Chapter 10 of 12 · 18979 words · ~95 min read

DRITTES KAPITEL

DIE HÖLLE

I.

Es ist ein trüber Vormittag. Der Amerikaner Herkules Bell liegt noch zu Bett, die Arme verschränkt, halbsitzend, mit der Miene des tiefsten Nachdenkens. „Ich werde siegen!“ murmelt er, und ein stolzer Schein verklärt sein wenig schönes, allzu energisches Gesicht. „+Ich werde siegen+“, wiederholt er laut und erhebt sich.

„Ich bin gesund!“ denkt er triumphierend und tritt nackt vor den grossen Stehspiegel. Mit herausforderndem Blick mustert er seinen Körper und lässt durch ein paar gymnastische Übungen die Muskeln spielen: „Das ist alles unbeugsam!“ -- er klatscht sich auf die behaarte Brust. Wie ein Ringkämpfer kommt er sich vor und ruft in einer frohen Aufwallung: „Erster Preis für Herkules Bell!“

Er denkt an die Traummenschen und speit unwillkürlich in die Ecke. Rasch genug wird er mit dieser kraftlosen Herde fertig werden!

Da runzelt er plötzlich die Stirn. Die Vorstadt kommt ihm in den Sinn. Nur ein einziges Mal ist er drüben gewesen und hat sich ihre Bewohner angesehen. „Humbug“, darin fasste er sein Urteil über den alten Stamm zusammen und ging nie mehr in das Dorf, das ihm „unsympathisch“ war.

Nachdem er sich von der abweisenden Kälte der blauäugigen Asiaten überzeugt hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Vorstadt ein unfruchtbarer Boden für den Parteikampf sei. Trotzdem fürchtete er aus einem dunklen Gefühl heraus immer noch einen Streich dieser seltsamen Greise. Sie wurden von der beginnenden Umwälzung gar nicht berührt und lebten tatenlos in den Tag hinein. Zum Teufel noch einmal, da waren ihm die verkommensten Traumstädter noch lieber! -- --

Er kleidet sich an und rasiert sich sorgfältig, hernach massiert er kunstgerecht sein Gesicht, wobei die gesunkene Stimmung wieder besser wird. Sein Hauptschlag soll erst noch kommen, diesen Triumph ahnt noch niemand. Er denkt an die Nacht, in der er sich von seinem ergebenen Lieblingsdiener trennte. Unter Lebensgefahr hat sich dieser Mann, welcher schon seit zwanzig Jahren die Stellung eines Leibjägers bei Herkules Bell bekleidete, aus dem Traumreich entfernt, um dem Auslande Nachricht über den neuen Staat zu bringen. Connor befand sich also ausserhalb der Grenzmauern. Dieses praktisch-technische Genie hatte mit raschem Blick erkannt, dass der +Fluss+ die einzige Möglichkeit zur Flucht bot. Da, wo er unter dem Bollwerk der Mauer verschwand, tauchte Connor unter und stiess auf ein Eisengitter. Unter dem Schutze der nächtlichen Dunkelheit gelang es ihm, einen Stab zu durchfeilen, wodurch eine Öffnung entstand, durch die er seinen schmalen und gewandten Körper zwängen konnte. Das tat er eines Nachts -- und eine von draussen weit über die Mauer emporsteigende Rakete zeigte dem Amerikaner an, dass dem kühnen Mann das Wagestück gelungen war. In einem Gummibeutel trug er den wichtigen Brief auf der Brust; für seinen gestählten Organismus war von dem nächtlichen Bad nicht viel zu fürchten. -- Jetzt konnte es an nichts mehr fehlen! -- In Abenteuern aller Art hatte Connor seine Klugheit und Ausdauer bewiesen.

Nach längstens vier bis sechs Wochen musste Hilfe eintreffen.

„In zwei Monaten bin +ich+ Herrscher des Traumreichs!“ sagt Bell und füllt seine Etuis mit Zigarren. „Bald wird mir Patera zu Füssen liegen!“ Ein böses Leuchten tritt in seine Augen. Warum muss er dem Meister, den er so hasst, im geheimen doch glühende Bewunderung zollen? In dieser Frage liegt die ganze Tragik dieses Mannes.

Als er nach langem Bitten hier einziehen durfte und die Wirkung der unermesslichen Kräfte Pateras mit eigenen Augen gesehen hatte, hielt er in seinem praktischen Sinn die Art ihrer Verwendung für lächerliche Spielerei. Mit seinem unternehmenden Geist hätte er ganz andere Dinge verwirklicht. An eine Art Kompagniegeschäft mit dem „Herrn“ hatte er zuerst gedacht, und hätte rückhaltlos seine Millionen in diese Idee gesteckt. Die +Welt+ könnte man erobern! -- wahrhaftig etwas mehr als diese Tollhausniederlassung.

Diesem machtvollen Mann, dem sie in Amerika und Europa um seines Goldes willen die Fusssohlen leckten, musste es hier passieren, dass er vom Herrn wie ein lästiger Bittsteller behandelt wurde. Seine Besuche waren mit Spott abgewiesen worden. Nicht ein einziges Mal hatte er bis zur höchsten Person vordringen können, um seine wertvollen Vorschläge zu unterbreiten. Die unerwartetsten Zufälle hatten sich immer dazwischen geschoben. Da entwickelte sich im Herzen dieses Menschen ein furchtbarer Hass gegen Patera. Jetzt wollte er seine Macht fühlen lassen, er brauchte keine Almosen! Anerkennung wollte er sich erzwingen! Und er warf sich auf die Politik -- mit welch günstigen Erfolgen, weiss man. Ganze Nächte wälzte er sich im Bett und zergrübelte sein Hirn nach einer Rache an dem Unsichtbaren. Seinem Gelde, seiner unausgesetzten Tätigkeit war es zuzuschreiben, dass er heute im Traumstaate einen so gefürchteten Namen hatte. Das Ziel, die Demütigung Pateras, schien nun nahe. „Aber nun gilt’s handeln, nicht denken.“ -- Er nimmt seine Uhr -- -- -- sie steht! -- -- -- „Sonderbar, wie lange habe ich denn geschlafen?“ -- -- -- Er klingelt dem Diener. -- Es kommt niemand. -- Jetzt öffnet er die Tür zum Vorzimmer. Da liegt der Diener John und schläft mit offenem Munde. Bell tritt an ihn heran und rüttelt den Schlafenden, -- umsonst. -- -- Endlich macht John langsam die Augen auf und blickt seinen Herrn blöde an. Gleich darauf schläft er wieder ein und ist nicht mehr zu erwecken.

Wütend, doch erfolglos, drückt der Amerikaner auf alle Schellenknöpfe und begibt sich ins Restaurant hinunter. Das erste, was er hier bemerkt, ist der schnarchende Hotelier hinter dem Schanktisch. Einige Gäste sitzen, ihr Haupt auf dem Tisch, die Serviette als Unterlage benutzend und schlafen. Vor ihnen stehen halbgefüllte Gläser und Teller mit Speiseresten. An den Kleiderständer gelehnt, steht der Piccolo und hält schlafend den Traumspiegel zwischen die Beine geklemmt. Bell gibt ihm einen Stoss -- der Kleine sinkt zusammen, ohne den friedevollen Ausdruck seines Gesichtes zu verändern.

Der Amerikaner jagt wieder hinauf und wäre dabei fast über die vermummte Waschfrau gestolpert. Ein furchtbarer Gedanke steigt in ihm auf. Weit beugt er sich aus dem Fenster. An der gegenüberliegenden Strassenecke flattert etwas Rotes -- Papierfetzen -- eine schlecht angeklebte Proklamation. In einem schmutzigen Strassenwinkel sieht er zwei Männer auf dem Boden liegen, aus der Tiefe eines Hausflurs ragen Rock und Beine einer Frauensperson. Sonst ist es öde und menschenleer, nur in der Ferne schleichen zwei Tiere mit spitzen Schnauzen. Es sind Füchse. Bell tritt vom Fenster und sinkt in einen Armstuhl. Sein Blut tritt zurück, er erbleicht, und ein Ausdruck unsäglicher Verachtung kommt in sein Gesicht. Er lässt das Haupt sinken, drei senkrechte, scharfe Falten werden auf seiner Stirne sichtbar, seine Nasenflügel beben und in schlaffer Haltung sagt er mit leidender Stimme: „Ich bin ein Pfuscher! -- -- Verspielt!“ -- Seine Augen sind im Begriff, sich zu schliessen -- -- -- -- Es kommt doch nicht so weit -- -- -- zitternd kämpft sein Körper gegen die Müdigkeit an. -- -- -- Er schleppt sich zur Badewanne und steckt den Kopf in das kalte Wasser -- das erfrischt! -- nimmt einen Schluck Branntwein -- -- mit dem Rest in der Flasche reibt er sich den Schädel ein -- -- -- die Schwäche ist überwunden. Dann stopft er seine Pfeife, setzt den Hut auf und geht fort.

Herkules Bell ergibt sich nicht.

II.

Eine unwiderstehliche Schlafsucht senkte sich auf Perle. Im Archiv brach sie aus und verbreitete sich von da über Stadt und Land. Kein Mensch konnte der Epidemie widerstehen. Wer sich eben noch seiner Frische rühmte, hatte, ehe er sich’s versah, den Keim der Krankheit schon irgendwo aufgefasst.

Sehr bald wurde ihr ansteckender Charakter erkannt, doch fand kein Arzt ein Heilmittel. Die Proklamationen verfehlten ihren Zweck, denn noch während des Lesens gähnten die Leute. Jeder, der konnte, blieb zu Hause, um nicht auf der Strasse von dem Übel befallen zu werden. Hatte man sein geschütztes Plätzchen, dann ergab man sich getrost in das neue Geschick. Weh tat es ja nicht. Ein starkes Mattigkeitsgefühl war meist das erste Anzeichen, dann überfiel den Patienten ein Gähnkrampf, er glaubte Sand in den Augen zu haben, die Augendeckel wurden schwer, alles Denken verschwamm, und müde liess er sich nieder, wo er gerade stand. Der Kranke konnte wohl mittels scharfer Dünste, Salmiak etc. dann und wann aus dem Schlaf gerissen werden, lallte aber nur ein paar unverständliche Worte und war wieder weg. Bei starken Personen liess sich der Zustand durch Frottagen um einige Stunden hinausschieben, dann war es aber das gleiche. Viele Fälle verliefen rapid. Da ereiferte sich ein Redner eben noch über die politischen Ereignisse, als er sich plötzlich über den Tisch beugte, den Kopf sinken liess, und regelmässig zu schnarchen anhub.

Anton im Kaffeehaus dagegen konnte kaum mehr die Augen aufhalten und bediente noch immer. Aber wie musste man ihn aufmuntern! Du lieber Gott! Mit Zuckerstückchen und Kaffeelöffeln wurde er bombardiert -- er war von einer beispiellosen Vergesslichkeit, und wenn er endlich träge das Verlangte brachte, war der ungeduldige Gast oft selbst eingeschlafen. Man musste scharf achthaben, dass die brennenden Zigarren der Schlafsüchtigen ausgelöscht wurden.

Auf dem Exerzierplatz übte die Soldateska fleissig, um bei einem drohenden Aufstande ihren Mann stellen zu können. Aber die Unteroffiziere konnten brüllen, soviel sie wollten, ein Mann nach dem andern legte sich auf den Boden. -- Merkwürdige und komische Zwischenfälle ereigneten sich. -- Die Hände noch in der fremden Kasse schliefen da Diebe selig ein. -- Melitta lag vier Tage lang in Brendels Wohnung; ihr Gemahl träumte über den Tisch gebeugt, die Nase in einer Mayonnaise.

Castringius hatte es beim Kartenspiel gepackt. In einer üblen Kneipe lehnte er behaglich in seinem Stuhl und hielt den Schellunter im Pfötchen. Mich selbst erwischte es zu Hause, wohin ich mich sehr bald zurückzog. Gerade hatte ich das Bett gerichtet und wollte die Vorhänge zuziehen. Ich sah noch, wie aus dem Fenster der Prinzessin gegenüber eine Banknote nach der andern auf die Strasse flatterte; ein leichter Herbstwind trieb sie wie welke Blätter die Gasse zum Flusse hinunter. Da war’s die höchste Zeit für mich, mein Lager aufzusuchen.

An den ersten beiden Tagen nach Ausbruch der Seuche liefen die Züge mit enormen Verspätungen ein, da bei jeder Station neues Personal eingestellt werden musste. Später blieben sie ganz aus.

Die letzte Nummer der „Stimme“ war nur einseitig bedruckt, und selbst da wimmelte es von unvollständigen Sätzen und Legionen von Druckfehlern. Die letzte Seite, wo sonst die lächerlichen Miszellen gestanden hatten, fehlte ganz. Es half kein Sträuben; Perle schlief. Dieser Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit mag sechs Tage angedauert haben, der Friseur brachte wenigstens diese Zeit heraus; er hatte sie nach der Länge der Bartstoppeln seiner Kunden berechnet.

In dieser Zeit soll in der ganzen Stadt ein einziger Mensch nicht oder doch nur ganz kurz geschlafen haben: der Amerikaner! Wenigstens behauptete er das selbst. Eines Tages, als er wie ein neuer Dornröschenprinz durch die Lange Gasse wanderte, wollte er durch ein Fenster des Kaffeehauses bemerkt haben, wie der eine von den beiden Schachspielern gerade einen Zug machte. Er schloss daraus, dass diese beiden gleich ihm von der Krankheit verschont geblieben waren. Aber sonst fiel man über die Schlafenden. Nicht nur auf allen Bänken der öffentlichen Anlagen, auch in Treppenhäusern und Torwegen lagen bunt durcheinander gut gekleidete Herren und Damen und schliefen wie die Obdachlosen trotz ihrer eigentümlichen Lage mit zufriedenen Mienen.

Als man wieder nach und nach zu sich kam, konnten viele in ihrer Tätigkeit fortfahren. Das war sehr gut, nicht nur für Brendel, sondern auch für den armen Gaul beim Wasenmeister, welcher tagelang hochgewunden auf den erlösenden Hieb warten musste. Nun erhielt er ihn. Denn das Merkwürdigste war, dass Tiere gegen die Schlafsucht unempfindlich blieben.

Für die meisten Leute hatte sich wenigstens für den ersten Augenblick nichts verändert. Als ich munter wurde und nahrungsbedürftig das Café betrat, war schon der Friseur da mit einem Riesenhunger, aber sehr übellaunig. Er vermisste nämlich ein Vierkreuzerstück, welche Entdeckung zu einer dauernden Verstimmung zwischen Herrn und Gehilfen wurde, der natürlich wie alle Tiere wach geblieben war.

Die Traumstadt wachte auf und fand sich -- -- in einer Art Tierparadies. Während unseres langen Schlummers hatte sich eine andere Welt derartig ausgebreitet, dass wir in ernstester Gefahr schwebten, verdrängt zu werden, die Tierwelt. Allerdings war es schon in der letzten Zeit aufgefallen, dass Ratten und Mäuse in diesem Jahre besonders gediehen. Aber auch über einfallende Raubvögel und vierbeinige Hühnerdiebe wurde Klage geführt. In Alfred Blumenstichs Park hatte der Gärtner sogar Wolfsspuren gesehen. Er wurde zwar ausgelacht; als aber am andern Tage von einer schneeweissen Angoraziege -- dem Lieblingstier der Frau Kommerzienrat -- nur noch das Hörnerpaar vorhanden war, da lachte niemand mehr.

Wer vermöchte das Staunen der vielen zu beschreiben, die allein und ungestört eingeschlafen waren, sich nun aber in unerwünschter Gesellschaft befanden? Da sass ein grosser, grüner Papagei am Fenster, oder Wiesel und Eichhörnchen guckten neugierig unter den Betten hervor. Erst nach und nach kam man hinter dieses Treiben. Aus dem Schlachthause wurde von den aufwachenden Metzgern ein grosses Rudel Schakale vertrieben. -- Die Überfälle von Wölfen, Wildkatzen, Luchsen nahmen in erschreckender Weise zu. Schlimm war es, dass selbst unsere Haustiere auf einmal störrisch und bösartig wurden, fast alle Hunde und Katzen verliessen ihren Herrn und wilderten auf eigene Faust. -- Die wieder erscheinenden Zeitungen berichteten von einem aufregenden Fall: in die Parterre-Wohnung der Selchermeisterswitwe Apollonia Six war ein Bär eingestiegen und hatte die bemitleidenswerte, tiefschlafende Frau vollständig aufgefressen. Durch ein paar Schüsse wurde die Bestie getötet. -- In die Stadt kommende Jäger und Fischer erzählten märchenhaft anmutende Geschichten von ungeheuern schwerfälligen Tieren, die sie beobachtet haben wollten. Aber kein Mensch glaubte diesen Berufsaufschneidern. Da kamen auf einmal die Bauern und andere im freien Lande wohnende Traummenschen auf ihren plumpen Pferden in hellen Haufen dahergesprengt. In vollgepackten Wagen brachten sie Frauen und Kinder sowie den wertvolleren Hausrat mit. Sie waren äusserst unzufrieden und demonstrierten vor dem Palast und dem Archiv. Sie beklagten sich, dass man ihnen keinen militärischen Schutz geschickt hatte. Büffelherden hatten ihre Ländereien verwüstet, auch konnten sie sich nur mit knapper Not vor den Überfällen scharenweise auftretender grosser Affen retten; diese Teufel schonten weder Frauen noch Kinder. Bald darauf wurden die Fährten von kolossalen Zweihufern im Lehmboden der Tomassevicfelder festgestellt, die am Rande der Stadt lagen; das war bedenklich.

