Chapter 2 of 8 · 3941 words · ~20 min read

Part 2

So suchte er sich denn nicht zu weit von seinem Gerinnsel eine höher gelegene Stelle, wo die Fichten so dicht standen, daß sie einen undurchdringlichen Verhau bildeten, zu dem er sich einen Zugang hieb, den man nur kriechend passieren konnte. Mit den abgehauenen Zweigen verblendete und verbarrikadierte er das Dickicht noch mehr, so daß man auch nicht auf eines Schrittes Länge das Zelt sehen konnte, das er sich in den Horst hineingebaut hatte, und das aus dem Zeug der Tragflächen bestand. Unter ihm grub er eine Erdhütte, und das Zeug bedeckte er mit Zweigen, damit das Graugelb des Stoffes nicht hervorleuchte. In diesem Zelte brachte er seinen kleinen Vorrat an Konserven und Zwieback unter, seine Werkzeugtasche und den Draht, der ihm nach dem Aufspannen des Daches noch geblieben war; das übrige Zeug rollte er zu einer Lagerstätte zusammen, auf die er seinen Schlafsack legte. Es war, für die Notlage, in der er sich befand, gar nicht ohne Gemütlichkeit anzusehen, wie er sich hier eingenistet hatte.

Dann musterte er das Handwerkszeug, mit dem er dieses vertrackte Leben führen sollte. Er hatte außer seiner automatischen großen Kriegspistole, seinem Säbel, kurzem Spaten und dem Feldstecher noch eine Werkzeugtasche, eine Eßschale, eine Feldflasche und einen Taschenfilter; das war alles. Ein einziges Paar allerdings sehr fest genähter Schuhe, drei Hemden und ganz wenig Unterwäsche und sein Fliegerpelz aus Leder bildeten seine Garderobe.

Nun dachte er lange Zeit nach: »Bleibe ich in meiner österreichischen Offiziersuniform, so haben sie mich auf den ersten Blick weg. Nähe ich mir aus dem Lederrock da eine Bunda zusammen, deren unbehilflicher Schnitt mich vor jedem Verdacht schützen wird, ein Gentleman zu sein, so werde ich als Spion gehängt, wenn sie mich hoppkriegen. Immerhin: besser etwas länger frei zu sein und dauerhaft in Leder gebunden, als mich vom nächsten Menschen, der mich sieht, mit Zetermordio verfolgt zu wissen.«

Und er machte sich ans Schneiderhandwerk, trennte das Schuppfell aus seinem Pelz und schnitt sich nach den zu weit gewordenen Linien des ledernen Überzuges eine tüchtige Jacke, die er sich dann wie ein Sattler mit Ahle, Pfriem und ungebleichtem groben Zwirn nähte, den er bei sich hatte.

Dabei hatte er wieder Hunger bekommen, und mit leisem Grauen dachte er wieder: wie soll ich mich hier nähren? Der nächste Maisacker lag weiß Gott wo. Er hatte einige tief unter Planina gesehen, als er noch der Adler dieser Höhen war; aber das gab eine stundenlange Wanderung!

Und er mußte sich die ersten Tage ducken wie ein Tier, auf dessen Wundfährte die Schweißhunde arbeiten! So suchte er denn im Walde nach Pilzen, deren er wenige fand, und nach Beeren. Es begann die Zeit der Brombeeren, und das war sein Glück, denn in diesem Waldgewirr waren die langen, stachlichten Ranken reichlich vorhanden. Er aß, was er konnte, denn die Dämmerung brach herein und er mußte sich mit den Gaben des Waldes tüchtig anstopfen, um seine Konserven, von denen er ja doch immer zu einer soliden Grundlage bedurfte, möglichst zu schonen.

Dann ging er, wie er ausgezogen war: immer vorsichtig in dem kleinen Wasserrinnsel bleibend, um seine Witterung zu tilgen, bergauf zu seinem Zelt im Dickicht zurück.

