Chapter 5 of 12 · 7269 words · ~36 min read

DRITTES KAPITEL

DER ALLTAG

I.

Das erste, was uns auffiel, die Kleidung der Traummenschen, -- zum Lachen! -- war gänzlich veraltet. Bei den sogenannten „feinen Leuten“ bemerkte man das ganz besonders.

„Diese Menschen tragen die Kleider ihrer Eltern und Grosseltern auf“, sagte ich belustigt zu meiner Frau. Ganz unmoderne geschweifte Zylinder, farbige Leibröcke, Kragenmäntel -- so waren die Herren angezogen. In Krinolinen und seltsam altmodischen Frisuren, mit Häubchen und Umschlagtüchern, stolzierten die Damen einher. Wie ein Maskenscherz wirkte das!

Doch auch wir erregten Aufsehen und waren daher schon nach einigen Tagen gezwungen, uns anzupassen. Meine Frau bequemte sich zu einer kleinen Halbkrinoline, ich trug mit Anstand einen Taillenrock, eine weit ausgeschnittene geblümte Weste und Vatermörder à la 1860. Zu weiteren Konzessionen konnte ich mich nicht entschliessen. Spitze, enge Stiefel, die mir aufgedrängt werden sollten, wies ich entrüstet zurück. Man gewöhnte sich rascher, als man glaubte, an diese Veränderung des Äussern. Schon nach kurzer Zeit sah ich mit Verwunderung die Neuankommenden in ihren fremdartigen Trachten.

An jenem ersten Tag war es meine ganze Sorge, baldmöglichst eine geeignete Wohnung zu finden. Dem Wunsche meiner Frau, tunlichst weit weg von dem unheimlichen Palaste zu sein, gab ich nach, und wir suchten mehr an der Peripherie der Stadt. In einer der hübschen Gartenvillen unterzukommen, daran war nicht zu denken. So irrten wir nun schon zum dritten Male die Lange Gasse hinauf und hinunter. Da zog ein mittelgrosses, zweistöckiges Erkerhaus meine Aufmerksamkeit auf sich. Wie aus Kindertagen bekannt kam es mir auf einmal vor. „Hier ist’s ja, was wir suchen“, rief ich darauf hindeutend. „Im zweiten Stock kommen wir unter!“ Meine Gefährtin war recht verwundert über meine Sicherheit. „Woher willst du denn das so bestimmt wissen?“ fragte sie mich, ein wenig spöttisch lächelnd. Dafür hatte ich allerdings keinen Grund, es erschien mir einfach selbstverständlich. Und gottlob! Ich hatte recht, es war wirklich eine Wohnung mit drei Zimmern und Küche zu haben. Ein Friseur -- zugleich Hausverwalter -- der unten seinen Laden hatte, führte uns hinauf. Die Räume sahen behaglich und einladend aus, die Einrichtung war hübsch, der Preis mässig. Wir zogen schon nachmittags ein.

Das Haus gehörte einem gewissen Dr. med. Lampenbogen.

II.

So waren wir nun richtige Traumstädter geworden. Ich musste meinen früher ausgesprochenen Verdacht, hier sei alles wie daheim, jeden Tag unzählige Male zurücknehmen, wenigstens in den ersten Monaten. Später vergass ich meine Heimat gänzlich. Man gewöhnte sich im Traumland derart an das Unwahrscheinlichste, dass einem nichts mehr auffiel.

[Illustration]

Obwohl ich es wirklich nicht vorhatte, kam ich doch bald zu einem Beruf. Ich wurde einfach überrumpelt. -- Es kam nämlich schon am dritten Tage ein äusserst flinker, kleiner Herr zu mir:

„Ich bin der Verleger und Redakteur des Traumspiegels, des bestbekannten illustrierten Blattes, eigene Druckerei!“ sprudelte er hervor. „Es ist gut, dass Sie da sind, auf einen Mann wie Sie warten wir schon lange. Castringius, unsere erste Kraft, hat sich leider etwas ausgegeben, und jetzt decken wir unsern Bedarf an Bildern, indem wir alle alten Holzstichplatten in Perle zusammenkaufen und abdrucken. Ach, sehen Sie, unsere letzte Nummer.“ Er zog ein Blatt hervor: „Kochem an der Mosel, Minister Graf Beust im Kreise der Seinigen, Indianer im Kriegsschmuck, -- ist das schön? ist das traumhaft? ist das interessant?“ rief er aufgebracht, und fuchtelte mit der Zeitschrift herum. „Nein, mein Lieber!“ Einen Moment dachte er nach und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Plötzlich brachte er einen säuberlich geschriebenen Kontrakt hervor. Ich brauchte nur zu unterzeichnen: Vierhundert Gulden im Monat, das ganze Jahr hindurch, ob ich viel oder gar nichts lieferte. Das war denn doch zu komisch, eine derartige Abmachung war mir noch nie zu Gesicht gekommen. Natürlich kratzte ich sofort meinen Namen hin; man entschloss sich im Traumreich sehr leicht zu so etwas, niemand überlegte lange. Unsicher waren alle Geschäfte. Ich hatte aber jetzt meine feste Anstellung, war Zeichner bei einer angesehenen Zeitschrift und stellte mit einem Worte +etwas vor+. -- Und darauf kam es in diesem Land an: +Etwas vorzustellen+, irgend was, meinetwegen einen Tagedieb oder Strolch.

Mein Redakteur schraubte fidel seinen Stock auseinander. Er war hohl, der Griff ein Gläschen, aus der Röhre schenkte er mir einen guten Schnaps ein: „Zur Bekräftigung!“ wie er vielsagend meinte.

„Und bringen Sie mir möglichst Grelles und Schauriges! ich will nämlich das Blatt heben“, sprach er zukunftsfroh. Dann nahm er tiefbefriedigt den Kontrakt, empfahl sich, und tänzelte in seinem schwarz-weiss karierten Anzug hinaus.

III.

Wer ins Traumreich eintrat, der merkte im ersten Augenblick das ewig schwindelhafte Gebaren gar nicht so sehr. Flüchtig betrachtet, wurde hier gehandelt und gekauft wie es überall Brauch ist. Das war jedoch nur Schein, lächerlicher Schein. Die ganze Geldwirtschaft war „symbolisch.“ Wieviel einer besass, wusste er nie. Es wurde Geld gebracht, wieder geholt, man gab aus und nahm ein, Taschenspieler waren sie alle ein wenig, und auch ich lernte bald manchen schönen Kniff. Auf’s Mundwerk kam das meiste an. Dem Gegner etwas vorzutäuschen, +das+ war der Witz. Anfangs erschrak ich, wie sehr die Traumleute der Suggestion unterlagen, aber wohl oder übel musste ich mich auch hierin finden und lebte mich immer stärker in eigene und fremde Einbildungen hinein. Der Wechsel von Glück und Unglück, Armut und Reichtum war ein viel rascherer wie in der übrigen Welt. Fortwährend überstürzten sich die Geschehnisse. Aber ging auch alles noch so sehr drunter und drüber, man fühlte eine +starke Hand+. Hinter den scheinbar unbegreiflichsten Zuständen witterte man ihre verborgene Kraft. Sie war die geheimnisvolle Ursache, dass sich dabei alles halten konnte und nicht ins Bodenlose stürzte. Es war das grosse Schicksal, das über uns allen wachte. Eine ungeheuerliche, bis ins Verborgene dringende Gerechtigkeit, glich es alle Ereignisse immer wieder aus. War ein Mensch verzweifelt, sah er vor Not keinen Ausweg mehr, so sandte er sein innerstes Gebet an diese Adresse. Jene schrankenlose Macht, voll furchtbarer Neugier, +ein+ Auge, das in jede Ritze drang, war überall gegenwärtig; nichts entging ihm. Im Glauben daran war der Traummensch ernst, alles übrige war vergänglich.

