Part 4
»Ein armer Verfolgter, meine Dame, der sehnlich bitten muß, daß Sie ihn weder sehen, noch sich seiner Anwesenheit in diesen Wäldern erinnern, wenn Sie diesen Platz verlassen haben werden. Darum bitte ich Sie flehentlich. Als Kavalier verriet ich mich Ihnen. Aus Ritterlichkeit, um die unbelauschte Stunde einer schönen Frau nicht auszunutzen. Haben Sie auch so viel Zartgefühl, ein Leben, das Tag und Nacht bedroht ist, zu schonen und zu vergessen, wer Ihnen hier begegnet ist! Mehr verlange ich nicht.«
»Ein Verfolgter!«
Das junge Weib bekam Mut und Fassung wieder.
»Wenn Sie bedroht sind, haben Sie von mir nichts zu fürchten,« sagte sie ruhig. »Kommen Sie hervor und erzählen Sie! Ich gebe Ihnen mein Versprechen, Sie nie zu verraten, wenn Sie auch gemeingefährlich sein sollten, und Sie zu unterstützen, wenn mir das gut und recht erscheint.«
Tikosch zögerte noch.
»Nun gut, wer sind Sie?« rief die schöne Rumänin ins Gebüsch hinauf.
»Ein österreichischer Offizier.«
»Ah, da können Sie also Deutsch?«
»Ja!« rief Tikosch freudig, als er die Sprache hörte, die seine gute Mutter sehr geliebt hatte.
»Kommen Sie ruhig zu mir,« sagte sie lächelnd. Und in dieser Stimme und in diesen Worten lag eine solche heilandsichere Verheißung von Güte und Glück, daß ihm das Herz entbrannte. Er brach die Zweige, die ihn schützten, auseinander und kam auf sie zu; sehr verlegen, weil er knapp am Bachufer balancieren mußte, um nicht in lächerlichster Weise ins Wasser zu plumpsen. So hatte sie reichlich Zeit, ihren Rock wiederzunehmen und dabei sein schwedisches Lederwams, seine Fliegerkappe, die ihn wie einen Kreuzfahrer in der Kettenhaube erscheinen ließ, und seine Armbrust anzustaunen.
»Herrgott, sind Sie mal eine Erscheinung!« sagte sie in freundlichem Ernst, aber mit ehrlichem Staunen. »Das sieht man nicht alle Tage!«
Endlich stand Tikosch vor der ernsten, dunkelfarbigen jungen Dame und stellte sich mit allen Formen eines Weltmannes vor. Er erzählte, wie er hier mitten in Feindesland so recht buchstäblich vom Himmel gefallen wäre, und wie sein Vorhaben, die Brücke von Zajetschar zu sprengen, mißglückt sei.
»Ah,« sagte sie lächelnd, »da sind Sie also der heruntergeschossene Flieger, über den die hiesige Presse so sehr triumphierte, und den sie von Wölfen auf dem Lissatz zerreißen hatte lassen?«
»Man sucht mich also nicht mehr?« fragte Tikosch aufatmend. »Sagen Sie mir um Gottes willen, gnädige Frau --«
»Fräulein«, unterbrach sie ihn: »Livia Ternaveanu. Ich bin den Österreichern gut.«
»Oh,« rief er, »so sagen Sie mir schnell, wie geht es meinen Leuten? Ich bin seit vier Wochen hier oben im Urwalde, ich bin beinahe verhungert und habe von den Menschen nichts gesehen und gehört als ihre Hunde und ihr fernes Johlen und Singen auf den Höhen! Ich weiß gar nichts, und es zerreißt mir das Herz!«
»Ihren Landsleuten geht es gar nicht gut. Die Serben haben sie bei Schabatz über die Save und bei Valjevo über die Drina zurückgeworfen, und die Russen haben sie in großen Schlachten in Galizien immerwährend geschlagen.«
»Aber das ist ja unmöglich!« schrie Tikosch erbleichend. Ihm war zumute wie einem Manne, der sein Weib blind vertrauend geliebt hatte und sie in den Armen eines anderen ertappen mußte.