In der Nacht erwachte er; Stimmen, die sich vielfältig im nahen Holze zuriefen, dann der Jagdlaut von Bracken weckten ihn. Sie waren auf seiner Fährte; Himmel, sie suchten ihn mit Jagdhunden! Er hörte deutlich, wie einer der Kerle seinen Hund anfeuerte. »+Pazek, pridi! Rako, pravdo!+« Und das Jaffen und Schnaufen der gierigen Kreatur zerriß seine Nerven, wie es immer näher kam.

Tikosch riß seinen Browning hervor, repetierte eine Patrone in den Lauf und ersetzte sie im Magazin; das andere Magazin nahm er in die Linke. Er konnte jetzt in wenigen Sekunden fünfzehnmal schießen -- dann aber war es aus. Das schwur er sich aber: jeder von den fünfzehn Schüssen muß im hellroten Leben sitzen. »Hund oder Mensch, ich schieße nur auf zehn Schritt!« Dann war sein Blut wie Eis, und er wartete, Todesgrimm in allen Adern, auf das kurze, furchtbare Halali! Mit Spannung zählte er die Stimmen, die zwischen dem Geläute der Hunde im Walde umherschwirrten; es konnten zehn Männer sein, wenn sie alle schrien, und drei oder vier Hunde. Wenn er die alle niederschießen könnte? Bloß einen Schuß braucht er für sich selber.

Da: es bricht in der Nähe und schnauft; einer der Hunde ist es. Das Mondlicht ist karg, und das ist gut so; denn da muß er auf drei Schritt schießen und braucht sich nicht zu verraten, ehe nicht alles verloren ist. Der Hund faselt am Bächlein hin und her, überfällt es -- eisig sinkt alle Hoffnung in dem Bedrohten herab. Aber die Bestie planscht ins Wasser zurück und sucht bergab weiter; die eine Gefahr ist fürs erste vorbei. Der Leutnant wartet und wartet auf sein Ende, den Browning in einer Hand, die bisher noch nie bebte, die aber jetzt, wo Schrecken und Hoffnung zehnmal in der Minute wechseln, vor Aufregung zu zittern beginnt. Wieder und wieder hallt die Ball der Meute näher, kommen die Stimmen wie ein Fiebertraum über ihn, neben ihn; das wechselnde Aufleuchten der Fackeln dringt bis in seine Dickung. Dann, endlich, endlich geht die Hatz abseits in den Wald hinein und weiter bergauf.

Wenn sie oben die vergrabene Maschine finden, dann ist er ja doch verloren! Und so horcht er und horcht immer noch, auch wie das flüsternde Geheimtuen der südlichen Spätsommernacht allein um ihn raunt. Er hört die Hunde nicht mehr, er sieht die Fackeln nicht mehr ihre Feuerstreifen zwischen die Stämme schießen, aber sein Hirn gibt aus Eigenem fernes Rüdengeläute her, seine Augen blitzen Truglichter, bis er nicht mehr weiß, was wirklich ist und was Sinnensport! Er zerbricht sich den Kopf mit der Berechnung, wie weit es bis zu dem vergrabenen Aeroplan sein könne, und ob der vereinigte Standlaut der Hunde und das Jauchzen der Finder bis zu ihm herdringen könnte! Dann horcht er wieder. Die Siebenschläfer klettern in den Zweigen, die Nachtschwalbe klagt in der Luft, und zwei Eulen schreien so fürchterlich und unirdisch auf, daß ihm das Blut erstarrt, weil er nicht weiß, wer in der Nähe so gellend jammert. Wieder reißt er den Browning in die Höhe, aber nichts kommt. Glücklich, wer die Stimmen des Waldes alle kennt und der Natur Bruder geblieben ist; er darf schlafen, wo andere ringsum das Grauen und den Tod ahnen müssen.

Endlich löst sich die wahnwitzige Anspannung in ein dumpfes Brüten, aus dem ein todgleichgültiger, unwiderstehlicher Schlaf wird. Mit einem derben: »Sollen sie machen, was sie wollen,« wirft er sich hin und weiß auch schon nichts mehr.

Der jubelnde Morgen aller Vögel weckt ihn, und sogleich grübelt er nach: Bin ich gerettet oder nicht? Die Fährte seiner Verfolger darf er nicht nachsuchen, denn so gescheit sind sie sicher, auf ihre eigene Spur eine Wache gesetzt zu haben, die auf den nachspähenden Entronnenen paßt!

