Chapter 8 of 8 · 3734 words · ~19 min read

Part 8

Er war wild geworden. Wenn der Sprengschuß nicht losging, dann war er in seiner sinnlosen Wut zu allem fähig.

Der nasse Heinrich senkte sein Haupt und war wieder im Banne des starken und gefährlichen Kerls, der ihn mit seiner ganzen Gescheitheit umzudrehen vermochte wie der Riese ein Kind. Er biß sich im geheimen auf die Lippen, nahm sich vor, diese Gewaltnatur baldigst zu meiden und dann drüber nachzudenken, ob es ein Mittel des Geistes gegen derartige tyrannische Energien gäbe.

Aber mehr und mehr stieg sein Unbehagen, unter dem er sich wand und drehte, weil das Hinhorchen Tikoschens nach der Brücke sich jetzt gänzlich in Spannung und in einem schrecklichen Blick konzentriert hatte, den er auf den rebellischen Schwächling heftete. Dieser Blick drehte und bohrte an ihm wie etwas körperlich Wuchtendes.

»Siehst du, daß du mußt,« sagte der Leutnant mit einem unbeschreiblich teuflischen Hohn in der Stimme, als hätte er selber seine ungeheure Gewalt über dieses feine Gehirn erkannt. »Ich wußte schon seinerzeit, als ich dich das erstemal -- -- --«

Weiter kam er nicht. Ein leiser Schrei Simons, der die Feuergarbe an der Brücke emporfahren sah, unterbrach ihn. Dann kam ein furchtbarer Knall; er erschütterte die Nacht und wurde von einem wilden Triumphruf des Offiziers begleitet, der jetzt wie umgewandelt war. Er lachte, fiel dem nassen Heinrich um den Hals, schrie ihm zu: »Bruder, Bruder, sei gut!« Und dann rannten sie um Tod und Leben am Timokufer entlang, erst an der Lahn, dann ins Wasser springend und watend, soweit es die Ufer zuließen, die hier bald wieder steiler wurden. Der Fluß riß einen um den andern dahin, aber immer wieder warf Tikosch ihm den Strick zu, den er von der Brücke in merkwürdiger Geistesgegenwart noch losgeschnitten hatte, und rettete so erst den nassen Heinrich, der jetzt wirklich bis auf die Haut durchgeweicht war, und dann den Tiroler.

Als sie sahen, daß ihre Munition, deren sie jetzt sehr bedurften, auf diese Weise zu Schaden kommen müsse, bogen sie gegen Westen ab und kamen hinter Mala Jasikova wieder auf die Straße, ohne etwas von Verfolgern gesehen zu haben. Denn die drüben, welche glauben mußten, daß die Brücke von der bulgarischen Seite gesprengt worden war, hatten genug zu tun, um den Zug von Zajetschar her aufzuhalten. Man hörte sie brüllen!

»Wenn die Kerle Kavallerie haben, dann geht's heiß zu,« sagte Tikosch. »Aber zu fürchten ist auch dann immer noch nichts! Sie glauben uns ja doch am andern Ufer!«

Sogleich wollte der besonnene Simon auch hier die Telegraphenleitung durchschneiden, wie sie es an der Brücke getan hatten, aber Tikosch hinderte ihn daran. »Es wäre geradezu ein Wegweiser für unsere Verfolger,« sagte er. »Unsere Spuren, die sie ja wieder mit Hunden aufnehmen werden, führen an den Timok gerade an die Stelle, wo die bulgarische Grenze am nächsten ist! Da wir in den Fluß hinein sind, müssen sie glauben, wir haben uns hinübergerettet, und uns für eine bulgarische Bande halten, die sie nicht mehr weiter verfolgen können. Ich wette, es kommt niemand auf die Idee, daß wir ganz gemütlich im Lande gegen Negotin weitermarschieren!«

»Aber warum sind wir nicht gleich nach Bulgarien hinüber?« fragte der Schulmeister.

