ERSTES KAPITEL
DER WIDERSACHER
I.
Herkules Bell aus Philadelphia machte viel von sich reden. Dieser Milliardär geizte keineswegs mit seinem Reichtum, das Traumland wurde von ihm mit Gold geradezu überschwemmt. Unsere verrottete Geldwirtschaft muss ihm ein Greuel gewesen sein. Er setzte sich mit Alfred Blumenstich ins Einvernehmen und bald merkte man, dass wir neu finanziert wurden. Kein Mensch wollte mehr Papier nehmen, niemanden durfte man die grünspanigen, ausser Kurs gesetzten Münzen anbieten. Infolge dieser Verwaltung wuchs für eine Zeitlang die Üppigkeit, ein unsinniger Taumel ergriff Perle. Tag für Tag veranstalteten die Reichen luxuriöse Feste, das Volk hockte dichtgedrängt in den Schenken, trank und stank. -- Überall liess man den „Amerikaner“ -- wie er allgemein genannt wurde -- hoch leben, feierte seine Grossmut und Freigebigkeit.
Es ging schon auf den Herbst zu. Froh über meine geistige Klärung, gönnte ich mir Erholung.
Der Amerikaner hatte sein Hauptquartier in der „Blauen Gans“ aufgeschlagen, wo er für eine hohe Summe die erste Etage gemietet hatte. Um ihn zu sehen, ging ich eines Abends im Gesellschaftsanzug zum Hotelrestaurant.
Hier fand ich bereits Castringius und Herrn von Brendel anwesend und hatte Gelegenheit, meinen Kollegen von einer mir noch neuen Seite kennen zu lernen.
Castringius hatte in der langen Zeit, da ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, Bekanntschaft mit dem Baron von Brendel gemacht. Der Künstler, welcher mich rollenden Blicks sofort erkannte, tat zu meiner Verwunderung sehr fremd und von oben herab. Als kenne er mich nur von ungefähr, dankte er kurz und etwas abweisend für meinen Gruss, um sich sogleich wieder abzuwenden. Das musste mir einigermassen auffallen. „Was hat er?“ dachte ich, „ich habe ihn doch nie beleidigt; sonst war er immer beinahe aufdringlich? Gesehen haben wir uns doch fast vier Monate nicht? -- Komisch.“ Über Brendels Anwesenheit freute ich mich aufrichtig. Er war in die Speisekarte vertieft und bemerkte mein Eintreten nicht sogleich, sprang aber, als er mich erkannte, freudig auf und lud mich herzlich ein, an seinem Tische Platz zu nehmen. Der Zeichner hob zuerst befremdet die Augenbrauen, erkannte aber die Situation rasch, und nun schmolz sein Hochmut. Er streckte mir die Schiffsschrauben entgegen. Die Sache war die: Castringius hatte keine Ahnung, dass ich Brendel längst intim kannte, er wollte seinen Brendel für sich haben. Da dies nun nicht mehr anging, fügte er sich den neuen Umständen, -- ein Genie der Anpassung. Als er sich einmal eine Weile vom Tisch entfernte, jammerte Brendel über seinen neuen Freund, der eifersüchtig seine Schritte bewache. Er begleite ihn zu jedem Rendez-vous, wo er dann behaupte, „er könne ja in der Nähe warten“. Hie und da verwende er den Zeichner als postillon d’amour, aber auch da habe er eine sonderbare Art, die Aufträge auszuführen. „Ich werde ihn nicht mehr los!“ klagte er ergeben, „ausserdem ist er von einer unglaublichen Kordialität -- ach, man macht so seine Erfahrungen!“
„Ja, eine echte Künstlernatur“, tröstete ich lachend den Baron.
Es wurde übrigens diesen Abend noch recht lustig. Brendel liess Champagner bringen und Castringius klopfte mir gönnerhaft auf den Schenkel, wobei er sagte: „Ja, da schauen Sie, was?“ Er wusste nicht, dass Alkohol mir in jeder Erscheinungsform gleichgültig war.
