Part 15
Bei ihm lerne ich das rechte _Schauen_. »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.« Und ich lernte das herzliche Lachen über harmlose Dinge und Begegnungen. Häßlichkeiten verklärt mir der sonnige Bursch durch sein liebes Lachen. –
[Illustration]
Eine »wüste Insel« haben wir entdeckt. So nennt sie der Schelm. Sie liegt im großen Lager See, und man muß 30 Schläge rudern, dann kann der Kahn anlegen. Es ist wohl seit undenklichen Zeiten kein Lage drauf gewesen, ein kleiner Urwald erwartete uns. Aber mein Diener hat Clemens-Hartmut versprochen, daß er roden wolle, und da ihm bereits die Wünsche meines Jungen Befehl sind, so hat Ludwig schon Hofarbeiter von mir erbeten, die ihm bei dem Gröbsten helfen sollen. Ein Tau haben wir bereits über die Mitte der Insel gespannt, das ist die Grenze zwischen Siribisi und Satafuna, unsern beiderseitigen Reichen. Am äußersten Ende eines jeden Besitztumes werden dann zwei Hütten gebaut, so hat es sich Clemens-Hartmut ausgedacht. Und sie heißen Blauaug und Schwarzaug und sollen uns beiden zur Wohnstätte dienen. – Bis jetzt ist also die Insel gar nicht »wüst«, d. h. _einsam_, sondern sie wird von einer Kolonne fleißiger Arbeiter und Holzfäller belebt, und mein Junge geht wichtig zwischen ihnen einher, oder »rodet« mit ihnen, ganz stolz, daß ihm der Schweiß ebenso rinnt, wie den Großen. Abends sehen wir dann am Seegestade dem Sonnenuntergang zu und genießen den köstlich warmen Herbst. Eng aneinandergeschmiegt machen wir unsere Beobachtungen.
Wir träumen uns hinein, daß alles lebt und alles fühlt.
Daß alles in der Natur ein lustiges, oder ein ernstes Frage- und Antwortspiel ist, und daß der See sich kräuselt und Wellen schlägt, und dadurch dem Wind und dem Sturm Antwort gibt.
Aus den in unendlichen Mengen herumliegenden, wunderlich geformten Steinen haben wir uns ein Alphabet gemacht und lernen jetzt lesen. Wir kennen die Buchstaben schon leidlich auseinander. Wo meine Blauaughütte hinkommen soll, liegen preislich davor 9 Riesensteine aus unserm Alphabet, die heißen »Zornebock«, und in Siribisi liegen 5 solcher Ungetüme, die besagen: »Gitti«.
Alles in allem sind wir zwei närrische Lages, wie sie im Buche stehn. –
Im Oktober.
Unsere beiden Blockhütten sind fertig und sollen morgen eingeweiht werden. Clemens-Hartmut »hängt nur noch in den Gräten«, so unendlich wichtig hat er den Fall genommen, und es bedurfte schon seiner großen Verehrung für Konrad Oswald, daß er das Lernen nicht vergaß. Oswald besitzt mein ganzes Vertrauen. Wie ruhig und sicher er den Knaben leitet! Wie er das reiche, überquellende Gefühlsleben vor dem Uferlosen zu bewahren sucht und eindämmt! Und wie er brachliegendes, schönes Erdreich bepflanzt und betreut mit der Menschenliebe des echten Erziehers.
Er hat auch seine Geige wieder hervorgesucht und übt mit meinem Jungen kleine, schöne Zwiegesänge ein, die ich dann begleite. Hie und da hört das Personal unsern Konzerten zu, und Eva behauptet, Lage würde »ganz neu«.
