Part 7
Tikosch fühlte, wie ihm das heiße Scharlachrot ins Gesicht strömte, weil er von dort oben so fügsam heruntergekommen war und sich mit der fraglichen Gesellschaft schon so gut stand. Aber Livia begrüßte ihn heiter und vertraulich und zog, nachdem sie den drei Geächteten einen Korb voll guter Dinge hingestellt hatte, erst den nassen Heinrich ins Gespräch. Es sei nahe bei Zajetschar, dicht unter den Forts, ein ländlicher Weinkeller gründlich ausgestohlen worden; ob er davon wisse? Und der kecke Gesell wurde unter dem Blicke ihrer ernsten klaren Augen sehr verlegen.
»Also doch,« sagte sie langsam. »Wissen Sie denn nicht, Heinrich, wie sehr Sie dies Trinken heruntersetzt? Aller Erde König glauben Sie zu sein mit Ihrer Freiheit und Ihrer Philosophie und lassen sich durch eine Flasche Branntwein zum schwätzenden, heulenden Spottbild eines Menschen herunterziehen! Was muß Tikosch von Ihnen denken? Ist denn nicht das tüchtige, praktische Mannesdasein, wie er es führt, höher und mehr als das Ihre, das er haltlos gefunden haben muß? Was ist das für ein starker Kopf, der sich von jeder Weinflasche umwerfen läßt? Sie entweihen Ihre eigene Religion, und wenn ich nicht wüßte, daß diese Lehre in einem würdigeren Herzen als dem Ihren groß sein könnte, so müßte ich an ihr verzweifeln. Ein trauriges Beispiel! Herr Leutnant, hat er's arg getrieben?«
Das verlegene Lachen des Tikosch sagte ihr mehr, als ihr lieb war. Sie sah, wie dieser viel simplere Reiteroffizier den großen Philosophen rasch verachten gelernt hatte.
»Tikosch,« sagte sie, »man muß den Menschen von seinen Erkenntnissen zu trennen verstehen wie das Gefäß vom Inhalt. Er hat viel erkannt, was außer ihm heute in der Welt keiner mehr zu empfinden versteht, und es ist von ihm manches zu lernen. Da er zu frei sein will, ist er zu sehr Sklave geworden; sehen Sie ihn nachdenklich an, aber verachten Sie ihn darum nicht. Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Aus diesem Lande kommen Sie, namentlich seit man wegen des Mundraubs dieser drei aufmerksam geworden ist, nicht leicht heraus. Zwar Ihre Freunde hier müssen sehen, wie sie die nahe Grenze erreichen; sie sind weniger bedroht. Aber der österreichische Offizier würde nicht leichten Kaufes davonkommen. Ich kann Ihnen nun im Namen meiner Mutter Versteck und Quartier bei uns anbieten. Schlimmstenfalls müssen Sie Kriegsgefangener auf Ehrenwort werden, wenn man Ihren wahren Charakter entdeckt. Ich aber kann Ihnen versichern, daß man Sie dann bei uns lassen wird. Bis ein solcher Unglücksfall eintritt, gelten Sie für einen Wirtschaftsbeamten, den wir uns aus der Schweiz zur Verbesserung unseres Gutes verschrieben haben. Gilt's?«
Und zum ersten Male sah ihn Livia so weiblich und persönlich, ja beinahe vertraulich an, daß ihm siedigheiß wurde. Er schwieg; das Herz kämpfte ihm, aber die Entscheidung war nicht sein.
»Eher unglücklich, eher Lieb' und Leben verlieren, als so in kommoder Sicherheit, derweil meine Kameraden bluten,« sagte er ruhig. »Livia, wie können Sie einem Offizier das zumuten!«
Da schwieg das Mädchen und sah traurig zu Boden. Auch sie hätte ihn im Innersten nicht recht achten können, wenn er bei ihr geblieben wäre. Aber nun, da sie wußte, daß sie ihn verlor, kam die ganze unterdrückte Torheit dieses Mädchenkopfes mit Macht über sie, und als sie sich wegwandte, stürzten ihr Tränen heraus.
Tränen des Zornes, verschmäht zu sein, Tränen der Reue, diesen Mann geschulmeistert zu haben, statt ihn mit all der Wärme und der berückenden Liebe an sich zu binden, die sie erst jetzt im Augenblicke des Abschieds voll süßer Torheit in sich brennen fühlte.
