Part 11
Da wendete ich meinen Kopf von den Flammen fort und sah nach ihm hin. Sah, daß er in einen der tiefen Sessel gesunken war, daß der Stock auf dem Boden lag, sah sein weißes Gesicht, die blassen Lippen, den tiefen Schmerzenszug um den Mund, sah seine Augen, die mich auf den Platz zu bannen schienen, da ich stand.
»Ich bin so glücklich«, sagte ich nur leise. Aber dann lief ich doch zu ihm hin; es war ja zu unnatürlich, daß wir uns so ernst und traurig ansahen und doch wußten um unsere große Liebe.
Er stöhnte auf, als ich seine Hand ergriff. »Ist’s nicht erbärmlich,« stieß er zwischen den Zähnen hervor, »daß ich hier sitze und die kleine, feine Frau steht vor mir und muß mich trösten?«
»Ich verstehe vieles nicht«, sagte ich fest. »Ich kenne Ihren Kummer nicht. Wollen Sie ihn nicht mit mir teilen, Ritter Lage? Ich hab’ dich doch so lieb, Clemens, weißt du es denn nicht?«
Da sah er mich wieder an, und vor diesem Blicke erhob ich mich und ging langsam nach dem niedrigen, seidenen Diwan, der sich längs der Wände hinzog. Dort setzte ich mich hin, ganz still. –
Da tönte wieder seine tiefe, gute Stimme, aber es war mir, als käme sie aus Fernen. »Gitti, mein süßes Kind, hör’ mich an. Wir müssen uns trennen. Ach, daß ich dir, der allzeit Gebenden, Gütigen, dieses Christfest bringen muß!«
»_Mußt_ du es?« fragte ich zurück. Und vielleicht schwang ein Gran Zorn mit in meiner Frage. Ich wehrte mich, da man mein Herz zertrat.
Seine Stimme ward fester, schier feindlich. »Frage nicht so, Gitti. Ich bin nie ein Tierquäler gewesen, und gegen dich brutal zu sein, ist das Schwerste, was mir das Geschick bisher auferlegte. Jawohl, das _Schwerste_«, betonte er noch einmal stark, wohl weil ich mich ein klein wenig gerührt hatte.
Er selbst schmiegte sich noch tiefer in den alten, großen Sessel, die hoch lodernden Flammen umleuchteten sein strenges Profil. Er sah an ihnen und an mir vorbei und erzählte mit harter, weh tuender Stimme: »In vielem, was ich dir jetzt sage, werde ich dir Elementarbegriffe beibringen, – unterbrich mich dann nicht, ich möchte haushalten mit deinen und meinen Kräften. Vorerst aber bitte ich dich, heute hier auf eine Stunde die Hausfrau zu spielen und dir und mir jenen Wein dort zu kredenzen, Wein vom deutschen Rhein, alt und fein wie er, und abgelagert in den Lageschen Kellern. Gitti, Geliebte, ich bring’ ihn dir!«
Er hob das Rubinglas, in das ich den wie Öl rinnenden Trank gegossen. Wir sahen uns an und tranken schweigend. –
»Gitti, – denke dir einen jungen Kerl, vierundzwanzigjährig, und bis zum Wahnsinn verliebt in ein Mädchen. Oder denke dir ihn nicht, er trägt auch nicht einen einzigen Farbenton, der mir heute gliche … Dies Mädchen, gleichaltrig mit mir, war meine holländische Base. Vornehm und rassig äußerlich, innerlich zügellos, unbeherrscht. Das erste Jahr unserer Ehe verging im Rausch. Ich hatte gar keine Zeit zum Erwachen. Dann … wurde unser Kind geboren. Und der Mund, von dem ich nur maßlose Liebesworte gehört, schmähte mich von da ab in rasendem Zorn … Gitti, du kennst das traurige Etwas, das man meinen Sohn nennt … Gitti, sie sagte, sie schrie, ich hätte ihn belastet …
Gitti, ich war damals rank und schlank wie ein junger Baum. Zart, wie die Holländer Lages alle, aber nicht so wie jene Lages aus Antwerpen, von denen das dünne Büchlein des alten Haudegen spricht. Hast du über das Büchlein nachgedacht, du kleine, feine, kerngesunde Gitti? Antworte!«, herrschte er mich an.
