Chapter 1 of 8 · 3877 words · ~19 min read

Part 1

=======================================================================

Anmerkungen zur Transkription:

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler korrigiert. Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt worden:

~gesperrt gedruckter Text~ +antiqua gedruckter Text+

=======================================================================

Der Flieger

von

Rudolf Hans Bartsch

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung zeitgenössischer Romane

Ullstein & Co / Berlin und Wien

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.

»Geordnet Leben, ehelich Leben macht Stalltiere, die in der freien Wildnis und im Losbruch aller Kräfte zugrunde gehen. Raub und Einbruch: das ist ein unentbehrlich Stück Mann!«

Jetzt hatte er's. Wahr' dich, Wildling; wahr' dich, Tikosch Gabor! Unten auf der Erde brüllte es, um ihn jaulten und sausten die Kugeln, und er flog um Leben und Tod! Der Motor gab her, was er konnte, und sein tiefes Donnern übergrollte das Knattern der Flintenschüsse da unten. Nur wenn eine Kugel Metall faßte oder an die Versteifungsdrähte streifte, da biß sich ihr hohes Wimmern durch das Geratter der Maschine. Der Wind sauste nicht so schneidend durch die Drähte als dieses Jammern der Geschosse, die blutdürstig aufschrien, wenn sie vorbeigingen. Wie das hundertfache Juchzen betrunkener Sennbuben mochte es in einem fort gehen. Uii, wiiiiu! Aber Tikosch Gabor hörte es nicht. Der Motor donnerte tief und metallen; und Tikosch flog wie im Fieber. Er wußte nicht, war er verwundet, lebte er überhaupt? Das Blut brauste ihm und rollte in eins zusammen mit dem knatternden Rasen seines Flugzeugs.

Das war ein Dahinstürmen durch die kugelzerrissene Luft! Bei Mehadia war er aufgeflogen. Alle Mädels hatten ihm »Eljen« nachgeschrien und mit hundert bunten Fahnen gewinkt; die ganze Erde schien voll junger Verliebtheit, und Tikosch hätte von jeder Küsse haben können, so viel er nur wollte. In dieser Zeit waren ja alle Mädels zerlöst und verloren, wenn sie einen von den Soldaten sahen, die sterben gingen. Aber er hatte nur eine einzige im Sinne, und die mochte ihn nicht. Da hatte er sich's erbeten, an der Donau hin über serbisches Gebiet fliegen zu dürfen, um alles unter seine Bomben zu nehmen, was der Mühe wert war, Wacht- und Zollhaus von Kladowa, Bordoli, Brzapalanka, und dann, als allerbestes, die Negotiner Eisenbahn, bis zum wichtigen Knotenpunkte ob Zajetschar samt der Brücke, die bei Vrazograci über den Timok ging. Zwei Straßen- und eine Eisenbahnbrücke waren dort nahe beisammen; knallte es dort, so war der fruchtbarste Teil des Serbenlandes abgesperrt und Wein und Korn in Menge kaputt für die Zufuhr zum Feindesheer!

Nun war er schon über hundert Kilometer geflogen und hatte überall Feuer bekommen. Mit wilder Frechheit war er über den Militärstationen bis auf dreihundert Meter hinuntergegangen, um seine Knallerbsen hinabzuwerfen. Hatten sie gewirkt? Er wußte nicht viel davon, denn ihr Aufschlag unten erstickte in dem rasenden Knattern seines Motors und der Mausergewehre.