IV.

Durch ein paar Beispiele will ich jetzt unser geschäftliches Gebaren erläutern. An einem der ersten Tage, da wir in Perle waren, wollte ich einen Stadtplan kaufen. Ich betrat eine der grossen Trödlereien in unserer Strasse, ich glaube die nebenan von Max Blumenstich.

„Ein Stadtplan? Die neuen sind noch nicht eingetroffen, eine ältere Ausgabe tut’s wohl auch?“ Es wurde gesucht und gekramt, zwischen Hirschgeweihen, Kronleuchtern und alten Schatullen war absolut nichts zu finden. Endlich brachte der Kommis ein scheussliches Tintenfass aus Gussbronze.

„Nehmen Sie dies, das können Sie sicher brauchen! Das +müssen+ Sie haben, eine Notwendigkeit! Nur 72 Gulden.“ Mit schmelzender Stimme bot er seine ganze Überredungskunst auf. Ich gab ihm einen Gulden und erhielt noch eine Nagelschere als Zugabe. Neulinge wollten aus diesen Zuständen ein gutes Geschäft machen, mussten aber recht bald einsehen, dass sie dabei ohne den Wirt rechneten. Der, das Traumschicksal, war erbarmungslos; der zusammengeraffte Reichtum zerrann im Handumdrehen. Die Überschlauen mussten nämlich für die unumgänglichsten Lebensmittel Wahnsinnpreise zahlen oder es regnete Postaufträge. Wurden sie zurückgewiesen, dann ereigneten sich weit ärgere Unannehmlichkeiten, z. B. Krankheiten; die Ärzte waren unerschwinglich. Gläubiger traten auf, die einem nie etwas geliehen hatten und forderten ihr Geld. Aber da half keine Versicherung, sie brachten die Zeugen gleich mit. So glich sich alles immer wieder aus, und man hatte keinen Nutzen und keinen Schaden davon. Der unsichtbare Rechner liess nicht mit sich handeln. Sobald ich diesen merkwürdigen Modus erfasst hatte, ging alles gut.

Schon nach 14 Tagen kam einmal ein Diener in Livree zu uns. Sein Herr -- er nannte irgendeinen grossartigen Namen -- warte schon ungeduldigst auf die fünf erworbenen Zeichnungen. Er hatte den Auftrag, sie abzuholen. Was blieb da übrig? Ich packte fünf meiner besten Blätter ein und schrieb obendrein noch einen höflichen Entschuldigungsbrief. Wohin diese Sachen wanderten, davon hatte ich keine Ahnung. -- --

Täglich besuchte ich das schräg gegenüberliegende Kaffeehaus. Einmal, als ich heimkam, zeigte mir meine Frau einen Riesenkorb, gefüllt mit prachtvollem Gemüse, Spargel, Blumenkohl, feinem Obst, sogar zwei Rebhühner waren dabei.

„Das ist alles vom Grünmarkt, rate, was es kostete?“ fragte sie frohlockend.

„Nun?“

„Zwanzig Kreuzer das Ganze.“

Jetzt rückte ich auch heraus und gestand, dass ich im Café für eine Schachtel Wachsstreichhölzer fünf Gulden bezahlen musste.

Bald hatte man Hunderte in der Tasche, dann wieder nichts. Schliesslich ging es auch ohne Geld ganz gut. Nur musste jeder einfach so tun, als gäbe er etwas her. Gelegentlich konnte man es sogar riskieren, sich auf nichts etwas herausgeben lassen. Es kam doch immer aufs gleiche.

Hier waren Einbildungen einfach Realitäten. Das wunderbare dabei war nur, wie solche Vorstellungen in mehreren Köpfen zugleich auftraten. Die Leute redeten sich in ihre Suggestionen gewaltsam hinein.

Ich will einen typischen Fall anführen. Ein wohlsituierter Familienvater wacht eines Morgens auf in der Überzeugung, gänzlich verarmt zu sein. Seine Frau weint, seine Bekannten bedauern ihn. Schon schreitet der Gerichtsvollzieher zur Pfändung, es kommt zu einer Versteigerung des Eigentums, ein neuer Besitzer zieht vielleicht schon am selben Tag ein, Dienstmänner tragen den notwendigen Hausrat des alten in ein armseliges, karges Häuschen. In einem Monat hat sich alles getröstet, denn es gab auch wieder glückliche Zufälle.

Die vornehmen Leute trieben natürlich grossen Luxus. Ihr Missgeschick lag auf anderer Seite und trat ebenso offen zutage. Daher schwoll der Klassenneid nicht besonders an. Man oblag seiner Beschäftigung und hatte seine Lust und seinen Ärger. Ging es halbwegs, so konnte man zufrieden sein; allenthalben liebten die Traummenschen ihr Land und ihre Stadt. Ich arbeitete ruhig als Zeichner des Traumspiegels und machte vorläufig vergebliche Versuche, eine Visite bei Freund Patera abzustatten.

Da kam leider alles mögliche dazwischen. Das eine Mal hiess es, der Meister sei derartig mit Geschäften überlastet, dass niemand vorgelassen werden dürfe. Ein anderes Mal war er verreist; gerade als hätte ein verteufelter Kobold die Hand im Spiel. Da hörte ich, im Archiv würden Audienzkarten abgegeben. Ich ging hin. Schuldbewusst wie ein Störenfried durchschritt ich das wappengeschmückte Tor. Der Portier schlief. Ich suchte mich auf eigene Faust zurecht zu finden und trat in ein geräumiges Vorzimmer. Ungefähr zehn bis zwölf Amtsdiener waren hier anwesend.