»Ich habe darüber nachgedacht.«
»Und du liebst mich noch, du Süße? Du fliehst nicht meilenweit und schlägst nach mir? Und entziehst dich mir? Und, und – –«
Er bohrte seine Fäuste in die Augen.
Ich lächelte. Freilich mit viel Schmerzen, aber doch so, wie man über ein großes Kind lächelt, das zornigen Unsinn herausredet. »Noch mehr lieb’ ich dich, noch viel, viel mehr …« sagte ich innig.
»Da ist es wieder, dein verfluchtes Mitleid«, sagte er, zornig verbissen. »Gitti, – ich kann dein Mitleid nicht vertragen.«
»Und _ich_ nicht dein Quälen«, rief ich und sprang auf. Stand ihm dann gegenüber ganz kalt vom Kopf bis zu den Füßen. Tief erbittert. »Warum schlägst du mich, Clemens Lage? Was habe ich dir getan?«
Er lachte grell. »Die Situation ist neu: ›Ritter‹ Lage, ein kleines, feines Frauchen schlagend. _Meine_ Fraue, deren Farben ich trage … Aber du hast recht. Wann hättest du _nicht_ recht, du weißes Mähschäfchen?«
»Ich bin kein Mähschäfchen! Und ich hasse den Namen jetzt und will ihn nie wieder hören …«
»Wollen wir uns zanken, Gitti? Willst du mir jetzt alles zurückgeben, was du an Zorn aufgespeichert nach Empfang meiner Briefe, denen nie eine Antwort ward? Nicht doch, nicht doch. Was ich an dir so liebe, ist deine vornehme Beherrschtheit in jeder Lage, Gitti, – oh, ich habe dich wohl studiert. Und du wirst jetzt ganz gehorsam auf deinen Platz dort zurückgehen, in demselben Gehorsam, in dem dich der prächtige Vetter Ernst Lage erzogen hat. Damit ich dir mein grausames Märchen weiter erzählen kann. Oder liebst du nur himmelblaue Märchen von blonden, großen Schlagetot-Prinzen, Sieh-und-stirb-Helden. Und von Erbsen-Prinzessinnen?«
»Nein«, rief ich laut. »Du hast mich ja das Märchen vom garstigen Zornebock gelehrt, und – ich kenne die Prinzessin wohl, die ihn und sich erlösen wollte. – Sie mußte mit bloßen Füßen durch spitze Schwerter gehen, aber jeder Blutstropfen bedeutete Erlösung …«
Er sah mich an, als sähe er mich zum erstenmal. »Gitti, ich fürchte mich vor dir. Vor deiner Güte. Gibt es so etwas auf dieser Welt? Herrgott, werde ich’s jemals verwinden können, daß ich dich nicht vor zwanzig Jahren kennenlernte und beide Hände über das Thüringer Waldkind breitete, bis du mein Weib werden konntest??? – – –
Höre weiter, Gitti. –
Meine Frau liebte mich nicht mehr. Und wenn ich es nicht fassen wollte, ›daß Liebe brechen kann‹, wie es im Volksliede heißt, so gellte mir ihr Haß, ihre tiefe, kränkende Abneigung in die Ohren. Dann wurde ich plötzlich krank, Gitti, – lächerlich krank, – ich bekam die Masern. Lach’ doch, Gitti. Denn man brachte mich, den Freiherrn von Lage, ins Spital, weil meine Frau mich nicht pflegen wollte. – Und die Masern waren schwer. Vielleicht hätte ein Kind sie überwunden. Aber der _Freiherr_ von Lage war seitdem ein _gebundener_ Mann. Ich erstand aus der Krankheit, so wie du mich siehst. Nicht gleich so schlimm. Es kam nach und nach. Und das Schicksal bejahte den Widerwillen meiner Lebensgefährtin. Die Tragik meiner Ehe kannte nur ein Mensch außer mir, Leo von ter Mählen in München. – Ihm hatte ich meine Frau gezeigt, als er noch in Holland wohnte. Kleine Gitti, diesen Freund müßtest du kennenlernen … Aber vielleicht könnte ich’s noch gar nicht ertragen, daß du ihn kennenlerntest …«
»Ich habe ihn kennengelernt.«
Er fuhr auf aus seiner bequemen Stellung.
»Gitti! Wie kam das?«
»Durch die Heidkamper.«
»Nun, – und?«
»Ich habe ihn sehr liebgewonnen.«
Clemens Lage lachte leise. »Ich gönne ihm das. Es klang anders, als du _mir_ dies Wort sagtest …«
»Ohhh …«
»Quäle ich dich schon wieder, Gitti? Ändert sich Zornebock nie? – Was sprachst du mit Leo?«
»Nur von dir. Er erzählte mir von einer Tonfigur, die du geformt …«
Wieder richtete sich Ritter Lage lebhaft auf. »Hat er den Tag und die Episode behalten? Das ist Freund Leo, wie er leibt und lebt. Knüpfte er keine Bemerkung daran?« Er sah mich forschend an.
»O doch. Er sagte, daß – ich diesem Figürlein aufs Haar gliche … Und – er fragte mich …«
»Du brauchst es nicht zu sagen. Ja, ich hab’ dich all mein Leben lang gesucht. – Geh fort, Gitti, du kamst zu spät …«
Da wollte ich wirklich gehen, aber er hielt mich in raschem Griff zurück. Es tat weh, so fest griff er zu.
»Willst du wohl, Wilde«, zürnte er. »Du sollst nicht immer gehorchen … Sieh, ich möchte zu Ende kommen mit meinem Märchen aus tausendundeiner – Wahrheit. – Wenn ich zu Ende bin, lasse ich dich sicher heimgeleiten. –
Gitti, – Freund Leo und ein anderer Freund, ein Arzt in München, hielten mich aufrecht. Sie sagten mir, daß ich mich mit Gespenstern plage, daß ich innerlich gesund sei, sie forschten und brachten gute Kunde … Ich wurde ruhig, wurde gesammelt und froh, trotz meines Leidens, das niemals Fortschritte machte, mich nicht ernstlich an ernster Arbeit hinderte. So wurde, wie allen echten Lages, die Arbeit meine Lebensgefährtin. Die andre – versagte ganz, sie steigerte sich in furchtbare Reizbarkeit und den berüchtigten Lageschen Jähzorn hinein … bis ihre Nerven zerrissen.
Das war mein Leben an ihrer Seite, Gitti.«
»Warum sagtest du mir nichts, Clemens? – Gleich, – als wir uns das erstemal sahen? – Oder warum schriebst du mir nicht, – daß – – sie lange, lange tot sei?« fragte ich langsam und leise, und meine Augen funkelten ihn durch Tränen an. –
Er verstand mich sofort und erschrak.
»O Gitti«, sagte er weich. »Auch _diesen_ Kelch hab’ ich dich trinken lassen? Und konnte doch wissen, daß eine Gitti darunter leiden _mußte_, einen Mann zu lieben, der nicht frei war. – Erlaß mir die Antwort! – Es ist die eine so weh tuend für dich, wie die andere. Aber nun höre, wie _du_ in mein Herz kamst, Gitti, – willst du es hören?«
»Ja, Ritter Lage.«
»Die Base Jesuliebe erzählte mir von dir. Erzählte von Erfurt und deinem Elternhause. Und ich öffnete mein einsames Herz, das all sein Lebtag von der Jungszeit an gedarbt, gehungert und gefroren beim harten Vater, fern der toten Mutter – bis Base Jesuliebe kam, die Wunderliche, Unvergleichliche. Und wie ich mein Herz weit ihren Erzählungen auftat, da schlüpftest du mit hinein, du geschmeidige Schmerle aus dem Thüringer Waldbach – – und bliebst darinnen.«
»Ja«, bestätigte ich glücklich.