Durch die Tragflächen sah er die blaue Luft wie durch ein Sieb, und Leib und Steuer des Flugzeuges waren durchlöchert. Er allein noch nicht! Wenigstens fühlte er nichts am Körper und nichts im Hirn als ein Fiebern, ein dunkles: Weiter, weiter, und das Äußerste gewagt! Dumpf fühlte er die heulende Wut derer dort unten auf der Erde: über den siegreichen Raubvogel, der er noch war. Die Stimmen überschlugen sich vor weinendem Ingrimm, er aber schwamm wieder in die Höhen, schraubte sich empor wie ein Bussard zum dunklen Sommerhimmel und fuhr hoch über allen Kugeln in blendendem Sonnenglaste dahin. Nur nach Negotin kommen; das andere war gleich! Die Donau war sein Wegweiser. Ungeheuer breit, gelb und träge zog sie ihre zähe Straße. Jenseits das flache Rumänenland, Auen, Sümpfe, das weißliche Graugrün der Weiden, ganz stumpf und wie verstaubt; am diesseitigen Ufer jammervolle Lehmhöhen, immer gleich niedrig längs dem Strome hinkriechend, elende Dörfer, trostlose Wachhäuser, menschenunwürdige Lehmhöhlen, echt slawische Trostlosigkeit. Es war wenig Freude, hier seine Visitkarten abzuwerfen. Aber da kam Prahovo und mit ihm die Bahn. Und die Höhen, jetzt wurden sie anders! Wunderbar grünend schwang sich der Auslauf der wilden Golobinje Planina gegen die Donau, diese schwenkte links ab, und Tikosch flog donnernd über dem halbverwüsteten, aber immer noch reichen Rebenlande dahin. Rechts die Weingebirge, links und vor ihm die Sümpfe: Negotin!

Und da war's, wo es ganz böse wurde. Er war der kleinen Brücke ganz nahe gekommen, die über das versumpfte Flüßchen im Süden der Stadt führte, und ein wahres Feuerwerk von Geschossen heulte zu ihm empor. Bedächtig warf er eine Bombe, dann noch eine; die Brücke unten riß sich auf. Menschen liefen zusammen, heulten und schossen, andere flüchteten, in Haufen, kreuz und quer über das Feld wie Hasen; ziellos, kopflos. Er sah alles unter sich, sah, wie die weißen Tauben von allen Dächern aufstoben und durcheinander schwärmten, wie die Rebhühner aufstanden und die Hunde wie toll rannten und jafften; und wie im Traum warf er die dritte Bombe da hinunter in all die Angst und Wut hinein. Da wimmerte das Drahtgetäu hell auf. Eine Versteifung war zerschossen; der wirbelnde Propeller schmiß lange Holzsplitter im Kreise herum, der Motor klatschte ein paarmal. Dann schlug es leicht und beinahe fühllos gegen seine Hüfte, und heiß kam es an seinem linken Bein heruntergelaufen; kreuz Teufel, nun war er angeschossen worden. Wird's was Böses sein? Weh tat's nicht, aber es hieß ausreißen; hoch in die sichere Abendbläue hinauf.

Er riß das Steuer steil aufwärts, zu steil im ersten Schreck, und der Monoplan überschlug sich. Heulender Jubel kam von der Erde, aber der wilde Flieger ließ das Steuer nicht los. Wie zum Hohn für die dort unten gelang ihm, halb aus Zufall, ein Saltomortale in den Lüften +à la+ Pégoud, dann drängte er flacher hinauf. Ein tausendstimmiger Wutschrei hallte ihm lange, lange in seine Adlerhöhen nach, er aber kreiste immer höher und höher, und bald sangen die Kugeln nicht mehr. Beinahe friedlich sah die Erde aus, wie eine Landkarte, und jetzt hielt er die scheuenden Pferde einen Augenblick für Hasen und die Menschen, die mit roten Gesichtern zu ihm hinaufstarrten, für Truthühner, so hoch war er schon. Bald sah er einzelne Menschen nicht mehr, und jetzt nahm er Kurs gegen Norden.

Was tun? Untersuchen konnte er seine Wunde nicht. War eine Ader zerschossen, nun, dann wurde er schwächer und schwächer und fiel wie ein todwunder Vogel aus der Luft. Er dachte all das ganz ruhig und wenig erschrocken durch. Niedergehen konnte er nicht; hier nicht. Sie hätten ihn mit toller Wonne in Stücke gerissen da unten. Aber hinüber nach Rumänien? Und kriegsgefangen, entwaffnet, der schöne Taubeflieger fremde Prise? Er hatte doch sterben oder durchsetzen wollen, was er sich vorgenommen; die Vrazogracer Brücke, die er sprengen wollte, hatte er gar nicht erreicht. Später einmal; jetzt mußte er zusehen, wie er wieder nach Ungarn hinüberkam. Und verzweifelt hielt er das Steuer fest: gegen Nordwesten.

