Part 3
Das Glück brauste und jubelte in ihm, und er schnaufte und weinte in einem Atem vor Gier und Lust! Er entsann sich, daß Verhungernde mit dem Essen nicht aufzuhören vermöchten, bis sie stürben, aber das kam ihm jetzt gleichgültig, klein und nichtig vor. Es war ein solcher Aufflug, solch ein ins Ungeheure gepreßtes Lebensgefühl in diesem Fraß, nach den elenden Tagen, daß er dafür gerne gestorben wäre. Endlich lachte er doch leise und sagte sich: »Vieh! Vieh!«
In unbändigem Glück und Behagen lehnte er sich zurück, hielt die Beine ans Feuer, drehte und wendete sich, um die göttliche Wärme recht und überall zu empfangen und durchzufühlen, und kam sich vor wie der König dieser hohen Wälder.
Das stürmende Glück ging immer mehr in ein menschlicheres und sanftes Hinträumen über, und zum erstenmal in diesen Tagen der Verfolgung und Not überblickte Tikosch seine Lage klarer und musterte auch seine Vergangenheit, wie einen Traum, den man staunend überblickt und bedenkt, nachdem man erwachte.
Einen Arm unter dem Kopfe, lag so der junge Offizier an seinem einsamen Lagerfeuer in der Urwildnis des Veliki Krisch.
Wie war er nur da hergekommen? Ah, ja, sein toller Flug! Und die vermaledeite Brücke bei Zajetschar steht noch immer; die hat er gar nicht gesehen. Vielleicht kommt man zu Fuße hin? Eine Sprengbüchse und ein paar Bomben sind drüben am Stol vergraben; wer weiß, was man wieder unternehmen kann, seit man wieder bei Kräften ist!
Wie kam er damals nur auf jene tolle Idee? Befohlen war ihm der Flug nicht worden. Und Tikosch Gabor lächelt wehmütig; er hat in seiner Seele wieder Platz für Menschentum und Allzumenschliches. Wenn ihn die frische, aufrechte deutsche Beamtentochter, der er so gar nicht gefallen hatte, jetzt sähe! Aus Grimm und Verzweiflung über ihre Abweisung war er unter die Flieger gegangen und hatte ihr's geschrieben, daß er ins Herz Serbiens hineinsausen würde, um dort zu wüten und zu sterben. Er, der ihr zu unbändig, zu viehisch erschienen war, der Wohlerzogenen, weil er einmal betrunken sein mochte, wie's eben der Ungar pflegt unter Freunden. Und einen schwäbischen Lehrer hatte sie ihm vorgezogen!
Häh! Der hätte da stehen sollen, in der Nacht, im Kukuruzacker, der riesigen Dogge gegenüber! Oder er hätte mal fliegen sollen wie Tikosch. pfeifende Kugeln ringsum! Oder mit Hunden gehetzt im Walde ducken, oder hungern, wund und fiebernd! Nein, die Weiber sind nicht auszurechnen. Nimmt die ein Lamm statt eines Löwen!
Stolz und grimmig lächelt der junge Offizier. Er ist doch ein Mann, dem ein Weib nicht nein sagen sollte! Sein Antlitz ist wohl ein wenig hunnisch, aber energisch und schön; die Gestalt wie aus Stahldraht gedreht, schlank und mit spielend elastischen Muskeln, und Mut hat er für drei!
Aber doch: es hat ihn ein schmierblonder Kandidat ausgestochen!
Tikosch grübelt. Er hat den Lehrer auf Tod und Leben fordern wollen, trotzdem Margit für ihn bat. Die Kameraden jedoch haben ihm gesagt, es wäre kein Kampf gleich auf gleich, und stolz lächelnd hat Gabor verzichtet, den Schulfuchs zu erschlagen. Wenn Fräulein Margit das halbe, zahme Kindergelichter, das der ihr zeugen wird, lieber ist als rassige Jungen, wie er sie ihr gäbe, soll sie's mit dem blonden Thaddädl halten. Er wird davonfliegen und lachen.
Und er ist davongeflogen.
Jetzt hat er seinen eigenen Herd. Ja, seinen selbstgegründeten; mitten im Urwald und ohne Weib und solche Faxen. Hunger, Elend und Triumph hat er nacheinander kennen gelernt, und heute hat er auch das Stehlen gelernt.