Morgen mit dem frühesten wollen Clemens-Hartmut und ich in die Blockhütten siedeln und unsere Monarchien ausrufen. Mit köstlicher, geheimnisvoller Wichtigtuerei deutete mir mein Junge heute zart an, es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß Prinz Schwarzaug die Prinzessin Blauaug im Laufe der Jahrhunderte heimführe …
Und ich gab ihm mit gebührendem Ernste zu bedenken, daß Prinzessin Blauaug niemals heiraten, sondern sich zu gegebener Zeit lieber in eine Birke verwandeln wolle. In deren Schatten solle dann Prinz Schwarzaug jeden Sommertag sitzen. Das fand mein Junge auch viel romantischer und der wüsten Insel angemessener, als eine gewöhnliche Heirat. –
In diesen Tagen wird Baron Leo zurückerwartet.
Ich schreibe dies so nüchtern und ruhig hin, als berge diese Tatsache nichts Aufregendes in ihrem Schoß. Denn wenn ich je meine Kräfte zusammenhalten mußte, so ist es jetzt geboten. Auch nicht das geringste darf absplittern … Ich spüre es, daß ich an einer großen Wende stehe. –
In der Blauaughütte des Reiches Satafuna.
Der ehrenfeste Foliant, den ich im Nachen auf unsere wüste Insel mit hinübernahm, liegt vor mir und soll erfahren, was in dem gelben Büttenpapier steht, das ich in der Blauaughütte fand:
»_Meine_ Gitti! Ich muß Dich so nennen, wenn Du Dich auch vielleicht innerlich ganz gegen mich verschlossen hast. –
Deine Tat, Gitti, – diese hochherzige, stille Tat ist das größte Erleben, das mir widerfuhr.
Und kein Schmerz und kein Glück meines Lebens, ja selbst nicht jener Weihnachtsabend im Tempel, reicht an diese Deine Tat heran. –
Ihr Wert liegt in der Stille, mit der Du sie ausführtest.
_Wie danke ich Dir?_
Über die Möglichkeit einer Dankabtragung gegen Dich sinne ich seit jenem Tage nach, da Leo mir von meinem Sohn erzählte. Er war nicht so zartfühlend wie Du, – er hat mir nichts erlassen, nicht einmal Deine schwere Erkrankung, den ›Wirbelsturm‹, der über Dich gegangen ist, meine blasse, weiße Rose. –
Und so habe ich ihn auch über mich ergehen lassen.
Dein schweigendes Dulden war ja härter für mich, als jeder Vorwurf. Aber für einen Vorwurf wiederum ist mein herbes Mädchen zu scheu. Und die einzige Entschuldigung, die es für mich gibt, hast Du, meine Gitti, in Deinem Gerechtigkeitssinn gewiß gleich selbst angenommen: Ich war jung, war völlig frei, und – ich kannte _Dich_ nicht.
Natürlich habe ich nicht die Belohnung für mein Verhalten verdient, daß _Du_ die Mutter meines Knaben geworden bist in Deiner aufopfernden, holden Güte. Der Gedanke, daß Gitti Lage meinen Sohn erzieht, an ihrem reinen Herzen, ist beinahe unfaßbar. Ich nehme das Geschenk stolz und demütig zugleich aus Deiner Hand.
Ich weiß auch, daß Du, mein verehrungswürdiges Kind, längst gut von mir denkst. In Deiner Seele hat überhaupt kein häßlicher, herabsetzender Gedanke Raum. Aber daß Du Dich vor mir erschreckt hast, Du Feine, – der Gedanke kann mich jetzt noch rasend machen. –
Meine Gitti, wie danke ich Dir recht?
Alles, was ich an äußeren Gütern besitze, gehört Dir und meinen beiden Söhnen. Das ist alles inzwischen schon notariell festgesetzt. Mein Wunsch ist, daß mein Kind bei Dir bleibt und Dich auf Händen trägt, weil dies der Vater nicht vermag …
Meine Gitti, weißt Du auch, was das furchtbarste ist für einen aufrechten Mann? Du mußt die beiden letzten Worte streng geistig nehmen, damit Du nicht laut lachst über den ›Aufrechten‹. Das furchtbarste also ist, dem Weibe seiner einzigen Liebe zu gestehen, daß man am Boden liegt, – – körperlich zerschmettert von grausamer Schicksalshand.