Wie eine Barre lag die in Abendglut brennende, kühle Planina zwischen ihm und dem Ziel; tief unten dunkelten die Wälder, näher an ihm glühten die karstigen Gipfel. Es waren die Berge um den Lukapaß, wohl zwölfhundert Meter hoch und mehr, und da mußte er drüber. Er zwang sich, nicht an das heiße Rieseln da unten, an seiner Hüfte, zu denken, und lenkte seine Taube höher empor. Recht hoch, denn mit dem Motor war etwas nicht in Ordnung; er hörte es mit klammem Herzen. Nur das jetzt nicht; das war ein Tod, schlimmer als der des Wolfes unter Hundezähnen. Wenigstens empor, empor mußte das Flugzeug, und wenn's siebentausend Meter waren, damit er Luft, eine ganze, lange, schräge Luftbahn bis nach Österreich und über die Donau unter den Schwingen hatte, wenn die Maschine aussetzte und er gezwungen war, in langsamem, sparsamem Gleiten niederzugehen! Wie weit er kommen würde? Er rechnete gar nicht, er biß bloß die Zähne zusammen wie ein Verzweifelter. Nur Wut war in ihm, Angst noch nicht -- noch nicht. Aber wenn der Motor versagte? O, dies wunde, rote, grimmig brennende Abendlicht!

Will denn der Tag kein Ende nehmen? Wenn er niedergehen muß, und sie sehen ihn, dann ist es um ihn geschehen. In der tiefsten Einsamkeit der waldigen Planina finden ihn die Tollgewordenen und hetzen ihn mit Hunden, bis er sich stellt! Tikosch Gabor läßt die eine Hand frei, tastet nach der Wunde und dann nach seinem großen Kriegsbrowning; eine Neunmillimeterkugel wird wohl für ihn genügen. Aber die letzte wird es sein; alle andern müssen in Feindesleiber schlagen!

Und der Motor wird launenhafter und störrischer, Zündungen setzen aus, Vollgas nimmt er nicht mehr, und Tikosch muß drosseln. Da erholt sich der Motor; aber mit der jetzigen Tourenzahl kann er wenig Höhe mehr gewinnen. Tikosch starrt mit glasgewordenen Augen auf das Barometer. Das steht, steigt wohl auch ein wenig. Also geht es doch bergab: Teufel, es geht bergab!

Unten wird das Gebirge wilder und einsamer; die Dörfer haben aufgehört; nur in der Scharte, in der Luka, da ducken sich Häuser, und man sieht ihn, man sieht ihn sicherlich hier oben. Wäre nur die Nacht schon da, die gesegnete, verhehlende Nacht der Verfolgten, der Diebe und der Wundgeschossenen, die sich verkriechen möchten! Der Abend wird weit und violett, aber Nacht ist es noch nicht. In unverständlicher Größe und seliger Langsamkeit verdämmert das Land wie immer, und er, er fliegt in einem kranken Apparate um sein Leben!

Da, östlich von der Luka, ist die Planina gänzlich einsam und rauh. Die Buchen, die Eichen, die Edelkastanien kriechen nicht eben hoch aus den steilen Tälern empor, dann kommt Fichtendickicht und dann die karstige Höhe der Hirten und der Ziegen. Auch die werden ihn sehen, die Hirten; auch die sind Hatzhunde für ihn, und er ist allein über Feindesland. Bald muß er hinunter.

Und der Motor zögert und zögert immer mehr.

