Part 2
Den Anfang einer Sammlung bietet das Marienberger Heimatmuseum. Die leider schon vorhandene Kärglichkeit der Ausbeute an baulich und volkskundlich beachtenswerten Überresten hat vielleicht Bleyl davon abgehalten, auch das Marienberger Gebiet in seine Darstellung einzubeziehen. Literarische Hilfsmittel zur Erforschung des Gebietes dürften aus neuerer Zeit nur spärlich vorhanden sein. Paul Roitzschs Festschrift vom Jahre 1921[1] gibt einige Aufschlüsse über Lage der Berggebäude am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Im übrigen sind geschichtliche Studien nötig. Besonders wertvolle Aufschlüsse über Namen und Lage der Berggebäude am Ende des achtzehnten Jahrhunderts erhält man aus dem Werk des verdienten Marienberger Bergmeisters v. Trebra: »Erklärungen der Bergwerks-Charte von dem wichtigsten Theil der Gebürge im Bergamtsrefier Marienberg«, (1770), dem die Bergwerkskarte von Charpentier beigegeben ist. Noch weiter zurück führen uns die »~Ichnographia Territorii Mariaebergensis~« von Adam Schneider aus dem Jahre 1680 (im Marienberger Heimatmuseum) und die Bergwerksakten im Marienberger Stadtarchiv (II 17,6~b~, Akten und gesammelte Urkunden zur Stadt- und Berggeschichte), von denen für das sechzehnte Jahrhundert am wichtigsten das »Vortzaichnüs aller Zechenn vnd gebäude vff S. Marienbergk« vom Quartal Reminiscere 1592 sein dürfte. Eine genauere Forschung muß sich im übrigen an die Durcharbeitung der Einzelgrubenakten und des Kartenmaterials im Oberbergamt zu Freiberg machen.
Das eigentliche Silberfundgebiet des Marienberger Reviers liegt im Westen, Norden und Osten der Stadt. Hier ziehen sich, wie man jetzt noch deutlich an der Richtung der oft kilometerlangen Haldenreihen beobachten kann, beinahe vom Zschopauufer bis hinüber an die Pockau die Erzgänge, die der Bergmann nach ihrem Streichen (45 bis 90 Grad des bergmännischen Kompasses) _Morgengänge_ nannte. Diese Gänge werden mannigfach geschnitten von anderen, metalldurchsetzten Gesteinsflächen, den stehenden Gängen (0 bis 45 Grad), den flachen Gängen (135 bis 180 Grad) und den weniger bedeutungsvollen Spatgängen (90 bis 135 Grad). Die Kreuzungsstellen solcher Gänge waren häufig besonders erzreich, so daß man auf ihnen gern die Schächte abteufte.
Als Silbererzlagerstätten Marienbergs wurden vor allem wichtig »_Die finstre Aue_« bei Streckewalde, »_Der Lerchenhübel_« bei Vorwerk Eschenbach und Kohlau, südöstlich Wolkenstein, durch die Grube St. Johannis, der »_Herbstgrund_« südlich Gehringswalde mit den Gruben Gottesvertrauen (Lazarusschacht!) und Himmelreich, – dazu weiter nördlich der »Palmbaum« bei Warmbad – das »_Kiesholz_« an der Drei-Brüder-Höhe mit der Fundgrube »Alte drei Brüder«, _der Lautaer Grund_ mit dem Rudolphschacht der Gewerkschaft »Vater Abraham«, wo noch 1900 gearbeitet wurde, der »_Stadtberg_« nördlich Marienberg mit der Fabian-Sebastian-Grube, dem Ausgangspunkt des Marienberger Bergbaues, der »_Rosenberg_« nordöstlich von Marienberg mit dem »Rosenstock« und der »Weißen Taube«, der »_Mönchsberg_« östlich von Marienberg und der »_Rittersberg_«.
Auf die einzelnen Gewerkschaften, ihre Fundgruben, Halden und Schächte hier einzugehen, würde zu weit führen. Aber von den _Hauptstölln_ dieses eben umrissenen Reviers möchte ich noch einiges berichten.