[Illustration]
Im grossen Saale nebenan war Lärm. Man hörte Reden und Applaus -- der Amerikaner hatte eine Versammlung einberufen. „Ordnung wird er noch ins Traumreich bringen!“ soll er geschworen haben. Später sah ich ihn selbst, wie er durch das Lokal ging. Seine Erscheinung werde ich nicht vergessen. In die Saaltüre trat ein Mann anfangs der Vierziger mit untersetzter Figur und breiten Hünenschultern. Sein Gesicht schien wie eine Kombination von Geier und Stier. Alle Formen waren leicht aus der Symmetrie geschoben; die Hakennase nach einer Seite gedrückt, ein betontes Kinn, eine hohe, schmale, sehr kantige Stirn gaben dem Kopf etwas schief Verwegenes. Sein schwarzes Haupthaar war am Scheitel gelichtet. Er trug einen Frack. Mit kurzen elastischen Schritten ging er an unserem Tisch vorüber, Castringius grüsste zuvorkommend und erhielt zum Dank ein kurzes Nicken. Der Amerikaner erregte die Aufmerksamkeit des ganzen Restaurants.
„Das ist ein Kerl, wenn man an den heran könnte, Geld wie Heu“, bemerkte Castringius, ihm gedankenvoll nachblickend. „Der geschworene Feind Pateras, mir sagte es unser Redakteur --“, zugleich schenkte er sich sein Glas voll. Skeptisch lächelnd stiess Brendel mit ihm an und sagte dazu: „Also, gut bekomm’s ihm und Ihnen.“ -- -- Mit jedem Glase wurde nun Nik wohlwollender. Als dann gar die Zigeunerkapelle mit dem Cymbal ankam, knackte er mit seinen Zähnen Nüsse, schlug sich auf seinen wolligen Negerschädel und rief dem Primas zu: „Hier sehen Sie den Mann mit dem Löwengebiss.“ Auf Brendels erstaunte Blicke erklärte er: „Ein guter Freund von mir, soll ich ihn einladen?“ Brendel meinte, nun könne ich es bestimmen, da ich auch anwesend sei. Ich aber fand den Zigeunerprimas schrecklich. Dann vernahm man wieder den Trubel der Versammlung, übertönt von der Stentorstimme des Amerikaners.
Beim Umschauen bemerkte ich einen alten Bekannten: Professor Korntheur. Feierlich gekleidet mit einer hellen, seidenen Weste, einer bis ans Kinn gehenden Krawatte, sass der alte Herr in einer Seitennische; er hatte eine Flasche Burgunder vor sich. Ich war aufgestanden und ging hin, ihn zu begrüssen. Er machte einen festlichen, freudigen Eindruck und bot mir einen Stuhl an. „Nur auf einen Moment“, sagte ich und setzte mich. „Was ist Ihnen denn Angenehmes widerfahren?“
„O, Sie ahnen ja gar nicht, lieber Herr, ich habe sie, sie gehört mir, heute ist ein grosser Tag!“ und ekstatisch leuchteten seine guten Augen auf. „Zehn Jahre lang habe ich sie gesucht und endlich gefunden. Sie ahnen nicht, was das für einen alten Mann bedeutet! Das verjüngt! Neues Leben flutet durch die gebrechlichen Glieder! Nie mehr werde ich Acarina Felicitas von meiner Seite lassen.“
Ich gratulierte. -- („Ein Johannistrieb?“ dachte ich. „Schau, schau, das hätte ich dem würdigen Herrn gar nicht zugetraut. Wohl eine Sängerin aus dem Variété? Nun ja, es mag ganz nette darunter geben.“)
„Warum haben Sie sie denn nicht gleich mitgebracht?“ frug ich, und bedauerte innerlich den Alten. („Die wird ihn schön wurzen“, dachte ich.)
„Aber hier habe ich sie ja“, rief er mit Pathos und zog eine kleine, mit Silberpapier beklebte Schachtel aus der Rocktasche.
„Eine Photographie? Ein Medaillon? Bitte, lassen Sie mich sehen“, bat ich.
„Nein, meine angebetete Acarina Felicitas selbst, da sitzt sie, in der Ecke!“
Und da in der Schachtel hockte wirklich ein kleines, schmutziggraues Insekt, die verdammte Staublaus. -- Ich begriff.
-- Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. --
Als wir gingen, frug ich den Hotelier, was denn nebenan so geräuschvoll beschlossen worden sei.
„Ja, das kann ich Ihnen schon sagen,“ meinte er geheimnisvoll, „heute wurde ein Verein ‚Luzifer‘ gegründet.“
Castringius, zu vier Fünftel gefüllt, wollte uns partout zu Mᵐᵉ Adrienne führen. Wir lehnten ab. „Dann geht der Künstler solo“, sagte er, wendete seinen kaffeebraunen Rock und stolzierte, das Futter nach aussen, gravitätisch von dannen. Sein letztes Wort war: „Gute Nacht, Unmündige!“
II.
Der reiche Amerikaner machte immer mehr von sich reden. Jeden Nachmittag galoppierte er auf einem schwarzen Hengst durch die Lange Gasse, wir konnten vom Café aus sein verächtliches Lächeln deutlich sehen, während sich die blassen Traumstädter in die Haustore und Winkel flüchteten, um diesem rücksichtslosen Reiter auszuweichen. An der Badeanstalt band er sein Tier fest, dann entkleidete er sich und zu Pferd ging’s in die Fluten. Mit Leichtigkeit bändigte dieser Athlet das sich bäumende Tier. -- Einmal kam er nach einem solchen Bad auch in unser Kaffeehaus. Er bestellte mehrere Getränke, die es hier gar nicht gab und schimpfte infolgedessen. Endlich beruhigte er sich ein wenig bei Grog. Ich konnte ihn jetzt aus nächster Nähe beobachten, sein scharfes, diabolisches Profil war gerade vor mir. „Sicher, ein ganz gefährliches Individuum“, musste ich mir sagen. Verwachsen mit ihm war eine kurze Pfeife, doch trug er noch zwei ungeheure Etuis mit dicken Zigarren bei sich -- „Propaganda-Zigarren“ nannte er sie selbst. -- Jedem offerierte er ein Stück; nahm man an, so gehörte man schon zur Hälfte ihm. Dann kam er mit seinen Theorien und seinen Vereinen, auch im Kaffeehaus warb er Anhänger. Der von ihm gegründete sozialpolitische Verein „Luzifer“ wurde in der „Stimme“ gebührend begrüsst, das Amtsblatt schwieg sich darüber aus. Viel erzählte er von der Welt draussen, er sprach zu uns allen und blickte fortwährend herum, wie wenn er den Eindruck seiner Reden abschätzen wollte. Manche seiner Worte weiss ich noch. „Euch fehlt die Sonne, ihr Narren! Es geschieht euch recht, wenn ihr das ganze Leben verliert, warum wehrt ihr euch nicht? Seht mich an, ich spucke auf euern Patera!“ Und hohnlachend schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Zuhörer duckten sich erschrocken, sie fürchteten wohl alle, dass jetzt ein Blitz niederfahren müsse zur sofortigen Bestrafung einer solchen Blasphemie. Scheu senkten sie die Augen. -- Unser Wirt bekreuzte sich mehrmals hastig, klopfte sich auf die Brust und murmelte Stossgebete. Anton hockte sich beim Ofen nieder und flüsterte zweimal: „Kreuzteufel, Kreuzteufel!“ -- Die Schachspieler waren die einzigen Unberührten.
Der Amerikaner verfolgte den Eindruck seiner Worte, spie auf den Boden, warf ein Goldstück auf den Tisch und schritt voll Verachtung hinaus.
Brachte er auch nicht alles auf seine Seite, auf jeden Fall weckte er die Traumstädter zu einem politischen Leben; damit richtete er aber mehr Unheil an, als vielleicht in seiner Absicht gelegen hatte. Vereinigungen und Gruppen schossen wie Pilze in die Höhe. Alle wollten etwas anderes: Wahlfreiheit, Kommunismus, Einführung der Sklaverei, der freien Liebe, direkten Verkehr mit dem Ausland, noch strengere Abschliessung, keine Grenzüberwachung -- die entgegengesetztesten Bestrebungen traten zutage. Religiöse Klubs bildeten sich, Katholiken, Juden, Mohammedaner, Freigeister taten sich zusammen. Nach den verschiedensten Gesichtspunkten, politischen, kommerziellen und höher geistigen, spalteten sich die Bewohner Perles in Gemeinschaften, die oft nur drei Personen zählten.
Das hatte der Amerikaner nicht erwartet, diese Geister wollte er nicht zitieren.
„Ihr vernunftlosen Schatten seid zu gar nichts mehr zu gebrauchen, euer Mark ist beim Teufel, euer bisschen Verstand dem Schwindel verfallen!“ So liess er sich allenthalben vernehmen.
Ein grosser Fremdenzuzug aus dem Auslande brachte um diese Zeit sehr viel Merkwürdigkeiten und Missverständnisse mit sich. -- Die Neuen fanden nämlich hier schon ihren Doppelgänger vor; das gab zu allerhand Neckereien und Ärgerlichkeiten den Anstoss, denn nicht nur in Figur und Haltung glichen viele eben angekommene Träumer schon längst vorhandenen, sondern sogar in der Kleidung schien die Absicht eines Kopierens des Vorbildes massgebend gewesen zu sein. Es war lächerlich, aber es liefen sozusagen zwei Alfred Blumenstiche, zwei Brendels, mehrere Lampenbogens herum. -- Man stürzte ins Café, um einen guten Bekannten, den man länger nicht gesehen, zu begrüssen. Fremdes Erstaunen -- es war nicht der Richtige. -- Lampenbogen ging auf der Strasse -- ich zog den Hut, an der nächsten Ecke schon wieder Lampenbogen! Unsern Caféwirt sah ich eines Tages viermal hintereinander und dabei hätte ich geschworen, dass er in seinem Lokal auch noch war. Ich musste übrigens auch ein anderes „Ich“ haben, denn öfters erhielt ich einen scherzhaften Schlag auf die Schulter und sah einen fremden Mann, der sich missvergnügt entschuldigte.
Eines Tages geriet ich in grosse Aufregung. Ich begegnete in der Krämergasse, einem dunkeln Spalt, der vom französischen Viertel zum Grünmarkt führte, einer Dame, die meiner verstorbenen Frau wie ein Auge dem andern glich. Schmerzliche Erinnerungen wurden wach, ich folgte ihr, bis sie in einem Haus mit hohem altfränkischem Giebel verschwand. An der Türschwelle sah sie sich nach ihrem Verfolger um -- diese Ähnlichkeit bis in jede kleinste Bewegung war konsternierend. Ich sah sie nun öfter und gestehe, dass ich ihr auch ein bisschen aufgelauert habe. Ganz heimlich und mir selbst noch uneingestanden überlegte ich, ob nicht vielleicht ein zweites Glück möglich wäre -- bis ich sie dann eines Tages am Arm eines vierschrötigen Mannes mit langem Künstlerhaar und Schlapphut sah. Ich erkundigte mich in ihrem Hause, sie war die Gattin eines Hoforgelbauers. Ich kam mir wie genarrt vor. Man konnte jetzt bei dem leichten Herbstregen, der in seinem Schimmer alles auflöste, nicht vorsichtig genug sein, um Täuschungen vorzubeugen. Unter falschem Namen machte ein Castringius II. in allen Kneipen Schulden, bis man auch dem echten nichts mehr borgte.
„Die Liga der Freude“ wurde bei einem grossen Fest im ehemaligen Theater von Mitgliedern der reichen Klassen gegründet. Melitta spielte hier eine besondere Rolle und genoss ihre traurige Berühmtheit. Einmal brannte sie durch und trat eine Woche Tag für Tag im Variété in einer Entkleidungsszene, „die neue Eva“ auf. Obgleich das Gesicht von einer Maske bedeckt war, erkannte sie jedermann. Dieser Skandal brachte Lampenbogen und Brendel einander näher. Beide sahen sich in ihrer Ehre gekränkt und gemeinsames Leid trägt sich leichter. Brendel war ihr gänzlich verfallen, er konnte nicht mehr „wechseln“. Hohläugig und bekümmert ging er einher und wich auch mir aus -- er schämte sich. Melitta dagegen, unersättlich in ihren Gelüsten, fürchtete die Schande nicht. Sie schmachtete auch nach dem Amerikaner. Seine starken Schultern, seine gesunde, im Traumreich seltene Hautfarbe lockten sie. Man hat gesehen, wie sie vor ihm herging, die Röcke bis über das Knie raffte und nacheinander Taschentuch, Lorgnon und Portemonnaie fallen liess. Ungalant reagierte der Mann des Westens auf diese Scherze nicht, und als sich die schöne Dame selbst bückte, dem Menschenbändiger ihre Kruppe bittend zugewandt, sagte dieser kalt: „Na, Kleine, mach’ Platz!“ und schob sie zur Seite. Hasserfüllt hetzte sie jetzt Brendel auf den Hartnäckigen, doch ohne Erfolg. Der Amerikaner liess antworten, er pflege sich ausschliesslich mit der Hundspeitsche zu schlagen. Damit war auch dieser Skandal erledigt.
Am meisten Erfolge hatte der Verein „Luzifer“ mit Werbungen bei den neuzugezogenen Träumern. Diesen war es meist zuwider, sich in die alten, komischen Kleider stecken zu lassen. Auch der sonstige unmoderne Kleinkram, das schon historische Möbelzeug usw. behagte ihnen wenig. Solche Leute schlugen sich zur Partei des Amerikaners.
Ich wunderte mich manches Mal, dass der wahre Meister so tatenlos diesem Treiben zusah, das der bisherigen Leitung des Traumstaates so offen widersprach. Unser Caféwirt, neutral in der Gesinnung, meinte pfiffig: „Sie, der ist schlau!“
Die Grenzüberwachung funktionierte nach wie vor gut, aber innerhalb der Mauern war alles wie geladen von drohendem Unheil. Schwül und drückend, wie früher nie, war die Luft; ein fahler, heller Glanz lag über unserer Stadt, es drangen sogar einige Male schräge Sonnenstrahlen durch den sonst unbeweglichen Wolkenschleier. Dieses unangenehm blendende Licht war sehr unheimlich, wir waren keine Sonne mehr gewohnt, ein erfrischender Regen wäre uns weit lieber gewesen.
Die Zeit schien ein anderes Tempo angenommen zu haben. Überall auf den Strassen standen Gruppen angstvoll aufgeregter Menschen beisammen, was dem sonst ruhigen Perle den künstlichen Anstrich einer verkehrsreichen Stadt gab. Hastig warfen sich Parteigänger Erkennungsworte zu. Im grossen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen, in zwei grosse Gruppen auseinander: in solche, die noch an den +Herrn+ glaubten, und in die andern, die dem +Amerikaner+ ihr Ohr liehen. Unbedingt verlässlich waren diese Elemente allerdings nicht, das wusste er auch. Er betrieb daher seine Propaganda weiter.
Wie meine Leser sich erinnern werden, gab es in Perle zwei Tageszeitungen und die illustrierte Wochenschrift. Das Amtsblatt war natürlich für den neuen Machthaber nicht zugänglich, es hielt sich regierungstreu bis auf die letzte Zeile. Hingegen wirkte er nach Kräften auf die „Stimme“ ein, mit dem Erfolge, dass die Redaktion die Verantwortung für die aufrührerischen Artikel am Schlusse eines jeden unumwunden ablehnte. Diesem Doppelspiel musste sich unser Redakteur fügen, dem es wohl auch nicht allzu schwer geworden sein mag. War er doch seit jeher der heimliche Leiter aller drei Blätter, die erschienen und drei verschiedene Tendenzen verfolgten.
Wir zwei Zeichner mussten nach wie vor unsere Arbeiten in der bisher üblichen Traumspiegelmanier weiter liefern; Castringius versuchte allerdings oft genug, versteckt dem Amerikaner zu huldigen. Er zeichnete ihn als Riesen, wie er in goldener Rüstung dastand und Staatspapiere und Obligationen in seine Pfeife stopfte; bis er eines Tages eine Karte von Herkules Bell erhielt, auf welcher nur ein Wort stand, nämlich „Esel“!
Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, der Amerikaner wolle mit grossen Summen die „Stimme“ und den „Traumspiegel“ kaufen und selbst herausgeben. Zuvor führte er seinen Hauptschlag aus: die Proklamation. Dazu musste unser armer Redakteur und Druckereibesitzer erst vergewaltigt werden. „Das drucke ich nicht!“ versicherte er zuerst angstvoll. Doch der Unhold lachte nur und blies dem ängstlichen Pflichtmenschen seinen Tabakrauch ins Gesicht.
„Sie werden das sofort auf knallrotes Papier drucken“, brüllte er ihn an.
Der Misshandelte warf sich auf die Knie nieder und winselte: „Gnade! Gnade! Aber das +kann+ ich nicht drucken, das wäre mein Tod!“
Da zog der Unerbittliche einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn dem Ärmsten an das Ohr und schrie: „Wenn Sie nicht sofort gehorchen, knalle ich los!“ Schlotternd und kreideblass nahm der Redakteur das Blatt: „Ich bin Familienvater“, jammerte er, wobei Tränen seine Wangen hinunterliefen.
Der Amerikaner überwachte selbst den Druck; ging’s ihm zu langsam, so schoss das Scheusal in die Luft. Bis abends waren sechstausend Proklamationen fertig, für mehr hatte das rote Papier nicht gereicht.
„Nun, Sie Kindskopf, was ist denn jetzt passiert?“ fragte er den noch immer tiefbekümmerten Herausgeber. Jedem Angestellten der Druckerei aber gab er hundert Gulden in Gold.
III.
Das hier abgedruckte Exemplar der Proklamation erhielt ich von einem russischen Offizier, der dabei war als das Traumreich erobert wurde. Er hat sie mir zum Abdruck liebenswürdig zur Verfügung gestellt.
PROKLAMATION!
+Bürger von Perle!+
Als ich hierher kam, dachte ich ein Land von feenhafter Pracht zu schauen! Euch ging es wohl allen ebenso. Sieben Jahre lang wandte ich mich mit Bitten um Aufnahme in den Traumstaat an Patera. Endlich gewährte er meinen Wunsch; doch es wäre für mich besser gewesen, wenn er auf seiner Weigerung bestanden hätte. Ich fand ein Reich, in welchem der Unsinn herrscht! Nur das grosse Mitleid mit euch veranlasst mich, euch die Augen zu öffnen. Ist euer Leben schon verdammt? Nein! Und noch einmal +nein+! Aber ruhelos, unglücklich seid ihr! Das müsst ihr mir zugeben, alle, jeder! Einem Schwindler seid ihr in die Falle gegangen, einem Hochstapler, einem Magnetiseur! Er hat euch um eure Gesundheit, euer Hab und Gut und euern +Verstand+ gebracht! Unglückliche! Ihr seid einer Massenhypnose verfallen! Keiner gehorcht mehr seiner eigenen Vernunft. Nein, die fremde Suggestion in seinem Schädel hält er für eigene Gedanken! So lasst ihr euch zu Tode hetzen und dieser Teufel findet daran seinen Spass!
Aber noch ist es Zeit zur Rettung! Jeder, der noch einen Funken Kraft in sich hat, unterstütze mich in meinem Vorhaben.
Merkt nun auf, was ich euch zu sagen habe. Der Bann +ist+ abzuschütteln! Ihr braucht nur ernsthaft zu +wollen+ und ihr seid frei! Schart euch um mich, bildet Bataillone und stürmt den dreimal verfluchten Palast! Ich setze einen Preis von
+einer Million Gulden+
auf das Haupt dieses Satans. Wisst ihr denn, in was für Häusern ihr wohnen müsst? Ich kann es euch sagen: Es ist fast keines darunter, das nicht von Verbrechen, Blut und Gemeinheit besudelt worden wäre, bevor es auf seinen jetzigen Platz gebracht wurde. Der Palast ist zusammengeflickt aus Trümmern von Stätten, die der Schauplatz blutiger Verschwörungen und Revolutionen waren. Patera ging beim Sammeln bis auf die ältesten Zeiten zurück. Bruchstücke vom Escurial, von der Bastille, von altrömischen Arenen wurden zu seinem Bau verwandt, Steinblöcke vom Tower und vom Hradschin, vom Vatikan und vom Kreml sind auf sein Anstiften gestohlen, losgebrochen und hierhergeschleppt worden.
Wo es menschliches Unglück gab, dahin streckte euer Meister seine Fühler. Das Kaffeehaus in der Langen Gasse war noch vor fünfzig Jahren ein verrufenes Wiener Vorstadtcafé, die Molkerei eine oberbayerische Räuberhöhle. An der Mühle, die in Schwaben gekauft wurde, klebt seit zweihundert Jahren das Blut eines Brudermords! Dies sind nur Beispiele, ich will euch nicht die Ergebnisse aller meiner Nachforschungen mitteilen. Es mag euch die Versicherung genügen, dass Patera in den ekelhaftesten Teilen der Grossstädte die meisten seiner geheimnisvollen Häuserkäufe betrieb. Paris, Stambul etc. gaben ihr Scheusslichstes!
Bürger! Nun, da ich euch die Augen geöffnet habe, schliesst sie nicht wieder! Noch einmal fordere ich euch alle auf, den Sturz dieser Bestie zu beschleunigen. Einen Rat gebe ich euch! +Hüte sich jeder vor dem Schlaf!+ Das ist die Zeit, in welcher der Herr euch knechtet! In der Ohnmacht des Schlafes seid ihr ihm ausgeliefert, da bläst er euch seine tückischen Ideen ein, erneuert und verstärkt er täglich seinen infernalischen Bann und zerstört euren Willen. Ich bin überzeugt, in allen von euch noch einmal glückliche und zufriedene Menschen zu sehen!
Die grosse Welt da draussen hat einen Riesenschritt dem Lichte der Zukunft entgegen getan! Ihr seid zurückgefallen und hockt in einem Sumpf. Keinen Anteil habt ihr an den herrlichen Erfindungen unserer neuen Zeit, den zahllosen Erfindungen, welche Ordnung und Glück verbreiten, steht der Träumer fremd gegenüber! Bürger, ihr werdet staunen, wenn ihr hinauskommt! Das Blau des Himmels, das Grün der Wiesen wird euch wieder zulächeln, die Sonne wird wieder Rosen auf eure matten Wangen zaubern, unsägliche Freude werdet ihr wieder an euren Kleinen erleben und an den sterilen Schmutz des Traumstaates nur mit Abscheu zurückdenken. Hütet euch vor jeder List dieses verbrecherischen Schauspielers!
Nieder mit Patera! sei euer Schlachtruf! Werdet alle Söhne Luzifers! Dixit +Herkules Bell+.
Für diese Proklamation machte Castringius eine Kopfzeichnung: Eine Freiheitsgöttin mit Diadem hält eine Tafel, auf deren Rückseite die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesellschaft, Wissenschaft, Recht zu lesen waren. In ihrem Kopfschmuck steckte die amerikanische Flagge und zog sich wimpelartig um den Rand des Aufrufes.
Zum Anschlagen und Verteilen dieser roten Blätter wurde Jaques und seine Rotte bestimmt. Jaques, ein halbwüchsiger Bursche, hatte nur eine Mama, sein Vater war unbekannt. Die Mutter, Madame Adrienne, war eine Kupplerin von Ruf und Inhaberin des bessern der beiden Etablissements im französischen Viertel, aus dem sie nie herauskam. Jaques, eine Galgenphysiognomie, konnte man überall sehen, wo es verderbt zuging; er hatte den Rang eines Apachengenerals und seine Streiche, oft von ausserordentlicher Tollkühnheit, waren unter seinesgleichen berühmt. Der Amerikaner lernte dieses Subjekt in einer Garküche kennen und engagierte es sogleich mit reichlichem Handgeld. Für Jaques, der seinen Lebensunterhalt auf eine nicht wiederzugebende Art verdiente, hatte der Reichtum des Politikers etwas Bestechendes. Gleich beim ersten Zusammentreffen verschrieb er sich ihm mit Haut und Haar und erbot sich, mit einem Schwarm dunkler Existenzen aus dem französischen Viertel die Leibgarde des Krösus zu bilden.
Nicht jeder freilich war käuflich. Zum Beispiel der Neger Gotthelf Flattich, ein geborener Kameruner, ein ehemaliger Lastträger, der in das Traumreich verschlagen worden war, widerstand der Versuchung. Bell kannte ihn von früher, denn der Schwarze hatte eine seiner Dienerinnen, ebenfalls eine Negerin, geheiratet. Ein reiches Geschenk erwarb Bell damals die Zuneigung des Mannes; als er ihn im Traumreiche wiederfand, freuten sich beide. Flattich war stark wie ein Ochse, dabei gutmütig. Hüten musste man sich nur davor, ihn aus seinem Phlegma zu wecken, dann wurde er fürchterlich. Verwitwet, beschäftigte er sich mit dem Abrichten von Vögeln. Bell wollte ihn sogleich für sich werben, fand jedoch für seine Pläne ein taubes Ohr. Flattich war ein glühender Verehrer von Patera und um nichts in der Welt diesem abspenstig zu machen. Er beteiligte sich auch nicht am Aufstand, sondern blieb ruhig bei seinen Passionen. Er wohnte im französischen Viertel und war dort allgemein beliebt. In unserer Geschichte wird er noch einmal auftauchen.
Als Folge der Debauchen und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie traten jetzt als +Massenerscheinungen+ auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tik oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholien, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, um so wüster trieben es die Überlebenden. In den Gastwirtschaften kam es zu den blutigsten Messerstechereien. Ich konnte keine Nacht mehr ruhig schlafen, der Lärm drang störend aus dem Kaffeehaus bis in mein Zimmer. Die Zügellosigkeit steigerte sich, man wagte schliesslich alles.
Eines Abends trat eine Chansonette im Café auf, da war’s anfangs, bis auf das verstimmte Piano und den Applaus etwas ruhiger, aber um 3 Uhr hub Kreischen und Lachen an; ich stand auf und sah vom Fenster aus, wie die Soubrette, völlig entkleidet und mit einem Kranz von Champagnerflaschen garniert, auf einem Handwagen von der betrunkenen Gesellschaft durch die Stadt gezogen wurde. Herr Leutnant de Nemi führte den sonderbaren Zug mit entblösstem Degen.
Die neun Halbwaisen aus meinem alten Wohnhaus erhielten nun öfters Besuch von Alfred Blumenstich, dem bekannten Wohltäter. Wie man sagte, sollen diese Visiten hauptsächlich den beiden ältesten Töchterchen gegolten haben. Er fuhr mit grossen Konfektdüten beladen vor, man sah ihn in der Tür verschwinden, die der Vater selbst bewachte, damit Herr Blumenstich nicht gestört würde.
Äther und Opium lösten bisweilen den Alkohol ab, öffentlich machte man sich Injektionen, um die erschlafften Nerven durch sie aufzupeitschen oder zu beruhigen.
Dass solche Zustände einer Katastrophe zuführen mussten, war den wenigen einsichtigen Elementen klar; mit Entsetzen musste man die wachsende Ruhelosigkeit im Gehaben dieser Halbwahnsinnigen feststellen. Die geheimnisvollen gellenden Schreie, welche nachts aus den Häusern drangen, regten mich ganz besonders auf, das beschleunigte Geschehen verlieh dem Leben etwas Schattenhaftes, tatsächlich Traumartiges.
Denkt man sich dazu noch die drückende, heisse Luft, die gespensterhafte Gewitterbeleuchtung -- dann und wann zuckte ein greller Schein über den schwefeligen Himmel -- so kann man sich eine ungefähre Vorstellung von meinen bangen Gefühlen in jenen Tagen machen.
Und jetzt kam noch die Proklamation -- sie wurde an allen Strassenecken angeschlagen und in jedes Haus gebracht. Die Gegensätze, welche sich zwischen der Partei des Amerikaners und den alten, zu Patera haltenden Traumstädtern zugespitzt hatten, mussten dadurch verschärft werden. -- Es waren böse Zeiten.