Chapter 3 of 8 · 3853 words · ~19 min read

Part 3

Dann kam eine Zeit über unser Land, wo die Mittel zu unseres Lebens Nahrung und Notdurft karger und kärglicher wurden und wo die Leute, besonders in der Stadt, ihre Kinder hungern sahen und nicht wußten, woher das Essen nehmen, wenn die schmalen zugewiesenen Bissen die Kinder immer bleicher und hohlwangiger werden ließen. Da liefen sie aufs Land hinaus, baten und bettelten bei den Bauersleuten, daß die von ihrem Überfluß verkaufen sollten. Zwar zwangen strenge Gesetze die Bauern, von ihrer Ernte dem Staate abzugeben, daß die anderen auch zu leben hätten – aber jede Verordnung ist da, um übertreten zu werden, und jeder Gesetzesbau, sei er noch so stolz und fest, hat Hintertüren. »Ein Bissel was« hatten die Bauern immer noch zum Hergeben an gute Freunde. Aber da gab es auch solche, die die Not unseres Volkes reich gemacht hatte, deren Geschäfte nie so geblüht, als in der Kriegszeit. Die kauften auf, was zu kaufen war, boten Preise über Preise und schleppten die Nahrung, dem Hamstern gleich, in ihren Bau. Diese wurden bald den Bauern am liebsten. Wer wenig Geld zahlen konnte, bekam nichts mehr und der Bauer stand sich gut dabei.

Dem Wagnerfried sein Butterstück wurde kleiner und kleiner. Milch für den Kaffee setzte es auch nicht mehr, und bei jedem Pfund Kartoffeln gab es einen kleinen Kampf. Es müsse alles abgegeben werden, sagte die Schramm, sie hätten selbst nichts. Dabei sah der Alte aber doch, wie Tag um Tag die Stadtleute mit Rucksäcken und Körben vom Hofe gingen; er sah auch, daß die Bauersfrau sich neue seidene Kleider kaufte und daß ein Pianino in den Hof gebracht wurde, obwohl gar niemand da war, der es spielen konnte.

Und schlimmer ward es mit Deutschland. Die braven Truppen kämpften draußen bis zum Weißbluten. Man las zwar in den Zeitungen nur von Siegen, aber dazwischen hinein kamen wieder Verordnungen, daß man alles Metall abgeben solle, sonst könnte keine Munition mehr hergestellt werden. Da trug der alte Wagnerfried Stück für Stück von seinem Zinn zum Gemeindeamt, aber die wenigen Pfennige, die er dafür bekam, reichten kaum zu einer einzigen Mahlzeit. In der Unterstube ließ er sich kaum mehr sehen, er besorgte sich seine Lebensbedürfnisse lieber bei anderen Bauern, als in seinem Auszugsgut.

Von allen Seiten gehetzt und zerschlagen, im Innern zermürbt und willenlos geworden, brach endlich die alte Herrlichkeit zusammen, die längst keine mehr war. Noch einmal machten die ihrer Väter und Söhne Beraubten den bitteren Harm durch, andere aus dem Felde zurückkommen zu sehen, nur ihre Lieben blieben aus. Aufbauen! Aufbauen! hieß es überall. Aber meist bauten sich nur solche auf, die schon genug und übergenug hatten, und ihr Aufbauen hatte nur den Zweck, sich selbst zu Wohlleben zu bringen, während die anderen darbten, schlimmer als im Kriege. Schlemmer und Prasser der Inflationszeit, schämt euch heute noch der Tränen, die manch hungernder Alter, manch schwaches Mütterchen vergossen, die die Zeit und ihr mit um alles gebracht, was sie einst besessen!

