Part 2
»Was nicht noch alles, Eva?« fragte ich, »woher hast du die Weisheit?«
»Ei nun, das Lager Fieber kenn’ ich seit siebenzig Jahren, und das von der Luft steht sogar aufgeschrieben.«
»Wo denn, Eva? Wo steht’s geschrieben? Oh, ich fiebere wirklich vor Erwartung, die ganze Lager Luft liegt voller Geheimnisse.«
»Ein Geheimnis ist es just niet« (Evas Sprache hat einen holländischen Anklang), »aber graulich ist’s freilich anzusehen«, orakelte sie.
»Drunten in der Gruft liegt’s in einem offnen Sarg. Da sollte der Herr Joochen Lage, † 1642, drinnen liegen, aber nur das Pergament fand man anstatt seiner.«
Mit solchen Enthüllungen soll man nun zufrieden und ruhig sein. Natürlich nahm ich mir vor, sofort, gleich in der nächsten Minute in die Lager Gruft hinabzusteigen, die sich unter der nahen Kirche befindet. Besonders da Eva mich angstvoll beschwor, dies erst am 7. Tage zu tun, da sonst Gefahr bestünde, daß ich selbst noch im selben Jahr in die gleiche Gruft überführt würde. ’s ist ein hartgesottner Aberglaube hier rundherum, möcht’ ich ihn doch verjagen können mit frisch-fröhlichem Gottesglauben …
Eva hätte mich auch nicht von der Gruftbesichtigung zurückhalten können, so tat es ein Brief.
Der holländische »Enterbte«, wie er sich nennt, scheint großen Anteil zu nehmen an meiner Anwesenheit im neuen Besitz. Es sind zwar nur wenige Zeilen, aber warum schreibt er überhaupt? Mehr als einmal? Mehr als nötig? Wir kennen uns nicht. Und fast möcht’ ich sagen, seine Worte verwirren mich …
»Ich schätze, die verehrte Regenschirmbase ist mit dem Vertilgen von Staub, Spinneweben und ›Fledermäusen‹ zu Ende gekommen. – Ich sehe aus der Ferne Haus Lage schimmern und leuchten im Glanze des Mondes. Denn wir haben doch jetzt Mondschein in Lage? Wenn auch abnehmend. Und ich kalkuliere, in solch einer Mondscheinnacht wird man jetzt der alten Eva zum Trotz (meine Empfehlung an sie, sie kennt mich als ›Ritter Lage‹) in die Gruft der Väter hinabsteigen und – hu! – den Deckel von des Urahnen Joochen Sarg zurückschlagen und schaudernd lesen: ›Lager Luft verwirret Kopf und Herz.‹ – – – Es kommt darauf an, Regenschirmbase; manchmal schafft diese Verwirrung die einzig richtigen Begriffe.«
Unterzeichnet sind diese närrischen Büttenpapierberichte mit »Vetter Lage, der Enterbte.«
Als ob ich ihn enterbt hätte. Und eine Anschrift ist nie dabei. Holland ist groß. Wohin soll ich ein Gegenzeichen schicken? Ihm scheint auch gar nichts an einem solchen zu liegen. Aber da er mit dem Ahnungsvermögen eines indischen Fakirs meinen Gedanken und Vorsätzen nachspürt, so will ich wirklich erst am 7. Tage in die Gruft der Lages steigen und mich durch nichts ins Bockshorn jagen lassen. Ganz gelassen fragte ich heute die alte Eva nach dem »Ritter Lage«. »Jesus! Der Clemens!« schrie sie auf. »Ob ich ihn kenne? Da könnt’ gnädig Frölen ebensogut fragen, ob ich die Lager Kirche kenne, in der ich doch jeden Sonntag bete. Gott verzeih mir die Sünde, daß ich den Schlingel und die Kirche in einem Atem nenne, obgleich, – er war der Beste von allen Lages, von _allen_«, murmelte sie.
»Bitte, nimm doch immer meinen Vater aus; ja, Eva?« betonte ich kriegerisch; »er war unter allen Umständen der Beste.«
»Hab’ die deutschen Herren Lage nie gekannt,« entschuldigte sie sich mit dem ihr eigenen tiefen, altmodischen Knicks, »nur die von Holländer Seite.« –
»Steckt ein Geheimnis hinter dem ›Ritter Lage‹, oder kannst du mir von ihm erzählen?« fragte ich.