Da ändert Tikosch Gabor seinen Entschluß. Vorwärts kommt er nicht mehr weit. Nach Ungarn und über die Donau sind es freilich nur mehr fünfzig Kilometer; wenn er sich nicht verflogen hat und wenn es ihm gelingt, das weit nach Serbien einschneidende Donauknie von Milanowatsch zu finden. Aber geht er nur ein wenig rechts oder links daran vorbei, so kann es viel weiter werden, und sein Motor hält vielleicht keine zehn Kilometer aus; wenn er fünfzig in der Stunde fliegt, krank, wie er ist, so wär's noch ein Glück. Also wunderbarenfalls noch eine Stunde bis Ungarn! Das aber geht nicht mehr an. Er fliegt also mit gedrosseltem Motor, immer sinkend, über die Golobinje Planina, dort, wo sie am ödesten ist und ihn wenige sehen. Dann wird er sich immer links halten, soweit die Planina unbewohnt und wild ist, bis zum Veliki Krisch hin, wenn es geht.

Geht? So lange nur kann er fliegen, als sein Apparat über der Kammhöhe der höchsten Gipfel bleibt; die im Süden haben ihn dann aufgegeben und glauben, er sei schon nach Österreich hinüber. Ist er aber bis auf dritthalbtausend herabgesunken, dann muß er schwenken, die Planina wieder südwärts überfliegen und, auf die Dämmerung trauend, knapp über den Kamm streichen wie ein Sperber, der Sperlinge vom Boden weghaschen will, und sofort hinter dem Kamm niedergehen, wo es am höchsten, einsamsten und ödesten ist. Er hat früher hoch oben, zwischen Luka und Krivelj mußte es sein, einen Jungfichtenhorst gesehen, wahrscheinlich eine Neuaufforstung in einer Staatsdomäne. Nun, in jetziger Zeit ist die Försterei einberufen, und es wird dort einsam sein. Sein Flugzeug soll in die Schonung hineinfahren, wo sie am dichtesten ist; da findet es nicht so bald einer.

Und er, er wird dann in der erbarmungslosen Öde dieser verlassenen Höhen verrecken wie ein wundes Tier. Oder sich ausheilen? Auf eigene Faust dort oben sein Leben ertrotzen wie ein Mann und Räuber der Urzeit? Es zuckt in ihm vor Hoffnung. -- Und der Motor versagt gänzlich.

Da wendet er im düsteren Halbdämmern das kraftlose, stillgewordene Fahrzeug gegen die verdunkelnden Wälder hinab; in weitem Bogen geht es gegen Süden. Das da unten wird Plavna sein und das Crnajika. Sie scheinen ihn dort in ihrer Kriegsbekümmernis und ihrem Abendfrieden nicht bemerkt zu haben, oder der schweigende Motor täuscht ihnen einen der vielen Adler dieser ungastlichen Höhen vor. Wer fände auch sonst ein Vergnügen, jetzt, bei einbrechender Nacht, Kreise zu ziehen über der Planina, dort, wo sie am rauhesten und fernsten ist?

Nun senkt er sich über den Kamm hin. Keine zwanzig Meter über dem Boden schießt das Flugzeug des Verzweifelten über die Wasserscheide; dann hat es wieder Luft unter sich: Abgrund.

Tikosch sucht nach der großen Fichtenschonung; er hat sich den Rückwechsel genau gemerkt und findet das dunkle Wirrsal der hunderttausend schwarzgrünen Bäumchen sogleich. Nun gleitet er nahe an der Erde hin. Gott erhalte, jetzt gilt es. Einer dieser sperrigen Wipfel kann höher und stärker sein, als er abschätzte, und dann überschlägt er sich oder wird gepfählt. Aber es muß, es muß! Und mit zusammengebissenen Zähnen saust er hinein in das krause, grüne Sträuben und Schnellen der Äste und Wipfel.

Das Flugzeug neigt sich, bohrt sich krachend weiter, senkt sich abwärts, eine der Tragflächen knarrt, knirscht, knickt tief ein, aber schon ist der ganze Aeroplan im Netze der Bäumchen, die nur zwei Klafter hoch sind, gefangen. Schwer atmend klettert Tikosch heraus und würgt sich in das unermeßliche Dickicht hinein. Das war auf Leben und Tod gegangen. Und er wirft sich auf die Erde und möchte am liebsten haben, alles wäre schon zu Ende, wie seine Kräfte es sind.