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Die Insektenplage war grässlich. In Schwärmen liessen sich gefrässige Heuschrecken von den Bergen nieder und wo sie hinkamen, blieb kein Halm stehen. Durch eine solche Wolke wurde in einer einzigen Nacht der Schlossgarten vernichtet. Wanzen, Ohrwürmer, Läuse machten das Leben schwer. Alle diese Tiergeschlechter, von den grössten bis zu den geringsten, beherrschte ein geradezu elementarer Paarungstrieb. Trotzdem sich alles gegenseitig auffrass, vermehrten sich die Vier- und Sechsfüssler in unheimlichster Weise. Was half es dagegen, wenn auch Waffen und Gift von den Behörden ausgegeben und die strengsten Befehle zum Schliessen der Fenster und Türen erteilt wurden; der Segen war zu gross. Freiwillige Jagdtruppen organisierten sich und unterstützten Militär und Polizei. In vielen Häusern waren Schiessscharten gebrochen.

Die Frau des Caféwirts erwachte eines Morgens mit vierzehn Kaninchen im Bett. Da ihr Schlafkabinett nur durch eine dünne Wand von meinem Zimmer getrennt war, hörte ich die Jungen quieken.

Das Schrecklichste aber waren die Schlangen. Kein Haus war sicher vor ihren Besuchen, in Schubladen, Kleiderschränken, Rocktaschen, Wasserkrügen, überall hielt sich das Gezücht auf. Dabei waren diese heimtückischen Kreaturen von einer entsetzlichen Fruchtbarkeit. Suchte man in der Dunkelheit sein Zimmer auf, so zertrat man die herumliegenden Eier, die klatschend barsten. Castringius exzellierte in seinem neu erfundenen „Eiertanz“.

Im französischen Viertel konnten es die Menschen vor Ungeziefer bald nicht mehr aushalten. Doch selbst während dieser Tierinvasion behielten die meisten den Kopf oben. Man schoss seinen Hirsch vom Fenster aus und lud gleich die Freunde zum Jägermahl. Von der Dachluke meines früheren Wohnhauses hatte man einen weiten Blick über die Äcker und Felder. Jetzt war dieses Terrain in einen zoologischen Monstregarten verwandelt. Auch der Fluss hatte seinen Anteil bekommen: Krokodile, durch jahrelange Bemühungen endgültig stromabwärts gescheucht, erschienen wieder. Die Badeanstalt musste geschlossen werden, weil sich Zitteraale in den Kabinen aufhielten, deren Schlag tödlich ist.

Einer der wenigen Lichtblicke in diesen peinlichen Tagen bestand darin, dass man leicht zu wohlschmeckenden Braten und seltenen Leckerbissen gelangen konnte.

In diesen Zeiten erfreute sich mein alter Professor eines grossen Ansehens. Er hielt öffentliche Vorträge und lehrte die Traumstädter, die gefährlichen Bestien von den harmlosen zu unterscheiden. Mit einem alten Drilling ausgerüstet wandelte er schon am frühen Morgen mitten unter den Gazellenrudeln, Wildschweinen, Murmeltieren und oblag fleissig der Jagd. Aber die Tiere gewöhnten sich bald an den eigentümlichen bebrillten Schützen und liebten den alten Herrn. Dafür stiftete sein Gewehr an den Fenstern so viel Schaden, dass es ihm wieder abgenommen werden musste.

Abends konnte man nur noch unter grösster Vorsicht, bewaffnet und mit einer Laterne ausgehen. Fallen, Wolfsgruben, Schlageisen, Selbstschüsse machten unsre Stadt noch unsicherer. Sich aber in seinem Vergnügen stören zu lassen, das fiel keinem Traummenschen ein.

III.

Die tief unter ihr Normalniveau gesunkene Sittlichkeit kam meinem Kollegen Castringius noch besonders zustatten. Seine Pornographica waren sehr gesucht -- er war jetzt der Modekünstler. Blätter wie: „Die wollüstige Orchidee schwängert den Embryo“, hatten viele Bewunderer. Hektor von Brendel kaufte ihm einmal eine ganze Serie Arbeiten ab, weil seine Melitta diese Sachen „ulkig“ fand. Tatsächlich hatte sie auch anfangs Freude an den Zeichnungen und hing sie sauber gerahmt in ihrem Boudoir auf. Aber es war nur eine Augenblickslaune gewesen, und nach einigen Tagen schon mussten die Sachen wieder verschwinden. Ein Seitenseladon, Offizier bei den Dragonern, durfte sie mitnehmen. Dieser entschloss sich als Gegenleistung zu ein paar alten Ohrringen mit Smaragden. Er trug die Bilder noch in derselben Nacht ins Café, wo gerade eine Tombola veranstaltet wurde. Der Erlös war für die bestimmt, die ihr zügelloses Leben aufs Siechenbett geworfen hatte. Eine Abteilung für solche hatte unserem Krankenhaus bisher gefehlt. -- Es ging ziemlich viel Geld ein. Blumenstich -- nicht der Trödler -- gab den Rest und die Abteilung konnte bald darauf im Kloster neben dem Kinderspital belegt werden.

Die Komik wollte es, dass gerade ich die Zeichnungen gewann, und nun hingen sie bei mir. Eines Tages sah ich Castringius auf der Strasse. Er suche eine neue Wohnung, sein Atelierfenster sei zerbrochen und im Dach eine Luke. Zahlreiche Fledermäuse hingen wie Rauchfleisch an den Vorhangstangen. Während er mir das erzählte, musste er sich fortwährend mit dem Stock gegen einen zudringlichen Steinbock wehren. Ich bat ihn zu mir hinauf -- -- da hingen die Bilder. -- -- Trockenes Staunen!! „Wie kommst +du+ zu diesen Sachen?“ Ich erklärte. -- „Es sind sehr gute Arbeiten, die ‚weissgestreifte Peitsche‘ ist mein reifstes Werk. Es ist die Synthese einer Moral der Zukunft. Heute lebt kein Weib, welches seine Konsequenzen daraus zu ziehen vermöchte. Es ist Bouquet in ihm.“

Ich gab ihm vollkommen recht, war ich doch im Traumstaat der einzige Mensch, der seine Sachen künstlerisch würdigte. Ich hatte den originellen Kauz überhaupt ganz gern, warum nicht? Wer sich rein fühlt, der werfe den ersten Stein auf ihn. --

Auf einmal gab’s auf der Strasse Lärm; wir traten ans Fenster. Viele Leute standen da und lachten; es war aber auch komisch. Man denke: der Affe streikte. Giovanni hatte schon tags vorher einen Herrn halbrasiert sitzen lassen, als er eine eilig vorüberhastende Schar Makaken bemerkte. Eine schöne Meerkätzin hatte ihm zugewinkt und einer solchen Versuchung konnte unser Friseurgehilfe nicht widerstehen. Doch hatte ihn der Philosoph noch mit dem spanischen Rohr und der Erwägung, dass die Zeit in kleine Ewigkeiten teilbar sei, zurückzuhalten vermocht. Jetzt half aber keine Zusprache mehr. Er kletterte graziös an der Dachrinne in die Höhe, erwischte mit dem Greifschwanz eine Flasche, worin sich der Kaffeevorrat der Prinzessin befand, setzte sich behaglich an das Fenster meiner ehemaligen, nun wegen Baufälligkeit leerstehenden Wohnung und spielte auf einer Maultrommel, die er in seiner Backentasche verborgen hatte. -- Die Alte kreischte entsetzt auf, mit einem Besen wollte sie dem Räuber eins versetzen. Dieser warf sogleich die Flasche von sich und packte den Besen. Da hätte man die Dame sehen sollen! Sie raste und verschwand, um im zweiten Stockwerk wieder sichtbar zu werden. Für Giovanni Battista gab es hierbei wilde Freuden. Von meinem Fenster aus konnten wir den Kampf aufs deutlichste beobachten. Zuerst entwand er der Alten ihre Hauptwaffe, eine alte Feuerzange und überliess ihr willig den Besen. Fast war er zu einem fliegenden Tier geworden. Von mir zurückgelassene Tuschflaschen benutzte er zielsicher als Wurfgeschosse. Unten schrie das Publikum hurra, -- die Prinzessin fluchte wie ein Fuhrmann.

Da tauchte er auf einmal wieder ganz vorne auf, bedeckt mit der schmutzstarrenden Haube der Alten und schwang sich aus dem Fenster. Mit possenhaften Grimassen rutschte er die Rinne wieder hinab. Oben schrie die Prinzessin nach der Polizei -- unten wartete bereits der Friseur mit dem Stocke: „Schämen Sie sich!“ rief er dem Affen zu.

Kommerzienrat Blumenstich trat gerade mit sattem Lächeln aus der Wohnung seiner neun Lieblinge. Er hatte auf seine Weise wieder einmal den Wohltäter gespielt; der Wagen war schon vorgefahren. Mit einem gewaltigen Saltomortale sprang der Affe auf das Haupt des Schimmels, und dahin ging’s! Die Leute waren begeistert und riefen Bravo! bis das Fuhrwerk mit seinem grotesken Reiter verschwunden war.

Das ist nur eine Szene, aber ähnliche Schauspiele waren damals an der Tagesordnung.

Es war rätselhaft, woher dieser überschwengliche Reichtum an Tieren kam. Sie waren die eigentlichen Herren der Stadt und hielten sich augenscheinlich auch dafür. Wenn ich im Bette lag, hörte ich ein Laufen und Hufeklappern, als wäre ich in einer grossen Stadt. Kamele und wilde Esel durchwanderten die Strassen; es war gefährlich, sie zu necken.

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Im Gegensatz zu diesem animalischen Reichtum schwand das Pflanzenleben immer mehr, alles war abgenagt, zerstampft, ohne Vegetation. Die Lindenalleen an der Landstrasse und in der Richtung des Friedhofes bestanden nur noch aus kahlen Baumstümpfen. Die Erde dampfte, als wollte sie noch mehr Kreaturen ausspeien. Aus kleinen Löchern strömte ein warmer sauerriechender Dunst. In eine eigentümliche, alles verwischende Dämmerung waren die Nächte gehüllt.

IV.

Das Unheimlichste war ein rätselhafter Prozess, der mit dem Überhandnehmen der Tiere begann; unaufhaltsam und immer rascher zunahm und die Ursache zum völligen Untergange des Traumreichs wurde. -- +Die Zerbröckelung.+ -- Sie ergriff alles. Die Bauten aus so verschiedenem Material, die in Jahren zusammengebrachten Gegenstände, all das, wofür der Herr sein Gold hingegeben hatte, war der Vernichtung geweiht. Gleichzeitig traten in allen Mauern Sprünge auf, wurde das Holz morsch, rostete alles Eisen, trübte sich das Glas, zerfielen die Stoffe. Kostbare Kunstschätze verfielen unwiderstehlich der +innern+ Zerstörung, ohne dass sich ein zureichender Grund dafür angeben liess.

Eine Krankheit der leblosen Materie. -- Moder und Schimmel gab es in den bestgehaltenen Häusern; es musste ein zersetzender, unbekannter Stoff in der Luft liegen, denn frische Speisen, Milch, Fleisch, später auch Eier wurden in einigen Stunden sauer und faul. Viele Häuser barsten und mussten schleunigst von den Inwohnern verlassen werden.

Dazu kamen die Ameisen! In jeder Ritze und Falte, in den Kleidern, im Portemonnaie und im Bette fand man sie. Man unterschied schwarze, weisse und blutrote. Die schwarze, grösste Art, fand sich in allen Mauersprüngen und im Freien, wohin immer man seinen Fuss setzte. Die weissen, weit gefährlicheren, verwandelten das Gebälk in Mehl. Die ärgsten waren ohne Frage die roten, denn sie erkoren sich den menschlichen Körper zum Aufenthalt. Anfangs galt das Kratzen noch für unanständig, man machte das privat mit sich allein ab. Doch was will einer tun, wenn es ihn juckt? Im französischen Viertel kratzte schon längst jedermann. Wir lachten und taten bald dasselbe. Die Gattin Sr. Exzellenz des Regierungspräsidenten ging gelegentlich einer Soiree mit kühnem Beispiel voran.

Der Unrat der Tiere auf der Gasse und der Staub in den Wohnungen war nicht mehr zu entfernen. Es wurde immer mehr, so verzweifelt man auch dagegen ankämpfte. Während des Bürstens und Klopfens zerfielen die Kleider. Mich wunderte nur, woher die Traummenschen noch immer ihre gute Laune schöpften.

Die Lampenbogen zum Beispiel war unverwüstlich. Das ganze Offizierskorps verkehrte in ihrem Hause, bis zum jüngsten Leutnant. Vielleicht stammelte er noch: „Verehrte Gnädige“; aber die verlangte nicht mehr viel Umstände. Schliesslich wendete sie sich den niederen Volksschichten zu. Auf der Strasse beobachtete ich oft ihr gewöhnliches Manöver, den Rock zu heben. Neugierige blieben stehen. Hunde liefen ihr nach. Mit denen war jetzt nicht zu spassen. Einmal sah ich, wie ein Köter ihr das Kleid zerriss; sie lief erschrocken davon und verlor einen zerknitterten Brief. -- Ich hob ihn auf und habe ihn später gelesen.

„Meine Ameisenkönigin!

Noch immer bin ich ganz berauscht von meinem Glück und küsse im Geist alle Deine Herrlichkeiten. In meinem Traum bist Du nach wie vor die Herrin. Wie hast Du geschlafen? Wie immer, wohl wenig? Doch denk Dir, ich habe jetzt ein Mittel, um wenigstens ruhig liegen zu können. In den umgelegten Kleiderschrank wird zollhoch Insektenpulver gestreut .... Decke, ... nochmals Pulver ... dann noch eine Decke. (Die in Mode gekommenen, auch unten zuknöpfbaren Nachthemden taugen gar nichts). Der Schrank wird geschlossen, sobald man darin liegt, ein kleines (herzförmiges?!) Loch mit einem Fliegengitter bespannt, garantiert den Luftzutritt.

Bitte, sende mir die Briefe nicht mehr ins Hotel, ich hasse die Bande des Amerikaners, besonders der Jacques ist ein ausgemachter Spitzbube. Ausserdem ist die Küche dort in letzter Zeit miserabel geworden; von jetzt an werde ich das Café in der Langen Gasse zur Mittagsstation machen. Briefe H. v. B. dorthin, aber nicht mehr dem N. C. übergeben, unzuverlässig, und seit er bei dem verwünschten Amerikaner ist, auch noch frech.

Grunzt Dein Dicker, dass ihm sein letzter Mieter ausgezogen? Der Friseur will ja auch sperren, und die Prinzessin zahlt doch nicht viel. Ich sah heute Deinen Gemahl im Wagen, war aber gerade mit den lästigen Parasiten beschäftigt und hat mich daher gar nicht bemerkt.

Also heute um neun Uhr erwarte ich Dich hinter dem Rosenbusch, wie kahl ist er doch jetzt!

Dein, Dein Hektor.

N. B. Ich erhalte immer noch anonyme Briefe, die sich mit Dir beschäftigen -- -- wie schlecht kennt die Welt doch meine Melitta!“

Bald hatte jedermann seinen Ballon mit Insektenpulver bei sich. Waren die Traumleute vorher der Schlafsucht unterlegen, so schliefen sie jetzt fast gar nicht. Aufgeregt, eine hektische Röte auf den Wangen, zog man bis tief nach Mitternacht in der ganzen Stadt herum. Auf den Strassen war es sicherer als in den baufälligen Häusern. In den letzten Tagen hatte die Paarungslust der Tiere ihren höchsten Grad erreicht. In allen dunkeln Ecken, im Wasser und in der Luft gatteten sich die verschiedensten Geschöpfe. Aus den Ställen drang Wiehern, Meckern und Grunzen. Ein Stier, durch den Anblick der Schlachtkühe wütend gemacht, hatte einen Metzger an die Wand zu Brei gequetscht.

Der Amerikaner schürte Hass und Zwietracht und verspottete alles. An den Herrn glaubten nur noch einige wenige. Der Uhrbann war vergessen, nur noch gelegentlich ging einer in die Zelle und blieb auch da nicht die vorgeschriebene halbe Minute; gleich kam er wieder heraus. +Ich wusste nun, dass das Ende des Traumreiches unwiderruflich näher kam.+

Eines Nachts hörte ich auf dem Dache ein Fauchen und dumpfes Knurren. Mit Entsetzen sah ich einen riesigen Leoparden einen Hasen zermalmen; ich hörte das Knirschen der Knochen und mich überlief es eisig. Mein Zimmerchen war nicht mehr gemütlich, es hatte zwei klaffende Sprünge in der Wand, aus welchen abends in regelmässigen Abständen die Hinterteile von Küchenschaben hervorlugten, wie ein Fries anzusehen! Tagelang nistete ein Rotkehlchenpaar in meiner Aschenschale. Die Geschöpfchen waren harmlos und belohnten mich für die Duldung durch ihren Gesang. Leider dauerte die Freude nicht lange, denn ein blitzschnell und frech eindringender Falke tötete eines Tages das Männchen.

[Illustration]

An einem der letzten Abende, als ich vor dem Zubettegehen unter der Decke zwei Skorpione fand, und eben Jagd nach sonstigem Ungeziefer machte, geschah es, dass mir meine Waffe, der Stiefelknecht, aus dem Leim ging. Ich nahm die Schere -- sie war vom Rost zerfressen; da erst bemerkte ich, dass mein Papier moderig, die Lineale, das Wrack eines Zeichentisches, die dreibeinige Kommode, mit einem Wort alle hölzernen Möbel wurmstichig und morsch waren.

Wie sah ich selber aus? Sonderbar genug! Na, wenigstens liefen auch andere, sonst adrett und sauber gekleidete Leute nun recht verlottert herum. Schimmel an Kleidern und Schuhen hatten wir alle. Da half kein Waschen und Schaben, es kam schnell wieder nach. Die Kleiderstoffe wurden mürbe, faserten und fielen stückweise von uns. Wir Männer ertrugen das mit Würde, doch die armen Damen!...... schweigen wir!

V.