Ein Lächeln huschte über ihr altes Gesicht, das es seltsam verschönte. Ganz jung sah die alte Eva aus. – »Da reicht wohl mein altes Leben nicht mehr hin, wollt’ ich vom Junker Clemens alles erzählen«, sagte sie, und ihre Stimme hatte einen liebkosenden Klang. »Ich war die junge Frau des Hausmeisters, als er geboren wurde. Seine Mutter starb im Wochenbett, und da ich selbst mein drittes Kind nährte, so gab man mir das Neugeborene mit an die Brust. Bis der düstere Vater ihn mit sich nach Holland nahm. Schier gestorben wär’ der Kleine beim raschen Nahrungswechsel; aber das kümmerte den Herrn Baron nicht. Bis der Herr dann selbst starb und der Junker zurückkehrte und von gnädig Frölen Jesuliebe erzogen wurde im Hause seiner Väter.« Eva lachte unhörbar vor sich hin. »Von da ab hat es rumort und gespukt im alten Häuschen, im Park, am See, im Busch, am Reihersteig und in der Gruft seiner Ahnen. Überhand trieb er Hallodria, und konnt’ doch auch so ernsthaft dasitzen und meine Geschichten, die ich ihm so ›zwischen Lichten‹ erzählte, mit Augen und Herz verschlingen. Nur irgendwelcher ›Aberglaube‹ konnt’ ihn wild machen, und da zankten wir uns oft drum. Denn er hielt vieles für Aberglauben, was doch heilig …«
Ich klopfte ihr die runzlige Wange. »Laß nur gut sein, Eva, – viel Heiliges ist da sicher nicht dabei.«
»Was weiß so ein Junges«, murmelte sie. »Man muß in alten Schlössern hausen, da nimmt man vieles wahr, was sonst kein Mensch weiß.«
»Das haben schon Größere vor dir behauptet, meine gute, alte Eva, und seit der Zeit redet sich mancher darauf hinaus.«
»Gnädig Frölen wollten vom Junker Clemens wissen …«
»Wenigstens vom ›Ritter Lage‹.«
»Nun freilich. Da hatte der Junker einmal etwas ganz Unerhörtes ausgefressen – um Vergebung –, so sagt man hier in Lage. Er hatte als ›weiße Frau‹ gespukt, und die gnädige Großtante war drüber krank geworden. Freilich wurde sie bald wieder gesund, und der Schelmenjunker hat ihr während der ganzen Zeit vorgelesen, trotzdem er mit der Lager Jugend auf Erntedankfest tanzen sollte, – er war damals so siebzehnjährig. Da sitzt man ungern bei einer Großtante. Es wurde aber Familienrat gehalten, da kamen alle seine Streiche zutage, – Jesus, es war eine Liste wie vom Steueramt. Unten saßen sie in der großen Halle, und der gestrenge Ohm aus Holland, von dem er dann der Erbe war, geruhte, auch zugegen zu sein. Da wurden dann Strafen festgesetzt, daß einem die Haut schaudern konnte, und die eine Tante selig vom Junker Clemens hätte ihn am liebsten in das Gefängnis von der Ruine getan, das immer noch ganz wohl erhalten ist. Mit einemmal – ich brachte gerade ein großes silbernes Brett mit den feinsten Porzellantassen und -kannen herein, um den Tee zu reichen –, also mit einemmal schlägt der große schwarze Ritter unten in der Halle sein Visier zurück und spricht mit tiefer, hohler Stimme: ›Es sei ihm alles verziehen! Er hat die wunderliche Milch der Mutter Eva getrunken … Vergebung dem Sünder!