Der alte Wagner erlebte auch, daß sein Geld – sein früheres Vermögen und der Kaufpreis des Gutes – dahinschwanden, wie der Schnee in der Sonne. Noch dazu fand er sich in den Millionen, Milliarden und Billionen nicht mehr zurecht. Wovon er eigentlich in dieser Zeit lebte, ist ein Rätsel geblieben. Er lag meist in seinem Bette. Nur dann und wann stand er auf, um ein Stück seines Hausrates zu verkaufen. Mit dem Handwagen fuhr er die Uhr ins Dorf zum Tischler, der sie nur mit Mühe und für ein geringes Geld annahm. Den Tisch und die Stühle nahmen Schramms für die Gesindestube. Sie bekümmerten sich im übrigen aber wenig um den Alten. Immer leerer ward es im Auszugsstübel, nur der Schrank war als einziger Besitz geblieben und das Bette, in dem der Alte still und hungernd lag. Sein Blick ging nach seinem Baum, da – rauschte die Krone nicht zorniger heute? Und klang es nicht wie Säge und Axtschlag? Seiner Sinne kaum mehr mächtig, schleppte sich der Fried ans Fenster und blickte hinab. Da stand der Schramm, die Hände in den Hosentaschen, und sah den Leuten zu, die darüber waren, den alten Riesen zu fällen. Da ging es dem Alten wie dem Baum, er ächzte und stöhnte bei jedem Schnitt und Schlag, und als, von Seilen gezogen, der Stamm mit einem lauten Krach stürzte, sank auch der Alte mit einem Wehelaut auf sein Bett zurück. Ein tränender letzter Blick auf seinen alten Schrank, dann hatte er alle Not überstanden.

Schramms fiel es am zweiten Tage erst auf, daß man oben gar nichts hörte. Man meinte schließlich: »Wir wollen när emol über nauf sahe, emende is’n ewos passiert.«

Da lag der letzte Wagnerbauer und war tot, verhungert, indes seine Nachfolger nicht wußten, wohin mit dem Gelde.

Die notwendigen Meldungen wurden gemacht, der Tischler kam, um den Armensarg anzumessen. »Hast du net e paar alte Bratter?« sagte er zu Schramm, aber der meinte, Holz sei teuer. »Do werd ich die Bettstell nahme müssen,« erwiderte der Tischler darauf. Da sagte aber die Schramm: »Die wollt ich engtlich behalten, er hoot noch net alles bezohlt, wos ’r gassen hoot. Ich hoo ne doch egal gabn!« Der Tischler sah sich nach einem geeigneten Gegenstand um. Da fiel sein Blick auf den Schrank. »Wan is dä dos alte Gerafel?« fragte er schließlich. »Dan kast du nahme,« meinte Schramm, »dar paßt su wie esu net zu unern Möbeln.« Und so kam es, daß der Tischler den alten Schrank mitnahm, um dem Wagnerfried einen Sarg daraus zu zimmern. Die Geister des Schrankes frohlockten, so war es ihnen recht. Als aber die zerlegten Teile in der Werkstatt standen, kam ein Herr aus der Stadt, der auf Amtswegen war. Der sah entzückt die alte Malerei. Als er aber erfuhr, zu welchem Zweck das alte kunstvolle Stück zerstört worden war, trat ihm das Blut ins Gesicht und die Augen wurden ihm naß. »Warum hat man dem Gemeindevorstand nichts davon gesagt? Es gibt eine Stelle bei uns im Lande, die solche Dinge mit Freuden gut bezahlt. Warum hat der Heimatschutz nichts erfahren? Armer alter Wagnerfried! Von deinem Schrank und den vielen verschleuderten Sachen hättest du noch lange leben können. Es hätten sich auch Mittel und Wege gefunden, dir zu helfen. Und nach deinem Tode wäre dein Schrank zu Ehren gekommen in unserem Museum oder im Hause eines Kunstfreundes. Dort hätte er weiter und weiter erzählt von deinem Geschlechte und von einer Zeit, die noch Ehrfurcht vor den Vermächtnissen unserer Ahnen besaß.«

Fußnote:

[3] Wurzel = Cichorie; Bilder, die um Cichorienpäckchen gerollt waren.