Eine grössere Veränderung trat ein, als die Häuser nicht mehr recht bewohnbar waren. Zu ebener Erde ging’s noch, Stiegensteigen aber erforderte wilden Mut.

Als mir eines Tages der Kellner ein faules Ei, eine trübe Flüssigkeit in einer zerbrochenen Bierflasche und einen fetten, schmierigen Lappen -- wohl als Serviette gedacht -- vorsetzte, da riss mir die Geduld und ich rief nach dem Wirt. Dieser war gerade damit beschäftigt, im Hintergrunde mit den Teilen des Billards die Decke zu stützen.

„Was soll das?“ herrschte ich ihn an, „an diesem Bestecke sitzt ein Pfund Grünspan. Dieses ekelhafte Zeug und den Schmierlappen nehmen Sie gefälligst fort!“ Er verbeugte sich und wimmerte: „Ach, das Personal, werter Herr!“

„Schon gut“, winkte ich erbost ab, stand auf, nahm meinen verschabten Zylinder und verliess das Café. Auf der Stelle, wo ich gesessen, hatte sich eine kleine Ameisenkolonie gebildet.

In das Kaffeehaus ging ich nur noch aus Gewohnheitsdrang. Es war zu unappetitlich, als dass man mehr als einen schwarzen Kaffee hätte geniessen können. Anton war sehr zu seinem Nachteil verändert, er hatte ungewaschene Hände und roch auf grosse Distanzen. So wie Anton brauchte man doch nicht herumzulaufen. Die an ihm haftende Schmutzkruste nannte der Friseur „Materie“. Es war einfach ekelhaft! Um so mehr erstaunte ich, als ich einmal abends beim Heimkommen ein leises Kichern im Hausflur hörte, und beim Ableuchten aller Winkel, da ich irgendwelche Tiere vermutete, hinter der Speichertüre Herrn Anton in liebender Umarmung mit Melitta antraf. Sie fand bald danach ihren Tod. In ihrem Schlafzimmer wurde sie mit zerrissenem Leib aufgefunden. Die verriegelte Tür musste erbrochen werden. Eine kolossale Dogge war mit eingesperrt. Das tolle Tier stürzte sich mit gesträubtem Haar auf die Eindringlinge und verletzte zwei Polizeimänner durch Bisse, bevor sie erschossen werden konnte. Die beiden starben bald nachher an Hundswut. In ihren letzten Lebenstagen waren von der einstigen Schönheit Melittas nur noch karge Reste zu sehen gewesen. Vergeblich hatte sie durch übertriebenes Schminken und Pudern die Zeichen ihres Wandels zu maskieren gesucht.

Sehr schwer litten auch die beiden Schachspieler. Den alten Herren, welche gänzlich von ihrer Leidenschaft unterjocht waren, erschien schliesslich jede Körperbewegung dermassen kompliziert, dass sie stundenlang Berechnungen anstellen mussten, um ein Glied rühren zu können. Dass eine derartige Schwerfälligkeit bei dem vielen Ungeziefer bedenklich war, liegt auf der Hand. Viel Lob verdient daher eine junge Dame, welche einmal hier ihren Tee zu sich nahm, und die Qualen der beiden bemerkte. Sie ging einfach hin und las Ameisen und Wanzen couragiert von ihren Röcken ab. Keiner von uns wollte zurückstehen. Bisher hatten wir über das Schauspiel der grotesk verzogenen Gesichter gelacht, aber von jetzt ab bürgerte es sich bei den Stammgästen ein, dass man beim Kommen und Gehen rasch die beiden Herren ein wenig kratzte. -- Wie man sieht, war selbst in diesen bösen Zeiten nicht alles Mitgefühl mit den Leidenden erstorben.

Der Amerikaner machte wieder viel von sich reden. Er prophezeite das baldige Nachlassen der Tierflut und behielt insoweit recht, als die grossen Arten sich nach und nach verzogen. Sämtliche kleine Säuger und Reptilien aber blieben vorläufig, während die Vögel bis auf eine Unmasse von Raben und weisshalsigen Geiern ganz verschwunden waren. Die Geier, schwere, massige Vögel, hockten wie aus Bronze gegossen auf den Baumstümpfen der Alleen und sahen unbeirrbar auf die Stadt, als erwarteten sie noch etwas. Aber obgleich seine Vorhersagen nur teilweise eintrafen, sie verschafften dem Amerikaner starken neuen Anhang. Von nun an hetzte er womöglich noch ärger gegen seinen Todfeind Patera.

Ich nahm wieder meine abendlichen Spaziergänge am Flussufer auf. Da hatten die Wellen unzählige Muscheln, Korallen, Schnecken, Fischgräten und -schuppen ans Ufer geschwemmt. Überrascht war ich, häufig Überreste zu finden, welche der Meeresfauna angehören. Wie von mystischen Zeichen übersäet schien das Ufer. Ich war überzeugt, dass die Blauäugigen diese symbolische Sprache verstehen würden. Sicher waren hier Geheimnisse; auch die Flügel der oft prächtigen Insekten, Nachtfalter, Käfer, zeigten Flecken, die vergessene Buchstaben sein mussten. Mir fehlte der Schlüssel dazu.

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Wie gross musst du doch sein, Patera! dachte ich. Warum verbirgt sich der Herr so tief, selbst vor denen, die ihn lieben? In schwermütiger Versunkenheit schritt ich dahin; am jenseitigen Ufer beugten sich die entlaubten Bäume weit über den Fluss und streiften mit ihren Zweigen das schwarze Wasser. Zwischen ihnen bewegten sich gigantische Schatten. Das Krachen zerbrechender Äste kam deutlich herüber, manchmal sah ich lange Hälse oder Rüssel und konnte den Gedanken an vorweltliche, monströse Geschöpfe nicht los werden. Je dunkler es wurde, desto gefährlicher war es für einsame Spaziergänger; an einem Abend, welcher für mich noch von grosser Bedeutung werden sollte, kehrte ich furchterfüllt um, als ein Brett, das aus dem Wasser herausragte, zu blasen anfing. Ein Alligator wies mir die Zähne. Beim Heimgehen überdachte ich einen noch gut abgelaufenen Unfall, welcher sich tags vorher ereignet hatte. Schon lange Zeit hatten Gerüchte über einen riesigen Tiger zirkuliert, ein trächtiges Weibchen, das sich im Palaste aufhalten sollte; verschiedene Menschen behaupteten, seine stumpfe Schnauze und den gestreckten Rücken an der Fenstergalerie gesehen zu haben. Tatsächlich war tags vorher eine solche Bestie in den Terrassensalon Alfred Blumenstichs gesprungen. Die Dame des Hauses, rundlich und fett, fiel beim Anblick des wilden Tieres lautlos in Ohnmacht -- man sass gerade bei Tisch und Professor Korntheur war zu Gast. Dieser würdige Herr zeigte in dem furchtbaren Augenblick bemerkenswerten Heroismus. „Bleiben Sie ruhig,“ sprach er aufstehend zu dem entsetzten Gatten, „auch die schlimmsten Raubtiere unterordnen sich dem um soviel höherstehenden Menschen, sie fühlen Ehrfurcht vor seiner aufrechten Haltung und fürchten seinen edlen Herrenblick.“ Damit trat er auf das Tier zu und nahm seine Brille ab. War es nun die Seltsamkeit der steifbeinigen Gelehrtenerscheinung oder sonst etwas, kurz, abermals klirrten und zersplitterten die Glasscheiben und der Tiger sprang hinaus, -- -- leider mit der Frau Kommerzienrat im Rachen. Blumenstich rang die Hände: „Grosser Gott, verschone meine Julie!“ wimmerte er. Von der Dienerschaft mit Flinten verfolgt, schleppte der Tiger die Ohnmächtige zum Palast. Auf der Strasse trat alles höflich zur Seite. Die schleunigst requirierte Feuerwehr versuchte der gestreiften Bestie die Beute abzujagen. In einem grossen Saale des ersten Stockwerkes hörte man den Räuber. Wütend fauchte er die ihm nachkommenden Retter an; Schiessen war unmöglich, wie leicht hätte man Frau Blumenstich treffen können. So war es eine gute Idee, das Tier mit der Feuerspritze zu verscheuchen; das half. Der geduschte Tiger liess sich bewegen, aus seiner Saalecke zu kommen, doch dabei vergass er nicht sein Opfer. Mit einem enormen Satz flog er zum hohen Bogenfenster hinaus. Entsetzt schrien die Leute, doch Gott hatte Erbarmen mit dem Gatten. Frau Blumenstich blieb an einem Fensterhaken, dem ganzen Platze sichtbar, hängen, die Röcke über dem Kopf, aber gerettet. Der Tiger entschlüpfte in der allgemeinen Freude.

Da man des gefährlichen Tieres nicht habhaft geworden war, herrschte grosse Bestürzung. Den Palast zu durchsuchen, wie der Amerikaner vorschlug, wagte trotz der allgemeinen Emanzipation vom Meister kein Mensch. Militär und Polizei versagten kurzerhand ihre Unterstützung.

Der Herr benahm sich wirklich sonderbar! Wenn er schon Perle in keiner Weise mehr seinen Schutz angedeihen lassen wollte, so hätte er doch wenigstens seine Getreuen davon ausnehmen können. So schien es aber, als ob er sich um diesen Unterschied nicht kümmere. Die Stadt hatte jetzt wieder stillere Stunden, obgleich sich fast die ganze traumländische Bevölkerung hier versammelt hatte.

„Gebt uns die Villen frei!“ heulte und brüllte der Pöbel. Die Reichen übergaben sie um so lieber, als man sie den darin eingenisteten Tieren geradezu abringen musste. Bei Lampenbogen war aus dem Landhaus ein Stachelschweinbau geworden; im Boudoir der Verklärten schlief auf dem Divan eine dickgemästete Riesenschlange. Dieses Getier musste vertilgt werden, bevor das Volk einziehen konnte. Auch sonst war es durchaus nicht so schön, wie es der arme Mann sich vorstellte; die kostbarsten Sachen wollten augenscheinlich nicht mehr leben. Die wertvollen Vasen, das Porzellangeschirr war durchsetzt von einem feinverzweigten Netz kleinster Sprünge. Prächtige Gemälde bekamen schwarze Flecke, welche sich über das ganze Bild verbreiteten. Stiche wurden porös und zerfielen; man glaubt gar nicht, wie schnell aus den so gut gehaltenen und reparierten Einrichtungsgegenständen ein Schmutzhaufen wurde.

Der grössere Teil der zugereisten Bauern lagerte sich deshalb lieber auf den freien Plätzen und Feldern in der nächsten Umgebung der Stadt.

„Herr, du zeigst deine Macht nur noch im Schrecken“, dachte ich und betrat die Lange Gasse. Es war dunkel geworden und allenthalben knisterte und knackte es. Hier sauste ein Ziegelstein vom Dache, dort bröckelte Mörtel von einer Wand, ununterbrochen rieselte feiner Sand aus Mauerlöchern, die zusehends grösser wurden, man musste über Schutthaufen klettern und über emporragende Pfähle und Pfosten steigen. -- Das unfassbare Weben des Todes.

Auf dem Dache des Kaffeehauses ganz nahe meiner Mansarde unterschied ich deutlich eine sich bewegende schwarze Silhouette: den Leopard. Er hatte sicher in einem Nachbarspeicher seinen Schlupfwinkel ... durch eine Büchsenkugel wäre er vielleicht zu töten gewesen, doch dazu waren wir alle zu feig. In meinem engen Zimmer überfiel mich eine tiefe Mutlosigkeit, lange wanderte ich auf und nieder, ich empfand Schmerzen im Kreuzbein und in den Gelenken.

„Warum leben wir denn alle noch? wir sind ja doch verdammt! Wenn ich jetzt krank würde, kein Teufel kümmerte sich um mich.“ Eine schleichende Angst überfiel mich. Ich will nicht sterben, +nicht sterben+! und fassungslos stützte ich mein Haupt in beide Hände. „Es gibt nichts Höheres“ -- sagte das Verzagen in mir. „Zwei Beine -- Knochenröhren -- tragen meine ganze Welt, eine Welt des Schmerzes und Irrtums! Das Entsetzlichste ist der Leib.“ Mich durchschüttelte die Todesfurcht. Was wird meinem Körper noch alles zustossen, die tausend Organe, zu wie raffinierten Folterwerkzeugen werden sie sich fügen? Ach, könnte ich doch lieber +nicht denken+, aber das arbeitet von selbst! Es gibt keine Gewissheiten, denen nicht Ungewissheiten gegenüberständen! Das Gewirr ist endlos -- -- ich bin verdammt! Ekel und Kot schleppe ich in meinem Bauche, und wenn ich es je zu grosser Leidenschaft bringe, gleich kommt die Feigheit hinterher. Ich weiss nur eines: ich muss es geschehen lassen, so sehr ich mich auch winde, dem Unvermeidlichen -- dem Sterben -- von Minute zu Minute näher zu kommen. Nicht einmal zum Selbstmord habe ich die Kraft, zum dauernden Unglück bin ich bestimmt.“ -- Ich seufzte.

An Patera verzweifelte ich! Ich verstehe ihn nicht, er spielt mit Rätseln! Wahrscheinlich ist er machtloser als irgend einer, sonst hätte er den Amerikaner schon längst zerschmettert. Aber er vermag es nicht! Der +Amerikaner+, der hat das +wahre Leben+! O wäre ich nur nicht so zaghaft! Ich träte vor ihn, stürzte auf die Knie und er brächte Hilfe!

Wie aufgelöst in Todesangst, wusste ich nicht aus noch ein. -- Unten gab’s ein Gepolter -- Randalierende wurden aus dem Kaffeehaus geworfen, ein alltäglicher Vorfall. Gegenüber in der erleuchteten Stube sah ich den Friseur tief über seine Bücher gebeugt.

VI.

Da zupfte es mich innerlich einige Male rasch hintereinander. Ich musste aufstehen -- da -- schon wieder -- was war das? ... Allmählich erfüllte mich ein dumpfer Drang. Jetzt zupfte und pochte es nochmals, eindringlicher. -- „Jawohl, was ist?“ -- Ich strengte mich an und gab mich ganz der unklaren Empfindung hin. „Patera!“ hörte ich von innen heraus, „Patera! -- Palast -- komm!“ -- es wurde immer beredter, drängender, furchtbar deutlich und klar. -- Im Dunkeln ging ich hinunter, völlig sicher, ohne etwas zu denken. Es zog und es schob, ich überliess mich gänzlich einer führenden Kraft. Niemand beachtete mich, -- als ich zum Überlegen kam, war ich auf halbem Weg zum Palast. „Um Gottes willen,“ dachte ich, „was tue ich, was +muss ich tun+ --?“ ich wollte umkehren: „ganz gewiss, bei der nächsten Ecke kehre ich um!“ ... Nichts half! ich +musste+ weiter; ich wollte den Leuten zurufen: „Helft doch, helft! haltet mich!“ ... Meine Kiefer waren wie aneinandergeschraubt. ... Und ich sah den imposanten Palast mit seinem Riesentor, den leeren Fensterhöhlen, wie einen Totenschädel -- ich trat in seine Dunkelheit. Nach allen Seiten dehnte sich ein Labyrinth von Kolonnaden. Ich marschierte gleich einer Holzpuppe, mechanisch eins -- zwei -- eins -- zwei. Die langen Galerien wurden spärlich von herabhängenden Laternen beleuchtet; ich betrat die Säle. Alle Türen waren nur angelehnt -- ich hörte einen Knall -- das melodische Schlagwerk einer Uhr -- im Zugwind öffneten sich die Türen von selbst -- ein Krachen --! Um Christi Barmherzigkeit! der Tiger! Von nun an quälte mich diese Vorstellung und unter stärkstem Druck lief ich beinahe, mich bemühend, möglichst wenig Lärm zu machen. Öfters glaubte ich, meinen Namen zu hören, ganz laut, dann wieder leise und nahe neben mir; aber um keinen Preis hätte ich mich umschauen können. -- In den verödeten, unbewohnten Räumen lagen zerbrochene Möbel und eine dumpfe, ausgesprochen modrige Luft hemmte mir den Atem. Ich kam durch weitläufige Gemächer, von einer einsamen Kerze matt erhellt. Zerwühlte Betten, herabgerissene Draperien, zugemauerte Fenster, verglühende prunkvolle Öfen, verhängte Gobelins. -- Über kleine, staubige Treppen und durch stille lange Korridore eilte ich wie ein Nachtwandler, da sah ich die bekannte niedrige Eichentüre. „Patera,“ dachte ich ununterbrochen, „Patera, Patera.“ ... Auch diese Türe war nur angelehnt. Von der Decke des Gemaches hing eine silberne Ampel mit einem flackernden Lichtchen und beleuchtete die herabhängenden Fetzen eines Thronhimmels -- ausser dem matt sich abzeichnenden Mosaikboden sah man fast nichts. -- Ich blieb stehen -- +jetzt konnte ich stehen bleiben!+ Da, da! -- das Gesicht! -- und schon bedeckten sich meine Schläfen mit kaltem Schweiss.

In ein schleierhaftes, silbergraues Gewand gehüllt, stand Patera aufrecht da -- stand schlafend da. Ein unbezähmbares Grauen empfand ich vor ihm. In den tiefen grünlichen Schatten seiner Augen lag übermenschliches Leiden, und dann fiel mir auf, dass an einer seiner grossen, wohlgeformten Hände das Nagelglied des Daumens fehlte. Ich erinnerte mich blitzartig der im Traumreich geborenen Kinder. Wieder hörte ich das Flüstern wie beim ersten Besuch.