‹ Ich hör’s heute noch und seh’s noch, wie sie erst alle erstarrt saßen, die ganze hohe Sippe, und wie sie dann kreischten und die Stühle umwarfen, und wie der Saal leer wurde in großer Hast. Und ich hielt das Tablett in meinen zitternden Händen, damit die feinen Tassen meiner gnädigen Herrschaft heil blieben. Aber ich dachte, nun kommt dein letztes Stündlein. Da hob sich noch einmal das Visier, und der schwarze Ritter sagte: ›Gib mir ’ne Tasse Tee, Eva, und hilf mir aus dem Dingsda ’raus.‹ Jesus, da war’s der Junker, und nun wurde ich auch böse, aber dann kriegt’ ich’s mit dem Lachen, ich gottlose Person, und half dem Schelm. Er hat auch keine Strafe gekriegt, denn die hohe Sippe ist’s nie gewahr worden, wer aus dem Ritter sprach. – Ich hab’ es aber immer gesagt: dem Junker Clemens ist alles heilig und nichts.« –
»Eva,« sagte ich, »jetzt muß ich nur noch fragen, was ist aus ihm geworden? Denn ein ›reicher Mann‹ ist mir zuwenig für diesen Ausbund. Was ist er sonst noch?«
»Da fragen mich gnädig Frölen zuviel. Junker Clemens hatte große Pfunde bekommen, aber wie er damit gewuchert hat, ist mir verborgen. Für mich wird er allezeit der ›Junker‹ bleiben mit dem Übermut und dem Unverstand und dem goldenen Herzen. Wenn er auch längst in den Vierzigen sein muß und nie mehr herkommt und sein Unglück in Holland verschließt.«
»Sein Unglück, Eva?«
»Ach, so geht es nun, man wird geschwätzig. Gnädig Frölen können da kein Anteil nehmen, dazu ist die Verwandtschaft zu weit.« Überhebend zuckte sie die Achseln. Als gehöre ihr der Ritter Lage mit Haut und Haar. –
»Du nimmst doch auch Anteil an ihm, Eva, und bist gar nicht mit ihm verwandt.«
Sie sah mich an, lange schweigend an. – »An meiner Brust hat er getrunken …«, sagte sie dann ruhig.
Da faßte ich die alte Dienerin rundum und küßte sie. »Du hast recht, Eva, und ich habe geredet wie ein dummes Kind. Aber du weißt, ich bin einsam …«
Sie streichelte mich ungeschickt. »Hab’s nicht bedacht. Einsame Menschen haben oft Liebe zu aller Kreatur … Aber man verschließt es in sich … Ach, ich bin eine Schwätzerin …«
»Du bist meine liebe, gute Eva. Nun möcht’ ich dich nur noch fragen: Kann man dem ›Junker Clemens‹ nicht helfen? Wenn ein Lage im Unglück ist, so haut ihn die Sippe doch heraus …«
»Als ob ich den Junker selbst reden hörte. – Nein, gnädig Frölen, – dem kann keine Sippe helfen.« Sie sprach hastig und leise in mein Ohr. »Er hat rasch und unbedacht gefreit, – nun hat er ein irres Weib. Seit 20 Jahren! Das ist wohl Unglück. Und einen Knaben hatte er auch, – ein armes, unglückliches Kind, vielleicht ist’s lang gestorben, und – Gott walt’s. – Aber das ist mein Leid, daß der Junker nicht alles hat der alten Eva zu tragen gegeben. Hab’ mir den Kopf zergrübelt, weshalb er’s nicht tat. Bin drüber alt geworden, und man wird mich betten, ohne daß ich meinen Junker Clemens wiedersah.«
Sie schlurfte hinaus und war mit einemmal gebückt und kümmerlich. Und ich weiß jetzt, warum der Ritter Lage sich den »Enterbten« nennt.
7.
Viel Seltsames erlebe ich in Haus Lage …
Es scheint mir unfaßlich, daß ich 25 Jahre in Thüringen lebte, und daß während dieser Zeit dies alte Haus tot für mich war. Denn überlebendig zeigt es sich jetzt und eng mit mir verwachsen, als ob es nur gewartet hätte, bis ich kam, um mich fest und unzerreißbar in seinen Bann zu ziehen.