So, – ich habe es Dir gesagt. Aber _das_ verlange nicht von mir – trotzdem ich Dir ja nach Deiner Tat _jedes_ Opfer bringen müßte, – daß ich Dich, Du gesundes, kraftvolles Geschöpf, meine Niederlage _sehen_ lasse. –
Gott segne Dich tausendfach! Hab’ Dank und lebe wohl!
Clemens Lage.«
44.
Ende Oktober.
Wie bunt schaut unser Wald aus!
So fröhlich!
Als lebte nur Lachen in Lage …
Als wäre da kein Krankenhaus, kein Siechenheim, keine Trennung, noch Trübsal.
Herbst war mir immer freund. Seine Stürme hochwillkommene Pfadgesellen.
Diesmal ist er mir zu froh. Seine Farbenpracht tut den überwachten Augen weh. –
Er, der mich sonst so gut verstand, wenn ich meine Not in ihn hineintrug, er lacht jetzt, da ich weine, er rüttelt mich auf, da ich nach Ruhe verlange …
Und in den Melodien, die er zu mir trägt, schwingt zuviel Hoffnung …
Hoffnung verwirrt.
Gewißheit stählt.
Mein Kind läßt mich kaum noch allein. Es ist, als wolle Clemens-Hartmut alles von _mir_ empfangen, die neue Welt, die ihm jetzt aufgeht, mit _meinen_ Augen sehen. Und er soll doch ganz auf sich gestellt sein. Die Feinheit seines Empfindens überrascht mich immer aufs neue, und ich sage mir, daß ihm vieles davon das Mädchen aus dem Volke gegeben haben muß. –
Seit ich weiß, wie Ritter Lage denkt und handelt, und wie unverworren seine Vergangenheit sich abgespielt hat, ist eine große Klarheit über mich gekommen.
Und der Wunsch, gut und groß zu handeln, weitsichtig, ohne einen Hauch von Eifersucht auf das, was war. Ich möchte wissen, wie Martha Dörpings Wesenheit war, denn ich möchte das Gute in ihr in ihrem Sohne pflegen. – Wie gewaltig und ausschließlich muß Ritter Lage mich lieben, wenn er mich die Mutter seines Sohnes nennt. Er tut alles mit bewußter Absicht. Das Wehtun und das Wohltun. Bei mir ist noch zuviel Unbewußtes und Gefühl. Ich darf auch nicht sagen, ich bin, wie ich bin, nehmt mich so und verbraucht mich so. Dazu habe ich noch zuwenig geleistet. Aber ich kann bitten: Vergebt mir, wenn ich irre, denn ich strebe noch. –
Meine ganze Arbeit in Lage hat für mich ein anderes Gesicht bekommen. Ich tue das Gute um des Guten willen ohne Dank, – und ich lebe damit zugleich meinem Jungen vor. Beispiel ist besser als Mahnung.
Und eine köstliche Wechselwirkung hebt an.
Clemens-Hartmut als Erzieher.
Seine fragenden Kinderaugen haben die Macht, alles Gute aus mir herauszuholen. Und wenn er mit seiner warmen Stimme ruft: »Du bist doch das Schönste und Beste auf der ganzen Welt«, dann sehe ich ihm still in die lieben Augen und denke: »Du! Du formst mich dazu.«
Pastor Konrad Oswald sieht mit verständnisleuchtenden Augen auf uns beide. Als ich ihn bat, mir pädagogischen Rat zu geben, sagte er, daß es geborene und erlernte Erzieher gäbe, er sei ein erlernter und ordne sich mir unter. Das ist gewiß Scherz, aber es scherzt sich wohltuend mit Pastor Oswald. –
Zwischen uns ist alles klar und rein.