»Wo stehen die Serben jetzt? Und wo die Russen?«
»Die Russen in Galizien.«
»Bis wo?«
»Bis Lemberg.«
»Wo waren die Schlachten?«
»Alle bei Lemberg.«
»Und die Russen kommen nicht weiter? Gott sei Dank! Von wem haben Sie Ihre Nachrichten?«
»Seit den letzten vierzehn Tagen nur aus serbischen Zeitungen.«
»Und sind die Serben in Österreich?«
»Nein, nur eben wollten sie über die Save, aber da haben sie große Verluste erlitten und mußten zurück.«
»Ja, aber Mädel, da ist doch gar nichts verloren!« jubelte der Offizier und vergaß vor Freude allen Respekt. »Kind, da ist viel, viel gelogen worden! Ich kenn' doch die Saubagasch! Und der Österreicher ist bloß in der Defensive! Da kann er unbezwinglich sein; war es immer in solcher Lage! Herrgott, so eine schöne Zeitung wie ich hat noch kein Mensch der Welt gehabt!«
Und überglücklich faßte er sie an den Armen, als wollte er sie im Kreise schwenken. Aber da knurrte ganz nahe der große Hund, der sich beim Gespräche der beiden manierlich herangeschlichen hatte.
»Bist du still,« rief Livia ernst. Und man hätte sehen können, daß sie sich von dem kostbaren Fliegerleutnant ganz gern ein bißchen hätte wirbeln lassen. Aber dem war die Lust vergangen.
»Diese Hunde,« sagte er grimmig. »Seit Wochen hasse und fürchte ich nichts als sie. Wissen Sie, daß man mich mit Bluthunden verfolgt und gesucht hat? Ganz nahe waren sie mir schon!«
»Armer Mensch,« sagte Livia ruhig. »Nun wollen wir überlegen, was für Sie zu tun möglich ist. Haben Sie Wünsche? Ich würde mich getrauen, Sie über die Donau nach Rumänien zu schaffen; von dort können Sie nach Österreich. Wir sind neutral.«
»Wer alles ist denn nicht neutral?« fragte Tikosch.
»Später, später,« lächelte sie. »Jetzt nur das eine. Was haben Sie für Wünsche?«
»Speck, vor allem Schweinespeck oder sonst ein gutes Fett,« sagte Tikosch ehrlich.
Da lachte das ernste Mädchen zum ersten Male ein wenig, machte aber gleich wieder ein besorgtes Gesicht. »Leiden Sie denn Hunger?« fragte sie.
Da erzählte er ihr all seine Abenteuer und seine Not; wie schwer es ihm geworden war, auch nur einen einzigen Vogel zu erbeuten, als er dem Hungertode nahe gewesen war, wie er aufs Feld stehlen gegangen war und den Hund erschießen mußte, wie er dann weiter gelebt hatte, und wie der Besitz eines einzigen Stückes Salz ihm wichtiger geworden war als alles, was ihm sonst hoch und teuer schien, samt dem Vaterlande!
Und in drollig unbehilflicher Form erzählte er dann, als sie ihm Platz neben sich auf dem Waldgrunde anbot und er mit mehr Behagen berichten konnte, was ihn seit Tagen am meisten erstaunte und beschäftigte, was er nie gedacht und von sich erwartet hätte: daß er in dieser Waldesstille zum Grübler geworden sei, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, zu erfahren, warum er auf die Erde gestellt worden sei! Das Fräulein sei offenbar sehr gebildet und wisse viel mehr als er selber. Wenn er öfter mit ihr darüber reden könnte?
»Also Speck und Metaphysik sind die beiden Bedürfnisse der Wüste,« sagte sie mit einem kaum merkbaren Lächeln und fuhr fort. »Ich bin in einem Schweizer Pensionat erzogen worden und habe dort wenig von diesen Dingen gelernt. Aber grübeln habe auch ich viel müssen. Meine Brüder sind ganze Franzosen geworden und leben so unsinnig in den Tag hinein, daß wir schon beinahe als verarmt gelten könnten. Da sucht man sich von den Lehren der Weltleute und Kavaliere gerne abzukehren. Lieber Herr Leutnant, jenes Leben macht nur leer und arm, oder unglücklich! Ich habe versucht, anderswo einen billigeren Trost zu suchen, wie er auch nur für arme Leute zu wachsen scheint. Mutter und ich, wir haben uns bei Rgotina auf unser Waldgut zurückgezogen und besitzen auch hier in der Nähe einen Meierhof, der wegen seiner abgeschiedenen Lage unnutzbar und deshalb auch glücklicherweise unverkäuflich ist. Hier in der Einsamkeit wurde mir allerlei offenbar, wovon die Verschwender und Modemenschen nichts wissen können. Nichts wissen dürfen; denn sie müßten dann verzweifeln!«
»Und das ist?« fragte Tikosch andächtig.