Heute fand ich wieder ein seltsam Gelaß. Ein Ring war mir vom Finger gefallen, der blaue, leuchtende Saphir mit dem Kranz von alten, in Platin gefaßten Diamanten, der unter Tante Jesuliebes Schmucksachen für ihr Patenkind sich fand. Ich begab mich sofort auf die Suche, und als ich ihn in einer Ecke entdeckte, sah ich auch ein Türchen, fast am Erdboden klebend, und seltsame Zeichen trug es durcheinander verschnörkelt. Aber mit Hilfe eines brennenden Wachsstockes entzifferte ich mühelos die schlichte Mahnung: »~Ora et labora.~«
Das ~labora~ tritt einem hier ja überall entgegen, das ~ora et labora~ lehrten mich Vater und Mutter durch ihr Beispiel. Ich strich liebkosend über den Spruch, da sprang das Türlein auf. Und in seiner kleinen, dunklen Höhlung lag wieder ein Buch, danach ich gierig griff.
»Mit Gott, Brigitte Lage, zünd an! Zünd an!«
Du, der du allwissend bist und mich an deiner starken Hand hältst, hilf mir, daß ich den Weg finde …, den rechten Weg. –
8.
’s ist tiefe Nacht. Aber ich will mich nicht zur Ruhe legen, ehe ich meine Gedanken und das, was ich bis zum Abend erlebte, klar gesondert habe. Bis jetzt, seit meiner Rückkehr aus dem Lager Forst saß ich mit gefalteten Händen und sann, – und sann. Draußen hat Eva um die Abendbrotzeit an meiner verschlossenen Tür gerüttelt und nicht eher Ruhe gegeben, bis ich ihr zurief, daß mir nicht gut sei und ich keiner Speise und keines Trankes bedürfe. Das Alleinsein würde die beste Arzenei sein. Da ist sie gegangen, laut vor sich hinmurmelnd. Vielleicht übertreffe ich an Narretei die ganze Sippe Lage, die ihr durch die Finger lief.
Ich war mit raschen Schritten am heutigen Frühnachmittage ausgezogen. Jetzt dünkt’s mich wie ein Märchen von der Prinzessin »Weißnichts« aus dem Hause »Ohnearg«, die »alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen«.
Wie auf verbotenen Wegen schlich ich mich ums Forsthaus herum, um ja nicht die Herren Nordstamm aufzustöbern. Am Arm den kleinen Binsenkorb, der die handfeste Atzung für Vesper und zugleich Abendbrot barg. Bis an die Grenze schritt ich, da wo das Waldweibchen drohend und zugleich lockend seine knorrigen Arme reckt, – dann blieb ich tief atmend einige Minuten stehen, auf daß ich voll Andacht in den Märchenwald eingehen könne.
Wie still er schien, und wie lebendig er war!
Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, ich könnte ihn nicht schildern, aber ich habe die _Liebe_, und deshalb vermag ich es:
Ich wandelte durch Dome, in denen tiefe Glocken läuteten, ich ging durch Waldhüttchen hindurch, drinnen Zwerge kauerten und kicherten und meine Kleider neckend streiften. An Riesenharfen schritt ich vorbei, deren Kiefernsaiten von Harz troffen und einen Duft ausströmten, der wohl Schwersiechen den heiligen Trost zurufen konnte: »Auf, nimm dein Bett und wandle!«
Es grüßten mich Riesen und schauten wildgnädig auf das Menschlein, das unter ihnen ging, es nickten mir spottend Alräunchen zu und schabten ihre Fingerlein: O du Prinzessin Ohnearg und Weißnichts! Und waren doch alle nur Bäume und Bäumchen.
Dann wieder taten sich Kirchen auf aus silberstämmigen Buchen, an denen nicht Tadel noch Fehl war. Ihre Wipfel reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß er sie segne. –
Und dann kam der tief-tiefe Tannenwald. Edeltannen, bodenständig, mit silbernem Schein, die mich ernst willkommen hießen, zarte Douglastannen, die noch bange zitterten vor ihrer eigenen Schönheit. Birken standen dazwischen, mit zartgrünen Schleiern ihre Reize verhüllend, und sie hatten kleine, schwarzweiße Pilzwächter zu ihren Füßen hingewiesen … Auch Kindertännlein wuchsen ringsumher, wohlgezogene und doch fröhliche kleine Gesellen, und zwischen ihnen lag die rostbraune Heide, in deren Winterdolden der Frühlingswind harfte. Und über all dieses hatte die Sonne ihre warmen, leuchtenden Mutterhände gelegt, ein Segen ohne Maß ging von ihr aus. Ich grüßte die unermeßliche Schönheit und trank Gottesnähe in mich hinein. Da sah ich mitten in der Tannenwildnis, aber hoch über ihr, ein Glockentürmlein, und es war mir, als ginge von der schweigenden Glocke, die darinnen hing, all das gewaltige Tönen aus, das den Wald erfüllte.