„Ich habe dich gerufen“, -- klang es wie aus der Ferne. Es kam dieses Mal zu keinem klaren Mienenspiel. Die Muskeln schwollen, rollten und zogen sich zusammen. Aber alles blieb gestaltlos, die Züge wurden schlaff, nur die Lippen zuckten und spielten grässlich in dem sonst starren Antlitz. Und dann hub es wieder an, ganz leise, wie durch einen Schleier gedämpft. Zuerst hörte ich nur ein Wispern, sinnlos, unzusammenhängend. Dann erst begriff und verstand ich:

„Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten? Sie zerfallen in ihren Gräbern schmerzlos und leicht; greifst du durch ihre Leiber, so berührst du nur Brocken, und die Zähne, sie lösen sich leicht. Wo ist das Leben, das sie bewegte, wo ist die Kraft? Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten?“ Der scharfe Hauch Pateras drang mir in die Nase -- -- ich fühlte mich schwach werden. Da setzte sich der Herr auf sein erhöhtes Ruhebett und warf seinen Mantel ab -- nun sass er aufgerichtet mit entblösstem Oberkörper, die langen Locken fielen ihm auf die Schultern, ich musste seine breiten, edeln Formen bewundern. Dieser schimmernde, weisse Leib glich einer Statue -- und ich fasste meine letzte Kraft zusammen in die Frage: „Patera, warum lässt du das alles geschehen?“ -- Es kam lange keine Antwort. --

Auf einmal rief er mit metallisch tönender Bassstimme: „+Ich bin müde!+“

Ich fuhr erschrocken zusammen, im nächsten Moment starrte ich in die glanzlosen Augen -- +ich war im Bann.+ -- Seine Augen glichen zwei leeren Spiegeln, welche die Unendlichkeit auffingen. Mir kam der Gedanke, dass Patera gar nicht lebe, -- wenn Tote schauen könnten, das wären ihre Blicke. Es war ein +Befehl zum Sprechen+ in mir. Aber ich vermochte nur zu stammeln, ich lallte und war selbst erstaunt, wie es klang. Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mussten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte +ich+ sie hervor, heute hörte man sie +hier+:

„Patera, +warum hast du nicht geholfen+?“

Und langsam, leblos senkten sich seine Lider, wobei mir wieder leichter wurde.

In sein Antlitz trat nun unsägliche Milde, ein über die Massen weicher, trauriger Zug bezauberte mich. Und wieder flüsterte es klar:

„Ich +habe+ geholfen, ich werde auch +dir+ helfen?“ Es klang wie Musik, eine überaus süsse Müdigkeit überkam mich -- ich beugte mein Haupt -- die Augen fielen mir zu. -- --

Ein markerschütterndes Lachen, ein Lachen der Hölle riss mich in die Höhe .... Im grell strahlenden Raum stand an der Stelle Pateras der +Amerikaner+ vor mir .....

* * * * *

Wie es mir gelang, aus dem Palaste zu kommen, weiss ich nicht mehr. Ich lief und schrie. Männer wollten mich in meinem Lauf aufhalten, aber ich muss mich ihnen wohl entwunden haben, denn als ich wieder zur Herrschaft über meinen Körper gelangte, kauerte ich in einer Wagenremise. Im Innern eines umgestürzten Fuhrwerks bemerkte ich einen Wurf toter Schuppentiere.

Noch gellte ruckweise das Hohngelächter in meinen Ohren, aber es erregte mich nicht mehr. Die Spannkraft meiner Nerven war gebrochen. Das Geschick, +in welcher Gestalt es auch erschien+, konnte mich nicht mehr aus meiner stetigen Ruhe reissen. Zu längeren Gedankengängen unfähig, fühlte ich mich doch stark in dem Bewusstsein meiner Ohnmacht. Wenn ich diese Widersprüche auch nicht verstehen oder auflösen konnte -- was kümmerten sie mich schliesslich? Jegliche Furcht war verschwunden; die entsetzliche Vision, die mich Pateras Doppelwesen erfassen liess, schloss die Abgründe meiner Zweifel und Ängste.

VII.

Nur durch diese Begegnung war es erklärlich, dass ich die letzten Schrecken, die über das Traumreich heraufstiegen, schauen und doch überleben konnte. Meine Gefühllosigkeit war der Schutz meiner Natur. Als eine Reihe von Schemen zog die Agonie des Traumstaates an meinem Auge vorüber.

In meine Wohnung ging ich nicht mehr, auch das Kaffeehaus mied ich. Ausser dem Schmutz war mir jetzt Anton zuwider, kordial klopfte er den Gästen auf die Schultern; er pflegte zum Beispiel zu sagen: „Sie, Ihna Freund, dös is a Luada!“

„Wer?“

„Na, der Herr woass eh, den Castringius moan i.“

[Illustration]

Die Traumstädter siedelten nach und nach auf die freien Grundstücke über. Auf den Tomassevicfeldern, den grossen Bauplätzen beim Friedhof, kampierten die besseren Leute. Hier war ein Zeltlager errichtet, welches sich bis gegen das Flussufer erstreckte. Gewiss, in den stickigen Nebeln und auf dem feuchten Lehmboden war es schlecht zu nächtigen, aber man verlor nicht gleich seine Laune deshalb, und abends bei den Feuern ging es oft recht vergnügt zu. Es wurde getanzt, geplaudert, manche fingen Fische. Diese mussten meist halb roh verschlungen werden, weil sie gleich nach dem Töten einen Fäulnisgeschmack bekamen. In der Stadt blieb des Nachts nur Gesindel, das seine Beute suchte. Der Verkehr am Tage in den Strassen war mit grösster Vorsicht noch möglich, es wurden aber viele Menschen von zusammenbrechenden Mauern verletzt.

In einem verlassenen Park hatte Dr. Lampenbogen eine Ambulanz errichtet, hier traf ich ihn, als er im grauen Kittel „arbeitete“. Er erzählte mir von dem Einsturz zweier Etagen in der „blauen Gans“, 86 Tote, 17 Verwundete. Es hatte gerade eine Versammlung stattgefunden. Der Amerikaner war wunderbarerweise unverletzt geblieben, aber sein Diener -- er deutete auf einen in blutigen Verbänden daliegenden Menschen -- würde wohl schwerlich davonkommen. -- Er habe kein Glück mehr, klagte er, die meisten gingen ihm drauf.

In der Baracke sah es schlimm aus: Unsauberkeit -- Mangel an Leinwand --, verrostete Instrumente. In einem alten Eisschrank, den er jedesmal sorgfältig abschloss, bewahrte sich der Arzt kalte Speisen und die gläsernen Schröpfköpfe auf. -- Ich hielt es für angezeigt, ihm mit ein paar Worten zu kondolieren. Er lächelte abwesend und sagte: „Ja, sehen Sie, ich bin ein Mann, anders als Sie!“ -- Er schien seiner Melitta nicht besonders nachzutrauern.

[Illustration]

Das „Amtsblatt“ und der „Traumspiegel“ waren eingegangen, die „Stimme“ gehörte jetzt dem Amerikaner. Sie erschien ausschliesslich in Extranummern und brachte die Tagesereignisse im Telegrammstil. Die Blätter wurden abends von Jaques und seiner Bande ausgebrüllt. Sie fanden viel Absatz, da sie immer aufregendere Neuigkeiten brachten. Pathologische Phänomene machten jetzt am meisten von sich reden. Sich begegnende Traummenschen wurden oft plötzlich von einem überraschenden Zwang ergriffen; sie verfielen alle in die gleichen unwillkürlichen Bewegungen, steif und sinnlos reckten sie die Hände. Nach ein paar Minuten liess das plötzlich wieder nach und es war wie vorher.

Bei einer auf freiem Feld gehaltenen langen Rede wiederholte irgendein zufälliger Hörer dieselbe ganz rasch mehrere Male bald beim Anfang, bald beim Ende beginnend, wie ein rasselndes Grammophon. Sprachstörungen grassierten allgemein. Einzelnen fehlten Worte, Begriffe, Buchstaben, manche verstummten zeitweise.

Viele Leute wurden menschenscheu und zogen sich in die Wildnis zurück.

Mit den Getränken musste man sehr vorsichtig sein, Alkohol wirkte wie Gift, wenngleich es auch Ausnahmen gab und schwächliche Personen, Frauen und Kinder ihn bisweilen literweise vertragen konnten.

In der Langen Gasse sah ich noch einmal den kleinen Giovanni. Er war bei einer schnatternden Affenbande, die sich im Magazin des Tändlers Blumenstich festgesetzt hatte. Ein mottenzerfressenes Reich von Polstermöbeln lag hier offen zutage; da der Dachstuhl nach und nach aller Schindeln entbehrte. Mitten unter Meerkatzen erkannte ich ihn an seinem roten Gürtelchen. Ich rief hinauf, aber er liess sich nicht stören; er pflegte galantes Spiel, er war wieder ganz urwüchsig geworden.

Die Spannungen waren unerträglich; nächtlicherweile zuckten bleichsilbrige Erscheinungen in Serpentinen über den Himmel, lange, zarte Spitzenbänder wie Nordlichter. Eremiten, Derwische, Fakire kamen aus den Sandwüsten und von den Bergen und verkündeten auf offenem Markte, dass der letzte Tag herannahe. Sie forderten zur Busse auf, aber ihre Ahnungen wurden ausgepfiffen.

Vor dem Ende ereignete sich noch eine Farce: der „schwarze Fisch!“ -- -- So nannten die Extrablätter eine grosse Gestalt, welche eine gute Stunde stromabwärts im Bett des Negro sichtbar ward. -- Wie ein riesenhaftes, fest verankertes Kriegsschiff, lag hier ein ungeheurer, bewegungsloser Körper. Man machte sich auf den Überfall eines neuen, unbekannten Tieres gefasst. Der zunächst gefährdete Teil des Lagers auf der Tomassevicwiese wurde abgebrochen. Furcht verbreitete sich und man richtete die Ziegelei als Beobachtungsposten ein. Alles lief zusammen und schaute nach der Richtung, in der der Koloss lag. O, man wollte sein Leben teuer verkaufen! -- Auch ich befand mich unter der erregten Menge, und blickte durch ein altes Pappdeckelfernrohr; leider zeigten die blinden Linsen in der dämmerigen Luft nicht allzuviel.

„Es ist ein gronländischer Wal,“ belehrte mich der neben mir stehende alte Professor, „bisher nur in der arktischen Welt beobachtet.“

Das merkwürdige Tier rührte sich nicht, die Stadt war ratlos der drohenden Gefahr preisgegeben. Einige schlugen vor, es aus der Ferne zu bombardieren, aber konnte man wissen, wie es diesen Angriff aufnehmen würde? Gereizt, spie es vielleicht Gift, und zertrümmerte das Wenige, was uns noch geblieben war. Lieber abwarten -- möglicherweise zog es sich wieder zurück!

In der allgemeinen Verwirrung entwickelten da auf einmal einige Wagehälse einen schönen, anerkennenswerten Mut. Es war dies die letzte Aufwallung des gesunden Menscheninstinktes, die ich konstatieren konnte, später ging alles drunter und drüber. Zwei Bauernburschen, ein Soldat und ein Jäger, lauter junge Leute, wollten sich für das Wohl der Allgemeinheit opfern. Ihr Plan ging dahin, sich in einem Boote flussabwärts treiben zu lassen, das Tier zu beschleichen und es mit Handgranaten aus der Nähe zu vertreiben. Vielleicht konnte man es sogar töten. Das war ein Wagnis, tollkühn und brav.

Das edle Opfer wurde angenommen, alles lief und wollte die jugendlichen Retter sehen. Ein Geistlicher im Ornat sprach über die vier seinen Segen, jeder empfing das letzte Sakrament. Voll Rührung und Begeisterung staute sich das Volk von der Mühle bis zum Friedhof.

Die Vier begaben sich zur Schleuse. Nachdem man den letzten halbverfaulten Kahn flott gemacht, schwamm man mit der Strömung langsam hinunter. -- Zwei Mann mussten fortwährend das eindringende Wasser ausschöpfen. Für die Zurückbleibenden wurde das Schiffchen immer kleiner -- nun sah man es schon an der Flussbiegung. Jetzt mussten sie das Ungeheuer bald erreichen. Aller Hälse reckten sich, alle hielten den Atem an. Die Masse verhielt sich, bis auf ein leises Kratzen, lautlos. Die kleine Expedition schien unversehrt in unmittelbarer Nähe der Gefahr zu halten. Es passierte zu aller Verwunderung eine Zeitlang gar nichts -- da plötzlich sah man in der Ferne etwas blitzen -- und langsam ging das Riesentier unter.

Ein tausendfacher Jubelschrei belohnte die Helden!

Die Überraschung war gross, als es sich herausstellte, dass es ein verunglückter, von den Weiden am Flussufer festgehaltener Luftballon war, der sich über dem Traumreich gesenkt hatte.

VIII.

Nirgends spiegelte sich der unerhörte Zerfall des Traumreiches deutlicher als in den Sitten, deren Schauplatz Mᵐᵉ Adriennes beliebtes Institut im französischen Viertel war; bisher hatte es in diskreter Stille geblüht, unterstützt durch gelegentliche Ratschläge erfahrener Greise. Jetzt erschien zu dem interessanten, sehr strengen Aufnahmeexamen die obere Gesellschaftsschicht in grosser Toilette. Castringius’ Einfall, gezeichnete Doktordiplome zu verteilen, wurde indessen zurückgewiesen. Es handle sich um keine wissenschaftliche Fakultät, sondern um einen Kult -- wurde ihm bedeutet.

Das Zerfallen der Gewebe bot den ersten Anlass zum Erfinden der berühmten geschlitzten Kleider. Selbst anständige Frauen, ja sie besonders, gingen darin bis zum Äussersten; von ihnen soll die Idee der sogenannten „Menüs“ stammen; was das heissen sollte, will ich nur andeuten und hoffe dabei auf eine bescheidene Phantasie meiner Leser.

Wenn ich kurz sagen würde: sie scherzten und hatten sich sehr lieb! so würde das das Bild nicht genau genug wiedergeben. Die Menüs waren gedruckte Einladungskarten zu intimen Festlichkeiten. Die scheinbar unverfängliche Speisenfolge wie: Sandwiches, Rehbraten, Charlotte-russe bezeichnete technische Details in der Liebe, welche näher zu kennen keinen Leser gelüsten wird.

Auch mein altes Café sah geheimnisvolle Orgien: wenigstens bemerkte ich einmal, dass Stösse obszöner Bilder, Spiegel, Badewannen, Matratzen hineingeschafft wurden. Ich frug den Wirt, was das zu bedeuten habe.

„Ach nichts! ein kleines Arrangement!“ erwiderte er mit süsslichem Lächeln. Als ich abends nochmals vorüber ging, waren die Läden geschlossen. Das war sonst nie der Fall gewesen. Ein Zettel, quer über die Türe geklebt, trug die Aufschrift: „Heute privat!“ Tumult, einzelne Worte und ein fürchterliches Lachen drangen heraus. Ein paar in die Stadt geflohene Pfaffen plauderten Mysterien vom Tempel aus. Wie der Pöbel sie auffasste, lässt sich denken. Die Organe der Fruchtbarkeit galten ihm nicht als Symbole geheimnisvoller Wonnen und Kräfte, sondern wurden plump als die Götter verehrt, von denen man jetzt alle Hilfe erwartete. Auch das grösste aller Mysterien, das Geheimnis des Blutes, war verraten worden, und +darauf+ steht der Wahnsinn. Es mag die Ursache mancher zerstörerischer Entfesselung der Triebe gewesen sein. Den vielen gefährlichen Tieren gegenüber war es selbstverständlich, dass man sich zum gegenseitigen Schutze zusammentat. Unter diesem Vorwande schlief man in den Zelten gruppenweise unter einer Decke. Der schöne Name für diesen Schutzbrauch war „Gesellschaftsschlaf“.

Die Luft war wie in einem Backofen, in den Tümpeln und Buchten am Flussufer zeigten sich schwache, blaue Flämmchen. Im Traumreich herrschte ewige Dämmerung.

Ich schritt durch das Lager; es war auffallend, wie still es heute war. Die Traummenschen lagen da und sahen sich gegenseitig unter gesenkten Lidern hervor an. Alles schien gedrückt und beklommen, diese Leute erwarteten etwas. Plötzlich vernahm man ein anschwellendes Summen und verhaltenes Lachen über die ganze Ebene hin. Ein Schrecken ergriff mich! Das war wie der jähe Ausbruch einer geistigen Krankheit. -- Und wie wenn mit einem Male ein Sturm heranbraust, fielen die Geschlechter über einander her.

Nichts wurde verschont, weder Familienbande, noch Krankheit und Jugend. Kein menschliches Wesen konnte sich dem elementaren Trieb entziehen, man suchte gierig vorgequollenen Auges einen Körper, um sich an ihn anzuklammern.

Ich stürzte zur Ziegelei und versteckte mich. Durch ein kleines Loch in der Mauer sah ich etwas Schreckliches.

Stöhnen und Ächzen war rings umher, dazwischen schnitten schrille Schreie und vereinzelte tiefe Seufzer; ein Meer von nacktem Fleisch wallte und zitterte. Kühl und unbeteiligt empfand ich das sinnlos Mechanische des krassen Vorgangs. Ich konnte nicht umhin, etwas insektenhaft Groteskes in dem konvulsivischen Schauspiel zu finden. Ein Blutdunst durchdrang die ganze Gegend; der Schein der Lagerfeuer zuckte über den Fleischtaumel hin, einzelne Gruppen besonders hervorhebend. Ich erinnere mich lebhaft eines bärtigen älteren Mannes, der auf der Erde kauerte und in den Schoss einer Schwangeren starrte. Langsam, blöde murmelte er vor sich hin -- es war wie ein irres Gebet.

Plötzlich vernahm ich in der Nähe lautes Kreischen, wie Frohlocken und Schmerz. -- Zu meinem Entsetzen gewahrte ich, dass eine gelbhaarige Dirne einen Betrunkenen mit den Zähnen entmannt hatte. Ich sah seine glasigen Augen, er wälzte sich in seinem Blute; beinahe gleichzeitig sauste ein Beil herab, der Verstümmelte hatte einen Rächer gefunden. Selbstbeflecker zogen sich in die Schatten der Zelte zurück, weiter droben schallte ein Bravorufen, dort paarten sich unsre Haustiere, vom Taumel ergriffen.