»Sie lacht schon wieder, die veränderliche kleine Regenschirmbase«, spottete Ritter Lage; »sie trägt Sonne und Tränen in _einem_ Säckchen mit sich herum.«
»Warum sollt’ ich nicht, Clemens Lage? Du brauchst beides.«
»Ich brauche nichts von dir, Gitti«, sagte er herb. »Herrgott, was rede ich da? – – Gleichviel. Ich nehme nichts von dir an, du bist ganz frei, Gitti.« Und nun überstürzten sich seine Worte, als rede er im Fieber. Er tat’s wohl auch. – »Damals, als ich spürte, daß ich dir mit Haut und Haar verfallen war, Gitti, und doch auch glaubte, innerlich gesund zu sein, da tat ich auch heilig Gelöbnis, daß ich um dich werben wollte in Ehrfurcht. Um die Mutter meiner Kinder, Gitti, hörst du, mein scheues Kind? Gott, Gott! Wenn ich dran denke, was Jesuliebe Lage mir von dir erzählte! Von deinen närrischen – anspruchsvollen Wünschen, Gitti … Trunken war ich vor Glück. – Dich zu nehmen, dich zu lehren, dich aufzuwecken … Und da nahm ich das Ringlein vom Topasenschmuck und band es mit einem Myrtenzweig und goldenem Bande an meiner Mutter Gebetbuch. Dort hängt es an dem Tannenbäumchen, Gitti. – Aber du wirst es nie bekommen und tragen … Denn – ich reiste landauf landab, die Kreuz, die Quer in jede große oder kleine Stadt, darinnen kluge Ärzte lebten, und eröffnete mich ihnen … Und es hat mir jeder versichert – – – Gitti – Liebes – – _daß ich entsagen müsse_.« –
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Als Ritter Lage mir dies Schwere aufzuheben gegeben, – da bin ich wohl sehend geworden und um Jahre gereift. Ich erhob mich von meinem Platze und ging festen Schrittes zum Tannenbäumchen, nahm das »vierte Päckchen« von seinen Zweigen und öffnete es. Ein rotes Gebetbüchlein mit goldenem Schloß lag darin, daran hing an goldenem Kettchen der Topasenring. Ich steckte ihn an meinen Finger und trat zum Ritter Lage. »Hier steht deine Braut, Clemens Lage«, sagte ich schlicht. »Was ist’s, dem wir entsagen müssen? Denk’ nicht daran, Ritter Lage. Wenn wir beisammen sind, – _das_ ist Glück. Wenn ich mit dir zu Tisch sitze, dich pflegen darf in Krankheit, die Gott verhüten möge, _das_ ist Glück. Dein Leiden, das ist wohl traurig – – könnt’ ich’s für dich tragen. Ich wollt’ dich dann wahrlich nicht fortschicken, sondern dich bitten, mich zu stützen, Ritter Lage. Und – wenn wir kein Kindchen haben dürfen, – – hab’ ich nicht drunten ein ganzes Waisenhaus voll? Und darf ich nicht deine Schwester sein?«
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»Gitti, du marterst mich unsäglich«, stöhnte er auf. »Mit deiner holden Güte marterst du mich. – Willst du mich durchaus ganz klein sehen? Soll ich dir bekennen, daß ich zu solchem zahmen Glück nicht tauge? Daß ich dich in derselben Stunde, da der Priester uns verbunden, in meine Arme reiße, meine stolze, scheue Gitti? Und daß ich es doch nicht zum zweiten Male ertragen würde, mich geschmäht und verachtet zu sehen von einem Weibe, weil der Sieche, der Krüppel nach Menschenglück und Lust verlangt hatte? Geh, Gitti, – ich _bitte_ dich, geh.«
Da löste ich meine Füße von der Stelle, wo ich stand. Und sah ihn an, der mich fortwies. Und schritt zum Tisch und mußte mich an diesen klammern, weil sich der Raum rings um mich drehte. Muß wohl sehr weiß und krank ausgesehen haben, denn Ritter Lage stand plötzlich neben mir. Aufrecht, nur leicht auf den Stock gestützt. Den linken Arm legte er um mich. Tief und gut sah er mir in die Augen. »Was bin ich für ein Barbar! Darf ich verlangen, daß dies kleine Mädchen stärker sei als ich? Soll ich dich küssen, Gitti? Darf ich? Wirst du dann wieder mein tapferes Lieb? Wirst du dann wieder rote Wangen haben und strahlende Augen? Darf ich dir zeigen, wie unsäglich lieb ich dich habe? Und daß du dich doch nicht zu fürchten brauchst vor dem bösen Zornebock? Hast du Vertrauen zu mir?«
Ich nickte stumm.