So wird er lange Zeit nicht wissen, ob sie seine Flugmaschine gefunden haben oder nicht, und das zerpreßt ihm mit furchtbaren Zweifeln die Seele.

Vier Tage sitzt der junge Mensch verkrochen und fiebernd im Dickicht und wagt sich nicht hervor. Vier Tage, ohne zu wissen, wovon er am fünften leben soll, denn seine Vorräte sind am dritten Tage zu Ende gegangen, und der Hunger beginnt mit dem öden Übelbefinden des leeren Magens seine Kurve, die bis zu Wahnvorstellungen steigen wird und zu einem Ende führt, für das Tikosch das Wort Tod nicht gelten lassen mag; verrecken nennt er es, wenn er dran denkt.

Aber frische Fährten darf er im Walde nicht hinterlassen, viele Tage lang; denn ihr Haß ist fürchterlich, und sie suchen immer noch, das weiß er. Aber noch eins weiß er: daß ~sein~ Wille, zu leben und zu entrinnen, noch größer und zäher ist als die Wut der andern, ihn zu fangen; und also muß er siegen, wenn nicht das Glück wider ihn ist.

So sitzt er und wartet auf seine Stunde wie der Wolf im Lager. Er weiß, daß er von jetzt ab bei Tage schlafen und bei Nacht schleichen muß, wie ein Raubtier, und überlegt, wie er den streifenden Hatzhunden entgehen soll, ohne sich durch einen Schuß zu verraten.

Aber in all dem Elend dieser ungewissen Tage hat er sich zu seinen Waffen eine neue gefertigt, die ihm in diesen Umständen nützlicher sein muß als seine Pistole.

Nahe an seinem Dickicht stand eine große Eibe, einer jener aussterbenden schwarzen Urbäume, deren Holz so zähe und elastisch ist, daß man nie einen dieser Bäume vom Sturme zerbrochen sieht. Aber eine stürzende Tanne hatte dem düstern Baum im letzten Winter einen langen Ast abgeschlagen, der zur Erde hing und jetzt ziemlich ausgetrocknet war. Tikosch wußte, daß das Eibenholz sich für den Bogen am besten eignet, und er schnitzte mühsam an dem dicken Bügel zu einer Armbrust und dem Schafte dazu. Mit dem Meißel stemmte er das Loch für den Bügel und für den Abzug aus, den er aus Teilen seines Flugzeuges zurechtfeilte. Nach zwei Tagen konnte er den Bogen durch den Schaft stecken, und nun band er von einem Ende des Bügels bis zum anderen mit großer Geduld einen Faden von dem starken, ungebleichten, groben Zwirn, den er hatte, um den andern: jeden stark anspannend und für sich geknüpft, bis der ganze Strang die Stärke einer Sehne erreicht hatte, wie er sie an mittelalterlichen Armbrüsten kannte. Er versuchte, zu spannen; unmöglich! Der Zug des Bogens mußte hundert Kilogramm übersteigen, und das war ihm recht; so bekam er einen weiten Schuß! Nun machte er den doppelarmigen Hebel zurecht, mit dem er die Sehne zu zwingen hoffte, aber zweimal mußte er den Arm des Hebels verlängern und verstärken, weil er sich bog oder nicht genug Kraft ergab.

Endlich spannte er die wuchtige Wehr und ließ den Bogen bangen Herzens leer abschnellen, ob die Sehne aushielt. Und sie riß nicht.