»Das ist, daß man zu sich selber und damit zu Gott kommt, und das geht nur in der Einsamkeit und in der aufrichtig gebliebenen Familie Gottes; so nenne ich nämlich die Steine, Bäume und Tiere. Hätte ich das Leben der Reichen führen dürfen wie meine Brüder, und in Nizza meinen Champagner trinken, ich wäre verlorengegangen wie sie. Hätte ich dort dem Gassenvolke glänzende Kleider vorführen können, ich wäre verdammt von Gott, wie alle Reichen. So aber ist mir jeder Tag ein neues Wunder, und ich sehe Gott überall: in den Tieren und den Bäumen und in mir selber. Vielleicht ist es auch Ihnen bestimmt, durch diese Einsamkeit nach innen reich zu werden. Bisher haben Sie hier freilich zu wenig von den einfachsten Gütern des Daseins genossen. Denn es ist leider so, daß man seine Seele nur erheben und reinigen kann, wenn die Not nicht zu drückend ist und die einfachsten Bedürfnisse befriedigt sind. Man muß freie Zeit haben. Aber da ich nun für Butter aufs Brot sorgen werde,« (sie lächelte wieder ein wenig) »so werden Sie finden, daß Ihr Leben hier ein sehr gesegnetes sein wird im Vergleich zu dem Dasein Ihrer Brüder unter dem unerbittlichen Gott der Russen.«
»Haben die einen anderen Gott?« rief er, weil sie das wieder so ernst sagte.
»Ich glaube es sicherlich. Vielleicht liegt dieses Heidentum, diese Vielgötterei in meinem römischen Blute. Aber kein Priester wird mir weismachen können, daß der Gott der üppigen Wälder und Wässer, der Weingärten und Edelkastanien dieses kleinen, familienhaften Landes mit seinen milden Wintern kein anderer ist als der Gott der endlos traurigen Steppen, des Lehms, der Nebel, der gedrückten Schwermut in allen Hirnen und der Massen, die nur Zahl sind und keine Bedeutung der einzelnen kennen. Jedes Land hat seine eigene Gottheit, und wenn ein solches Land in einen fremden Staat hineingezwungen wird, so muß zwischen den beiden Völkern ein Krieg sein, der nie sterben kann, bis sie nicht wieder getrennt sind und jedes seinem eigenen Gotte gehört. Ist denn nicht den Italienern und auch einem Volke wie euch Deutschen nicht eher wohl geworden, als bis ihr vereinigt waret? Es ist Sünde wider den heiligen Geist, Völker mit verschiedenen Göttern aneinander fesseln zu wollen.«
»Das ist wahr,« sagte Tikosch; »in der Schule habe ich gelernt, daß die Alten zuerst bei jedem Volke ihren eigenen Gott hatten. Erst die großen Zwingmeister und Eroberer, zuerst Cyrus, dann Alexander und endlich die Römer, begannen, das zu leugnen und die Götter zu mischen. Und als man den einzigen Allgott gefunden hatte, da suchte sich doch jeder Ort seinen eigenen Heiligen für den Himmel. Nun, meiner Treu, ich bin neugierig, ob ich mich mit der Gottheit dieser Höhen und Wälder verstehen und vertragen werde, wenn sie anfängt, mich anständiger zu behandeln als bisher. Aber ich habe ja nun Ihre Protektion als Priesterin?«
Livia, die wenig Vergnügen an dem scherzhaften Tone fand, mit dem der Leutnant ihren ernsten Glauben behandelte, lenkte ab und bat ihn, ihr sein Versteck zu zeigen. Da führte er sie treuherzig in sein Kamp, dessen Zigeunerhaftigkeit ihr großes Vergnügen bereitete.
