucht sah ihm jeder am Gesicht an. Gerade deshalb blieb er ganz ungefährlich und man freute sich an seinen Lichtseiten. Ein wirklich schlechter Kerl wird ein Künstler selten sein, hie und da eine kleine Gemeinheit, dabei bleibt es. Unsere Sensationen lassen gar keine Zeit zu gross angelegten Gaunereien. Wir legen unsere Seelen offen in die Arbeiten, so dass jeder deutlich sehen kann, was für ein Lump unter Umständen aus einem Künstler hätte werden können. Die Kunst ist ein Sicherheitsventil!
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Bevor ich kam, hatte Castringius seine einfachste Periode. Drei bis vier Linien und das Bild war fertig. Er nannte das „Grösse“. Die bedeutendsten Sachen hiessen: Der Kopf, Er, Sie, Wir, Es! Da war freilich der Einbildungskraft keine Schranke gesetzt. Z. B. ein Kopf in einer Blumenvase, -- alles konnte man sich darunter denken. Als ich dann Anklang fand, musste sich Castringius auch zu etwas mehr aufschwingen. „Das Sujet vertiefen, darin liegt es!“ war seine halsstarrige Meinung. Und jetzt kamen dann Blätter wie: „Der wahnsinnige Papst Innozenz beim Tanze der Kardinals-Quadrille.“
Der Zeichner hatte ein kleines Dachatelier im französischen Viertel inne. In diesem Stadtteil konnte er seinen Eigenheiten gemäss leben. Da fand er auch de Nemi. Dieser war ein Schwein und Leutnant bei der Fusstruppe, Stammgast bei Mᵐᵉ Adrienne. Seine Vorstellungen bewegten sich ausschliesslich um die dort geübten Beschäftigungen. Seine Gespräche verliessen prinzipiell niemals dieses Gebiet. Die Uniform war stets unsauber, seine Augen immer entzündet.
Von dem Photographen kann ich nicht viel sagen. Er war Engländer, hatte ein langes Gesicht, strohblonde Haare, Samtrock und einen wehenden Schlips. Er arbeitete noch nach dem alten, nassen Verfahren mit Kollodiumplatten und zehn Minuten Expositionszeit. Weiter war man darin in Perle noch nicht. Im übrigen war er schweigsam und mischte sich Liköre.
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Wir sprachen vom Theater. Ich habe es nur ein einziges Mal besucht. Es wurde Orpheus in der Unterwelt gegeben; das Publikum bildeten nur drei Leute. Obgleich gut gespielt wurde, war es doch ein unbehaglicher Abend. Die drei Zuschauer machten den grossen Raum noch verlassener. Unheimlich hallte die Musik ins Leere. Die Schauspieler schienen zur eigenen Unterhaltung zu spielen. -- Ich sass auf der Galerie. Auf einmal überkam es mich, als wäre dieser geschwärzte Saal das alte, längst abgerissene Stadttheater in Salzburg. Als elfjähriger Bub ist es für mich der Inbegriff aller Herrlichkeit gewesen. Was ich jetzt sah, waren glatt gewetzte Holzbänke, zerschlissene, dunkelrote Polstersitze und zersprungene Stukkaturen. Der Bühne gegenüber befand sich eine finstere, grosse Loge, darüber in goldenen Buchstaben: „+Patera+!“ In ihrem Dunkel bildete ich mir manchmal ein, zwei Punkte leuchten zu sehen, zwei Punkte ganz nahe aneinander.
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De Nemi, welcher sich hinter der Bühne recht gut auszukennen schien, erzählte umständlich, dass das Theater nicht reüssieren wolle. „Was brauchen wir in Perle ein Theater? Wir haben selbst Theater genug!“ sagten die Leute und gingen nicht hin. Nun war der Bankerott da. Das Ensemble wurde aufgelöst, die niedern weiblichen Kräfte wanderten allmählich unter Beibehaltung ihrer Charge als Choristinnen, Balletteusen usw. ins Freudenhaus, der Rest bildete ein Varieté; Blumenstich gab Geld dazu. De Nemi frohlockte, er schwärmte für das Tingeltangel. Ich hatte für das Thema nur wenig Interesse. Der Wirt ging von Tisch zu Tisch und begrüsste die Gäste mit dummem, schlauem Lächeln. Bei den Schachspielern verankerte er sich, hier wurde er ernst. Dabei hatte der Mann keine Ahnung vom Schach, es war zu einfältig! -- Ich gähnte und sah zum Fenster hinaus. Bei der Mühle lud man Getreidesäcke ab. Deutlich konnte ich die zwei Eigentümer erkennen: den ewig lachenden, heiteren, und den verschlossen und finster dreinschauenden. Äusserlich waren die beiden die Rückständigsten in der ganzen Stadt. Sie trugen noch Haarbeutel und Schnallenschuhe wie vor alten Zeiten.
Eine Equipage fuhr vorbei. Darin lehnte eine elegante Dame. „Kennen Sie die?“ fragte de Nemi und stiess mich an. „Das ist Ihre Hausfrau, Frau Dr. Lampenbogen.“ Er lachte zynisch, auch die anderen Gäste schmunzelten. Der Wagen fuhr zur Badeanstalt.
Ich rief den Kellner, um zu zahlen. Anton, ein Eskamoteur ersten Ranges, wollte mir schlechtes Geld -- Assignaten der ersten Republik -- unterschieben. Heute gings nun einmal nicht, mit frechem Grinsen musste er abziehen.
III.
Meine arme Frau konnte sich von ihren Angstzuständen gar nicht mehr erholen. Sie wurde zusehends blässer, ihre Wangen fielen immer mehr ein und bei jedem Wort, das ich unvermutet an sie richtete, zuckte sie nervös zusammen. Das konnte so nicht länger weiter gehen, nur der Umstand, dass es mir noch immer nicht gelungen war, Patera zu besuchen, verzögerte unsere Abreise. Ohne seine spezielle Erlaubnis war an ein Fortkommen überhaupt nicht zu denken. Zehn Gesuche von mir lagen im Archiv, aber nur ein paar geschraubte Vertröstungen kamen von oben herab, wie: „In der gegebenen Jahreszeit hat das Departement für Audienzen Ferialtage.“ Oder: „Der Bittsteller wurde wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass nur eine normale, bürgerliche Gesellschaftsstellung einige Aussichten auf Gewährleistung einer Audienz zu verleihen vermag. Er möge also nicht von diesen üblichen Gepflogenheiten abweichen, und sehe sich um eine solche“ etc. etc. Ich war vor Gift und Galle geschwollen und gewillt, meinem Freunde reinen Wein über diese gemeinschädliche Beamtenkaste einzuschenken. „Die sollen’s büssen!“ ....
Noch etwas fiel für unsere Heimreise schwer ins Gewicht: -- +Unser Geld war fort --!+ -- Jawohl, +einfach fort+ --! Kein Pfennig von den Hunderttausend war mehr da.
„So, da haben wirs, hab ich’s doch vorausgesehen!“ sprach ich erbittert zu meiner Frau, als ich dahinter kam. Die Ärmste konnte wahrhaftig nichts dafür, deshalb verschonte ich sie auch mit weiteren Lamentationen. Genug, Diebstahl oder nicht, das Geld blieb verschwunden und wir waren jetzt allein auf meinen Verdienst angewiesen.
So ging unser zweites Jahr im Traumreich seinem Ende entgegen. Meine Frau wurde jetzt auch bei Tage von Furchtvorstellungen gequält. Die Küche lag auf der Rückseite unserer Wohnung, durch ein Fenster sah man auf den Hof der Molkerei hinab; in dessen Mitte befand sich ein Brunnenschacht, weiter hinten ein paar Stalltüren.
„In diesem Brunnen spukt es“, behauptete sie. Seltsames Fauchen und Klopfen wollte sie oft gehört haben. Mir fiel nichts auf. Um ihr aber einen Gefallen zu erweisen, nahm ich mir vor, einmal nachzusehen, und ich ging. Unter dem Vorwand, die Molkerei besichtigen zu wollen, klopfte ich einen schwerhörigen Schweizer heraus. Seine Begriffsstutzigkeit reduzierte ich durch ein schönes Trinkgeld. Ich solle ansehen, was mir passe, schrie er mir ins Ohr und verzog sich wieder in seine Kammer. Mir selbst überlassen, konnte ich also meine Untersuchung leicht ins Werk setzen. Rasch durchschritt ich eine ganze Flucht schlecht erleuchteter Räume. Das Gebäude war ziemlich tief in die Erde eingelassen, das bisschen Licht zwängte sich hoch oben durch kleine vergitterte Fenster. Auf langen Holzgestellen standen viele flache, runde Gefässe, in den Winkeln befanden sich hölzerne Kübel. Alle waren bis an den Rand mit Milch gefüllt. Ein Gewölbe diente lediglich zur Aufbewahrung verschiedener Werkzeuge. Da hingen die Wände voll von Blechgeschirren, hölzernen Platten, Brettchen. Ich suchte eilig den Hof; anstatt aber einen Ausgang dorthin zu finden, traf ich jetzt nur noch finstere Kammern, in denen grosse Kessel über erloschenen Feuerstätten hingen. Ein scharfer Geruch von Käsen beizte meine Nase. Da lagen sie, stanken und tropften, regelmässige Reihen in allen Grössen -- ein unappetitliches halbdunkles Gelass, schmal und lang, die verschimmelten Wände voll von Spinnenweben. Hier konnte es nicht sein -- ich lief wieder zurück. In dieser Gleichförmigkeit von Käse, Butter und Milch kannte ich mich aber nicht mehr aus. Ich verirrte mich und gelangte in einen augenscheinlich ganz unbenutzten Teil des Souterrains. Die gewölbte Decke war niedrig und rostige Eisenketten hingen an schweren Haken herab. Man konnte kaum noch sehen, der schlüpfrige Boden schien sich etwas zu senken. Auf einmal stolperte ich über ein paar glitschige Stufen und stand nun gänzlich im Dunkeln. Tiefe Nacht und eisige Kellerluft -- oben hörte ich irgendwo eine Türe zufallen! Gottlob -- ich hatte ein paar Wachsstreichhölzer bei mir. -- Da vernahm ich mit einem Male von weit, weit her ein Geräusch. Es klang wie entferntes Hämmern, wurde aber mit unheimlicher Schnelligkeit immer deutlicher. Beim Schein eines Streichholzes sah ich, dass ich mich in einem Gang befand. Mich packte tödliche Angst. „Fort von hier -- nur fort von hier!“ war mein einziger Gedanke. Ich rannte und stiess manches Mal mit dem Schädel an die triefenden Wände. Hinter mir jedoch schwoll das Tosen -- ein furchtbares, taktmässiges Dröhnen wie ein Galopp. Meine Lichtchen wurden immer weniger, die feuchte Luft liess keine Flamme aufkommen. Der Schall kam näher, ich wurde augenscheinlich verfolgt. Jetzt konnte ich deutlich ein Ächzen und Blasen unterscheiden. Das schnitt mir derartig ins Mark, dass ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Wie gepeitscht stürzte ich weiter, doch da verliess mich die Kraft und der Ohnmacht nahe fiel ich auf die Knie. Hilflos hielt ich meine Hände der anstürmenden Gefahr entgegen, auf dem Boden flackerten meine letzten Streichhölzer. Da tobte es auch schon heran, -- ein kalter Wind erfasste mich, -- ich erblickte ein weisses, abgemagertes Pferd. Obwohl ich es nur unscharf sah, bemerkte ich doch seinen entsetzlichen Zustand. Die grosse Mähre war fast verhungert und schleuderte mit verzweifelter Kraft ihre riesigen Hufe. Den knochigen Schädel weit vorgestreckt, die Ohren rückwärts angelegt, so jagte dieses Tier an mir vorüber. Sein trübes, glanzloses Auge traf mich -- es war blind. Ich hörte das Knirschen seiner Zähne und als ich ihm aufschaudernd nachblickte, sah ich sein zerschundenes, blutiges Hinterteil glänzen. Der rasende Galopp dieses lebenden Skeletts kannte kein Einhalten. Ich tastete mich weiter, während das Dröhnen verhallte, gequält von dem Anblick dieser schrecklichen Knochen. Bald erblickte ich in der Ferne eine rettende Gasflamme. Nur verschwommen konnte ich sie sehen, denn ein Nervenschock packte mich. Meine Zunge wurde starr und mein Körper wie Stein. Als der Anfall vorüber war, schleppte ich mich dem Lichte entgegen. -- Eine Stiege tauchte auf -- noch ein Licht --. Dann hörte ich Menschen und betrat einen bekannten Raum. -- Ich befand mich im Kaffeehause.