»Ich danke! Ich habe an ~einem~ neutralen Land, das uns festhalten kann, gerade genug und will nicht doppelte Grenzschwierigkeiten haben,« lachte Tikosch und trieb seine Gefährten zu einem Gewaltmarsch an, bei dem ihre durchnäßten Kleider bald wieder trocken und ihre Körper warm wurden. So wanderten sie in einem Tempo, das nur abgehärtete Walzenbrüder zu ertragen vermochten, mit beinahe sechs Kilometer in der Stunde die ganze Nacht.

Eine Stunde vor Mitternacht war die Brücke in die Luft geflogen, und mit Anbruch des Tages, der in diesen Herbstzeiten erst lange nach fünf Uhr zu grauen begann, kamen sie hinter Salasch in ein Hügelland, in dem die Straße stark zu steigen begann. Bisher waren sie durch fruchtbares und angebautes Land gewandert, immer flugs im Straßengraben, sooft ein einsamer Nachtwanderer oder ein Wagen nahekam; jetzt wurde das Land öde. Links von ihnen zogen sich noch Felder und Viehweiden gegen Sikale hin, rechts begann aber der Wald, und das Gebirge, durch dessen Paß die Straße sich wand, mochte immerhin schon als Bergland gelten. Der große Wald rechts an der Straße war der letzte auf ihrem Wege; denn bis über Negotin und an die Donau hin gab es außer Fruchtland nur Sümpfe und bestenfalls Auen. So beschloß Tikosch, hier den Tag zu verschlafen, und die drei Vagabunden wollten im nächsten Dickicht schon hinfallen, so müde waren sie.

Tikosch, der auch ein Gefühl hatte, das ihn antrieb, am liebsten auf dem Bauche weiterzukriechen, hielt sich mit übermenschlicher Gewalt aufrecht. »Es ist der letzte Tag auf serbischem Boden,« redete er den Erschöpften zu; »wenn sie uns heute entdecken, ist alles verloren! Es heißt, alle Kräfte zusammenraffen und eine große, undurchdringliche Dickung suchen, wie die, an welche wir gewöhnt waren, und die uns ganz sicher schützte.« Und er trieb sie wieder auf, bis sie an einem ganz mit Brombeerdorn verwucherten Schlag eine niedrige, wildverworrene Waldstelle fanden, in die Tikosch den Weg mit Messer und Standhauer bahnen mußte. Denn seine Kerle waren dazu außerstande und warfen sich gleich auf die Erde hin, um zu schlafen.

Als Tikosch ihnen inmitten des Jungholzes, das hier aus Buchen und Eichenhorst bestand, ein Nest geschaffen hatte, trug er die Waffen und die ganze ärmliche Habe der dreie hinein und entzündete aus trockenen, kurzen Holzstücken eines jener kleinen Feuer, die beinahe gar nicht rauchen. Dann bereitete er ein tüchtiges Frühstück und weckte erst jetzt seine drei armen Teufel, die zuerst nur immer weiterschlafen und gar nichts essen wollten, bis der nasse Heinrich am Dufte des Tees merkte, daß das ein Grog war, wie man ihn an der Nordsee braut: bei dem das Wasser nur die Rolle einer verschämten Anstandsdame spielt. Da riß er durch seine Begeisterung die beiden andern hin. Diese griffen jetzt auch nach dem auf einem Spieße gebratenen Fleische vom letzten Rehbock, den Tikosch hatte schießen können, und so trocken das an der Sonne Gedörrte auch war, es schmeckte jetzt. Erst als Tikosch sie wieder satt, erheitert und ganz bei Kräften sah, ließ er sie weiterschlafen, warf sich selber hin und schlief auch schon während der Überlegung, ob es sich auf der andern Seite nicht noch behaglicher läge, ein.

Den ganzen sonnigen Tag raunzten die viere so dahin. Gegen Nachmittag streckte sich einer, gähnte und suchte nach Futter; die andern folgten ihm und aßen, was ihnen noch geblieben war: geröstete Maronen, Speck und kalten Braten, und tranken den letzten Wein, den Heinrich gestohlen hatte. Dann schliefen sie wieder weiter. Nur Tikosch sah sich die Karte an und berechnete den Weg, den sie um das dichtbesiedelte Negotiner Gebiet zu umschlagen hatten, um an die Donau zu kommen, ohne gesehen zu werden. Denn ihre Vorräte waren zu Ende, und die nächste Nacht mußte sie auf rumänischem Boden finden.

Dieser Nachtmarsch durch Sümpfe und Auhölzer, oft bloß den Sternen und dem Kompasse nach, war trotz seiner geringeren Länge von kaum dreißig Kilometer der anstrengendste, den sie bisher durchgemacht hatten, und obwohl die viere schon nach Einbruch der Dunkelheit aufgebrochen waren und über zehn Stunden Nacht vor sich hatten, so war schon ein ungewisses Licht über der Ebene des Ostens, als sie an dem riesigen Strome anlangten, wo sie lange, lange in steigender Verzweiflung nach dem Boote suchten, ohne es zu finden. Keiner erkannte die Gegend, so düster, neblig und ungewiß war alles.

Der Fluß wurde graulich, und immer noch hatten sie kein Boot. Da sagte Tikosch entschlossen: »Jetzt gehen wir so weit, bis wir eines zu rauben oder zu stehlen finden. Wir müssen einfach drüber, und wenn's knallen sollte. Herrgott, ich würde für einen ordentlichen Kampf dankbar sein!« Und ohne sich um die verdutzten Gesichter seiner Genossen, die sich schon sicher gefühlt hatten, zu kümmern, schlug er den Weg nach dem Orte Prahovo ein.

Es war die höchste Zeit, denn die Gegenstände am Ufer wurden schon ungewiß und verwaschen sichtbar. »Es muß ein Zollhaus oder sonst was dort im Dorfe sein; da nehmen wir gleich das offizielle Kriegsboot der Finanzwache weg! Haha!«

Und wirklich: gleich am Beginne des Ortes lag eine kleine Lehmhütte, die das serbische Wappen trug. Eine elende Holztreppe führte zur Donau hinunter, und dort lagen, undeutlich zu sehen, zwei Boote. Tikosch rannte hin. Besinnungslos, und so schnell er konnte, stürzte er den Abhang hinab und mußte nun auch die Arbeit allein tun, die er hier fand. Denn er prallte gerade mitten unter ein halbes Dutzend von Zollwächtern, die eben auf ihre Boote zukamen, um flußabwärts zu streifen. Ohne Besinnung riß er den Browning heraus und schoß auf die schattenhaft sichtbaren Gestalten, indem er so scharf zu zielen versuchte, als es nur möglich war. Einer fiel, ein zweiter wankte, die andern schrien auf und schossen blindlings vor sich hin. Tikosch hatte sich sogleich auf die Erde geworfen und schoß, die Pistole auflegend, mit noch mehr Besonnenheit nach einem dritten der nebelgrauen Männer, der auf ihn zugestürzt war. Lang hinschlagend schmetterte auch der zu Boden, und jetzt kamen mit Hurra und Donnerwetter die drei Strolche hinterher; die Finanzer prallten zurück und verschwanden im Morgennebel. Mit rasender Geschwindigkeit durchschnitt jetzt Tikosch die Stricke, die beide Boote hielten, trieb seine Gefährten hinein und stieß ab, indem er das andere Boot hinter sich herzog.

Die dreie ruderten verzweifelt in das träge Grau des Stromes hinaus, und vom Ufer her knallte und prasselte es kopflos und wütend ins Graue hinein. Der Nebel verbarg die Flüchtlinge; aber da die Wache nach dem Schlagen der Ruder die Richtung vermuten konnte, so sauste und heulte es in bedenklicher Nähe dicht um sie. Alle Augenblicke sprühte ein Wasserschlitz neben ihnen dahin, wenn ein Geschoß den Fluß streifte. Der nasse Heinrich, der das zweite Boot zu halten hatte, ließ es los. Dann wurde es stiller. Sie fahndeten dort drüben jetzt offenbar nach dem anderen Boote.