Immerhin; vielleicht kommt es noch zum Straßenraub. Ein rechtes Mannesleben sollte überhaupt voll solcher Dinge sein. Als Offizier kommt er hier nicht weit; also wird Tikosch Gabor Räuber werden. Er lacht behaglich, überlegt, wie das ginge, wünscht sich sehr ein paar Gesellen und schläft auch schon gut und ausgiebig, so daß er den werdenden Tag nicht sieht und nicht die schaurige Morgenkälte fühlt, die vor Hahnenkraht alles durchdringt. Er schläft und träumt, daß er sich zu nahe ans Feuer gelegt habe und das verbrenne ihn jetzt. Jähe fährt er weg davon und empor, und dann lacht er.
Es war die helle, heiße, brühende Herbstvormittagssonne, die sich ihm vollhin auf den Pelz gelagert hat, wohl schon seit einer Stunde. Ah: Behagen über Behagen! Und nun gibt's ein Frühstück am Lagerfeuer, wie schon lange keines mehr, und dann ein wenig Jagd, ein wenig Verfolgung und Gefahr -- es ist doch ein famoses Leben. Und seine Wunde scheint in dieser einen Nacht verheilt, seit er sich wieder sattgegessen hat.
Bloß eines fehlt ihm noch zum vollkommenen Glück: ein wenig Salz und Butter zu seinen Kartoffeln! Für ein Pfund Butter gäbe er jetzt dem Lehramtskandidaten die ganze sanfte und hochgebildete Margit. Und Tikosch kann jetzt auch wieder fluchen; es gelingt ihm leicht und lästerlich gut.
Vorläufig will er schleichen und pirschen lernen und sich trotz der gestrigen Enttäuschung einen Braten holen; Gott wird ihm schon einen Hasen in den Weg schicken. Sonst muß er's wieder mit den scheuen Waldtauben versuchen. Vielleicht geht es in der Mittagsstille; da schlafen sie ja auf ihren Bäumen, nachdem sie Wasser aus dem Bach aufgenommen. Oder bei der Tränke? Ja, da konnte er eine überraschen. Und der einsame Jäger nahm sein Schießzeug und verlor sich im Walde.
Aber manche Fehlpirsch, manchen mißglückten Schuß kostete es noch, bis Tikosch mit den Pirschregeln und mit seiner mittelalterlichen Waffe vertraut genug war, um das scheue Wild auf vierzig oder gar fünfzig Gänge zu treffen. Die Schußleistung, das Streubild war auf diese Distanz allein schon der Größe dieser Vögel entsprechend, und der kleinste Zielfehler bedeutete einen Hungertag! Der Offizier lernte, seine Willenskraft, seine Nerven auf bisher ganz ungeahnte Weise anzuspannen und alle Energie in einen einzigen Augenblick zu pressen. Nicht einmal in den kritischen Momenten, wo sein Luftfahrzeug in Windstößen zu schlingern begonnen hatte, bedurfte es solcher Zusammenfassung aller Willensmächte auf einen Punkt hin wie jetzt im Augenblick des Schusses, um zu treffen! Nun hatte Tikosch fast jeden zweiten Tag eine Zutat für seine Kartoffeln und Maiskolben, an der ihm freilich der ungewohnte Mangel von Salz und Fett empfindlich wurde. Nur der wütende Hunger vermochte ihn, die reizlose Kost hinunterzuschlingen; denn der Versuch, sich ein paar Körnlein Salz zu verschaffen, wäre mit dem Leben doch zu teuer bezahlt gewesen.