Ich wurde wohl eine Viertelstunde lang überhaupt nicht bemerkt, als wäre ich unsichtbar. Endlich frug mich einer mürrisch, was ich wollte, wartete jedoch die Antwort nicht ab, sondern setzte das unterbrochene Gespräch mit einem Nachbar fort. Ein etwas gnädiger Gelaunter beugte sich zu mir und forschte nach meinem Vorhaben. Er legte sein gelbes, zerknittertes Gesicht in strenge Falten, tat ein paar Züge aus seiner langen Pfeife, deutete mit derselben nach dem Nebenraum und sagte:

„Da drinnen!“

An der Türe stand: Nicht anklopfen! und „da drinnen“ +schlief+ ein Mensch. Ja, ohne Spass, dreimal räusperte ich mich, bis einiges Leben in die völlig erstarrte Pose tiefsten Nachdenkens kam. Dann streifte mich ein majestätischer Verachtungsblick und eine Stimme knarrte:

„Was wollen Sie? Haben Sie eine Vorladung? Welche Papiere tragen Sie bei sich?“

So kurz angebunden wie draussen war man hier nicht, im Gegenteil, die Auskünfte schäumten:

„Um eine Audienzkarte zu erhalten, brauchen Sie ausser Ihrem Geburts-, Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nr. 16 machen Sie Ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und Besitz von Orden. Ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervaters ist erwünscht, aber nicht unbedingt erforderlich.“

Darauf nickte er herablassend, beugte sich wieder tief über den Tisch und schrieb, wie ich sehen konnte, mit trockener Feder. Ich blieb ganz verdutzt stehen. Ein Glück, dass ich nicht auch alle quittierten Rechnungen vorlegen sollte. Betreten stotterte ich:

„Es wird mir vielleicht unmöglich sein, all das Verlangte herbeizuschaffen. Ich besitze nur einen Reisepass. Ich kam als Gast Pateras hieher, mein Name ist so und so.“

Als ich dies vorgebracht, erlebte ich einen wahren Schrecken. Der Gestrenge sprang unvermutet auf:

„Bitte sehr, Sie sind längst angemeldet! Ich werde Sie sofort zu Seiner Exzellenz führen!“

Er war nun die Höflichkeit selbst. Sollte man glauben, zwei Herzen in einer Brust? Das verstand ich nicht!

Es begann eine endlose Wanderung durch öde Gänge, Kanzleien, wo man bei unserem Kommen wie ertappt auffuhr; kahle Säle und Kabinette, bis an die Decke mit Akten und Mappen gefüllt. Endlich gelangten wir in einen grossen Warteraum, wo die verschiedenartigsten Menschen herumsassen. Mein Führer und ich wurden sogleich in eine Art Allerheiligstes eingelassen. Exzellenz sassen ganz allein da und +warteten+. Der arme Beamte wurde trotz seinen schönen Bücklingen recht unsanft angefahren und verschwand.

Se. Exzellenz waren ein sehr vornehmer Mann. Das ersah man schon aus seiner ganzen Umgebung. Aber nicht nur daraus ersah man das, auch an ihm selbst waren Auffälligkeiten. Er hatte beispielsweise viel Gold an seinen Kleidern aufgenäht und eine grosse Reihe aller möglichen Ordensbänder angesteckt. Ein breites rotes ging extra noch quer über seine Brust. Ob sich an seinem Körper weitere Hoheitszeichen befanden, kann ich nicht bestimmt sagen. Vermutlich ja. Ich habe das nie geschaut.

Wir waren allein. Im Gegensatz zu den andern im Archivgebäude war er sehr freundlich. Mich entzückte diese grosse Huld. Nachdem er mich angehört hatte, sprach er zuvorkommend: „Aber das ist doch selbstverständlich, Verehrtester! Die Karte wird Ihnen sogleich zugeschickt werden.“ Dann erhob er sich und sprach automatisch wie zu einer Zuhörerschaft:

„Meine Herren! Meine Herren! Im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt und unseres Ansehens erkennt die Regierung ihre volle Verantwortlichkeit an. Ich stehe nicht an Ihre sämtlichen Gesuche vor der höchsten Adresse zu vertreten. In Fragen der Armenfürsorge finden Sie bei mir stets ein geneigtes Ohr. Unser nächstes Ziel soll eine Vervollkommnung des Theaterwesens sein. Ich hoffe dabei auf Ihre tatkräftige Unterstützung. Die Erfahrungen, welche wir mit der Freigabe gewisser Institutionen im französischen Viertel gemacht haben, bürgen uns .... meine Herren .... ich bin überzeugt, Ihnen aus der Seele zu sprechen, wenn .... wenn .... wenn ....“ Der Redner verlor seine Gewandtheit, er blickte mich gänzlich verwundert und gläsern an. Ich half ihm aus der Verlegenheit, indem ich mich unter Verbeugungen und Danksagungen empfahl. Im Herzen nahm ich keinen grossen Respekt vor dem Archiv mit nach Hause. Ich habe seinen Frieden nicht wieder gestört.

Das was ich da erlebte, passierte allerdings nur Neulingen. Solange man diesen Weg einschlug, wurde nie etwas Positives erreicht. Die dringendsten Anliegen wurden wegen nebensächlichster Formfehler zurückgesandt. Mit unentrinnbarer Sicherheit war von dieser Seite auf eine Durchkreuzung der Pläne zu rechnen. So erhielt ich auch die Audienzkarte zwar richtig, tags darauf aber die Mitteilung ihrer Ungültigkeit.

Das war im Traumstaat die reinste Komödienobrigkeit. Hätte man sie fortgenommen, es wäre alles genau so gut und so schlecht gegangen. Diese enormen Aktenstücke -- aus aller Herren Länder zusammengekauft -- hatten mit dem Traumreich gar nichts zu tun. Um es herauszusagen, wie es sich verhielt: die mit Papierstaub geschwängerte Atmosphäre brauchte man zur Züchtung einer besonderen Spielart des homo sapiens, die zur Buntheit des Ganzen beitrug.

Die +wahre+ Regierung lag wo anders. Den Besuch gab ich nach diesen Erfahrungen vorläufig auf, um so mehr, als andere Dinge meine Aufmerksamkeit fesselten.

V.

So deutlich, als hätte ich es erst vor einigen Wochen gesehen, steht mir unser Wohnhaus heute noch vor Augen.

Zu ebener Erde befand sich die Stube des Friseurs, darin er selbst, ein sehr belesener, blonder Mann, Junggeselle mit einem goldenen Zwicker. Seine Leidenschaft war die Philosophie. Dabei liess er seine Gedanken ordentlich austoben. Wild wucherten die Kenntnisse und er geizte keineswegs damit. „Ich könnte Ihnen manches erzählen!“ meinte er mit scharfen Blicken.

Weiss Gott, was er in mir vermutete, aber ich genoss von Anfang an sein Vertrauen. „Kant, das ist der grosse Fehler. Ha, Ha! So einfach segelt man um das Ding an sich nicht herum! Vor allem ist die Welt ein +ethisches+ Problem, das werde ich mir nie ausreden lassen. Sehen Sie, der Raum wirbt um die Zeit; der Vereinigungspunkt, die Gegenwart, ist der Tod; oder, was sich genau so gut dafür setzen lässt; die Gottheit, wenn Sie wünschen. Mitten hineingestellt, das grosse Wunder der Fleischwerdung: das Objekt. Dieses wiederum nichts anderes als die Aussenseite des Subjekts. Das sind Fundamentalsätze, verehrter Herr; hier haben Sie meine ganze Theorie.“

„Ja, Sie sind eben ein Denker“, lauteten dann gewöhnlich meine anerkennenden Worte.