»Begleiten Sie mich ein Stück nach Hause,« bat sie einsilbig, und still und traurig ging Tikosch mit ihr.
»Den kriegt sie noch herum,« sagte der nasse Heinrich. »Er kommt nicht zu uns zurück.«
»Wetten, daß er ja kommt? Und daß wir die Brücke sprengen!« rief der scheckige Simon voll Temperament.
Der nasse Heinrich sah den plötzlich so lebhaft gewordenen Phlegmatiker erstaunt an. »Du hast ja auf einmal ein sonderbares Vertrauen in die Menschen, Philosoph,« sagte er.
»Mein Lieber,« dozierte der Schuster, »du bist jetzt außer Mode. Ich war zu lange mit einem bloß gescheiten Menschen zusammen, um nicht gelernt zu haben, daß es das Herz ist, welches die Wunder vollbringt.«
In einer tiefen, seltsamen Traurigkeit, wie sie nur zwei Menschen haben, die wissen, daß sie einander nie im Leben wiedersehen werden, und daß sie doch so viel aneinander verlieren wie nie mehr im Leben, gingen der stillgewordene junge Offizier und die ernste und stolze Rumänin nebeneinander durch den Hochwald, der vor dem Dickicht begann. Der Herbst war hoch in Flammen ausgebrochen, und die Sonne prahlte in allen Farben, als hätte sie alle Ritterschaften der Welt zu einem Turnier versammelt. Die blauen Fernen waren noch zarter und winkender und verschleierter und sehnsüchtiger als sonst, und eine so weiche und ertötend süße Wehmut durchdrang alles, daß die stärkste Seele wehrlos und weich bis ins Innerste von dieser Ergriffenheit des Weltvalets werden mußte.
Beinahe zum ersten Male ging Tikosch scheulos am hellen Tage durch serbisches Land, der bisher so verkrochen gelebt hatte! Glanz und Duft im Walde und das Winken der Ferne hatte er stets nur von seinem Versteck aus gesehen. Nun gehörte es ihm auf einmal ganz an, und er genoß die Luft, als sei sie von anderem Geschmack, weil er sie offen wandelnd trinken durfte. Nach Freiheit roch sie und war frisch wie kühler Eisenduft. Das machte der herbe Geruch der gerbstoffhaltigen Blätter, die um die beiden Abschiednehmenden goldwinkend umhertanzten wie Amoretten: +Valete, valete!+ Die herrlich gefärbten machten den Himmel, dem sie vorüberflogen, noch einmal so blau wie sonst, mit ihrem grellen Gelb. Ihr Vergänglichkeitsduft, der nur einmal im Jahre durch die sonnigen Lüfte irrt, zu des Jahres schmerzlich schönster Zeit, griff ihm durch und durch!
»Es ist ein wunderbarer Tag, dieser allerletzte,« sagte Livia weich. »Wann wollen Sie die Flucht antreten?«
»Heute nacht,« sprach Tikosch wie im Traum, und es kam ihm vor, als sei das gar nicht möglich. Dieser Tag war wie mitten aus der Ewigkeit genommen, und Abschied lag genug und zuviel in seiner wehen Schönheit. Aber das Schneiden und Brennen in seinem Herzen ließ ihn sich nicht ganz verlieren.