Eines aber wuchs von neuem in ihm empor, seit die äußerste Not und mit ihr die Gleichgültigkeit gegen alle andern Erscheinungen dieses Lebens gestillt waren. Er sehnte sich nach Menschen. Und mehr noch; er konnte sich wieder dem Luxus der Vaterlandsliebe hingeben. Als der Hunger nicht mehr durch Mark und Bein nagte, da begann wieder die Angst: Was ist mit meinem Österreich? Vierzehn Tage waren seit der Kriegserklärung verflossen, und das Land hier ringsum blieb still und friedlich. Er horchte oft in die ferne Bergnacht hinaus, ob sie ihm nicht das Grollen eines Kanonengewitters zutragen wollte. Umsonst. Am Abend gurrten in unsäglichem Frieden die Hohltauben und die Ringeltauben in Felsen und Wäldern, die Wipfel rauschten sanft, und mit immer gleichem Lächeln sprach der Gott der Höhenfernen stets sein sanftes:
»Warum seid ihr mir in die Irre gegangen? Ihr würgt euch, und ich bleibe der Friede. Die Not in meinem Reiche ist kurz, auch wenn täglich der Falke unter die kleinen Vögel stößt; ihr aber habt euch an einem künstlichen Frieden Ekel gefressen, so daß der Völkerwahnsinn nun um so schauerlicher ausbricht! Wäret ihr bei mir geblieben, ihr würdet täglich das Glück eurer Seele haben, das da heißt: Gott anschauen.«
Es war fast unerträglich, dieser ewig gütige Friede! Was geschah dort hinter den Bergen? War Österreich einmarschiert, warum kam keine Unruhe unten in die Dörfer, die er fernehin in immer gleichem Frieden liegen sah? Die Transporte besorgte ja die Bahn, darum sah er keine Züge von Troß und Wagen. Aber die Menschen arbeiteten wie sonst; sie sahen klein aus wie suchende Sperlinge, dort auf den Feldern der Tiefe, und nichts schien sie zu vermögen, unruhige, gestörte Ameisen zu werden! Oder hatte Rußland eingegriffen? Tikosch wußte, daß der unersättliche Barbarenstaat des Ostens nur auf die Gelegenheit lauerte, Österreich zu überfallen, und der Gedanke, daß jetzt im Norden die Hunderttausende Österreichs gegen die Millionen Rußlands einen Kampf voll Verzweiflung und übermenschlicher Anstrengung rängen, trieb ihm die heiße Feuchte aus allen Poren.
Und er war hier gefangen! Sollte er, immer die Nächte durchwandernd, seinen Weg bis zur Save nordwärts suchen und ins Ungarland zurückschwimmen? Die Wunde war nahezu geheilt, eine kleine Steifheit im Kreuz, die übergeblieben war, konnte ihn nicht arg hindern. Aber dennoch hielt ihn ein Rest von Hoffnung und Trotz hier auf seinem Berge fest. Erst mußte er auf irgendeine Weise erfahren, wie es mit dem Kriege stand; und war Österreich in Bedrängnis, dann sprengte er den Serben ihre Eisenbahnbrücke ob Zajetschar auch ohne Flugzeug: und sollten sie ihn dafür in Stücke reißen!
Was lag an ihm, Geld hatte und wollte er keines, Glück war ihm nicht beschieden, und das einzige, was er von diesem Leben ersehnt hatte, ein wenig Frauenliebe, war ihm brennend mißraten! Dies verschmähte Mannesdasein, dem die Vergötterung fehlte, konnte nur durch eigene Achtung zu Inhalt kommen; sich selber wollte Tikosch Gabor anbeten lernen und sich sagen: »Du bist ein Held!« Von dieser Art waren bisher die einzigen Sensationen seines Lebens gewesen: waghalsige Ritte, von denen das ganze Komitat sprach, und nun sein toller Flug, der ihm mißlungen war, und dessen Ziel der Dickkopf nun erst recht nicht aus den Augen ließ. Alles, was sonst das Leben vertieft und schön, aber auch allzu begehrenswert macht, war von Tikosch bisher unbeachtet gelassen worden. Um Kunst kümmert sich der Ungar an sich schon wenig. Auch seine Natur, die Natur der Puszten, kennt nur eine eintönige, eine große, aber einzige Linie und beschäftigt weder die Augen noch die Phantasie ungewöhnlich. Man liebt sie und läßt sie sein, wie sie ist, oder erobert sie zu Pferde. Für die Städte und ihre Oberflächlichkeiten hatte der junge Offizier so wenig Sinn wie für ihre Tiefen. Über die Kabaretts und über die Theater lachte er mit derselben Verachtung. Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie waren von ihm bisher mit den Worten abgetan worden: »Das Zeug ist alles nur für die langhaarigen Ehrenmänner am Kaffeehaustischel; sollen's damit glücklich sein und mich in Ruh' lassen.«