Tikosch hatte das zwecklose Feuer gar nicht erwidert, um den Gegnern nicht die Richtung, in der sie hielten, noch deutlicher anzugeben. Jetzt packte er selber ein Ruder und stemmte sich dagegen, daß es beinahe brach. Mit leisen Rufen eiferte er seine Gefährten an: »Hallo, wacker! Die Donau ist hier mindestens ein Kilometer breit, und wir können sie nur schräge durchrinnen! Das braucht eine halbe Stunde, aber es muß eine Viertelstunde draus werden! Nasser Heinrich, du Lump hast das Boot losgelassen? Zieh an, zieh an! Was hast du denn?«

»Ich weiß nicht,« sagte der Vagabund ängstlich; »mich hat's da vorn an die Brust geschlagen, und jetzt wird mir so warm an der Stelle.«

»Kreuz Teufel!« rief Tikosch leise und sprang zu ihm hin. Er riß ihm Rock und Hemde auf und sah, daß der verlaufene Schulmeister mitten durch die Brust geschossen war. »Rudern, rudern, wie die Teufel,« drängte er, und nachdem er den Ärmsten, der sich gar keiner Gefahr bewußt schien, notdürftig verbunden hatte, griff er selber zum Ruder.

Aber es schien, als führen sie ins Endlose, ins Nebelreich ohne Trost und Hoffnung hinein! Dieser Weltenfluß war wie ein großer See, und kaum eine leise Strömung zeigte die Richtung, wohin er wollte.

Der Verwundete wurde blaß; aber als Tikosch ihn fragte, ob er Schmerzen hätte, lächelte er ungemein gütig und trostreich und schüttelte den Kopf. Nur daß er mit dem Atem Beschwerden hatte, war deutlich. Und die dreie bissen die Zähne aufeinander und ruderten und ruderten.

Der Morgen wurde klarer, die Nebel trieben hier- und dorthin, und wenn sie einen Augenblick die Ferne preisgaben, sahen die Flüchtlinge große Segelschiffe wie Geisterbriggs auf den Wassern schweben, geräuschlos, verschlafen und unbelebt. Endlich hörte selbst die leise, unmerkliche Strömung auf, die sie bis hier abgetrieben hatte, und Tikosch sah graulich die Bäume des andern Ufers. »Rumänien!« rief er.

Der nasse Heinrich lächelte noch immer. »Hier werde ich von euch Abschied nehmen,« sagte er leise. »Ich muß diese dumme Wunde ausheilen, dann aber gehe ich nach Süden. Ich mag nichts zu tun haben mit den Händeln der Menschen. Ich bin vielleicht ein Egoist; aber wer wie ich den alten Göttern so nahe in die unsterblichen Augen geschaut hat, der kann nie und nimmer zu den Märkten, zum Gewinn und -- -- -- und solchen Dingen zurück. In Griechenland wird mich die Sonne heilen. In Griechenland wird mir mein Onkel Boreas seine schönste Musik machen, die ich so gern habe, und ich werde dabei schlafen wie ein Kind, ohne daß ein Leutnant mich anschnauzt. Na, nichts für ungut. Ich habe mich ja doch für einen armen Schulmeister brav genug gehalten.«

Tikosch drückte ihm die Hände; dann stießen sie, unverfolgt und in großer Stille, an das Ufer, und der Leutnant trug den Wunden mit behutsamen Händen auf den Grasboden der Au. Hinter den Bäumen glänzte es feurig empor, die Sonne, die neue Sonne ging auf, unter der sie frei waren und wieder am Tage leben durften, sie alle, bis auf den einen.