Stölln, das heißt unmerklich ansteigend in die Bergflanke getriebene Gänge, legte man zur Entwässerung der Gruben dank dem stark gebirgischen Gelände um Marienberg schon frühzeitig an. Zuerst hatte fast jede tiefere Grube ihren eigenen Stolln, der meist von der Bergsohle her einen ausstreichenden Gang verfolgte. Aber je tiefer man in die Erde hinunterdrang, desto tiefere Stölln wurden auch erfordert, um möglichst viel Wasser ohne Kunstgezeug ableiten zu können. Die vorhandenen tiefen Stölln gewannen also Bedeutung für die Wasserhaltung eines ganzen Gebietes. Um sie allen den verschiedenen Gruben oft einander feindlich gesinnten Gewerkschaften dienstbar machen zu können, wurden diese tiefsten Stölln der Privathand entzogen, mit Beihilfe der anliegenden Gewerkschaften verzweigt und vorgetrieben und im übrigen durch den Staat erhalten.
In der Osthälfte des oben bezeichneten Gebietes gelangten zwei Stölln zu höchster Bedeutung, _der Gläser Stolln_ und _der Weißtaubner Stolln_, deren Mundlöcher heute noch sichtbar sind.
Wenn man von Marienberg durch den Hüttengrund wandert, gelangt man dort, wo die Landstraße das dritte Mal die Bahnlinie zu kreuzen sich anschickt, an das Mundloch des Gläser Stollens. (Abb. 1.) Es liegt etwas versteckt, an den Hang des Rosenberges geschmiegt, an einem Seitenweg, der vor der Steinbrücke von der Landstraße abzweigt, gegenüber dem Platze, wo einst die kurfürstlichen Zinn- und Silberschmelzhütten standen. Eine Steintafel über dem Schlußstein der ovalen Mauerung kündet seinen Namen. Der Eingang ist mit Bruchsteinen versetzt.
[Illustration: Abb. 1. =Der Gläser Stolln=]
Der Stollen, der nach seinem Begründer genannt zu sein scheint, hat schon ein sehr hohes Alter. Mitte des sechzehnten Jahrhunderts mag er angelegt sein, um einen ausstreichenden Gang auszubeuten. Jedenfalls erhebt der Staat 1578 Steuer von »Gleßersstolln«. Zur selben Zeit scheint schon ein Gezeug, d. h. ein Pumpwerk, auf ihm in Betrieb gewesen zu sein. Das ihm entströmende Wasser wurde zum Betriebe der unteren Marienberger Schmelzhütte verwandt, bis im Jahre 1594 der tiefer angelegte Fürstenstollen ihm das Wasser entzog. Dadurch wurde der Marienberger Rat gezwungen, für zweihundertsechsundachtzig Gulden an der Mühle einen Schutzteich anzulegen, um den Hütten Betriebswasser zuführen zu können.
In dem »Bericht der Stölln uff St. Marienbergk, die iezunde von meines gnädigsten Herrn Zuschuß erhalten werden«, 1619 abgefaßt vom Berggeschworenen Aßmus Langer, wird auch der Gläserstollen angeführt, der zu der Zeit schon 1666 Lachter (ein Lachter zirka zwei Meter) vorgetrieben ist und die Gebäude des Fabian-Sebastian-Ganges am Rosenberg löste (siehe die Haldenreihe Meßtischblatt Zöblitz 129, vom Knie der Landstraße Marienberg bis Hüttengrund Punkt 567 bis Weiße Taube 610), die der reichen St. Barbara (nordöstlich des Waldschlößchens), des Heinzenteicher Ganges (am Knie der Lauterbacher Straße) und des St. Georgenganges (am Stadtberg). In der Folgezeit hat man wohl den Stollen weiter benützt, aber er verlor seine Bedeutung, weil ein noch tieferer Stollen das Vordringen in größere Teufen ermöglichte, _der Weißtaubner Stolln_.