Aber das Tönen schwieg plötzlich, weil eine Menschenstimme lachte. Mißtönend, klagend, schrill: einem Kauz hätte sie gehören können oder einer kranken Waldtaube; aber es war doch ein Mensch, der vor dem Kirchlein kauerte, das sich plötzlich aus dem Dickicht schob. Uralt und schlicht, aber nicht verfallen; und etwas dahinter stand ein kleines, festes Haus, schier mehr ein Tempel mit dorischen Säulen.
[Illustration]
Der Mensch hatte nicht viel Menschliches an sich. Nur als ich nahe vor ihm stand und er mit demselben klagenden Lachen nach meinem Kleidersaume griff, sah ich, daß es ein Jüngling war, ein Krüppel, der nun in grotesken Sprüngen in das Innere des Tempels flüchtete. Ich folgte ihm nicht, – ich öffnete sacht die Pforte des kleinen Gotteshauses. Und hatte ich vorher in arme, verzerrte Züge geschaut, so grüßte mich nun ein Marmorbildnis von wunderbarer Schönheit, von Künstlerhand gemeißelt – der heilige Clemens. –
Nicht im großen Ornate des Papstes, im schlichten härenen Gewande hatte ihn der Künstler dargestellt, wohl um die Demut äußerlich kundzutun, die diesen Kirchenfürsten auszeichnete. Der Anker war ihm beigegeben und ruhte zu Füßen des Bildnisses. – Später entdeckte ich noch ein uralt Steingefüge des gleichen Heiligen, das sich außerhalb der Kirche an ein Mäuerchen lehnte. Ein vermorschtes Holz steckte neben ihm im Waldboden, und darin hing eine »ewige Lampe«, aber sie war ungeschützt verlöscht, tot, und das Öl verdunstet. Es sah so traurig aus, und deshalb löste ich die ungefüge Lampe aus der verrosteten Klammer und trug sie in die Kapelle. Hier konnte ich sie gut an einem hervorspringenden Eisenknauf befestigen, gerade dem heiligen Clemens gegenüber. Und nahm mir vor, am nächsten Morgen mit einem Ölkännchen wiederzukommen, es sollte nicht mehr dunkel und einsam um den Heiligen sein. Als ich das Kirchenpförtchen wieder schließen wollte, brach gerade die Abendsonne durch die Fenster, die in feiner alter Glasmalerei die heilige Notburga zeigten, die »Dienstmagd« mit der Sichel in der Hand. Darunter den Spruch: »Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Gott.« Seltsam leuchtend rot war der Schimmer, der durch dies Fenster in das Kuppelrund fiel. Und darin sah ich einen Fries, von eines Meisters Hand gemalt: Unseres Heilandes Werdegang, seine Geburt, sein Ringen, sein Leiden und seinen Tod. Da stand ich wie gebannt, und die Blicke konnte ich nicht losreißen von dem Kindlein auf dem Schoße der Gottesmutter und von dem Hirten, der auf der Schalmei das Wiegenlied tönen läßt. – So geleitete ich mit Augen und Herz den Christus. Aus jeder Darstellung wuchs er größer und göttlicher heraus und gab mir die Erinnerung an meine Kinderzeit, als die Mutter mich _diesen_ Christus lehrte. So lieb und schlicht, so zürnend und gewaltig, so demütig und vergebend. –
Überreich beschenkt schritt ich aus der kleinen Kapelle hinaus in meinen Märchenwald. – In der abendstillen Dämmerung wollte ich die seltsamen Gesellen wieder grüßen, neugierig, welche Formen die Riesen- und Zwergenbäume wohl im Halbdunkel annehmen würden, um mich zu schrecken. Aber mein Fuß verhielt im Heidekraut, denn ein klagendes Rufen scholl zu mir herüber. Hilfeheischend tönte es, und nun eilte ich nach der Richtung des Tempels, woher es kam. – Die Pforte lief leicht in ihren Angeln, als ich sie öffnete; ich trat in die Werkstatt eines Bildhauers. Beinahe hätte ich über der Schönheit einer Marmorgruppe die