Chapter 4 of 17 · 3905 words · ~20 min read

Part 4

Ich habe die väterlichen Ratschläge des seltsamen Briefschreibers beherzigt und ein langsameres Tempo angeschlagen. Habe noch etliches gutes Personal angenommen, damit ich von gröberer Arbeit verschont bleibe, und habe mir die feinere vorbehalten. Das ist z. B. die restlose Versorgung des Kindleins, das neben meinem Bette schläft, und das ich bade, trockenlege, ankleide, und mit dem ich plaudere und lache. Ich glaube nicht, daß der mütterliche Leib allein zur Mutterschaft heiligt, – mütterlicher Geist, liebendes Herz und sorgende Hände können sich wohl auch den Namen Mutter verdienen. Vater Nordstamm hat seinem Kinde noch nicht nachgefragt, so gehört es mir um so einziger und inniger. Und wenn die Vaterliebe nicht etwa ganz plötzlich hervorbrechen sollte, so will ich durch meine Erziehung die Kindesliebe pflanzen und großziehen, dann wird die kleine Hand einmal mahnend und weckend an das verstörte Herz klopfen und es überwinden. –

Zu meinem Bereich gehört ferner noch die Armenpflege. Es gibt genug Kranke und Arme in Lage. Arm an Besitz und auch an Geist. Viele davon gehörten in ein festes Haus, weniger um ihrer Gefährlichkeit willen, als um der Aufsicht willen, die ihnen völlig fehlt. Es ist soviel tönendes Erz und klingende Schelle um sie herum, aber es mangelt die Liebe. Ob wohl dem Krüppel im Tempel jenseits meiner Grenze Liebe gegeben wird …?

Nirgends habe ich ein weibliches Wesen im engeren und weiteren Umkreise des Tempels entdeckt, und solch ein armes Geschöpf braucht doch treue Hände … Und warum es wohl frei herumläuft, wenn es einem doch verboten ist, ihm Gutes zu tun?

Ganz verloren und schüchtern bin ich mit diesen Fragen zu Eva gekommen, aber ein Granit kann nicht härter im Schweigen sein als sie. Auch bekommt sie, wenn man sie bedrängt, so hilflose Augen, denen gegenüber ich selbst hilflos werde. Ich frage dann nicht weiter, aber meinem offenen, mitteilsamen, liebebedürftigen Herzen sind diese Rätsel in und um Lage etwas sehr Quälendes. –

»Kleine Mädchen müssen nicht neugierig sein«, schreibt Ritter Lage. »Und nun vollends eine verständige Mutter von mindestens 25 Kindern, die ich so beiläufig zusammengezählt habe, und von denen die alte Korb-Sina am Ende des Dorfes die Älteste, Ohm Matthias der Zweite, ich selbst der Mittelste und Klein Erika die Jüngste ist. Oder hat man inzwischen noch ein Kind bekommen, das man meinem spürenden Spotte unterschlägt? Ich traue der jungen, unberechenbaren Regenschirmbase ein ganzes Waisenhaus zu. –

Haben Sie übrigens in dem Schatze Ihrer Märchen und Geschichten, die Sie den Dorfkindern auf Ihren Samaritergängen mit vollen Händen austeilen, auch das Märchen schlechthin von ›Gitti und dem Zornebock‹? Meine Großmutter erzählte es mir, mein geliebtes Großchen, das ich ›Grodeli‹ nannte. Und Sie sind das Urbild dieser Großmutter, die Ihre Urahne war. Deshalb nenne ich Sie in meinen Gedanken meistens Gitti, und mich können Sie als den Zornebock betrachten. Ach, es ist ein köstliches Märchen. Eben ein _Märchen_. Und ich rede und denke jetzt blühenden Unsinn, was ich doch bisher meiner verehrten Base ›Gitti Regenschirm‹ überließ.

Warum der Krüppel nicht von weiblichen, fürsorgenden Händen betreut wird? Weil nicht jeden das Ewigweibliche hinanzieht, sondern die meisten _hinab_. –

Warum er nicht in einem festen Hause verwahrt ist? Das geht Sie nichts an.

Clemens, der Enterbte.«

15.

Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Klein Erika war krank, mein süßes Kind. Wie schneidet es ins Herz, ein Hilfloses leiden zu sehen. Der Arzt war gar nicht recht bei der Sache, wie mir schien. Und schier spöttisch lehnte er meine eigenen Ratschläge ab, welche die Angst geboren hatte. Mir war, als denke er, daß Klein Erika wohl am besten bei seiner toten Mutter aufgehoben und hier auf der Welt doch nur unwillkommen und schließlich eine Last sei. Männerweisheit. –

Ich habe dann seiner Gleichgültigkeit gegenüber nach meinem Ermessen gehandelt, habe vorsichtig mit Umschlägen operiert, um das Fieber nicht hochkommen zu lassen und die Schmerzen zu lindern. Warum muß eine Mutter in das Reich der Schatten gehen und etwas so Zartes zurücklassen? Ich glaube, wenn ein krankes Kindlein aus der Mutterbrust trinkt, muß es gleich gesunden. Und ich habe nur _Liebe_ …

* * * * *

Fünf bange Tage konnte ich das Zimmer nicht verlassen. Das Lichtlein drohte immer auszulöschen. Ich bat Eva, die Lampe in der Kapelle zu betreuen, wurde aber mit einem barschen »Tut nicht nötig« abgewiesen. Nun mußt’ ich des öftern an das Dunkel denken, das den Clemens umgibt …

Heute trieb es mich auf den Friedhof. So lange hatte mich dies stille Fleckchen nicht gesehen, und ich wollte doch Tante Jesuliebe-Brigittes Grab so herrichten lassen, wie die Seltsame, die Eigenbrötlerin, die unendlich Gütige, es verdiente.

»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«, sagte einst der fromme Simeon. »Denn meine Augen …«

Ich rieb die meinen heute in unfaßbarem Staunen, – meinte, die Vision müsse verschwinden. Aber sie blieb leuchtend weiß vor meinen Blicken bestehen und hob sich von tiefdunklen Tannen ab. Die »~Pietà~« aus dem geheimnisvollen Tempel stand auf dem Grabe von Jesuliebe Lage. – Ich frage nicht, wie man sie hinzaubern konnte, ohne daß ich nur das Geringste davon gewahr wurde. Denn in der tiefen Stille meines Hauses und meiner weiteren Umgebung müßte man wohl das Rollen und Ächzen eines schweren Wagens vernehmen, dem solch ein Marmor anvertraut ist …

Ich frage nicht. In mir ist plötzlich der Wille geboren, alles, was Lage mir gibt, als ein liebes Wunder anzunehmen. Fragen sind laut, sind unharmonisch. Dies Marmorbildnis tönt wie eine große Symphonie. Die Liebe spannte alle Saiten, und ein gewaltiger Geist vermochte darauf zu spielen.

Ich wandle durch das Königreich der Freude. –

* * * * *

Mein Kindlein ist wieder gesund. Es schläft und trinkt und tut sonst allerhand, was ich wie die gewiegteste Familienmutter beurteilen lerne. Über natürliche Dinge wird hier im Dorfe mit größter Offenheit gegen jedermann gesprochen. Zweideutigen Witz aber kennt man nicht. Ich könnte meine ganze Umgebung mit dem altmodischen Worte »keusch« bezeichnen. So war meine Mutter Pauline, und ich finde sie nun in fast allen Dorffrauen wieder. Von meinen Leuten scheint noch niemand die ~Pietà~ gesehen zu haben. Ohm Matthias meidet jeden Gedanken an Tod und Vergänglichkeit, Tante Fernande lebte mit Jesuliebe Lage auf gespanntem Fuße. Eva schweigt sich aus, und ich würde es auch nicht ertragen können, von irgend jemand Kritik zu hören. Von dem Heiland in den Armen der Gottesmutter geht eine unsägliche Liebe aus, und von der Maria, in deren Herzen man die sieben Schwerter ahnt, leuchtet eine Tapferkeit, daß ich jede bange Mitschwester zu diesem herrlichen Bilde schicken möchte, auf daß sie den Kampf mit dem Leben wieder aufnähme.