Der sprach noch einige undeutliche Worte, man möge ihn zudecken, es würde frostig; dann murmelte er etwas vom feurigen Phöbus, riß seine Augen groß auf, drehte sich neugierig nach dem Morgenrot und starrte so lange hinein, bis seine Pupillen ganz groß wurden, trotz der blendenden Glut. Die Augen nahmen den Ausdruck ungeheurer Neugier und Spannung an und blieben selbst, als der Körper mit einem kleinen Rückchen in sich zusammensank, eine ganze Weile so, bis Tikosch merkte, daß sie wesenlos geworden waren.

»Nach Griechenland,« sagte Tikosch wehmütig. »Jetzt ist er nahe beisammen mit seiner Natur und seinen alten Göttern. Sonne, Wind und Wald!« Und er griff seufzend nach seinem kleinen Infanteriespaten und begann das Grab zu schaufeln.

Auf der Gerebenczer Pußta stand das neue Flugzeug des Oberleutnants Tikosch klar zum Aufstieg. Ein Generalstabsoffizier saß schon im zweiten Sitz und breitete seine Karten vor sich aus. Tikosch sah seinen Ettrich-Flieger noch einmal in allen Teilen sorgsam durch, dann ließ er es sich nicht nehmen, selber den Motor anzuwerfen. In diesem Augenblick trat ein Mann in der Uniform des deutschen Skutaridetachements, jedoch mit der großen silbernen Tapferkeitsmedaille geschmückt, auf ihn zu, machte stramm Stellung und sagte: »Ich wollte dem Herrn Oberleutnant nur Glück zu seinem Fluge wünschen und mich vor Abschied gehorsamst für die schöne Eingabe über mich bedanken, der ich die Medaille verdanke.«

Einen Augenblick starrte Tikosch, der schon ganz bei seinem Fluge gewesen war, den Khakibraunen verständnislos an, dann aber schrie er lachend heraus: »Ja, Simon, scheckerter Simon, was machst denn du in der Maskerad?«

»Ich melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, die ist von einem Gefallenen des deutschen Detachements, und ich liefere sie gleich auf meinem Leibe nach der Heimat zurück ab. Ich bin telegraphisch angenommen worden, und Herr Oberleutnant werden verstehen, daß ich doch lieber an der Seite der eigenen Leute gegen unsre vollen Franzosen gehe, als hier gegen diese Mistkerls.«

»Du, Mistkerls sind die Serben gerade nicht,« sagte Tikosch. »Sie schlagen sich wie die Teufel. Aber du willst natürlich besser verpflegt sein, du alter Lump! Glückliche, ihr da droben in den Weingärten der Champagne! Unsere armen Kerle da fressen seit Wochen rohen Kukuruz und sonst nichts. Wenn du zu deinen Kameraden hinauf kommst, erzähl' ihnen von unsern stillen Tagen im Dickicht! Weißt du, warum es damals gar so einsam in der Negotiner Gegend war? Die Timokdivision hat gerade damals den Vorstoß nach Österreich gemacht, und während wir die Brücke bei Zajetschar gesprengt haben, ist sie mit Putz und Stengel von den Unserigen aufgerieben worden. Und jetzt geht's nach Serbien hinein, aber schon ordentlich! Leb' wohl, Simon, grüß' mir die deutschen Brüder und sag' ihnen, daß wir da herunten noch nie gewichen sind!«

Er stieg in das Flugzeug. Seine letzten Worte mußte er schreien, denn der donnernde Motor verschlang jeden anderen Ton. Das Flugzeug zitterte unter seinen Vibrationen, Simon sprang zur Seite, denn der Vogel begann zu laufen, erhob sich leicht wippend in die Lüfte und kreiste empor. Tikosch war wieder in seinem Element. Trunken vor Glück zog er die scharf entgegenpfeifende Luft ein; das viele Licht des herrlichen Oktobertages machte ihn wie toll. Und als er, hoch in den Lüften, ganz klein geworden war für die vielen, die ihm von der Erde her hoffnungsreich nachsahen, lenkte er den Kurs über die Donau ins Serbische hinein, für den Plan des großen Angriffes, den die Österreicher auf die wankenden Mordbrüder zu machen gedachten, klaren Tisch zu schaffen.