Aber den stärksten Eindruck machte mir der halbwache, etwas blöde Ausdruck dieser erhitzten oder blassen Gesichter, der ahnen liess, dass diese Armen nicht in freier Willensbestimmung handelten. Es waren Automaten, Maschinen, die, in Gang gesetzt, sich selbst überlassen worden waren, -- der Geist musste wo anders hausen!...

De Nemi erschien in Uniform mit einigen Mitgliedern von Jaques’ Bande, das wirkte wie Öl auf die Flamme. Ein Klavier wurde herangeschleppt, de Nemi hämmerte, unausgesetzt von vorne anfangend, den gleichen Gassenhauer herunter. Unter tierisch klingenden Kommandorufen versuchten die Trunkenen, sich kolonnenweise zu paaren. Kinder wurden aufeinandergehetzt. Bis in die vom Flusse aufsteigenden rötlichen Nebel konnte ich das geisterhafte Inferno verfolgen. Der Blutdurst erwachte! Ein riesenhafter, unflätiger Bursche sprang auf, brüllte wie ein Stier und fuhr mit einem langen Messer auf einen andern los. Ein Mord! dann ein zweiter! Der Mann war tobsüchtig geworden; alles Spiel verstummte. Mehrere Weiber wälzten sich kreidebleich in hysterischen Krämpfen auf dem Boden.

Von überall ertönte nun das Heulen der in Mordlust Verfallenen. +So können Tiere nicht brüllen!+ Man erschlug die Wutschäumenden. Es kam zu erbitterten Kämpfen. Die Tore zu den nahegelegenen Kellereien wurden eingeschlagen und grosse Fässer ins Lager gerollt. Alle betranken sich! Eine lärmende Gesellschaft zog sich in die Badeanstalt zurück, hinter ihnen sperrte ein Spassvogel ab. Stundenlang ertönte ein schauriges Hilferufen, aber das berauschte Lager kümmerte sich nicht darum; dann wurde es stiller. -- -- Vollgefressen glitt ein Rudel Krokodile ins Wasser. -- --

Einige schändeten frische Gräber in dem nahen Kirchhofe, ein räudiger Hund warf sich, angelockt von dem Blutdunste, auf eine überfahrene Katze.

Da gewahrte ich neben mir ein zusammengekrümmtes Wesen: -- Brendel, der mich verständnislos anlachte. „Brendel, was gibt’s?“ versuchte ich ihn leise aufzurütteln.

„Melitta“, sagte er langsam und lachte wieder still vor sich hin. -- Ich wusste genug. Der Arme hatte über das Ende seiner Geliebten den Verstand verloren.

Die meisten Feuer erloschen, es wurde stiller. Ich vergewisserte mich, ob ich mich aus meinem Versteck wagen könne. Man hörte nur das Schnarchen der Betrunkenen. Ein grosses Feuer leuchtete noch, es wurde durch das Klavier genährt. In seinem Scheine sah ich jetzt eine breite Gestalt: den Amerikaner.

Er war im Frack, wie bei einem Fest, und rauchte seine unvermeidliche kurze Pfeife. Durch die schlafenden Gestalten bahnte er sich seinen Weg, halbaufgerichtet wollte ihn ein nacktes Weib daran hindern. Aber ratsch! erhielt sie einen Peitschenhieb, worauf auf dem weissen Rücken ein brennend roter Striemen erschien. Dann tauchte er wieder in die Dunkelheit und entfernte sich in der Richtung auf die Stadt zu, von welcher jetzt ein Gedröhne erscholl.

-- Die Stunde des Amerikaners war gekommen!

IX.

In der Stadt wurden Extrablätter verteilt, die von einem neuen Unglück berichteten: der grosse Tempel war in dem See verschwunden, Mönche hatten die Botschaft gebracht. Man vermutete, dass die Grundfesten längst unterwaschen waren und der weiche Sandboden nun nachgegeben hatte. Einige Priester waren beim Singen ihrer Hymnen ertrunken. Sie müssen vom Tode völlig überrascht worden sein, denn ihre Posaunen ertönten noch, als der Bau schon zur Hälfte im Wasser lag. Es war alles sehr schnell vor sich gegangen, die schweren Marmorwände versanken, ohne einzustürzen. Die mit dem Leben davongekommenen heiligen Brüder waren erst durch das Gurgeln des die bunten Scheiben eindrückenden Wassers auf die Gefahr aufmerksam geworden. Infolge ihres Fettes leicht, konnten sie sich durch Schwimmen retten. Das noch immer brennende Licht erleuchtete tief unter Wasser die Tempelfenster, so dass sie glühten, wie Augen von sagenhaften Seeungeheuern. Langsam erlosch dann eines nach dem andern; nur noch die silbernen und goldenen Kuppeln schimmerten und strahlten, bis endlich auch sie von den eindringenden Wogen verschlungen wurden. Die Leiche des ehrwürdigen Oberpriesters spülten die Wellen ans Land, alles übrige fand im Traumsee sein Grab.

Allgemein betrauerte man die märchenhaften Schätze, die hier untergegangen waren, -- und ich besonders, da ich nie Gelegenheit gehabt hatte, diese Pracht mit eigenen Augen zu sehen.

Die grossen Tiere waren nun alle verschwunden. Das brachte einen Nachteil mit sich, den man nicht berechnet hatte. Womit sollte man jetzt seinen Hunger stillen?! Die Herden und Insektenschwärme hatten Felder und Gärten verwüstet. Alle Vorräte wurden schlecht, Eier, gesalzenes und geräuchertes Fleisch verdarben; es stand eine Hungersnot bevor. Da rückten zwei norddeutsche Schwestern mit einem praktischen Vorschlag heraus. Eine von ihnen hatte Chemie studiert und scharfsinnige Versuche angestellt, die ihrer Ansicht nach gelungen waren. Das Paar wollte die vom Negro in Haufen an das Ufer geworfenen Fischleichen durch eine geheime Prozedur entgiften und in essbare Speisen verwandeln. Trotz ihres guten Willens ernteten die zwei Fräuleins schwarzen Undank: sie wurden vom empörten Pöbel gelyncht. --

X.

Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in dem gleichmässigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren, fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.

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Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern erhielten die Traumstädter den Befehl, alle Kadaver in den Fluss zu werfen. Diese Anordnungen waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen schlug einem Leichengeruch entgegen. -- Von dem Lampenbogenschen Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein grosses, dreieckiges Loch konnte man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.

Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken hing er in grossen weisslichen Lappen.

Das Holzhäuschen des Flussaufsehers brach unter der Last seines zu Moos gewordenen Daches.

Das Kaffeehaus starb wie eine Kokette, die sich bemüht, den äusseren Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Aussen war es scheinbar gut erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren konnte. Man sah darin ein paar weisse Knöchelchen und zwischen beiden stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war.

Ich ging durch die verödeten Strassen meinen Lieblingsweg dem Flussufer zu: auch hier derselbe trostlose Anblick. Beim Wasenmeister ein unerhörter Gestank, so dass ich den Fetzen, der mir als Taschentuch diente, vor Mund und Nase halten musste. Die Umfassungsmauer des Hofes war nach dem Negro zu eingestürzt; hinter dem Geröll lagen, zu Hügeln getürmt, Tierleichen; im weiten Umkreise war ein Summen hörbar und auf Schritt und Tritt rührten sich Millionen von Schmeissfliegen. Ich ging zum Strom hinunter, um Luft zu schöpfen, denn da war es immer noch am erträglichsten. Von der Badeanstalt sah man fast nichts mehr. Ein paar Planken und Pfähle, dick mit grünem Schlamm und Schnecken bedeckt, standen noch im Wasser. Auf einmal wurde es hell, und als ich mich heftig erschrocken umwandte, sah ich, dass die Mühle brannte. Die Fenster waren erfüllt von blendendem Feuerschein. Das morsche Gebälk knisterte und knackte. Aus dem spitzen Schindeldach drang Rauch, eine grosse Stichflamme schlug gegen den Himmel, und mit einem Krach stürzte die vordere Wand ein. -- Das von innen erleuchtete Mühlwerk war in Bewegung, man sah wie in den geöffneten Leib eines Menschen. Noch schnurrten die Räder, es drehten sich die Mahlsteine, es erzitterten die Trichter, der Mehlstaub verbreitete einen leichten Nebel durch die Glut. Die Flammen ergriffen gierig die morschen Stiegen und Leitern, und langsam, gleichsam widerstrebend, wurde ein Teil nach dem andern bewegungslos -- wie die Organe eines Sterbenden.

Der grosse Mehlkasten stürzte zuletzt in die Flammen. Wo er gestanden, sah ich ein Paar altmodische Stulpstiefel, in denen halbvermoderte Beine steckten -- brennende Balken verbargen den Rest. Hinter mir hörte ich eine hohle Stimme: „+Ich hab’ es getan! Schon zum vierten Male hab’ ich es getan und ich werde es immer wieder tun!+“

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Es war der Müller. -- Er nahm eine Prise, zog ein Rasiermesser heraus, probierte die Klinge und schnitt sich die Gurgel durch. Er stürzte nieder, wie aus einem Quell rieselte das Blut über seine Brust. Sein Gesicht war zu einer satanischen Grimasse verzerrt. -- -- --

Diebe schlichen in die Klosterkirche, erbrachen das Tabernakel und stahlen mit frechem Finger die edelsteingeschmückten Reliquien. Die Nonnen konnten den Einbruch nicht verhindern, denn sie befanden sich selbst in übler Lage. Ein Haufen Krüppel und Bresthafter, von seinen Suppengängen her mit allen Winkeln des Klosters vertraut, stürmte das Hospital. Ihre drohenden Forderungen nach Lebensmitteln wurden von den Klosterschwestern, die selbst nichts besassen, abschlägig beschieden. Unter rohem Gelächter verlangten sie andersartige Entschädigungen. Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Brut immer näher an die Bedrängten. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden. Kreaturen, strotzend vor Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen Augen, faustgrossen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde und dann starb. Die übrigen Nonnen unterwarfen sich gehorsam dem unerforschlichen Schicksale; nur der achtzigjährigen Oberin blieb diese Prüfung erspart, wohl infolge ihrer heissen Gebete.

XI.

Der Amerikaner trat überall als Herr der Stadt auf -- und doch wäre es auch ihm fast übel gegangen. Er erschien mit seinen Trabanten vor der Bank; jetzt sollten sie entlohnt werden, die Getreuen, so hatte er es versprochen. Alles wunderte sich, dass das massive Tor des grossen, jetzt allerdings etwas ruinenhaften Gebäudes weit offen stand. Bei näherer Untersuchung fanden sich im Haupttresor 83 Kreuzer, Depots waren überhaupt nicht vorhanden. Jaques, de Nemi und die anderen Rottenführer schauten zweifelnd auf den Amerikaner. „Hab’ ich mir’s doch gedacht!“ rief dieser erbost. „Vorwärts zu Blumenstich!“ Den Bankier Blumenstich traf man in seinem Gartensalon mitten unter verfaulten Blumen. Er empfing die Herren ruhig mit einem zwetschenblauen Gesicht -- er war tot. -- Er hatte sich vor einem ihn verfolgenden Hornissenschwarm hierher geflüchtet; während er aus Leibeskräften schrie, wurde er von einem der Insekten in die Zunge gestochen, woran er erstickt war. -- Wieder schaute alles auf den Amerikaner, der sagte dieses Mal nur: „Verdammt!“ -- „Du hast uns Geld versprochen, gib uns von deinem Golde!“ schrien ihn die Erbitterten an. „Sucht es euch selber unter den Trümmern des Hotels!“ rief der Amerikaner grollend und enttäuscht.

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Jaques wechselte mit den andern tückische Blicke, dann trat er, ein Messer verbergend, auf Bell zu, der jede Bewegung scharf beobachtete und mit einem Hieb seines Totschlägers den Meuchler niederstreckte. Kaltblütig stellte sich Herkules Bell gegen die Wand des Gartengebäudes. In jeder Hand hielt er eine Browningpistole und frug mit schallender Stimme: „Welche von euch wollen die ersten sechzehn sein?“

Die Bande hatte es sich leichter gedacht, sie duckte sich und drängte zurück, wurde aber von den rückwärts Brüllenden wieder nach vorne geschoben. Scharf, hell und rasch hintereinander knallten die Schüsse; um den Amerikaner war ein Wall von Leichen, weit mehr als sechzehn, denn die Projektile drangen durch mehrere Körper zugleich. Barhäuptig stand er im Frack, breit und aufrecht, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen. Seine wuchtig in zwei Höckern sich wölbende Stirn gab dem Gesicht etwas Teuflisches, sein starrer Blick wirkte herrisch bändigend auf die Entfesselten. Keiner wagte, ihn anzugreifen oder zu schiessen. Aber immer noch wurde von hinten geschoben. Dem Drucke nachgebend, stürzten die vorderen Reihen über die Erschossenen. Der Menschenknäuel raubte Bell die Freiheit seiner Bewegung. In Brusthöhe, zwei Spannen von seinem Gesicht sah er diese blassen Larven, Parodien auf das Menschenantlitz. Seine Lungen arbeiteten gewaltig, sein Atem keuchte wie eine Dampfmaschine. „Nieder, nieder mit ihm!“ -- drangen unheilverkündende Rufe an seine Ohren, -- da war ihm ein unvorhergesehener Zufall günstig. Derbe Flüche näherten sich und wurden immer lauter.

„Wer ist es?“ wurde gerufen. „Wer?“

„Gotthelf Flattich, der starke Gotthelf! -- Achtung! Obacht!“

Eine kolossale, halbnackte Gestalt bahnte sich einen Weg durch das Gedränge. Die Leute machten murrend Platz für den sich durchdrückenden Neger, der sie um gut anderthalb Kopf überragte. Er war durch das Geschrei angelockt worden und hatte mit einem Blick die Gefahr erfasst, in welcher der Amerikaner schwebte.

„Rührt ihn nicht an!“ brüllte er weithin schallend und schwang drohend mit seinen Riesenarmen eine eiserne Brechstange. Zornig rollten die Augäpfel in seinem schwarzen Gesicht. Die Zunächststehenden riss er zu Boden und rettete so seinem ehemaligen Wohltäter das Leben.

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XII.

Man war vor dem Archiv versammelt. Da öffneten sich beide Flügel des Haupttores und heraus trat Seine Exzellenz, gefolgt von einer kleinen Suite. Der hohe Herr war in goldstrotzender Gala mit allen Orden und trug einen federbesetzten Sturmhut. Von weitem bot er den Anblick eines Paradiesvogels. Diese prachtvolle Uniform sah man eine kleine, rasch errichtete Kanzel besteigen. Ringsum verstummte das Traumvolk.

„Meine Herren, es wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass wir in ungewöhnlichen Zeiten leben. Das muss ein Ende haben und Ordnung wird wieder einkehren. An höchster Stelle wünscht man, die Untertanen glücklich zu sehen. Unser allerhöchster Herr hat sich entschlossen, eine Amnestie auf alle Verbrechen und Vergehen zu erlassen. Ich habe den Befehl erteilt, unser Staatsgefängnis, die Wasserburg, heute noch öffnen zu lassen!“ --

„Schon längst geschehen,“ wurde jetzt höhnisch gerufen, „wir haben sie selber befreit!“ brüllte der Pöbel lachend.

Das Gefängnis befand sich etwa eine kleine Tagereise stromabwärts auf einem Felsenriffe mitten im Negro, unweit des Städtchens Bellamonte.

Nicht ein Wort von der Rede wurde in dem Lärm mehr verstanden -- der hohe Redner machte in einem fort den Mund auf und zu. Endlich überzeugte er sich von der Fruchtlosigkeit seiner Beruhigungsversuche, machte eine kleine Verbeugung und wollte die Kanzel wieder verlassen; als er sich umwandte, vernahm er ein schallendes Spottgelächter; Seiner Exzellenz Hose mit den goldenen Streifen hatte den Boden verloren. „Seltsam, -- wie das Volk sich freut“, dachte er.

Eine plötzliche Detonation erscholl -- Staub -- Dampf. -- Viele Leute wurden ohnmächtig oder zerquetscht. -- Eine Bombe war geschleudert worden -- woher, wusste niemand.

Tote und Schwerverwundete mussten auf Bahren fortgeschafft werden; schaudernd sahen die Träumer auf die blutigen Lasten, die in langen Reihen an ihnen vorbeigetragen wurden.

Seiner Exzellenz waren beide Füsse abgerissen worden, ein Stahlsplitter im Leib hatte ihren Tod verursacht.

XIII.

Ich hatte von alldem nichts erfahren, denn meine Schritte richteten sich gegen den Friedhof. Beunruhigt durch die Grabschändungen, wollte ich nach der Ruhestätte meiner Frau sehen. Der Hügel war unverletzt, das kleine eiserne Kreuz hatte der Rost gänzlich zerfressen.

Von ferne sah ich die frischen Massengräber -- hastig wurden jetzt die Toten verscharrt, vier Schuh Erde mussten genügen. Natürlich zogen die ausströmenden Miasmen Wölfe, Hunde und Schakale an, die in der frisch aufgeworfenen Erde wühlten, und während ihrer Mahlzeiten öfters erlegt werden konnten. Ich müsste mich sehr getäuscht haben, wenn ein dunkles, hochrückiges Geschöpf, das ich hinter den Marmorblöcken der erbrochenen Blumenstichschen Familiengruft sah und das ein wieherndes Lachen ausstiess, keine Hyäne war. Ein bleierner Himmel zog sich über den Gottesacker. Zertretene Immortellen, Zweige und vermoderte Kränze steigerten die gewaltige Melancholie dieses Ortes.

Mich fröstelte, da ich schon lange in keinem Bett mehr gelegen war.