Jetzt aber, in der grandiosen Schweigsamkeit alles dessen, was um ihn lebte, ging ihm ein tiefes Unbehagen auf, wie hilflos er eigentlich wurde, wenn er in sich selber sank! Immer wieder mußte er, da alles sich von ihm abgewandt hatte, was ihn sonst unterhalten konnte, in die Tiefen seiner eigenen Brust hinuntersteigen. Er versuchte, sein ungeschultes Hirn zum Grübeln zu bringen, und fand alles leer. Oder vielmehr, er war des Denkens ungewohnt und hilflos wie ein Kind. »Wozu bin ich eigentlich gemacht: Ich, Tikosch Gabor? Und was war beabsichtigt, weil ich auf die Welt kam? Was hat mich bisher getrieben? Was habe ich Gutes getan und warum habe ich so viel Haß gehabt? Warum frag' ich mich jetzt drüber?« Solche Schürfungen nahm er nun in sich selber vor, und wenn er aus solchen Gedankennächten fruchtlos wieder an den Tag geriet, kam er sich vor wie ein verlegner Teckel, der zwecklos in einen leeren Fuchsbau eingefahren war. Einen kleinen, buckligen Kerl im Szegediner Offizierskaffeehaus hatte er immer ausgelacht, wenn der behauptete, die ganze Welt gehöre ihm. »Warum? Wie? Wo?« hatte Tikosch vergnügt geschrien, und der kleine Hascher hatte dann immer mit einem großen Stolze gesagt: »Ich bin ein Philosoph.« Ja, der arme Kerl hatte sich sogar zu der Behauptung verstiegen, nicht Kraft noch Kühnheit mache den Mann aus, denn dann sei jeder Gorilla besser als Tikosch, aber ~denken~ müsse man können; damit sei man ein Gott! »Denken; das ist der ganze Mann.«
»Weiß der Teufel,« sagte Tikosch jetzt öfter zu sich selber, »jetzt möcht' ich wirklich was von so einer Philosophie dahaben.« Und er dachte nicht ohne Neid an den kleinen Buckligen im Kaffeehaus zu Szegedin und auch an den blonden, schwäbischen Schullehrer, der die schöne Margit mit einer rührend tiefsinnigen Betrachtung über das Leben der Bienen, die er studiert hatte, als wären's Menschen, zuerst auf sich aufmerksam gemacht hatte. Da nun die Lebensumstände, in denen sich Tikosch jetzt befand, Dinge wichtig machten, an die er früher auch nicht den kleinsten Gedanken verwendet hatte, wie die Lebensweise der wilden Tauben und der Hasen, der wilden Hummeln, deren Honig er rauben lernte, und sogar der Mücken, aus deren Gehaben er das Werter hervorahnen lernte, so begann er eine Art richtiger Scheu für alles Wesen der Natur zu empfinden, und die ist ja der Anfang aller Religion. Sich als Teil empfinden, um sich als Einzelnes dafür um so inniger zu bilden, das ist die Schrift Gottes, die er uns gegeben, sie zu suchen, zu erkennen und zu befolgen.
Solche Erwägungen kamen ihm aber nur dann, wenn seine Sorgen und sein Hunger für die nächste Zeit gestillt waren, und er empfand diese Würdelosigkeit seines Wesens mit einigem Ärger. Denn all diese schönen Dinge, Heldentum, Vaterland und Philosophie, waren augenblicklich verschwunden, sobald die gemeine Notdurft in ihm rebellierte. Oft war ihm zum Beispiel die Sorge um sein Vaterland durchaus nicht sehr viel wichtiger, als wie er zu einem Happen Salz gelangen könnte. Denn die Gier nach Salz und auch die nach etwas Fett war in ihm mit tierischer Gewalt gewachsen und gewachsen, und wurde nun schon so groß, daß er beschloß, ein Teil seiner geübten Vorsicht außer acht zu lassen und sich die ersehnte Würze zu verschaffen, auch wenn es ihm an den Kragen ginge. Er schämte sich, aber der Trieb blieb stark.