Er lebte tagaus, tagein in so hohen Regionen, und der Friseurladen wäre arg zurückgegangen, hätte es keinen Giovanni Battista gegeben. Das war zwar nur ein Affe, aber was für einer! Ein ganz ungemein begabtes und strebsames Tier. Neben diesem Gehilfen konnte man ruhig an das ethische Problem gehen. Giovanni hatte von der Pike auf in diesem Geschäfte gedient. Durch eigenmächtiges Schaumschlagen verriet sich eines Tages sein Talent und unser Friseur fand auch in ihm das Subjekt, und nützte seine geschickte Hand aus. Sein ruhiger, rascher und sicherer Strich beim Rasieren war in der ganzen Gegend berühmt. Mittwochs und Samstags besuchte er sogar die Privatkundschaft. Gar oft sahen wir ihn ernsthaft und geschäftig mit seiner Tasche die Lange Gasse einherschlurren. Ehrlicher und verlässiger als ein Mensch, war er die wahre Seele dieser Verschönerungsanstalt. Nur eines schmerzte seinen Herrn: Für Philosophie hatte er wenig Sinn.

„Sie sind Stoiker!“ rief der Friseur ihm nach langen Vorträgen zu. Er hoffte immer noch heimlich, ihn höheren Zielen zuzuführen.

-- -- -- Ich muss es aussprechen, so oft ich an mein erstes Jahr im Traumreich zurückdenke, überkommt mich grosse Wehmut. Es war damals noch das meiste gut, ja zum Teil verdanke ich meine besten Tage jenen Zeiten. Durch all die neuen Dinge angeregt, ging mir die Arbeit leicht von der Hand. Nachmittags so um fünf traf man sich mit Bekannten im Kaffeehaus. Dort war vom Fenster aus der ganze Verkehr zu beobachten. Gross war er ja nicht, in Perle blieben die Leute am liebsten bei sich in der Wohnung. In der inneren Stadt war es sogar auffallend öde und menschenleer. Aber trotz diesem trägen Strassenleben war gerade das, was man sah, wegen seiner Vertrautheit einem zur lieben Gewohnheit geworden. Nach und nach drang ich immer tiefer in alles ein. Ich fand Anhaltspunkte, feste Angeln in diesem Wirrwarr.

Die Häuser spielten da eine bedeutende Rolle. Oft war es mir, als ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte Geschichte, man musste nur warten können und sie stückweise den alten Bauten abtrotzen. Diese Häuser wechselten sehr mit ihren Launen. Manche hassten sich, eiferten gegenseitig aufeinander. Es gab garstige Brummbären unter ihnen wie die Molkerei da gegenüber; andere schienen frech und hatten ein loses Maul, gerade mein Café ist dafür ein gutes Beispiel. Weiter hinauf zu, das Haus wo wir wohnten, war eine vergrämte alte Tante. Klatschsüchtig und böswillig schielten die Fenster. Schlimm, sehr schlimm war das grosse Magazin von M. Blumenstich, derb und jovial die Schmiede neben der Molkerei, unbekümmert, leichtsinnig das daran gebaute kleine Häuschen des Flussaufsehers. Aber mein besonderer Liebling war der Eckbau, der am Flusse lag: Es war die Mühle. Die hatte ein lustiges Gesicht: sie war weiss getüncht und trug ein moosiges Schindeldach als Kappe. Gegen die Strasse zu, hoch oben, steckte ein klobiger Balken in der Mauer, wie eine gute Zigarre. Ein wenig verzwickt und schlau war allerdings ihr Ausdruck um die oberen Dachluken herum. Sie gehörte zwei Brüdern. Oder gehörten die zwei ihr, gleich wie eine Mutter zwei Söhne hat?

[Illustration]

Ich könnte hier noch gar vieles erzählen, wüsste ich, dass meine Leser diese komplizierten Verhältnisse auch so auffassen, wie ich es wünsche. So glaubte ich nach einiger Zeit zu bemerken, dass die Häuser einer Strasse etwas wie eine Familie repräsentierten. Zankte man sich untereinander, nach aussen war man einig. Es gingen mir hier in dem verödeten Perle Ideen auf, welche mir an den lauten Orten der Aussenwelt nie so bewusst geworden wären. Noch weit intimer aber drang ich in diese Verhältnisse ein, als sich mein Geruchsinn wunderbar schärfte. Das geschah schon nach einem halben Jahre. Von da an bestimmte meine Nase meine Sympathie und meinen Widerwillen. Stundenlang schlich ich nun in all den alten Winkeln umher, beschnupperte und beroch alles. Hierbei erschloss sich mir ein ganz neues, unabsehbares Gebiet. Jedes dieser gebrauchten Geräte teilte mir ein kleines Geheimnis mit. Meine Frau lächelte oft: es kam ihr komisch vor, wenn ich an irgendeinem Ding, einem Buch oder einer Spieldose, verständnisvoll herumschnüffelte. Ich war auch wirklich fast wie ein Hund; erklären konnte ich das alles nicht so genau, das waren Empfindungssachen so fein, dass die Worte versagen.

Zunächst war es ein ganz bestimmter, unbeschreiblicher Duft, der durch das ganze Traumreich rann und allem anhaftete. Manchmal war er stärker vorhanden, dann wieder spürte man ihn kaum. Wo er sehr konzentriert war, lässt sich dieser eigentümliche Geruch als eine leichte Mischung von Mehl und getrocknetem Stockfisch bezeichnen. Sein Entstehen konnte ich mir nicht erklären. Weit bestimmter waren aber die Eigengerüche einer jeden Sache. Ich analysierte sie scharf, dabei packten mich oft starke Abneigungen. Gegen in meinem Sinne missduftende Menschen konnte ich leicht unfreundlich werden. Aber schliesslich liessen alle diese Geschöpfe und scheinbar leblosen Gegenstände, wenngleich durch eine bizarre Laune zusammengebracht in ihrer Mannigfaltigkeit doch eine unfassbare Einheit durchfühlen.

VI.

Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf. Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des Kupferbeckens störten; sie waren blind.

„Was soll das heissen?“ sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas, „der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser in stand halten.“

„Wie beliebt?“ fragte erschrocken der grosse Philosoph mit der Miene eines Abgestürzten.

„Ich meine, dies Becken hier könnte blitzblank und das Messer poliert sein.“

„Ja, was will man da machen? so ist’s nun einmal. Ich hüte mich vor Neuerungen.“

Um ihn zu fangen, wies ich auf die Spiegel und sagte: „Schauen Sie die an, die sehen gewiss blinkend und geputzt aus.“

Da verliess ihn seine Philosophie, er sass in der Klemme: „Ja, die Spiegel!“ Nachdenklich und zögernd entrangen sich ihm die Worte:

„Spiegel sind doch überhaupt +nichts+!“

Es war ihm augenscheinlich peinlich, davon zu sprechen.

„Ich wollte Sie nicht beleidigen!“ meinte ich freundlich und verliess sein Lokal.