Da fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit eine Ankündigung gelesen hatte, wonach auf den Polizeistationen für Unterkunftslose Decken verteilt wurden. Eine solche Station war an die Leichenhalle angebaut und stand mit dieser in Verbindung. Traurig und mit hängendem Kopf suchte ich sie. Eine weiche Anwandlung durchzog mich, ich hatte das Empfinden, auf nachgiebige Massen, Moos -- Heu -- Werg -- zu treten. Die Zypressen schienen mir auszuweichen; zwischen den hellschimmernden Grabsteinen hindurch sah ich ein niedriges Gebäude aus rohen Ziegelmauern. Ohne viel hinzusehen, las ich das Wort: „Polizeistation“ über der geöffneten Glastüre.

Der Raum, den ich betrat, war sehr notdürftig eingerichtet. Grosse, quadratische Fenster waren in Kopfhöhe angebracht; durch ihre Milchglasscheiben drang spärliches Licht.

An den schadhaften Mauern hingen in schmalen schwarzen Rahmen einzelne Verordnungen, an der Hinterwand über einer geschlossenen Tür sah ich das Bildnis König Ludwigs des Zweiten von Bayern. An der hohen, weissgetünchten Decke waren primitive, rechtwinkelige Gasarme befestigt. Ausserdem befand sich ein langer, schmutziger Tisch in dem Gemach, und darauf lag etwas Grauenerregendes: ein aufgeblähter, kurzer Körper in einer goldüberladenen blutbesudelten Uniform. Er war ganz steif und nur die Beine leicht gekrümmt. Die Füsse fehlten, die Hosen waren unter den Knien zugebunden.

„Das ist der König von Bayern“, schoss es mir durch den Kopf, und da war ich auch schon fest überzeugt davon. Sein schwärzliches, durchsichtiges Kinnbärtchen stand in die Höhe, ich wagte aber das fette Gesicht nicht näher anzusehen, denn ich wusste, dass seine tückischen Augen lebten und mich verfolgten -- und von derartigen Blicken hatte ich für immer genug.

Durch eine Glastüre zu meiner Rechten fiel ein schräger Lichtstreif.

„Vielleicht sind hier die Beamten?“ dachte ich und sah durch das Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes, schmales Gemach geblickt, in welchem +Hunderte+ von Leichnamen aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am Hals zugebunden hatte, so dass nur die Köpfe herausschauten, meistens grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; -- viele wie getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln -- andere waren ganz eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, liessen die verrenkten Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine Tafel, auf der mit grossen Lettern geschrieben stand:

„Halle für plötzlich Verstorbene.“

In weitem Bogen um Ludwig den Zweiten herumgehend, wollte ich das Freie gewinnen; da wurde es mir plötzlich klar, dass der Kurze, Goldstrotzende auf dem Tische gar nicht der König von Bayern, sondern unser Regierungspräsident war. --

„Ich weiss ein Geheimnis,“ sprach ich zu mir, „das will ich für mich behalten. Vielleicht ist es doch der König von Bayern.“ -- --

XIV.

Melancholisches Rabengekrächze fesselte meine Aufmerksamkeit; die schwarzen Vögel sassen in langen Reihen dichtgedrängt auf der Ziegelei. Manchmal erhoben sich ganze Züge und führten in der Luft die exaktesten Schwenkungen aus. Gegen den Fluss zu war der Himmel noch immer von der brennenden Mühle gerötet.

Da wurde ich beinahe überrannt von einem nackten Kerl, der über die Ebene dahinschoss. Hinter ihm eine Hundemeute! Pfeilgerade stürzte er auf mich zu, machte aber im letzten Moment eine scharfe Wendung und kletterte auf einen Baum, der wie ein kahler Besen dastand. Die Gestalt war nur mit Lackschuhen bekleidet und trug einen Turban aus Zeitungspapier. Mit wunderbarer Kraft und Gewandtheit, die man in dem entfleischten Körper nicht vermutet hätte, schwang er sich in die Äste der Linde und klomm trotz eines Gegenstandes, den er beharrlich hinter sich herzerrte, wie ein geschickter Affe immer höher. Das Ding, das er mit sich trug, verwickelte sich beständig in den kleinen Zweigen, und mit komisch wichtiger Gebärde versuchte er, es immer wieder zu lösen. Die Hunde, welche ihn gejagt hatten, standen aufgeregt herum und kläfften zu dem Manne hinauf, als wäre er eine Katze.

Da näherte sich vom Friedhofe her eine Abteilung behelmter Schutzleute.

Dem Mann auf dem Baume entfiel sein Schatz; mit einem Aufschrei sprang das seltsame Individuum herab, haschte nach seinem Eigentum und stürzte davon, -- hinterdrein die Hunde; -- ein grosser, schwarzer Neufundländer war ihm scharf auf den Fersen.

[Illustration]

Einer der Schutzleute zielte auf den ersten Verfolger. -- Der Hund wurde niedergemacht, aber auch der Gehetzte wurde getroffen und stürzte. Jetzt sah ich, dass es Brendel war. Wir standen bei ihm, er versuchte immer wieder, auf die Beine zu kommen. Der Geifer floss dem Irrsinnigen aus dem Munde, er wimmerte. Die kleine Wunde unter dem rechten Schulterblatt gab fast kein Blut von sich. -- Nach und nach wurde er still und kalt -- dann durchfuhr ihn noch einmal ein Zittern und er war tot. -- -- --

Neugierig hoben die Polizisten den Erschossenen auf, um zu sehen, was er denn mit seinem Körper so sorgsam verdeckte: einen verwesten Kopf, an dem dickes, langes, kastanienbraunes Haar hing. Er schien zu leben. Es regte sich in den Augenhöhlen und um die wie angeklebten Lippen -- -- ein Gewimmel von Maden.

XV.

In der Stadt tobte der Aufruhr. Vom Schlossgarten her nahte Militär, mehrere Eskadronen Kürassiere nahmen vor dem Palast Aufstellung, lauter ausgesucht schöne Leute, denen man das Elend der letzten Wochen nicht allzusehr anmerken konnte. Die Brustpanzer und die Helme zeigten wohl Rostspuren, waren sonst aber gut im Stand.

Hinter eilig aufgeworfenen Barrikaden lagen die Empörer in geschützter Stellung; unter der Führung de Nemis, des einzigen fahnenflüchtigen Offiziers Pateras, hatten sie vor einigen Stunden ein Arsenal erbrochen und besassen nun Waffen, so viel sie brauchten.

Die Revolutionäre waren in zehnfacher Überzahl und darauf gründete sich ihr Mut. Gegenüber stampften die Rosse ungeduldig den Boden. Dass die Kanaille Flinten hatte, erfüllte den alten Oberst, den wackern Duschnitzky, mit schwerer Sorge. Übrigens gefielen ihm auch seine Pferde nicht mehr, sie waren nervös, schlecht gefüttert, verwahrlost. Er hatte vorgehabt, mit dem Angriff auf die angesagten Verstärkungen zu warten, aber es war nicht zu säumen; bis die kamen, konnten die Aufrührer schon das Archiv eingenommen haben, und dann hätte sich mit Kavallerie nichts mehr ausrichten lassen. Ausserdem vergrösserten sich die Pflasterwälle von Minute zu Minute.

Einige Leutnants lachten und steckten sich Zigaretten an. Sie wollten die Kerle tüchtig zusammenfegen, sie freuten sich auf die Strassenreinigung, für junge Offiziere ist so etwas immer ein Spass. Gerade aufgerichtet, mit ein wenig stupiden Mienen, harrte die Mannschaft.

Da fiel ein Schuss, ein Reiter stürzte vom Pferde. -- Der Oberst winkte und ritt vor die Front. Sein echtes, verbissenes Soldatengesicht mit der bronzefarbenen gegerbten Haut schien in diesem Augenblick wahrhaft schön. Er salutierte zum schweigenden Palast hinauf -- wie ein „Ave Caesar“ war es -- dann klangen ein paar Hornsignale, und mit einem lauten Hurra warf sich die geschlossene Reitermasse gegen die Barrikaden. Die Pallasche weit vorgestreckt, den gespenstischen Rosshaarbusch nachwehen lassend, hingen die Reiter über den Hälsen ihrer dahinjagenden Pferde. Das scharfe Geknatter einer Salve empfing sie. Vielleicht fünf Kürassiere glitten aus dem Sattel. Aber -- die Pferde versagten -- das war weit schlimmer. Sie stiegen auf, bäumten sich kerzengerade und warfen ihre Herren ab. Unter durchdringendem Wiehern rasten sie in weitem Bogen um den grossen Platz, stürzten sich, die Barrikaden überspringend, mit entsetzlicher Wucht auf Aufrührer und Soldaten, dabei alles niederschlagend, was sich ihnen in den Weg stellte; eine Pferdepanik war ausgebrochen! Die Tiere, welche übernatürliche Kräfte zu haben schienen, waren wie Besessene.

In diesem Moment traf die erwartete Verstärkung ein, die das Unglück noch vergrösserte. Die angekommenen Gäule witterten die gewaltige Bewegung, und wurden sofort mit hineingerissen. Morsche Geschirre und Sattelgurte platzten, und die Reiter, die keinen Halt mehr fühlten, überkollerten sich und wälzten sich am Boden, bevor sie noch recht wussten, wo der Feind war. Aller Lasten ledig, stob die wilde Herde gegen die Kaserne, dass die Funken sprühten.

[Illustration]

Ich stand in der Langen Gasse, als ich ein herannahendes Donnern vernahm -- instinktiv stieg ich auf eine kleine Mauer an der Seitenwand des Kaffeehauses -- da prasselten schon die Hufe auf dem Pflaster -- ich blickte in verstörte, gequollene Augen, -- sah aufgetriebene Nüstern und verzerrte Mäuler -- roch ein paar Augenblicke den scharfen Schweiss -- dann war alles im aufgewirbelten Staub verschwunden, in der Richtung gegen die Felder.

Fett und träge sassen die grossen Geier auf ihren Piedestalen, den Stümpfen der Alleebäume, und sahen gleichgültig auf die Vorbeiziehenden. Nur einem nachhinkenden braunen Gaul, der sich beständig im Kreise drehte, schenkten sie etwas mehr Aufmerksamkeit.

Die aufgeregte Jagd umkreiste die ganze Stadt. Einzelne Versprengte fegten wie blind durch die krummen Gassen, bis sie sich an einer Mauerecke die Schädel einrannten. Die Hauptmasse verkeilte und staute sich mehrmals in engen Passagen und Sackgassen, bis sie auf der Schutthalde anlangte. Da gab’s keinen Ausweg mehr! -- Die Schwachen wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, dass die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. Der alte Oberst wäre wohl erfreut gewesen, wenn er den schönen Erfolg seiner Attacke hätte ansehen können; denn unzählige Aufrührer fanden dabei durch Zertrampeln ihren Tod. Doch eine Faust in weissem Stulphandschuh war alles, was von ihm erkenntlich blieb -- der Rest war in dem Wust von Gliedern, Kürassen, Knochensplittern, Helmen, Sätteln und Zaumzeug vollständig aufgegangen.

XVI.

Das Kaffeehaus war, ehe es gänzlich in sich zusammenfiel, schon derart in seinem Innern baufällig gewesen, dass keine Gäste mehr kommen wollten. Das machte der Wirt seinem Oberkellner zum Vorwurf:

„Sie sehen aus wie ein Schwein!“ sprach er ruhig und begütigend zu ihm. Bei dieser milden Form konnte es also nur der Inhalt des Satzes sein, der in dem falschen Kellner einen gemeinen Wunsch wachrief. Eines Nachts stiess er hinterlistig seinen arglosen Chef in die Kelleröffnung und warf die Falltüre zu. Der Wirt brach sich zwar einen Arm, fiel aber sonst weich wie ein Gummiball infolge des Wirtsspeckes. Obwohl über Anton entrüstet, ahnte er doch nicht die Grösse der Gefahr, in der er schwebte. Der Kellner hatte für sein Verbrechen auf Verbündete gezählt und sich als geübter Zahlkellner nicht verrechnet. Diese furchtbaren Verbündeten waren die Millionen von Ratten, welche die unterirdischen Gewölbe und Katakomben von Perle bevölkerten. Der Wirt, vorläufig im Dunkel nach der falschen Richtung tappend, geriet in den Gang, in dem auch ich seinerzeit so viel ausgestanden hatte.

Vergeblich sucht er einen Ausgang, der gebrochene Arm schwillt an und beginnt heftig zu schmerzen. Er ermattet, ein leises Quietschen wird vernehmlich -- ein Huschen und Hüpfen; erst vereinzelt, -- dann immer stärker, -- hundert-, -- tausendfach. -- -- -- Nun merkt er, in was für eine Falle man ihn gestossen hat, er versucht zu laufen, um sich zu schlagen, immer wieder spürt er die tastenden Händchen -- schwere Klumpen hängen sich an ihn. Der Arm, der sie abstreift, erhält kleine scharfe Bisse. Er versucht, die Feinde herunterzuschütteln. Vier- -- fünf- -- sechsmal gelingt es, dann wirft er sich auf den Boden, um die hungrigen Quäler los zu werden! Es werden vielleicht hundert Ratten zerquetscht und zertreten -- Tausende erstehen dafür und preisen das Glück, das der Schöpfer über das Rattenvolk hat kommen lassen! -- -- --

-- -- Von verschiedenen Leuten wurde mir über merkwürdige Rufe berichtet, über schauerliche Flüche, jammervolle Gebete, dumpfes Gebrüll, das sie aus den verschiedenen Gossen und Kanälen gehört haben wollten. Die angegebenen Orte lagen allerdings ziemlich weit auseinander, aber die Akustik im Traumreich war eine ungewöhnliche.

Der Herr Anton führte nach dem spurlosen Verschwinden seines Brotgebers das Café noch ein paar Stunden fort, sperrte dann und verliess das Lokal. Einnahmen hatte er doch nicht mehr zu erwarten. -- Die Schachspieler blieben. -- Durch ein Spiel des Zufalls kam er mit Castringius zusammen und verbündete sich mit dem ehemaligen Zeichner. Nik hatte seinen Beruf gewechselt. Er bestritt seinen Lebensunterhalt jetzt aus den Ersparnissen anderer Leute -- mit anderen Worten: er stahl, was ihm unter die Finger kam. Seine letzte Arbeit: „Der aussätzige Albino tötet das Urhirn“, hatte er dem Amerikaner gewidmet, dem er zu verstehen gab, dass das Blatt ein „allegorisches Symbol“ sei und einen Wert von hunderttausend Mark repräsentiere. Er könne es für die Lumperei von 5000 haben. Bell lachte und liess den Künstler zur Tür hinauswerfen. In neuester Zeit konnte einem das leicht bei ihm passieren. Castringius ging rachebrütend zu Patera über und schädigte seitdem die Anhänger „dieses verdammten Yankee“ nach seiner Weise. Als er wiederum einmal eine gute Beute getan und sich gerade aus dem Staube machen wollte, spürte er eine fremde Hand in seiner hintern Rocktasche. Zupackend gewahrte er, dass an dieser Hand der Kellner Anton hing! Entschuldigungen, -- Aufklärungen. -- Das Ende war, dass die zwei schönen Seelen von nun an gemeinsame Sache machten. Ihre Spezialität war: Einbruch in verlassene Landhäuser. Im Schlossgarten besassen sie ein Versteck, wo sie die zusammengerafften Reichtümer aufstapelten und vergruben. Eines Tages hatten sie einen besonders vielversprechenden Fischzug vor. Die Villa des früheren Traumspiegelredakteurs, der dem Biss einer Giftschlange erlegen war, stand leer. Die beiden schlichen vorsichtig und möglichst im Dunkeln bleibend ins Gartenviertel. Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder hing eigenen Gedanken nach. Anton hoffte immer auf eine Gelegenheit, sich seines Freundes entledigen zu können. -- Er, nur er allein wäre dann der Erbe gewesen. Castringius hingegen überzählte im Geiste den schon gewonnenen Besitz. Er war befriedigt. -- Noch ein paar glückliche Griffe und er hatte genug, um irgendwo in Europa ein ehrliches, sorgenfreies Künstlerleben zu beginnen.

[Illustration]

-- Man sah sehr schlecht. „Dauert es noch lange?“ frug mürrisch der Kellner.

„Du bist doch sonst dein ganzes Leben gerannt! Dort, das letzte Haus, da sind wir daheim.“ --

Von Bäumen halb verdeckt, unterschied man jetzt einen First. An dem Gartenzaun sicherte Castringius nach allen Seiten.

„Alles soweit in Ordnung, also steige hinüber!“ forderte er seinen Genossen auf.

Jetzt war diesem das Drängen nicht recht, er fürchtete immer eine List des Zeichners. Nach langem Hin und Her stieg Castringius ein -- der andere folgte. Am Stacheldraht blieben die Frackschösse des Kellners hängen. „Ein Opfer des Berufes!“ konstatierte sarkastisch der Genosse. Sie durchstöberten kundig die Wohnung. Weder im Arbeitszimmer des Zeitungsmannes, noch sonstwo fand sich etwas Mitnehmenswertes. Enttäuscht äusserte sich Castringius über den Redakteur.

„Ich begreife mich selbst gar nicht! Wie konnte ich nur einmal vor diesem Menschen Respekt haben? Hier dediziere ich dir dreizehn Jahrgänge des Traumspiegels“, sagte er schadenfroh zu Anton, der missvergnügt die verfallene Möbelpracht ansah, und wies auf eine Bücherreihe.

„Hör mir auf mit deinen blöden Witzen, diesen Mist kannst du dir selbst behalten.“

„Schweig! Lakai! Was verstehst du von Höherem? Diese Bände enthalten fast die ganze Produktion eines Künstlers, der dir ewig fremd bleiben wird. Dein Horizont reicht kaum für die Arbeiten meines geschätzten Kollegen!“ Mit einem Blick voll verächtlichen Mitleids strafte er Anton.