Als sie von Pozarewatsch gegen Palanka flogen, immer von Kugeln umschwirrt wie von lästigen Fliegen, lachend in ihrer sicheren Höhe, da zeigte Tikosch dem Generalstabshauptmann links vor sich die kahlen Höhen des Lissatz.

»Schau, dort hinüber; hinter diesen höchsten Waldbergen, das ganz Blaue, das ist die Golobinje Planina und der Stol. Dort bin ich aus der Luft gefallen und hab' dem wilden Wald so recht alle Geheimnisse abgucken müssen, damit ich nur hab' leben können. Wie Robinson hab' ich mir alles selber machen und einlernen müssen. Du! Denn wenn sie mich erwischt hätten, ich wär' massakriert worden. Du, hast du auch schon philosophische Anwandlungen g'habt?«

»Ja,« schrie der Generalstäbler, was er konnte; denn der Motor donnerte gar zu prächtig.

»Ich noch nie,« sagte Tikosch, »aber dort oben bin ich ins Grübeln 'kommen. Weißt du, eine Zeit hab' ich die Leut' beneidet, die so mit einem recht gescheiten Schädel auf die Welt 'kommen sind und jetzt ihr Leben dazu benützen, um nachzudenken, was mit allen diesen Verrücktheiten, die wir erleben müssen, gemeint sein könnt'! Alsdann: da oben im Wald sind auch mir solche Gedanken gewachsen. Du, und ein Mädel hab' ich dort kennen gelernt, schön und g'scheit wie eine Göttin! Aber im Grund genommen war sie doch eine Gans. Denn wozu ist das Weib auf der Welt, als seine Armerln unsereinem um den Hals zu legen? Also, das hat sie nicht wollen, auch bei keinem andern. Ich hab' damals schon geglaubt, ich bin keinen luckerten Kreuzer wert. Fazit: das Denken entnervt und nimmt einem sein Selbstvertrauen; der Mensch soll nicht denken!«

»Hast recht! Zu große Gescheitheit ist immer das End',« schrie der Generalstäbler fröhlich zurück. »Das Volk, das am festesten an irgendeiner Nationaldummheit hängt, lebt am längsten. Erfinden wir für Deutschland und Österreich einen Spezialjehova. He, he, wo fliegst denn hin?«

»Herr Hauptmann, ich nehm' Richtung auf das Hügelland im Westen. Ist das da unten Palanka?«

»Noch weiter nach Süden,« rief der Hauptmann. »Wir müssen uns in Kragujewatsch umschauen!«

Eine Schrapnellsalve platzte; rings um sie pufften die gelben Wölkchen. Tikosch lachte.

»Herrgott,« rief er, »müssen sich die Kerl' unten ärgern, daß sie uns nicht herunterkriegen! Jede Kugel, die sie uns schicken, ersparen wir einem von unsern Bakas! Schießt's, was ihr habt's, herauf und geht's betteln!«

Die Tragflächen wurden da und dort durchlöchert, aber selten. Und wie berauscht, daß sie im feindlichen Feuer, siegreich wie Adler und lachend über den Grimm der Tiefe, ihren stolzen Zug über das Himmelsblau schrieben, saßen die beiden kühnen Männer; der eine über seiner Karte notierend und kurze Weisungen nach vorne rufend, die der andere jedesmal mit einer neuen graziösen Kurve ausführte, die Hand am Steuer, den Blick fest und fröhlich, alle Sinne gespannt, alles auf einen Punkt gerichtet.

Auf einen Punkt!

Ganz, ganz anders als dort oben, in den gotteseinsamen Wäldern des Stol, wo der Geist sich ins Grenzenlose breiten wollte und zu verzagen begann! Kein Philosoph: Nein! Aber ein Mann der Tat! -- -- --

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Rudolf Hans Bartsch

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Ullstein & Co. Berlin SW 68