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Part 1

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Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden

Mitteilungen Heft 5 bis 6

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Der Schellerhauer Pflanzengarten – Floristisches aus dem Triebischtale – Am Grabe des Marienberger Silberbergbaues – Der alte Schrank – Wappen der Stadt Kamenz – Ein Beitrag zur Frage der Steinkreuze – Schwarzenberger Edelweiß – Die höheren Pilze der Dresdner Heide – Der Friedhof in der Dresdner Gartenbauausstellung – Bücherbesprechungen: Die Wenden – Sächsische Sagen – Sächsisches Lachen – Heimat

Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

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Dresden 1926

_Wir bitten höflichst, die Beitragszahlungen zu bewirken._

Die Mitglieder des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz erhalten gegen Vorzeigung eines Ausweises durch unsere =Geschäftsstelle Dresden-A., Schießgasse 24=

für die Gartenbauausstellung

Eintrittskarten zu M. —.90 (sonst M. 1.50)

für den Zoologischen Garten

Eintrittskarten zu M. —.60 (sonst M. 1.—)

Unsere Geschäftsstelle Dresden-A., Schießgasse 24, ist

=wochentags von 8–7 Uhr= (durchgehend), =Sonntags geschlossen=

für den Kartenverkauf geöffnet.

Anmerkung: Wegen der Weiterlieferung der Schrift

»Bauberatung«

(zu vergleichen die zweite Umschlagseite Heft 1/2 dieses Jahres) =berichten wir im Heft 7/8, Band XV=, da noch immer Bestellungen eingehen, die zur Gewinnung eines Gesamtüberblickes berücksichtigt werden müssen.

Band XV Heft 5/6 1926

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 31. Juli 1926

Der Schellerhauer Pflanzengarten

Von _Josef Ostermaier_, Dresden-Blasewitz

Mit Aufnahmen des Verfassers

Wie viele Tausende sind daran schon vorbeigegangen, ohne zu ahnen, welche Pflanzenschätze hier verborgen sind, in dem Heim, das sich der verstorbene frühere Inspektor des Botanischen Gartens in Dresden, G. A. Poscharsky, nach seinem Abgang 1906 dort geschaffen hatte.

In mehreren Felsengruppen hat derselbe dort die wichtigsten und schönsten Alpenpflanzen angesiedelt und kultiviert, die bei den ihnen dort außerordentlich zusagenden klimatischen Verhältnissen zu prächtiger Entwicklung und Blüte gelangten, wie man sie in botanischen Gärten und alpinen Anlagen des Tieflandes vergeblich suchen würde.

Wieder einmal war unser Heimatschutz der rettende Engel, der diese Stätte vor dem Verfall und der Auflösung bewahrt hat. Nachdem das Poscharskysche Grundstück in den Besitz des Staates übergegangen war, ward der Pflanzengarten an den Tharandter Forstgarten und weiterhin, nach Berufung des Professors Dr. Neger an die Technische Hochschule zu Dresden, als »Alpenpflanzen-Anzuchtstation« an den Botanischen Garten zu Dresden angeschlossen. In der Zeit höchster wirtschaftlicher Not versiegten die Mittel zur Unterhaltung, der Garten blieb länger als ein Jahr ohne Pflege und verfiel mehr und mehr.

Da hat denn noch zur rechten Zeit der Sächsische Heimatschutz eingegriffen, dem das Finanzministerium dankenswerterweise vertragsmäßig die Verfügung über den Garten zu Heimatschutzzwecken überlassen hat.

[Illustration: Abb. 1. =Alpenanemone= (~Anemone alpina~)]