Da entsann er sich eines Tages, als er vor sich selber nach einer Ausflucht suchte, daß das Verlangen nach Salz ja auch in den Tieren sehr lebendig sei, und er dachte der Rehe, denen in seiner Heimat die Jägerei eigene Salzlecken errichtete. Gibt bei uns der Jäger seinen Rehen Salz, folgerte er, so wird es hier der arme Bergbauer wenigstens seinen Ziegen nicht vorenthalten. Und er begann, Losung und Fährten der Ziegen in den Planinen zu erforschen, wenn er auch dabei wieder in Gefahr kam, mindestens mit einem Wolfshunde anbinden zu müssen.
Auf einer dieser Streifereien gelangte er in die Nähe eines jener weltlich simplen Hirtenobdächer der serbischen Planinen, von denen man glauben möchte, daß sie für nicht mehr da seien als für die Dauer jenes Unwetters. Und doch gibt es dort viele Menschen, die ihr ganzes Leben unter diesen paar zusammengetragenen Steinen verbringen! Es war ein ganz niederer Bau, eher einer Höhle ähnlich als einer Hütte, den er entdeckt hatte. Aber wichtig war es für ihn, daß alle Ziegen der Gegend täglich zweimal dorthin wallfahrteten. Es gab also Salz dort, und mit zitterndem Herzen legte sich Tikosch tausend Schritt über dem zusammengewürfelten Hirtengeklüfte auf die Lauer; er, selber ärmer als diese ärmsten Menschen, um sie bei guter Gelegenheit zu bestehlen. Und mit der Geduld eines Bussards wartete und wartete er, bis endlich einmal der Hirte, ein Greis, der nur einen Knaben bei sich hatte, die Hütte verließ, um offenbar ins Tal um Proviant und Nachrichten zu gehen; denn beide waren mit geflochtenen Tragkörben beladen, in denen sie zugleich Schafkäse, den man hier auf der Ovcina bereitete, zu Tale trugen.
Als sie eine halbe Stunde weit waren, hielt es den Verfolgten nicht länger, und er schlich sich zur Hütte. Ein Hund war nicht da, es rührte sich nichts, und trotzdem bebten dem jungen Manne die Knie; er schämte sich. Der einfache Holzriegel des kaum fünf Fuß hohen Raumes war von außen mit wenig List und Kunst zu öffnen. Was schloß er auch ab? So konnte Tikosch bald in das mehr als antik einfache Gelaß treten, nein, kriechen; denn es war für einen aufrecht stehenden Mann zu niedrig. Die Hirten hatten es denn auch nur als Schlaf- und Vorratskammer eingerichtet. Von den wenigen Dingen, die der armselige Raum enthielt, einem gemeinsamen Streulager mit schmutzigen Ziegenfellen, einer Tonlampe und etwas halbzerbrochenem Geschirr, sah der Ausgehungerte denn auch nichts, sondern suchte nur nach einem, nach Salz.
Wirklich fand er einen groben Klumpen Viehsalz; derbes, aber ziemlich reines Rohsalz von roter Farbe, an dem er gierig leckte, um es dann zitternd zu sich zu stecken. Ein zweiter Blick zeigte ihm noch eine lange und verschimmelte Speckseite. Auch diese riß er an sich, wurde brennendrot vor Scham, legte sie wieder weg, nahm sie wieder, roch mit nicht zu beschreibender Wonne daran und tat sie wieder fort.
Dann überlegte er, daß er ja ein Goldstück an ihre Stelle legen könnte, ein Goldstück, das in diesen Höhen der äußersten Armut den vierfachen Wert haben mußte und den zehnfachen der Speckseite! Aber das Gepräge war österreichisch und verriet ihn sicherlich. Den Leckstein allein konnten die Ziegen gestohlen haben, die in die schlechtverwahrte Hütte eingedrungen waren; der Speck mußte ernsteren Verdacht erregen. Und ihn den Bedürftigen einfach zu entwenden, das vermochte der ritterliche Ungar nicht, und wenn er im Anblick der Köstlichkeit hätte verhungern müssen! Ein schwerer, schwerer Kampf lag nur in dem Gedanken, er könnte das herrliche Stück irgendwie bezahlen.
Aber das ging nur an, wenn er sogleich zehn Meilen zwischen sich und sein verstecktes Lager am Stol legen konnte.
Dann war es nichts mit der Sprengung der Brücke.