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IV.
Man hatte mein Kommen nicht bemerkt. Draussen dämmerte es, die Lichter waren angezündet. An einem einsamen Tisch im Hintergrunde wollte ich meine Gedanken sammeln, das Ungeheuere zu begreifen versuchen und das unangenehme Schwindelgefühl los werden. Ich blieb nicht lange allein. Ein älterer würdevoller Herr mit einem weissen Halstuch kam auch in die Ecke und setzte sich zu mir.
„Hier ist’s ein wenig ruhiger“, bemerkte er.
Von mir kam keine Antwort; in meinem Kopfe schwamm noch alles wild durcheinander. Nach einer Weile sagte er mit weicher, teilnehmender Stimme:
„Sie haben ihn das erstemal erlebt; es hat Sie sehr angegriffen!“
Jetzt sah ich auf, es lag etwas freundliches, mildes in dem Manne.
„Was meinen Sie?“ frug ich müde.
„Nun den Klaps! Schauen Sie umher!“ und er machte eine Geste ins Lokal hinein.
Da fiel mir erst auf, dass hier etwas passiert sein musste.
Für den starken Besuch war es auffallend still. Auf allen Gesichtern lag Erschöpfung, Verstörung. „Ja, was ist denn geschehen?“ Ich hatte schon wieder Angst.
„Sehen Sie sich die Leute nur an! Jetzt ist es übrigens vorüber.“
Ich fasste Vertrauen zu dem Sprecher, er war harmlos und gewinnend.
„Gleich merkte ich Ihnen an, dass es für Sie das erstemal war, es ist ein Fluch!“ Er seufzte. -- Die Gäste sassen sämtlich still in sich versunken, einige flüsterten. -- Hie und da gab es schon wieder ein paar laute Worte ..... Mitten im Lokal wurden Scherben zusammengekehrt. Die beiden Schachspieler glichen Holzpuppen, sie schienen von einander fasziniert. Ich bat meinen Tischfreund, mich über die seltsame Stimmung ein bisschen aufzuklären, ich wisse von gar nichts. Mit seinen schönen weissen Locken, die zu den sentimentalen, etwas komisch phantastischen Augen gut passten, war er schon ein hoher Sechziger.
„Sie sind noch nicht sehr lange im Traumreich, wenigstens noch nicht viele Jahre?“ fing er zu reden an.
„Es werden jetzt bald zwei!“
Anton, schon wieder ganz munter, brachte auf meinen Wink Kognak herbei. Im Kaffeehaus wurde es allgemach wie gewöhnlich. Der Alte sprach weiter:
„Gewiss, man findet sich nur schwer hinein, wenn man es einmal anders gekannt hat. Wir stehen hier alle unter +dem Bann+. Ob wir wollen oder nicht, es vollzieht sich ein notwendiges Geschick an uns. Wir müssen dabei noch froh sein, es könnte ja viel ärger zugehen. So aber kann man über den grossen Unsinn wenigstens manchmal lachen. Viele, ach wie viele, wollen da nicht immer mittun, besonders Neuankommende stemmen sich dagegen. Wird aber das innerliche Auflehnen gegen das Unabänderliche zu stark, dann kommt der Klaps; den spürt dann jeder; heute war so ein Tag.“
Er schwieg; ein trübes, ergebenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich war sprachlos. Hier war ich einem Rätsel auf der Spur. Vielleicht ist es das grosse Rätsel, das mich so lange schon beunruhigt? Und jetzt erzählte ich dem alten Manne, was mir für merkwürdige und unangenehme Dinge passiert waren, auch das furchtbare Geheimnis von vorhin, das mir noch das Herz zusammenpresste. Ich liess nichts aus.
Teilnehmend und nachdenklich hörte mich mein Nachbar an. Er schüttelte ein wenig den Kopf und neigte sich zu mir:
„Lieber, junger Freund, grübeln Sie nicht unnötig, sträuben Sie sich niemals gegen Ihre innere Stimme. Gewiss, Sie haben recht. Hier gibt es überall Geheimnisse, aber sie sind unerklärlich. Der zu Neugierige verbrennt sich am ehesten die Finger. Trösten Sie sich mit der Arbeit, arbeiten kann man in Perle vortrefflich. Auch mir ging es früher ähnlich wie Ihnen. Vor Ihnen sitzt ein alter Naturfreund, und so werden Sie mir gewiss glauben, dass ich viel unter dem Unnatürlichen dieses Bodens litt. Aber man findet sich schon mit der Zeit zurecht; ich lebe fast dreizehn Jahre hier, habe mich angepasst und finde viel Interessantes. Nur bescheiden muss man sich, auch das Kleinste kann Freuden bescheren. Ich zum Beispiel sammle Läuse, Staubläuse.“ Seine Augen leuchteten auf und lebhaft, mit geheimnisvollem Lächeln, sprach er weiter: „Ich bin einer neuen Art auf der Spur. Ja, das Archiv enthält Wunder, von denen nur die wenigsten etwas ahnen. Das Amtszimmer No. 69 ist jetzt mein Jagdgebiet. Exzellenz stellten es mir huldvollst zur Verfügung, dort liegen meine Hoffnungen! -- Aber jetzt muss ich gehen.“
Nachdem er diese Worte gesprochen, zog er ein altes, grünes Futteral aus der Tasche, entnahm ihm eine Hornbrille und setzte sie auf. Bevor er ging, machte er eine altmodische Verbeugung und stellte sich vor: „Professor Korntheur, Zoologe.“
Ich blickte ihm voll Sympathie nach. Seine originelle Haltung, das volle, schneeweisse Haar mit dem einnehmenden, noch jugendlichen Idealismus verratenden Gesicht, die sorgfältige Sauberkeit der Kleidung bis zu den grauen Gamaschen und Überschuhen hinab, mit einem Wort, sein ganzes Wesen gefiel mir.
Aber ich war zerrissen von den Aufregungen des heutigen Tages. Mit einem dumpfen Druck stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung empor.
Meine Frau lag gänzlich ermattet auf dem Divan, -- ich hatte es nicht anders erwartet. Sie sagte nichts, mir zuliebe nahm sie sich zusammen; auch ich schwieg rücksichtsvoll, denn lügen mochte ich nicht.
Ruhelos wälzte ich mich im Bette. Immer vermeinte ich einen tosenden Schall zu hören und ein stieres, aufgerissenes Auge zu sehen. Fast ausschliesslich beschäftigten mich die Mitteilungen des Professors. Also ein Bann -- und der Klaps --? Ich grübelte über den Sinn dieser Worte. -- Ach ja, Aussergewöhnliches fiel mir genug hier auf; erst neulich sah ich hinter einem Hause einige Burschen, die mit Klappern und Trommeln lärmten. Auf mein Befragen bekam ich zur Antwort: Wir machen Nebengeräusche! -- Von jetzt ab ärgerte mich der Blödsinn, ich fand das Narrenhaus in allem. Anfangs war es neuartig gewesen, wir hatten am Fenster gelegen und auf die burlesken Vorgänge da unten gelauert. Seit den letzten Monaten aber gab es kein Lachen mehr in unserm Heim. Mit meiner Frau ging es langsam und stetig bergab. Zu gleicher Zeit nahmen die unheimlichen Vorkommnisse zu. Ich durfte meiner Lebensgefährtin nicht mehr alles sagen, wollte ich sie nicht in unmittelbare Gefahr versetzen. So verschloss ich meine Sorgen in mir, und fühlte mich einsam und dauernd verstimmt. Wohin sollte das noch führen? Ich ging ja selbst zugrunde! --
V.
Einige Tage später ging ich auf der Strasse. Neujahr stand vor der Tür, doch das bedeutete in diesem winterlosen Lande nicht viel. Ich schlich die wohlbekannten Häuserreihen entlang; man gewöhnte sich hier in Perle einen eigenen Gang an: leise, schwankend, unsicher, jeden Moment auf ein Missgeschick gefasst. Ein paar einsame Strassenlaternen zeigten mir den Weg. Eine echte Traumlandsbeleuchtung! Aus der allgemeinen Dämmerung, die alles verwischte und riesenhaft vergrösserte, sprangen unnatürlich körperliche Details: Ein Pfosten, ein Ladenschild, ein Gatter.
Ich kam aus dem alten, gotischen Nonnenkloster, dessen einer Trakt ein Kinderspital barg. Dort hatte ich zwei Flaschen stärkenden Medizinalwein für meine Kranke geholt. Als ich an der eingebauten Kirche vorbeikam, bemerkte ich im Schatten des Portals ein schwarzes Bündel. Ich hörte ein paar undeutliche Worte und ein nackter Armstumpf reckte sich bittend empor. Gleichgültig warf ich ein paar Münzen in die dunkle Ecke, blieb aber schon im nächsten Augenblick wie festgewurzelt stehen. Was war das für ein seltsames altes Frauengesicht in diesen schmutzigen Lumpen? Das musste ich mir ansehen, ein geheimer Zwang gebot es. Widerwillig und voll Ekel beugte ich mich zu der Bettlerin. Es war nicht der stinkende Atem oder der zahnlose Mund, welcher mich festhielt, sondern ein scheussliches, helles Augenpaar; wie die Zähne einer Viper bohrte es sich in mein Hirn. Halb tot und geschüttelt kam ich zu Hause an. War das Wirklichkeit oder die Angstgeburt einer überreizten Phantasie? Es war mir, als hätte ich ins Bodenlose geblickt.
Solche Zufälle gingen über meine Nervenkraft. Ich nahm mir fest vor, andern Tags zu Patera zu gehen. Ich wollte mir nötigenfalls Einlass +erzwingen+, schreien! Er war mein Freund, er hatte mich eingeladen, an ihm lag es, ob wir zugrunde gehen sollten oder nicht! Die kopflosen Traumstädter hatten gewiss eine falsche Vorstellung von ihm. Warum waren sie so scheu und gedrückt und wichen aus, wenn ich von dem Herrn sprach? Das hatte mein Freund nicht verdient.
Über dem heutigen Tag lag ein besonderer Unstern. Meine Frau stöhnte vor Kopfschmerzen, ich machte ihr noch einige kalte Umschläge und warf mich dann erschöpft aufs Lager. Da -- es mochte ein Uhr nachts gewesen sein, ertönte ein Läuten und Klopfen an unserer Wohnungstür. Ärgerlich dachte ich: „Der Saufbruder von nebenan!“ Bald hörte ich ihn auch meinen Namen gröhlen, gleich mehrere Male hintereinander. Ich war wütend über diese Rücksichtslosigkeit, sprang auf, schlüpfte in meinen Schlafrock und nahm den Spazierstock aus der Zimmerecke. Jetzt wollte ich es dem Burschen einmal gehörig einbleuen! Ich öffnete die Flurtür, da stand er richtig und blies mir seinen Bierdunst ins Gesicht. Ob ich nicht noch ein paar Zigarren habe, -- leihweise -- ich sollte ihm doch die Ehre meines Besuches geben, -- auch die Frau sei eingeladen, -- er wolle Grog machen.