Gleichviel! Es war schön unter diesen oxydierten alten Sachen zu leben, und ich trage kein Bedenken, nachfolgenden Brief hierher zu setzen. Er ist ganz aus meiner damaligen Stimmung geschrieben. Ausserdem enthält er die Schilderung eines sonderbaren Brauches, welcher zum Kultus, von dem ich nachher reden werde, hinüberleitet. Ich meine den +grossen Uhrbann+. Dieser Brief lag in dem Notizbuch, das man unter meinen Lumpen fand, als das Traumreich untergegangen war. Auch das weiter unten angegebene Verzeichnis der heiligen Sachen fand ich in dem Buche, sonst waren die Blätter nur mit unleserlichen Schriftzügen bedeckt; ausgenommen die Innenseite des Umschlags, auf der sich die oberflächliche Skizze eines Stadtplans von Perle, sowie flüchtige Angaben befanden, die ich mir zur eigenen Orientierung in den ersten Tagen gemacht hatte.

Den Brief schrieb ich im dritten Monat meiner Anwesenheit. Es war mein erster Versuch, eine Verbindung mit dem Ausland herzustellen. Nach zwei Jahren erhielt ich das Schreiben als unbestellbar zurück; sein Umschlag ist über und über mit Stempelabdrücken und Vermerken bedeckt. Brief und Notizbuch sind die einzigen Beweisstücke aus dem Traumreich, die ich Besuchern vorlegen kann.

Lieber Fritz!

„Ich bin im Traumreich, Du wirst es unglaublich finden. Doch ich kann Dir nur das eine raten: Packe umgehend nach Erhalt dieses Briefes Deine Siebensachen und komme auch hieher. Perle ist ein wahres Dorado für Sammler, diese Stadt ist geradezu ein Museum, natürlich riesig viel Mist, aber auch die grossartigsten Stücke. Ich habe heute eine geschnitzte gotische Truhe, ein Paar silberne Wandleuchter (XVI. Jahrhundert) und eine jener märchenhaften Renaissancebronzen (Knabe auf Stier von unserm Cellini) nach denen Du immer so fahndest, gesehen. Vorige Woche schwelgten wir in Porzellan; von den niedern Preisen muss ich schweigen, weil ich sonst geradezu für deine Gesundheit fürchten müsste. Und solche Kleinodien findet, wer den Rüssel dazu hat, täglich auf Schritt und Tritt. Es gibt überhaupt +nur Altes+, man lebt wie Grossvater im Vormärz und pfeift auf den Fortschritt. Ja, mein Lieber, wir sind konservativ, unsere Handwerker sind Meister im Flicken und Ausbessern. In jedem fünften Haus ein Antiquitätenladen; hier lebt man vom Trödel. Auch architektonische Extravaganzen wirst Du sehen, im Palast sind mindestens zwanzig Stilarten mühelos zusammengekleistert. Und sonst noch die spasshaften Entdeckungen! Wer’s nicht sieht, glaubt’s nicht! Damit Du meine gute Laune begreifst, will ich dir den letzten Scherz, den ich beobachtete, erzählen. Es ist der „+grosse Uhrbann+“ so ist hier sein Name. Also höre einmal: Auf unserm Hauptplatze steht stämmig und massiv ein grauer Turm, so eine Art untersetzter Campanile. Er ist das Wohnhaus einer alten Uhr, deren Zifferblatt das obere Drittel einnimmt. Von dieser bei Nacht transparenten Scheibe, lesen wir unsere Normalzeit ab, und alle übrigen Uhren in Stadt und Land werden nach ihr reguliert. Das wäre nun nichts Besonderes, wenn nicht dieser Turm eine ganz seltsame Eigenschaft noch nebenbei hätte. Er übt nämlich auf sämtliche Bewohner eine mysteriöse, unglaubliche Anziehungskraft aus. Zu bestimmten Stunden wird dieses alte Gemäuer schwarmweise von Männern und Frauen umringt. Der Fremde bleibt verwundert stehen und betrachtet das merkwürdige Gebaren dieser Versammlung. Die Leute stampfen nervös den Boden und blicken immer wieder auf die langen rostigen Zeiger da oben. Fragt man sie, was da vorgehe, so erhält man zerstreute, ausweichende Antworten. Wer noch näher zusieht, bemerkt zwei kleine Eingänge am Fusse des Turmes. Dahinein drängt alles. Ist die Menge gross, so bildet man Reihen, die Frauen wachen ängstlich, die Männer wütend darüber, dass auch alles hübsch geregelt zugehe. Je weiter die Zeiger vorrücken, desto stärker wird die Spannung. Einer nach dem andern verschwindet; jeder will ein bis zwei Minuten da drin bleiben. Die Heraustretenden haben dann sämtlich tiefbefriedigte, fast glückliche Mienen. Kein Wunder, wenn man da neugierig wird. Und ich frug auch gelegentlich einen meiner neuen Bekannten vom Café, wie sich das mit der Uhr verhalte, kam aber recht schlecht an. Es sei geradezu unanständig von so etwas zu sprechen, überdies zeuge es von Dummheit. „Damit Sie es aber ein für allemal wissen: +Es ist der grosse Uhrbann!+ schreiben Sie sich’s auf!“ Diese Entrüstung spannte mich nur um so mehr. Meine anfängliche Erklärung, es hier mit einer Sehenswürdigkeit, vielleicht einer Camera obscura oder einem Panoptikum zu tun zu haben, fiel zusammen. Kurz entschlossen riskierte ich’s auch einmal, wurde jedoch grob enttäuscht. Weisst Du, was da drinnen war? Auch Deine Erwartungen werden sinken. Man kommt in eine kleine, winklige, leere Zelle, zum Teil mit rätselhaften Zeichnungen, wohl Symbolen, bedeckt. Hinter der Mauer hört man das gewaltige Pendel mächtig hin- und herschwingen. So! tick ...... tack ...... tick ...... tack. Über die Steinwand strömt Wasser, ununterbrochen strömt es. Ich tat, wie der Mann, der nach mir eintrat, blickte die Wand starr an und sagte laut und deutlich: „+Hier stehe ich vor Dir!+“ Dann geht man wieder hinaus. Mein Gesicht muss ziemlich verdutzt ausgesehen haben. Die Frauen haben ihre eigene Seite mit eigenem Eingang, was wie in der ganzen Welt durch kleine Aufschriften kenntlich gemacht ist. Aber das Merkwürdigste: Seit dem Tage, an dem ich mir diese Erfahrungen verschaffte, fühlte ich, wie auch mich der Zwang überkam. Zuerst gab’s mir nur so einen kleinen Ruck, wenn ich am Turme vorbeiging, die nächsten Tage wuchs meine Unruhe immer mehr, es +riss+ mich geradezu hin. Ich gab also dem Blödsinn nach, kämpfen half da nichts. Und jetzt ist’s gut. Nach dem Hauptmuster sind in der ganzen Stadt kleinere Türme verteilt. Auf dem Lande soll jeder Bauernhof sein Uhrwinkel haben. Ich suche Tag für Tag zur bestimmten Stunde das meinige auf. Ja, lache mich nur aus. „Herr, hier stehe ich vor Dir!“

[Illustration]