»Von jetzt ab weiß ich völlig,« sagte er nach einer Weile, »was Sie den Gott der freien Natur nennen. Daß der in den Mann übersiedelt, der sich ihm zu ergeben weiß. Ich hab' ihn schon dort oben verstanden, wenn die Fernen so recht gerufen haben. Da war ich der Höchste und Einsamste in meiner tödlichen Aufgeschlossenheit. Aber noch besser habe ich den kapiert, den Sie Gott nennen, wenn's im Walde toll g'worden war. Da hab' ich begriffen, daß man sich als Bruder des Boreas fühlen kann, und das Kämpfen und Brüllen des Waldes war mir bekannter als jede menschliche Red'! Es war schön dort oben wie bei Gott selber, und daß man ihn in Ewigkeit anschauen und nichts anderes begehren kann, das versteh' ich jetzt. Nie mehr werde ich ganz von ihm loskommen, seit ich weiß, wo der Weg zu ihm geht. Und das dank' ich dir, du seltsames Mädel!«
Er blieb stehen und sah in das weite Land hinaus, über den Fluß und in die Weingärten, die bald unter dem Walde begannen. In diesem Paradies konnte er bleiben, an der Seite eines wunderschönen Mädchens, das er liebte, und das er sich nun doch gewinnen konnte? Er sah sie an, wie sie wortlos und dennoch mit dringlich leiser Frage neben ihm ging, schön und leidend wie dieser überirdisch klare, bewußte Herbsttag. Diese herrlichen Glieder, die nie um eines Mannes willen gebebt hatten, vibrierten jetzt zum ersten Male in mädchenhaftem Schauern, und das hochgemute Geschöpf war weich, traumverloren und gelöst; er fühlte es.
»Wenn ich wiederkäme, Livia?«
»Du wirst nicht wiederkommen. Jahrelang wird der Krieg über diesem unseren Lande liegen und nichts als Haß und Elend daraus saugen. Vielleicht kommt ihr als Sieger bis daher. Da aber dieses Land entweder von selbst in eure Hände fallen wird, wenn ihr dem Russen auf der Brust kniet, oder nie, so müßtest du kommen, wenn ein ungeheures Erleben sich zwischen dich und mich gedrängt haben wird: in einer Zeit, die dreifach zählt. Du wirst gejubelt und gefrevelt haben, gelitten, gehungert, gepraßt, geflucht und gebetet, und deine Seele wird sich mit Größe und mit Lastern bedeckt haben, von denen jedes einzelne schon dich von mir trennen wird. Bei deinen Kameraden wirst du lachen über das stille Gottesgefühl, das ich dir geben wollte, und du wirst wieder werden, wie du warst, und wie sie sind. Ich weiß das, und ich werde es mir immer wieder sagen, um dich zu vergessen. Wir sind aus zwei andern Welten.«
Sie schwieg, denn die Tränen standen ihr nahe, und sie wollte ihn durch ihre Schwäche nicht begehrlich machen, damit sie nicht sein Opfer würde; hier, am letzten, nach Glück rufenden Tage in der lockenden Einsamkeit. Er sah sie an, prüfte sie und wurde wieder irre, so stolz sah sie aus. Dann blickte er nach dem Süden. Dort lagen klein und geduckt um die Stadt Zajetschar die Forts, und der Timok ging dahin, bis zur fernen Brücke, die er heute nacht geprüft hatte. Da riß es sich in ihm mächtig empor, und er sah alle Schönheit und Weichheit des Tages und des jungen Weibes nicht mehr. Krieg war ja, Krieg! Und für ein weichliches Glück war keine Zeit. Die eiserne Tat rief ihn gewaltig an, und sein Herz wurde wie von Stahl.
»Sie haben recht, Livia,« sagte er fest. »Ich bin zu ganz andern Dingen auf der Welt, als glücklich zu sein. Es gibt Singvögel, und es gibt Raubvögel. Den einen gehört die Liebe, den andern der Haß. Ich wäre doch nie Ihrer wert geworden, weil ich zu schlecht bin für Sie und doch auch wieder zu gut. Männer gibt es, die man am besten nur auf sich selber bestehen lassen darf, weil sie nicht gemacht sind, andere zu beglücken. Meine Arbeit ist anders als die der Erlösernaturen. Leben Sie wohl; Sie waren mir wie eine Gottheit, und ich werde Sie nie, nie vergessen! Vielleicht bekehre ich mich einst gänzlich zu Ihrer Religion, wenn sie mir einen Arm oder einen Fuß abgeschossen haben, oder wenn ich alt und krank bin; denn für alle Hilflosen und Schwachen liegt der wunderbarste Trost in dem, was Sie glauben! Vielleicht sitze auch ich einmal still im Sonnenschein und schaue seltsam verwandtschaftlich auf diese Wolken, die der Erlösung näher scheinen als ich. Aber jetzt mag und kann ich nicht.«
Kräftig ergriff er ihre Hand, schüttelte sie und ließ sie los.
Livia blieb stehen.
»Was wollen Sie tun?« fragte sie mit halber Stimme.