Und Tikosch Gabor nahm von der wundervollen Speckseite mit geblähten Nüstern Abschied; nicht ein einziges Stückchen hatte ihm sein Stolz davon zu genießen erlaubt.
Er schlich sich mit seinem Zweipfundstück Salz davon, im köstlichen Gefühle, heut abends eine Mahlzeit halten zu dürfen, wie kein römisches Leckermaul sie je gekannt. In der Morgendämmerung hatte er auf dem Ansitze einen feisten Hasen erlegt, der ihn das fehlende Fett nicht empfinden lassen würde. Kartoffeln waren auch noch vorhanden; Tikosch war schwindlig vor Glück.
Abends, in seinem sicheren Versteck am Lagerfeuer, genoß er den gewürzten Braten, zu dem er noch Wacholderbeeren und den Thymian des Waldraines getan hatte. Er aß mit bebenden Händen und kam sich über alle Begriffe von Gott begnadet vor. Nur fehlte ihm in seinem Glücke jemand, mit dem er es teilen konnte, ein Gefährte, mehr als je! Tikosch war stets gesellig, konnte nur genießen, wenn er sah, wie es auch anderen schmeckte, und brauchte in Leid und Freude Menschenaugen, die ihm alles widerspiegelten, was er selber empfand. Er war kein Schwätzer, aber er lachte und tollte gar zu gern, wie ein rechtes Kind, das er stets geblieben war. Und wie einem Kind war ihm jetzt auch bange.
Es kam sogar, daß er in seiner Einsamkeit leise ein altes, unsagbar trauriges Lied zu singen begann, das so recht aus der endlosen braunen Steppe seiner Heimat geboren war und von hoffnungsloser Liebe und Abschied ging.
Tikosch sang es langgezogen und andächtig durch bis zu einer Strophe, bei der sie immer alle zu weinen pflegten, wenn es die Zigeuner den betrunkenen Kavalieren vorgespielt hatten.
Und wenn auch der gute Leutnant seit vierzehn Tagen keinen Tropfen Spiritus in irgendwelcher Form gesehen hatte, so heulte er bei der rührsamen Stelle pünktlich und jämmerlich drauflos. Es dauerte eine ganze Weile, bis das erledigt war; dann wurde ihm wohler und leichter, er setzte sich wieder aufrecht, strich zufrieden und halb beschämt seinen kleinen Schnurrbart und dachte eingehend und angestrengt daran, wie er es einrichten könnte, zu irgendeiner menschlichen Gesellschaft zu kommen, der er sein bedrängtes Herz ausschütten konnte. Denn mit sich selber allein wußte er ganz und gar nichts anzufangen.
Hier oben freilich kam er auf keinen grünen Zweig mit seinen Plänen. Er wäre fest entschlossen gewesen, mit der nächstbesten Zigeunerbande Bruderschaft zu machen, aber das Land war leer von ihnen.
In den nächsten Zeiten aber wuchs dieser Wunsch zu immer mächtigerer Sehnsucht empor:
»Einen Menschen gib mir; guter Gott, gib mir einen Menschen!«
Aber der Wald schwieg, und wenn in der Ferne ein Mann über die Planina wanderte, zog sich ihm dennoch das Herz zusammen, denn jede Begegnung bedeutete ja den Tod oder Gefangenschaft. Am grimmigsten war ihm zumute, wenn einer einen Hund bei sich hatte. Vor den Menschen war ein Verbergen möglich, vor den Hunden nicht; sein ganzes Mannestum und sein Stolz empörte sich aber bei dem Gedanken, von einem Tier, das er verachtete, zustande gebracht und gestellt zu werden! Von einem Hunde, diesem Kontrapunkt der menschlichen Niedertracht; dem Tier, das feige allem nachsetzt, was läuft und flieht, das nach dem Flüchtigen schnappt und den sich Stellenden fürchtet, das stinkt, Kot frißt, aller Armen und Zerlumpten erklärter Feind und des Peitschenmeisters Bauchkriecher ist!
Es brachte ihm das Blut zum Sieden, wenn er das giftige Gekläff eines Hundes nur von ferne hörte. Wo immer es sich unauffällig tun ließ, schoß er jede dieser Bestien, die er im Walde traf.