Mit der Malerei ist nicht viel los. Man schätzt Kunstwerke hauptsächlich als Gebrauchsgegenstände. Ein paar alte Maler leben wohl auch verstreut. Was ich sah war dunkle, dünn gemalte Leinwand, ein versprengter Johannistrieb Alt-Hollands. Wirklich gute Sachen, Ruysdael, Breughel, Altdorfer und Primitive trifft man dann und wann in reichen Häusern. Bankier Alfred Blumenstich, unser Krösus, Direktor der traumländischen Bank, besitzt eine wertvolle Galerie, sogar einen Rembrandt und einen echten Grünewald, von dessen Existenz bei Euch kein Mensch eine Ahnung hat. „Die sieben Todsünden essen das Lamm Gottes“, heisst dieses Gemälde. -- Hier gibt es keine lustigen Farben, rein zeichnerisch ist mehr zu holen. Ich habe eine ganz nette Stelle beim illustrierten Traumspiegel: 400 fl. und bequeme Bedingungen. Meinen einzigen Kollegen, den Zeichner Nikolaus Castringius, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wenn Du kommst, könnte ich Dich wohl bei dem Blatt unterbringen.

Nun sei mir nicht böse, dass ich schliesse. Ich hoffe auf Wiedersehen!

Dein alter Freund, Träumling und Zeichner.

N. B. Du kannst bei uns in einem romantischen Haus am Rande der Stadt wohnen, ganz ungestört, wie auf dem Lande.“

Damals war ich noch in vergnügter Stimmung, wie aus dem Briefe hervorgeht. Die Schattenseiten, welche sich bereits zu der Zeit bemerkbar machten, werde ich am Ende dieses Kapitels schildern, soweit sie mir schon zum Bewusstsein kamen. Vorläufig will ich einiges über den Kultus -- oder was ich dafür hielt -- bemerken.

VII.

Das war ein ebenso interessantes wie verwickeltes Gebiet. Bis auf den Grund sah ich nie, auch später nicht. Ich ahnte jedoch die Lösung manches Rätsels. Wenn meine Untersuchungen negative Resultate zeigen, so ist das nicht meine Schuld, denn gerade hier durchkreuzte ein feindliches Geschick meine ernsten Bestrebungen, und die erreichte Ausbeute blieb nur zu gering.

Alle grossen Religionen der alten Welt hatten im Traumland mehr oder weniger Vertreter. Das war aber bloss äusserlich, ein aufgepappter Flitter. Die Gebildeten gaben dies auch ohne weiteres zu. Sie waren kluge Freigeister und konnten sich nicht so leicht einem hieratisch starren Schema unterwerfen. Zudem waren viele helle Köpfe unter ihnen. Aber trotzdem, es war etwas da: der fatalistische Glaube an das spitzfindig gerechte Schicksal, und dann allerhand unverständliche und dunkle Anschauungen. Über diese durfte hier nicht gelächelt werden. Das bekam auch mir einmal schlecht.

Noch im ersten Vierteljahre lernte ich im Café einen sympathischen jungen Herrn kennen, einen Baron Hektor von Brendel, durchaus vornehme und saubere Atmosphäre, Lebemann, ein wenig neurasthenisch und müd, aber nicht im mindesten dumm. Seine leichte, stets im Zaum gehaltene Melancholie war es, die ihn mir von Anfang anziehend machte. Später sahen wir uns täglich.

„Sie sind doch schon drei Jahre hier, Brendel,“ sagte ich einmal am Stammtisch zu ihm, als wir gerade allein waren, „ich lasse es mir nicht nehmen, hier im Traumstaat besteht irgend so ein geheimes Glaubensband, eine Art Freimaurerorden. Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich vielleicht ein wenig einweihen? Riten? Gebräuche?“

Er sah mich von der Seite an, hüstelte und frug trocken: „Was ist Ihnen denn aufgefallen?“

„Ach, nichts Bestimmtes, die Schicksalsideen sind ziemlich alt. Aber sonst im allgemeinen, dieses zähe Festhalten an der gleichen altmodischen Lebensordnung, dieser Mangel an fortschrittlicher Gesinnung, dann sonst noch einiges!“ -- Ich erzählte ihm meine Affäre mit dem Friseur und seinem Kupferbecken. Er hörte mich ernst an, drehte sich langsam eine Zigarette und bemerkte mit traurigem Lächeln:

„Um ganz offen zu sein, ja, mein Lieber, es ist wohl was da. Aber viel mehr als Sie weiss ich beim besten Willen auch nicht.“

„Also doch!“ Ich war enttäuscht. „Wissen Sie denn gar nichts darüber? Dass ich schweigen kann, wenn es sein muss, ist selbstverständlich.“

Brendel dachte einige Augenblicke nach, dann sprach er halblaut:

„Gewissen Dingen bringt man hier Ehrfurcht entgegen, ich weiss aber nicht, ob Sie viel davon haben, wenn ich Ihnen die paar Heiligtümer nenne.“

„O bitte, tun Sie mir den Gefallen!“ bat ich ihn, glühend vor Wissbegierde.

„Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind besonders geweiht.“

„Aha!“ rief ich frohlockend, „ein hygienischer Kult auf der Magenbasis. Vortrefflich!“ Eines leichten Spottes konnte ich mich nicht enthalten. „Warum denn nicht gleich Tee, Kaffee und Zucker?“

Da wandte mir Brendel den Rücken und zahlte. Ein Windstoss riss die Tür zum Café auf, die warme feuchte Erdluft drang herein, stark gemischt mit dem aufregenden Traumgeruch. Brendel ging mit kurzem Gruss, ich sah ihm durch die hohen, angelaufenen Scheiben nach. -- Draussen war es dunkel.

Nein, so hätte ich es nicht machen sollen, da hatte ich mir etwas verscherzt. Ein anderes Mal würde ich vorsichtiger sein.

Speise und Trank allein konnten diese Religion übrigens nicht erschöpfen. Bald darauf erfuhr ich, dass Haare, Horn, Tannenzapfen, Pilze, Heu ebenfalls heilig seien. Sogar Pferde- und Kuhmist hatten höhere Bedeutung. Von den inneren Organen galten Leber und Herz, unter den Tieren die Fische für besonders wichtig. Gegerbte Häute nahmen auch einen mysteriösen Rang ein. Hingegen waren Stahl und Eisen und einzelne Metall-Legierungen sozusagen Antipoden jener Schätzungen. Hier traf das Gegenteil zu: sie schienen Gefahren zu symbolisieren. All diese Einzelheiten habe ich von Bauern und Jägern in Erfahrung gebracht; um sie zu erlangen, sind weite Spaziergänge ins freie Land nötig gewesen. Ich notierte mir alles, was ich diesen wortkargen Menschen im Laufe der Zeit abgerungen habe, eine komplette Liste will ich aber, um unnütze Längen zu vermeiden, nicht hierher setzen. Nur eines dürfte vielleicht noch interessieren: Es gab einsame Orte in Wäldern und an Sümpfen, wohin sich in der Dämmerung kein Wanderer wagte. Sie waren als unheimlich verschrien, und jeder Träumer war froh, der dort nichts zu suchen hatte.