arme, zusammengeworfene Gestalt des Krüppels übersehen, der zu ihren Füßen wie ein Bündel lag. Ein Blutbächlein rieselte an der Schläfe des Jünglings hinunter, er hatte von einem Sockel wohl mit täppischem Griff den Hammer herunterholen wollen, und dieser war ihm auf die Stirn gefallen … Hastig verließ ich den Raum, denn der alte Brunnen draußen fiel mir ein, an dem ein gefüllter Eimer hing. Ich tauchte mein leinenes Tuch, das ich über mein Körbchen gebreitet hatte, in das kühle Naß, lief wieder zurück und legte es auf die Wunde; gellend schrie der Verletzte auf. Aber nichts rührte sich im Hause, so scharf ich auch horchte. Nur die marmorne Gottesmutter, die den toten Sohn im Arme hält, schaute voll Erbarmen auf uns nieder. Da nahm auch ich den Kranken in meine Arme und bettete den schmerzzuckenden Kopf an meine Brust. Er schlug die Augen auf, und nun lachte er, wie ein Kind, das sich geborgen weiß. Aber auf meine besorgten Fragen antwortete nur ein Lallen. Hart kniete es sich auf den Fliesen des Bodens, ich lehnte den Kranken gegen den Marmor, löste das Tuch und lief wieder zum Brunnen. Da tönte mir das Klagen nach, und wieder empfing mich der Schrei, als ich den Umschlag erneuerte. Ratlos sah ich nach der großen Tür, die mir in das Innere des Hauses zu führen schien, denn die Werkstatt war nur eine große Halle. Über der Tür stand der Spruch gemeißelt: »~Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt, qui aedificant eam.~«
Das klang tröstlich, und ich durchschritt die Tür. Wie seltsam mutete das große, traute Wohnzimmer an, das sich mir zeigte … In dieser Waldwildnis ein so behaglicher Raum mit hohem Kamin, darinnen ein loderndes Feuer brannte. Schwere Teppiche bedeckten den Boden, flämische Möbel standen wuchtig an den Wänden. Nirgends ein Mensch, außer dem, dessen tierische Laute fortgesetzt das Haus durchgellten. Da ging ich zurück, beugte mich über den Kranken und rief ermunternd: »Komm! Komm mit mir!« Er erhob sich plötzlich sehr gelenkig und folgte mir, wie ein gehorsamer Hund. Das Blut an seiner Hand und auf seiner Stirn schien ihm ungeheuer wichtig zu sein, aber sein Klagen verstummte, als ich ihm begütigend sagte: »Das wird alles gut.« Von seiner armen Sprache konnte ich nichts deuten, es schien mir aber, als sei er gut Freund mit meinen Bäumen und Bäumchen.
So gingen wir Hand in Hand nach Lage zurück. Hier habe ich meinen seltsamen Gast in einem freundlichen Gelaß gebettet, heilkräftige Arnika auf die Wunde gelegt und will nun selbst, todmüde, mein Lager aufsuchen. Gute Nacht, Märchenwald und Fledermäuse!
9.
Recht schlecht und unruhig habe ich geschlafen, ein Zustand, der mir sonst fremd ist. Immer meinte ich, das klagende Rufen zu hören und dazwischen energisches Zurechtweisen von einer zweiten Stimme. Einmal war es so laut, daß ich aufstand und mich völlig ankleidete. Ich horchte an der Tür des Gastzimmers, aber nichts regte sich hinter ihr. Etwas Blinkendes lag am Boden, ich hob es auf und hielt einen wunderlich geformten Knopf in der Hand, an dem noch ein Stück Manschette hing. Mit großer Gewalt mußte er abgerissen worden sein. Dreimal stand ich so in verschiedenen Zeitabständen vor dem Gemach, beim drittenmal drückte ich die Klinke kurz entschlossen nieder. Die große Stube war leer, das Bett sorgfältig geordnet, das Linnen abgezogen und fortgeräumt. Die alte Eva stand an einem der beiden offenen Fenster und stäubte gerade ein Tuch aus. Sie knickste, sah aber an mir vorbei.