Er umhegt Maria mit der »Höflichkeit des Herzens, die der Liebe verwandt ist«. Die Aussicht auf das Kind, die nun ganz nahegerückt ist, hat ihn zur Selbstbesinnung gebracht, hat ihn auch um viele Jahre gereift. Er verträgt es sogar, wenn ich ihn hie und da »Konradbruder« nenne, und ich meine, es kann eine Zeit kommen, da er mich ganz unbefangen-fröhlich Schwester Brigitte rufen wird. Wenn das Kind da ist. Winzige, neugeborene Kinderhändchen dünken uns schwach und haben doch höchste Liebeskraft im Festhalten und Zurückführen zu dem, was uns frommt. – Ich hatte den Pfarrer Oswald auch gebeten, mir ein paar Freunde für Clemens-Hartmut auszusuchen. Aber es scheint, als lasse ein Lage sich keine Genossen bestimmen. Zuerst hat er Konrad Oswald stürmisch entgegnet: »Die Gittimuhm ist mein einziger Freund und soll es bleiben.« Aber dann hat er doch ganz still und bewußt Umschau gehalten, mehr aus Gehorsam, als aus Bedürfnis. Und hat sich von Pfarrer Trewes den Hein Broders zuführen lassen und von Pastor Oswald den Richard Borgers und hat aus eigenem Ermessen den verkrüppelten, gescheiten Pieter Dinkel dazugetan. – Mit Hein lernt er, mit Richard treibt er Sport, und mit Pieter lacht er. Deshalb steht der Pieter bei mir ganz obenan, denn das Lachen braucht mein Junge am meisten.
Ich wollte meinen Buben oft gern daheimlassen, wenn ich in meine Heime wandere zu den Kranken, den Siechen und Krüppelkindern, denn ich fürchtete, er würde mir zu ernst und still beim Entdecken und Schauen des vielen Elends; aber seit mir die kranken Kinder bekannt haben: »Es ist jetzt so schrecklich lustig auf der Welt, seit der Clemens-Hartmut da ist«, lasse ich meinen Jungen nach Herzenslust diese »schrecklich lustige Welt« verkörpern. Und wirklich, das Lachen aus dem Saal der kleinen Krüppel schallt bis zum Krankenhaus herüber. Gestern ließ ich die beiden Freunde Clemens-Hartmut und Pieter Dinkel, die all diese Lachlust entfesselten, zu den Großen rufen. Da machten sie denn ihre Kunststücke, wobei mein Junge der Leiter war und Pieter zu den erstaunlichsten Leistungen verführte, bis dann Clemens-Hartmut noch als Märchenerzähler auftrat.
Am Abend meinte eine der bresthaftesten alten Frauen: »Auf die Art möcht’ ich noch 20 Jahre im Krankenbett liegen.«
Selig sind die Genügsamen. –
Als mein Junge und ich am selben Abend durch den herbstlichen Wald heimwärts schritten, während Pieter Dinkel in unglaublichen Sprüngen mit seinen Krücken den Weg zweimal machte wie ein junger Hund, meinte Clemens-Hartmut sinnend: »Ich werde Arzt. Man müßte sie alle gesundmachen können.«
»Wir wollen ihnen täglich Lachen und Liebe bringen,« sagte ich und faßte meinen Jungen fester. »das ist _fast_ so gut wie Gesundheit.« –
»Mensch!« rief Pieter Dinkel dem Clemens-Hartmut zu, »wenn sie gesund würden, kriegten sie ja unsere schönen Kunststücke nicht mehr zu sehen.«
Unsere Verblüffung ließ Pieter das letzte Wort. –
An einem Sonntag im November.