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Vielleicht hätte ich mehr Klarheit erworben und würde nicht so im Dunkel tappen, wenn ich nur ein einziges Mal den Tempel am See mit eigenen Augen erblickt hätte. Dieses Heiligtum muss nach allem was ich gehört habe ein märchenhaftes Wunder gewesen sein. Eine gute Tagereise von Perle entfernt, war er am Traumsee gelegen. Künstliche Wasserterrassen und ein stiller Park umgaben ihn. In diesem Tempel sollen die grössten Kostbarkeiten des Traumstaates aufbewahrt worden sein. Er war aus edelstem Material so kunstvoll erbaut, dass der Beschauer den Eindruck einer schwebenden Architektur erhielt. Die grösste Halle war in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten. In unterirdischen, geheimnisvollen Gelassen waren die symbolischen Statuen aufgestellt. Leider war er nur einmal im Jahre dem Besuche zugänglich und selbst dann waren gute Protektionen nötig. Anfangs hatte ich die Hoffnung, meine persönlichen Beziehungen zu Patera würden mir Einlass verschaffen. Doch mein Besuch bei ihm verzögerte sich immer mehr, und später kamen dann: +die Ereignisse+.

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So unermüdlich ich auch der wahren Traumreligion nachforschte, so wenig habe ich gerade hier erreicht. Es war ein Verhängnis, wie oft ich Anstoss erregte!

Einmal war ich bei Bankier Blumenstich geladen. Da waren eine Menge Leute, und es herrschte eine sehr heitere Stimmung. Der Hausherr war dekoriert worden für die Badeanstalt, welche er ins Leben gerufen hatte. Diese Auszeichnung wurde nach Gebühr gefeiert.

Das Diner war vorüber. -- Alles rauchte und man sass gemütlich bei Kaffee und Likör zusammen. „Hier sind die gescheitesten Leute von ganz Perle versammelt, wenn ich heute nichts erfahre, erfahre ich nie etwas“, dachte ich, und voll Mut platzte ich plötzlich heraus. Ich erzählte von meinem Ärger und den fruchtlosen Bemühungen, den wahren Kultus der Traumleute kennen zu lernen. Sehr schön klangen meine Worte, sehr glatt; wie getrieben von innen flossen sie von meiner Zunge. Endlich glaubte ich, alle von meinem brennenden Wissensdurst überzeugt zu haben, und bat die Anwesenden, mich ein wenig aufzuklären. Dann verstummte ich. Ich hätte auch nicht mehr weiter gekonnt, denn die Kehle war mir ausgetrocknet. Alles war sprachlos, verwirrt, beklommen. Zwei alte würdige Herren mit geistvollen Köpfen, in eleganter Biedermeierkleidung, verzogen sich bereits ins Nebenzimmer. Auf sie hatte ich meine Haupthoffnung gesetzt. Endlich sprach der Hausherr und kratzte sich dabei die schwarzen Koteletten:

„Junger Mann, waren Sie schon einmal in der Vorstadt drüben? Sehen Sie sich immerhin das alte Nest an.“ Seine Stimme klang scharf, und etwas abweisend.

Man war wie von einem dumpfen Druck erlöst. Wenigstens einer hatte gesprochen! Die Unterhaltung erstreckte sich jetzt über die gleichgültigsten Themen. Mich beachtete kein Mensch mehr. Nur mein Redakteur, der auch anwesend war, meinte besänftigend:

„Ja, ja, diese Zeichner!“

Damit war mir aber auch nicht gedient. In Gedanken versunken ging ich bald heim. „Niemals werde ich dahinter kommen!“ rief ich in die Nacht.

Beim Uhrturm riss es mich. Sollte vielleicht der Uhrbann damit zusammenhängen? Über den durfte auch nicht gesprochen werden. Das war doch auch unanständig! Woher käme wohl sonst die Verlegenheit? Ich war scheint’s wieder einmal ein „enfant terrible“ gewesen! Aber was soll’s mit der Vorstadt, diesem alten Dörfchen über der Brücke, um das sich kein Mensch kümmerte? Faule Ausflüchte! Ich wollte schon noch hinter den Schwindel kommen! Das gelobte ich mir und ballte die Faust.

VIII.

Es ist nun an der Zeit, auch die Schattenseiten unseres Lebens ein bisschen zu zeigen. Sonst könnte am Ende gar einer glauben, hier sei es nur amüsant gewesen. Das kurzweilige Leben brachte auch viel Widerwärtiges mit sich. Um gleich einmal mit dem Hause anzufangen, worin wir wohnten: unter unsern Zimmern hatte sich ein altes Fräulein einquartiert, eine Prinzessin von X. Sie war hässlich wie eine kranke Ratte und dabei zanksüchtig. Dieses Wesen verursachte besonders meiner Frau viel Ärger. Sie war ein Geizhals, verfügte über viel Geld, doch war ihr Leben so verschlossen, dass kein Mensch Näheres darüber wusste. Sicher fand das alte Weib im ewigen Händelsuchen Befriedigung. Wenn ich nach neun Uhr abends im Zimmer noch umherging, klopfte sie regelmässig an die Decke -- ein Zeichen, dass sie Ruhe wünsche. -- Sah sie uns die Stiege herabkommen, ertönte jedesmal ihr Gekeife. Vor ihrer Wohnungstür stand immer eine Reihe von Töpfen und Schüsseln, für Milch und ähnliche Lieferungen bestimmt. Einmal habe ich ihr in der Dunkelheit einen irdenen Hafen zerschlagen; na, da war’s ganz aus! Erklärte Feindschaft! Sogar beim Friseur wollte sie mich anschwärzen. Dieser hatte trotz seiner Philosophie noch einigen Respekt vor der „Hoheit“. Als sie es aber zu arg trieb, und meine Frau im Stiegenhause insultierte, fuhr ich sie einmal tüchtig an:

„Wie Sie dastehen, sind Sie für mich die Dreckprinzessin!“ -- Das alte Ferkel war unfrisiert. -- Ein wenig half’s. Die adelstolze Dame verzog sich von jetzt an in ihren Bau, wenn sie mich hörte. Dies geschah einmal so hurtig, dass einer ihrer geflickten Pantoffeln vor mir liegen blieb. Ich stiess ihn von mir fort, und zu meiner Überraschung klimperten Goldstücke die Stiege hinab. „Einbrecher, Mörder!“ kreischte sie und machte das ganze Haus rebellisch.

Solche Sachen kamen oft vor; sie verbitterte uns gehörig das Leben. Noch gründlicher aber besorgte dies: „Der Student.“

Dieser hatte auf demselben Flur wie wir zwei Zimmer inne und war ein Saufaus. Ein ausdrucksloses, aufgedunsenes Gesicht mit einer Schramme auf jeder Wange, so dass es aussah, als hätte er einen dreifachen Mund. Dafür schien sein Verstand nur ein Drittel des Menschenmasses zu erreichen. Unser Nachbar mit ausgesprochener Nachtexistenz irrte sich jedesmal in der Tür, wenn er, bis oben hin voll, sein Lager aufsuchte. Fast jede Nacht fuhren wir erschrocken auf bei seinem Fluchen und Herumhämmern. Unzählige Male stellte ich ihn darob zur Rede. Aber was halfen uns seine Entschuldigungen? Es blieb beim alten. -- Nur um des lieben Friedens willen fügten wir uns schliesslich ins Unvermeidliche.