[Illustration: Abb. 2. =Der Weißtaubner Stolln=]
Das Mundloch dieses Stollens, das noch von einem Huthaus betreut wird, findet man etwas oberhalb des Einflusses der roten Pockau in die schwarze, auf Rittersberger Seite gegenüber der sogenannten Kniebreche Zöblitz (Abb. 2.) Alte, mit Bruchsteinmauerung gefestigte Stollenhalden umrahmen das wirkungsvolle, ebenso gemauerte hohe Tor, über dessen ovaler Tür ein langer Stein die Inschrift trägt: »Königl. Weißtaubner tiefer Erbstolln«. Ein mit großen Steinplatten belegter Vorplatz überdacht den eigentlichen Abfluß, die Wassersaige, aus dem eiskaltes, kristallklares Wasser in beträchtlicher Menge der Pockau zuströmt.
Da der Gläserstolln ungefähr auf der Schichtlinie 540, der Weißtaubner Stolln aber auf der Linie 495 mündet, so hat man durch die Anlage dieses tieferen Stollens zirka vierzig Meter, genau neunzehnzweiachtel Lachter nach Trebras Angabe, an Tiefe gewonnen, an Hubhöhe gespart.
Der Name des Stollens hängt mit dem Berggebäude »Weiße Taube« zusammen, das neben der »Wilden Taube« den Rosenberg krönt. Der Stollen scheint ebenfalls schon in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts begonnen worden zu sein. Zwar treffen wir in den Angaben von 1578, 1592 und 1619 nirgends auf den Namen Weißtaubner Stolln. Dafür wird aber überall dort »des Fürsten tiefster Stolln« erwähnt, am »Rittersbergk«, dessen Mundloch sich am Zöblitzer Wasser (d. h. Pockau) befinde. Dieser Stollen entzog 1594 dem Gläserstolln das Wasser, dieser Stolln brachte bei der sechshundertzehn Meter hoch gelegenen zehnten Maß nach St. Fabian-Sebastian-Schacht (= zirka Weiße Taube), bis zu der ungefähr mit einer Ausdehnung von eintausendsechshundertdreiunddreißig Lachter unter dem ganzen Rittersberg und Rosenberg hin der Stollen 1619 getrieben war, in vier Teilschächten untereinander sechzig Lachter ein. Daraus können wir schließen, daß das Stollenmundloch gegen vierhundertneunzig Meter hoch liegen muß. Es kann demnach kein Zweifel bestehen, daß der Weißtaubner und der Fürstenstolln ein und derselbe ist. Dadurch, daß die Leitung der Fundgrube Weiße Taube den bei ihr endigenden Stollen nach dem Dreißigjährigen Krieg besonders für ihre Zwecke übernahm und aufgewältigte, mag der Namenswechsel zu erklären sein.
Die Wiederinstandsetzung und der Fortbetrieb dieses tiefsten der bisher vorhandenen Stölln im Ostteil des Reviers lag aber im Interesse des Ganzen. Mit dem Weißtaubner Stolln hoffte man die während des Dreißigjährigen Krieges zum Erliegen gekommenen und ersoffenen Gruben selbst des Stadtberges und der Lautaer Gegend aufgewältigen zu können. Es wurden deshalb vom Staate alle verfügbaren Gelder mobil gemacht und, besonders mit Hilfe des Faßgroschens, einer Brausteuer, der Forttrieb des wichtigen Stollens beschleunigt, der den ganzen Bergbau wiederbeleben sollte.
Nach dem Bericht des Zehndners Balthasar Lehmann zu Annaberg (1694) plante man damit folgende Hauptgebäude zu entwässern: den Sammtbeutler Zug (zirka zweihundertfünfzig Meter nordwestlich des Fabian-Sebastian-Zuges), bis zu dem man nur noch acht oder neun Lachter hatte, die reiche St. Barbara (nordöstlich des Waldschlößchens), den oberen Kaiser Heinrich (siehe die Halden nördlich des Waldschlößchens), die St. Georgen Fdgr. (am Stadtberg, Nordosthang), den ganzen Bauernzug, der in eindrucksvoller Haldenreihe von der Brüderhöhe bis zum Lautenteich hinabsteigt, den schwarzen und weißen Mohren (zwischen Vater Abraham und Lautenteich) und das »Wasserloch«, dessen alte, verfallene Halde auf der Nordostseite der Landstraße dem Rudolphschacht gegenüberliegt.