Von dem Augenblick zog in den einsamen Mann ein Gefühl von Stolz und Kraft, das ihn sich allmächtig fühlen ließ! Er hatte eine herrliche Schießwaffe, die ohne einen anderen Laut als das Klappen der Sehne den Bolz, dem er eine Spitze aus dickem Draht und Federn aus Lederflecken gegeben hatte, auf sechzig Gänge mit tödlicher Kraft trug! Er übte nach den Bäumen mit der einfachen Zielvorrichtung, die er seiner Waffe hatte geben können: die Treffsicherheit war nicht sehr groß, aber genügend: auf die sechzig Schritte, auf die sein Bolz noch einen Ast von der Stärke eines Handgelenkes durchschlug, vermochte er ein Ziel von Kopfgröße zu treffen. Ach, wenn es nur einen Hasen, nur eine Waldtaube in der Nähe gegeben hätte! Ihn hungerte so bitterlich! Aber das Dickicht schwieg, und in den helleren Wald wagte er sich nicht. Dort riefen die wilden Tauben im Holze; unendlich sanft klang ihr friedliches, dunkles Abendlied aus den Kronen der Fichten. Wenn er nur eine einzige herunterholte? Die Baumkronen lohten hochrot, der Unterwald war grau und lichtlos geworden, und wenn er Beute haben wollte, so war es höchste Zeit! Er wurde beinahe toll bei dem Gedanken, sich ein Lagerfeuer zünden zu können, über dem am Spieße der kleine, aber herrliche Braten duftete.

Der Magen krampfte und krampfte sich ihm, die wildgewordene Phantasie glühte und schwelgte in dem einen Bilde herum, bis er alle Vorsicht vergaß und im Bachbette aufwärts schlich, das dürstende Ohr nach dem dumpfen, heulenden Ruhuu, Ruhuu hingierend!

In weitem Bogen zog er in den Wald nach der Schlafstelle der schönen Vögel zu, die da wohl zu zehn und zwölfen in den Bäumen saßen. Endlich hörte er das Kichern ihrer Flügel, wenn sie aufflogen und sich umstellten. Es klang geradezu höhnisch, und ihm zuckte jeder dieser Töne ins Herz, denn die Vögel konnten ihn eräugt haben und abstreichen; dann kam die Nacht, und es war wieder nichts als das Wühlen in seinen leeren Eingeweiden! Er stand und starrte zu den Baumkronen. »Wech, wech, wechwechwech« ging es da und dort mit dem hohen, pfeifenden Laut der Schwingen, aber er sah die Vögel nicht; das Unterholz war zu dicht, und wenn er aus dem Schutze der Baumkronen trat, dann hatten sie ihn schneller eräugt als er sie, die Aufmerksamen.

Endlich begann ein Tauber leise zu heulen, etwas höher im Ton der nächste, und dem hungernden Raubtier da unten zuckte und riß das Herz. Er schlich näher, bis der eine Tauber mit der tiefen, murrenden Stimme den Schlußruf tat; den aber kannte Tikosch nicht, dieses kurze »Huck«, auf das der Vogel aufmerksam um sich zu äugen pflegt. Und ehe der Schleichende noch den blaugrauen Vogel gesehen hatte, klatschte der aus der nächsten Fichtenkrone empor ins flüssige Abendgold hinauf und zog in reißender Schnelle über den Wäldern dahin, weit, weit fort! Als hätte die Liebe des Schöpfers und aller Menschen ihn verlassen, sah Tikosch dem Vogel nach, dem drei andere folgten, und er hätte vor Jammer und Wut am liebsten herausgebrüllt. Zwei Schritte nur machte er und vertrat damit den ganzen übrigen Schwarm der Tauben, deren Schwingen wie Hohngelächter über ihm wichelten. Falkenschnell sausten die abstreichenden Vögel dahin, und der Wald war leer und entgöttert. Mitleidloses Schweigen blieb in den Baumkronen zurück, und der junge Mensch war hilflos wie ein verlassenes Kind. Oh, zum Fuchse, zur Katze zurück in die Schule! Neue Sinne erziehen an Stelle der Stadtdumpfheit, sonst mußte er verhungern trotz Waffe und Wild! Und er schlich weiter, das Wühlen des Hungers in den Eingeweiden und das brennende Verlangen im Herzen, zu leben, zu leben!

Aber der Abend schlug immer düsterer seine Schwingen um seine Augen, und bald war alles undeutlich geworden im Walde und auf den Schlägen. Da lenkte er verzweifelnden Herzens seine Schritte abwärts nach den Dörfern, um zu sehen, ob er ein paar Maiskolben stehlen könnte. Langsam und vorsichtig folgte er dem Wasserläufchen, das nach Süden lief, wo nach seiner Karte das Dorf Krivelj liegen mußte. Die Nacht war ihm jetzt willkommen, denn er wäre am liebsten mitten ins Dorf eingebrochen, um zu rauben, was er erraffen konnte.