Nach dieser Morgenfreude konnte ich hochgemut durch das Dorf gehen und jeglichen Kleinmut, Bitterkeit, Neid, Scheelsucht und sonstige Lieblichkeiten siegreich überwinden. Bis in das letzte Häuslein drang ich heute. Da wohnt die Korb-Sina. Eine alte, wunderliche Frau hoch in den Sechzigen, mit Adlernase und funkelnden, schwarzen Äuglein. Sie wird gefemt im Dorfe ob ihres Lebenswandels, den sie in der Jugend führte. Da soll kein Bauer in Lage gewesen sein, dem sie nicht das Herz rascher klopfen machte; man sieht es den Ehrbaren und Finsteren heute nicht mehr an, daß sie um der schönen Sina willen vom Pfade der Tugend gewichen. Heute flicht die alte Sina die Körbe, die sie leider vergaß, in ihrer Jugend auszuteilen, und ihr zahnloser Mund erzählt unermüdlich alle Schlechtigkeiten, welche die Lager Männer nach ihrer Meinung einst an ihr begangen, in die Ohren ihrer Enkelin hinein. Es ist das uneheliche Kind ihrer eigenen unehelichen Tochter, die aber längst gestorben. Um dieser Enkelin willen besuche ich die Korb-Sina und höre ihre endlosen, wilden Geschichten gelegentlich mit an. Maria Dörping ist ein schönes, herbes Mädchen, das ungeheuer einsam seinen Weg bisher gegangen ist. Sie hält das Haus der Großmutter in tadelloser Ordnung, zieht in dem kleinen Gärtchen die schönsten Rosen, Reseden und Heliotrope, von denen sie mir jedesmal mit ernstem Gesicht einen Strauß bringt, den ich daheim zwischen die Bilder meiner Eltern stelle. Haus Lage selbst beut mir noch keine Blumen dar. Da wuchert nur Ilex ringsumher mit unwahrscheinlich großen, roten Beeren. Doch nein, ich vergesse den Busch Jelängerjelieber, der sich baumartig hoch an Haus Lage anschmiegt. Er duftet stark und süß in mein Arbeitszimmer hinein. Maria Dörping hat sich das kleine Haus am Dorfende überaus schmuck hergerichtet. Von der Genialität der Großmutter ist nichts auf sie übergegangen. Wie Kraut und Rüben wuchern alle Gegenstände um die alte Frau herum, aber Maria schafft immer wieder Ordnung. Auch einen Hausaltar hat sie aufgebaut, trotzdem sie lutherisch ist. Aber die Dörfler sind so unduldsam, daß sie selbst in der Kirche die Nachbarschaft der Korb-Sina meiden, und so betet auch die Enkelin lieber daheim in ihren vier Wänden. Sie hat ein altes, zerbrochenes Altarbild gefunden und dies vor eine große Kiste gestellt, hat alles mit einer sauberen weißen Decke mit breiter, gehäkelter Spitze überdeckt, große Ilexsträuße, die in der Gegend des Försterhauses am dichtesten wachsen, darauf gestellt und läßt von ihnen ein hohes Kreuz umrahmen, das sie sich von Münster mitbrachte, wo Maria für ein Geschäft feine Nähereien arbeitet. Auf dem Altarbild steht mit mächtigen geschnörkelten Buchstaben geschrieben:

HErr CHRIST iss aufferstanden Van all den Dodesbanden, Darob verjubelliert met schall Undt jubels laut o Christen all. Verswunden iss all Sorge itzt, Erstanden iss Herr JESU Christ Diweyl ER überwunden: Das Heyl for uns gefunden.

Es ist wohl eine uralte Reliquie, und die Großmutter ist sehr stolz darauf. Auch auf ihre Enkelin ist sie’s, und zeigt es auf ihre Art. Argwöhnisch wacht sie über dem Mädchen, läßt sie kaum aus den Augen, und kehrt Maria Dörping von einer ihrer Reisen zurück, so wird sie von der quälenden, forschenden Neugierde der alten Frau förmlich überfallen. Es ist, als ob die Enkelin alle Tugenden besitzen müsse, um welche sich die Großmutter in eigener Jugend nie gekümmert. – Bewerber für die schöne Maria sind noch nicht unter das Dach des letzten Hauses in Dorf Lage getreten. Jeder stößt sich an dem schlechten Ruf der alten Frau, die sowohl innerlich als äußerlich und auch mit der krächzenden Stimme recht an die Hexe im Pfefferkuchenhaus gemahnt. Ich aber kaufe Körbe über Körbe, die teils zierlich, teils derb und fest von der alten Frau geflochten worden sind. Sie gibt sie nicht billig her, aber ich handle nicht. Und jedesmal krächzt sie widerwärtig, wenn sie glaubt, mich übers Ohr gehauen zu haben. – Maria aber sieht mich mit ihren tiefen, guten Augen ernst und dankbar an. Um dieses Blickes willen gehe ich immer wieder in das seltsame Haus. –