Im Jahre 1708 gelangte man bis zum »Kaiser Heinrich«, der kurz nach 1600 durch einen unglückseligen Grubenbrand, dem dann Pest und Krieg nachfolgten, zum Erliegen kam. Die Baue dieser für die Anfangszeit des Marienberger Bergbaues hochbedeutsamen Grube waren 1562 schon bis zu einer Tiefe von einhundertsiebzig Lachter unter Tage gebracht. Man hoffte hier reiche Erze vorzufinden und gute Anbrüche machen zu können.
Trotz der Wichtigkeit des Stollens ging bei dem allgemeinen Geldmangel die Arbeit nur langsam vorwärts. Erst in der Trebraperiode wurde der Stolln, der mittlerweile kurfürstlich geworden war, seiner Bedeutung angemessen gefördert. Er löste zuletzt alle Baue des Stadtberges und der Lautaer Gegend und ermöglichte im Rudolphschacht einen Tiefbau bis zur fünften Gezeugstrecke unter ihm, der mit etwa einhundertdreißig Meter Teufe einkam (d. h. also bis zirka dreihundertdreißig Meter). Der Plan, einen noch tieferen Stolln heranzuführen, wurde durch den Zusammenbruch der letzten Bergbauunternehmungen um 1900 vereitelt. Still verrichtet heute noch der Stolln seinen Dienst.
Der Stollen, mit dem man den »Weißtaubner« unterbieten wollte, sollte von Westen herangebracht werden. Hier im Westen des Revieres waren die Geländeverhältnisse für Stöllnanlagen in allen Höhen noch günstiger, weil hier sich das Gebiet in einer riesigen schiefen Ebene von der Brüderhöhe (sechshundertachtzig Meter) bis zum tief eingeschnittenen Zschopautal (zirka dreihundertachtzig Meter), also um volle dreihundert Meter senkt. Besonders die Baue des Kiesholzes waren deshalb in allen Höhen leicht durch Stölln zu lösen. So kennen wir gerade hier eine Unmenge dicht untereinanderliegender Stölln, von denen fast jeder untere immer allgemeinere Bedeutung gewann.
Schon ganz frühzeitig hat man den _Felberstolln_ als den wichtigsten unter ihnen erkannt und vom sogenannten Herbstgrund, der sich in weitem Bogen von Gehringswalde bis zum Lazarusschacht erstreckt, bis unter den Kiesholzberg hinweggeführt. Daß seine Anfänge ganz weit zurückliegen müssen[2], erkennt man daraus, daß er 1578 schon einhundertfünfundsechzig Fundgruben und Maßen löste und auf der Lautaer Seite des Brüderberges bis zum Bauergang zehntes Maß, zum Herzog Moritzgang, zum Elisabether und Reichen Spater Zug und zum »Starken Samson« gekommen war. Von diesen Gebäuden aus konnten bald die Zechen am Stadtberge, besonders die Antritt-Fdgr., die Mohren und die Drei Weiber-Zeche usw. in Angriff genommen werden. Damit schlug er den St. Ullricher Stolln aus dem Felde, einen für den Stadtberg bedeutenden Stolln, der vierundzwanzigsechsachtel Lachter über ihm lag und dessen jetzt verschwundenes Mundloch bei Punkt fünfhundertsiebenundsechzig am Straßenknie südöstlich des Waldschlößchens zu suchen ist. Der Stöllnbericht vom Jahre 1619 führt all die vielen Gänge auf, die von Felbers tiefstem Erbstolln überfahren worden sind. 1770 fand v. Trebra auch diesen wichtigen Stolln, der im Lautaer Grund durch den etwa fünfundzwanzig Meter tieferen Weißtaubner Stolln abgelöst war, verbrochen vor und ließ ihn zur Wiederbelebung des Kiesholzer Bergbaues aufgewältigen. Trotzdem der Felberstolln dann in seiner Tiefe von dem Neuglücker Stolln überboten wurde, hat doch seine Sohle bis zu den letzten Tagen des Bergbaues im Gebäude »Alte drei Brüder« eine große Rolle gespielt.