Eine Weile brüten unsagbare Dumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Gerettet? Ha, was: jetzt geht erst die Hetze hinter dem gehaßten, flügellahmen Geier her! Und er ist schwach und verwundet. Ja: die Wunde. Er öffnet seine Kleider und sieht die linke Seite an; dann lacht er leise und grimmig. Gleich neben der Niere kam der Schuß von unten, und über dem Beckenknochen fuhr er wieder heraus, ganz nahe unter der Haut; die beiden glatten Schußöffnungen liegen keine drei Zoll voneinander. Aber nur ein wenig weiter nach hinten, und der wahnwitzige, betäubende Schmerz eines Nierenschusses hätte ihn entnervt. Ein wenig weiter abwärts, und der Beckenknochen wäre zersprengt! Nun war's nur das dicke Lendenfleisch, von großen Adern ist keine mitgenommen, und die Wunde klebt schon fest am Hemd. Er will sie nur oberflächlich reinigen; sie ist ja schon halb verharscht.

Und dann kniete der wildeste Leutnant des Ungarlandes, Tikosch Gabor, im Fichtengewirre nieder und betete zu einem Gotte, von dem er lange, lange nichts gewußt und dessen Namen er nur in den tollen Flüchen seines Landes zerfrevelt hatte.

Die Wunde an der Hüfte machte ihn steif und unbehilflich, als er aufstand, um sich für die einbrechende Nacht zu sichern. Er wollte gleich das Flugzeug, das ihn verraten konnte, zerlegen und mit den ihm brauchbaren Teilen einen andern Ort des Waldgebirges am Stol aufsuchen, in dem er Schutz gefunden hatte. Es schien ihm, als sei er zu nahe am Weiler niedergegangen, der an der Straße lag da unten, wo sie sich in weltfremder Einsamkeit durch die Luka zwängte. Aber es war ihm kaum möglich, zu seinem Führersitze zu gelangen, den man buchstäblich erklettern mußte, weil er einige Meter hoch in den Bäumen lag. Er vermochte nur mehr, seinen Schlafsack hervorzuzerren; den breitete er dicht unter den Tragflächen seiner Maschine aus, schob sich hinein und schlief auch schon, kaum daß er sich zugedeckt hatte.

Am andern Morgen weckte ihn der schaurige Hauch, der vor Tau und Tag über die Wälder kommt und Mark und Bein durchfröstelt. In Unbehagen und Schreck fuhr er empor und wußte sogleich, daß er hier oben in den Wäldern mitten im Feindesland war, ausgeliefert und schußfrei wie der Wolf der Höhen! Der Durst quälte ihn, und er hatte kaum mehr ein Restchen Tee in der Nickelflasche. Dazu schmerzte die Wunde, und nur leise stöhnend vermochte er sich zu bewegen. Fieber, Fieber!

Einen Augenblick war er im düsteren Schweigen, das noch über den tiefgrauen Dickungen lag und keinen Vogellaut emporließ, kleinmütig und überlegte, ob er sich nicht selber dem Feinde stellen solle; es sei ja nun alles gleich! Aber als der Himmel rot wurde und alles um ihn her immer heiliger und anbetungsvoller aussah, als die ersten Drosseln jubelten und in der Luft ein heller Falkenruf klirrte, da trotzte er sich wieder auf. Mit Anstrengung all seiner Willenskräfte überwand er den Schmerz und die Fieberschwäche und kletterte zu seinem Flugzeug empor. Er war doch ausgerüstet, und zum Verzweifeln war noch kein Grund, solange sie ihn nicht entdeckten. Die paar Hirten und Bauern, die sein Niedergehen gesehen haben konnten, waren wohl zu träge und furchtsam, um auf eigene Faust nach ihm zu suchen, und bis die Anzeige bei den nächsten Behörden Maßregeln erweckte, vergingen zwei Tage. Also hieß es arbeiten!