[Illustration: _Wappen der Stadt Kamenz i. Sa._]

_An Kamenz zum 17. Mai 1925!_

_Du teure Stadt der Väter, Welch’ einer Kinderschar Hast Du ein Heim bereitet In siebenhundert Jahr’!_

_Wie viele sind gekommen, Wie viele sahst Du gehn! Wie viele hast Du lachen, Wie viele weinen sehn._[4]

Fußnote:

[4] Auf Anregung der Stadt Kamenz veröffentlichen wir hiermit die sinnreiche Urkunde zum 700jährigen Stadtjubiläum im vergangenen Jahre.

Ein Beitrag zur Frage der Steinkreuze

Auf dem Geithainer Kirchberg, unter der alten Linde, steht heute ein Steinkreuz. Dessen Standort soll früher der Galgenberg gewesen sein. Demnach ist dieses Denkmal mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dasselbe, welches in dem ältesten Geithainer Stadtbuch erwähnt wird. Hier heißt es nämlich auf Blatt 45b, unter dem 11. Oktober 1469:

~Causa Nickel Kircheners vnd Jorg follertczs.~

~Anno domini millesimo quadrinngentesimo Sexagesimo Nono An der mitwoche noch dyonisy Ich liborius Oler Burgermeister Clemen honkirche Richter hans Geyseler hans Botticher Michel smid Merten francke michel Eckart vnd Peter Jarnhirsch Ratman der Stat Geythan Bekennen In vnserem Statbuch vor Idermenneklichen das vor vnseren sitzen rad kommen seyn Jorg follert heynrich seyn bruder vnd mit Iren gehülffen vff eyne part / Nickel kirchener / hans kirchener seyn Son / merten sneyder Jerath metzener uff dy ander part haben wir uff beyde part mit eynander gutlich vnd fruntlichen entscheyden vnd bericht seyn vmb den totslag Symon follert seligen Also das Nickel kirchener den kindern Symon follartz reichen vnd geben sal Achtczehen gute schog hocher were Anzcuheben uff heüte mitwoche seyn gegeben czwey schog dar noch saln (kirchener?) geben vnd reychen czwey schogk uff weynachten nehest kommende / voran uff alle weychvasten eyn gut schogk / biss so lange sulche Summa geldis gefellet Sunder wer sulche summa geldis heben wirt / von der vnmündigen kinder wegen / der sal eyne mögliche were dor vorthum Dor noch sal Nickel kirchener anderhalb hundert vigilien vnd anderhalb hondert selmessen wü dy follert dy hen bestymmen zcuhalden In pharrkirchen adder klostern bestellen jnwendig virwochen Auch eyne ochfart czwyschen hy vnd phingsten nehest kommende Auch eyn Steynencrücze jn der selben czeit uff der Stat weychbilde setczen sal Auch czerunge scheppengelt nemlich II s(schogk) XXVI gl sal Nickel kirchener geben Jorg follert vnd vintcz berger LV gl uff den nehesten mantag Galli / dornoch uff den nehesten montag abber beyden 1 s 1 gl / dornoch uff weynachten vintcz berger 1 s / dornoch follert XXX gl uff den mantag noch aller gotis heyligen tag / Auch sal kirchener gericht freyheyt yss hafft … js hafft abczulegen Auch desgleichen sal kirchener heynrich follart vom bader brengen wen her heyl wirt //. Nu vor silche berichtunge fride vnd Summa geldis seyn burge Andres bretczschel veitcz muller Cristoffel bretczschel Gerius geyseler Auch do mit Burge vor eynen steten fride der Sache / Auch ab der burgen eyner abgynge von todis wegen sullen dy andern eynen anderen burgen bestellen an desselben stat Auch haben Nickel kircheners kinder mit namen hans kirchener Gerius kirchener gereth den selben vir burgen vorder zcu lossen ab ir vater abginge todis halben das got wende Nu uff silchen fryde hat jorg follert mit seynem bruder auch czwene burgen widergesetczt mit namen matts Loze vnd jocoff burgraffe Auch ab der g(enenneten) burgen eyner auch abginge todis halben das got lang wende sullen sy eyn anderen an des stat bestellen Auch haben sy von gutem willen vnd wolbedachtem mute vorkort und vorpeynigit / wer sulche stucke artickel obinberurth breche de sal der Stat Geythen eynn gut schog zcu gericht vorvallen seynn wy ofte das geschit / wen man jn das kan beczeügen mit warhafftigen leuten den zcu gelauben stehet darvber haben sy jre wyssenunge dem Rat dorvbergegeben vnd lassen czeychen jn vnserem Statbuch~