[Illustration: Abb. 3. =Entdeckung der Wassersaige des Felberstollns=]
An welcher Stelle des langen Herbstgrundes lag nun das Mundloch dieses Stollens? Diese Frage beschäftigte mich lange Zeit. Es mußte auf einer Höhe von fünfhundertzwanzig Meter in den Berg führen. Ich pirschte diese Schichtlinie mit meinen Schülern regelrecht ab und hatte die Genugtuung, dicht in der Nähe des Lazarusschachtes bei der Verfolgung eines alten Wasserlaufes die Mündung einer oval gemauerten, trocken liegenden Wassersaige unter Gras und Buschwerk zu entdecken, aus der eiskalte Grubenluft strömte. (Abb. 3.) Wir setzten unsere Forschung in der Richtung der Wassersaige bergwärts fort und stießen dabei auf ein ganz von Büschen überwuchertes, mit Bruchsteinen versetztes hohes Stollenmundloch, dessen Schlußstein die Jahreszahl 1856, darunter Schlegel und Eisen und zwei gekreuzte Schwerter trägt. Das dürfte das Felberstollnmundloch sein. (Abb. 4.)
[Illustration: Abb. 4. =Mundloch des Felberstollns=]
Der Felberstollen wurde, wie schon erwähnt, durch den einundvierzigdreiachtel Lachter tieferen _Neuglücker Stolln_ abgelöst, der auf demselben Morgengang wie der Felberstolln (im Kiesholze Junge drei Brüder Morgengang genannt), in den Berg eindrang. Nach den Angaben v. Trebras mußte sein Mundloch etwa auf der Schichtlinie vierhundertvierzig am Lerchenhübel liegen. Nach langem Suchen entdeckte ich die Stollenhalden in dem Wiesengrund, der sich von der Zschopau gegenüber Bahnhof Wolkenstein zum Vorwerk Eschenbach hinaufzieht, ungefähr dort, wo die Schichtlinien zum Denkstein hinanbuchten. Von üppigem Grün fast überdacht, schmiegt sich das Mundloch tief unten an die Nordwestseite einer dieser Halden, an der ein Wassergraben vorüberführt. Das Stollnwasser wird schon tief drin im Stolln in Rohre gefaßt und der Schleiferei der Peniger Patentpapierfabrik in Wolkenstein zugeleitet. Die Bruchsteinmauerung des Mundloches weist keinerlei Namensangabe auf. (Abb. 5.)
[Illustration: Abb. 5. =Der Neuglücker Stolln=]
Auch der Neuglücker Stolln hat ein hohes Alter. Schon zeitig erkannte man, welche Rolle er durch seine tiefe Lage im Marienberger Bergbau zu spielen berufen war. Schon 1563 trug man sich mit dem Plan, durch ihn nicht nur das Kiesholz, sondern auch die wichtigsten Gruben des Elisabether Zuges (siehe Meßtischblatt, Linie ~b~ von Marienberg und ~f~ von Hilmersdorf) und der Lautaer Gegend in vielversprechender Teufe zu lösen. Leider ging der Forttrieb des Stollens wegen des Unvermögens der Gewerkschaften nur langsam vor sich. Im Jahre 1619 war er erst vierhundertzweiundachtzig Lachter lang, reichte also etwa bis unter die Wolkenstein–Marienberger Straße.