Ich konnte mich vor Zorn kaum mehr halten. „Sie Unverschämter, verschonen Sie andere Leute mit Ihren Lausbübereien. Machen Sie, dass Sie hier fortkommen, sonst werfe ich Sie die Stiege hinab, Frechling!“ Ich schrie was ich konnte, in mir kochte alles. Mit stierem, betrunkenem Lachen stotterte er:
„Na, na, komm nur rüber!“ Dabei fasste er mich am Arm und wollte mich zu sich zerren. Ich verlor die Selbstbeherrschung. Blitzschnell erhielt er einen Tritt vor den Bauch, dass er auf den Boden kollerte. Was erdreistete sich dieser Mensch? In mir wälzte ein Gedanke den andern.
„Jetzt beschwere ich mich aber, das duldet keinen Aufschub, ich werde mir selbst Gerechtigkeit verschaffen. Ich halte es nicht länger aus in diesem verwünschten Nest!“ Man verstehe meine Lage: seit Wochen den grässlichsten Eindrücken preisgegeben, die kranke Frau, welche mir Sorgen machte, das Geld verschwunden, -- überall sah ich nur Feinde und Hohn. Ein wilder Hass gegen das ganze Traumland raubte mir die Besinnung und zitternd vor Aufregung sprang ich so wie ich war die Stufen hinunter und lief spornstreichs zum Palast. Genugtuung wollte ich verlangen für die Schmach, die ich fortwährend zu erdulden vermeinte, und wenn ich Patera aus dem Bette holen müsste, es sollte geschehen. So rannte ich die Lange Gasse hinauf dem Platz zu. Ein dicker Nebel war eingefallen, die Gasflammen erschienen als gelbe leuchtende Flecken, ich sah keinen einzigen Passanten, nur das nasse, schmutzige Pflaster. Halb rasend lief ich dahin, einzig damit beschäftigt, wie ich Patera alle diese Gemeinheiten schildern sollte. Ganz laut sprudelte ich meine Anklagen heraus, prachtvolle Redewendungen fielen mir spielend ein und ich fand erschütternde Worte für mein Unglück. -- Aber jetzt fror es mich. -- Als ich an mir hinab sah, musste ich dann allerdings auch zugeben, dass ich nicht in der geeigneten Toilette war für einen Besuch bei einem vornehmen Herrn. Ein alter, geblümter Schlafrock, darunter ein Nachthemd und ein Pantoffel -- den andern hatte ich im Lauf verloren -- bildeten meine ganze Kleidung. Auf dem Platze lichtete sich der Nebel etwas: da stand der Palast! Wie ein gigantischer Würfel ragte er in den Himmel. Die helle Scheibe des Uhrturmes täuschte einen Mond vor. Nässe und Kälte brachten mich zur Vernunft; ich erkannte mein Vorhaben als törichtes Beginnen. Nein, das war nicht der richtige Moment und passende Aufzug für eine Beschwerde. Im Schlafrock, mit einem Spazierstock nach ein Uhr nachts, barhäuptig -- wie sah ich denn aus? Ernüchtert kehrte ich um und suchte den Heimweg. Durch eine kleine Seitengasse wollte ich ihn verkürzen; die Kälte war recht unbehaglich. Meine Frau würde auch mein Kommen schmerzlich erwarten -- morgen aber -- morgen sollte der Tag der Vergeltung sein! Um mir warm zu machen, verfiel ich in einen leichten Trab. Ein erleuchtetes Fenster tauchte auf, ich lief darauf zu. Musik, Klaviergeklimper, rauhe Stimmen, Gesang! Ein heller Schein lag über der Strasse. Donnerwetter, so durfte man mich hier nicht sehen! Ich war aber schon bemerkt worden.
„Heda, Sie, nur näher!“ Ein paar verdächtige Gestalten traten zu mir. Jetzt wusste ich, ich hatte mich verirrt: ich war im französischen Viertel.
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Hier ging es noch sehr lebhaft zu. Bald erregte ich das grösste Aufsehen. Ich war mürrisch und beschämt; man lachte über meinen merkwürdigen Aufzug. Ich schimpfte und ging rasch weiter, immer mehr Menschen mir nach; man machte rohe Spässe und ich berechnete, wie das alles ablaufen würde. In diesen verrufenen Winkeln und Sackgassen fand ich mich nicht zurecht; es war sehr peinlich, Castringius hätte sich ausgekannt. Wenn ich nur gewusst hätte, wo die Polizeistation sich befand. So sah ich rechts und links nur schmutzige Spelunken und Lasterhöhlen. Aus allen Gossen dampfte und stank es. Ich machte meine grössten Schritte. Ein geschminkter Bursche fasste einen Zipfel meines Schlafrockes und riss ihn mir herunter, -- Patsch! sass ihm eine Ohrfeige. Aber das hätte ich lieber nicht tun sollen. Nun hub es erst recht an. Mit Heulen und Hallorufen wurde Jagd auf mich gemacht. Ein aufgedunsenes, riesenhaftes Weib trat mir entgegen und wollte mir ein Bein stellen. Ich sprang leicht über sie hinweg und verlor den Stock dabei. Sie wälzte sich im Strassenkot, mein Hemd blieb ihr als Trophäe. Dadurch hatte ich etwas Vorsprung. Jetzt wusste ich aber auch, es ging ans Leben. Wie ein toller Windhund griff ich aus. Noch nie war ich meiner Kraft so sicher gewesen. Hinter mir aber mehrte sich der wüste Tumult, das halbe französische Viertel war mir auf den Fersen, gellende Pfiffe ertönten, der Boden wurde immer glitschiger, ich musste aufpassen, nicht auszugleiten. „Bald bin ich erschöpft, ich werde kaum entwischen“, sagte ich mir und Angst pochte in meinen Schläfen. Mit Flaschen und Messern warf man nach mir, kreuz und quer lief ich in den Gassen und an jeder Ecke schrie ich, so laut ich konnte: „Hilfe, Polizei!“ Aber niemand half und hinter mir hörte ich den tollen Haufen hohnlachen. Mit aufgerissenem Munde, nackt und verzweifelt, flog ich förmlich dahin; keine Rettung, keine Hoffnung bot sich mir. Endlich -- ich war schon ganz matt -- sah ich ein schmales hohes Haus; es schloss die Gasse ab. Alle Fenster waren erleuchtet, über der Schwelle hing ein roter Lampion. Das Tor war offen; ich stürzte die hell erleuchtete Stiege hinauf. Die Wände waren bunt bemalt und mit Palmen geschmückt. Im ersten Stock trat mir eine Frau entgegen, eine holde Illusion, festlich, im langen silberglänzenden Hemd mit offenen Haaren und herrlichen Armen. Sie war gar nicht besonders überrascht, mich so zu sehen und sagte lächelnd: „Nicht zu mir! Der Herr hat sich wohl vergriffen, da ist Nummer fünf!“
Beglückt und beschämt von ihrer Freundlichkeit stammelte ich atemlos Entschuldigungen, mit der Hand meine Blösse deckend. Dann öffnete ich die bezeichnete Tür. Verdammt, da waren schon zwei drin, auch splitternackt! -- Ich schlug die Tür wieder zu. Von unten tobte jetzt der Pöbel herauf. Zuerst ein Schutzmann -- jetzt war einer da -- der brüllte: „Wo ist der Kerl? Ich werde Anzeige erstatten! Das Haus muss noch geschlossen werden!“ Dann der Mob. Die Retterin war verschwunden, -- meine blutenden Füsse schienen mir wie Zentnergewichte. Tief atemschöpfend kletterte ich noch ein paar Stufen in die Höhe und sah gross angeschrieben das erlösende Wort: „Hier!“ wie ein Befehl. Noch einmal die Hilfe des Himmels! Mit letzter Kraft öffnete ich die Tür und schob den Riegel hinter mir zu. -- Vorläufig in Sicherheit -- aber die Meute rüttelte schon am Schloss. „Aufmachen, aufmachen!“ gellte es tausendstimmig.
Wie ein gehetztes Raubtier blickte ich mich um, da durchblitzte mich ein verzweifelter, jäher Entschluss. Auf die Gefahr, mich totzustürzen, klemmte ich mich durch ein schmales Fenster und griff mit der Hand nach etwas Fassbarem. Richtig, ein Draht, ein Blitzableiter! -- Und mit einer wunderbaren, mir unbegreiflichen Sicherheit kletterte ich an ihm hinunter. Stille und Nacht ringsum -- hier sank ich zusammen -- meine Beine trugen mich nicht mehr. --
Ich lag auf einer Schutthalde. Ein Kotwagenfahrer bei seinem nächtlichen Gewerbe hob mich auf und fuhr mich in seinem gerücheschwangeren Gefährt zu mir nach Hause. Meine Frau sah aus dem Fenster, wie ich so ankam. Sie hatte eine schreckliche Viertelstunde hinter sich, länger war ich nicht weggewesen.
Nach einigen Tagen erblickte ich auf der Strasse ein paar Hunde, die mit einem bunten Paket spielten, an dem Schnüre mit Quasten hingen. Ich erkannte meinen alten Schlafrock -- als herrenloses Gut hatte er sich die ganze Zeit in der Traumstadt herumgetrieben. Mit meiner Begeisterung für die Schöpfung Pateras war es jetzt gründlich vorbei.
VI.
Die nächsten Tage wurde wieder nichts aus meinen Beschwerdeplänen. Bei uns sah es trist aus. Meine wunden geschwollenen Füsse waren in Binden und meine Frau verliess nicht das Bett.
Das Lampenbogensche Haus hatte nach hinten eine Kellerwohnung. Hier hungerte eine Familie mit neun Kindern. Neun Kinder! Ein Unikum in Perle! Der Mann war ein wüster Krakehler und Bummler, der sich von seinem abgezehrten, ewig schwangeren Weibe ernähren liess. Diese bediente uns jetzt, denn der Affe kam nur noch hie und da des Abends auf einen Besuch. Da gab’s wenigstens ein paar gemütliche Stunden. Er pflegte sich an das Bett meiner Frau zu setzen, ihr Strickzeug in die Hinterhände zu nehmen und rasch zu stricken. Dabei sah er sich gerne eine alte Nummer des Traumspiegels an, die er in den Vorderhänden hielt.
Unsere jetzige Hilfe brachte öfters ihre zwei ältesten Mädchen herauf, und ich konnte die Entdeckung meiner Gattin bestätigen, dass im Traumreich geborenen Kindern das Nagelglied des linken Daumens mangelte. Das Töchterchen meines Redakteurs, sogar die beiden Söhne Sr. Exzellenz unseres Herrn Regierungspräsidenten hatten denselben Defekt. Die brave Frau Goldschläger vermisste also neun Stück Nagelglieder.
Sobald ich wieder gehen konnte, galt mein erster Besuch dem Arzt. Der fliegende Puls meiner Frau gefiel mir nicht. Ich hatte schon mehrmals darangedacht, den Doktor zu rufen, Lampenbogen als Besitzer kam auch oft ins Haus. Aber ich bin von jeher Ärzten gegenüber misstrauisch gewesen, und hier in diesem Lande der Unsicherheit war Vorsicht vielleicht noch mehr am Platze. -- „Ein Arzt ist ein Geschäftsmann wie jeder andere“, sagte ich mir. „Bestellt ein Mensch bei einem Schuster ein Paar Stiefel und dieser verlangt den Preis, ohne sie geliefert zu haben, so wird er einfach ausgelacht werden. Einen Arzt aber muss man zahlen, selbst wenn er nicht geholfen, auch dann, wenn er nur geschadet hat.“ Lampenbogen war ein reicher Mann, er besass eine schöne Villa, eine hübsche Frau, eine Equipage. Das Zinshaus trug ihm viel, da war es kein Wunder, dass er so dick und fett wurde. Wie schlug ihm alles so gut an! Die Frau soll allerdings leichtsinnig sein, heisst es. Ich dagegen mit meinen paar mageren Knochen ...
