Chapter 6 of 8 · 3913 words · ~20 min read

Part 6

Angelegentlich rückte der Leutnant zu dem Philosophen, auf den er ja zwar lachend heruntersah, den er aber in einem Winkel seines Herzens dennoch anregend, ja aufregend fand, und fragte ihn heimlich: »Sag' mir, da du doch so sehr gebildet bist: Genügt dir denn der Umgang von die zwei Kerl'n, die doch unter dir stehn, und zwar recht weit?«

»Da irrst du aber gehörig!« rief der nasse Heinrich. »Abgesehen davon, daß mindestens der scheckige Simon ein großer Philosoph ist, steht kein Mensch tief da, der alle Tage so nahe mit Gott zu tun hat wie wir; denn der ist die Natur! Dazu haben wir eine oft sorgenvolle und oft so freudige Interessengemeinschaft, daß wir uns endlos zu unterhalten wissen und immer Gesprächsstoff haben, aber schon sehr gehaltvollen! Kannst du sowas von irgendeiner Frau Pastor oder einem Landesgerichtsrat auch behaupten? Wenn ja, dann muß er von seinen Gaunern erzählen, die sind das einzige, was ihm von wahrem Leben begegnet!«

Die Sonne fiel steigend auf das kleine Rund inmitten der tollwuchernden Jungkastaniendickung, und behaglich grunzend lag der Scheckensimon im warmen Gnadenlichte. Der Schlampenschneider hatte schweigend gegessen und dem Aviatiker gutmütig die besten Bissen zugeschoben, jetzt schlief er. Dem nassen Heinrich aber tat es wohl, seine Lehren in ein dürstendes Gemüt zu versenken. Er saß am Feuer, eine Schnitte Fleisch auf Brot gelegt in der mageren Hand, die dürftige Gestalt zusammengekauert wie ein hockender Neger, das spitze Gesicht aufmerksam und frisch, die Nase fröhlich in der Luft, die pfiffigen Äuglein hell aufblitzend. Er hatte einen genialen Schwung, sich das lange, blonde Haar, das ganz verwachsen und verwittert war, aus dem Gesicht zu streichen, und schüttelte es gleich wieder wuschelköpfig hinein, wenn er irgend was verneinte.

Tikosch sah den unscheinbaren und doch so zähen Gesellen belustigt an, und ihm war wohl, wie schon lange nicht. Eine liebe, geborgene Stimmung überkam ihn mit leichter Schläfrigkeit, und nur um was zu sagen, fragte er noch, wie sich denn die Gesellen zu den Nachrichten aus dem Norden stellten, und ob sie Sicheres über den Gang der Dinge da oben wüßten.

»Was gehen uns die da oben an?« sagte der nasse Heinrich. »Die haben uns außerhalb ihrer Gesetze gestellt, und wir haben sie dafür aus unsern Herzen geschoben. Denn sie haben eine andere Seele, die mit Kohle und Zement mehr zu tun hat, als gut und gottesmöglich ist. Alles haben sie auf stupide Zahl und Maße hinauflizitiert, und nun sitzen sie ja mitten drin in den Folgerungen ihres Massenwahnsinns. Jeder nimmt heutzutage an dem heillosen Morden teil, ob er inneren Soldatenberuf habe oder nicht, und so hocken sie und schießen und stürmen, ohne persönliches Emporwachsen. Ja, ja, diese zehntägigen Schlachten, in denen der einzelne nichts sein darf als eine kleine, kleine Ziffer!«

Der lange Simon gab ein Wort herüber. »Zehntägige Schlachten; das macht, in einer modernen Schlacht messen sich nicht die Überlegenheiten zweier Herrschernaturen, sondern die Angst zweier Feldherrn voreinander.«

Mit einer Art belustigtem Respekt sah nun Tikosch zu dem Schuster hinüber, während er über die drastische Kritik des Vagabunden lachen mußte. »Ich möchte nich' Feldherr sein,« sagte der scheckige Simon noch, gähnte und wollte gerade einschlafen, wie der vorbildliche Schlampenschneider, als der nasse Heinrich sagte: »Halt, Simon! Unser Gast wird jetzt noch, da er gegessen hat, nach antikem Gastrecht um seinen Namen und Stand gefragt, damit wir über sein ferneres Schicksal in unserem Kreise entscheiden können. Hör' zu, dann brauchen wir den Schlampenschneider nicht in unserm Rate; er wird majorisiert.«

Und Tikosch setzte sich zurecht, wischte sich den ansteckenden Schlaf wieder aus den Augen und erzählte offenherzig seine ganze Geschichte bis auf den Umstand, daß er Leutnant war; denn der hätte verstimmend wirken können. Sondern er sagte, daß er Feldwebel wäre.

»Tut nichts. Das sah ich aus deinem etwas hunnischen Habitus und deiner geringen klassischen Bildung,« tröstete ihn der nasse Heinrich freundlich. »Aber was nicht ist, kann noch werden. Es wird noch 'n ganz brauchbarer Tippelkunde aus dir werden.«

Tikosch schämte sich ein wenig. Auch seine Neigung zur schönen Rumänin verriet er nicht und sagte nur, daß sie ihn aus Mitleid gefüttert und dann hierher geschickt hatte.

»Dann müssen wir'n auch all behalten,« sagte der Scheckensimon und sah den nassen Heinrich an, der gedankenvoll nickte.

»Die Livia,« sagte er dann in einer Art Wehmut, »die kenne ich nun seit meiner zweiten Griechenlandsfahrt. Damals war sie noch ein reicher Backfisch und hat viel gelacht, wie ich ihr meine Gotteserkenntnisse vortrug. Aber dann haben ihre Brüder den ganzen Familienübermut durchgebracht, und wie sie arm wurde und ein eleganter Offizier sie verließ, weil sie nichts hatte, da war sie reif. Sie ist meine einzige Schülerin in dieser zum Irrtum verdammten Welt, und sie ist dankbar wie ein reines Tier. Also auch an dir, Aviatiker, ist sie zur Nausikaa geworden. Ja, ja, sie ist ein seltenes Geschöpf. Zum Beispiel, sie wird nie heiraten. Denn wer einmal von der geheimnisvollen Nilschlange des Jenseitsgedankens gebissen wurde, der kann nur einsam bleiben oder einen Halbgott freien. Und woher sollte ein solcher kommen? In diesem Lande. Und woher bei uns, im Lande der Hosen mit den Bügelfalten!«

Damit legte er sich nieder und schlief auch schon.

Der Scheckensimon aber weckte den Schlampenschneider und sagte:

»Schlampenmann, du bist heute +du jour+.«

Der Angeredete gähnte, streckte sich und kletterte dann wortlos auf die große Edelkastanie, in deren Krone Tikosch einen sehr bequemen Sitz erblickte, von dem es sich im Sonnenscheine dieses milden Tages ganz behaglich Wache halten lassen mochte.

Im Kreise der drei Seltsamen umherblickend und im Gefühle, wieder bei Menschen, ja bei seltsamen und nicht gewöhnlichen Erdenkindern zu sein, wuchs das Gefühl der Behaglichkeit auch in ihm so sehr, daß er sich vertrauensvoll ausstreckte und entschlief, als sänge ihm Mutter ein sicheres Schlummerlied. Es war aber nur die riesige Edelkastanie, die im Ostwinde, der das schöne Wetter gebracht hatte, eintönig rauschte und sauste. Und da wußte er auch schon nichts mehr von Gefahr, Weltkrieg und Massenwahnsinn. Die Natur hatte ihn in ihre Arme genommen.

Zu Hause bei ihrer sorgenvollen Mutter saß die schöne Livia.

»Du lädst dir nichts als Ungelegenheiten mit solchen Strolchen auf und schiebst dabei die geringe Aussicht beiseite, doch noch an den Mann zu kommen,« sagte die alte Dame, die mit ihrer Tochter nur Französisch sprach. »Hast du den österreichischen Leutnant gar nicht gefragt, ob er vermögend ist oder nicht?«

»Es würde nichts entscheiden, das weißt du ja,« erwiderte Livia ruhig.

»Nicht? Wenn wir unser Gut entschulden könnten? Wenn die Brüder wieder ein menschenwürdiges Dasein führen könnten?«

Livia sagte nichts mehr. Die Mutter kannte nur die Brüder und hätte das schöne Mädchen ruhig verkauft sehen können, wenn ihre geliebten Lumpe wieder an der Riviera ihren Sekt und ihre Dirnen gehabt hätten.

»Ein Glück,« grollte die Mutter, »daß deine Brüder nicht hier sind. In ihrem Haß gegen alles, was deutsch ist, gingen sie deinem Fliegerleutnant scharf zu Leibe.«

»Sie haben so wenig in sich selber und so wenig Eigenes, daß sogar ihr Haß ein französischer ist,« erwiderte Livia ruhig. »Sie waren nie in Deutschland und kennen das Leben dort so wenig wie all unsere Bojarensöhne. Aber den Haß, den haben sie.«

Und Livia ging fort, durch das Haus, durch den Wald, in die Einsamkeit hinaus, die ihr allein Mutter und Bruder war.

Sie dachte an Tikosch und prüfte sich wieder und wieder. Männer von jener Art, die lärmt, trinkt, reitet und ficht, hatte sie durch die Brüder und ihre Freunde genügend kennen gelernt. Sie wußte, daß diese Rasse, so sehr sie männlich genannt werden durfte, nie viel Größe und Güte in sich barg. Tikosch würde sie auch nur so lange achten, als er sie nicht besaß. Unterlag sie ihm, so ritt, trank, raufte und flog er wieder, und alles war wie zuvor, nur sie selber war Dienerin eines Herrn, dem sie im geheimen unbequem war wegen ihrer hellen, scharfen Augen, die alles Niedrige und Tierische durchschauten. Wenn Tikosch zu denen dreien im Kastaniendickicht kam, dann entschied es sich übrigens, wohin er gehörte. Siegten die drolligen Lehren des nassen Heinrich und brachen die wilde Gleichgültigkeit dieser Reiternatur, dann war Seele in ihm. Schlug er die Philosophie selbst dann in den Wind, wenn sie in Not und Waldeinsamkeit zu ihm kam, dann war er ein Verlorener für sie und ihr Haus, mochte er für seinen Staat noch so sehr das Prachtexemplar bedeuten.

Schwach war sie nicht, und Sinnlichkeit reichte nicht an ihre einsamen Stunden heran. Aber sie hätte gern einen starken Mann und Kinder gehabt. Darum wünschte sie sehnlich, Tikosch möchte doch den Weg aus seinem Walddickicht zu den drei Walzenbrüdern finden. Daß es die Tage her so unerbittlich und seelenbedrängend geregnet hatte, dankte sie den Göttern des nassen Heinrich sehr, dem Pan, dem Aeolos und dem Sonnengotte. Nun ging sie gegen das Dickicht, um zu sehen, ob der Trotzkopf schon kirre geworden und heruntergekommen sei, aus seiner Luchshöhle oben in der sturmübertosten Planina. Aber sie stockte bald wieder gedankenvoll und kehrte zerstreut um.

Es war herbstlich geworden, so schön auch die sonnigen Spätsommertage ihr blitzendes Seidennetz über die Wälder spannen. Die silbernen Marienfäden segelten, und aus den großen Kastanienbäumen fielen die ersten reifen, süßmehligen Früchte. Es war gut sein und schön am Lagerfeuer; die Gesellen rösteten sich die Himmelsgabe als wohlige Zutat zu dem, was ihnen der neue Kamerad mit der Flinte im Walde geholt hatte, und als es Abend ward, rückten sie nah zusammen und erzählten Geschichten. Dabei kam allerdings an das Licht, warum der philosophische Vagabund Heinrich »der nasse« hieß. Denn alle Abend trank er so viel, bis ein reichlicher Tränenstrom sein zärtliches Herz erleichterte. »Er hat alle Vesperzeit das heulende Elend,« sagte der Norddeutsche, der Scheckige, der dem Offizier immer sympathischer zu werden begann. Denn dem war es ernst mit seiner Sehnsucht, zu seinem kämpfenden Volke einzurücken.

»Bei Prahovo an der Donau unter der großen Insel ist der Strom schmal; da weiß ich 'n Kahn, der nur für uns Kunden versteckt ist und uns allen von der fahrenden Gilde gehört. Er ist so gut versteckt, daß sie 'n noch nie gefunden haben. Denn die Serben bewachen alles, was nach Rumänien rübergehen will. Uns aber wer'n sie nicht erwischen. Wenn wir eine Nacht lang rüstig wandern, so sind wir am Fluß; aber 'rüberfahren könn' wir erst in der andern Nacht, denn es dauert eine halbe Stunde, bis man drüberkommt, so groß ist das Wasser selbst dort noch. Und wenn wir noch so gut marschieren, es sind doch gute fünfzig Kilometer, und es wird grau werden, bis wir hinkommen. Da heißt sich's verstecken, den Tag über, wie wir hier allemal zu leben gewohnt waren. Um Mitternacht fahren wir dann ins Rumänische hinüber und schlagen uns von dort am hellen Tage nach Ungarn durch. Herrgott, in welcher Sprache soll'n wir denn dann fechten?«

Der nasse Heinrich hatte sich erst in seiner ganzen Andacht den Hasenbraten schmecken lassen und dann die süßen Maronen. Aber er trank, obwohl er den Göttern spendete, gar nicht antik. Denn Wasser mischte er in seine Pulle durchaus nicht, sondern benahm sich ihr gegenüber so großzügig, daß sie bald leer war und er voll.

»Simon, was willst du dort oben tun?« bat er. »Simon, sie werden dich zum Krüppel schießen! Komm mit mir 'runter nach Hellas! Wenn's dort oben eine Zeit gäbe wie sonst, ja, wie sonst! Och, mein Deutschland, um die Zeit, da man in den Zimmern den Ofen zum ersten Male bullern hört, da bist du so schön, daß ich oft schon bürgerliche Triebe mächtig in mir erwachen fühlte und an gebratenen Äpfeln beinahe grundsatzlos geworden wäre. Ach, ich hätt' ja schon so oft heiraten können!«

Und er trank wieder und sank in tiefes Sinnen.

»Aber jetzt denkt jeder nur an Schießen und Stechen, und wer daheime sitzt, liest die verflixten Zeitungen und studiert Karten.«

Er sank wieder eine Zeit in Schweigen. Dann brach die erste Rührung hervor, als er weinerlich ergänzte:

»Oder Verlustlisten.«

Die andern drei waren ernst und still, das Feuer brannte klein und vorsichtig. Die Nacht war schneidend kalt, und jeder drehte sich, um gelegentlich auch seine Hinterseite zu wärmen. In dieser Beschäftigung hörten sie alle nur mit halbem Ohr auf die sattsam bekannten abendlichen Klagen des nassen Heinrich. Nur dem Leutnant war das neu, und er hörte dem sonderbaren Patron zu, der so wetterhart und lebensstark und dennoch in allem, was sonst den ganzen Mann erfordert, so weichlich war. Mit ein paar kurzen Worten sagte er ihm das auch:

»Mich wundert, woher du die Kraft nimmst, dies Leben zu ertragen, immer in Lebensgefahr, immer frierend oder hungernd, immer in denselben Lumpen; bald schauernd vor Regennässe, bald verschmachtend, und doch bist du an dieser einen Stelle heikler als ein Hund am Bauch: dort, wo es heißt: Pflicht!«

»Ich bin allein geboren und habe allein zu sterben,« sagte der nasse Heinrich mit wiedererwachender Klarheit. »So geht es niemanden was an, wenn ich mein Leben auch abgesondert von den allgemeinen Bemerkungen eurer Weisheit führe. Du bist wohl noch nie in einer Großstadt im Kaffeehause gesessen, mein lieber Aviatiker, wo solche Genies ihre Ecken haben, die immer noch auf den Ruhm warten. Sonst wüßtest du, daß es kein nutzloseres Ding für den Staat gibt als eine große Intelligenz ohne Güte. Leute wie du sind das Richtige für das allgemeine Wohl; sie fühlen sich als Kanonenfutter geheiligt. Aber sobald ein Gehirn die ganze zwecklose Grausamkeit des Geborenwordenseins zu erkennen fähig ist, so ist es für die Allgemeinheit verloren und sucht nur mehr sich selber zu retten, wie ein Kopfloser auf einem sinkenden Schiff. Drum hat der Staat die Einrichtung getroffen, daß die Schiffsoffiziere mit Revolvern auf diejenigen schießen, die allzu deutlich auf ihre eigene Haut bedacht sind, und das ist ganz recht und billig. Ich für mein sterblich Teil würde auch auf einem sinkenden Schiffe an die Frauen und Kinder denken. Das kann ich dir versichern. Aber ich habe nicht Lust genug, ohne Not mit den andern ihr trauriges Spiel zu machen. Daß wir alle mit'nander ~ein~ Wesen sind, das ist die Erkenntnis des Herzens. Daß wir einsam sind, ist die Erkenntnis des Kopfes. Wenn du gut beraten sein willst, so wisse, daß das Hirn der irrende Teil ist, und daß näher an der göttlichen Erkenntnis der ist, der sich für andere totschießen läßt. Er weiß mehr als der gescheiteste Professor an der berühmtesten Universität! Ogottogott! Aber ich! Ich bin ja so unglücklich, daß ich so intelligent bin! Ich schäme mich ja so durchdringend, daß ich es aus Gründen der Hochschätzung meiner Person vermeide, mich für alle zu opfern, was der Weisheit und Güte letzter Schluß wäre. Das ist mir versagt, oh, das ist mir versagt!« Und der nasse Heinrich begann zu heulen und zu jaffen wie ein Hund, der bei Nachtfrost ausgesperrt wurde.

Mit seltsamen Gefühlen sah Tikosch auf dieses Musterbeispiel eines gänzlich Freien, der sich selber anklagte. Er überlegte, ob er in seiner simplen Freude, das Gefährliche zu wagen, nicht eine bessere Antwort dem höhnischen Gotte gab, der das Leben als Fraß des Todes schuf, als dieser Genießer, der dem Leben unwürdig bettelnd nachkroch und nur sich selber kannte.

Und in das erbärmliche Weinen des haltlosen Trunkenen, dem der Tiroler gleichmütig, der Hannoveraner mitleidig schmunzelnd horchte, klang seine entschlossene Soldatenstimme:

»Komm, scheckiger Simon, mit dir hab' ich ein gutes deutsches Wort zu reden.«

Beide verschwanden im Busch, und Tikosch schlug mit dem Gefährten den Weg nach dem Timok ein. Er gab dem Deutschen seine geladene Schrotflinte, zog seine Repetierpistole hervor, und vorsichtig, als ahne er, daß irgendein Soldatenstück im Werke sei, folgte der Scheckensimon dem neuen Kameraden.

Als sie weit genug waren und das Weinen des Betrunkenen nicht mehr hören konnten, erzählte Tikosch dem Hannoveraner seine ganze Geschichte mit völliger Offenheit und sagte, als der gute dicke Kerl beim Erwähnen der Tatsache, daß Tikosch Leutnant wäre, mit einem kurzen Ausruf der Freude stramm stehen blieb:

»Simon, auf dich zähle ich. Wir wollen hier mitten in Feindesland für unser verbündetes Vaterland kämpfen. Da unten ist die große Lebensader des Serbenreiches nach Osten; die Brücke, die zwei Eisenbahnen an die rumänische Grenze bringt! Hier holen sich die Serben alles, was sie brauchen. Das Negotiner Land ist reich, aus Rumänien bekommen sie russische Hilfe dazu. Wenn wir diese eine Brücke sprengen, so treffen wir die Kerle in den Magen.«

»Haben denn der Herr Leutnant die Mittel, die Brücke zu sprengen?« fragte der scheckige Simon.

»Simon, wir sind in der gemeinsamen Not Kameraden geworden, und für euch bin und bleibe ich der arme Kunde, als der ich unter euch vertrauliche Aufnahme gefunden habe. Wir sind per Du. Jetzt wollen wir rekognoszieren.«

Der Deutsche ging mit beflügeltem Eifer mit. Die Sache gefiel ihm über die Maßen; namentlich, als ihm Tikosch sagte, daß er den Neuangeworbenen sicherlich für eine soldatische österreichische Auszeichnung melden könnte, wenn die Geschichte gut ginge. »Denk dir, Simon, was für ein Furore die große goldene Tapferkeitsmedaille auf deiner Brust bei euch oben machen tät! Ich nehm' dich gleich, nachdem wir gesehen haben, was mit der Brucken zu machen ist, für den Kaiser in Eid, und du bist dann Soldat. Die Tapferkeitsmedaille ist dann nur deine eigene Sach'!«

»Donnerwetter, wenn ich mit der fechten gehe, kann ich bei jedem Landrat anklopfen: dann rücken sie mit silbernen Halbmärkern 'raus,« sagte Simon begeistert.

Vorsichtig schlichen die neuen Gesellen zur Brücke, die ein zartes, dunkles Eisengewebe über den raschen Bergfluß spann. Das Mondlicht, das im Schwinden war, zeigte ihnen den Posten, der auf der Brücke hin und her schlenderte. Er war in Nationalkleidung, also kein geschulter Soldat. Aber jenseits des Flusses, knapp an der Brücke, stand eine Bretterbaracke, aus der ein kleines, rötliches Licht in die Nacht hinaus sagte, daß dort eine Wachabteilung ihren Sitz hatte, welche gegen Bulgarien zu scharf aufpaßte.

»Wir müssen ins Wasser, sonst sehen sie uns,« sagte Tikosch.

»Donnerwetter,« fluchte der Scheckensimon, aber er stieg entschlossen hinter dem Leutnant das Steilufer hernieder, warf die Kleider ab und panschte leise in die herbstkalte Flut.

»Gib acht, Simon! Ich schwimme über den Fluß und untersuche den Pfeiler, der drüben im tiefen Wasser steht. Du watest bis an die Brücke. Entdeckt uns der Posten, so schieß' ihn nieder, und der zweite Schuß gehört dem ersten, der ihm zu Hilfe kommt. Sie werden verschlafen und verwirrt sein. Kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Werden wir gesehen, so schwimmen wir bis in die Donau hinunter! Bei Tag werden wir in den Dickungen schlafen; fangen sollen sie uns nicht! Was?«

Die Ausforschung der Brücke gelang aber ohne Störung. Hier, weitab vom Feinde, glaubten die schlecht geschulten Komitatschis nicht an Gefahr, und der Posten langweilte sich in dumpfer Zwecklosigkeit auf der Brücke hin und her.

Tikosch sah bald, wo im Pfeiler das Sprengloch für die Mine war, das an jeder Brücke angebracht ist, und es tat ihm nur leid, daß er die Ekrasitbüchse nicht gleich zur Hand hatte. Aber beim Emporklettern wäre er ja doch entdeckt worden. Es mußte ein eigener Plan entworfen werden. Aufmerksam prüfte Tikosch die ganze Gegend, merkte sich jeden Busch, hinter dem man Versteck finden konnte, und besonders die Umgebung des Wachhauses prägte er sich aufs beste ein. Dann schwamm er wieder über den Fluß zurück, dessen reißende Strömung ihn so weit nach abwärts trug, daß er erst nach langem Flußaufwandern den wartenden Simon, schon in ehrlicher Angst, antraf, weil er glaubte, der Leutnant müsse ertrunken sein.

Tikosch kleidete sich an. Beide schnapperten vor Kälte, lachten aber.

»Und nun Laufschritt,« kommandierte Tikosch, als sie aus dem Bereich der Wache gekommen waren. Und fröhlich liefen sie bergauf, erreichten die Straße, die in dritthalb Stunden nach Rgotina führte, und waren bald wieder warm und aufrecht.

In der Dickung empfing sie der Schlampenschneider in seiner phlegmatischen Art, aber doch mit Vorwürfen. »Da laßt ös ein alleinig mit der b'soffenen Metten in der Nacht!« brummte er. Aber Simon warf einen raschen Blick auf den nassen Heinrich, der in steinfestem Schlafe lag, und erzählte dann klipp und klar den ganzen Plan des Leutnants. Ob der Tiroler mittun wollte?

»Wär net schlecht,« schmunzelte der; »unsereiner hat doch nie net das Vaterland im Stich lassen.«

So hatte Tikosch zwei Mann für seinen Kaiser angeworben, und es galt nur noch, den nassen Heinrich zur Tat zu überreden.

»Er wird mithalten,« sagte der scheckige Simon. »Aber nach Österreich geht der nicht mit uns. Ihr werdet sehen, in Rumänien sagt er uns Adjes und wendet sich ins Griechische hinunter. Er kann kein Schnee vertragen, der länger liegen bleibt als bis zur nächsten Sonne; das ist einmal seine Eigenheit, und er nennt's Religion.«

Zufrieden und neubelebt, daß es mal was Ordentliches zu tun gab in ihrem zwecklosen Dasein, legten sich alle dreie nieder. Der scheckige Simon tat noch ein paar Scheite ins Feuer, liebe Wärme zog sich an ihren müden Gliedern entlang; dann schliefen sie, tief und getrost.

Am anderen Morgen erwachte Tikosch schon frühe. Der Gedanke an das nahe Ziel und seine baldige Rückkehr zu den Fahnen seines Kaisers ließ ihm keine Ruhe. Auch mußte er Wild für die drei Gefährten beschaffen. Denn seit der nasse Heinrich einen der kleinen Feldkeller der Weinbauern, wie sie dort zahlreich in die Abhänge gegraben und ohne richtige Aufsicht sind, allzu freigebig geplündert hatte, war man in der hier dichter bevölkerten Gegend doch etwas aufmerksamer geworden und fahndete nach rumänischen Zigeunern, die man als Täter vermutete. Es hieß sich also am Tage still im Dickicht verhalten; von Stehlen oder gar von Fechten war natürlich keine Rede, und selbst der Weg zur immer freigebigen Livia stand nur in solchen Nächten offen, wo wegen Sturm und Regen kein Hund sich ins Freie wagte.

Vor Tagesanbruch mußten sie also versorgt sein, und Tikosch hatte das Glück, zum ersten Male in diesem an größerem Wild armen Lande einen kapitalen Rehbock zu strecken, den die reichliche Herbstäsung, um nicht zu sagen die Mast der Edelkastanien, in seinen Bereich herübergezogen haben mochte. Schwerbeladen kam er zu seinen Genossen, die ihn mit Jubel empfingen. Dem nassen Heinrich sah man von seinem tiefen Trunk wenig an. Er vertrug dergleichen ohne Nachwirkungen, und Tikosch benützte das erhöhte Behagen, das den verlaufenen Schulmeister bei einer gerösteten Rehleber überkam, um ihm seinen Plan mitzuteilen. Er zögerte auch nicht, den Gesellen ausgiebigen Lohn in Gold zu verheißen, und war entschlossen, die ganze große Summe, die er bei sich trug, beim Übertritt auf österreichische Erde hinzugeben.

Heinrich neigte den Kopf hin und her. »Das wäre ein Fall, wo man des Erfolges ziemlich sicher sein kann,« sagte er. »Wenn schon der Aviatiker in Dingen seelischer Erkenntnis nie ein überragender Kopf sein wird, so habe ich das Gefühl, daß er eine schneidige Führernatur ist, und überdies: Wenn jemand etwas will, so setzt er's durch. Die an der Brücke wollen nichts als ihre Ruhe, und das ist zu wenig. Die friedlichen Kerle werden im Grunde genommen froh sein, wenn die Brücke kaputt ist und sie infolge Verstärkung der Wache weniger dabei zu tun haben werden, wenn man sie wieder aufbaut. Ich werde euch also in allem beistimmen und helfen, wenn ihr mich dafür sicher in rumänisches Land bringt. Von dort hoffe ich infolge der Empfehlungen der schönen Livia schon weiterzukommen. Aber als Soldat in Eid nehmen? Für eine der Parteien, die jetzt um die Weltherrschaft zu raufen meinen, in die sich ja doch der Amerikaner und der Asiate teilen werden? Ne! Das ist mir zu töricht.« Und dabei blieb er; man mußte zufrieden mit dem sein, was er versprochen hatte.

Als die Verbündeten noch beim Frühstück saßen, raschelte das Gebüsch und Tikosch griff nach dem Browning. Aber der Warnlaut des Rotkehlchens, ein Zeichen, das die drei Kunden gut kannten, bestimmte den scheckigen Simon, ihm lachend die Hand auf den Arm zu legen.

Im nächsten Augenblick war Livia bei den Vogelfreien.