[Illustration: Abb. 6. =Der Hilfe-Gottes-Stolln=]
Man hoffte, ihn zunächst auf den Schwarzen Adler Gang, den jungen und alten Feigenbaum, den Gang milde Hand Gottes und Haus von Sachsen zutreiben zu können. Durch den Dreißigjährigen Krieg kam der Stolln, auf den man solche Hoffnungen gesetzt hatte, zum Erliegen. Danach betrieb ihn bis 1723 zwar eine Gewerkschaft weiter, aber doch nur sehr schwach. Dann blieb er wieder liegen, weil Mittel zum Forttrieb fehlten. Das Bergamt machte nun den Kurfürsten auf die Wichtigkeit gerade dieses tiefsten Stollens des Marienberger Revieres aufmerksam, und so fing man denn 1754 an, den Stollen auf kurfürstliche Kosten wieder zu gewältigen und weiterzutreiben. Bergmeister v. Trebra wußte für den Neuglücker Stolln 1780 holländische Gewerken zu interessieren, die ein gut Stück Geld zur Weiterarbeit lieferten. So drang der Stollen allmählich in das Kiesholzgebiet ein, wurde kurfürstlich und bildete vom Jahre 1820 ab, da er ja sechzig bis achtzig Meter unter dem Felberstolln einkam, den Ausgangspunkt für einen lebhaften Tiefbau auf der neuerstandenen Fundgrube »Alte drei Brüder«, nachdem er zur Rettung der Grube »Junge drei Brüder« zu spät gekommen war.
Als in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch die Ungunst des Konkurrenzkampfes auf dem Silbermarkt der Bergbau dahinsiechte, dachte die 1860 begründete Marienberger Silberbergbaugesellschaft noch einmal daran, dem Lautaer Bergbau auf der Grube Vater Abraham durch den Neuglücker Stolln wieder aufzuhelfen. Als man sich aber durch den Einbau einer leistungsfähigen Wassersäulenmaschine in den Rudolphschacht nicht mehr viel vom Neuglücker Stolln versprach, hörte man 1872 etwa in der Höhe des Prinzeß-Marien-Turmes mit dem Forttrieb des Stollens auf, ohne das jahrhundertelang erstrebte Ziel erreicht zu haben.
Den letzten Versuch, das gesamte Marienberger Gebiet durchgreifend aufzuschließen und durch einen ganz tiefen Stolln zu lösen, unternahm die Gewerkschaft »Vater Abraham« mit dem vom Zschopauufer ausgehenden, schon 1592 erwähnten _Hilfe-Gottes-Stolln_, dessen Mundloch bei etwa dreihundertachtzig Meter Höhe hinter einem Hause (unter dem ~a~ am Bahnhof Wolkenstein, Meßtischblatt) in die Felswand führt. (Abb. 6.) Der Stolln wurde vom Jahre 1900 ab großzügig aufgewältigt und mit Preßluftbohrmaschinen auf das Kiesholz zu getrieben. Als der Stolln eintausendvierhundertzweiundzwanzig Meter siebzig Zentimeter Länge erreicht hatte, also fast bis zum »Himmelreich« gekommen war, erschien das Gesetz vom 4. Mai 1904, die Aufhebung einer Bergbegnadigung betreffend, wodurch die Unterstützungsgelder versiegten. Damit war dem Marienberger Silberbergbau der Totenschein ausgestellt.
Fußnoten:
[1] Paul Roitzsch, Festschrift zur Feier des 400jährigen Bestehens der Stadt Marienberg, Druck von Neubert und Mehner, Marienberg 1921.
[2] Der Felberische Zug wurde 1539 fündig.