Nun kam der Doktor, wie ein wandelndes Quadrat in seinem Pelze trat er zur Tür herein. Während er untersuchte, bewunderte ich seinen Nacken, „ein Stück zum braten!“ dachte ich kannibalisch. Er riet Luftveränderung, wir sollten einige Wochen ins Gebirge ziehen. Auch mein Zustand gefiel ihm gar nicht. Auf meinen Einwand, dass ich erst Patera aufsuchen wollte, sprach er: „Das lassen +Sie lieber bleiben+!“ und ging .....
Unsere kleine Expedition war reisefertig. Frau Goldschläger schob meine Gattin im Rollstuhl vor sich her. Bei dem Postgebäude am Platze warteten die Stellwagen; wir wurden verstaut. Dann knallte die Peitsche. Umschauend gewahrte ich noch Frau Goldschlägers wackelnden Bauch und das Abschiedslächeln auf ihrem reizlosen Gesicht.
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Gleich hinter Perle kreuzte man die Eisenbahn. Wir wollten ins Gebirge nach einem Dörfchen, wo uns in einem Forsthause ein gutes Unterkommen in Aussicht gestellt war. Die ziemlich verwahrloste Strasse zog sich in Schlangenwindungen durch die berüchtigten Sümpfe. Auch eine Ruinenstadt, Trümmer aus uralter Vergangenheit, wurde passiert. Ein paar Pelikane waren alles, was wir leben sahen. Nach dieser Wildnis wurde das Land bewohnter. Es kamen ausgedehnte Weidetriften, Kartoffeläcker, sogar Weingärten. An gross angelegten Bauernhöfen mit altersschwarzen Strohdächern fuhren wir vorbei -- überall blickten uns die Bewohner nach, manche winkten uns zu. Die rauhen, in Leder gekleideten Gestalten sassen auf den Hausbänken, einige schnitzten Holzfiguren, ebenso vierschrötig wie sie selbst. Trotzdem viele von ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt. Hier hatten sich die seltsamen mystischen Gebräuche entwickelt, hier wurden sie noch genau befolgt und festgehalten. -- Die Strasse gabelte sich; wie ein Finger ragte ein dünner Turm über einer Kapelle, welche ganz mit Fresken bedeckt, am Kreuzweg stand. „Rechts geht es zum grossen Tempel“, machte uns der Postillon aufmerksam und deutete mit der Peitsche nach der Richtung.
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Nun fuhren wir in ein enges Tal ein. Hoch oben an den steilen Felsen klebten schwer erkennbar graue Hütten, wie ich hörte die Wohnstätten asketischer Einsiedler. -- Allgemach wurde es dunkel, die Wolken hingen tiefer herab und ballten sich zu gelbbraunen Klumpen wie vor einem Gewitter. Ernst und grossartig in ihrer Eintönigkeit war jetzt die Landschaft; wir befanden uns am Fusse des Erzberges, zu mancher Jahreszeit wegen der gewaltigen magnetischen Entladungen, eine gefährliche Gegend. Auch heute war die Spannung gross, und wir bemerkten Kugelblitze, die auf der metallischen Kuppe herumrollten. „Der Berg ist fast ganz aus Eisen“, belehrte der Postillon. Es war sonderbar: nicht einmal trockenes Gestrüpp und verdorrte Halme waren auf ihm zu sehen. Dunkel rostfarben lag er da und versperrte das Tal.
Plötzlich wollte meine Frau nicht mehr weiter, die Luft drücke sie hier oben noch mehr als in der Stadt, sie verspreche sich keine Besserung von solchem Landaufenthalt. Ich empfand ebenso, mir sträubten sich die Haare in dieser von Elektrizität erfüllten Atmosphäre. Da war es besser, sofort umzukehren. Ich bedauerte nur, die Kranke hierher geschleppt zu haben. Bei einem Strassenwirtshaus stiegen wir ab und erwarteten den zur Stadt fahrenden Wagen. Die Wirtsleute bemühten sich um die Fiebernde und halfen ihr freundlich beim Einsteigen. Es ging also wieder zurück. Beim Sumpf erreichte uns die Finsternis. Ein fauler, sinnbetäubender Geruch stieg auf. Beim Scheine der Wagenlaternen erblickte ich einige mohammedanische Gräber, halb in gärendem Schlammwasser versunkene, turbangeschmückte Steine. Die Feuchtigkeit des Bodens hemmte unsern Atem. Ein Huschen und Rascheln hub an, die Dämonen des Sumpfes regten sich. Meine Frau litt unter Schüttelfrösten und presste sich eng an mich. Als wir in die Stadt einfuhren, war es zwei Uhr. Ich wusste jetzt, dass ich eine Todkranke heimbrachte.
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VII.
Andern Tags wollte ich den Arzt aufsuchen, um ihm von dem missglückten Unternehmen zu berichten. Er war nicht in seiner Villa. -- Auf dem Heimweg fielen mir zwei männliche Gestalten auf. Sie folgten einer Dame, die vor mir in die Lange Gasse einbog. Jetzt erkannte ich sie, es waren mein Nachbar, der Student, und de Nemi. Auch die beiden schienen eben erst zu merken, dass sie das gleiche Ziel verfolgten. Vor meinen Augen kam es zu einer Kollision. Was zwischen ihnen vorging, kann ich nicht genau sagen. Ich sah nur, dass sie zusammen in einen dunklen Hausflur traten, aus dem im nächsten Augenblick der Hut des Studenten in den Strassenschmutz flog. Um unerkannt zu bleiben und nicht zu stören, ging ich im schnellsten Tempo quer über die Strasse. Da stand die verfolgte Dame gerade vor dem Fenster einer Leihbibliothek. Ich musste sie schon gesehen haben! Sie besass eine hohe Figur, war sehr elegant gekleidet und hatte einen dicken Knoten rotbraunen Haares im Nacken hängen. Das Gesicht war mir abgewandt. Sie musste von der ganzen Jagd wohl gar nichts bemerkt haben, denn sie machte eine jähe Wendung und ging wieder zurück, mir entgegen. Es war Frau Melitta Lampenbogen; ich bewunderte ihren untadeligen, schwebenden Gang. Da traf mich ein Blick -- -- -- -- -- ich sah in weisse Leere -- -- -- -- -- wie ein Schlag auf das Gehirn -- +Die Augen der alten Bettlerin!+
Diese Nacht verlief sehr unruhig, Poltern, Gehen und Kommen auf der Treppe. Von Schlaf keine Rede. Um sechs Uhr morgens rumorte es wieder auf dem Flur. Ich trat hinaus. Drei Männer trugen einen schwarzen Sarg hinab; die Tür zur Wohnung des Studenten stand weit offen.
Im Kaffeehaus sagte man, dass der Student in einem Duell erstochen worden sei. Noch ein anderes Gerücht hatte sich verbreitet. Einer der beiden Mühlenbesitzer war verschwunden und zwar der jüngere, immer heitere. Auf dem andern lastete nun der Verdacht des Brudermordes. Man wusste nichts Sicheres.
„Zwei Kriminalbeamte haben die Mühle durchsucht!“ flüsterte mir Castringius geheimnisvoll zu. Er gierte nach sensationellem Stoff, weil er wieder zum Traumspiegel kommen wollte. Ein farbiges Blatt, „die Wunde des Studenten“, war ihm umgehend zurückgegeben worden.
Ich war auch in einer peinlichen Lage: Frau Goldschläger war heute ausgeblieben, und ich entschloss mich, sie in ihrem Kaninchenstall aufzusuchen. Diese Stube war ein Greuel, ein ganz besonders antipathischer Duft erfüllte sie. Die Hebamme wehrte mir den Eingang, heute nacht hatten sie eine Totgeburt gehabt. So nahm ich das herzliche Anerbieten Hector von Brendels an, der mir seinen Diener -- eine alte graue Maschine -- für Gänge zur Verfügung stellte. Seit den drei Tagen, da ich den gefahrvollen Zustand meiner Frau erkannt hatte, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Zorn und Aufregung verschwanden; ich war nicht mehr imstande, meine Lage zu übersehen und schleppte mich schwerfällig herum. Stumpf, apathisch, wie ein verprügelter Hund, innerlich zernagt von Unruhe, wusste ich nicht, wo ich mich aufhalten sollte. Zu Hause wollte ich nicht bleiben, ich konnte das nicht ansehen, es zerquetschte mir das Herz. Also herumlaufen, an die Luft! Ich beschrieb einen weiten Bogen um das Kaffeehaus und wandte mich zum Flussufer. Hier an dem lautlos dahingleitenden Strome hielt ich mich sonst so gerne auf. Unwillkürlich streifte mein Blick die Mühle. Sie zitterte wie lebendig. Unscharf und verwischt in einem Dunstschein, wie aus einer gallertartigen Substanz bestehend, kam sie mir vor, ein unbekanntes Fluidum ging von ihr aus, das mich bis in die Zehenspitzen vibrieren machte. Hinter einem verstaubten Fenster stand der Müller. Finster und hasserfüllt sah er auf mich nieder. Nun kam ich ins Freie: Vorüber am Abdecker, am Viehhof, an der Ziegelei. Die trübe, nasse Luft, das traurigmachende Geknarre der Frösche vom Wasser her, passten zu meiner Stimmung. Ehe ich es dachte, war ich am Friedhof. Ich blieb stehen und zündete eine Zigarette an. Ich gewahrte durch das schmiedeiserne Tor die Grabsteine. Da fasste mich ein Schauder; zähneknirschend lief ich durch mir noch unbekannte Strassen. Ich schluckte die sich gewaltsam aufdrängende Melancholie hinunter. In mir fühlte ich kalte Verachtung gegen alles, besonders gegen Patera.
„Wo versteckst du dich, Folterknecht?“ rief ich in die leeren Gärten, an denen ich vorüberrannte. Aber die entlaubten Gebüsche und kahlen Bäume gaben keine Antwort. Vorwärts lief ich und trat unbekümmert in die Pfützen. Erwärmt von einem leichten Fieber trieb es mich weiter, über Plätze und durch Gassen, die ich mich nicht entsinnen konnte, je gegangen zu sein. Eine armselige Pferdebahn -- sie schien mir mehr zur Dekoration als zum Gebrauch da zu sein -- frappierte mich. Mir war es neu, dass es in Perle dieses Transportmittel gab. Aber ich war viel zu verworren, um mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten und ehe ich erkannte, wohin mich meine Füsse trugen, stand ich vor dem Palast. Eben wurden die Laternen angezündet.
In einen der Eckpfeiler der Residenz war eine Marmortafel eingelassen, die meine Blicke bannte.