»Das ist jetzt Mannes Sache und muß auf sich allein bestehen,« erwiderte er. »Nochmals tausend Dank, du wunderbares, einsames Mädchen!«
Und er ging von ihr, ohne sich mehr umzusehen. Aber Livia schaute ihm tiefbewegt nach, wie er mit dem erobernden Schritte des Soldaten das Weite gewann, ins dichte Holz gelangte, mit kräftiger und biegsamer Windung des schlanken Körpers ins Dickicht eindrang und verschwand. Langsam, langsam ging sie heim, allein in diesem eindringlich wehen Herbste.
Als Tikosch sich leise dem Biwak seiner kleinen Patrouille näherte, fand er den nassen Heinrich im Begriffe, den Schlampenschneider Wiener Walzer tanzen zu lehren. Er hielt stille und lauschte, wie der weinende Philosoph dem phlegmatischen Tiroler zeigte, wie sich die Dame zu halten hätte und wie der Herr. Aber als er mit zierlicher Verbeugung auf den scheckigen Simon zuging und den, als den Vorbildlicheren in Dingen guten Tones, zum Tanze aufforderte, als Simon kokett nach seinem Jackenzipfel griff und den über den Ärmel legte wie eine Schleppe und seine Arme um den nassen Heinrich schloß, da wieherte er ein schallendes Kasernenlachen heraus. Vergessen waren Livia, Pan und Apollo!
Die Walzenbrüder begrüßten ihn stürmisch, er aber winkte sie heran, entwarf auf seinem Notizblock einen Plan von Wachthaus und Brücke und sagte jedem so klar, was er wolle, und wie er das Ding zu sprengen gedenke, ohne daß sie Gefahr liefen, daß alle gleich voll Eifer bei der Sache waren und das todsichere Gefühl hatten, das Ding müsse und müsse glücken!
Dann kam die Nacht, die bänglich erwartete Nacht. Dem nassen Heinrich hatte Tikosch allen Schnaps fortgenommen. »Bloß dicht vor der Brücke kriegst du einen ungeheuren Kriegsschluck,« sagte er. Nun fröstelte der nervöse Philosoph beständig, und tiefes Unbehagen würgte in ihm.
»Hast du Angst?« lachte Tikosch.
Der nasse Heinrich schüttelte etwas kläglich den dünnen, blonden Kopf mit der spitzen Nase.
»Angst nicht,« sagte er; »nur meine Phantasie arbeitet zu grell und deutlich alle Konsequenzen voraus.«
»Es gibt keine Konsequenzen,« sagte Tikosch entschieden. »Wir wissen, wohin wir zu schießen haben, die wissen es nicht. Wir sind die Entschlossenen, sie die Überraschten. Allen Grund, sich zu fürchten, haben sie.«
Es ging eine solche Entschlossenheit von dem stahlhart gewordenen Manne aus, daß der nasse Heinrich, der durchaus nicht energielos war, fühlte, daß auch in ihm selber dergleichen stak und jetzt stärker und stärker wurde. Es ist wunderbar, wie das Selbstvertrauen und die Kraft einer starken Natur ausströmen und sich verteilen kann, wie Christi sieben Gerstenbrote auf fünftausend! Die drei Vagabunden waren in wenigen Minuten Männer von Federstahl geworden; unzerbrechbar und doch von gefährlicher Schnellkraft. Nun schlichen sie durch die Waldnacht und mieden, heraustretend, sorgfältig die bewachten Weingärten. Erst im Bachbette, dann durch Ried und Sumpf wateten sie; Tikosch trug seinen Browning.