»Hier werde ich Ihnen die Hauswirtschaft führen helfen,« sagte sie, als sie wieder aus seinem Erdloch unter der Zeltplache herausgekrochen war. »In jedes eigene Haus gehört eine Frau.«
Und am Abend kam sie sehr vorsichtig und schwer beladen und bewaffnet herauf und brachte ihm in einem Korbe Leckerbissen, bei deren Anblick ihn schwindelte.
»Lassen Sie sehen,« bat er und hob den Decke! ab. »Wahrlich, echter, edler, perlblasser Schweinespeck! Ich kann es kaum glauben, daß es Menschen gibt, die bei solch einem Anblick nicht in die Knie brechen und sich feierlich an die Brust schlagen! Oh, und duftendes Brot! Und Wein! Heiland, jetzt weiß ich, daß Du Deine Symbole nicht für satte Menschen gewählt hast, und daß dem Reichen Dein Himmel ewig verschlossen sein muß! Weinen könnte ich! Und das ist ein Schinken! Wie lange mag es her sein, daß ich so einen nur in fiebernden, verliebten Träumen sah? Und nun ist solch ein Überfluß zu mir gekommen. O Fräulein, liebes Gotteskind, ich bin ganz verzagt, ob Sie mir nicht am Ende nur so wunderschön vorkommen, weil Sie in Begleitung dieser göttlichen Tugenden sind!«
Nun lachte sie gern.
Sie ließ ihn sein Lagerfeuer machen, packte einen Topf aus, in dem sie ihm alle Gewürze der Küche mitgebracht hatte, und stellte Wasser an die Flamme, denn sie wollte ihm gegen den empfindlich scharfen Herbstabend einen wirklichen Tee kochen, mit Rum drinnen.
Er aber zerteilte seine heutige Jagdbeute, einen Hasen, und steckte die Stücke an einen Spieß aus Wildkirschholz.
Zärtlich verteilte er den Speck, den sie ihm gebracht hatte, unter das Fleisch und ließ es in gehobener Stimmung braten und bräunen.
Er hätte am liebsten vor Entzücken laut geschrien, als der gottesdienstliche Opferduft emporzusteigen begann.
»Noch etwas habe ich Ihnen gebracht,« sagte sie und zeigte ihm die Flinte, die sie mitgetragen hatte. »Es ist nur ein Vorderlader,« sagte sie, »denn es wäre aufgefallen, wenn ich meinem Bruder eines der teuren modernen Gewehre entwendet hätte, die unten im Zimmer hängen. Aber das nahm ich aus der Rumpelkammer; es war einmal ein luxuriöses englisches Gewehr, und für die paar Schüsse, mit denen Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdienen, reicht auch die langsame Ladeweise. Schießen können Sie jetzt ruhig, man ist das in diesen Wäldern gewöhnt, und an Sie denkt niemand mehr. Hier ist das Pulverhorn, hier der Schrotbeutel und die Zündhütchen.«
Tikosch war vor Glück sprachlos, bekam Tränen in die Augen, und als er ihr die Hände küßte und sie seine Ergriffenheit fühlte, überkam sie selber die Rührung, dieses einsame Menschenkind mit geringer Gabe so reich und glücklich gemacht zu haben. Lange Zeit sprachen sie nichts und schufen schweigend an dem köstlichsten Abendessen, das sie beide je genossen hatten. Denn auch ihr war das Abenteuerliche ihres Zusammenseins mit dem Verfemten aufregend und bedeutend wie noch nichts in ihrem Leben.