Er hatte die lederne Tasche mit allem nötigen Werkzeug rechter Hand vom Führersitz gehabt. Wo war sie nur jetzt? Ein wilder, hitziger Schreck durchflutete ihn. Ah, sie wird heruntergefallen sein, als der Aeroplan sich neigte. Nun hieß es abermals herabklettern und in dem Gewucher des Dickichts suchen. Das Blinken des kleinen Hammers, der aus der sich öffnenden Tasche gefallen war, verriet ihm endlich, daß er gerettet war. Ohne Werkzeug allein in dieser Wildnis, das wäre schlimm gewesen.

Durch das Suchen und Klettern war er warm und biegsamer geworden. Er begann jetzt, die versteifenden Drähte an den Tragflächen zu durchfeilen und abzuzwicken, bis die Flächen nachgaben. Es hieß achtgeben. Immer mehr und mehr neigte sich der Apparat, und wenn er jäh zu Boden stürzte, so riß er ihn aus seinem Bäumchen mit. Auch ein Sturz von einer Klafter Höhe konnte jetzt verhängnisvoll werden. Endlich rollte sich die eine Fläche zusammen, und dumpf krachend stürzte der Leib des Flugzeugs, Propeller voran, zu Boden. Das Holz der Flügelschraube zersplitterte, tief grub sich der wuchtige Motor in den Boden ein. Nun war es ein leichtes, auch die andere Tragfläche, die wie ein Segel in die Höhe ragte, abzumontieren und nach und nach Steuer, Gestänge, Räder herunterzunehmen. Ein toller Durst hielt ihn endlich von der Arbeit, bei der ihm der Schweiß herunterströmte, ab, und er kroch in allen Lichtungen umher, um von den Gräsern und Farnen den reichlich gefallenen Tau zu saugen. Diese langsame und spärliche Art der Wasseraufnahme hatte das Gute, daß er sich nicht überfüllte und doch nach und nach seine rasende Gier verlor.

Endlich ging er wieder an seine Arbeit. Der Leib des Flugzeugs war das am schwersten zu Bergende, und er mußte die Nieten durchstemmen, welche die Schale aus Aluminium zusammenhielten, die ihn bisher geschützt hatte. Dann nahm er den kleinen Lienemannschen Feldspaten, das unersetzlichste seiner Stücke in dieser Lage, weil es ihm Beil, Säge, Schaufel und Bratpfanne hergab, und grub unter den dicksten der kleinen Fichten ein Loch, in das er den Motor wälzte. Der hatte einen Zylindersprung! Unglaublich, wie das noch arbeiten konnte, so fein auch der Riß war, der von der Zündkerze bis zum Kopfe lief! Über den Motor legte er das Aluminiumblech, zusammengebogen, so gut es ging, und was sonst noch überflüssig schien. Die Drähte und das Zeug der Tragflächen behielt er und versteckte sie so gut im Dickicht, daß kein Auge sie erreichen konnte. Das gab Zeltstoff, vielleicht sogar Kleiderzeug. Nun bedeckte er das Grab seines Motors sorglich mit Erde und suchte dann wieder nach Tau. Aber der war in der lastenden Mittagshitze des Spätsommertages auch in den tiefsten Winkeln der Schattenfarne verflogen; es hieß einen Bach finden, und wenn's das Leben kostete. So trat er, den großen Browning an der Seite und den Spaten als Beil in der Hand, den unsagbar mühsamen Weg durch die verrückte Dickung an, wo er sich den Weg hauen und schneiden mußte, indes der Durst immer grimmiger wurde.

Bis in den Nachmittag würgte er sich so weiter bergab; er verzweifelte vor brennender Qual und warf sich auf die dunkle, magere Walderde, um sich zu kühlen. Da hörte er durch das Mittagsgurren der wilden Tauben hindurch ein ganz feines Kichern und Klimpern. Er sprang in wahnsinniger Freude empor. Herr des Himmels, das mußte eine Quelle sein! Und nun wand und schnitt er sich weiter, immer das Ohr in Liebe und Angst nach dem leisen Kichern und Rieseln hin gerichtet, bis er endlich ein jämmerlich kleines Gerinnsel fand, in dem sich ein bronzebraun aussehendes Wasserfädlein bergab wand. Für ihn war es herrlicher als der Ganges! Er warf sich auf den Boden und preßte Nase und Mund in die Furche wie ein wühlender Eber. Wie das Wasser schmeckte, wußte er gar nicht. Er trank nur und trank und brauchte lange, bis er bei dem spärlichen Rinnsal sein entsetzliches Brennen gestillt hatte. Dann füllte er seine Feldflasche; Gott sei Dank, daß er sie so groß genommen hatte!