Da nahm er mich an sein Herz. Ritter Lage lehrte mich den ersten Kuß. – Sonne war ringsum. Sonne. Ich lebte, ich ward. Ich ward gut und fromm. Und erhielt die Kraft, einen Schattenweg zu durchwandern durch Kälte, Einsamkeit und Not. –
Wir standen Hand in Hand und Mund an Mund.
Lange, lange.
Die Uhr auf dem Simse tickte.
Die Buchenscheite loderten und fielen zusammen.
Baumzweige, schwer von der Schneelast, schüttelten sich im Wind an den Fenstern.
Nur vier Worte fielen: »Du Scheue, meine Königin!«
[Illustration]
Heilig war die Stunde. – Und so viel Gotteskraft gab sie mir, daß ich mich sacht aus seinen Armen lösen konnte. »Du!« sagte ich zitternd vor Scheu und vor Liebe, »du! Leb’ wohl! Hab’ Dank!« Und ich legte meine kühle Hand auf seine heißen Augen. Da schwieg sein Begehren; und der köstliche Zug des humorvollen Spottes, den ich so gern sehe, legte sich um seinen vornehmen Mund. –
Er nickte nach der Seite hin, als spräche er zu jemand anderem: »So echt die Gitti! Sie dankt _mir_ für eine Stunde namenlosen Glückes, die _sie_ mir schenkte …«
Er ging nach der Wand hin und drückte auf einen Elfenbeinknopf. Nicht lange, da stand die alte Eva auf der Schwelle einer verborgen sich öffnenden Tür. Und sie hielt einen hohen silbernen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand. »Liebe Eva,« sagte Ritter Lage mit fester Stimme, »führe unsere junge Königin zurück in ihr Schloß.« Er entnahm ihrer Hand den schweren Leuchter und hielt ihn mit seiner kraftvollen Linken über meinem Haupte und folgte uns durch den schmalen unterirdischen Gang, den ich zum erstenmal betrat.
Der Schatten lief über die weißen Wände, – sein Schatten … An einer uralten Bronzetür mit wuchtigen Beschlägen endete der Gang.
Die alte Eva nestelte an umfangreichem Schlüsselbund und schloß auf.
»Leb’ wohl, Glück!« sagte leise seine dunkle Stimme hinter mir.
Da wendete ich mich und sah lange abschiednehmend in das liebste Antlitz auf der ganzen Welt. Und reichte ihm meine Hand, die er ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog.
Dann blies mein Mund in die flackernde Kerze. – Und so löschte ich mit eigenem Willen das Licht aus, das mein Glück im grauen Alltag war. –
40.
An einem Sonntagmorgen.
Ich komme eben von meinen Dorfgängen zurück. War auch vorher in der Kirche. Und ganz früh schon im Märchenwald … Der keine Wunder mehr birgt.
Meine Mutter sang früher ein uralt Lied:
»Die Sunn scheint nit mehr wie eh’. Der Tag ist nimmer heiter, So liebreich gar nit meh’. Mein Herz ist nimmer mein. Ich hab’s an dich gehangen, Doch bist du von mir gangen, Herzallerliebster mein!«
»So liebreich gar nit meh.«
Ein liebreicher Tag! Der war einst mein. Meine ganze Jugend war solch liebreicher Tag. Und dann jener heilige Christabend! Da _seine_ Liebe mich weckte. Wie könnt’ ich sonst ganz in anderen aufgehen? Nächstenliebe üben? Opfer bringen, Christ sein, mich selbst verleugnen um der mühseligen Brüder und Schwestern willen? Mit seinem Bekenntnis hat er mich geadelt, hat mir Gesundheit, Kraft und Güte verliehen und sich selbst gut und gütig gezeigt. Denn Ritter Lage ist verschlossen. Er weiß, was für Aufgaben meiner harren. Er weiß, wieviel Sonne ich abgeben muß. So senkte er mit seinem Bekenntnis eine Fülle von Sonne in mich hinein, die sich niemals erschöpfen kann. – Aber vielleicht fühlte er auch erst, als er mich küßte, wie gut er mir war. »Du Scheue!« »Meine Königin!« hat er mich genannt. Und einmal strich es an meinem Ohr hin: »Liebste!« Kann eine Frau wohl je vergessen, wenn der einzige Mann, den sie im Herzen trägt, Liebste zu ihr sagt? – Nun bin ich Frau Liebe, Frau Treue, Frau Güte. Wenn ich mit umflortem Blick die Wunderwelt Gottes streife, die bereiften Bäume, die schneeglitzernde Heide, die Abendsonne über dem tiefdunkeln Weiher … dann rufe ich wohl zugleich:
»Ich sollte in Freuden vor euch stehen und meine Augen strahlen lassen: ihr seid so schön. – Habt Geduld! Ich will es wieder lernen, das heilige Lachen.« Und so sage ich auch den kranken Menschen, die nach meinen frohen Augen verlangen, weil sie meinen, diese zwei Sonnen ständen ihnen wohl zu, da sie doch von Gottes Sonne in ihrem Siechtum nichts sehen.