Ritter Lage schreibt:

»Es lohnt sich wohl, eine ~Pietà~ zu meißeln, wenn man solch einen Dank dafür empfängt. Ich sah ein Paar so leuchtende Blauaugen …

Und ich sah ein junges Menschenkind federnden Schrittes davoneilen und sah es Bäume umarmen. Das nenne ich _Dank_. Keine Jury der Welt könnte einem Künstler _so_ lohnen. – –

Im übrigen macht es mir eine unbändige Freude zu beobachten, wie die liebe Regenschirmbase im Walde der Schwierigkeiten Bäume fällt. So ein echtes ›Mutterchen‹. Ich habe Tränen gelacht (in Holland natürlich), als ich durch ein Riesenfernrohr sah, wie Sie dem spannenlangen Erdenwürmchen Wadenwickel machten. Ohne daß auch nur eine Spur von Wade vorhanden war. – Der liebe Gott hat ebenso gelacht wie ich und das Kind gesund werden lassen zum Lohne Ihrer Tapferkeit und zum endgültigen Siege über die neunmal kluge Medizin und ihre Vertreter. –

Den Verkehr mit der Korb-Sina sehe ich nicht sehr gern. Die alte Dame ist der Extrakt von sämtlichen Hexen, Alben und bösen Königinnen unserer Märchen und paßt gar nicht zur verehrten Regenschirmbase, bei der die Engelsflügel nur noch Frage der Zeit sind. Hinwiederum billige ich das Aufstapeln der Körbe in Haus Lage sehr. In Scharen werden die Freier antreten. Bitte, legen Sie Fußangeln und Selbstschüsse. Ein Hausschild mit der Inschrift ›Bissige Hunde‹ habe ich bereits gemalt, es steht zu Ihrer Verfügung. –

Der Enterbte.«

16.

Der Sonntag begann heute so wunderschön und endete so wunderlich, – die Kirchenglocken läuteten in den klaren Morgen hinein, mein Lage sah aus wie eine Märchenprinzessin, die sich zum Empfang des Prinzen rüstet, der sie heimführen will. Nun ich ihn niedergeschrieben habe, muß ich über den Vergleich lachen. –

Pastor Oswald hielt eine kernige Predigt. Sein ganzes Wesen ist kurz und bündig, einfach und schlicht. Viel schlichter, als es bedingt wäre. Denn Eva erzählte mir, daß er einer reichen Hamburger Familie entstamme, und daß seine Mutter aus gräflichem Hause sei. Er habe alles beiseite getan und sei aus innerem Antriebe Pfarrer geworden. Das Pfarrhaus unterscheide sich in seiner Einfachheit in nichts von den Bauernhäusern. Ich mag den frischen Gesellen wohl leiden. Habe ihn auch gebeten, jeden Sonntag mit mir zu essen. Wenn es irgend paßt, kommt auch die Lehrersfamilie mit dazu. Nur ist da schon allerhand Kleinzeug, und die Eltern sind nicht immer abkömmlich. Aber es ist das, was ich mir wünsche: Pfarrhaus, Lehrer- und Gutshaus Hand in Hand. Pastor Konrad Oswald hüllt sich in ablehnendes Schweigen, wenn das Gespräch einmal auf seine zukünftige Frau Bezug nimmt. Ohm Matthias ist darin nicht sehr taktvoll. Er bohrt den Geistlichen jeden Sonntag von neuem mit seinen Fragen und Scherzen an. Selbst Tante Fernande hat es ihm schon des öfteren verwiesen, freilich mit dem verblüffenden Zusatze, daß der Pastor meinen könne, sie selbst habe Absichten auf ihn. Mein helles Lachen nahm sie sehr übel. –

»Ein evangelisches Pfarrhaus ohne Frau ist wie ein Haus ohne Dach«, kam ich scherzend meinem Ohm zu Hilfe; aber da traf mich ein so leuchtender Blick aus Pastor Oswalds Augen, daß er mich verwirrte und ich fürderhin eine recht schweigsame Hausfrau für die kleine Tafelrunde abgab.