Ein staatlicher Forstwart und seine Frau sorgen für die nötige Beaufsichtigung und Ordnung in demselben, während ein Mitglied unserer Naturschutzabteilung in anerkennenswertester Weise die wissenschaftliche Leitung und Beaufsichtigung des Unternehmens übernommen hat. Seine Hand macht sich schon allenthalben fühlbar, so z. B. in der Neuanlage mehrerer Felsengruppen, in der systematischen Ordnung und Umpflanzung der vorhandenen Pflanzenbestände und deren Bereicherung durch Neuerwerbungen. Unter seiner Leitung sind Anlagen geschaffen worden, die vor allem dem Gedanken des Naturschutzes Rechnung tragen sollen. Außer zwei Quartieren mit weit über hundert wildwachsenden, besonders charakteristischen und deshalb schätzenswerten Pflanzen des Gebirges und des Hügellandes gibt es ein Beet mit den gesetzlich geschützten Pflanzen. Eine Zusammenstellung der schönsten und auffallendsten Pflanzen unserer europäischen Alpen wird besonders den Alpenwanderern willkommen sein. Zur Bereicherung des Gartens mit neuen Pflanzen haben der Dresdener Botanische Garten und der Dresdener Zentralschulgarten das meiste beigetragen. Vieles ist aus nahen und fernen Pflanzengebieten des Landes herbeigeholt worden.

[Illustration: Abb. 2. =Blagays Seidelbast= (~Daphne Blagayana~)]

Man muß die Bemühungen unseres Pflanzengartenvaters um so höher einschätzen, als die Anlage eineinhalb Stunden Wegs von den nächsten Bahnstationen – Kipsdorf oder Altenberg – entfernt ist und deren Erreichung mit erheblichem Zeitaufwand und auch körperlicher Anstrengung verknüpft ist. Es scheint aber dem Verwalter, der selbst ein Freund und Kenner der Alpenflora ist, eine besondere Freude zu bereiten, hier seine Lieblinge aus den Alpen zu hegen und zu pflegen und auch weiteren Kreisen zu genußreicher Anschauung zu bringen. Wirken diese Kinder Floras ja hier in der Höhe von siebenhundert Metern in der reinen Gebirgsluft und dem strahlenden Sonnenschein, in der ernsten, schon fast subalpinen Charakter tragenden Landschaft doch auch ganz anders, als inmitten der großstädtischen Umgebung unserer botanischen Gärten.

Aber nicht allein vom ästhetischen Standpunkte ist die Angelegenheit zu betrachten. Derselben kommt auch eine nicht unerhebliche wirtschaftliche Bedeutung zu. Zunächst können hier Alpenpflanzen in größerem Maßstabe gezüchtet und vermehrt, Pflanzen und Samen an Interessenten käuflich abgegeben werden, was auch ganz in den Rahmen der Heimatschutzbestrebungen paßt, um damit dem Ausgraben wildwachsender Pflanzen entgegenzutreten, was überdies auch nach den in den verschiedenen Alpenländern bestehenden Schutzvorschriften verboten ist.

[Illustration: Abb. 3. =Krainer Himmelschlüssel= (~Primula Carniolica Jacq.~)]

Man wird hier auch in einer eventuell noch anzugliedernden besonderen Abteilung Versuche mit der Züchtung von Obst, Gemüse, Blumen usw. machen können, um für solche Höhenlagen geeignete Sorten ausfindig zu machen oder heranzüchten zu können, was gerade für unser Erzgebirge und Vogtland von großer Bedeutung werden könnte. Das ist natürlich Zukunftsmusik und bedarf noch erheblicher Mittel und sachkundiger Leitung.

[Illustration: Abb. 4. =Wulfens Himmelschlüssel= (~Primula Wulfenia Schott~)]

Zunächst freuen wir uns der farbenfrohen Erscheinungen unserer Alpenpflanzen, die hier in einer Höhenlage, die in klimatischer Beziehung einer solchen von fünfzehnhundert bis eintausendachthundert Metern in den Alpen entspricht, ganz prächtig gedeihen.

[Illustration: Abb. 5. =Clusins Himmelschlüssel= (~Primula Clusiana Tausch~)]

_Edelweiß_ z. B., das im Tieflande sofort degeneriert und seine schneeige Behaarung verliert, leuchtet uns hier mit seinen blütenweißen Sternen wie in den Alpen entgegen. _Alpenrosen_, sowohl die rostfarbige, wie auch die rauhhaarige Art, bilden große, purpurn leuchtende Büsche. Dazwischen stehen _Gentianen_ in verschiedenen großen und kleinen Arten, die _Alpenrebe_ entfaltet an dichten Ranken ihre zahlreichen violetten Glocken, auch die _Alpenanemone_, die ich noch selten in botanischen Gärten blühend angetroffen habe, gedeiht in dieser Höhe ganz prächtig, und von halbmeterhohen Stengeln leuchten uns die weißen Blütensterne und Büschel der narzissenblütigen Alpenrose schon von Weitem entgegen.