Bald saßen sie denn in der wunderbar ernsten Waldnacht am Feuer, und sie legte ihm zu essen vor, als wäre sie seine Frau, und hatten sich doch erst vor ein paar Stunden im wilden Walde getroffen. Die hohen Bäume rauschten, als spräche ihnen Gott selber das Tischgebet dazu, das fremde Mädchen saß im Feuerschein wie eine antike Göttin, die einem Heimatlosen helfen gekommen war, und ihre Schönheit und die prangende Fernheit der Bergnacht waren so geheimnisreich, daß er immer wieder glaubte, alles sei unwirklich und ein wunderbarer Traum. Sie aber erzählte von dem Leben in diesen Wäldern, die schon am Morgen zu ihr ins Bett hereinrauschten und sie Tochter nannten, von ihrer guten alten Mutter und den Männern, die öfter zu ihnen nach Rgotina kamen und sich um sie bewarben. Aber keiner habe das Gottnahe, das sie bei einem beseelten Menschen brauche und suche. Sie sprachen alle vom Tage, von Genüssen, die keine seien, von eitlen Dingen und Wünschen, und wüßten gar nicht, wie oft Livia zu den selbstgefälligen Herren im stillen sagte: »Ihr Tiere, ihr armen, eitlen Tiere!«
Tikosch aber, wie sie von Männern sprach, die sie begehrten, fühlte ein dumpfes, banges Brennen in seinem Innern, und er begann sie, die er kaum kannte, auch schon mit allen Schmerzen der Eifersucht und Liebesangst zu verlieren. Ob sie nicht auch über ihn, der bisher gedankenlos in den Tag hineingelebt hatte, im geheimen sagen müßte: »Du Tier«? Er fragte sie mit ehrlicher Besorgnis darüber aus und tat das in so unbeholfenen Worten, daß sie ihn gut und warm ansah und antwortete:
»Nein, denn Sie sind zwar noch nicht das, was ich von einem Mann erwarte, aber auch nicht, was jene leider rettungslos schon geworden sind. Sie sind ein Kind und stehen noch am Scheidewege.«
»Dann lehren Sie mich,« sagte der junge Mensch, »denn Sie sind viel gescheiter als ich. Wenn Sie mich nur nicht verachten, dann ist schon vieles gut.«
Er griff nach ihrer Hand, sie ließ sie ihm, und als er sie bat, weiter von sich zu erzählen, tat sie es in ihrer ruhigen, ernsten Art, ohne zu wissen, wie er immer nur sie ansah und ihre große Schönheit ermaß. Auf diese Weise wußte er oft gar nicht, was sie sagte, sondern war bloß bemüht, möglichst viel von dem dunklen und tonreichen Klange ihrer Altstimme in sich zu saugen.
Als sie endlich merkte, wie dürstend er sie ansah, brach sie sogleich auf, ließ sich aber von ihm ein Stück begleiten und versprach ihm, bald wiederzukommen.
Es kamen nun Tage, die er nie und nimmer zu Ende gehen lassen mochte. Livia saß beinahe alle Abend an seinem Feuer, und einmal, als Sturm im Walde war, kam sie sogar zu ihm in das Zelt, wo sie sehr nahe bei ihm sitzen mußte. Als sie aber inne ward, wie er zu zittern und heiser zu werden begann, stand sie entschlossen auf und ging, während er in seinem verlassenen Wüstenheim auf die Stelle hinstürzte, wo sie gelehnt hatte, und sein Antlitz unter leidenschaftlichen Rufen und Bitten und Fragen dort eingrub, wo noch Wärme von ihr war. Der Einsame liebte sie seit dem ersten Abende aus allen Kräften und ahnte, daß er sie für immer verscheuchen würde, wenn er ihr das sagte. Denn da sie ihm geistig überlegen war, glaubte er nie und nimmer, daß sie zu ihm herabsteigen könnte. Jede Anspielung, wie schön sie sei, schnitt sie kurz entzwei und sagte ihm: »Dazu bin ich nicht bei Ihnen. Ich bin Ihre Schwester, solange Sie verlassen sind. Es ist mir lieb, daß ich Ihnen gefalle, aber wir werden in kurzer Zeit weit auseinander sein und uns im Leben nicht mehr sehen. Trüben wir nicht diese lieben, traurigen Herbsttage, wo jede Minute ein Abschiednehmen ist.«
Bei solchen Antworten wurde ihm bange und klamm in der Seele, und hoffnungslos schaute er sich die göttlich-regelmäßigen Züge dieses ernsten, großgeschnittenen Mädchenantlitzes an, das so gar keine Schwäche und Fassungslosigkeit bergen wollte. Unerringbar sicher saß sie neben ihm in der einsamsten der Waldnächte und fürchtete nichts, am wenigsten sich selber!