Oh, nur das nicht! Nur jetzt nichts Verwirrendes, Hemmendes in mein Leben tragen, das der _Arbeit_ gewidmet sein soll. Der Arbeit, die aus der Menschenliebe geboren wird. Riesenkräfte fühle ich in mir, meinem Hause, dem Dorfe, allen denen, die mühselig und beladen sind, ein fester Untergrund zu sein. Und freuen will ich mich mit den Fröhlichen. Ich meine, es gibt deren viel zu wenig in Lage. Nur das Lehrerhaus ist ein wirklich fröhliches, da bin ich so gern daheim.

Man sagt, es sei leichter, Mitleid zu hegen, als Mitfreude. Oh, dies paßt dann nicht auf mich. Grenzenlos kann ich mich mit anderen freuen. Vielleicht liegt es daran, daß an meines herrlichen Vaters rundem Familientisch jeden Abend das gleiche, alte Lied angestimmt wurde: »Wir sitzen so fröhlich beisammen und haben einander so lieb … Und jeden, _ja jeden wird’s freuen, wenn einem was Gutes geschah_.« –

So ist dieser Begriff der Mitfreude mir ganz in Fleisch und Blut übergegangen. –

Doch wohin ich meine Augen schicke, sie treffen auf Not, auf Trauer, tiefen Kummer und Elend, auf Krankheit und Siechtum. Eigentliche Armut kennt Lage nicht; es hat wohl jeder Hausvorstand, wenn er fleißig ist, sein gutes Auskommen, aber von den älteren Leuten ist kaum eines recht gesund, außer Maria Dörpings Großmutter, die sich der bekannten Zähigkeit des Unkrautes erfreut. –

Aus all diesen Erwägungen heraus will ich ein Krankenhaus in Lage bauen. Auf sonnigem Grund, auf einer schönen großen Wiese soll es stehen. Im Rücken wird das Haus den Wald haben, der es vor scharfen Winden, die hier im Winter empfindlich blasen sollen, schützen wird. – Als ich Ohm Matthias von meinem Plan erzählte, sang er mit höchst unmelodischer Stimme: »Kommt ein Vogel geflogen«, und tippte auf seine Stirn. Desto herzlichere Zustimmung bekam ich vom Lehrer Hein Borgers und seiner prächtigen Frau »Mien«. Ihre frohe Lebensbejahung bildet eine rechte Kraftquelle für mich. Und Pastor Oswald »steckte wieder seine Lichter an«, wie ich heimlich sage. Ich habe nirgends wieder so klare, strahlende Augen gesehen von der Bläue eines tiefen Bergsees. Er drückte mir, wie schon so oft, mit Urkraft die Hand, daß ich meinte, meine Rechte müsse nach diesem Drucke einfach auf den Boden fallen. Er ist danach immer sehr unglücklich, kann sich aber diese urwüchsige Art der Zustimmung nicht abgewöhnen. –

Gleich nach der Kirche machte ich meine Besuche im Dorfe. Sprach auch bei Maria Dörping vor, die gerade ihre Hausandacht beendet hatte. Großmutter sperrte alle Fenster der Diele auf und bemerkte bissig, daß allzu arge Frömmigkeit schlechte Luft mache. Da hat dann Maria eine eigene Art, sie anzusehen, worauf die alte Frau sich brummend verzieht. –

Maria Dörpings Freudentränen über meinen Krankenhausplan waren mir eine rechte Sonntagsgabe. Ich habe mit der Herben viel gute Pläne durchgesprochen. Auf dem Rückwege sah ich ein sehr hübsches, sehr üppiges Mädchen an einem Zaune stehen. Sie knickste und bat mich, doch auch einmal in ihr Haus einzugehen, Vater und Mutter würden sich so sehr geehrt fühlen. Es klang mir wie Spott aus ihren Worten, aber sie hatte ihre Mienen gut in der Gewalt und lief überraschend anmutig für ein Dorfkind vor mir her ins Haus.