Schwarzenberger Edelweiß

(~Chrysanthemum partheniifolium Pers.~)

Von _Horst Henschel_, Schwarzenberg

Zu den Merkwürdigkeiten der sächsischen Flora gehört das »Schwarzenberger Edelweiß«, eine Wucherblume, die aus Spanien stammt, Blumen mit schneeweißen Strahlen und gelblichweißen Scheibenblüten trägt und deswegen auch Spanische Schneewucherblume genannt wird. Sie ist in Sachsen (nach Prof. Dr. Otto Wünsches Excursionsflora von Sachsen) nur an der Brühlschen Terrasse in Dresden und in Schwarzenberg verwildert zu finden. In Schwarzenberg ist sie so häufig wie keine andere Blume am Ort. An Felswänden, Wegrändern, als Unkraut in Gärten, an den Steinfugen der Ufer- und Straßenmauern, kurz überall erfreuen uns die durch ihre Menge leuchtenden Blütensterne dieser Wucherblume. Mehrere hundert Blüten an einem Stock sind nichts Seltenes. Diese Blütenfülle gibt dem alten Gemäuer ein Gewand von geradezu wunderbarer Pracht. Die unendlich vielen Blütenköpfe auf den sonst nackten Felswänden wirken manchmal wie ein unversehrter Schneefleck.

Der Laie hält die Spanische Wucherblume meistens für eine Kamille und nennt sie zum Unterschied von der echten Kamille (~Matricaria Chamomilla~), die als Heilpflanze weit und breit zur Teebereitung gesammelt wird, fälschlicherweise unechte Kamille.

[Illustration: Abb. 1. =Am Schloßfelsen in Schwarzenberg=]

Das »Schwarzenberger Edelweiß« blüht in den Monaten Juni bis September, ist eine ausdauernde Pflanze, kommt also jedes Jahr wieder, und wird dreißig bis achtzig Zentimeter hoch. Die langgestielten Blütenköpfe sind etwa drei Zentimeter breit und haben einen würzigen Geruch.

[Illustration: Abb. 2. =Am Schloßfelsen in Schwarzenberg=]

Seitdem in Sachsen die Rinde der Korkeiche (~Quercus super~) verarbeitet wird, finden wir auch die Spanische Schneewucherblume in Sachsen. Und da die Korkfabrikation erst seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Sachsen betrieben wird, ist demnach das »Schwarzenberger Edelweiß« ein noch recht junges Kind unserer sächsischen Flora. Sonderbarerweise ist diese Wucherblume nicht in _der_ Gegend des Erzgebirges zu finden, wo der Kork verarbeitet wird, also nicht im _Raschauer Grund_, sondern nur in Schwarzenberg. Als ob das »Schwarzenberger Edelweiß« die breite Talaue der Großen Mittweida nicht vorteilhaft genug befunden hätte, um seine Pracht zur Geltung zu bringen! Als hätte es sich mit Kennerblicken die Perle des Erzgebirges als zweite Heimat erkoren, um an ihren hohen alten Felswänden zu prangen und bewundert zu werden. Wie sinnig ist doch sein volkstümlicher (ortsüblicher) Name! Schwarzenberger Edelweiß. – – –

[Illustration: Abb. 3. =Schwarzenberger Edelweiß=]