„+Audienzzeiten bei Patera für jedermann täglich von 4 bis 8 Uhr.+“
Kopfschüttelnd las ich das mehrmals halblaut und sprach es vor mich hin. Da durchfuhr mich ein ganz närrischer Gedanke: „Das ist ja ein ungeheurer Witz -- wir sind nur zu dumm, um ihn zu begreifen.“ Ein Lachkrampf durchschüttelte mich, ich hätte Patera ermorden können. An eine Säule gelehnt, rang ich nach Fassung. Dann schritt ich durch das offene Portal, ganz einfach, als wäre es nichts. Ich stieg breite Treppen empor, unter den enormen Wölbungen muss ich ganz winzig ausgesehen haben. Immer höher hinan stieg ich. -- Durch die Bogenfenster sah ich tief unter mir die Stadt. Um mich war alles totenstill, nur meine Schritte hallten. -- Ich war so gänzlich mit meinem Zustande beschäftigt, dass mir meine seltsame Lage nicht zum Bewusstsein kam. Ungewöhnlich leicht war mir zumute, das habe ich heute noch deutlich im Gedächtnis. Ich öffnete riesige, weisse Flügeltüren und durchwanderte eine Flucht von grossen Gemächern. Jedesmal schlug mir ein neuer kalter Lufthauch entgegen. „Hier wohnt sicher niemand“, murmelte ich fortwährend, wie im Traume befangen. Einige umfangreiche, geschnitzte Schränke und durch Schutzüberzüge verhüllte Polstermöbel standen in jedem Saale. Einmal sah ich eine schlanke Gestalt eilig und kerzengerade auf mich zukommen. Doch das war Trug, ein Wandspiegel warf mein eigenes Bild zurück. Als ich die endlose Reihe von Hallen und Gemächern durchschritten hatte, gelangte ich in eine unabsehbare Galerie, die scheinbar zurückführte. An den Wänden hingen nachgedunkelte, lebensgrosse Porträts in breiten Ebenholzrahmen, zu meiner Rechten reihten sich Bogenfenster. Ganz am Ende war ein niedriges Pförtchen, das ich vorsichtig öffnete. Ich befand mich in einem mittelgrossen, leeren Raume, der mit bleigrauen schweren Stoffen ausgeschlagen war. Das Zwielicht machte dieses Zimmer undeutlich. Soviel aber bemerkte ich: Hier war kein weiterer Ausgang, hier war das Ende. Und jetzt erst hielt ich einen Augenblick inne und dachte nach, was ich eigentlich wollte. Hier war nichts -- es war so still wie in einer Gruft.
Schon wollte ich umkehren, da stieg von allen Seiten der eigentümliche Duft auf, dem ich in diesem Lande immer wieder begegnete. In bedeutender Stärke durchdrang er den ganzen Raum, ich hörte so etwas, wie ein leises, trockenes Lachen. Und wirklich! Ich sah an der Wand gegenüber das Gesicht eines schlafenden Menschen. An das Halbdunkel gewöhnt, unterschied ich jetzt eine in Grau gekleidete Gestalt, die auf einem erhöhten Ruhebett sass. Ich trat einen Schritt näher. Ein Haupt von ungewöhnlicher Grösse -- ich erkannte meinen Freund Patera. Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, wie oft hatte ich mir doch das Bild angesehen! Das fahle Antlitz umringelten dunkle Locken, die Augenlider waren festgeschlossen, nur der Mund zuckte und bewegte sich unaufhörlich als wollte er sprechen. Ergriffen bestaunte ich die wunderbare, regelmässige Schönheit dieses Kopfes. Mit seiner breiten, niedern Stirn und der mächtigen Nasenwurzel glich er eher einem griechischen Gott als einem lebenden Menschen. Über den Zügen lag ein tiefer Schmerz. -- Nun vernahm ich Worte, ganz leise und hastig flüsterte es: „Du beklagst dich, dass du nie zu mir kommen kannst, und doch war ich immer bei dir. Ich sah dich oft, wie du mich schaltest und an mir verzweifeltest. Was soll ich für dich tun? Sage deine Wünsche!“
Er schwieg. Es herrschte Stille, mein Hals war ausgetrocknet, nur mit der grössten Anstrengung brachte ich hervor: „Hilf meiner Frau!“ Der Kopf hob sich ein wenig, Patera schlug langsam die Augen auf. Zugleich überfiel mich entsetzliche Schwäche. Starr und unverwandt musste ich diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen, das ähnelte zwei blanken hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet. Die Flüsterstimme sprach:
„+Ich werde helfen.+“
Seine Gestalt richtete sich völlig auf, wie eine Medusenmaske hing das Haupt über mir. +Gebannt+, war ich keiner Bewegung fähig, ich dachte nur: „+Das ist der Herr, das ist der Herr!+“ -- Jetzt erlebte ich ein unbeschreibliches Schauspiel. -- Die Augen schlossen sich wieder, ein grauenhaft, schreckliches Leben trat in dieses Gesicht. Das Mienenspiel wechselte chamäleonartig -- ununterbrochen -- tausend- nein hunderttausendfach. Blitzschnell glich dieses Antlitz nacheinander einem Jüngling -- einer Frau -- einem Kind -- und einem Greis. Es wurde fett und hager, bekam Auswüchse wie ein Truthahn, schrumpfte winzig klein zusammen, -- war im nächsten Augenblick hochmütig gebläht, dehnte, streckte sich, drückte Hohn, Gutmütigkeit, Schadenfreude, Hass aus, -- voll Runzeln wurde es, und wieder glatt wie Stein -- es war wie ein unerklärliches Naturgeheimnis, -- ich konnte mich nicht abwenden; eine magische Kraft hielt mich wie festgeschraubt, Schrecken überrieselte mich. Jetzt erschienen Tiergesichter: das Antlitz eines Löwen, dann wurde es spitz und schlau wie ein Schakal -- es wandelte sich in einen wilden Hengst mit geblähten Nüstern -- wurde vogelartig -- dann wie eine Schlange. Es war entsetzlich, ich wollte schreien und konnte nicht. -- In abscheuliche, blutüberströmte und spitzbübisch feige Fratzen musste ich blicken. Dann trat endlich langsam Ruhe ein. Wie Wetterleuchten fuhr es noch manchmal über das Antlitz, -- die verzerrten Larven verschwanden und wiederum schlief vor mir der Mensch Patera. Die geschwungenen Lippen fieberten und bewegten sich schnell. Ich hörte wieder diese seltsame Stimme:
„Du siehst, ich bin der Herr! -- Auch ich war verzweifelt, da baute ich mir aus den Trümmern meines Gutes ein Reich. -- Ich bin der Meister!“
Ich war erschüttert und hatte das tiefste Mitleid mit ihm; mühsam sprach ich:
„Bist du auch glücklich?“
Doch schon traf mich der Strahl und lähmte mich. Ganz nahe vor mir sah ich die grässlichen Augen. Patera war herabgestiegen und hielt meine Hände. Ich war innen und aussen wie von Eis überzogen. Er rief: „Gib mir einen Stern, gib mir einen Stern!“
Seine Stimme bekam etwas Berückendes, sie schmeichelte und lockte. Ich sah seine weissen Zähne schimmern, die Bewegungen waren schwer und lahm. Ich verstand nur das geringste von dem was er sprach. Seine Laute wurden heiser und gepresst -- seine Brust hob sich -- die Adern an seinem bleichen Halse schienen zum Bersten gefüllt. Plötzlich wurde sein Gesicht grau wie die Wand, nur die aufgerissenen, gequollenen Augen flackerten und fesselten mich in ihren unerklärlichen Bann. Ein wahrhaft ungeheuerer, nicht mehr menschlicher Schmerz musste ihn durchwühlen.
Patera reckte sich empor, seine Hände griffen weit ins Leere. -- Da senkte sich ein Vorhang zwischen mich und den Herrn. Ich hörte noch ein unartikuliertes Röcheln und einen dumpfen Fall.
Als ich mich umwandte, musste ich mich gegen das Fenster stützen, denn ich fühlte, wie mich ein Starrkrampf packte. Von der Zunge ausgehend, ergriff er den ganzen Körper. -- Unten auf dem Platze wurden Menschen und Tiere einen Moment steif wie Holz. Nur einen Moment, dann ging alles wieder seinen Gang.
Wieder Herr meiner Bewegungen, stürzte ich fort in der tiefen Überzeugung, wahnsinnig zu sein.
VIII.
Zerrüttet, zu jeder Sammlung unfähig, kam ich zu Hause an. Lampenbogen war gerade da, schien aber im Begriffe zu gehen. Er hatte aus dem Kloster eine barmherzige Schwester mitgebracht. Als mich der Doktor sah, zog er mich sogleich in die Fensternische. Er sprach ernst auf mich ein, aber ich war nicht imstande, dem Sinn seiner Worte zu folgen. Mir tat seine schwerfällige Ruhe wohl. „Nur nicht die Hoffnung aufgeben“, verstand ich. „Es ist ein starker Nervenanfall, vielleicht die Krise. -- Es ist übrigens immer noch möglich, dass die Frau diese Attacke übersteht. -- Man darf die Hoffnung nie ganz aufgeben. Falls Unvermutetes eintreten sollte, so holen Sie mich natürlich heute nacht noch. Morgen komme ich auf jeden Fall.“
Er ging. -- Wie gesagt, was eigentlich geschehen war, warum er so sprach, wusste ich nicht.
Still, geschäftsmässig ging die Pflegerin mit Tüchern und Schüsseln aus und ein. Ich fühlte in mir nur ein halbes Leben, zu einer vernünftigen Handlung konnte ich mich nicht aufschwingen. Ratlos, mit dem Gefühl der Überflüssigkeit, stand ich herum. -- Meiner Frau konnte es wohl gar nicht so schlecht gehen; als ich mich einmal scheu auf den Fussspitzen dem Bette näherte, lag sie da und schlief; sie sah sogar voller und besser aus als in den letzten Wochen, Röte bedeckte ihr Gesicht. Dann sprach ich mit der Krankenschwester. Nun, einen Anfall, eine Art Gehirnkrampf, hatte die Kranke während meiner Abwesenheit gehabt. Die geistliche Frau war einsilbig, spät abends betete sie halblaut. Langsam kamen mir Ahnungen von dem furchtbaren Ernst der Situation. Mitten in die wirren Gedanken, die sich mit dem Herrn des Traumreichs befassten, blitzten Erinnerungen an die Schüttelfröste auf, die meine Frau bei unserer nächtlichen Stellwagenfahrt befallen hatten. Aber ich +konnte+ das Schlimmste nicht glauben, ich +wollte+ nichts glauben.
Diese Nacht nistete ich mich auf dem Divan im Wohnzimmer ein, das zugleich mein Arbeitsraum war. Von Schlafen keine Rede. Gegen Morgen erhob ich mich einmal und sah mir das Bild Pateras an. Die Kranke schien Ruhe zu haben, nur ein einziges Mal hörte ich während der Nacht ein paar Worte sprechen. Gegen neun Uhr morgens ging ich hinüber. Hier war alles schon geordnet und gelüftet. Meine Frau sah mich erstaunt an, das Erkennen machte ihr sichtlich Mühe. Trotz ihrem guten Aussehen war sie sehr schwach, kaum verstand ich ihre Worte. Die Schwester war zufrieden mit der Nacht, das Fieber hatte nachgelassen, tatsächlich wurde die Patientin jetzt frischer. Die Pflegerin verliess uns nun auf eine Weile, sie machte einige Besorgungen. Ich setzte mich auf den Bettrand und nahm die heissen Hände meiner Frau in die meinen. Voller Hoffnung, und um ihr die Anstrengung des Sprechens zu ersparen, erzählte ich ihr alles mögliche, von dem ich annahm, dass es sie erfreuen würde. Ich sprach von dem Tempel am See und seinen Wundern, von den Juwelen und Geschmeiden, die dort aufbewahrt lagen, denn ich wusste, schöner Schmuck war eine kleine Leidenschaft von ihr. Ich schilderte die spiegelnden Wasserstrassen und den tiefen, lauschigen Park, als wenn ich selbst tagelang dort herum gestreift wäre. Sie sah mich unverwandt, fast heiter an und strich mir sogar ein paarmal über den Kopf. Ich war glücklich, dass ihr meine Geschichten gefielen und fuhr eifrig fort. Ich sprach von den vergoldeten Schiffen und den schneeweissen Schwänen auf dem See, meine Bilder gewannen Farbe -- Farbe hier in dem fahlen, düstern Traumland. Glühend beschrieb ich die vielen Blumen, die buntgesprenkelten Orchideen, die schwarzroten Rosen, die Lilien an den zartgebogenen Stengeln. Ich glaubte fest an die Zauberkraft meiner Worte. Von blauen Wäldern von Vergissmeinnicht sprach ich, von den Millionen glitzernder Tautröpfchen, über denen die frühe Sonne aufging. Ich sprach von dem Gezwitscher der Vögel, von den freudigen Klängen silberner Posaunen. Dorthin in lichte Pracht wollten wir eilen, nötigenfalls entfliehen. Dort würde sie gesund werden. Während ich die verlockendsten Worte fand und in einem schönen Zukunftsleben schwelgte, war meine Frau -- eingeschlafen.