Dorfschmied Klas Tönnings ist ein Hüne, seine kleine, zarte Frau sieht zu ihm auf, wie zu einem Heiligen. Wie kann eine Tochter so verschieden von ihren Eltern sein! Die Augen des Ehepaares sehen bedachtsam in die Welt, im Blicke der Mutter liegt etwas Schüchternes, um nicht zu sagen Verschüchtertes. Der Schmied soll an Jähzorn leiden, und irgendeine dunkle Geschichte liegt ob dieses Zornes in seiner Vergangenheit. Die Tochter scheint ihm ohne Erfolg um seinen rötlich struppigen Bart zu gehen, der ihm fast bis auf die Brust herabhängt. Vater Schmied bewacht seine Tochter mit Augen und Mienen, ich meine die Kandare zu sehen, an der er sie hält. Die Mutter streichelt hie und da verstohlen die hübsche, gepflegte Hand der Tochter, die diese dann unwillig zurückzieht. Das sind so meine Beobachtungen. Irgendeinen Zweck verfolgt das Mädchen, da sie mich in die Schmiede bat, – und diese Erkenntnis stört mich in meiner Unbefangenheit. – Als ich dann fortging, bot sie mir ihre Begleitung an, und da auch der Schmied es zu wünschen schien, so wehrte ich mich nicht. Gese Tönnings ist mir unsympathisch, aber als ich sah, wie sie ganz in Klein Erika aufging, und wie flink ihre Bewegungen waren, kam mir der Gedanke, sie mir als Kinderpflegerin anzulernen. Denn bei der Ausführung meiner vielen Pläne werde ich oft außer dem Hause sein. –

Nach Tisch fuhren plötzlich Wagen vor. Ich trank gerade mit Pfarrer Oswald und Tante Fernande den Mokka, Ohm Matthias saß grollend in seinem Gemach, weil der evangelische Pfarrer ihn störte. Eva meldete die Heidkamper Herrschaften und Baron Ellers. Es sind meine nächsten Nachbarn, doch immerhin 20 Kilometer von Lage entfernt. Überaus rasch fand ich mich mit Herrn und Frau von Heidkamp in den gleichen Anschauungen. Sie sind freilich alle älter als ich und kargten nicht mit guten Ratschlägen und Mahnungen, die ich gewiß beherzigen werde unbeschadet meiner Selbständigkeit. Denn ich komme ja als Fremde hierher, und Thüringer Sitten und Gebräuche werden sich schwer in meine bodenständigen Leute einpflanzen lassen. So muß ich die Umlernende sein. Baron Ellers, der überraschend gepflegt und nach dem »~dernier cri~« der Großstadt aussieht, versetzte mir sofort allerhand vergnüglichen Klatsch aus der Umgegend. Auch Lage selbst schonte er nicht. Bei verschiedenen Geschichtchen sah ich ihn erstaunt-ablehnend an, dann räusperte er sich und wurde für den Rest des Tages recht manierlich. Er meldete mir auch gleich drei oder vier weitere frauenlose Freunde teils aus Münster, teils vom Lande an, die sich »nächsten Sonntag die Ehre geben wollten«, und natürlich mußte ich an die Fußangeln und bissigen Hunde des »Enterbten« denken.

Und gerade, als ich an ihn dachte, sprachen sie von ihm. Er scheint allen Leuten Rätsel aufzugeben. Man fragte mich, ob er die wunderbare »~Pietà~« selbst aus Holland hergeleitet habe, ob er mir seinen Besuch gemacht … Ich antwortete kurz verneinend und war endlich froh, als sie alle wegfuhren. Wie wenig passend fügen sich all diese geselligen Töne in die stille Harmonie meiner Einsamkeit. –

Kurz vor dem Abendbrot erschien noch ganz unerwarteter Besuch, der im Ruhestand lebende Pastor Külpers. – Er war mir in seiner steifen Zugeknöpftheit, die er zu Anfang zeigte, aber noch angenehmer, als in der väterlich bevormundenden Art, die er im Laufe des Gespräches herauskehrte. Würde eine liebe, alte Pfarrfrau in weißem Haar, bekannt und vertraut mit allen Familien, Tugenden und Untugenden meines Dorfes, mir Ratschläge gegeben haben, ich würde sie ohne Vorbehalt dankbar annehmen. Aber diesem lehrhaften Tone des alten Herrn gegenüber, der mit messerscharfer Unduldsamkeit jegliches Tun und Lassen seiner Mitmenschen, Vorgänger und Nachfahren kritisierte, ließ mich aufmucken. –

Es hat bis jetzt noch nichts Gnade vor seinen Augen gefunden, was ich getan, angeordnet und unterlassen habe, aber ganz besonders mein Nichtbeachten der verschiedenen Konfessionen in meinem Dörflein scheint ihm bitteres Unbehagen zu schaffen.