Der Hunger hatte ihn furchtlos und verzweiflungsvoll gemacht, und wenn er daran dachte, wie jetzt die Kammern der Bauern voll Schinken und Würste hingen, trat ihm der Schaum vor den Mund, und er mußte mit Gewalt ein dumpfes Brüllen unterdrücken, das ihm von einer unwiderstehlichen Gier entpreßt wurde.

Wenn sie ihn fingen, es war ihm gleich. Vielleicht hatten sie seinen Flug schon vergessen, vielleicht konnte er sich für einen Versprengten ausgeben; denn seine Leute würden wohl schon längst mit den Serben handgemein geworden sein.

Wie es denen wohl erginge? Er wußte von aller Welt gar nichts, und was ihn sonst in ein Fieber von Sorge gestürzt hätte, das konnte er jetzt unwillig abschütteln. Es war ihm alles gleichgültig, was mit Österreich war; nur essen wollte er, fressen! Und er schlich und pürschte mit verhaltenen Tritten in die tiefwerdende Nacht hinein dem Tale zu. Das Gehen im Wasser wurde immer schwieriger und schmerzlicher; die aufgeweichten Schuhe gaben in den Nähten nach, aber er mußte im Bache bleiben, obwohl ihn das Fieber und die Kälte schüttelten. Stundenlang ging er so. Da hörte er das Anschlagen eines Hundes, und zusammenfahrend stand er stille.

Durch die Bäume schimmerte eine hellere Blöße; etwas Sternenlicht war über einer Wiese, und dorthin schlich er mit klopfendem Herzen. Nun sah er auch den Mond, der klein und schmal über die Berge heraufgekommen war und ihm leuchten sollte. Er wartete, bis der Hund wieder anschlug; nach dieser Richtung ging er dann. Es war die Gefahr, auf die er zuging, aber auch das Ende dieses schwindelnden, brennenden, tobenden Hungers! Fiebernd schwankte er dahin, und das Blut kreiste wunderlich in seinem Hirn. Ihm war jetzt alles wie ein sonderbarer Traum, und er mußte sich immer wieder zusammennehmen, um sich nicht niederzulegen und weiterzuschlafen, weil er oft meinte, flüchtig erwacht zu sein und innezuwerden, daß er da zwecklos aus dem Bette gestiegen sei und in der Nacht umherirre. Dann wußte er plötzlich wieder, daß es ums Leben ging, und hochgespannt schlich er weiter, wo der unsichtbare Hund sein dunkles, veränderliches Wesen hatte. Es war ein großes Tier mit tiefer Stimme, aber er fürchtete es nicht; er suchte es, und es ärgerte ihn das Wandern der Stimme, die bald da, bald dort anschlug und knurrte. Tikosch wurde wütend. Nicht, weil der Hund offenbar frei umherstrich und ihm gefährlich werden konnte, sondern weil dies kreisende Suchen mit dem Gehör ihm stets wieder jenes wunderliche Bewußtloswerden brachte, aus dem er sich mit allen Kräften losreißen mußte, sonst sank er vor Schwäche hin und wurde gefunden. Er ging über Wiesengrund, dann über ein Krautfeld, dann wieder über Wiese, und seine Augen durchbrannten die Düsternis, ob nichts anderes kommen wollte: Obstbäume oder ein Kartoffelacker gar! Auf einmal kam er an ein höheres Feld, und mit unbeschreiblichem Entzücken erkannte er die Töne leisen Sägens, die im Nachtwinde von den langen Maisblättern ausgingen, die sich aneinander rieben!

Da war Nahrung. Er schlich mit brennendem Begehren hin, griff in die Stauden und suchte mit bebenden Händen nach einem Kolben, den er mit einer Andacht losbrach und enthüllte, wie ein Priester das erste Allerheiligste, das er genießen darf. Ein leises Weinen, ein süßes, leichtes, seliges Kinderweinen erschütterte ihn dabei unsagbar sanft und lieblich.