Du Ritter Lage! Das war deine Mission. Was ich jetzt tue an Heilkräftigem und Gutem, du hast es ausgelöst für immer durch dein Bekenntnis. Und wenn ein Segen von mir ausgehen wird, – _du bist sein Urquell_. – –
Montag.
Der liebe Freund war gestern bei mir. Leo von ter Mählen. Ritter Lage hatte ihn geschickt. Wie arbeitete es in seinem Antlitz, als er vor mir stand! Er hielt eine lange Weile wortlos meine Hände, und dann klang es nur: »Freiin Brigitte! Sie armes, tapferes Mädchen …«
»Wer tapfer ist, ist niemals arm«, entgegnete ich ihm leidlich fest. Dann saßen wir erst lange schweigend.
»_Das_ hatte ich nicht vermutet«, sagte er endlich. »_Das nicht._ – Das reichste Glück hätte mir gerade eben getaugt für Clemens Lage. Diese düsteren, zwanzig Jahre, die hinter ihm liegen, hätten verklärt werden müssen durch ein Meer von Licht, das durch Sie zu ihm gekommen wäre, Freiin Brigitte. Könnt’ ich’s dem Clemens schaffen … was setzte ich _nicht_ dafür ein? Glauben Sie mir, Brigitte?«
»Ich glaube es Ihnen. Und der Gedanke, daß Sie, sein bester und liebster Freund, in meiner Nähe bleiben, das macht meinen Weg so viel sonniger.«
»Sie sind bescheiden, Baronin. Aber daß Sie nur über mich zu befehlen brauchen, das soll Ihnen immer gegenwärtig sein. Ich will Ihnen die Hände unter die Füße breiten, genügt Ihnen das?«
»Es ist viel zu viel«, wandte ich ein. »Ich bin Ilexwege gewohnt, bin auch nicht wehleidig. – Hat Ihnen Clemens Lage erzählt, daß wir uns restlos ausgesprochen haben?«
»Menschen wie ihr können sich niemals restlos aussprechen«, meinte er ernst. »Ihr seid dazu geschaffen, ein ganzes Dasein lang euch immer neu zu sehen und zu erleben.«
»Immer neu zu sehen und zu erleben«, wiederholte ich. »Das habe ich mir ersehnt mein ganzes, junges Leben lang …« Und ich wehrte meinen Tränen nicht, die plötzlich hervorbrachen.
Da sprang Baron ter Mählen auf. »Nicht so, nicht so, teure Brigitte,« rief er, »ich kann Sie nicht leiden sehen …«
Er lief im Zimmer umher, wie ein Tiger im Käfig. Der Schmerz, zwei liebe Freunde im aussichtslosen Kampfe zu sehen, hob ihn aus dem Gleichgewicht.
»Haben Sie Clemens Trost gebracht?« fragte ich endlich leise.
»Meinen Sie, Baronin, daß solches Geschehen irgendeinen Trost in sich birgt? Oder daß unser Freund aufnahmefähig gewesen wäre? Überdies bedürfen Clemens und ich niemals vieler Worte. Ich sagte ihm nur: ›Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan.‹« – –
Ich wand meine Hände in bitterm Schmerz ineinander.