Der alte Schrank
Nach einer wahren Begebenheit erzählt von _Max Wenzel_, Chemnitz
Wo der Weg über die Höhe führt, lag stolz und stattlich am Bergeshang das alte Wagnergut und sah behäbig auf die Güter und Hütten des Dorfes, es blinzelte mit einem schiefen Blick auf die neuzeitlichen Ziegelwohnbauten und warf den drei Fabrikessen ein paar böse Augen zu. Mitten im Hof stand eine alte mächtige Linde; und wenn der Abend kam, da saßen unter ihr die Nachbarn, Freunde und Gevattern, tauschten die Neuigkeiten des Tages aus, nörgelten, zankten und lamentierten, und ihr Lachen und Schnattern war weithin zu hören. Und wenn es dunkel ward, soll auch allerlei leises Liebesgeflüster zu hören gewesen sein. Sauber war der Hof. Da lag kein unnützes Geröll umher. Das Mauerwerk war schön geweißt, und die schwarzen Balken des Fachwerks hoben sich selbstgefällig ab, gerade als wollten sie sagen: »Wir machen die Schönheit des Hauses erst aus!«
Ja, schön sollte es sein auf dem ganzen Gut, das war der Stolz des alten Wagnerfried. Was an Schönheitssinn und Schönheitsfreude in einem schlichten Bauersmann stecken kann, das lag dem Fried im Blute. Seit seinem Urgroßvater war der Hof im Besitze der Wagners, und alle hatten an schönem Hausgedinge ihre Freude gehabt. Da gab es keine neumodischen Vertikos und Regulatoren, da fehlten die unmöglichen Bilder aus der Lottobude an den Wänden, da stand kein Gestühl umher, das nach und nach aus einem Abzahlungsbazar der Großstadt eingewandert war. Ein mächtiger grüner Kachelofen nahm die Ecke ein. Eine schwere Ofenbank mit bunten Vorhängen, hinter denen sich die zum Trocknen hineingestellten Stiefel versteckten, zwang förmlich zum Ausruhen. Auf der Bank spann die große Hauskatze ihre Melodien, und eine mächtige alte Standuhr, mit bunten Blumen bemalt, zählte den Bauersleuten die Tagesstunden vor. In der Ecke am Fenster stand der schwarze Tisch mit einer Wachstuchdecke, und zum Sitzen luden eine Eckbank und einige handfeste Holzstühle mit breiten Lehnen ein, in die neckisch ein kleines Herz geschnitten war. Teller und Schüsseln, Gläser und Tassen blitzten aus einem Wandbrett heraus, das in die Wand hineingemauert war und auf diese Weise wenig Platz wegnahm. Aber was für eine Pracht stand auf den Wandbrettern rings um die Stube? Da war zinnernes Gerät, kunstvoll und schmuck, Kannen, Krüge, Teller und Schüsseln, Lampen und Leuchter, wer es sah, hatte seine Freude daran! Und was lachte dort von der Wand her? Ein ganz prachtvoller Schrank, herrlich bemalt, und oben waren zwei Herzen mit einer Jahreszahl. Der Schrank stammte aus dem Hausrat des Urgroßvaters, aber man sah ihm sein Alter beileibe nicht an, seine Blumen glänzten und glühten noch genau so, wie vor einhundertundfünfzig Jahren. Dieser Schrank war die besondere Freude des alten Wagner. An Wintersonntagen, wenn Bauernfeiertag war, saß er stundenlang auf der Ofenbank, blies bläuliche Wolken aus seiner Tabakspfeife und streichelte mit seinen Augen das alte Erbstück. Da gingen sie alle an ihm vorbei, die mit denselben Blicken die kunstvollen Blumen und Ornamente betrachtet hatten, und alle waren aus seinem Geschlechte gewesen. Und wenn sein einziger Junge, sein Otto, einst an dieser Stelle sitzen würde, würde er mit denselben Gefühlen den alten Schrank besehen, und unter denen, die vorbeizögen, würde auch der alte Fried sein. Der Baum im Hof und der alte Schrank, das war die Familienchronik des Wagnerschen Geschlechts, aber sie offenbarten ihre Geheimnisse nur solchen, die helle Augen und ein warmes Herz hatten.
Es war wirklich so, der alte Wagnerfried, mit seiner braven, freilich etwas zarten Frau und seinem gutgeratenen Jungen, war zu beneiden. Da er aber bescheiden für sich dahinlebte und das Sprichwort befolgte: »Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen«, hatte er keinen Feind im Orte.
Das hätte nun alles ganz schön und gut sein können, wenn der Krieg nicht gekommen wäre. Unter denen, die zuerst hinaus mußten, war der Wagner Otto. Und es war kein Monat ins Land gegangen, da stand er schon in der Verlustliste als »vermißt«, und nach einigen Wochen schrieb der Hauptmann, der Gefreite Otto Wagner sei in der Marneschlacht gefallen. Da saß der Alte wieder auf seiner Ofenbank, aber die Blumen des Schrankes leuchteten nur traurig, wie aus dem Nebel, denn der Alte hatte Wasser in den Augen. Ein Unglück kommt selten allein. Die Wagnermutter siechte seit dem Unglückstage, der die schlimme Nachricht gebracht hatte, dahin. Und es kam wieder ein Tag, der den Alten fast zu Boden drückte – als er am Abend nach dem Begräbnis seines Weibes allein in der Stube saß. Diesmal halfen ihm die Geister seiner Vorfahren nicht, sie waren vor der schweren Not der Zeit in die dunkelsten Winkel des Hofes entwichen, als wenn sie das Elend des Letzten ihres Stammes nicht mit ansehen könnten.