»Sie haben es sich gewiß gar nicht überlegt, gnädiges Fräulein, was für böses Blut es machen muß, wenn Sie in Ihr protestantisches Haus, dem die brave, fromme Eva vorsteht« … »Meinem Hause stehe ich vor«, warf ich ein. Er beachtete es gar nicht … »nicht nur einen streng katholischen Verwandten dauernd aufnahmen, sondern auch, wie ich heute zu meinem schmerzlichen Bedauern sah, der leichtfertigen Tochter des gleichfalls katholischen Schmiedes Tönnings Einlaß gewährten. Überhaupt würde ich vermeiden, anrüchige Personen zu besuchen, wie z. B. die Korb-Sina.«

»Da bin ich anderer Meinung,« widersprach ich, »ich habe tiefes Erbarmen mit Maria Dörping, der Enkelin, sie trägt schwer an dem Verfemtsein ihrer Großmutter.«

Der Pfarrer lächelte mild über meinen Eifer. »Sie sind noch stürmend jung, gnädiges Fräulein, es ist die Pflicht alter Leute, Sie auf mancherlei Gerede aufmerksam zu machen, das sich über Ihrem Kopf zusammenzieht …«

»Mancherlei Gerede ist Klatsch«, sagte ich mit eisiger Abwehr.

»Da ist z. B. die Clemenskapelle drinnen im sogenannten Holländer Wald, ich bin nie dort gewesen trotz meiner langjährigen Tätigkeit hier, – man hat Sie gesehen, wie Sie mit einem Ölkrüglein die ewige Lampe füllten, – Sie sind Protestantin …«

Ich stand so rasch und ungestüm auf, daß mein Stuhl umfiel.

Und blieb stehen und sah den alten Mann an, ganz fest, und ganz schweigend. Hier ist also meine Achillesferse …

Und dann hörte ich, wie die Tür hinter ihm ins Schloß klappte.

Ritter Lage schreibt: »Tat’s weh, kleine Regenschirmbase? Ja, das ist nun so echt Lage. Aber nun nicht gleich denken, daß aller Schmelz von dem Bilde fort ist, das sich das phantasievolle Geschöpfchen so nett zurechtgemalt hatte. Es ist richtiger, wenn Sie etwas nüchterner werden. Vielleicht hat auch der Herr Pfarrer in manchem recht. Wer zu großen Dingen auf dem Wege ist, soll sich nicht mit kleinen aufhalten. Den Nadelstich mit der Clemenskapelle lassen Sie sich nur gefallen. Ich wußte es gleich, daß dieser rührende Liebesdienst, den die Protestantin dem Heiligen erwies, einen Sturm im Wasserglase verursachen würde. So etwas versteht niemand, nicht einmal ich. Denn wir gehen gewöhnlich im Trott und im ausgefahrenen Gleise. Aber ich kannte und verehrte Vetter Ernst Lage. Nur er konnte einen solchen Außenseiter zur Tochter haben, – Sie können aber jetzt ganz unbesorgt und folglich streng zurückhaltend sein. Ich werde die Lampe nie mehr verlassen, noch versäumen. Warum wollen Sie den Lagern Ursache geben, ›ihr Maul dreinzuhängen‹, wie die Bibel sagt? Sie wissen ja auch, daß sich Flecke am schärfsten von weißem Grunde abheben. Kleines weißes Bähschäfchen! Wieviel Wolle wird man Ihnen noch ausrupfen! – Zum Schluß noch gute Ratschläge: Seien Sie ein wenig strenger mit Ohm Matthias und ein wenig netter mit der alten Eva, sie verdient es um Sie.

Der Enterbte.«

War ich nicht gut mit dir, alte Eva?

Wer ist schuld an dem Mißtrauen, das ich dir seit einiger Zeit entgegenbringe?

Als ich es Eva beinahe abbittend sagte, fing sie an, bitterlich zu weinen. Aber meinen drängenden Fragen setzt sie doch Schweigen entgegen. So will ich nun eben gut mit ihr sein …

17.