Bisher war er aus dem verworrenen Dickicht noch gar nicht herausgekommen, wenn auch an einzelnen Stellen freiere Plätze mit großen Bäumen eingestreut waren. Dort versuchte er es, einen der Überständer, eine riesige Eibe, die vielleicht ein Jahrtausend alt war und doch kleiner geblieben war als jeder tüchtige Tannenbaum, zu ersteigen. Nun konnte er umherspähen.

Wald, Wald ringsum. Gegen Norden Fichten, gegen Süden da und dort Buchen eingestreut und Eichen. Keine größere Blöße, nur wilde Windbrüche; kein Zeichen menschlichen Wesens, eine Einsamkeit sondergleichen, namentlich nach dem Osten zu!

Dieser Waldberg, den sie Kraina nannten, war nur durch eine selten befahrene Straße, die durch das enge Loch der Luka führte, von der wilden Golobinje Planina mit dem Stol getrennt, und die ganze Welt dieser einsamen Höhen war wohl sechzig Kilometer lang und dreißig breit, ohne daß auch nur ein einziger größerer Ort dringelegen hätte! In der westlichen Kraina, wo er niedergegangen, war am nächsten der Weiler Luka und der Flecken Krivelj; aber auch diese waren drei Wegstunden voneinander getrennt, und zwischen ihnen türmte sich der steilste Gipfel des Waldgebirges bis nahe an dreizehnhundert Meter empor: der Stol -- seine Burg! Die Bahn führte weit jenseits im Moravatale dahin. Er nahm die Karte zur Hand und stellte fest, daß das kleine Gerinnsel, das ihn hier gerettet hatte, zu dem Quellensystem der Bjelareka gehören mußte, an dessen Mündung in den Timok vierzig Kilometer weiter südöstlich die Brücken lagen, die er zerstören wollte. Nun saß er dort oben in der starren Wildnis, noch zwei Stunden über Luka, das die nächste menschliche Siedelung war, und begann ein Leben wie der Fuchs des Waldes; selber Dieb und Räuber, und von allen verfolgt, die ihn spürten.

Von was nun leben? Fürs erste mußte er unsichtbarer sein als ein Dachs. Sein Mundvorrat reichte auf ein paar Tage, dann mußte er sich als Raubtier nähren. Und er hatte kaum hundert Patronen für seinen Browning bei sich und kein Gewehr! Schießen durfte er in den ersten Tagen, solange man ihn da oben vermuten konnte, überhaupt nicht, und eine Wanderung nach Norden, wo er durch das Poretschkatal an die Donau zu kommen hoffte, war fast gleichbedeutend mit Entdeckung. Er mußte fürs erste hier oben bleiben und sein Leben mit den Mitteln, die er auf seinem Flugzeug mitgenommen hatte, neu beginnen und einrichten wie Robinson.

Vor allem benutzte er den Tunnel, den er sich durch das Fichtendickicht gehauen hatte, um zur Höhe des Berges zurückzukehren, wo er sein Fahrzeug und dessen Reste geborgen hatte, um nach und nach alles Brauchbare näher an das Wässerchen zu schaffen, ohne das er nicht leben konnte. Hier im dichten Jungholze wollte er bleiben; fürs erste konnte ihm nur ein Bär oder Wolf gefährlich werden und auch der nur im Schlafe. Schlimmer war es, wenn sie ihn mit Hunden suchten. Der kleine Wasserlauf, den er gefunden hatte, war zu unbedeutend, um darin weiter zu waten und so seine Witterung zu tilgen, damit die Hunde die Spur verlören. Aber das mußte er nun schon abwarten.