Dann gab es noch anderes. Es war manchen Tag rein wie verhext. Um nur einiges herauszugreifen:

Da läutete früh um fünf Uhr ein Maurer mit einem Kübel Mörtel und Handwerkszeug und behauptete steif und fest, er hätte den Auftrag, in unserer Wohnung die Fenster zuzumauern. Ein andermal brachte man uns am späten Abend ein Ständchen. Eine Zigeunerkapelle konzertierte vor unserer Tür; natürlich lag ein Irrtum vor. Besucher mit den verschiedensten Anliegen kamen, fremde Gegenstände wurden abgeliefert und nicht wieder geholt. Ein Paket mit alten Käserinden lag einmal vierzehn Tage bei uns. Als ich es schliesslich fortgeschmissen hatte, kamen drei Offiziere und forderten barsch ihr Eigentum. Der Hausbettel trieb in Perle die schönsten Blüten. Oft wurde es aber noch viel unangenehmer. Es schleppten z. B. eines Abends in der Dämmerung mehrere schwarzgekleidete Männer einen Sarg zu uns. Er sei wohl hier bestellt? frugen sie höflich. Meine arme Frau hat sich dabei recht aufgeregt.

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Über all diese Missverständnisse und das ewige Türklappen will ich nicht einmal so sehr klagen. Es kamen jedoch unheimliche und schwer glaubliche Dinge vor. Als Hilfe hatten wir eine Zugeherin, ein älteres Weib. Sie litt ewig an Zahnschmerzen und nie habe ich ihren Kopf frei von Tüchern gesehen. Sie kochte sehr gut und schmackhaft, was übrigens bei den frischen, ausgezeichneten Lebensmitteln im Traumreich keine grosse Kunst war. Nach ein paar Wochen hätte ich geschworen, unter den alten Röcken stecke jetzt eine andere Person; es war nicht mehr die frühere Aufwärterin. Ich sagte natürlich zu meiner Frau nichts davon, aber leider fiel ihr selbst manches auf.

„Du,“ fing sie einmal an, „die Anna färbt sich, glaube ich. Seit gestern ist sie blond, sie war doch immer brünett?“

„Schau, schau, die liebe Eitelkeit!“ meinte ich mit gekünstelter Arglosigkeit. Mir war es selbst nicht recht geheuer, schon lange nicht. Einmal aber war es zu auffallend. Tags vorher hatte uns eine rüstige Person in mittleren Jahren bedient, und heute stellte eine geschäftige Alte mit einem Greisengesicht die Schüsseln auf den Tisch. Meine Frau klammerte sich an mich, wir waren beide wie versteinert. „Aber es ist doch dasselbe Kopftuch?“ stotterte ich und blickte in die vor Schreck erweiterten Augen meiner Gattin. Flüsternd tauschten wir unsere Entdeckungen aus, auch sie hatte schon seit einem Monat die grässlichsten Vermutungen. „Nein, und wenn sie für zehn arbeitete, ich will sie nicht! Lieber mache ich alles allein!“

Ich musste die Anna entlassen. Ein paar Tage blieb ich daheim. Ich verabredete mit dem Friseur, dass Giovanni Battista morgens beim Zimmeraufräumen gegen Entgelt helfen sollte. Es ging vorzüglich, meine Frau befreundete sich richtig mit dem gelehrigen Tier; nur an den Zeichentisch durfte er nicht, da hiess es aufpassen, denn er fühlte sich selbst so ein wenig als Künstler, wollte nachhelfen, ausbessern. So weit es anging, namentlich beim Einkaufen, machte ich mich auch nützlich. Aber scharf musste man dabei den Leuten auf die Finger sehen, sonst brachte man was Schönes heim! Wie einmal, da ich auf dem Markt ein paar Hammelskoteletten kaufte, sehr billig kaufte, und sie voll Stolz zu Hause auspackte, waren anstatt des Fleisches kleine Schlageisen im Papier; es hingen noch Mauseschwänzchen darin. „Also untergeschoben, ei du Verdammtes!“ dachte ich.

IX.

Und dann diese Geräusche! Diese Unruhe die ganze Nacht hindurch, das war perfid!

Aus dem französischen Viertel kamen verlotterte Banden mit Dirnen der Freudenhäuser bis in unsere Gegend. Wüstes Gebrüll, Pfeifen, Johlen näherte sich den Fenstern und entfernte sich wieder. Betrunkene, die das Café verliessen, hielten lange Monologe, furchtbar klangen die Lästerworte der Säuferwahnsinnigen. Daran konnte man sich nicht gewöhnen! Die Häuser ragten schief und winklig in die Strassen, die dadurch gebildeten Ecken und Vorsprünge warfen jedes laut gesprochene Wort mehrfach als Echo zurück. Gellende Rufe hallten aus der inneren Stadt; bald schärfer, bald leiser wurden sie aufgenommen und weitergegeben. Man wusste keine Ursache dafür. Dann war es wieder still, bis merklich ein Hüsteln und Kichern anhub. Nachts durch die Gassen Perles zu wandern war eine Qual. Hier taten sich schauerliche Abgründe für geschärfte Sinne auf. Aus den vergitterten Fenstern und Kellerlöchern klagte und stöhnte es in allen Tonarten. Hinter halb geöffneten Türen hörte man ein gepresstes Ächzen, so dass man unwillkürlich an Erdrosselungen und Verbrechen denken musste. Ging ich mit angstvollen Schritten nach Hause, höhnte es hinter mir her in tausend- -- nein zehntausendfacher Weise. Die Torwege gähnten den Eiligen an, als wollten sie ihn verschlingen. Unsichtbare Stimmen lockten zum Flussufer, Blumenstichs Magazin lächelte schadenfroh, die Molkerei glich einer verborgenen, heimtückischen Falle, selbst die Mühle war nicht still, geschwätzig plapperte sie die ganze Nacht. Vor Angst gejagt flüchtete ich mich noch manches Mal auf dem Heimweg ins Kaffeehaus. Meine arme Frau fürchtete sich inzwischen allein zu Hause. Da knisterte ein Schrank oder es sprang ein Glas entzwei. Aus allen Ecken des Zimmers glaubte sie furchtbare Worte zu hören; oft fand ich sie beim Nachhausekommen in krankhaften Einbildungen feucht vor Angstschweiss. Diese schlaflosen Nächte wirkten zerstörend auf ihre Nerven, bald sah sie überall lebende Schatten und Gespenster.

Immer wieder war es die undefinierbare Substanz, man roch und fühlte sie schliesslich mit dem ganzen Körper. Bei Tage wollte niemand etwas gesehen haben, die Stadt war wie gewöhnlich tot, leer, träge.