Mit dem Alten ging es, wie man zu sagen pflegt, den Drachenberg hinab. Für wen sollte er noch sorgen und schaffen? Hatte er ein Gerät in die Hand genommen, so konnte es geschehen, daß er es in Gedanken wieder hinlegte, ohne die Arbeit gemacht zu haben. Fragte ihn der Knecht, was er schaffen sollte, sah er ihn wohl eine Weile an und sagte dann: »Machs när, wie du denkst!«
Daß es so mit dem Gute nicht weitergehen konnte, ward auch dem Wagnerfried klar. Nun war in dem Dorfe der Viehhändler Schramm. Er hatte die ganze Zeit daher nicht im besten Rufe gestanden, galt als roh und sein Weib als schlampig. Saß viel im Gasthof und war nur an einer Stelle des Dorfes gut angeschrieben, an der schwarzen Tafel des Wirtes nämlich. Aber seit der Krieg war, wurde es anders. Es hieß, er habe große Vieheinkäufe für das Militär vermittelt und sei dabei zu Federn gekommen. Jetzt flogen ihm die Scheine nur bloß so aus der Hand und an seinem Tisch im Wirtshaus floß der Schnaps in Strömen. Es hieß auch, er ginge damit um, sich ein Gut zu kaufen. Und endlich ging auch die Rede, er stehe mit dem Wagnerfried in Unterhandlung. So war es auch. Er bekam den Hof für einen Pappenstiel. Aber es hörte sich ihm gut zu, wenn er dem Alten treuherzig versicherte: »Fried, dich bränge mer schie miet dorch. Deine zwä Stöbeln in öbern Stock, die verbleibn dir! Un dei Fünkel Assen, dos hulst du dir bei meiner Fraa. E paar Ardäppeln un e Stückel Butter warn allemol für dich. Schlachten tune mir aah dann und wann, du brauchst dich üm nischt ze sorng. Wenn de willst, krabbelst de e bissel ofn Huf rüm, oder ze übernahme brauchst du dich net!« Dem Alten klang das gut. Nachdem die notwendigen amtlichen Verrichtungen geschehen, saß er im Ausgedinge. Es ließ sich auch alles gut an. Was er von seinem Gerät hatte unterbringen können, schmückte nun sein Auszugsstübel. Sein Schrank war da, die alte Uhr tickte, das Zinnzeug war aufgestellt, und wenn er durchs Fenster sah, rauschte ihm die alte Linde entgegen. Er machte sich auch im Hause nützlich, so gut er konnte, hackte Feuerholz, führte auch einmal ein Pferd zum Schmied und war mit seinem Rate zur Hand, wenn die neugebackene Bauersfrau etwas wissen wollte. Die untere Stube hatte sich aber doch etwas verändert. Da waren ein paar polierte Möbel mit hineingeraten, und an den Wänden hingen bunte Bilder; im heimlichsten Innern verspottete sie der Alte als »Wurzelbilder«[3], aber er hütete sich, es laut zu sagen. Auch mit dem Essen war er nicht ganz einverstanden. Die Schramm war eine dreckige Schlampe, das stand fest. Das Gesinde bekam einen Brei vorgesetzt, daß es die Zähne höher und höher hob. Dieses Gemächte sollte natürlich der Fried auch mit bekommen. Als er aber sah und roch, daß die Schramm für sich und ihren Mann heimlich kochte und briet, da blieb er vom Essen weg und kochte seine paar Kartoffeln für sich in seinem Stübchen. Das war auch der erste Grund zu einem Zank mit der Frau. Sie meinte, der Alte könne doch essen, was da sei, – die teuren Kartoffeln alle Tage! Da bezahlte der Fried seine Kartoffeln, und die Schramm nahm das Geld auch an, ohne sich lange zu besinnen.