Um im Glück zu versinken und alle Seligkeiten der ganzen weiten Welt in sich zu spüren, bedarf es nicht des Wonnemonats Mai, und auch nicht der Rosen von Schiras. Es kann ein grauer, verhangener, sturmgepeitschter Novembertag sein, an dem die Sonne sich verkrochen hat hinter Regenwolken, wie eine mürrische Alte hinter einem Berg von grauer Strickwolle. Und es kann ein kleiner, krummer, unterernährter Junge an Krücken gehumpelt kommen und uns ein gelbes Büttenpapier bringen … siehe, es ist das Glück! Der Brief vom Ritter Lage war dem armen Pieter Dinkel, der heute seinen schlechten Schmerzenstag hatte, mehrfach in den von Schmutz bekrusteten Novemberschnee gefallen, aber in meinen Augen war alles schneeweiß, was mir die kleine verbogene Jungshand reichte, und die einzigen Schattenstriche bildeten die steilen, aufrechten, deutlichen Schriftzüge des geliebten Absenders. –
Pieter Dinkel schulterte seine Krücken, weil er sich dann einbildete, er sei ein kerzenschlanker Soldat und werde von der andern Ehrenwache abgelöst, und meldete, wie es ihm wohl vorgesagt war, kurz und militärisch: »Empfehlung von Baron ter Mählen, in einer Stunde wäre er hier.«
»Es ist gut, Pieter Dinkel.«
Er humpelte zu Clemens-Hartmut, ich verhielt auf meinem Platz, bis ich das doppelte Kinderlachen hörte, dann stürmte ich in mein Zimmer.
Blumen holte ich mir vom Fenstersims auf meinen Tisch, weiße, duftende Hyazinthen, warmleuchtenden gelben und lila Krokus, lachend blaue Amaryllis. Und verteilte sie und stellte dazwischen
Anemon’ und Pulsatille, O wie schläft mein Wald so stille, Pulsatill’ und Anemone Flocht ich mir zur Blumenkrone.
Und mitten unter die Blumen legte ich den Brief, – seinen Brief mit den Spuren der lieben Lager Erde. – Dies Verzögern des Zieles war ein kindisches Spiel voll fröhlicher Erwartung und spannendem Reiz.
»Du!« sagte ich still-selig zu dem gelben Büttenpapier. »Bist du wieder bei mir, Ritter Lage?«
»Meine Gitti! Man berichtete mir nach Holland, daß mein geliebtes, weißes Licht von Lage überall Lachen und Liebe hintrage und in alles Elend der traurigen Katen lindernd hineinleuchte. Und so sah ich Dich immer vor mir, wie Du die vertrauten Wege gingst, Leid im Herzen und doch immer Freude gebend. Wo nahmst Du sie her? Aus dem Grunde Deiner tiefen Seele, denn unter all Deiner eigenen Not ruht bei Dir ein Nibelungenschatz von Freude. –
Weißt Du noch, daß ich Dir schrieb, das letzte Opfer dürftest Du nicht verlangen, Du Starke, Gesunde, Nimmermüde: mich am Boden liegen zu sehen, krank und gekrümmt. Mich, den Du so treulich den ›Ritter‹ Lage nennst, mich, der einst geträumt und gehofft, die Rüstung, in der sich der Knabe scherzend verbarg, würde sich einmal prall und beengend um des Mannes Muskeln schließen …
Gitti, ich bring’ Dir das letzte Opfer. Und bitte Dich: Komm zu mir! Zeige mir unsern Sohn Clemens-Hartmut. Ich möchte ihn sehen, mit ihm sprechen, Dich an seiner Seite. Auf seinen zwei jungen Augen ruht unser Geschlecht, Gitti, wir sind verantwortlich für dieses Reis am alten Stamm. Man sagt mir, daß seine Augen schön, offen, gütig und wahrhaftig sind. Wie die Deinen, Gitti. – Man hat mir auch von Blauaug und Schwarzaug auf der wüsten Insel Satafuna-Siribisi erzählt, und der Lagesche Humor grüßte mich bis zum hellen Lachen. Ihr beiden Kinder werdet mir noch mehr zutragen, und der sieche Mann wird noch einmal Freude trinken. – Denn meine gütige Gitti wird es über sich gewinnen, nicht vor mir zu erschrecken. Sie wird es nicht einmal ihren Augen erlauben, sich für die Dauer eines Atemzuges zu verdunkeln, weil ihr Licht mein Leben bedeutet. –