Das Leben war plötzlich wie ein leises, liebes Lied geworden. Der Mais war hier, hoch oben in den Bergen, noch grün und milchig, und er biß gleich in die rohen Kolben und zerkaute das süßliche Fleisch der schwellenden Körner mit namenloser Inbrunst.

Da hörte er das Schnauben eines Tieres in der Nähe und hielt in der gefährlichen Gereiztheit einer Bestie inne, die man beim Fraße bedroht. Eine dumpfe Wut, in diesem unsagbaren Entzücken gestört werden zu sollen, kochte in ihm auf. Ah! Der Hund suchte und schnoberte nach ihm, der sollte die Menschenjagd büßen. Tikosch hatte seine Armbrust, so umständlich sie auch zusamt dem lästigen langen Hebel zu tragen war, bei sich behalten, und mit bebenden Händen spannte er die Sehne und klemmte den Bolzen zwischen die haltende Feder und den Schaft; dann setzte er sich kauernd auf die Erde und erwartete seinen Todfeind.

Ein gereiztes Knurren sagte ihm, daß der Hund seine Witterung in der Nase hätte. Aber dies drohende Knurren, das in solcher Verlassenheit und solcher Nacht manches starke Herz hätte zittern lassen, wurde ihm zum gierigen Entzücken. Schoß er mit seiner geräuschlosen Waffe die Bestie, so hatte er Zeit, Zeit, die ganze Nacht, zum Plündern von Feld und Baum und Stall!

Er hatte wieder all seine Nerven und Sehnen beisammen und duckte in sich selber zusammen, die Armbrust an der Wange: wartend, in zitternder Freude und Gespanntheit. Und der Hund schnob und schnaufte sich näher heran. Der Wind stand vom Felde nach der Wiese, und Tikosch wußte, aus einem ihm bisher unbegreiflichen Instinkte heraus, daß der Hund gegen den Wind kommen müsse. Er horchte gar nicht mehr in das Sägen und Rascheln des Feldes hinein, sondern bohrte seine Augen in das matte Dämmern der Wiese.

Wirklich kam die Bestie dort geschlichen; undeutlich, schwarz und so riesenhaft, daß er zuerst glaubte, es sei ein Stück Großvieh. Aber er wußte, wie die Dunkelheit verzerrt, und paßte scharf auf. Nun war der Hund so nahe, daß der junge Offizier das gierige Hecheln des aufgeregten Atems hören konnte; der Hund stand, und eine unbestimmte Sorge schien ihn zu überkommen. Wenn die feige Bestie nun nur nicht ihrer Zwiestimmung in einem ungeheuerlichen Lärme Luft zu machen suchte! Rühren durfte sich der gestellte Mann auf keinen Fall, so daß der Hund im ungewissen blieb, was das für fremde Witterung war. Endlich schlich das große düstere Tier wieder näher, gierig windend, so daß sein Atem pfeifend durch die Nase ging. Zehn Schritt noch, dann stand es wieder und knurrte.

Tikosch blieb ganz still in sich zusammengepreßt, und lange, lange Minuten lauerten sich so die beiden die Gewißheit ab. Endlich schien der Hund zu glauben, hier schliefe ein Mann, und kam vorsichtig schnuppernd noch näher heran, so daß der Offizier sah, wie sein Rückenhaar vor Aufregung hochgesträubt war wie bei einer Hyäne. Mit hohem Widerrist und gesenktem Kreuze wie eine solche stand die Bestie einen Augenblick, dann duckte sie vorne zusammen und kroch näher; Tikosch sah nur Haupt und Schultern und dahinter die klamme Rute, die vor Wut und Erregung zuckte.

Drei Schritt! Tikosch ging mit der Schußwaffe mitten zwischen die schwefelgrünen Lichter des großen, gefährlich nahen Tieres hinein und drückte in unsäglicher Anspannung allen Willens, den einen Punkt zu treffen, ab. Es krachte wie brechendes Bein, und der Hund sank nach vorne zusammen, ohne einen Laut zu geben.