»Wäre es nicht besser gewesen, Brigitte, Ritter Lage hätte Sie unwissend gelassen? Er hat Sie aufgestört durch das Bekenntnis seiner Liebe …«
»Wagen Sie es, dies auszusprechen?« rief ich außer mir. »Hätte er geschwiegen, so hätte er einen Verschmachtenden ohne Wegzehrung auf eine Wüstenwanderung geschickt. Dessen ist ein Ritter nicht fähig. Oder bereut er jene Stunde im dorischen Tempel?«
»Sieh, sieh, was der Lagesche Jähzorn für Blüten treibt«, sagte Baron Leo beruhigend. »Clemens denkt genau wie Sie. Sogar das Wort ›Wegzehrung‹ gebrauchte er.«
»Ich segne jene Stunde«, sagte ich fest. »Und ich werde immer so mein Leben formen, als sei ich seine Gattin und hätte die Ehre seines Namens zu hüten.«
Ter Mählen sah mich erschrocken an. »Das ist ein vorschnelles Wort, das Sie sich geben, Brigitte Lage. Ihr Leben liegt noch unausgefüllt in langer Strecke vor Ihnen …«
»Es ist randvoll ausgefüllt!« rief ich. »Vom ersten Augenblicke an wußte ich, daß Ritter Lage mein Schicksal war. So lächerlich es Ihnen klingen mag, Baron, – die wunderlichen Berichte, die Clemens auf das dicke gelbe Büttenpapier schrieb, gaben mir all das, was Vaters früher Tod an meiner Erziehung zum Menschen übrigließ. Ich verdanke Ritter Lage mein Selbst.«
»Und Ihr Glück, Brigitte? Ihre volle Entfaltung? Ihre Erfüllung?«
»Ich bin nicht unglücklich«, wehrte ich ab. »Ich habe Clemens Lage reiner, fester und größer zu eigen, als ihn je ein Weib besitzen könnte. Aber meine Jugend und mein Begehren hat er mit sich genommen, die gab ich ihm als Geschenk in jener Stunde. Und er gab mir dafür sein Vertrauen …«
Baron von ter Mählen streckte mir beide Hände hin. »Sie haben sich das Größeste vorgenommen, Freiin Brigitte. Sie wollen aufgehen in andern. Doppelt schwer das Wagnis, weil Sie aus sich, und _nur_ aus sich selbst Liebe schürfen wollen, ohne selbst erneut zu werden. Aber wenn ein Mensch auf Gottes Erde dies Wagnis unternehmen kann, so sind _Sie_ es. Werden Sie mich rufen, Baronin, wenn Sie meiner bedürfen?«
Er stand auf, und ich gab ihm meine Hand, die er ehrerbietig küßte.
Ich bejahte seine Frage. Dann war er gegangen, und meine einsame Wanderung begann. – – –
41.
Die alte Eva kommt mir von Kräften. Freilich ist sie weit über die Siebenzig hinaus. Aber sie konnte doch noch huschen und schleppt sich jetzt am Stock. Den verbirgt sie vor mir. Wie töricht! Sie soll ein gutes Ausruhen und meine töchterliche Pflege in Haus Lage haben. Es ist mir ein lieber Gedanke, daß ich selbst älter werde bei diesem alten Inventar und … Nein. Wenn ich diesen Satz zu Ende schreibe, so klingt aus ihm müde Entsagung und Verzicht. Das soll nicht sein. Wenn ich untapfer an meine Mission herangehe, so kann Ritter Lage keine Freude an Gitti haben. Seinen Stolz auf mich, den will ich mir verdienen. Seit ich weiß, wie hoch er mich wertet, seitdem will ich diese Höhe erreichen … Auch nicht wegmüde und wund auf dem Gipfel niederfallen. Weiterschreiten. – Hie und da rückschauend rasten, aber nicht rosten.
In der Dämmerung.
Eben ging die alte Eva aus meinem Zimmer. Sie hatte lange bei mir gesessen, nachdem sie um mein Vertrauen gebeten. – Da hab’ ich es ihr geschenkt, der alten Dienerin des Hauses Lage, und habe sie dadurch zur Freundin emporgehoben. Viel Wirrnis hat außerdem diese Aussprache geklärt. Eva hat sehr unter unserm Mißtrauen gelitten. Ihre Berichte an den im Ruhestand lebenden Pfarrer waren gut gemeint und sind böse entstellt worden. Nun wird auch dieser Stein des Anstoßes weggeräumt, denn der alte Pfarrer verläßt Lage. Das ist gut für den jungen, und auch für das Dorf, und nicht zuletzt für mich, die Schutzherrin. –