[Illustration: Abb. 6. =Klebriger Himmelschlüssel= (~Primula hirsuta All.~ = ~P. viscosa Vill.~)]

Aber was mich am meisten entzückt hat, das war bei meinem letzten Besuche am 28. April der geradezu staunenswerte Blütenflor der alpinen _Primeln_. Diese scheinen sich dort oben ganz besonders wohl zu fühlen, und ich habe sie noch nie in botanischen Gärten in so üppiger Entwicklung gesehen wie hier. Von unserer geschützten gelben Alpen-Aurikel (~Primula auricula~) angefangen, waren so ziemlich alle wichtigeren Aurikelarten unserer Alpen vertreten: Die prächtige _~Primula marginata~_ der Seealpen, die _~Primula hirsuta All.~_ der West- und Zentralalpen, die schöne _~Pr. venusta~_, die _~Pr. Clusiana~_, _~Wulfeniana~_ und _~carniolica~_ der Ostalpen und südlichen Kalkalpen neben dem Habmichlieb (~Pr. minima~) des Riesengebirges und verschiedene ausländische Arten. Dazwischen duftete aus einer üppigen Blütenfülle der _gelbweiße Seidelbast_ (~Daphne Blagayana~) aus den Krainer Bergen und leuchteten die zierlichen Blütensterne der _rautenförmigen Schmuckblume_ (~Callianthemum rutifolium~) neben gelben und weißen _Steinbrecharten_, _lieblichen Soldanellen_, _rosenroten Mannsschilden_, _Gemskresse_ und anderen alpinen Gewächsen. Auch Orchideen, vor allem unser schöner – in Sachsen leider ausgestorbener – _Frauenschuh_, sind zu schauen.

So kann man diesem jüngsten Pflegekinde unseres rührigen Heimatschutzes nur bestes Gedeihen und recht zahlreichen Besuch wünschen.

Floristisches aus dem Triebischtale

Von Studienrat Prof. _O. Leonhardt_, Nossen

Mit Aufnahmen von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Das an landschaftlichen Schönheiten reiche Triebischtal besitzt auch eine ganze Reihe botanischer Seltenheiten. An einem steilen Hange, wo eine schmale Bank silurischen Kalkes von kulmischen und devonischen Ablagerungen umschlossen wird, findet sich die in Abbildung 1 dargestellte =stinkende Nieswurz= (~Helleborus foetidus L.~), eine zur Familie der Hahnenfußgewächse gehörende Giftpflanze. In den alten Auflagen der »Exkursionsflora für das Königreich Sachsen« von Wünsche, sollte diese seltene Pflanze »aus Dorfgärten verwildert« an der Schloßmauer des Rittergutes Schilbach bei Schöneck i. V. wachsen. Trotzdem ich als Schönecker Kind die Gegend genau kenne, ist es mir nie gelungen, die Pflanze dort aufzufinden. Es lag sicher ein Irrtum vor, eine Verwechselung mit der grünen Nieswurz (~Helleborus viridis L.~), welche in den vogtländischen Bauerngärten hin und wieder als Frühblüher anzutreffen ist. Groß war daher meine Freude, der Langgesuchten im Triebischtale zu begegnen. Da ein sicher nachgewiesener Standort aus Sachsen nicht bekannt war, vermutete ich zunächst einen Gartenflüchtling vor mir zu haben. Angestellte Untersuchungen und Nachfragen bei den Ortseingesessenen sowie genaue Beobachtung der Pflanze seit drei Jahrzehnten brachten mir die Überzeugung, daß wir es hier mit einem ursprünglichen Standort zu tun haben. Für solche, nur einer bestimmten Gegend eigentümliche Pflanzen (endemische) gibt es ja außerordentlich viele Beispiele. Ich erinnere nur an den zierlichen im Uttewalder Grund vorkommenden Hautfarn (~Hymenophyllum Tunbrigense L.~), welcher sich dann erst wieder in Luxemburg, auf den Britischen Inseln, auf Korsika, Madeira, in Südafrika, Australien und Polynesien findet. Herrn G. Zieschang in Kaufbach ist es nach einer mir brieflich zugegangenen Mitteilung geglückt, in diesem Jahre einen zweiten Standort der stinkenden Nieswurz im Triebischtale aufzufinden. Die Besiedelung dieses neuen Ortes ist sicher von dem erstentdeckten Standorte aus erfolgt und es ist nur zu wünschen, daß die Pflanze sich dort hält. Herr Zieschang hat die Nieswurz bereits 1911 photographiert und ein Bild samt Beschreibung in der Heimatsammlung Wilsdruff niedergelegt. Auch er ist der Meinung, daß ~Helleborus~ hier seine Heimat hat. Die stinkende Nieswurz findet sich in Portugal, Spanien, Italien, England, Schottland, der Schweiz, in Steiermark, Tirol und im südwestlichen Deutschland, besonders im oberen Rheintal. Von dort aus hat sie sich bis nach Holland verbreitet und ist auch in einige Nebentäler des Rheines eingedrungen.

[Illustration: Abb. 1. =Stinkende Nieswurz= (~Helleborus foetidus L.~)]

Da sich in den Floren meist nur eine kurze Diagnose findet, will ich in folgendem eine etwas ausführlichere Beschreibung der Pflanze geben. Die stinkende Nieswurz, auch Bärenfuß, Feuerwurz, Teufelskraut oder Wolfszahn genannt, besitzt einen bis zu fünfundzwanzig Zentimeter langen spindelförmigen, ästigen, schwarzbraunen, im Alter vielköpfigen Wurzelstock, welcher mit vielen starken und ästigen Fasern versehen ist. Der bis zu sechzig Zentimeter hohe dicke, stielrunde, kahle und dicht beblätterte Stengel ist nach oben rispig verästelt und daselbst kurz drüsenhaarig. Bemerkenswert ist die transversal geotropische Anpassung der Stengel an den steilen Standort. (Abb. Nr. 2.) Auf _ebenem_ Boden gezogene Pflanzen behalten sogar diese Eigentümlichkeit bei, und manche Botaniker wollen darin eine »Vererbung erworbener Eigenschaften« erblicken. Die nicht blühenden Stengel sind samt den Blättern ausdauernd. Die unteren Stengelblätter sind langgestielt, lederartig, starr, kahl, oberseits dunkelgrün, auf der Rückseite etwas bleicher und bestehen aus sieben bis neun schmallanzettlichen spitzigen Blättchen. An den blütentragenden Stengeln finden sich gleich über dem Erdboden einzelne Seitenäste, welche sich in Wurzelköpfe und später in blühende Stengel umwandeln. Die oberen Blätter der blühenden Pflanzen bestehen nur aus einigen schmalen kleinen Zipfeln, welche auf großen elliptischen Scheiden sitzen und allmählich an den Verzweigungen der Rispe in große, eiförmige, bleichgelbgrüne Deckblätter übergehen. Die unscheinbaren _Blüten_ sind klein, nickend, grün und gewöhnlich purpurrot gesäumt. An Schönheit des Aussehens kann sich die stinkende Nieswurz mit ihren Schwestern, der bekannten Christrose mit rein weißen Blüten (~Helleborus niger L.~), der in Dorfgärten öfters anzutreffenden grünen Nieswurz (~Helleborus viridis L.~), der in den Transsilvanischen Alpen heimischen, prächtigen, purpurrötlichen Nieswurz (~Helleborus purpurascens W~ u. ~K~) oder gar mit den in großen Gärtnereien gezüchteten hybriden Formen – durchaus nicht messen. Alle Nieswurzarten besitzen innerhalb ihrer fünf bis sieben Blütenblätter große tütenförmige Nektarien. Die reifen Pollenblätter wenden sich nun immer so, daß sie direkt über das Honigmal zu liegen kommen, so daß jedes naschende Insekt unbedingt die Staubbeutel streifen und so für Fremdbestäubung sorgen muß. Die breit rundlich abgestutzten _Kelchblätter_ erscheinen gelblichgrün, die _Staubgefäße_ erreichen ziemlich die Länge der Kelchblätter. Die stinkende Nieswurz steht Ende März in voller Blüte, ich fand aber auch bereits im Februar blühende Pflanzen. Ihren Beinamen trägt unsere Pflanze deshalb, weil Wurzel und Blätter einen unangenehm stinkenden Geruch besitzen. In der Apotheke dürfte ~Helleborus foetidus~ kaum noch Verwendung finden. Früher lieferte er die ~Rhizoma Hellebori foetidi seu Helleborastri~. In Süddeutschland soll der Absud der Wurzeln und Blätter vom Volke heute noch als Mittel gegen Läuse gebraucht werden. Das in der Pflanze enthaltene Gift, ~Helleborin~ genannt, erzeugt starke Reizung der Schleimhäute, ruft Erbrechen und Durchfall hervor und wirkt lähmend. In einem alten Kräuterbuch aus dem Jahre 1711 heißt es sogar von unsrer Pflanze: »Dieweil sie giftig, werden die Wölf und Füchs damit gefangen«. Nach meinen Beobachtungen hat sich unsre Nieswurz in den letzten Jahrzehnten ständig vermehrt, so daß man wohl erwarten darf, daß dieses seltne Naturdenkmal unsrer Heimat noch auf lange Zeit erhalten bleiben wird.

[Illustration: Abb. 2. =Stinkende Nieswurz= (~Helleborus foetidus L.~)]

An derselben Stelle, wo ~Helleborus foetidus~ vorkommt, findet sich noch eine zweite botanische Seltenheit, das =Liegende Seifenkraut= (~=Saponaria ocimoides L.=~) Abbildung 3. Das niederliegende (richtiger: Basilikum ähnliche) Seifenkraut gehört einer Unterabteilung der Nelkengewächse (~Caryophyllaceen~) den ~Silenoideen~ an. Es ist eine Verwandte des bekannten echten Seifenkrautes (~Saponaria officinalis L.~), welches sich von Vorderasien aus über ganz Europa erstreckt, ziemlich große weiße oder rötliche Blüten besitzt, vielfach gefüllt – in Gärten und Friedhöfen angepflanzt und daraus verwildert ist und in seiner Wurzel uns das auch zu technischen Zwecken benützte ~Saponin~ liefert. Unser niederliegendes Seifenkraut, welches sich unter ähnlichen Verhältnissen auch bei Pillnitz findet, wurde schon vor zwanzig Jahren an dieser Stelle des Triebischtales beobachtet. Es ist eine ausgesprochene Alpenpflanze, welche in ihrer Heimat bis zu einer Höhe von zweitausend Metern emporsteigt und ihre nördlichste Grenze am Bodensee erreicht. Das reizende Pflänzchen besitzt wohlriechende rote, manchmal auch weißliche Blüten, ist in Gärten Rothschönbergs und der andern umliegenden Dörfer angepflanzt und als Gartenflüchtling dahin gelangt. Nach Kerner von Marilaun ist es ein bodenlagerndes ausdauerndes Gewächs, d. h. der ganze liegende Mittelstamm stirbt alljährlich am Schlusse der Vegetationsperiode mit all seinen Verzweigungen ab. Es besitzt dafür unterirdisch ausdauernde Niederblattstämme, aus denen in jedem Frühjahr neu belaubte Mittelblattstämme emporgetrieben werden, die sich – sobald das Sonnenlicht erreicht ist, sofort auf die Erdoberfläche hinlegen und ihre grünen Blättchen in zwei oder drei Zeilen ordnen. Daher ist im zeitigen Frühjahr von der Pflanze noch gar nichts zu sehen. Auffallend ist, daß in dem von Prof. Schorler herausgegebenen »Wünsche, die Pflanzen Sachsens« unser Seifenkraut nicht mit aufgenommen ist, obgleich der Standort – wie ich bestimmt weiß – meinem verstorbenen Freunde mitgeteilt war und er das Pillnitzer Vorkommen doch sicher auch kannte. Viele deutsche Floren führen ~Sap. ocim.~ nicht auf, wohl aber tut es Garcke, welcher »bei Lindau am Seeufer« und »am Mittenwalder Gsteig« als Fundstellen angibt. Wie alle andern Artgenossen ist auch unsere Pflanze eine Falterblume. Françé behauptet sogar, daß gerade ~Sap. ocim.~ sich durch _außerordentlichen_ Falterbesuch auszeichnet; besonders gerne soll der Taubenschwanz oder Karpfenkopf (~Macroglossa stellatarum L.~), ein mittelgroßer, ziemlich dunkel gefärbter, im Sonnenschein fliegender Schwärmer ständiger Gast sein. Ein erst kürzlich ausgeführter Besuch dieses interessanten Standortes bestätigte mir aufs neue, daß ~Sap.~ leider wieder im Verschwinden begriffen ist. Während noch vor fünf Jahren der Hang zur Blütezeit vollständig rot überzogen war, finden sich jetzt nur noch einzelne Pflänzchen.

[Illustration: Abb. 3. =Liegendes Seifenkraut= (~Saponaria ocimoides L.~)]

Weiter oben im Triebischtale steht, wie auch in anderen Seitentälern und feuchten Gründen unseres Elbgeländes der =Aronstab= (=~Arum maculatum L.~=), Abbildung 4, auch Aronskindlein, Eselsohren, Freßwurz, Zehrwurz, Pfaffenkind, Veronikawurz genannt. Ich kenne den Aronstab aus vielen Gegenden Sachsens, nirgends aber ist er mir in solcher Menge und in solchen Riesenexemplaren entgegengetreten wie hier. Der Aronstab macht den Eindruck eines Fremdlings in unserer Flora, und namentlich die Blüten haben zu allen Zeiten die Aufmerksamkeit der Leute erregt. Er gehört den Aronstabgewächsen (~Aroideen~) an, und in der Tat sind von zirka achthundert bekannten Arten dieser Familie über neunzig Prozent in den Tropen heimisch. In Sachsen finden sich nur noch zwei Vertreter dieser Familie, die Schlangenwurz (~Calla palustris L.~), welche ich in den Teichen bei Kirchberg und Pausa beobachtet habe und der im 16. Jahrhundert erst aus Südasien eingeführte Kalmus (~Acorus Calamus L.~). Der Aronstab ist ein Bewohner feuchter Laubwälder, erscheint im zeitigen Frühling, und seine großen pfeilförmigen dünnen Blätter sagen uns, daß wir es mit einer Schattenpflanze zu tun haben, welche mit dem geringen ihr zur Verfügung stehenden Licht sehr sparsam umgehen muß. Die Blätter sind öfters mit dunklen Flecken (Wärmeschutz) versehen und werden von allen Tieren gemieden. Nur die Raupe der Aron-Eule (~Agrotis Janthina Esp.~) nährt sich von ihnen mit besonderer Vorliebe und nur nebenbei von Nessel- und Schlüsselblumengewächsen. Kaut man ein Stück des Blattes, so »zwackt es die Zungen, gleich als steche man sie mit den allerfeinsten Dörnern«. Dieses »Zwacken« rührt von Bündeln feiner, aus oxalsaurem Kalk bestehender Kristalle her, welche als Raphiden bezeichnet werden und ein unfehlbares Schutzmittel gegen Tierfraß darstellen. Ganz fremdartig erscheint uns auch die Blüte, welche botanisch richtiger als Blütenstand anzusprechen ist. Die große tütenförmige, von einem grünlichweißen Hüllblatt gebildete Scheide ist in geringer Höhe über dem Grunde stark eingeschnürt, so daß unten eine kesselartige Erweiterung entsteht. In der Scheide befindet sich eine Spindel, welche oben keulig verdickt ist und eine trübpurpurne Farbe und einen widerlich fauligen Geruch besitzt. Darunter an der Einschnürstelle sitzt ein Kranz abwärts gerichteter starker Fäden, die Haarreuse, unter ihr ein zweiter Kranz von Staubblüten und darunter die Stempelblüten, aus welchen sich zur Zeit der Fruchtreife rote giftige Beeren entwickeln. Da die Staubgefäße erst stäuben, wenn die Narben bereits verschrumpft sind, die Pflanze also protogyn ist, kann nur Fremdbestäubung möglich sein. Diese besorgen vor allen Dingen der Gattung ~Psychoda~ angehörige Mücken, insbesondere die ~Psychoda phalaenoides L.~ Viertausend dieser kleinen Tierchen sind bereits auf einmal in _einer_ Blüte gezählt worden. Wie es scheint, sind es aber nicht nur Blütenstaub und Nektar, welche diese Tierchen anlocken, sondern es ist noch etwas anderes. Zur Blütezeit des Aronstabes sind die Nächte teilweise noch recht kalt. Wenn die Insekten nun in den Kessel kriechen, so finden sie neben den Nahrungsstoffen auch noch eine recht hübsch eingerichtete Wärmstube vor. Genaue Messungen haben ergeben, daß die Temperatur im Kessel um durchschnittlich acht Grad höher ist, als die Außentemperatur. Bei einer unserm Aronstab äußerlich sehr ähnlichen Art Südeuropas (~Arum italicum L.~) sind bei einer Lufttemperatur von achtzehn Grad im Kessel bis vierundvierzig Grad gemessen worden. Man ersieht daraus, daß die modernen Wärmstuben der Großstädte durchaus nichts Neues darstellen. Die in den Kessel eingedrungenen Insekten werden zwar einige Tage ihrer Freiheit beraubt, bis die Haarreuse erschlafft und den Ausgang nicht mehr wehrt; da aber genügend Nahrung vorhanden ist, muß es für die kleinen Gefangenen ein sehr angenehmes Gefängnis sein. – Der Aronstab ist ein ausdauerndes Gewächs. Die am Grunde sitzende walnußgroße Knolle gibt die in ihr aufgespeicherten Nährstoffe im Frühling ab; dafür bildet sich nach der Blüte eine neue Knolle.

[Illustration: Abb. 4. =Aronstab= (~Arum maculatum L.~)]

Offizinell scheint der Aronstab – außer bei der Homöopathie – kaum noch zu sein, während er in früheren Zeiten als Heilmittel eine große Rolle spielte. In einem alten »~Thesaurus Pharmaceuticus~ oder Apotheker-Schatz von L. Christoph Hellwig« aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts wird in einem dem Laien kaum verständlichen Gemisch von Deutsch und Latein eine lange Reihe von Krankheiten aufgeführt, welche er unbedingt zu heilen imstande sei. Zum Schluß dieses kuriosen Aufsatzes heißt es: »Aaron-Wurtzel mit Wein praeparirt: Das Wasser hiervon dienet wider gifftige Krankheiten, ja wider die Pest selbst.« Der die außerordentliche Schärfe des Aronstabes und aller anderen Araceen bedingende Stoff ist nicht bekannt; man hat als giftige Bestandteile dem ~Saponin~ nahestehende Stoffe nachgewiesen; ferner enthält die Pflanze Blausäure, frei oder locker gebunden. Die Giftstoffe sind sehr flüchtig und verlieren beim Trocknen ihre Schärfe. Die einundsiebzig Prozent Stärke enthaltenden Knollen (~tubera Ari~) sollen in manchen Gegenden gemahlen und dem Brotmehle zugesetzt werden, ja sogar als Portland-Sago in den Handel kommen.

Auch in Sage und Geschichte spielt der Aronstab eine Rolle. Nach einer namentlich in Süddeutschland geläufigen Sage sollen Josua und Kaleb bei der Auskundschaftung Kanaans den heiligen Stab Aarons mitgeführt und auf ihm die große Weintraube heimgetragen haben. Dieser Stab sei dann achtlos in die Erde gesteckt worden, und aus ihm sei unsre Pflanze hervorgewachsen. Auch der Aberglaube hat sich der Pflanze bemächtigt, sie soll ins Bette gelegt oder unter der Tür vergraben, allem Bösen den Eintritt ins Haus verwehren.

Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß die hier geschilderten seltenen Pflanzenvorkommnisse – deren Standorte übrigens sehr versteckt und nur schwer aufzufinden sind – weitestgehenden Schutzes bedürfen und das Entnehmen von Pflanzen oder gar Ausgraben solcher unbedingt zu unterlassen ist. Die behördlichen Organe der Umgegend, Gemeindeverwaltungen und Lehrer sind bereits darauf hingewiesen und es ist zu hoffen, daß durch allseitiges verständnisvolles Zusammenwirken diese Naturdenkmäler unserer Gegend noch recht lange erhalten bleiben, sich vielleicht sogar vermehren und an weiteren Orten ansiedeln.

Am Grabe des Marienberger Silberbergbaues

Von Studienrat _Bogsch_, Chemnitz

Wer sich von Norden oder Süden, von Westen oder Osten dem lieblichen Grunde nähert, in dem sich Marienbergs Häuschen um die mächtige Zwiebelkirche huscheln, sieht allüberall an den Hängen fichtenbestandene Halden aufbuckeln, Märcheninseln im wogenden Meer der Halme, Warzen im struppigen Waldgesicht. In reizvoll schwingenden Reihen ziehen sie ins Tal hinab, sanft von Grün gerundet, in ganzen Gruppen, wie wilde Wegelagerer tauchen sie zwischen den Stämmen der Waldstücke auf. Neben ihnen kauern sich Bingen in den Waldboden, strudeln Trichter in die Tiefe, als ob Granaten größten Kalibers vor Jahrzehnten und Jahrhunderten hier eingeschlagen wären. Der Kundige weiß, daß diese Bodenwellungen nicht natürliche Geländefalten sind, sondern Zeugnisse riesiger Erdbewegungen durch Menschenhand, Zeugnisse zähester und mühevollster Wühlarbeit durch Jahrhunderte hindurch. Dem Bergbau verdankt das Gelände diese seine eindringliche Gestaltung. Der Bergbau hat hier von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wie auf einer Merktafel seine Fortschritte verzeichnet, sozusagen auf eine Ebene projiziert, so daß wir jetzt in dichtem Gewirre neben- und übereinander sehen, was in der Geschichte nacheinander lebte. Die Stätten rastloser Arbeit und köstlichen Gewinnes an blinkendem Erze liegen nun tot in grauer Öde. Noch klingt zwar zu bestimmten Stunden das Bergglöckchen von Marienbergs stattlichem Turm, aber es wimmert und klagt, nur von wenigen verstanden, über ein Gräberfeld hin.

Wie auf einem Friedhof Grabsteine stürzen und Grabhügel verfallen, um die sich niemand kümmert, so droht auch hier dumpfe Vergessenheit über ein Stück großartiger Heimatgeschichte zu kriechen, drohen die Denkmäler und Urkunden zu zerbröckeln, die eindringlich von der ungeheuren, bergeversetzenden, alles in seinen Bannkreis ziehenden Bergarbeit von Jahrhunderten erzählen, von des Gebirges verborgenen Silberschätzen, von freudebangem Reichtumshoffen zuströmender Schürferscharen und mühseligem, ermattendem Ringen ernster Bergleute mit den mißgünstigen Gewalten der Tiefe und mit widrigen Zeitumständen.

Fast alle die über Tage schlafenden Schöpfungen des Bergbaues verschwinden allmählich als tote und nutzlose Überreste einer vergangenen Zeit, ohne daß man irgendwie versucht, wenigstens ihr Andenken zu bewahren. Die Land- und Forstwirtschaft zielt darauf hin, wo es angängig ist, die störenden Halden und Bingen zu beseitigen. Die Grubengebäude, die sich einst stimmungsvoll in die Landschaft fügten, sind schon fast überall verschwunden, nur selten sieht man noch schlichte Huthäuser, alte Bergschmieden und verfallene Pulverhäuschen. Von den reizvollen, spitzen Göpelhäusern ist jede Spur hinweggetilgt. Die Stollenmundlöcher verwachsen, die Röschen sind zusammengestürzt, die Kunstgräben haben sich in den Dienst moderner Industrien stellen müssen, um nicht beseitigt zu werden, die Teiche mußten dasselbe tun oder wurden trocken gelegt, die Pochwerke und die Wäschen hat man weggerissen oder zu Mühlen umgebaut, die Hütten kennt kein Mensch mehr.

Zwar leben in und um Marienberg noch Leute genug, die sich an Einzelheiten der bergbaulichen Ortskunde erinnern können. Aber ihre Angaben sind oft unzuverlässig und auch sie werden einst ausgestorben sein. Es gilt deshalb, das Wenige, was noch an bergbaulichen Überresten um Marienberg vorhanden ist, aufzusuchen, eindeutig zu bestimmen und in Wort und Bild, vielleicht auch durch einen schlichten Namensstein am Wegrand die Erinnerung daran festzuhalten.