Wenn er nun an den grellen Herbsttagen allein über den Wäldern war und das weite, feindliche und doch so schöne Land in silberner Unendlichkeit rings unter ihm lag, da ahnte er die wehe Schönheit seines Daseins, von dem er immer noch nicht wußte, wie es enden! Denn er wollte nicht aus dem Lande fliehen, ohne seine Aufgabe getan zu haben. Manchmal dachte er daran, daß Livia, deren Landsitz nahe bei der bewußten Timokbrücke lag, ihm helfen könnte. Aber dann sah er wieder ein, daß er das Mädchen weder in ein solches Geheimnis ziehen, noch es mit ins Verderben reißen durfte. So saß er und sann in den immer bunter werdenden Herbst hinein.
Das Gebirge dort ist voll wunderbarer Gegensätze. Die Höhen des Stol und der benachbarten Golobinje Planina sind karstig, die Abhänge mit wirren, wilden Wäldern in der Bergabfolge von Fichte, Buche, Eiche, dann Edelkastanien und Nußbäumen. Unsagbar einsam und fast gar nicht besiedelt sind diese Berge, von denen das Volk fabelt, sie seien voll Alben und Vilen -- bösen Feen, die keinen Menschen in ihr unberührtes Reich eindringen lassen. Der Wanderer, der gezwungen über die Höhen muß, wagt kaum laut zu atmen. Denn wenn er seine Stimme erhöbe oder gar sänge, dann schlagen ihn die Feen der Wälder mit Blindheit, und er kommt nie aus den Irrnissen dieser gefeiten Höhen heraus. Findet er aber, ein armer, tastender Blinder, dennoch wieder den Weg aus dem Elfenbann ins Tal, so bringt er von dort oben die Gabe der Dichtkunst mit und kann als Guslar, als wandernder Rhapsode, von dem singen, was seine Augen dort oben zum letzten Male Wunderbares gesehen.
Davon hatte Livia dem jungen Manne erzählt, und dieser sah jetzt mit immer größer werdender Ergriffenheit über dieses stille Reich der Farben, der Fernen und der Geheimnisse. Er selber kam sich wie verzaubert vor, und sein Herz brannte in Schönheit und in Abschiedsschmerzen wie diese Wälder. Es war wunderschön, hier nahe am Tode, nahe an Gott zu lieben und zu wissen: all dieses ist vergeblich. Er mußte mit dem sanften Mitleide des Mädchens vorliebnehmen, das er vielleicht bald zum letzten Male gesehen haben würde, aber alles das war so rein, so ferne, so verklärt, daß in ihm und um ihn Schönheit war.
Diese seltsame Liebe war ihm gerade so recht, wie sie war: mit ihrem reißenden Weh, mit ihrer wissenden Vergeblichkeit, mit der Ahnung ihres Endes und mit der stillen Gebethaftigkeit ihrer Träume. Er hatte immer auf die Weiber herabgesehen; diese kam ihm wie eine Göttin vor, die man nicht freien kann, und von der er gern Rat und Lehre nahm. Ihre antik schönen Glieder gehörten in einen Tempel, und die häßliche, immer gleiche Niederlage des Mädchenstolzes anderer griff nicht an ihre hohe, reine Ruhe.