Da stand Tikosch auf, straffte sich, und ein Gefühl sprudelnden Stolzes quoll in ihm empor, dessen wilde Freude am liebsten in einen furchtbaren Siegesschrei ausgebrochen wäre. Er dämpfte sich, trat zum Hunde und riß dem verendeten mit großer Anstrengung den Bolzen aus der Stirne: bis ins halbe Hirn hatte sich der gebissen! Dann packte er das mächtige Tier an der Rute und schleifte es über die Wiese zum Bach, gab ihm dort einen Fußtritt, und es kollerte bergab, so weit, als Tikosch nur wünschen konnte. Denn hier ging es sehr steil hinab. Ein fernes Planschen des Wassers verriet ihm, daß die Bestie fürs erste gut verdeckt läge; dann kehrte der frohgewordene Feldräuber wieder zu seinem Mais zurück und begann mit vollen Händen zu stehlen!

Er aß diesmal nicht mehr; er dachte nur an Vorrat und band sich die saftigen Kolben zu einem großen Pack zusammen.

Dann ging er ein Kartoffelfeld suchen, fand es auch und grub sich hier, wühlend wie ein Eber, die größten und schwersten Knollen heraus, den ganzen Rucksack schwer voll. Nun schlich er sich, nach dem Hause spähend, weiter; aber ehe er in einer dunklen Erhöhung einen mächtigen Hof erkennen konnte, jaffte hoch und aufgeregt ein Hündlein hinter den dunklen Mauern, und der verhohlene Vogelfreie erschrak dermaßen, daß er zuerst kaum von der Stelle konnte.

Mit zitternden Knien und größter Anstrengung trug er jetzt seinen schweren Raub dem Bergwalde zu, fand seinen Wegweiser, den Bach, trat ins Wasser und kämpfte sich darin über Kies und schlüpfrigen Schlamm unter unsagbarer Mühe und Schmerzen seinen Weg bergauf, Stunde um Stunde, bis das Sternbild des großen Wagens über den Bäumen gänzlich auf dem Kopfe stand und weit über Mitternacht ansagte.

Fünf Stunden hatte der kleine Raubzug gedauert, und es mochte gegen zwei gehen, als Tikosch in seinem Dickicht anlangte und erst todmüde auf die Erde hinsank, ehe er Willenskraft genug fand, sich die verquollenen Schuhe von den Füßen zu ziehen und die kalten, erstarrten Beine abzureiben, damit er sich nicht zu sehr erkälte.

Trotz der Anstrengung war ihm nicht warm geworden: das machten der Hunger und das Fieber, das ihn immer noch nicht gänzlich verlassen hatte. Dazu spürte er in der verheilenden Wunde wieder lebhaftere Schmerzen. Aber all das tat ihm jetzt nichts, wo er zu essen hatte.

Er war so sicher, beinahe übermütig geworden, daß er es zum erstenmal wagte, ein Lagerfeuer zu entzünden. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, zerrte er aus dem Holzvorrat, den er sich vorsorgend schon früher zusammengetragen hatte, ein paar kurzgehackte Stücke hervor, legte sie auf Reisig und entzündete sie. Dann rückte er an die Flamme, und indem er die Kartoffeln hineinlegte und die Maiskolben an kleinen Spießen über das liebe, lichte Feuer hielt, zog längst entbehrte Wärme in ihn und gab ihm Mut und Kräfte wieder. Er konnte es kaum erwarten, bis die Maiskolben geröstet waren, und die Kartoffeln sangen noch leise, als er sie aus der kleingewordenen Glut zog. Nun warf er nur von Zeit zu Zeit mehr ein kleines Scheit in die Flamme, damit er Wärme und Licht in einem hätte, und hielt eine Mahlzeit, beißend, schlingend, schmatzend und ungeheuer gierig! Dabei durchdrang ihn ein Entzücken, das war so schwindelnd und ungeheuer, daß alle Liebe, die er je genossen hatte, elend und schal neben dem ungeheuren Aufschwunge seines Lebens erschien, der ihm jetzt beschieden war, weil er sich sattessen konnte!