Wie aber mag sich die Geschichte in Wirklichkeit zugetragen haben? – Als in dem etwa vier Kilometer von Schwarzenberg entfernt liegenden Dorfe Raschau im Jahre 1859 die Korkfabrikation eingeführt wurde, war der Ort noch nicht an das Eisenbahnverkehrsnetz angeschlossen. Dies geschah erst im Jahre 1889, als die Eisenbahnlinie Zwickau–Aue–Schwarzenberg–Grünstädtel bis Buchholz erweitert wurde. Schwarzenberg war bereits 1858 Endstation der genannten Teilstrecke; und so mußten die Raschauer ihre Frachtgüter mit dem Fuhrwerk aus Schwarzenberg holen. Beim Umladen auf dem Schwarzenberger Bahnhof oder durch das Rütteln und Schütteln des zu Ballen zusammengebundenen Korkholzes während des Transportes auf dem offenen Leiterwagen sind vermutlich Samenkörner der Spanischen Wucherblume, die sich in den Unebenheiten der Eichenrinde befanden, hier herausgefallen. Merkwürdig ist jedoch, daß an der Stelle in Raschau, wo die Korkballen abgeladen und aufgehoben werden, keine Spur von der Spanischen Wucherblume zu finden ist. Entweder sind also an jener Stelle keine Samen ausgefallen, oder die Samen brauchen einen besonderen Boden, um sich entwickeln zu können. Letzteres erscheint mir am wahrscheinlichsten; denn sonst müßte diese Wucherblume, deren Samen durch das Schwarzwasser doch weit fortgetragen werden, noch an anderen zahlreichen Stellen anzutreffen sein, was aber nicht der Fall ist.

[Illustration: Abb. 4. =Am Schwarzwasser in Schwarzenberg=]

Die höheren Pilze der Dresdner Heide

Von _Bernhard Knauth_, Dresden-Strehlen

Mit Abbildungen von Georg Marschner, Dresden-Gruna

Weil die Pilzgeographie noch in den Anfängen steckt, ist es Pflicht eines jeden Pilzkenners, mindestens ein Gebiet seines Wohnbezirkes gründlich zu erforschen und das Ergebnis zu veröffentlichen. Als Freunde der Tat wollen wir zu diesem Zwecke die Dresdner Heide durchwandern. Sie ist ein 6237 Hektar großer, gut gepflegter Forst, der die wellige Hochfläche nördlich von Dresden bedeckt. Ihr diluvialer Dünensand nimmt von West nach Ost an Fruchtbarkeit zu, weshalb im Osten Fichten und Buchen vorherrschen, im Westen dagegen Kiefern und Birken. Außer diesen Bäumen kommen vor: Tanne, Lärche, Eiche, Erle, Weißbuche, Ahorn, Esche und sogar einzelne Robinien. Aus der Fauna seien genannt: Hirsch, Reh, Wildschwein, Fuchs und Dachs. Reich an Quellen und Bächen, Hügeln und Tälern, reich auch an gut markierten Wegen, lockt sie zum Wandern. Der Dresdner kennt und liebt seine Heide. Fern vom Trubel der Großstadt kann er hier Ruhe und Erholung finden, Blumen pflücken und – Pilze suchen. Und diesen Pilzen wollen wir jetzt unsere Aufmerksamkeit widmen.

[Illustration: Abb. 1. =Dickfuß-Röhrling=]

Unsere Wanderungen beginnen wir Anfang Juli, weil vorher außer der im Erdreich verborgenen Heidetrüffel (~Hydnangium carneum~) nicht viel zu finden ist. Wir besuchen zunächst den buchenreichen Stechgrund unweit des Weißen Hirsches. Hier finden wir den Dickfußröhrling (~Tubiporus pachypus~, Abb. 1), der von Unkundigen für den Satanspilz gehalten wird. Er trägt unter seinem hellgrauen, dicken Hute eine gelbliche Röhrenschicht, die nach Druck bläulich anläuft. Sein nach unten stark verdickter Stiel ist oben gelb, unten blutrot und allenthalben netziert. Sein weißliches Fleisch wird nach Anschnitt blau und schmeckt bitter. Auch der punktierte Hexenpilz (~Tubip. erythropus~) kommt hier vor. Auf seinem rotpunktierten, keuligen, oben gelben, unten roten Stiele trägt er einen derben, kastanienbraunen Hut, dessen Röhrenschicht rot ist. Sein gelbliches Fleisch wird nach Anschnitt sofort blaugrün, kann aber gegessen werden. – Am steilen Hange dort winkt uns ein weißer. Er wird rötender Faserkopf (~Inocybe Trinii~) genannt, weil seine weiße Färbung später rötet und sein mittelgroßer Hut gefasert ist. Sein Fleisch riecht wie das der meisten Faserköpfe widerlich und wird nicht gegessen, zumal eine Verwechselung mit dem giftigen ziegelroten Rißpilz (~Inocybe lateraria~) möglich ist. Letzterer ist für Sachsen nur im Scharfenberger Schloßpark nachgewiesen. – Wenn wir Glück haben, finden wir hier auch die eßbare Grubenlorchel (~Helvella lacunosa~), die im ganzen blauschwärzlich aussieht. Ihr gekröseartig gewundener Kopf ist zwei bis fünf Zentimeter hoch und breit; ihr gerippter Stiel zeigt grubige Vertiefungen.

[Illustration: Abb. 2~a~. =Stockschwämmchen=]

Wir gehen nun in Richtung der Acht nordwärts bis zur Prießnitz, vom Wege bald rechts bald links abschweifend. Da sehen wir Täublinge. Ich will sie alle aus Liebe zur Einheitlichkeit nach Rickens Vademecum benennen, wohl wissend, daß da noch mancherlei zu bessern ist. In Birkennähe gewahren wir den violettgrünen (~Russ. cyanoxantha~), der auch Frauen-Täubling genannt wird. Meist hat er einen trübvioletten Hut mit grünlicher Scheibe, kann aber auch violettrötlich, braungrün oder schwarzviolett aussehen und die Scheibe ockergelblich. Stiel und Lamellen weiß, Fleisch mild und eßbar. Nicht weit davon steht der grünschuppige Täubling (~Russ. virescens~), der an dem spangrünen, gefelderten Hute leicht zu erkennen ist. Lamellen, Stiel und Fleisch sind weiß. Im Fichtendickicht finden wir ferner den grasgrünen Täubling (~Russ. graminicolor~), den wir an der dunkelgrünen Hutmitte erkennen. – Nachdem wir östlich über eine Fichtenschonung schauend, den lieblichen Ausblick nach dem Hutberg bei Weißig genossen haben, schlendern wir in nördlicher Richtung weiter. Da drüben ist ein alter Stumpf gänzlich mit Stockschwämmchen bedeckt (~Pholiota mutabilis~, Abb. 2~a~). Die zimtbräunlichen, mittelgroßen Hüte könnten den bekannten büscheligen Schwefelkopf vortäuschen, aber der Ring am rostbräunlichen, schuppigen Stiele belehrt uns eines besseren. Da er genießbar ist, wandern die schönsten in unsere Sammelschachtel. – Versteck dich nur nicht so, du rehbrauner Dachpilz dort (~Pluteus cervinus~)! Du entgehst unserem Pilzerauge doch nicht! Er trägt auf grauem, gefasertem Stiele einen dunkelbraunen, flachglockigen, faserschuppigen Hut, der etwa sieben Zentimeter breit ist. Da er zu den Rotsporern gehört, spielt das Weiß seiner schwarzschneidigen Lamellen etwas ins Rötliche. Auch er wird gegessen. – Ein weißer dort? Aha, ein Schaf-Egerling (~Champignon~), noch zwei, noch drei! Sein weißer, matt gilbender Hut könnte ja den später wachsenden Knollenblätterschwamm vermuten lassen, aber die Lamellen unseres Pilzes (~Psalliota arvensis~) sind nicht weiß (höchstens im Anfang), sondern rötlich, zuletzt dunkelbraun. Unser Pilz riecht nicht nach rohen Kartoffeln, sondern nach Anis. Weniger angenehm ist unserer Nase die unter Birken stehende Stinkmorchel (~Phallus impudicus~). Ihr grubiger, olivbrauner Kegelhut ist mit einem dicken, stinkenden Schleim überzogen, angeblich, um aasliebende Insekten anzulocken, die dann durch Mitnahme der Sporen zur Verbreitung beitragen sollen. Aber dieser Pilz ist so wenig begehrt und so häufig, daß er um seine Vermehrung nicht besorgt zu sein braucht – naiv gedacht. Diese Zweck-Philosophen haben oft eine starke Phantasie. Wären ihre Theorien alle richtig, dann könnte man nicht begreifen, warum z. B. der seltene, vielbegehrte Königsröhrling sich durch das Rot seines Hutes verrät, während von weniger seltenen behauptet wird, daß sie sich durch Anpassung schützen. Doch zurück zur Praxis! Da drüben ein echter Nadelwäldler: der gelbe Wulstling (~Amanita junquillea~). Der mattzitronengelbe Hut ist reichlich mit weißlichen Hüllresten besetzt und hat weißliche, dicht stehende Lamellen mit flockiger Schneide. Sein weißer, schlanker Stiel hat einen gleichfarbigen, dünnen Ring und eine birnförmige Fußscheide, deren scharfer Rand anliegt. Er ist zwar genießbar, aber dem grüngelben Knollenblätterschwamm so ähnlich, daß bei Unkundigen eine Verwechselung vorkommen kann. – Nicht weit davon ein Perlschwamm (~Amanita rubescens~), der selbst mit Oberhaut gegessen werden kann und neuerdings sehr begehrt ist. Man erkennt ihn immer am rötlichen Fleisch. Hut rotbräunlich mit helleren Hüllresten, Lamellen weißlich und dicht stehend, Stiel rötlichgrau mit gerieftem Ring, unten verdickt und mit nackter Knolle. – Auf einem Straßenhaufen kleine Kerle mit braunem Glockenhute, rotbraunem, schlankem Stiel und schwärzlichen Lamellen: der Glocken-Düngerling (~Panaeolus campanulatus~). Und gleich daneben der gefaltete Gold-Mistpilz (~Bolbitius titubans~): ein gelblicher, gebrechlicher, zwei bis drei Zentimeter breiter Hut mit deutlichen Radialfalten sitzt auf einem gelblichen, glänzenden, schlanken Stiel. Die schmalen Lamellen sind blaßzimtgelb. Beide Düngerfreunde sind zwar nicht giftig, aber geringwertig.

[Illustration: Abb. 2~b~. =Rötlicher Ritterling=]

Ein Sommertag von Gottes Gnaden! Der Himmel blaut, die Sonne brennt, und unsre Beine werden müd’. Wie wärs, wenn wir uns setzten? Des Mooses Polster ladet ein. Ha, wie schmeckt das Schinkenbrot! Dem Autoprotz bei Sekt und Braten kanns besser niemals munden. Dazu Konzert. Von allen Zweigen schmettert laut das Jauchzen muntrer Vögel. Ein grüner Sandlaufkäfer glänzt im Sonnenschein und achtet nicht auf uns – ein Philosoph nach eigner Art. Ein Hirsch lugt drüben aus dem Dickicht. – Nun wieder auf! Was dort? Ein Kornblumenröhrling (~Boletus cyanescens~). Im ganzen gelblichgrau, runzlig und filzig der Hut, weiß die Röhren und das Fleisch, das nach Anschnitt kornblumenblau anläuft. Ein seltener Speisepilz. Das gilt auch vom Hasenpilz (~Boletus castaneus~), den wir nun aufstöbern. Ein mittelgroßer, zimtbrauner Röhrling mit etwas hellerem, hohlem Stiele und weißen, engen Röhren. – Ein Heer von Pfifferlingen dort (~Cantharellus cibarius~), von aller Welt gekannt, was schon sein fürstlicher Reichtum an Volksnamen verrät, es sind nicht weniger als einundzwanzig. In einem Dickicht finden wir sogar den nicht minder bekannten Steinpilz, der leider immer seltner wird. Viele suchen ihn, aber wenige nur denken daran, Stücke von den Hüten der Alten so auf den Waldboden zu legen, daß diese bequem aussporen können. Viel häufiger als er ist natürlich sein bitterer Doppelgänger, der Gallenröhrling (~Boletus felleus~), den man bekanntlich an den weißlichen, später mattrosa werdenden Röhren und an dem auffälligen Gelb seines stark netzierten Stieles erkennt. Im Zweifelsfalle muß die Kostprobe entscheiden. – Dort, wo der Hase soeben aufsprang, ein Heer schwarzer Gnomentüten: Totentrompeten (~Craterellus cornucopioides~), schwärzliche Füllhörner, deren dunkelgraue Außenseite oben vielverzweigte Runzeln trägt. Zwar eßbar, aber wenig verlockend. – Es geht bergab. Durchs Tal schlängelt sich die Prießnitz, deren Wasserspiegel uns entgegenglänzt. Aber o weh, die auf unserer Karte noch verzeichnete Brücke ist nicht mehr da! Was tun? Wir ziehen blank und patschen durch. Die Sonne wird uns trocknen, drum lagern wir an lichter Stelle. Der Wasseramsel drüben scheint das Spaß zu geben. Nun gehts am rechten Prießnitzufer bis zur Heidemühle. Bald finden wir an einem Fichtenstumpf ein paar schöne Exemplare vom rötlichen Ritterling (~Tricholoma rutilans~, Abb. 2~b~). Hut und Stiel auf gelblichem Grunde purpurfilzig, Fleisch und Lamellen gelb. – Unweit des Ufers, wo noch Vergißmeinnicht in Mengen blüht, steht der filzige Milchling (~Lactarius helvus~), der fälschlich Maggipilz genannt wird, halbgiftig ist und höchstens als Gewürz genossen werden darf. Sein ockerrötlicher Hut ist feinfilzig, sein etwas blasserer Stiel flaumig, seine gelblichen Lamellen sind zuletzt bestäubt. Die wasserhelle, spärlich fließende Milch schmeckt mild. Er macht also eine Ausnahme von der Regel: Alle milden Milchlinge und Täublinge sind genießbar. Wir finden sodann den vergilbenden Täubling (~Russ. puellaris~), einen gebrechlichen, mittelgroßen Pilz mit einem trübviolettroten Hute, der später gelblich ausblaßt, seine Mitte ist dunkler, sein Rand gerippt. Die neapelgelben Lamellen stehen ziemlich gedrängt, der fast keulige, schlanke Stiel ist erst weißlich, gilbt aber auch, ebenso das milde, geruchlose Fleisch. Ähnlich der ekelige Täubling, dessen Hutmitte aber olivfleckig ist, dessen Stiel im Alter nicht gelb, sondern schwach grau wird. Auch der graubraune Täubling (~R. livescens~) ist hier heimisch, sozusagen ein milder kammrandiger (~pectinata~). Er ist bis auf die weißlichen, tränenden Lamellen im ganzen graubraun, mittelgroß, dünn, schmierig, mild und eßbar. Ebenso kann man den gedrängtblätterigen hier pflücken (~R. heterophylla~). Gelbgrün sein Hut mit scharfem, meist violettlichem Rande, fünf bis sechs Zentimeter breit; Stiel weiß und zart gerunzelt; erkennbar an den ungleichen, weißen, dünnen, schmalen Lamellen. Mild und eßbar. – So kommen wir suchend der Heidemühle näher. Rechts am Wege ein Steinbruch, in dessen Tümpel Wasserschlauch wächst. (Auch seltene Moose birgt der Grund.) Sodann die schwarzen Teiche, die Mühle und das Gasthaus.

[Illustration: Abb. 3. =Strubbelkopf=]

[Illustration: Abb. 4. =Birkenpilz=]