Einmal lobte sie mit leisen Worten seine Zurückhaltung. Da sagte er: »Meine Livia, ich weiß, daß ich nicht an Sie heranreiche, und daß ich Ihrer nicht wert bin. Lassen Sie lieber mich selber das sagen, ehe Sie es mir andeuten.«
Das Mädchen lächelte. »Sie werden Frauen genug besessen haben, um sich durch die Ruhe meines Herzens nicht gedemütigt zu fühlen.«
»Die Weiber, die ich errungen hab', die haben mich nie stolz machen können. Und alle, deren Liebe mich hätte erheben können, grad' die haben mich nie mögen,« sagte er traurig. »Ich weiß nicht, woran das liegt; vielleicht weil ich immer alles dran gesetzt hab', nichts anderes zu sein als ein famoser Viehskerl. Die tollsten Streich', die ärgsten Raufereien, die halsbrechendsten Ritt' und die gewagtesten Flüg' hab' immer ich machen wollen. So ist mir weder Zeit noch Lust für die Versenkung geblieben in diese Dinge des Innern. Die Weiber, die mir in großer Zahl und stürmisch Beifall geklatscht haben, denen war ich zwar der vollkommenste von allen Männern, aber sie selber waren die unvollkommensten von allen Weibern. Schön, o ja, das waren sie schon, und rassig! Aber da und da« (er schlug sich auf Kopf und Herz) »nix!«
Und er erzählte ihr von dem blonden, kindlich aussehenden Mädchen, das Margit hieß und ein heiteres kleines Ding schien, das man nur so mit einem Finger mitzunehmen brauchte. An einem Tanzabend hatte er getrunken, wie es bei ihnen allen eben Brauch war, und da wollte sie nicht mit ihm zum Tschardasch antreten. Er nahm sie gewaltsam an der Hand und sagte: »Nicht nur für diesen Tanz, sondern fürs ganze Leben laß ich dich nicht mehr los.« Da hatte ihm das kleine Ding geantwortet: »Ihnen und allen andern kommt dieser Antrag vielleicht als Ehre vor, die Sie mir erweisen, und deshalb danke ich Ihnen aus ganzem Herzen für Ihre gute Absicht. Aber mit Reiten und Trinken allein ist mir nicht gedient. Sie haben mich beleidigt, indem Sie mich so rüde an der Hand halten und reißen, und ich kann mich Ihnen jetzt nicht ohne peinliches Aufsehen entziehen. Ich werde also mit Ihnen tanzen, Herr Leutnant, um der Uniform, die Sie tragen, und Ihrem mutigen und geraden Wesen die Ehre zu erweisen, die Sie verdienen. Dann aber werde ich den Ballsaal verlassen, und Sie werden gestatten, daß mich der Mann führen darf, für den sich mein Herz und meine Achtung entschieden haben. Und Sie werden so ritterlich sein, keine Rache an ihm zu nehmen.« Und als er vor dem Blick ihrer ruhigen, blauen Augen und solchen Worten auf den Tanz gänzlich verzichtete, war sie freundlich dankend mit dem stillsten Wasser der Garnison, einem unscheinbaren, blonden, schwachen Schullehrer davongegangen. »Und wer weiß,« schloß er wehmütig, »wie der Mann aussehen wird den Sie mir vorziehen werden ...«
»Ich ziehe Ihnen niemanden vor,« sagte Livia ruhig. »Sie sind mir der liebste Mensch, den ich je gesehen habe, und wie oft mich eine tiefe Rührung überkommt, wenn ich aus dem Fenster in Ihre Bergeinsamkeit hinaufschaue und Sie dort oben ausgeliefert, aber mutig weiß, das mag ich Ihnen nicht vorzählen. Aber ich habe stets ein Gefühl, so zwischen Mutter und Schwester, wenn ich bei Ihnen bin. Wenn Sie damit zufrieden sein können, so mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich werde jetzt bald zur Mutter nach Rgotina hinunter müssen. Nur Ihnen zuliebe bin ich hier oben geblieben, und solange der Herbst schön ist, bleibe ich auch da. Aber mein Wort bindet mich, mit dem ersten bösen Wetter zur Mutter zu kommen. Im Hause selbst kann ich Sie dort nicht verstecken. Aber ich kann Sie zu Gefährten bringen, wenn Ihnen die nicht gar zu bedenklich sind,« fuhr sie fort und lächelte in sich hinein. »Sie sind nicht der einzige Schützling, den wir in diesen Tagen vor der serbischen Wildheit schützen müssen. Da sind drei arme Handwerksburschen aus Ihrem und aus dem deutschen Lande, denen wir auf eine Weise Unterschlupf gegeben haben, die uns nicht bloßstellt, wenn man die armen Kerle ja aufgreifen sollte. Sie haben ein Lager, das ganz dem Ihren ähnlich ist, nur in reicherer und gütigerer Lage; dort warten sie, bis das Land hier herum von den Österreichern besetzt ist oder eine andere Gelegenheit sich bietet, um ungefährdet zu entfliehen. Denn Geld, mit dem sie sich vielleicht durchschlagen könnten, haben weder sie noch ich selber!«