Mutlos, wie zerschmettert, sass ich da. Die trostlose Bangigkeit hatte mich wieder. Mit halbgeschlossenen Augen lag die Kranke, ihre tiefe Röte kam mir nicht mehr so natürlich vor. Ich zwängte die heraufkommenden Tränen zurück -- die Pflegerin kam herein.
Und dann kam auf einmal Herr von Brendel und erkundigte sich in teilnehmenden Worten nach dem Befinden meiner Gemahlin. Auch Blumen hatte er mitgebracht, blassgelbe Tulpen. Ich zog ihn ins Wohnzimmer; endlich ein gesunder Mensch! Ich klammerte mich förmlich an ihn.
Wie versprochen kam auch der Arzt. Er blieb lange. Bevor er ging, nahm er Brendel mit sich in die Küche; dort hatten die beiden eine kleine Unterredung, dann verabschiedete er sich rasch auch von mir und ging die Treppe hinab. Sein letztes Wort war: „Kopf hoch, und hoffen!“
Brendel machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen: „Wir können den ganzen Tag zusammen bleiben, hier stören Sie doch nur und haben kein richtiges Essen.“
Er vermied es absichtlich, von meiner kranken Frau zu sprechen. Wir gingen also ins Kaffeehaus auf ein Frühstück. Mir fehlte zwar jeglicher Appetit, aber irgendwohin musste ich gehen. Ich hatte Brendel wirklich gern, er war ein reizender, ungemein gefälliger Mensch, der nur eine einzige Schwäche hatte: Er gehörte zu den sentimentalen Don-Juans. -- Das ist noch lange nicht das Ärgste --. Weit entfernt, ein solcher Schürzenjäger wie de Nemi zu sein, dem es nur auf die mechanische, phantasielose Unzucht ankam, war Hektor von Brendel tatsächlich verliebt -- und zwar immer und immer wieder in eine andere. Wer aber glaubte, hier einen jugendlichen, unklaren Menschen vor sich zu haben, der vor lauter Zartheit für ein Weib unreif gewesen wäre, der hätte sich geirrt. Mit vollkommener Hingabe hastete er einem eingebildeten Ideal nach, das er leider nie verwirklicht fand -- das heisst: +Dauernd+ verwirklicht fand. Seine jeweilige Geliebte, der „Rohstoff“ wie er das nannte, musste erst umgebildet werden. Hier scheute er keine Mühe, kein Geld; nach einem eigenen, recht verwickelten Erfahrungssystem ging er vor, Schritt um Schritt, geduldig, planmässig. Nach Erledigung der Toilettefragen -- bis hierher ging es, dank den reichlichen Mitteln immer sehr gut --, kamen die vielen geistigen Kategorien an die Reihe: Benehmen, Lieblingsausdrücke etc. etc. Über diese Hemmnisse stolperten schon die meisten und sprangen aus. Brendel griff unermüdlich zu neuem „Rohstoff“. Den nachfolgenden höheren Stufen, („wahres Vertrauen“, „geschmackvoller Umgang“) sah sich fast nie eine Bewerberin um seine Gunst gewachsen. Er schwärmte mir oft halbe Nächte lang von einem neuen Idol vor. Gegen sich selbst war er streng, klagte sich an, verbesserte, änderte seine Methode, aber nie gelang es ihm, den Zustand zu erreichen den er „die Reife“ nannte. Der Fehler lag in einer falschen Psychologie, dann hatte er aber auch wirkliches Missgeschick. Eine betrog ihn, eine andere stellte sich als langweilig heraus. Er war ewig nur zur Kostprobe verurteilt.
Heute schwieg er rücksichtsvoll, obwohl es mir lieber gewesen wäre, er hätte gesprochen. Mir waren seine erzählten Abenteuer, die der Komik nicht entbehrten, oft sehr amüsant. Bei jedem „Ende“ gab es ein hübsch arrangiertes Abschiedsmahl, wobei das Bedauern schon wieder in neues Hoffen überging. Ritterlich und anständig trug er keiner einen „Fehler“ nach. Er verstand sich zu trösten, die Materie war ja unerschöpflich und zu interessant für ihn. -- --
Mich würgte gestaltlose Angst, sie stieg vom Magen herauf, schnürte das Herz und drückte die Eingeweide. -- Ich rauchte und trank. -- Aber es entlastete mich nichts. Der Eindruck, den diese lebende Bildsäule im Palast in mich gegraben hatte, und die Erkenntnis der Gefahr, in der meine Frau schwebte, verschmolzen miteinander. Ich war wie in einem Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte.
Der Müller von drüben trat herein und stürzte am Büfett stehend ein paar Gläser Rum hinunter -- ohne Gruss ging er wieder. Die beiden Schachkünstler sassen wie immer da gleich chinesischen, verschnörkelten Holzgötzen.
Brendel nahm mich mit sich in die „blaue Gans“, wo er zu speisen pflegte. Nach Tisch gingen wir in seine Wohnung; er servierte mir einen Kaffee und zeigte seine hübsche Sammlung von Aquarellen, Motiven aus dem Traumlande. Nachmittags gegen 5 Uhr hielt ich es bei ihm nicht mehr aus. Ich bat ihn um Entschuldigung für den schlimmen Tag, den ich ihm gebracht hatte, dankte und ging nach Hause; ich war schon allzulange fortgeblieben und begriff mich selbst nicht, dass ich so lieblos sein konnte.
Meine Angst wurde zur Folter, wie einen Motor trieb sie meinen Gang an; ich stürzte die Stiegen hinauf -- und dann wagte ich nicht einzutreten. -- -- -- Ich horchte an der Tür -- -- -- nichts! -- sie lag ja im zweiten Zimmer. Noch einmal schöpfte ich tief Atem -- dann machte ich auf ....
Das erste, was ich sah, war Lampenbogens Pelz, zitternd betrat ich die Krankenstube. Der Arzt dankte flüchtig für meinen Gruss -- er hatte seine Manschetten abgestreift. Im Bette lag meine Frau -- sie war alt und verfallen. -- Ein namenloser Schreck liess mich bei diesem Anblick zusammensinken, ich flehte den Arzt an:
„Helfen Sie! -- -- -- Helfen Sie!“
Der kolossale Mann klopfte mir auf die Schulter und sprach:
„Fassung, Sie sind jung!“ -- -- -- Ich wimmerte. -- -- -- Die Pflegerin wollte mir ein Glas Wasser reichen -- da fuhr ich auf wie von einer Peitsche getroffen und stiess sie weg.
Über das zerwühlte Lager gebeugt stierte ich fassungslos mein sterbendes Weib an; -- -- -- sie war ganz still bis auf ein schauerliches Zähneklappern, -- -- -- wie eine kleine Maschine -- ein unaufhörliches Geklapper -- trocken -- hart -- und klar. Ich fühlte den tiefsten Schmerz meines Lebens; vor Entsetzen begriff ich gar nichts. -- -- -- Ihre faltige Haut war grünlich, -- -- Schweiss brach aus allen Poren -- -- -- mit einem Tuche wollte ich ihn abwischen -- -- -- da hörte das Geklapper auf -- -- -- Mund und Augen öffneten sich weit -- -- -- das Gesicht wurde bleich wie Kreide -- -- -- sie war tot. -- --
Wie aus grosser Entfernung hörte ich die Nonne beten, den Doktor fortgehen. Ich kniete am Bettrande nieder und leise, leise sprach ich aufs zärtlichste mit der Toten. -- -- -- Mir erstanden noch einmal die Jahre, die wir zusammen gegangen waren. -- -- -- Nicht vom Traumlande sprach ich zu ihr, sondern von den Zeiten, da wir uns kennen gelernt hatten. Ich dankte ihr für alle Freuden. Ich hielt meinen Mund nahe an ihr Ohr, denn es brauchte mich niemand zu hören. Ganz leise, nur für sie bestimmt, flüsterte ich ihr zu, dass ich bei Patera für sie gebeten hätte, dass der Herr helfen würde. Kindliches Vertrauen war in mir. Während ich das letzte sprach, stiess ich gegen ihren Kopf; er fiel schwer zur Seite und kam in den gelben Schein der Lampe. Jetzt sah ich erst die Veränderung, etwas Fremdartiges mit blutleeren Lippen und spitzer Nase lag vor mir -- so kannte ich meine Frau nicht. Grosse, glanzlose Pupillen schauten durch mich hindurch -- es schüttelte mich krampfhaft -- unaufhörlich sinnlose Reden führend, lief ich fort -- fort in die fremden Strassen. Ich kümmerte mich um niemand und suchte die finstersten Schlupfwinkel auf. Doch nirgends hielt es mich lange. Die ganze Nacht lief ich herum, ein geschwätziges Gespenst, das die Furcht verloren hat. -- Alle Gebete, die mir von meiner Kindheit her einfielen, stammelte ich vor mich hin. Ich war einsam -- es gab nichts einsameres als mich.
Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Verborgenen. Ich hoffte, auch mich würde der Tod holen. Die folgende Nacht pfiff und krachte es um mich her, fortwährend glaubte ich, die Erscheinung Pateras zu sehen, ein graues, schleierhaftes Gebilde, das vor mir schwebte. Als der Morgen graute, kroch ich müde und mit hohlem Schädel die Stufen zu unserer Wohnung empor. Eine vage Hoffnung, dass vielleicht alles doch nur eine Einbildung sei, äffte mich.
Im Sterbezimmer herrschte Unordnung; fader, süsslicher Geruch traf mich. -- Das Bett war leer -- alles durcheinander gerückt. Auf dem Nachttisch umgeworfene Medizinflaschen und verstreute Zuckerstückchen. In allem lag Unbegreifliches, Trostloses. -- Ich ging wieder hinunter, -- da stand Lampenbogen bei seinem Wagen.
Er fasste mich am Arm -- ich fuhr zusammen: noch ein Unglück?
„Ein paar Worte; ich habe Sie gesucht. Sie dürfen sich nicht derartig gehen lassen. Ich werde Sie mit mir nehmen, in einer halben Stunde beerdigt man Ihre Frau. Sie brauchen jetzt ein Heim, eine Familie. Hoffentlich lehnen Sie nicht ab, wenn ich Sie einlade, vorläufig zu mir zu ziehen; auch meine Frau würde sich freuen. Man überlebt so etwas -- Sie werden ruhiger werden.“
Ohne ein Wort zu erwidern, stieg ich zu Lampenbogen in den Wagen; ganz schmal sass ich neben dem breiten, dicken Manne. Vom Kaffeehause sah man uns nach; Anton machte durchs Fenster eine Verbeugung, die Schachspieler waren vertieft.
Nach einigen Minuten kamen wir auf den Friedhof. Schon von weitem bemerkte ich in der kleinen Halle des Leichenhauses eine Gruppe von Menschen -- nach und nach unterschied ich bekannte Gesichter: Hektor von Brendel, den Kaffeewirt, einen Geistlichen, ein paar Unbekannte. Alle standen, nur +etwas+ lag. Ein einfacher Sarg mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Es fing an zu regnen, die Nässe drang durch die Kleider, -- was meine trockene, gespannte Haut fast als Wohltat empfand.