Einmal hörte er, als er auf Wildtauben an der Tränke lauerte, das tiefe, mürrische Geläut eines großen Hundes, und sogleich zuckte ihm das zornige Herz empor, das von diesem seltsamen Hasse erst seit dem Tage erfüllt war, seit man ihn selber mit Hunden gehetzt und er ein Verfemter geworden war.
Lieber wollte er Jäger als Wild sein, und sooft er einen dieser Verfolger und Peiniger seiner Nächte gestreckt hatte, war ihm leichter.
Er schlich, wie stets in solchem Falle, im Bachbette näher; bergab, dorthin, wo der Jagdlaut erscholl.
Er war schon ganz nahe und spannte sein Schießzeug, als eine dunkle, klangvolle Frauenstimme dem Tiere in rumänischer Sprache gebot, stille zu sein und sich zu legen. Betroffen stand der Offizier und war wie gebannt. Eine Frau hätte er hier oben in der Wildnis nicht erwartet, und mit klopfendem Herzen beschloß er, Weib und Hund an sich unbemerkt vorbeizulassen. Aber nur menschliche Tritte kamen an ihn heran; der Hund schien weiter unten den Zugang aus dem Tale zu bewachen.
Tikosch wagte nicht mehr, sich in das dichte Gestrüpp zurückzuziehen. Um keinen Lärm zu machen, drückte er sich nur oberhalb des größeren und tiefen Kolkes, den der Bach hier machte, ins Buschwerk. Ging es gut, so kam sie unbemerkt vorbei.
Entdeckte ihn aber der Hund, so war das viel schlimmer, als wenn ihn ein Mann ertappt hätte; denn Mann und Hund wären dem wildentschlossenen Jungen nicht lebend ins Tal gekommen. Dem Weibe gegenüber war er hilflos, und vielleicht das erstemal in diesen abenteuerlichen Tagen kam das Zittern nervöser Furcht in seine Glieder. Endlos dauerte es, bis er das Blitzen eines hellen Kleides durch die Sträucher sah, und noch länger schien es ihm, bis er wußte, mit wem er zu tun haben würde. Dann aber merkte er bald, daß er mehr sehen sollte, als er sich erwartet hatte.
Ein ernstes, großes, dunkles Mädchen stand plötzlich am Tümpel des Baches. Sie trug die schöne und einfache Volkstracht dieser Gegenden. Nur schien es Tikosch, als ob die Stickerei des Hemdes, das den Hauptteil dieser Tracht ausmacht, ungewöhnlich kunstvoll und reich wäre; so nahe stand sie schon unter ihm. Sie horchte nach dem Hunde hinunter, der wieder rege zu werden begann, und rief: »+Couche, Pouilly!+« Dies letztere Wort, das dem Scherzruf Bully verwandt sein mochte, rief sie mit so unleugbar französischer Betonung, daß der erstaunte Offizier, der längst jede ihrer vornehmen Bewegungen mit Bewunderung verfolgt hatte, bei sich dachte: »Aber das ist ja eine Dame!«
Das Mädchen, dessen sehr ernstes und regelmäßiges Gesicht er jetzt genau sehen konnte, streifte kurzweg ihren Rock herab und war im Begriff, ihr Mieder zu öffnen, das seine letzten Bedenken über ihre vornehme Herkunft zerstreuen mußte, als der junge Offizier in besinnungsloser Angst, ohne zu bedenken, was daraus werden könnte, rief: »+Fermez, fermez, madame! Faites attention!+«
Die Wirkung dieser Worte, aus dem Dickicht der wildesten hochserbischen Planina gerufen, war denn auch eine ruckartige.
Das schöne Geschöpf wurde blaß über ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen staken mit dem Ausdruck hilflosen Schreckens an dem Gebüsche, aus dem die französischen Worte gekommen waren, und in welchem sie, da die Sonnenstrahlen prall auf die Zweige vor ihr fielen, nichts mehr sehen konnte. Sie vermochte kein Glied zu rühren, und die einzige Reflexbewegung galt dem Schutze der oben entblößten Brust.
»+Voilà, qui vive?+« »Wer ruft hier?« fragte sie endlich mit tonloser Stimme.
Und Tikosch, wieder mit seinem gar nicht guten Französisch: