Part 5
Tikosch hörte nur mit halbem Ohr auf ihren Vorschlag. Alles, was er deutlich wußte, war die Abweisung seiner Liebe, und als sie ihn fragte, ob er ihren Plan gut fände, da sagte er kalt: »Ich bleibe hier oben.«
Traurig wandte sie sich zum Gehen. »Ich kann nicht anders,« sagte sie leise. »Verzeihen Sie mir.« Und sie schritt durch das Dickicht, indem sie den herrlichen Leib durch die Ranken bog und wand. Er sah ihr nach, und das Herz sott und brühte in ihm vor Weh und wild anspringendem Zorne.
»Kaltes, langweiliges Laster, geh zum Teufel!« entfuhr es ihm im ersten Zorne mit dem alten Reiterton, den er längst abgetan zu haben glaubte. Aber als die Büsche nicht mehr knackten und die unsägliche Bergeinsamkeit ihn wieder in ihre Arme geschlossen hatte, da schrie und betete seine Seele ihr nach und er nannte sie, in jugendhafter Erinnerung, Pallas Athene und Schutzgöttin. Sie aber kam nicht wieder.
Es ging ein Tag um den andern in leuchtender Gleichheit dahin. Tikosch schoß mit seinem Vorderlader das Wild der Planinen und der Wälder und sagte zu dem Gewehre: »Knall', knall', meine Flinte, daß dich die Herrin hört und sagt: Er grüßt mich! Und wenn sie es nicht hören will, so bring' mir die Serbenhunde auf den Hals, ein Dutzend und mehr, damit ich mich wehren kann wie ein hauendes Schwein! Nur vergessen, wie stolz und schlank und schön das Mädel ist, das verhexte, verruchte!«
Und er weinte vor Wut und Scham, verschmäht zu sein.
Dann wieder zog die endlose Weichheit des Gottes dieser stillen Höhen in seine Seele ein, und er litt in einer wehen Süßigkeit dahin, wie er sie nie gekannt hatte. Alles schien ihm schön, und sein Leid war ihm rasend lieb. Es strömte ein Seufzen und Klagen unablässig, still und köstlich aus seiner Wunde, so wie Honig aus reifen und vollen Waben rinnt. Und der über alles Singen und Sagen goldene Herbst sah ihm zu und stimmte ihn wie ein göttlicher Sänger seine Harfe.
Er kam sich vor wie der einzige Mensch auf Erden; allein mit der Natur, rings um sich Tiefe und Tod. Blieb er hier oben, so war es ein beständiges Verbluten, aber Gott sang immer reiner sein ewiges Lied in ihm. Er begriff nun, wie Livia die Bäume und Felsen Geschwister nennen konnte; ihm waren sie es auch geworden, und ihnen erzählte er sein Leid. Wunderbar gütig hielten die Bäume zu ihm, die er umschlang und ihnen sagte, was er Livia nicht sagen durfte; ihre Rinde bewahrte ihren Namen wohl zehn- und zwölfmal. Das sanfte Rauschen ihrer Zweige sprach mit ihm, das Fallen, Fliegen und Treiben ihrer Blätter rief ihm zu: »Sieh her, auch wir verlieren unser Schönstes und Liebstes.« Und das Stöhnen der Äste, wenn Sturm im Walde war, schrie wie mit seiner eigenen Stimme zu Gott: »Warum hast Du mich verlassen?« So wuchs er in unsagbarem Weh und ansaugender Liebe in diese ferne, verschollene Welt hinein, und oft überraschte ihn der Gedanke: »Hier möchte ich mein Leben verbringen.«
Die Fernen waren immer noch silbrig, der Himmel strahlte in Gold und Blau, und weithin sah man ins angstvoll stille Land, in dem Kriegssorge wohnte. Da mußte Livia noch unten im Waldhause sein, und er sandte der Nahen und endlos Fernen seine wundesten Grüße über die Baumwipfel hinab. Dann aber, eines Nachts, als um Sonnenuntergang das Abendrot gebrannt hatte wie das zerrissene Herz Gottes, als die Fernen schmerzlich scharf und rein ringsum herübergeschaut hatten, da kam ein hochherrlich warmer Sturm über die Wälder und raubte ihnen mit lachender, johlender Gewalttat Milliarden von Blättern. Es brauste wie die Orgel des ersten Gottesdienstes nach Weltuntergang, wenn die Entsetzten und Erlösten das »Herrgott, wir loben Dich« anstimmen müssen. Die gewaltigen Äste hagelten dicht um das Versteck, unter dem sich Tikosch zu ducken versuchte. Aber da sein Herz von dem Aufruhr angesteckt wurde, litt es ihn nicht in der dumpfen Luft seiner unterirdischen Hütte, und er trat mit offener Brust in den kämpfenden Wald und sang und schrie mit. Es machte ihn wie toll, daß er wieder schreien, schreien konnte, er, der so lange still gewesen war und nicht mucken durfte.
In der Sturmnacht hörte ihn niemand, und wie ein frecher Knabe aus sicherer Ferne schrie er wilde Kriegsworte und Herausforderungen ins serbische Land hinunter, forderte er Gott heraus, ihn mit einem Blitz zu zerspellen, und sprang lautlachend zur Seite, als ein Baum sich neben ihm wie ein niederkniender Beter neigte und dem Herrn der Wälder krachend zu Füßen sank.
»Hoho, er reagiert,« schrie Tikosch, »er hat mich gehört und gibt mir einen Deuter, der ewig hochmütige Schweigsame!« Er war wie toll; der Aufruhr des Himmels und der Wälder steckte ihn an wie eine Carmagnole des Satans, und so schrie und tanzte er aus dem Walde auf die felsige Blöße hinaus, juchte die gehetzten Wolken an wie der wilde Jäger sein Schattenwild und wünschte nichts mehr und sehnlicher, als daß die alte Sage zu dieser Stunde wahr würde und der verdammte Hackelberg da oben über die Wipfel käme und ihn mitnähme! Den Reiter und Flieger, für den auf Erden keine Liebe wuchs, und der gern verdammt wäre zu ewigem Hetzen in der Luft, immer nur mit Hunden und Pferden und Raubvögeln, zu denen er ja gehören mußte!
Endlich war er müde geworden, und lachend über seine eigene Tollheit und doch mit beschämtem und wundem Herzen suchte er seine überzeltete Erdhütte auf.
Die ersten, schweren Tropfen, mit Hagelgeschossen untermischt, schlugen gerade auf ihn hernieder wie Hetzpeitschenhiebe. Ungeheuer prasselte der Regen über sein Dach herab, hob und blähte es, riß daran und schlug seine nassen Schauer bis hinein. Da verkroch sich Tikosch fröstelnd in seinen Schlafsack und horchte lange, lange auf das Schauern, Sturmheulen und Anschlagen der Wolkenbruchsaat an sein leichtes Zelt.
Am andern Tage geschah etwas Wunderbares. Er mußte spät eingeschlafen und so übermüdet sein, daß er es gar nicht hörte, wie jemand durch den Tunnel im Gebüsche bis an seine Behausung kam. Livia hatte schon die Zeltwand zurückgeschlagen und sah zu ihm herein, als er, geblendet vom blaßgrauen Regenhimmel, erwachte und im Erkennen des schönen Mädchens regungslos liegen blieb, als wollte er ein Wunder nicht stören und zerstieben machen.
Aber Livia begann zu sprechen: »Ich habe Sorge um Sie gehabt in dieser schrecklichen Nacht, die die letzte war, die ich hier oben verbringen durfte. Ich bringe Ihnen zum Abschied noch alles, was Ihnen an Nahrung dienlich sein kann, und wenn Sie Ihren halsstarrigen Entschluß ändern wollten, so habe ich Ihnen auf dieser Karte mit einem roten Strich den Weg bezeichnet, auf dem Sie in der Nacht unbemerkt bis nach Rgotina kommen können. Nein, bleiben Sie liegen, ich muß wieder gehen. Gott sei mit Ihnen, und seien Sie vernünftig!«
Sie beugte sich zu dem jungen Menschen, der erschreckt stillhielt, und küßte ihn auf die Stirne.
»Lebwohl, mein Bruder,« sagte sie leise. Dann war sie auf und fort.
Und im Walde war Regen; grauer, eintöniger Regen, der so still über dem Lande hinging, daß nicht einmal die Nebel, die naßschauernd über die Kämme des Stol und der Planina zogen, lebhafter wanderten. Es war ein müder, träger Luftzug, der sie trug. Sonst pfiff es immer auf diesen karstigen Höhen, jetzt langweilten sich die Wolken unschlüssig dort umher und weinten, weinten um den Sommer, der tot war. Ein Tag war wie der andere, und die Wildtauben waren fort; der Waldhase lag melancholisch in seiner Sasse, und kein Reh schritt durch die triefenden Wälder. Immer war es gleich, und wie ein zwecklos trödelnder Mensch mit den Fingern an hoffnungslosen Fensterscheiben, so trommelte tagaus, tagein der Regen auf die Plache des Zeltdaches, bis sie regelmäßige Tropfenzeilen und Regenfäden da und dort durchließ, die ihm die Erde feuchteten, auf der sein Lager war.
»Gott kann sich sehr versagen,« dachte Tikosch in der Sprache des schönen, abgewanderten Mädchens. Und alles in ihm war bange, hoffnungslos und grau wie diese nutzlosen Tage.
Endlich ward ihm der Regen und die Verschleierung der ganzen kleinen Welt, die ihm zur Verfügung stand, zu viel, und er bedachte, daß er von der Höhe des Stol aus die Timokbrücke nicht sprengen konnte.
Es mußte sich doch eine Möglichkeit finden, in der schmerzlichen, aber dennoch beseligenden Nähe Liviens weilen zu können. Er konnte auch dabei die gute Gelegenheit, seine Sprengbüchse zärtlich an die Brücke zu binden, wahrnehmen. Nur Livia durfte dabei nicht, wie sie sich auszudrücken pflegte, »bloßgestellt« werden. Er dachte an das bei dem Mädchen seltene Lachen, mit dem sie von der Gesellschaft erzählte, der er sich hätte anschließen sollen, und mutmaßte ein paar versprengte österreichische Soldaten oder Deserteure, die er vielleicht durch seine Tatkraft dem lieben Vaterlande zurückgewinnen, ja wohl gar mit ihnen Großes vollbringen könnte!
Dieser Gedanke, mit ein paar verwegenen Kerlen nach Betyarenart auf eigene Faust Krieg zu führen, machte ihn ganz heiß vor Freude, und für den Augenblick wenigstens war alle Weichheit und aller pantheistische Dusel der letzten verliebten Tage von ihm abgefallen. Er glühte und plante. Ah, Bandenführer sein, das wäre herrlich!
Die Gegend von Rgotina gehört zu den schönsten und fruchtbarsten Serbiens, und wenn auch der Wein, der zwischen Metopnica und Zajetschar wächst, nicht an den von Negotin herankam, so ist es doch ein gutes Land. Von Bor und Brestowatsch her geht die Bahn, die Serbien mit Kohle versorgt, und die Ausläufer des Stol und des Veliki Krisch tragen über der Weinregion Wälder von Edelkastanien in unermeßlicher Fruchtbarkeit. Dort sind große Besitze, welche die herrliche Waldfrucht nur als Mast für Borstenvieh benützen, und wie in den Eichenwäldern des nördlichen Serbiens werden hier die Schweine im Herbst in die Edelkastanienwälder getrieben, um sich einen Ranzen anzufressen. Sind die herrlichen Bäume alt und fruchtarm geworden, so werden Bestände von oft riesiger Ausdehnung auf einmal abgeholzt. Nur ein paar früchtereichere Bäume bleiben als Überständer zur Samenaufzucht stehen. Mit der hat es übrigens keine große Not, denn die Edelkastanie, an Form, Laub und Frucht schon der König aller europäischen Waldbäume, ist es auch dadurch, weil sie in buchstäblichem Sinne genommen unsterblich ist. Ihre Triebkraft ist bei gutem Boden so ungeheuer, daß rings um den abgesägten Wurzelstock in gedrängter Menge die Stockloden wieder austreiben, die zuerst ein wucherndes Gestrüpp und dann, sich ineinander schließend, wieder Bäume bilden, deren jeder aus fünf oder sechs ineinander wachsenden Einzelbäumen besteht. Dieser Vorgang erklärt die ungeheure Dicke vieler alter Edelkastanien, deren stets hohler Kern an Stelle des gefallenen Mutterbaumes steht. Oft wohnen ganze Zigeunerfamilien in solch hohlen Riesenbäumen, die ihnen ein Zimmer von vier und fünf Meter Durchmesser bieten; die Küche wird dann angesetzt und vorgebaut, und die Nahrung liefert der gesegnete Baum gleich selber dazu.
Bei dem üppigen Wuchse dieser Bäume und den ungeheuren Besitzen jener Gegend gibt es dort Kahlschläge von dreihundert Joch Grundfläche, die sich in wenigen Jahren mit dem drei bis vier Meter hohen Gewucher der Stockloden bedecken, die unübersehbar und undurchdringlich zusammenwachsen und für alle Wesen, die auf Erden verfolgt sind, eine Schutzwildnis bilden, die ein Entdecktwerden unmöglich macht. Solch eine Waldwirrnis hatten die Brüder Ternaveanu auf dem Gewissen. Als sie einst in Monte Carlo Geld brauchten, schlugen sie einen Maronenwald von über fünfhundert Morgen nieder, ließen das Holz den Timok abwärts in die Donau schwimmen und verkauften es an der unteren Donau als Faß-, Bau- und Brennholz recht gut. Nun stand ein Gebiet, das in Stunden nicht umkreist werden konnte, seit über einem Jahrzehnt im üppigen Nachwuchern der Stockloden, in deren Wirrsal niemand eindringen konnte. Ringsum war Hochwald, und gegen Trnawatsch, das ein Dorf am Timokufer ist, begann der Sumpf.
Dorthin zog jetzt Tikosch, hochbepackt wie ein Hausierer, und es war ein Nachtmarsch auf Leben und Tod. Denn er hatte seine Bomben und Sprengbüchsen neben seinen Vorräten und Waffen nicht liegen lassen wollen. Von der ungeheuren Kastaniendickung hatte er durch Livia genaue Kenntnis, und nach fünfstündigem Nachtmarsche und übermenschlicher Anstrengung erreichte er den Berg über Rgotina. Auf dem ganzen Saumwege von diesem Orte über die Luka war ihm niemand begegnet. Denn die abergläubischen Slawen fürchten die Nacht in den Wäldern wie kleine Kinder, und oft geschieht es, daß sogar Gendarmen entsetzt mitten aus einem Patrouillengange zurückflüchten, weil sie eine Waldfee, eine Vila, im Walde leuchten gesehen hatten: ein Strunk faulen Holzes!
Es graute schon, als Tikosch nach Livias genauer Zeichnung die Kastaniendickung fand, deren Eingang sie ihm sorgfältig nach geheimen Zeichen an ein paar auffälligen Überständen beschrieben hatte. Aber es wurde beinahe Tag, und er verzweifelte schon fast an der Güte und Treue des Mädchens, bis er endlich in das ungeheuerliche Gewirre dieser südländischen Waldesfruchtbarkeit hineinfand. Langsam und mit katzenartiger Vorsicht, überall auf Verrat gefaßt, schlich er den schmalen Pfad unter den Wedeln der Stockausschläge vorwärts, die oft höher waren als ein eingeschossiges Haus.
Lange, lange war nichts als dichte, braune und gelbgrüne Wildnis. Er glaubte sich verirrt und stieg auf einen der Überständer, eine herrliche Buche, deren gewaltiges Astwerk schon nahe am Boden begann, wie an einem Baume aus den Tropen. Denn der Wald durfte nicht ganz eintönig aus Kastanien wiedergebaut sein. In mäßiger Höhe schon gewahrte Tikosch ein kleines Rauchfädlein aus dem lederbraunen Gewirre der herbstfarbenen Blätterwildnis auftänzeln. Da der zarte und vorsichtige Rauch gerade gegen die aufgehende Sonne zu emporkräuselte, hatte er leichte Orientierung und pirschte sich in ungemeiner Vorsicht näher.
Jetzt entschied sich vielleicht sein ganzes Leben. An der Treue Liviens zweifelte er in diesem Augenblicke zwar nicht mehr. Aber wen und was er hier finden würde, das zog ihm das Herz zusammen. Kannte denn Livia die Gesellen, über die sie kaum ein paar ironische und vorsichtige Worte verloren hatte? Tikosch betete, daß die neuen Freunde, zu denen er stoßen wollte, nur um Gottes willen kein Prinzip haben möchten; dann wollte er sie schon lenken und überreden. Aber wenn da irgendwelche politische Fanatiker am Lagerfeuer saßen, dann ging es ihm nicht gut. Nur keine Serben, nur keine Mazedonier, nur keine Russophilen, griechische Christen, kurz, nur keine irgendwie gearteten Programmmenschen! Sonst war er verloren, denn Fanatiker für Österreich durfte er hier nicht erwarten. »Herrgott,« betete er, »gib, daß es vollendete, ganz charakterlose Haderlumpen sind, mit denen du mich hier zusammenführst! Die stehen, für mich wenigstens, dem Menschentum in Tagen, wie diese sind, am nächsten!«
Dann begann er, über eine kleine Lichtung zu spähen, die sich im Gestrüppe vor ihm aufzutun schien, und in deren Mitte ein mächtiger Kastanienbaum stand.
Man stritt in leisen Worten dort.
»Scheckensimon, steig wieder auf den Baum!«
»Nee, 'ck will erst nochmal 'ne Grock.«
»Woher willst denn nacher den Rum kriegen?«
»Wir fangen ins 's serbischen Transport wech.«
»Wenn du so viel säufst, Scheckensimon,« sagte eine unermeßlich sanfte Stimme, »so kommst du nicht mehr auf unsern Bergfried hinauf; aber wenn du infolge des Glückes aller Betrunkenen dennoch hinaufkämest, so schliefest du da oben ein. Geh, wir sind milde genug mit dem Wachdienst. Bei jeder anderen Partei würdest du erschossen. Um unserer Sicherheit willen, Scheckensimon!«
Tikosch hatte genug gehört und gesehen, um Vertrauen zu haben. Das waren: ein Österreicher, der Aussprache nach ein Tiroler, ein Norddeutscher und ein etwas verkommener Gebildeter, der Hochdeutsch sprach. Mit denen ließ sich paktieren.
»Kinder, der Scheckensimon gehört auf den Baum, aber an einen Strick,« sagte er gemütlich und durchbrach das Gestrüpp, indem er den drei blaublaß gewordenen Kerlen freundlich entgegentrat. Sie standen entseelt und mißfarbig wie gerupfte Hühner vor ihm. »Ist das eine saumäßige Unvorsichtigkeit!« schalt Tikosch auf sie ein. »Hat keiner von euch eine Autorität vor den andern!«
»Wollten wa uns ausbitten,« knurrte Scheckensimon, der seine Haltung bei den freundlichen Scheltworten wiedergewann. »Wir sind 'ne Republike.«
Tikosch lachte und fragte mit dem alten Zauberworte: »Kunde?«
»Kenn's, kenn,« sagten alle drei auftauend und in fragender, banger Freude! Teurer Heimatlaut, Handwerksgruß der Nichtstuer, Kennzeichen aller Freiesten der Freien, aller, die nichts und doch alles besitzen, aller Walzenbrüder und Wanderphilosophen, die zwar der Bürger wenig liebt, die aber der Heiland des Ur- und Wanderchristentums insonderheit in sein Herz geschlossen zu haben schien!
»Na,« sagte der Leutnant, »mit der Schlamperei in eurem Wachdienst muß das ein End' nehmen, sonst kommen wir alle viere an den Galgen!«
»Alle viere!« Mit Brudergefühlen, die bei diesem Worte rascher erwachten, als es sonst wohl der Fall gewesen sein würde, sahen die drei Vagabunden den seltsamen Neuling an. Auch er musterte sie, als er ihnen die Hände reichte, und sagte:
»Ich bin der Aviatiker.«
Tikosch wußte, daß diese Herren alle einen Künstlernamen zu tragen pflegten, weil sie ihren eigenen durch häufigen Mißbrauch meistens ein wenig in Mißkredit gebracht hatten.
»Nanu, Aviatiker,« sagte der Norddeutsche, »woll aus'm Zuchthaus ausgeflogen?«
Tikosch, dem der Vorrat rotwelscher Worte nicht sehr reichlich floß, und der einsah, daß er nur das Mißtrauen der dreie ernten würde, wenn er seine Stellung als Tippelkunde würde festhalten wollen, besann sich einen Augenblick. In der Lage, in der er sich befand, mußte Vertrauen gegen Vertrauen stehen, und der lustige Ungar, dem ohnedies immer das Herz auf der Zunge lag, schwankte nicht lange.
»Hört also,« sagte er zu den dreien. »Ich will euch meine ganze Geschicht' wahrhaftig erzählen. Vor allem also: das Fräulein Ternaveanu hat mir den Weg zu euch ang'sagt.«
»Alle Wetter,« sagte der Scheckensimon und lud ihn freundlich ein, am Feuer Platz zu nehmen. Dann stellte er dem Leutnant sich und seine Freunde vor.
»Wenn der Herr ein Spion ist,« sagte er, »so kann er nicht mehr erraten, als er schon erspäht hat, nämlich daß wir existieren. Sonst haben wir keiner was andres auf dem Ehrenschild als einen kleinen Einbruch in'n Weinkeller; und wir sind freie Männer, und bei jetzigen Zeitläuften wollen wa's auch bleiben. Da seine deutsche Sprache uns sagt, daß er uns kaum unter die serbischen Soldaten stecken wollen wird, so kann der Aviatiker ruhig wissen, wer und was wir sind. Also, und denn!«
So machte Tikosch jetzt die denkwürdige Bekanntschaft dreier außerordentlich freier Männer mitten in einer Zeit, da sogar die Republikaner sehr stark zu Botmäßigkeit neigten. Der scheckige Simon war ein Schuster aus der hannöverschen Gegend, und seinen Namen hatte er sichtlich von der gefleckten Farbe seiner Haut, die eine Zeichnung aufwies wie das schönste Reptil. Er war untersetzt, etwas wohlbeleibt, frech und behäbig zugleich, mit einem gutmütig spottenden Schmunzeln um den Mund. Er beteuerte, nur Umstände halber in Serbien zu sein, da ihn der Krieg hier überrascht hätte. Er würde aber für diesmal und ausnahmsweise, wenn sich eine Gelegenheit böte, doch lieber nach Deutschland zu seiner Truppe einrücken, selbst wenn er dort Schuhe machen müßte, einen Beruf, den er nur in größter Notlage ausübte.
»Aber wa könn' auch mit der Schieße umgehen, und Männer wie ich hat mein Vaterland nötich,« sagte er stolz und streichelte das Gewehr des Tikosch. »Das is'nn Vorderlader,« sagte er. »So'nn hatten die Österreicher Anno sechsundsechzig, und drum verloren sie ihre Chose. Wir ha'm das Mauser mit Muster +S+!«
Der zweite hieß der Schlampenschneider und war ein Tiroler, dem alles recht und alles gleichgültig war, wenn er nur zu essen und zu trinken hatte. Im übrigen war dieser Mensch von einer Zähigkeit und Wetterhärte wie das Wild auf der Höh'. Er konnte im Regen schlafen und dreimal des Tages in seinen Kleidern naß werden und wieder darin trocknen, ohne daß er fror oder sich erkältete. Er war gutmütig und wußte auf die Frage des Tikosch, warum er nicht zur Truppe eingerückt sei, nichts anderes zu sagen als: »Miar hat's halt nöt pascht.«
Der dritte aber, der nasse Heinrich, begann Tikosch bald am meisten zu interessieren. Denn an die gleiche Frage, warum er nicht kämpfe, schloß er eine so lückenlose Kette von Vernunftfolgerungen, daß Tikosch gleich sah: hier war ein Philosoph von der Sorte, zu der er gerne in die Lehre gegangen wäre!
Der nasse Heinrich war ein Schlesier aus dem Kuhländchen und sprach ein ganz einwandfreies Deutsch, als er eine drollige Rede gegen den Kriegsdienst und die Verkürzung menschlicher Freiheit hielt, die ungefähr so ging:
»Erstens bin ich eine Intelligenz und sehe leider genau, was weiß ist und was schwarz. Ob auch meine näheren und ferneren Vorgesetzten Intelligenzen sind, das habe ich nach allen Beispielen, die ich bisher in Erwägung ziehen konnte, sehr zu bezweifeln. Wie soll ich nun meinen ganz lichten Willen und mein überhelles Hirn unter das Kommando eines dumpferen Kopfes stellen, von dem ich vollkommen deutlich erkenne, wie er mich sicher und unfehlbar in das große Heringspökelfaß führt, wo die Granaten am dichtesten stille Leute machen? Nein; wenn schon gestorben sein muß, dann auf eigene Fasson. Ich will wissen, warum und ob es sich lohnt, ein so gescheites Dasein wie das meine aufzugeben.
Des weiteren habe ich gefunden, daß ein Leben recht die Mitte halten muß zwischen besinnungsloser Streberei und Quietismus, wie das in meinen Büchern heißt. Du mußt wissen, Aviatiker, daß ich viel lese. Aber Quietismus, das ist besonnene Faulenzerei. Christus, Mohammed und Buddha haben ihn zwar gepredigt, waren aber Orientalen. Wir Abendländer können nun keine Ruhe geben, und da haben wir insoferne recht, als Besonnenheit, wenn sie nicht auch praktisch geübt wird, keinen Wert nicht hat. Was? Wo aber braucht es mehr praktischer Übung in der Lebensführung, wo gibt's mehr Kampf, wo zeigt sich unsre Überlegenheit besser, als in dem Berufe, dem die gesamte zivilisierte Welt wie ein Mann als Feind gegenübersteht? In dem Berufe der Lilien auf dem Felde, als welche wir uns darstellen! Wir Sonnenbrüder vom faulen Pelz, wir von der Walze, wir müssen uns jede freie Stunde erhungern, erfechten, erwandern, oft genug erstehlen. Natürlich halten das nur Leute aus, die ihre eigenen Gedanken haben und an sich selber eine bessere Gesellschaft haben, als die gesicherten Dutzend weisen Bürgerheringe an ihren Stammtischen sie uns zu bieten vermögen.
Siehst du, Aviatiker: ich war bestallter Schulmeister in Odrau, und ich verließ den Ofen mit den gebratenen Äpfeln der Behaglichkeit darauf, um mich in Sturm und Regenschauern umzutun. Ja. Denn da war ich stets in der unmittelbaren Nähe Gottes. Wenn wir uns ein Feldfeuer anzünden, dann erkennt Unsereiner, weiß der Himmel, daß es einen Gott des Feuers gibt, und daß die Flamme heiliges Leben in Essenz enthält! Verstehst du mich, Aviatiker? Nur das täglich schwer eroberte Leben ist der Religion nahe! Ich bin in Italien gewesen und in Griechenland. Nur eine Meinungsverschiedenheit meiner Gefährten hier hindert mich, mit ihnen abermals den Himmel aufzusuchen, unter dem die Ölbäume wachsen. Es ist da unten auch rauh und es stöbert der Schnee uns auch in Hellas recht wüste um den Schafpelz, wie schon in der Odyssee zu lesen steht:
Jetzo kam graulich die Nacht des verdunkelten Mondes und rastlos Regnete Zeus, laut sauste der West mit ergossenen Schauern!
Wie, Aviatiker, da staunst du! Kannst du die Odyssee auswendig? Nein, armer Kerl, hab' ich mir gedacht. Da geht es wunderbar weiter, wie sie im Felde frieren: die Griechen! Und wie Odysseus beinahe vor Frost zu sterben meint, bis er sich durch eine List 'nen Mantel verschafft. Ich habe schon in den verlassenen Heiligtümern des Äolos und des Apollon geschlafen. Ich, der erste Mensch seit dritthalbtausend Jahren, der die Götter erkennt und gläubigen Herzens zu ihnen betet! Draußen herum heulte Boreas seine Wut über die götterlosen Menschen, aber mir wehte er Blätter über Blätter in den Steinrund herein zum Schutze, und wenn sich die Oliven knarrend bogen, fröstelte meine Seele in der wonnigen Erkenntnis, wie nahe ich den alten Göttern sei. Oh, oh, die alten Götter, die alle noch da sind, die aber ein immer naturferneres, stupides Menschengeschlecht zu begreifen verlernt hat!
Und jetzt wollen wir ans Frühstück.«
Der nasse Heinrich brachte einen schwärzlichen Klumpen aus dem Feuer vor sich und zerschlug ihn. Es war Lehm, in den er Fleisch geknetet hatte, das mit Fett umwickelt war und nun in der hartgebrannten Kruste rosig und in all seinem Safte geblieben war.
»Scheckensimon, die Flasche!«
Und mit ernstem Gesichte weihte der nasse Heinrich die ersten Tropfen eines ganz ausgezeichneten Pflaumenbranntweins seinen Lieblingsgöttern, dem Phöbus, dem Pan und dem Äolos. Dann begann ein herrliches Frühstück, und dem Offizier war ganz wunderbar zumute, den närrischen, davongelaufenen Schulmeister hier in Feindesland so unbekümmert zu finden, als gäbe es keine Staaten und keinen Weltkrieg und keine wackligen Zivilisationsdogmen.
»Die Kultur ist nur mehr bei unsereins, und die Staaten erkenne ich seit dem Aufhören der Naturreligionen nicht an,« sagte der nasse Heinrich.