In weitem Bogen wichen sie dem nachtstillen Orte Vrazograci aus, der nur eine Viertelstunde vor der Brücke lag. Näher an der Brücke steckte Tikosch seine Pistole ein und zog das Jagdmesser, denn es mußte womöglich stille Arbeit getan werden, damit man sie nicht vom Orte aus ertappte. Der Hannoveraner hatte den Standhauer und schwang ihn angriffslustig durch die Luft, daß er pfiff; nur der Tiroler, dem das Schießen von Kind auf im Blute lag, hatte den Vorderlader bekommen mit dem scharfen Befehl, erst dann zu schießen, wenn es nichts mehr zu verheimlichen gab und Not am Manne war. Sein Phlegma verbürgte, daß er die Ladung im Laufe behielt, wenn nicht der Feind früher schoß. Der nasse Heinrich trug die Fliegerbomben. Tikosch hatte ihm gesagt, daß sie erst acht Sekunden nach dem Aufschlagen zündeten, und zeigte ihm, wie man sie durch Schlag entzünden mußte. Dann hieß es kaltblütig bis fünf oder sechs zählen, und dann erst sorgsam werfen. Das hatten sie im Biwak geübt. Stürmte eine Übermacht auf sie zu und war für das Schnellfeuer der Browning zu stark, so bekamen sie ein paar »Knallzuckerl«, wie Tikosch seine Bomben nannte, zwischen die Beine. Das sollte auch auf der Brücke gelten, wenn die ganze Wache auf sie loskam; so kriegte die Brücke auch gleich was ab. Lief aber alles in Ruhe ab, so kam die große Sprengbüchse an den Pfeiler; das gab dann ungleich mehr aus.
Sie bogen nun weit nach Süden aus; der Ort war überwunden.
Gegen die Brücke zu lief ein Bahndamm, und Tikosch hatte geplant, sich hinter dem Schutze dieses anzuschleichen und auf die Gelegenheit zu warten. Während sie hier die Telegraphenleitung mehrfach durchschnitten, kam ein fernes Hallen aus dem Norden, das sich an den Wäldern und Bergen links immer mehr verwirrte und verstärkte, und brachte sie zum Lauschen.
»Es ist ein Zug, der von der Donau herkommt; er muß in Trnawatsch sein,« sagte Tikosch. »Warten wir, bis er in Vrazograci eingefahren ist, und benützen wir ihn dann, um in seinem Schutze ganz nahe heranzukommen. Übrigens ist in Zajetschar Knotenpunkt, und kurze Zeit nach dem Donauzug wird einer von Zajetschar aus abgelassen. Das haben wir jedesmal gehört in diesen Nächten. Mit dem Donauzug pirschen wir uns an. Mit dem Zajetscharer Zug überrumpeln wir den Posten auf dem linken Ufer. Den auf dem rechten nähme ich gerne auch selber auf mich, denn das wird Arbeit für einen ungewöhnlich geschickten Kerl sein. Aber ihr könnt keiner die Sprengbüchse sachgemäß befestigen?«
Der scheckige Simon widersprach hartnäckig; den Posten am rechten Timokufer wollte er allein abtun, und zwar so stille, daß die in der Baracke gar nichts ahnten. Er hatte seinen Plan, und eine solche Zuversicht brannte in seinen Augen, daß Tikosch ihn gewähren ließ. Sie lauerten. Der schwache Mond trat dann und wann hervor und zeigte ihnen, daß wirklich zwei Posten auf der Brücke hin- und wiedergingen. Der vom linken Ufer, auf ihrer Seite also, ging stets ein Stück den Bahndamm entlang gegen Vrazograci, kehrte dann um und ging bis über die Mitte der Brücke, wo er sich mit dem andern Posten häufig traf. Sie schienen sich aber dort, in trägem Hinduseln, wenig mitzuteilen, denn oft machten sie schon dreißig Schritt voneinander kehrt und streiften dann jeder wieder seine eigene Partie ab. Auch geschah ihr Zusammentreffen auf der Mitte der Brücke durchaus nicht regelmäßig, sondern meist kehrte der eine um, wenn er den andern jenseits erscheinen sah. Aber gerade auf dieses Zusammentreffen gründeten Tikosch und der scheckige Simon ihren Plan.
Endlich grollte das schwache Donnern des Zuges von Norden heran. Seine Fenster waren fast gar nicht beleuchtet; es mußten viele Lastwagen darunter sein. »Da kriegen die Kerle wieder Fraß und Munition von Rußland über Rumänien,« sagte Tikosch grimmig. »Schade, daß wir nicht gleich den Zug mit ins Wasser sprengen können!« Der Eisenwurm kroch heran; langsam wurde das Rollen und Grollen stärker, ging in ein Donnern über.
Tikosch warf noch einen furchtbaren Blick auf den ahnungslosen Posten, der auf der linken Bahnseite stand. Ihm gegenüber war ein kleiner Busch, den sich Tikosch merkte. Er wußte, daß die Posten instinktiv stehenblieben, wenn ein Zug vorüberrollte, und diesen anstarrten. Durch das wenige Licht, das aus den Fenstern drang, mußte der Posten doch immerhin etwas geblendet werden, und wenn er die Stelle erreichte, ehe der letzte Wagen vorübergerollt war, so konnte er auf einen Erfolg rechnen.
Als daher der Zug herankam, sagte Tikosch: »Folgt mir, so schnell ihr könnt!«
Dann sprang er, auf die Dunkelheit und den Umstand bauend, daß die Augen des Lokomotivführers ans Grelle gewöhnt waren, empor, sobald ihn die Maschine erreicht hatte, und lief in einem geradewegs verrückten Tempo neben dem Zuge her, dessen Geschwindigkeit die eines frischen Radfahrers nicht übertraf. So überholte ihn der Zug nur langsam, wie er unten am Damme in der Dunkelheit dahinsprang, und der letzte Wagen kam eben an den Busch, als Tikosch diesen erreichte.
Wie ein Panther sprang der geschmeidige Offizier dicht hinter den Signallichtern des davoneilenden Zuges über den Damm und sah das beleuchtete Antlitz des Postens dem Zuge nachstarren; aber das war nur eines Blitzes Länge so. Denn im nächsten Augenblick hatte sich der rasend schnelle Ungar auf den emporschreckenden Mann geworfen, die eine Hand faßte nach der Kehle, die andere stieß zu -- -- lautlos fiel der Mann um, und über die ihn festhaltenden Hände des Offiziers, der noch einen Schrei befürchtete, sprang in heißem Strahle das Blut des Erstochenen.
Tikosch rollte beinahe mit dem Fallenden den Bahndamm herunter, so schwer sank der hintenüber.
Dann, als er sah, daß der fremde Mann ein schmerzlos und angstfrei Ende gefunden hatte, glitt er wieder über den Damm zurück, wo die Gefährten eben ankamen. »Den einen haben wir,« sagte er atemlos, aber mit grausiger Sachlichkeit. Nun warteten und lauschten sie. Wenn auch nur ein Mensch im Zuge etwas von den Anspringenden gemerkt hatte, so blieb die Maschine jenseits der Brücke stehen. Dann hieß es nur schnell die Bomben werfen, damit wenigstens der Oberbau zertrümmert würde und die von drüben nicht nachkämen. Aber in ungemindertem Donnern rollte der Zug weiter gegen Veliki Izbor zu und verrasselte in der Ferne, wo die steilen Felsenufer der bulgarischen Grenze das Donnern hundertfach wiederholten.
Aufatmend standen die viere. Nun kam aber das Schwierigste, und so spannend wurde jetzt die Szene, daß selbst das Herz des Offiziers zu jagen und tollzuwerden begann. Wie ein Jagdfieber ergriff es ihn, und er mußte mit aller Gewalt Herr dieser Erregung werden, die ihn schüttelte, während er dem Toten die Kleider auszog und dem scheckigen Simon hineinhalf. Grimmig lachend streckte sich der in der wilden, schmutzigen Tracht des Komitatschis, und wohlgefällig ergriff er das alte Mausergewehr des Gefallenen. Er erkannte gleich die deutsche Arbeit. »Da kenn' ich mich aus,« sagte er und schlug an den Verschluß. Dann sah er nach, ob die Büchse geladen war, nickte kurz und schritt langsam und hochaufgerichtet mit der ganzen trägen Würde des Orientalen, dessen Kleider er trug, auf dem Damme nach der Brücke zu. In entsetzlicher Angespanntheit folgten ihm, an den Damm geduckt, die drei andern, die eine ganze Weile nur Zuschauer sein durften; denn auf die Brücke konnte außer Simon sich keiner wagen.
Langsam, schauerlich langsam schritt der Deutsche auf dem Damme dahin, und Tikosch, der ihn am liebsten befeuert hätte, bewunderte dennoch klopfenden, jagenden Herzens die entsetzliche Fassung dieses Mannes, der ganz genau wußte, daß die geringste Eile Verdacht erregen mußte! In grausig träger Faulheit schlenderte der Mordgierige gegen die Brücke, kam an das Ufer, drehte sich faul und gelangweilt um, sah hinter sich, neben sich am Flusse hinab und schien gar nicht mehr von der Stelle zu wollen. Aber er wartete mit der Gespanntheit einer lauernden Katze auf den Posten von der andern Seite, der ebenso träge herankam und gar nicht auf die Brücke zu wollen schien. Und doch mußte er so weit wie möglich herüber!
Endlich, als sein Kamerad so gar nicht aufhörte, in den Fluß zu schauen, kam er schlendernd und gleichgültig näher, und eine Welt von Zwecklosigkeit lag in seinem Todesgange. Denen an der Brücke brannten und kreisten die Augen, so fressend verfolgten sie ihn mit den Blicken. Und langsam schlenderte auch der falsche Posten in seinen Opanken vor sich hin; die beiden kamen sich in unerträglicher Gleichgültigkeit näher, näher. Nun waren es noch drei Schritt, und Simon brachte es zuwege, sein Gewehr, Kolben rückwärts, über die Schulter zu nehmen und sich über das Brückengeländer zu beugen. Da trat der fremde Posten neugieriger ganz nahe an ihn heran.
Die dreie sahen nur noch, wie der Gewehrkolben des Simon blitzschnell in die Luft fuhr und herniederzuckte. Das Krachen des furchtbaren Hiebes verschlang der rauschende Fluß, aber sie hörten es dennoch in ihrer entflammten Phantasie, so grauenhaft deutlich war ihnen alles. Und wie vom Blitz erschlagen lag der serbische Mann. Simon beugte sich noch über ihn, als die drei schon heranwaren, aber da gab es nichts mehr zu retten; der feindliche Posten war schon hinüber.
Mit schrecklicher Geschwindigkeit entwaffnete ihn Tikosch und gab Gewehr, Patronentasche und Bajonett an den Tiroler, der seinen Vorderlader nun an den Schullehrer abtreten mußte. Dann schwang sich der Offizier, der rasch ein Seil hervorgezerrt und an das Brückengeländer geknüpft hatte, über die Brüstung, um den Hals die große Sprengbüchse, und verschwand in der Nacht unter ihnen.
Atemlos lauschten die dreie nach der Baracke, und jede Minute kam ihnen vor wie eine Stunde. Wenn jetzt Ablösung herauskam! Der Schulmeister hielt in jeder Hand eine Bombe; nervös zuckten ihm die Arme, aber er wußte doch, was er zu tun hatte, wenn sie jetzt ertappt wurden. Ja, er ging sogar ein paar Schritt über den Brückenpfeiler hinaus, damit er nicht voreilig seinen Leutnant mit absprengte, wenn die von drüben sie anrannten. Und sie brannten ihre Blicke in die Nacht, lange, lange; dies Warten war zum Wahnsinnigwerden. Denn jetzt gab es nichts zu sehen wie früher; nur das Nichts belauschen konnten sie, das Nichts, aus dem jeden Augenblick der Tod auf sie zuspringen konnte.
Aber die Kerle drüben schienen zu schlafen, wie die ewige Gnade in dieser schaurigen Zeit!
Endlich, endlich kam Tikosch über den Bord der Brücke geklettert, keuchend quoll ein unterdrückter Triumphruf aus seinem aufgerissenen Munde. »Und jetzt hallo, zurück, die Lunte brennt! Brrr! Aber leise, husch, husch, es dauert eine ganze Weile, bis es knallt, und sie können noch dreimal herüber!« Und geduckt wie Katzen sprangen die Verschworenen den tödlichen Weg zurück, den sie gekommen waren, wichen dem Städtchen ostwärts am Flusse hinbiegend aus und traten dort, wo die Bahn wieder an die Krümmung des Timok schloß, ans Ufer. Gespannt horchten sie -- nichts war. Da kam das Rollen des Zuges von Zajetschar, ganz ferne.
»Der Teufel, wenn die Zündschnur ausgelöscht wäre oder sonst was nicht in Ordnung ist!« flüsterte Tikosch. »Wir müßten zurück!«
»Ich kann nimmer,« keuchte der nasse Heinrich. »Das war zu viel!«
»Du wirst,« sagte Tikosch mit erschreckend tierischem Ausdruck in den Augen.