Der Priester murmelte Gebete -- man trug den Sarg zur Grube. Ich schritt als erster dahinter. „Da drinnen liegt meine Frau“, dachte ich. Ich stellte sie mir vor, als lebte sie noch. „Sie weiss sicher alles, was hier vor sich geht, dass ich hier hinten gehe und alles geschehen lasse.“ Mitunter trat ich wankend in den nassen, braunen Rasen. Jetzt bemühte ich mich, nur an meine Haltung zu denken. „Nichts soll man mir anmerken, allen Schmerz später, wenn ich allein bin.“ Ich las fortwährend ein grosses, gedrucktes Wort in meinem Kopf: „Mut, Mut, Mut, Mut!“ ... Eine unendliche Zeile war es. Dabei biss ich mir in die inneren Wangen. Mit etwas Neugierde schaute ich trotzdem, wo das Grab geschaufelt war. Da, mitten unter vielen, vielen andern Gräbern .... Jetzt war man da, das schwarze Tuch wurde vom Sarge entfernt. Ich befand mich in einer Art Halbtraum. Geschickt senkten die Männer den Sarg in die Erde. Einmal blickte ich ganz kurz hinunter, unnatürlich scharf prägte sich mir das Bild ein. „Das ist der letzte Blick, der Abschiedsgruss für deinen Lebenskameraden.“
Ich entfernte mich mit schwankenden Schritten, Lampenbogen hielt mich am Arm -- alle Leute grüssten --.
In diesem Augenblick kam jemand eilends vom Friedhofstor gelaufen und putzte dabei mit dem Ärmel seinen Zylinder. Es war der Friseur. -- Er nahm meine Hand und sagte feierlich: „Im Tode wird das Subjekt zur Diagonale zwischen dem Raum und der Zeit, möge Sie das trösten!“
An der Mauer links sah ich die grosse Gruft der Familie Alfred Blumenstich. Auf einem weissen Marmorwürfel eine eiserne Sphinx mit Ritterhelm und geschlossenem Visir. Ich war froh, dass alles vorbei und so glimpflich abgegangen war.
Dann stieg ich wieder zu Lampenbogen, wir fuhren nach seiner Villa.
IX.
Es war gewiss recht freundlich von Lampenbogens, einen so Verlassenen wie mich bei sich aufzunehmen. Ich wäre allerdings auch mit jedem anderen gefahren, mir war es zu gleichgültig, wohin es fortan ging.
Lampenbogens lassen sich „nichts abgehen“; „denen ist’s egal, dass meine Frau tot ist“, dachte ich, als mir das Mädchen die Tür zum Esszimmer öffnete. Es war sechs Uhr abends. Die Frau Doktor hatte mich schon begrüsst, als wir ankamen, sie sagte, dass sie hoffe, ich würde mich in ihrem Hause recht wohl fühlen, und das „schreckliche Ereignis“ bald vergessen. „Jawohl, das schreckliche Ereignis“, antwortete ich mechanisch. „Im Leben gibt es viele Trauer“, bemerkte Lampenbogen und legte eine Schachtel Zigarren auf den Tisch in meinem Zimmer. Nachdem ich mich genugsam gewundert, dass ich hinfort in einer anderen Stube wohnen sollte, machte ich mich ein wenig schön und ging hinunter. -- Draussen war es kalt und unfreundlich gewesen, hier war es warm, geräumig und luxuriös. Die Hausfrau schien besorgt um mich, was mir wohl tat. Der Eindruck von neulich musste eine Sinnestäuschung gewesen sein, ich sah ihr heute ganz ruhig in die Augen; sie waren mandelförmig, graugrün; nachdenklich suchten sie in einem fort etwas.
„Also von dieser Frau spricht man so viel,“ dachte ich bei mir, „das ist ja alles lächerlich.“
Wir setzten uns zu Tisch, Lampenbogen nahm mit seinem Elefantenleib eine ganze Breitseite ein. Er war Gourmand. Während er ass, wurde sein Gesicht zum Blasebalg, man sah und hörte, dass es ihm schmeckte. Mir stand der Sinn nicht nach Essen, trotzdem ich nichts im Magen hatte. Lampenbogen aber wurde vor dem Tischtuch ein ganz anderer Mensch, ein „Priesterfeldherr“, wenn man so sagen darf. Andächtig und zugleich scharf überblickte er die Schüsseln, und wenn man sie ihm nicht gleich reichte, schnalzte er mit den Fingern, ganz kurz. Bereits abgetragene Speisen verlangte er kategorisch aus der Küche zurück. „Wie oft habe ich es ihr schon gesagt, dieser Bestie“, knirschte er und wurde rot. In diesem Moment glich er dem japanischen Glücksgott Fukuroku. Den Salat bereitete er selbst an einem kleinen Nebentisch. Geschickt hantierte er mit zwei Gabeln, mir fiel auf, wie sicher seine kleinen, fetten Hände sich bewegten. Ich dachte: der muss gut zu operieren verstehen. Schliesslich schien er trotzdem mit seinem Werk nicht zufrieden. „Man bekommt hier rein gar nichts mehr“, grollte er, und überblickte missbilligend eine ganze Batterie farbiger Fläschchen und Dosen. „Lampenbogen im Querschnitt“, ein Stoff für Castringius.
„Aber Sie essen ja gar nichts!“ rief er beim Käse. Seine Frau wies ihn zurecht! „Odoaker, du weisst doch!“ Übrigens bemerkte ich, dass er gleich mir eine feine Nase hatte. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen uns.
Nach Tisch bekam ich meine Zigaretten; bedauernd, seufzend erhob sich der Fettberg:
„Leider, leider muss ich heute in den Klub und wir könnten so schön noch beisammen sitzen.“ Auch ich bedauerte. „Wo ist der Klub?“ frug ich. Er wollte mich natürlich sofort einführen, in den hinteren Räumen der „blauen Gans“ befand sich eine Kegelbahn. Ich dankte. Für heute wäre es mir ein bisschen zu viel.
„Nun also, in Gottes Namen denn“, sagte er und schüttelte mir die Hand.
Seine Frau erhielt einen Klaps auf die Wange. Im Kontrast zu seiner Schwere hatten seine Bewegungen eine gewisse federnde Grazie.
Wir blieben allein. -- -- --
„Ihr Gatte hat eine massive Gesundheit“, bemerkte ich, um etwas zu sagen.
„Ach ja“, gab sie zurück.
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Die Stimmung wurde ein wenig drückend; ich hatte Angst vor der Nacht und wollte meine Anwesenheit hier möglichst lange hinausziehen. Jetzt erst betrachtete ich die schöne Frau näher. Sie trug ein blau- und weissgestreiftes, bauschiges Kleid und das üppige Haar in einem Netz nach der damaligen Mode im Traumreich. Ihr Gesicht erschien mir auffallend klein, die Stirne schmal, die Augenbrauen stark geschwungen und zwar aussen höher. Die Nase war ziemlich kurz, eine Stumpfnase, der Mund sehr voll und breit, leichte Negerlippen. Das schönste waren ein Teint wie Alabaster und das Haar. Für ein Weib war sie gross.
Ich wunderte mich, wie scharf ich in meiner Lage noch beobachten konnte. -- Melitta kramte in einem Körbchen nach einer Arbeit, dann setzte sie sich an den Kamin, in welchem lange Buchenscheiter prasselten. Das reiche, braungetäfelte Esszimmer war leicht überhitzt, draussen knirschten die Bäume im Sturm, ab und zu schlug ein Regenschauer gegen die Fenster.
Ich erwartete, dass die Dame etwas sprechen würde, ich war heute ein schlechter Gesellschafter. -- Aber sie schwieg. -- Ich musste also ins Treffen. -- „Gnädige Frau, Sie haben sehr schönes Haar“, sagte ich aufs Geratewohl.
„Es ist nicht soweit her damit, früher hatte ich mehr. -- Offen ist es hübscher!“
Da durchfuhr mich auf einmal ein jäher Schreck. Ich fühlte, wie ich blass wurde.
Was sich jetzt ereignete, wird mir niemals vollständig erklärbar werden. -- Ich hatte in den letzten Tagen die furchtbarsten Erschütterungen durchgemacht, die ein Mensch zu ertragen imstande ist. Ich war gebrochen -- lag am Boden -- ohnmächtig und verzweifelt.
Beherrscht unsere Natur etwa eine Art von Pendelgesetz? Was war es sonst, dass in mir gerade jetzt leise, aber plötzlich ein ganz kleiner Gedanke auftauchte, kalt und lauernd?
Fast im gleichen Moment spürte ich, wie sich dumpfe, unermessliche Kräfte in mir regten. Das ging alles irgendwo im Tiefen vor sich, an der Oberfläche meines Bewusstseins war ich empört über mich selbst. Aber blitzartig wandelte sich jetzt alles, alles in einen gesammelten starren, einheitlichen Willen: so wurde es irgendwo bestimmt; ich war besonnen, berechnend wie eine Schlange. -- Von aussen gesehen war ich ein Mann, welcher rauchte.
Melitta legte ihr Nähzeug hin und sagte ruhig: „Als Maler müssen Sie natürlich einiges von Schönheit verstehen.“
Ich war vollständig Herr über ein kristallklares Gedankengefüge.
Jetzt +wollte+ ich handeln -- -- doch erst sondieren.
„Ihr geöffnetes Haar muss wirklich ein wunderbarer Anblick sein“, sagte ich und verbarg mich hinter Rauch.
„Sie wären enttäuscht, fürchte ich!“ dabei beugte sie sich wieder rasch über die Arbeit und lachte ein wenig.
„Ach so ...“ dachte ich; nein, auf ein kitzelndes Spiel kam es mir wirklich nicht an, das war nie meine Sache gewesen. Gleichgültig stand ich auf und bemerkte mit kühler Galanterie:
„Schade, dass Ihr Mann nicht Künstler ist.“ -- -- (Das war eine Diversion, der Gegner sollte weiter vordringen, sich zu erkennen geben), und richtig: „Grosser Gott, der merkt das alles gar nicht!“ Es kam mit einem leicht verächtlichen Achselzucken heraus; ich hatte es nicht anders erwartet. Jetzt war sie mein. Trotzdem war noch nichts geschehen, die Situation durchaus unverfänglich.
Das Stubenmädchen trat herein: „Haben die Herrschaften noch Wünsche?“
„Nein, Sie können gehen!“
„Was würden Sie sagen, wenn ich so frech wäre und Sie bäte, Ihr Haar zu öffnen?“
(Ich brauchte diese Frage, bevor ich die Schlinge zuzog, denn ein Refüs wäre zu lächerlich.)
„Heute, am Begräbnistage Ihrer Frau?!“
(Ein Scheinhieb.)
„Ausser dem Tode gibt es auch noch das Leben“, schauspielerte ich weiter. Trotzdem empfand ich eine leichte Kontrawelle, aber was vermochte sie gegen die Gewalt, die bereits über mich entschieden hatte.
„Also, wenn Sie wollen, wenn ich Sie damit trösten kann?“
(Aha, der versteckte Stachel gegen den Witwer, ihre letzte Parade.)
„Wie dumm ist dieses Weib .... eine wie die andere ....“ Irgendwoher stieg dieser Gedanke in mir auf. Melitta erhob sich und nestelte an ihrer Frisur.
„Wird das Mädchen nicht kommen?“ sprach ich sehr ruhig und ganz leise.
(Das war ein Riegel und zugleich Vorsorge, dass das Geplänkel nicht noch weiss Gott wie lange dauerte. Ausserdem fühlte ich die Ordnung in meinem Kopfe schwinden.) Leise kam es aus ihrem Munde:
„Wir sind sicher.“ (Was kann man mehr verlangen?) Zwei prachtvolle, rotbraune Flechten fielen ihr den Rücken hinab. Sie trat hinter den hohen Schutzschirm am Kamin und löste ihr Haar völlig.
Ich war überrascht, trotzdem übertrieb ich. Detaillierte Sachkenntnis gab ich zum besten, tropfenweise goss ich leidenschaftliche Ausdrücke dazu. Mir war es ja gar nicht so um das Haar zu tun.
Eine Beklemmung presste mir den Schlund zusammen. Ich sah es kommen, wenn ich noch viel redete, würden meine Worte idiotisch.
„Ihr Haar ist einzig, darf der Künstler nicht mehr sehen? Bitte, bitte“, schmeichelte ich und bemerkte, wie sehr Melitta verwirrt wurde.