Im Schlafzimmer fahndeten sie nach brauchbarer Garderobe. -- Ein unterdrückter Seufzer! -- „Hast du gehört?“ frug zitternd der abergläubische Kellner und liess vor Angst beinahe das Licht fallen. Auf dem Bette hockte, in eine Decke gewickelt, die zusammengekauerte Gestalt eines kaum entwickelten Mädchens, das die Eindringlinge zu Tod erschrocken mit grossen Augen anstarrte: „Luischen, das Töchterchen meines Redakteurs?! -- Gehört selbstverständlich mir!“ rief fröhlich Castringius und näherte sich unter Verbeugungen dem eingeschüchterten Kinde.

„Bitte, wir teilen! Wie ausgemacht!“ Sofort regte sich bei dem wieder mutig gewordenen die Eifersucht.

[Illustration]

Castringius wandte sich um, die Stirne vorgebeugt, wie ein Bulle -- nein, einem betrunkenen Ochsenfrosch glich er; er glotzte den dünnen, durch schlechte Nahrung heruntergekommenen Kellner an. Seine kurzen, stämmigen Beine standen unverrückbar, die langen Arme mit den fürchterlichen Tatzen einige Male schlenkernd, knurrte er dumpf:

„Mein Herr, hier habe ich wohl ältere Rechte. Mit einem Flegel wie du teile ich nicht; wenn du willst, so probiere es.“

Er fletschte die Zähne. -- Er kannte seine Kraft, konnte ihr vertrauen.

Anton, der Geriebenere, war seit dem Bestehen des Kompaniegeschäftes auf eine solche Szene vorbereitet und trug vorsichtshalber ein Gegenmittel im Sack. Unvermutet flog der ersten Kraft des Traumspiegels eine Handvoll gemahlenen Pfeffers ins Gesicht. --

Der so Geblendete griff aufs Geratewohl zu, packte seinen Gegner an der Brust und riss ihn zu sich heran. Die Schiffsschrauben schlossen sich hinter seinem Rücken, Anton knickte ein. Beide, der Lange und der Kurze, wälzten sich auf dem Boden, zuerst rollten sie durchs ganze Gemach, dann durch die offene Tür auf die Altane hinaus. Dass das Geländer zerbrochen war, merkten die sich wütend umschlungen haltenden nicht. Sie flogen vom Balkon auf das Dach der angebauten Waschküche, glitten weiter abwärts und stürzten in die geöffnete Senkgrube.

Es gab einen dumpfen Plumps ..... dann stiegen einige Blasen auf ......

XVII.

„Die Liebe des Fleisches ist nichts als der Wille des Dings an sich, in die Zeitlichkeit einzudringen. Wie könnt ihr so vermessen sein, das Ding an sich zu zwingen? Ihr unterscheidet nicht das Ding an sich von den anderen Dingen. Vom philosophischen Standpunkt aus muss ich eure Handlungen verdammen.“ So sprach der Friseur angesichts der Saturnalien auf den Tomassevicfeldern.

Da er mit seinen zur Feier des Tags durchaus nicht passenden Tiraden nicht aufhören wollte, warf man ihm eine Schlinge um den Hals und hing ihn an das Schild seines Barbierladens. Hier baumelte er unter einem Messingbecken. Ein Spassvogel, der ihn so sah, nahm eine Pappdeckeltafel von der Hauswand und befestigte sie an den Beinen des Zeit- und Raumforschers, wo nun zu lesen stand: „Zu vermieten!“

Lampenbogen lebte gut bis zum letzten Tage, während seine Patienten auf halbe oder gar viertel Diät gesetzt waren. Traummenschen nehmen das übel, und es entstand eine kleine Barackenrevolution, wacker von dem Wärter unterstützt, der lieber frei und bei den grossen Ereignissen draussen gewesen wäre, als dass er hier seinen unangenehmen Dienst versorgte. Der Eisschrank barg noch drei gebratene Hühner, ein Paket Schokolade und einen Laib Käse. Von diesen Privatvorräten verlangten die Kranken einen Anteil, obwohl der Zustand dieser Speisen keineswegs verlockend war. Lampenbogen wollte nichts herausgeben. Dann müsse er sterben -- hiess es. -- Das wollte er auch nicht. -- Die wütenden Patienten verständigten sich rasch untereinander und fielen eines Tages über ihren Arzt her. Die Schwerkranken sahen vom Bett aus zu, wie der Wärter ihn mit den andern überwältigte. Eine arme Frau mit zerschmettertem Kiefer träufelte sorgfältig Chloroform auf den in seinem Fett Stöhnenden. Kranke sind selten mitleidig, dazu haben sie selbst zu viel gelitten. Als der Dicke betäubt war, stärkte man sich an den Köstlichkeiten im erbrochenen Eisschrank. Lampenbogen wurde mit Hilfe eines Gasrohres gepfählt. Den Geschwächten verursachte dieses Werk langwierige Arbeit. Der Wärter legte Feuer an, um die Spuren der Untat zu verwischen. So endete Lampenbogen seine Existenz als Spiessbraten, und zwar als ein schlechter; der obere Teil war grösstenteils roh, kaum gebräunt, die Bauchteile dagegen gänzlich verkohlt. Nur an den Seiten war er richtig knusperig.

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XVIII.

Mit ängstlichen, schnellen Schrittchen läuft ein alter Mann ohne Hut durch die Lange Gasse zum Fluss. Die Schösse des Hausrockes flattern ihm wie Flügel nach, seine Weste ist nur halb zugeknöpft. Lebhaft nickt der Alte mit dem Kopfe und ist vollständig in Selbstgesprächen verloren. Am Wasser angelangt, bleibt er ein paar Augenblicke unschlüssig stehen. Gravitätisch, einem Reiher ähnlich, steigt er im Sande auf und nieder, sich selbst einen Vortrag haltend. Der Negro raunt -- bald ist es, als wäre er hungrig, und seine Wellen lecken löffelweise den Sand vom Ufer, bald klagt er in vielstimmigem, mystischem Gesang. Am Brückenpfeiler leuchtet eine trübe Laterne, bewegte glänzende Flecke tanzen auf dem Wasserspiegel. Der alte Mann watet kurz entschlossen in die Flut. Zunächst reichen ihm die Wellen nur bis zu den Knien, umständlich zieht er ein Futteral heraus und setzt sich eine Brille auf die Nase. Das Futteral schiebt er wieder in die Tasche. Noch ein paar Schritte weiter -- das Wasser reicht ihm jetzt schon bis zu den mageren Hüften. Der Alte hat zu kämpfen, sonst reisst ihn die Strömung mit sich fort. Während er aufs heftigste seltsame Liebesschwüre spricht, presst er die Hände auf das Herz. -- Jetzt zieht er einen unerkennbaren kleinen Gegenstand heraus, kurzsichtig hält er ihn knapp vor die Augen -- dann beugt er sich zum Wasser hinab, das er zu untersuchen scheint -- es reicht ihm bereits bis an den Hals, jetzt bis an die Nase -- -- -- gleich darauf ist nur noch ein kleines Inselchen weisser Haare sichtbar -- -- Wie ein winziges Schiffchen führt der Strom ein glänzendes Dingelchen mit sich, er dreht es im Kreise und lässt es auf seinen Wellen schaukeln ... es ist eine kleine Schachtel mit Silberpapier beklebt ... Acarina Felicitas!...

XIX.

Am Bahnhofe frass der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mit Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten die Wehmutslieder der Unken. Über die Büfetts krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins graue Dunkel erstreckte.

Aber er +gab+ nicht nur, er +nahm+ auch Leben. Unzählige Träumer, Bauern, Fischer, schlummerten in seiner nassen Erde. -- Der Trügerische! Wie harmlos vermochte er auszusehen, während unter der Moosdecke sich die Schlangen knäulten. Er konnte auch geräuschlos gespenstische haushohe Flammen aufsteigen lassen, und die nistenden Wasservögel erschrecken. Am eigenen Leibe vermochte er sich reichlich zu nähren -- seine Tiger frassen seine Schweine -- seine Füchse jagten seine Rehe.

Diese Wildnis galt im Traumlande für heilig. An gewissen Plätzen befanden sich uralte, bemooste Steine, in denen unverständliche, verwitterte Zeichen eingegraben waren. Hierher pflegten die Jäger die Eingeweide des erlegten Wildbrets zu tragen, die Fischer opferten da die Lebern der Hechte und Welse, Landleute brachten einen Bund Getreide dar oder schichteten Äpfel und Weintrauben zu kleinen Pyramiden. Der Sumpf nahm allezeit diese Gaben gnädig an und verzehrte sie. Patera kam in früheren Jahren oft hierher und wagte sich allein bei Nacht diesen heiligen Orten zu nähern. Wie ich erfahren habe, opferte er im Namen des Traumvolkes „der Sumpfmutter“ -- und verband sich aufs neue mit ihr -- in Mysterien, in denen Blut und Geschlecht besonders bedeutsam waren. -- Nun war er lange nicht mehr dagewesen, und heute wusste jedermann von diesen Geheimnissen und fluchte, und schwur „beim Blut Pateras“ -- -- -- Die Folgen davon wurden überall deutlich. Ein alter Tempelspruch „Auf Blut steht Wahnsinn!“ -- war in Erfüllung gegangen. Erwähnen will ich noch, dass der blauäugige Stamm jenseits des Flusses all diesen Bräuchen fern blieb. Weitab von diesen Stätten zwischen den verkümmerten Gebüschen und den niederen Nadelholzbäumen waren buntbemalte Holzsäulen in den weichen Boden gerammt. Das waren auch geweihte Orte, doch anderer Art. Hier wurden die „fröhlichen Nächte“ gefeiert. Die Traumbauern führten zur Erntezeit an bestimmten Abenden Leiterwagen voll Heu und Blumen dahin. Meterhoch wurde der Boden mit der frischen duftenden Ladung bedeckt. Man entfachte ein Feuer -- schäumend floss der Most aus dem Spundloch, die Freude der festlich geschmückten Teilnehmer tobte.

Nach lustiger Erzählung, Spiel, Tanz und reichlicher Mahlzeit blies meist ein warmer und nach Frucht duftender Wind die Feuer aus. Die Paare blieben, jedes in seinem Nest, bis zum Morgen.

In dem grossen, wackligen Maschinenhaus beim Bahnhof roch es noch immer wie in einer Menagerie. Der scharfe Unflat der Tiere, welche hier ihren Unterschlupf gehabt hatten, war gemischt mit dem schwärzlichen Schlammwasser, das in grossen Lachen stand. Heute bewegte sich in der feuchten, versandeten Halle eine Gestalt, in einen Kapuzenmantel gehüllt; emsig klopfte und arbeitete der einsame Heizer an einer rostigen alten Lokomotive herum. Er untersuchte alle Teile genau und ölte verschwenderisch. Dann schürte er wieder und beim Aufreissen der Feuerungstüre wurde sein schwitzendes, tatkräftiges Gesicht vom Glanze der roten Glut erleuchtet: Herkules Bell.

Schon Wochen vorher hatte er die Bahnstrecke untersucht und alle Weichen richtig gestellt. Die Maschine, anfangs träge und knirschend, fing nun an zu schnauben, Bell fuhr mit ihr aus dem wackeligen Bau. Ein paar aufgescheuchte Eulen begleiteten ihn. Mit Hilfe einer vorher ausprobierten Drehscheibe gelang es ihm nach und nach, das Hauptgeleise zu erreichen. Sein Kohlenvorrat genügte -- schlimmstenfalls konnte er ihn auf einer Zwischenstation ergänzen.

Die Anstrengung hatte ihm heiss gemacht, er legte seinen Mantel ab. Nochmals das Feuer speisend, warf er einen Blick auf das Manometer und riss am Hebel. Das alte Vehikel setzte sich in Bewegung. -- Es war eine gefährliche Fahrt, denn der niedere Bahndamm war halb zerstört. Zeitweise überschwemmte das Sumpfwasser auf lange Strecken die Geleise, vorne spritzte es hoch auf, die Räder mähten wuchernde Binsen; hinter sich liessen sie eine lange Kielwelle.

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Der Fahrende atmete die schwefeligen Dünste des aufgewühlten, stagnierenden Morastes. In der Ferne unterschied er die undeutlichen, weisslichen Trümmer einer längst zu Grunde gegangenen altpersischen Niederlassung.

Er heizte, dass der Kessel zu springen drohte, die Feuerstelle und die angrenzenden Stahlteile röteten sich, die Lokomotive hüpfte auf den verbogenen und zerfressenen Schienen. Er dampfte an den verlassenen Bauernhöfen vorbei, den ausgestorbenen Landgütern, den dürren Wäldern. -- Einmal musste er anhalten, um den Kadaver eines halbausgefressenen Gauls von den Geleisen zu zerren. Dann keuchte und rasselte es wieder und nach zwei Stunden hielt er auf freiem Felde. Er versorgte sein Feuer, spuckte auf den Kessel, dass es zischte und sprang ab. Eine Zeitlang folgte er dem Schienenstrang und verschwand dann in einem kleinen, von Baumriesen bestanden Tale. Die vertrockneten Ranken und die niederhängenden Baumbärte versuchten den Eilenden zu hindern. Nach einer halbstündigen Wanderung bemerkte er ein matt erleuchtetes Fenster, dahinter stieg eine schwarze Wand scheinbar bis in die Unendlichkeit des Himmels. Der Amerikaner öffnete mit sicherer Hand ein Gartenpförtchen, schlich sich an das Fenster und schaute hinein.

Auf einem tintenbeklexten Tisch brannte eine Petroleumlampe mit grünem Schirm. Beschriebenes Papier, Formulare, Siegelwachs, Bleiplomben lagen verstreut umher; auf einer niederen Balustrade erblickte man Werkzeuge, Nägel, Bindfaden. Das Prunkstück des engen Raumes stellte das sehr schlechte, von einer Anstalt in Perle verbreitete, lebensgrosse Brustbild Pateras dar. -- Das war die Kanzlei des Grenzwächters des Traumreiches. Der alte Mann selbst schlief in einem mit Wachstuch überzogenen Lehnstuhl. Sein bärtiges Haupt war lässig in die eine Hand gestützt, er machte den Eindruck der Schwächlichkeit. Vorschriftsmässig hatte er den Schlüssel zur sogenannten „kleinen Tür“, einem nur für einzelne Personen bestimmten Torausschnitt der grossen Mauer, am Gürtel in einem Karabiner hängen; der meterlange Hauptschlüssel war in einem eisernen Kassenschrank verwahrt. Mit seinen beiden Söhnen versorgte der Bejahrte den schwierigen Dienst; nebenan war die Privatwohnung. Daran schloss sich die Kaserne der Grenzaufseher und Zollbeamten. Beide Gebäude lehnten sich mit ihrer Rückwand gegen die kolossale Umfassungsmauer.

Alle Details waren dem Späher genau bekannt. Überraschend schnell verfinsterte es sich jetzt, so dass Bell, an die gleichmässige Dämmerung gewöhnt, sich verwundert umschaute, und hinter den fast bis an den Boden niederhängenden Wolken kaum mehr die Blechdächer der bei der Anfangsstation gelegenen Speicher erkennen konnte. -- Katzenhaft geräuschlos trat er in den überhitzten Raum und schob die Kapuze zurück. In der Rechten hielt er den schweren, eisernen Hebel der Lokomotive. „Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt nicht mehr an“, reflektierte er, dabei unverwandt den Schläfer beobachtend. Dieser machte eine unwillkürliche Bewegung mit dem Kopfe und liess ihn hintüber auf die Lehne fallen. -- Da, ein wohlgezielter Hieb mit der Eisenstange! -- es klang, wie wenn man mit der flachen Hand auf das Wasser klatscht. Der kraftvolle Schlag hatte das Stirnbein genau in der Mitte getroffen und zerschmettert, und beide Augäpfel aus ihren Höhlen getrieben, wodurch der Ermordete mit seinem Barte eine schauerlich groteske Fratze schnitt. Ein tiefes, leises Beben durchfuhr den im Stuhle ruhig Sitzenbleibenden.

Komisch geziert verbeugte sich der Amerikaner vor dem Bildnis Pateras. „Doch einmal überlistet!“ Dann nahm er den Schlüssel vom Gürtel des Getöteten, seine Bewegungen waren rasch und sicher. Neben dem Lehnstuhl stand am Boden eine Blendlaterne. Während er sich danach bückte, fühlte er, wie sich etwas fest um sein Handgelenk schloss. +Es war der Tote+, oder vielmehr nur seine gelben Finger, die er gestreift haben musste. -- Die Leiche lag hilflos und still da. Aber in ihren schrecklichen Fingern lebte eine so unermessliche Kraft, dass sie auch ein Stück Stahl wie Teig zerdrückt hätten. Bell schrie: „Das ist Patera!“ Es war ihm deutlich, dass bei diesem mechanischen Anwachsen des Druckes in etlichen Minuten sein Gelenk durchquetscht sein musste. Schon verlor er das Empfinden in dem langsam immer mehr gepressten Glied. -- -- Er schälte mit den Zähnen das Fleisch von der Handwurzel des grausigen Gegners -- aber das ging alles noch viel zu langsam, die Hand war verloren. -- In diesem grässlichen Augenblick sah er auf der Balustrade ein geöffnetes Gartenmesser. Ein Sprung -- und er war dort; die Leiche flog als lästiges Anhängsel mit. Mit kunstgerechten Schnitten trennte er die Hand des Toten vom Körper ab, -- sie fiel sofort schlaff herunter. Bell stiess einen mystisch klingenden Seufzer der Erleichterung aus. Gleichmässig freundlich lächelnd blickte Pateras Bild mit den geölten und gescheitelten Locken auf ihn herab. Mit der Blendlaterne lief er davon.

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An der Mauer nahm ihn der gewaltige Tunnel auf. Der Amerikaner war in grosser Erregung; jetzt sollte es sich zeigen, ob sein Plan gelungen war, seinen Berechnungen nach musste europäische Hilfe in nächster Nähe sein. +Er brauchte sie, musste sie haben+; +allein+ konnte selbst er mit dem von Stunde zu Stunde gefährlicher werdenden Traumpöbel nicht fertig werden.

Er schloss die „kleine Tür“ auf, und trat in die frische, kalte Nachtluft hinaus. Dann liess er eine mitgebrachte Rakete steigen -- eine Fontäne geschmolzenen Goldes schoss gegen den Nachthimmel; ganz oben beschrieb sie einige wunderliche Kurven und zersprühte in einem Büschel Sterne. Fieberhaft wartete der Amerikaner, ob dieses Signal irgendeine Wirkung haben würde; .... Nichts!.... schwarz und still blieb alles rings umher. -- Falsch gerechnet! -- -- Mit enttäuschter Wut betrachtete er beim Schein seiner Laterne das monumentale eherne Tor mit den schweren Eisenbändern. Sollte er wieder zurück? -- Noch einen Blick warf er in die Weite. Da huschte mit einem Male eine gespenstische Lichterscheinung über das Firmament, -- nur sekundenlang, dann verschwand sie ebenso schnell. Aber nochmals erstrahlte sie in bläulichem Glänze wie ein Komet. -- +Das waren die Scheinwerfer der Russen.+ -- Wildeste Freude und stolze Genugtuung erfüllte den willensstarken Mann. Gewonnen!! -- und Bell lief was er konnte zurück, das Tor für die Truppen offen lassend. Das Lichtpünktchen der Laterne verschwand hinter den Hügeln, atemlos gelangte er zu seiner Lokomotive. -- Die Grenzaufseher, echte Söhne des Archivs, hatten von diesen Vorgängen nichts gemerkt.

Der Amerikaner liess seine alte Maschine rückwärts fahren, unausgesetzt schürte er nach, ein langer Feuerstreifen, aus dem Rauchfang kommend, bewegte sich rasch durch die vollständig dunkle Wüstenei. Die unternehmende Kühnheit Amerikas hatte triumphiert. Bell setzte in überschäumender Lust die Dampfpfeife in Tätigkeit, schrill, schmerzlich klagend, ertönte ihr Ruf durch die Finsternis. „Und jetzt wollen wir Ordnung in dieses Land bringen!“ gelobte er sich. Der Schmerz in seiner hochgeschwollenen Hand war mittlerweile aufdringlich geworden. Vergeblich trachtete er, ihn durch einreiben mit Maschinenöl zu lindern. Aber seine sieghafte Freude wurde kaum gestört.

In der Richtung auf Perle fing der Himmel sich zu röten an -- -- ein greller Schein, der rasch stärker wurde, sich an der Wolkenbank brach und bald den ganzen Horizont einnahm. Besorgt schaute der Amerikaner auf diese neue Glut. Das rostige Ungetüm schob sich jetzt, ohne seine Geschwindigkeit zu vermindern, durch das Schlammeer. Die schwarze, hohe Bugwelle, die es vor sich hertrieb, überschüttete den Führer mit schleimigem Wasser. Die Stücke einer mitten entzwei gerissenen Natter wurden hereingeschleudert und ringelten sich zu seinen Füssen. Der heisse Aschenkasten, fast zur Hälfte im Wasser, zischte in der fettigen Nässe, das Manometer stand auf 99, jeden Moment konnte der Kessel explodieren. Mit einer schweren Zange drückte der Amerikaner das Ventil nieder, um den überschüssigen Dampf zurückzuhalten.

Als die Bahnstation in Sicht kam, hielt er an und sprang ungeduldig ab. Die Lokomotive überliess er ihrem Schicksal und jagte in die Stadt.

Da war alles in brennende Röte getaucht, das Archiv stand in Flammen. Fortwährend fanden kleine Staubexplosionen statt, -- hoch in die Luft schleuderte die Lohe die brennenden Papierfetzen, die feurigen Vögeln gleich über die Stadt hinflogen. Eine laut heulende und lachende Menge wogte in den heissen Strassen.

Den Amerikaner erfasste ein Schauder, er musste sich auf einen Steinhaufen setzen. Matt und kraftlos presste er die Worte heraus:

„Patera überlässt seinem Nachfolger nur die Exkremente.“

XX.

Als das Archiv mit seinen Schätzen in Flammen aufging, sass ich auf meinem alten Lieblingsplatze am Strom, dessen Gewässer die Himmelsglut spiegelte. Die noch nie dagewesenen Dinge, welche ich in der letzten Zeit mit angesehen, hatten mich aus meiner Apathie aufgerüttelt. Ich fühlte mein erstarrtes Herz tauen -- das übermenschliche Unglück der Traumstädter drohte mich zu erdrücken. Ich hoffte auf den Tod, gleichviel in welcher Gestalt er mich überfallen würde. Dass mit dieser Schreckensnacht alles aus sein müsse, schien nur zu klar. Aber warum wartet das Schicksal so lange und übertrifft sich selbst im Anhäufen qualvollster Martern?

Störungen des Sehvermögens überfielen nun die Traumleute. Zuerst war es ein Regenbogenschein, der die Gegenstände umgab. Später verschoben sich für ihre Augen alle natürlichen Proportionen, kleine Häuschen hielten sie für vielstöckige Türme, die falschen Perspektiven täuschten sie und verursachten ihnen Bangigkeit, sie glaubten sich eingeschlossen, wo sie es nicht waren. Es kam ihnen vor, als hingen die Gebäude gegen die Strassen hinüber, oder balanzierten auf zu schmalen Fundamenten. Ihnen entgegenkommende Menschen verdoppelten oder vervielfachten sich, wurden zu Ansammlungen! Sie hoben die Beine, um über eingebildete Hindernisse hinweg zu schreiten, tasteten sich auf allen vieren den Boden entlang, stets vor sich einen Abgrund wähnend.

Viele Menschen verfielen dem Massenselbstmord. Verfolgt und abgehetzt bis zum äussersten, waren sie die widerstandslose Beute von Träumen geworden, in welchen ihnen der Befehl zur eigenen Vernichtung erteilt wurde. Was noch übrig blieb, war dermassen verwirrt im Kopf, dass sie wahrscheinlich die Bitterkeit ihrer letzten Stunden nicht gespürt haben.

Plötzlich hiess es, Patera sei selbst erschienen. Von vier Dienern habe er sich in einer Sänfte auf den Markt tragen lassen, eine spitze Tiara auf dem Haupte, angetan mit einem grünsamtenen Mantel, der reich mit Perlenstickerei verziert war, wie ein Kardinal die Leute segnend. Der Amerikaner, seiner ansichtig werdend, habe einen Pflasterstein ergriffen und sich wie ein Rasender auf den Herrn gestürzt. Zertrümmert flog die Krone in den Staub. Der Kopf -- ein Wachspuppenkopf -- zerschellte wie eine Eierschale; die Augen waren mit Quecksilber gefüllte Glaskugeln, die Prunkkleider waren mit Stroh ausgestopft gewesen, -- der Meister eine Mystifikation, nichts weiter!

Das Militär hatte längst seine Patronen verschossen. Es rannte in schmierigen roten Hosen im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett auf die zerlumpten Tollwütigen. Durch Schnaps angefeuert, kannten sie kein Pardon. Der Amerikaner stellte sich auf die Seite der Soldaten, welche dem herrisch auftretenden Mann, seitdem sie von der Wachspuppe gehört hatten, zujubelten. Archiv, Post, Bank brannten und erleuchteten die Strassen taghell.

Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. In diesem, in allen Farben der Verwesung schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren Männer stiessen die schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie von den Ausdünstungen betäubt, untergingen. Der grosse Platz glich einer gigantischen Kloake, in welcher man mit letzter Kraft einander würgte und biss und schliesslich verendete.

Aus Fensterlöchern hingen die starren Leiber entseelter Zuschauer, deren gebrochene Blicke dieses Königreich des Todes spiegelten.

Verrenkte Arme und Beine, gespreizte Finger und geballte Fäuste, geblähte Tierbäuche, Pferdeschädel, zwischen den langen gelben Zähnen die wulstige blaue Zunge weit vorgestreckt, so schob sich die Phalanx des Untergangs unaufhaltsam vorwärts. Greller Lichtschein flackerte und belebte diese Apotheose Pateras.

XXI.

Unberührt von allem, was sich begab, blieben die Blauäugigen. Sie blickten ruhig über den Fluss. Allerdings musste auch bei ihnen etwas vorgehen, denn vor ihren sonderbaren Wohnstätten hatten sie grosse Kessel aufgestellt. Tag und Nacht sah man sie daran herumhantieren. Augenscheinlich wurde etwas gekocht. Der Wind trug einen beissenden, übelriechenden Qualm herüber, der zum Husten reizte. Der Gestank verwandelte sich bald in Wohlgeruch. Die Blauäugigen, die sonst so ernst und bedächtig waren, tanzten jetzt um die Kessel und sangen monotone, schleppende Chöre. Unsere Banden wollten hinüber. -- Längst hatte man herausbekommen, dass man in der Vorstadt lange nicht so unter dem Ungeziefer und dem Schmutz litt. Die Brücke war jedoch eingestürzt und fortgeschwemmt worden. Boote gab es nicht mehr, ein Schwimmversuch zwischen den Reptilien des Stromes wäre Selbstmord gewesen.

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Ich weilte am Ufer, wo ich auf einem Brückenpfeiler sass. Nicht mehr fähig, diese Szenen, die meine Fassungskraft übertrafen, zu ertragen, wollte ich meinem Leben ein gewaltsames Ende bereiten. Fasziniert starrte ich in die trüben Fluten, die ich mir zum Grabe erkoren hatte. -- Im nächsten Augenblick sollten sie mich aufnehmen. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass mir etwas ungeheuer Grosses jetzt bevorstehen müsse. Langsam, ganz allmählich liess ich mich hinuntergleiten, -- +es war wie im Traum!+

Unter gurgelndem Sausen bildete sich mitten im Wasser ein gähnender Trichter und ein schwarzes Loch saugte den Strom in sich. Die noch immer glimmenden Überreste der Mühle versanken zischend in weissen Dämpfen.

Die Lange Gasse stürzte in sich zusammen, ich erblickte infolgedessen den Palast, der von hier aus sonst nicht sichtbar gewesen war. Hellrot beschienen und erhaben ragte seine geschlossene Masse über die Trümmer. Ich dachte, jetzt müssten Posaunen ertönen, das jüngste Gericht sei angebrochen. In tobenden Katarakten stürzte sich der Negro in das gierig geöffnete Maul des schwarzen Strudels, das sich auf seinem Grunde aufgetan hatte. Fische und Krebse zappelten im Schlamm und blieben an den Wasserpflanzen hängen.

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Da gewahrte ich eine kleine Schar Männer am jenseitigen Ufer, die durch das sandige Flussbett herüberkamen: die Blauäugigen. Gesenkten Hauptes schritten sie an mir vorbei. Zuerst ein gebücktes Wesen mit einem vielfach gefurchten, wie zersprungenen Gesicht, als wäre es tausend Jahre alt. Von dem ungewöhnlich hohen Schädel fielen lange schlichte Silbersträhnen. Es kam mir einen Augenblick in den Sinn, es könne eine Frau sein. Dann die andern! Lauter hohe, abgezehrte Gestalten. Der letzte, ein wenig grösser und aufrechter schreitend, blickte sich nach mir um. Ich schaute in das schönste Gesicht, das ich je gesehen habe, das Antlitz Pateras ausgenommen. Wie aus Porzellan geformt war das reine Eirund des Kopfes. Mit den durchsichtig dünnen Nasenflügeln, dem schmalen, etwas eingedrückten Kinn, kam mir der Mann wie ein überfeinerter Mandschuprinz oder wie ein Engel aus einer buddhistischen Legende vor. Seine schlanken, langen Gelenke sprachen von äusserster Entwicklung der Rasse. Alles Haar war abgeschabt und vollkommen glatt spannte sich seine Haut. Mit einem unvergleichlichen Blick aus seinen blauen Augen sah er mich an. Das konnte keine Zurückweisung sein -- ich folgte ihm nach.

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Da dehnte und streckte sich der Boden wie Kautschuk, ein betäubender Knall wie von vielen hundert Kanonen erschütterte die Luft. Langsam neigte sich die Fassade des Palastes, bog sich wie ein Fahnentuch im Wind und begrub den grossen Platz unter ihrem Angesicht. --

Von allen Türmen Perles ertönten die Glocken, melodisch, imposant läuteten sie den Schwanengesang der sterbenden Stadt. Ich war zu Tränen gerührt, mir war als schritte ich im Leichenzug beim Begräbnis des Traumreiches.

Ich folgte den blauäugigen Männern durch ein schmales Tor, das in die Felswand eingelassen war. Im trüben Licht einzelner Fackeln führte eine lange Stiege mit ungleichmässigen Stufen empor. Meine Führer verschwanden in einem Felsgeschoss, das seitlich in die Wand gegraben war. Ich aber stieg immer höher, um mich nach einem geschützten Platz umzusehen und gelangte wieder ins Freie und sah den geröteten Himmel über mir. Ich befand mich in der alten Bergfestung. Einzelne Geschütze standen noch auf die Stadt gerichtet, sonst waren die Lafetten zerbrochen und die bronzenen Rohre lagen verstreut auf den Wällen. Schroff fiel hier die Bergwand einige hundert Meter ab. Ich setzte mich. Unter mir sah ich ein Labyrinth von Gängen, ich traute meinen Augen kaum! Die Stadt war vollständig unterminiert gewesen wie ein Maulwurfsbau. Ein breiter Tunnel verband den Palast mit der Vorstadt, andere reichten bis weit in das Land hinein. Diese nun offen daliegenden Gänge füllte jetzt das dunkle Wasser des Negro, alles was noch stand, versank allmählich in ihnen. -- Von der anderen Seite flutete der Sumpf immer näher heran.

Das Geläute war verstummt, die Türme eingestürzt, nur der grosse Uhrturm stand noch, seine mächtige Glocke summte in tiefen Basstönen. Leben sah ich kaum mehr. Ein kleiner Trupp Menschen schien nur entronnen zu sein. Sie schossen nach allen Richtungen auseinander und fuhren dann wieder auf einen Punkt zusammen, wie Marionetten, von einer einzigen Schnur regiert; so sahen sie von hier oben aus. --

Zwecklos schienen die Leute da unten herumgehetzt zu werden. Endlich rasten alle, einem unsichtbaren Kommando folgend, über die Trümmer in erstaunlichen, letzten Sprüngen gegen den Strom, setzten durch sein leeres Bett und warfen sich gegen die Vorstadt.

Aus einem grossen Loch in der Erde blies ein eiskalter Wind bis zu mir herauf, so dass die Flüchtenden über den Haufen purzelten. Das unheimliche Loch atmete die ausgestossene Luft wieder ein, Bretter, Balken und Menschen verschwanden in ihm; wie eine Windhose war es anzusehen. -- Nur einige wenige entkamen und wollten sich in den Häuschen der Vorstadt verstecken. Dann hörten die Windstösse auf, und vorsichtig streckte sich ein Kamelskopf aus dem dunklen Loche. Er sass an einem endlosen Halse, blickte sich klug um und hob sich bis zur Höhe meines Standortes. Da lachte er lautlos und zog sich wieder zurück.

Die Hütten fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit ihren Armen nach den Eindringlingen, die Strohdächer sträubten ihr struppiges Haar, die Zelte blähten sich, als beherbergten sie Winde, die Bäume griffen mit ihren Ästen nach den Menschen, die Stangen bogen sich wie Rohre, schliesslich kletterten die Tempelchen und Häuser aufeinander und +sprachen+ mit entsetzlich lauter, vernehmlicher Stimme in schnarrendem Ton seltsame Worte -- -- eine unverständliche, dunkle Häusersprache! -- -- --

In den Kanälen schwammen noch immer Leichen, die jetzt langsam in den Schoss der Erde eingesogen wurden. Dann verwischte sich alles vor mir, ich glaube noch bemerkt zu haben, dass die Häuserpyramide in der Vorstadt krachend zusammenstürzte.

Es war, wie wenn sich eine Wasserschicht zwischen mich und die Dinge da in der Tiefe schieben wollte. Von oben senkten sich Nebel, undeutlich verschwimmend glänzte der Feuerherd, einige Male noch hörte ich ein Massengeschrei, ein langgedehntes; ohooo -- ohoooo -- -- -- -- dann sah ich nichts mehr, alles war in dichten Nebel gehüllt, kaum die Hand vor den Augen konnte ich erblicken. -- -- -- Bald wurde es heller, eine grosse glänzende Scheibe war am Himmel, unzählige glimmernde Pünktchen überdeckten das dunkelblaue Firmament .... Es waren der Mond und die Sterne .... Seit drei Jahren hatte ich diesen Anblick entbehrt, fast vergessen hatte ich diese grosse Welt über uns und ich musste mich dem Eindruck dieses unendlich hohen Himmels eine Weile willenlos hingeben. Eine scharfe Kälte drang mir in die Knochen und ich blickte fröstelnd hinab. Die weite Wolkenbank, der Himmel des Traumreichs, hatte sich gesenkt.

Da begann ein dumpfes Rollen in der krausen Wolkenmasse unter mir, ein Donnern, als stürmten unsichtbar die apokalyptischen Reiter daher, endlos schwoll es an, brandete an den steilen Bergen, kam doppelt und dreifach zurück, nahm ab und stieg ins Ungeheure, verteilte sich, grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe, wollte kein Ende nehmen, dauerte lange, lange und verebbte langsam. -- --

Das war der +Untergang des Traumreichs+.

Eine graue Decke war über das Land gebreitet, am Horizont ragten klar im Mondlicht die Gletscher des Tien-schangebirges.