»Ich hatte einen Gast«, sagte ich etwas erregt …
»Er ist nicht mehr da«, war die ruhige Antwort. –
»Das sehe ich. Aber ich will wissen, wo er ist. Er stand unter meinem Schutz.«
Sie sah mich hilflos an. »Gnädig Frölen dürfen nicht solch böses Gesicht ziehen. Ich gebe keine Befehle, ich führe sie nur aus.«
»Wo ist der Kranke?«
»Fortgeholt.«
»Von wem?«
Ich stellte mich an das kleine, bleigefaßte Fenster, das vom Gange aus nach dem Park schaut, und trommelte heftig mit den Fingern dagegen. Und unter dieser Musikbegleitung enteilte Eva lautlos, ohne mir zu antworten.
Ich habe dann den köstlichen Frühlingsmorgen benutzt und bin mit einem Ölkrüglein durch den Märchenwald geschritten, um dem heiligen Clemens das ewige Lämpchen anzuzünden. Dann hielt ich eine stille Andacht und freute mich tief und glücklich des kleinen, stimmungsvollen Kirchleins. Strich auch sacht mit der Hand über die wunderschöne »~Pietà~«. Nirgends an der Gruppe fand ich einen Namen, – es ist auch gleichgültig. Wer so etwas meißeln kann, ist ein König …
Zu Hause war ich dann guter Gedanken voll und setzte sie rasch in die Tat um. Zwei Briefe schrieb ich. An Fernande Lage, das protestantische Spitalweibchen, und an Matthias Lage, den gläubigen Katholiken. Ich bat beide, ihren Wohnsitz aufzugeben, um zu mir in mein Haus, das auch ihren Namen trüge, überzusiedeln. Sie sollten hier einen schönen, glücklichen Lebensabend genießen, soweit es in meiner Macht läge, und einst da ruhen, wo alle Lages ausrasteten. –
Damit habe ich bei dem »Ohm Matthias« sehr schlecht abgeschnitten. Er schreibt seine Antwort so grob und mißbilligend, daß ich sie mir ungefähr so übersetzt habe: »Gestorben wird, aber ob du es erlebst, du dummes Wicht, das ist die Frage.«
Tante Fernande dankt mir kurz, verspricht ihr Kommen und lobt mich aus einer falschen Voraussetzung. Sie findet es außerordentlich klug und bedacht von mir, daß ich mir in ihr eine Beschützerin und Anstandsdame heranholen will.
Nichts lag mir ferner. Ich will zwei einsamen Lages, die mittellos in der unruhigen Welt wohnen, eine Heimat geben, eine friedenvolle, sorgenlose.
In dieser besinnlichen Wald- und Heideeinsamkeit liegt jeder Gedanke an Äußerlichkeiten weltenfern. Aber vielleicht hat die alte Fernande eine innere Befriedigung davon, daß sie meint, sie sei mir nütze. Vielleicht kann sie jetzt besser die Wohltat von mir annehmen. So will ich sie bei ihrem Glauben lassen. –
Mein Tag ist immer reich und ausgefüllt. Ich schaue auch öfters in das Försterhaus, wo die junge Frau etwas zagend ihrer schweren Stunde entgegensieht. Man hat sie mit Ammenmärchen verstört, und ich fürchte, meine Eva hat auch manchen Schatten ins Försterhaus getragen. Neulich ertappte ich sie beim Räuchern mit Ginsterblüten. Der Geruch war abscheulich und verpestete das schmucke Anwesen. Ich weiß, daß er »Alpdrücken« beheben und »starke Wehen« hervorrufen soll. Aber ich weiß auch, daß dieser Unsinn dem sehr bodenständigen Arzt in Lage das Leben sauer macht. Deshalb verwies ich am Abend ganz energisch der guten Alten ihr Tun. Ihr Widerspruch ist immer derselbe: »Was weiß so ein Junges!« Aber da er unhörbar gemurmelt wird, lasse ich ihn unbeachtet.