„Sie verlangen weiss Gott viel“, meinte sie, auf kokette Weise indigniert. -- Ihre Röte zeigte mir, dass ihr Widerstand schmolz. Mit zitternden Fingern durfte ich die Zofe ersetzen ....
Im Boudoir nebenan verbreiteten zwei kleine Wandleuchter gedämpftes Licht. Ich wollte sie ihrer Dumpfheit entreissen, zugleich freute ich mich über diese Dumpfheit. Ich spürte den berauschenden, im Traumland nur zu bekannten Duft -- -- meine Frau hatte für mich nie gelebt. -- -- -- -- -- -- --
Auf der Strasse war es ruhig, der nächtliche Sturm hatte sich gelegt; es war noch sehr nass und kalt. Ein Säbel rasselte, zwei Passanten kamen.
„Das Trinkgeld des Teufels“, hörte ich Castringius wohlbekanntes Meckern. Ich lief und lief, um möglichst weit von der Villa fortzukommen. Niemand, nichts konnte mich dahin zurückbringen.
Im Kaffeehaus trank ich einen starken Punsch, und sagte wie im Galgenhumor: „Endlich allein!“ Nach dem dritten Glase machte ich eine Bilanz über das, was ich im Leben erstrebte und erreicht hatte: Ein Blick ins Nichts. Ähnlich wie Brendel mit seinen Liebschaften ging es mir mit allem. Ich verfolgte Vorspiegelungen eines Glückes, das mich narrte. Ich wollte von dieser Affenkomödie nichts mehr wissen. Beim vierten Glase watete ich tief im Sumpfe der Selbstmordideen. Lieber gar nicht existieren, als ein Narr unter Narren sein.
Dabei folterte mich Reue über das zuletzt Geschehene. Ich leistete der Toten Abbitte. Seit einigen Stunden deckte sie die nasse Erde, eingeengt und verlassen in ihrem hölzernen Gefängnis, während ich die Last des lebendigen Fleisches schleppen musste. Selbst in dieser Stunde neckten mich zwischendurch laszive Gedanken, welche gleich Blasen in mir aufstiegen und zerplatzten.
Beim fünften Glase der Entschluss: „Hier mich vollsaufen, dann ins Wasser.“ Von dem vielen Tabakrauchen brannte mir die Zunge und brummte mein Schädel.
An dem Nebentische sprach man von der Mühle. Jakob, der abgängige Müller, war Ende voriger Woche noch gesehen worden, er hatte sich von der Fähre weiter unten übersetzen lassen; eine Strasse führt daselbst durch einen endlosen Urwald, ein noch unerforschtes, wildes Gebiet des Traumlandes. Nachts drangen wahre Höllensymphonien bis über den Fluss herüber. „Vielleicht hat sich der Müller verlaufen und ist irgendeiner Bestie zum Opfer gefallen“, das war die Durchschnittsansicht hier. Trotzdem zog man über den andern Bruder her und hängte ihm den schwersten Verdacht auf.
Ich trank einen schwarzen Kaffee und konstatierte, dass ich weder zum Selbstmord, noch zum Leben fähig war. „Ich werde ein vegetatives Halbleben zwischen den beiden Möglichkeiten führen und den Todesstoss wie ein Schlachtochse erwarten, lange kann er ja nicht ausbleiben.“ -- Ein Blick in den Spiegel zeigte mir ein krankes, aufgeschwollenes Gesicht.
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Es war drei Uhr morgens, da ass ich drei Portionen Schinken und extra noch einen Rosinenkuchen; ein Wolfshunger hatte mich gepackt. Als späte Gäste erschienen Castringius und de Nemi. Der Zeichner sah mich sofort, ich ergriff aber schnell „die Stimme“, und vertiefte mich darin. Beide verstanden, was ich damit sagen wollte. Gesperrt gedruckt stach mir mein Name in die Augen, ein kurzer Nachruf für meine Frau. Über die Zeitung hinweg musste ich immer auf Castringius’ Hände sehen, jetzt hing eine, die rechte, über die Stuhllehne, ein schauderhaftes Werkzeug; das musste eine Rückbildung sein, vielleicht eine Zwischenform. Aber Castringius gab zu verstehen, dass er zum Menschengeschlechte gezählt werden wolle. Schiffsschrauben nannte ich die kurzen, fleischigen Finger mit den breiten, hornigen Nägeln; sie waren gelb und rissig. Weil ich wusste, dass mich mein Kollege im Grunde nicht mochte, war ich ungemein höflich zu ihm.
Der Wirt kam an meinen Tisch; verschlafen frug er mich, ob ich meine Wohnung auch fortan beibehalten würde. „Um des Himmels willen, nein!“ Ich erklärte ihm, dass ich augenblicklich obdachlos sei, ob er etwas wisse? -- „Gewiss, bei mir.“ Er hatte ein Zimmerchen, lang und schmal wie ein Gang. Hier schlief ich den Rest dieser Nacht, und hier blieb ich. Durch einen Vorhang abgetrennt stand in einem dunkeln Alkoven das Bett. -- Der Raum kam mir so altbekannt vor, als hätte ich nie in einem andern gewohnt, er heimelte mich an mit seinen etwas schadhaften vergilbten Ledertapeten, dem altertümlichen Uhrkasten und dem bauchigen Kachelofen.
Todmüde schlief ich ein und wurde erst am übernächsten Tage geweckt, als man mein Zeichenpult herüberschaffte. -- -- --
Es überfiel mich ein Arbeitsdelirium; im nächsten halben Jahre produzierte ich unter dem Drucke des Schmerzes meine besten Sachen. Ich betäubte mich im Schaffen. Meine Blätter, in der düstern und fahlen Stimmung des Traumreiches gehalten, sprachen auf verborgene Weise mein Weh aus. Fleissig studierte ich die Poesie der dumpfigen Höfe, der verborgenen Dachkammern, der schattigen Hinterzimmer, staubigen Wendeltreppen, verwilderten, nesselbestandenen Gärten, die blassen Farben der Ziegel- und Holzpflaster, die schwarzen Schlote und die Gesellschaft der bizarren Kamine. Immer wieder auf neue Art variierte ich den einen melancholischen Grundton, das Elend der Verlassenheit und den Kampf mit dem Unverständlichen. Ausser diesen vielen Blättern, die ich unter die Leute und zum Traumspiegel brachte, machte ich aber auch anderes. Ein paar kleine Serien Arbeiten entstanden, nur für wenige bestimmt. Hier versuchte ich unmittelbar neue Formgebilde nach geheimen mir bewusst gewordenen Rhythmen zu schaffen; sie ringelten, knäuelten sich, und platzten gegeneinander. Ich ging noch weiter. Ich verzichtete auf alles bis auf den Strich und entwickelte in diesen Monaten ein seltsames Liniensystem. Ein fragmentarischer Stil, mehr geschrieben wie gezeichnet, drückte es wie ein empfindliches meteorologisches Instrument die geringsten Schwankungen meiner Lebensstimmung aus. -- „Psychographik“ nannte ich dieses Verfahren und wollte später Erläuterungen dazu verfassen. Im Bezirke neuen Schaffens fand ich die Entlastung, die mir so not tat. Doch weit entfernt mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein, führte ich im Grund ein Zwitterleben.
Für das Ende meiner Frau habe ich, viele Nächte nachdenkend, nach Erklärungen gesucht. -- Mich traf auch etwas die Schuld; sie war eine reale, gesunde Natur, welche in dem Boden dieses gespenstischen Reichs niemals Wurzel fassen konnte. Das hätte ich mir beizeiten sagen und lieber auf das ganze Abenteuer verzichten sollen.
Als ich wieder unter Menschen zu gehen anfing, erfuhr ich von allerhand Veränderungen. Im Traumreich ging es womöglich noch ärger drunter und drüber.
Eines Tages trug man Frau Goldschläger, die uns seinerzeit bedient hatte, tot aus dem Hause, die dritte Leiche in einem halben Jahr. -- Den armen neun Kindern ging es nun schlecht.
Hektor von Brendel sollte ein Verhältnis mit der Lampenbogen eingegangen sein; ob die wohl zur „Reife“ gelangen würde? De Nemi ging zu Lampenbogen, weniger der Melitta als eines schlimmen Leidens wegen, einer Folge seiner galanten Anlage. Von Giovanni Battista hörte ich nur Erfreuliches; er war ein Meister seines Faches und der Friseur kaufte ihm eine Altersrente.
Ein starker Zuwachs machte sich nicht bemerklich, die paar Neuangekommenen fanden wenig Beachtung. Sie erzählten wohl viel von der Welt da draussen mit ihren Fortschritten und grossartigen Erfindungen. Das interessierte jedoch die Träumer nicht im mindesten, man sagte so obenhin: „Ja, ja, ist schon recht!“ und ging zu etwas anderm über. Uns erschien das Traumreich unermesslich und grandios, die übrige Welt kam gar nicht in Betracht, man vergass sie. Kein Mensch, der sich hier eingelebt, wollte wieder hinaus, „da draussen“, das war Schwindel, das gab’s gar nicht.
Eines späten Abends ging ich zum Flusse hinunter. Ich hatte vor, einige Nachtschnüre, zum Fang für Aalrutten bestimmt, auszulegen; Fischerei war eine Jugendleidenschaft von mir.
Um die Mühle knisterte und webte noch immer die sonderbare gasartige Substanz. Grünliche phosphoreszierende Streifen sah ich über die Wände huschen. Deutlich fühlbare, unangenehme Störungen beunruhigten mich in ihrer Nähe. Unter der Tür, an der ein Eulenkopf, eine lebendig gekreuzigte Fledermaus und ein Rehlauf als glückbringende Zeichen befestigt waren, unter dieser Tür stand der Müller. Die Glut seiner Pfeife leuchtete. Vor diesem verschlossenen Menschen hatte mich schon immer geschaudert, aber heute ging ich absichtlich kühn an ihm vorbei. Die Plätze für die Angeln hatte ich mir schon ausgedacht, gleich hinter dem grossen Rechen. Als ich eben auslegen wollte, hörte ich leise und deutlich eine Stimme aus nächster Nähe: „Pst, pst, Obacht! bitte mehr links zu gehen!“ Es war niemand zu sehen. Da gewahrte ich mit Schrecken ein dickes, rundes Gesicht in dem Sande zu meinen Füssen. Ich fürchtete schon wieder einen Teufelsspuk, aber es erklärte sich bald auf natürliche Weise: Ein Kriminal hatte sich hier eingegraben und belauschte den Müller. -- Ich war erleichtert.
Nachdem ich meine Arbeit verrichtet hatte, ging ich wieder heim. An der Brücke blieb ich stehen, -- ein eintöniges, gezogenes Singen hallte herüber. -- In dieser Richtung lag die Vorstadt mit ihren niedrigen Häuschen. Dorthin war ich noch nie gekommen, ich hatte gerade genug Traumlandunterhaltung gefunden. Der Gesang griff mir eigenartig ans Herz, feierlich monoton klang es, ich lauschte stumm; eine merkwürdige Ruhe lag über dem Wasser. „Ich will doch demnächst hingehen“, nahm ich mir vor, und wieder wie so oft, dachte ich an Pateras grosse Geheimnisse, und was ich darüber wusste. Von solchen Dingen wird im nächsten Kapitel die Rede sein.
Dann ging ich auf ein Viertelstündchen ins Kaffeehaus. Anton war nicht zu zitieren. Eifrig sprach er zu einem Tisch voll Gäste und schwang in der Hand den Fremdenanzeiger der letzten Nummer der „Stimme“.
„Nun haben wir ihn, gestern ist er angekommen“, schallte es bis zu mir.
Endlich bemühte er sich auch dienstbeflissen um mich.
„Heute ist der +Amerikaner+ angekommen“, berichtete er wichtig.
„Wer?“
„Nun der Amerikaner, ein Mann mit vielem Gold.“