Gitti, komm! Mein Heimweh eilt Dir entgegen! –
Dein Clemens.«
Laut rief ich: ›Ich komme!‹ Aber ich wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Doch ich holte Eva, und wir packten ein paar Köfferchen mit fliegenden Händen, und mein Herz wußte nicht, ob es vor Glück oder vor Leid so rasend schlug. – Aber nach einer Stunde war Baron Leo bei mir, und seine große Ruhe teilte sich mir mit. Er hieß die Köfferchen forttragen und sagte mir, daß Clemens Lage seit ein paar Tagen wieder im Bildhauertempel wohne und wir nur durch den Lager Forst zu schreiten hätten. – Viel Seltsames, schier Bedrängendes erzählte mir noch der liebe Freund von der schweren Krankheit des Ritters Lage, und seine Blicke ruhten voll Erbarmen auf mir. Aber in mir lebte nur der eine Gedanke des Wiedersehens mit dem liebsten Manne, der meiner bedurfte. Der mich brauchte und meine Kraft. –
Wieder nach einer Stunde brachen wir auf. Der Diener Ludwig schritt mit einer hellen Laterne vor uns her. Baron Leo und Clemens-Hartmut nahmen mich in die Mitte, und staunend betraten die beiden den Märchenwald in seiner seltsamen Schönheit und schönen Seltsamkeit. Keines von uns sprach ein Wort. Was in uns vorging, war Schweigen gebietend. Clemens-Hartmut schaute aus verträumten Augen, und hie und da drückte er meine Hand fester. Ich hatte ihm gesagt, daß es zu meinem liebsten Freunde ginge, und dieser Freund sei sterbenskrank …
In der Clemenskapelle brannte die ewige Lampe.
Mein Herz grüßte sie. Dann war es plötzlich hell am Tempel, und ein fremder alter Wärter in Dienerkleidung steckte eine Fackel in einen Eisenknauf. Er verbeugte sich tief, als ich an ihm vorbeischritt. Baron Leo gab ihm die Hand. »Dies ist Jan Ulles, der dem Clemens vor vielen Jahren von Lage nach München und von dort nach Holland gefolgt ist«, stellte er ihn vor. Da reichte ich ihm rasch auch meine Rechte. »Guten Abend, Jan Ulles«, rief die weiche, liebe Stimme von Clemens-Hartmut. –
Nun stand ich in der Werkstatt an jener Stelle, wo ehedem die ~Pietà~ stand. Und drüben war eine Tür … Mir war’s, als töne es hinter jener Tür: »Komm, Gitti!« Und da klopfte ich leise. »Ja,« klang es von drinnen, »_ja_!«
Ich ging hinein.
Oh, ich weiß es, daß ich erschrak. Und doch war meine Liebe so unsäglich groß. Ich hätte alles Leuchten der Welt haben mögen, um es in meine Augen zu legen. Aber sie brannten nur wie Feuer, und da weinte ich, um das Feuer zu löschen. Und stürzte hin an sein Lager, auf beide Knie ließ ich mich nieder vor ihm und umschlang ihn: »Ritter Lage, wie hab’ ich mich nach Dir gesehnt!«
Sein tiefes, schönes Lachen klang. Dem hatte der tückische Feind nichts anhaben können. »Sie ist dieselbe noch! Gott Lob und Dank. Es fehlt nur der rote Regenschirm.«
Und dann mit tiefem Ernst und hinreißender Zärtlichkeit: »Du Ewig-Geliebte! Du bist bei mir! Gitti! Mein Licht!«
Ich kniete näher zu ihm heran und richtete mich auf. Und sah sein völlig entfärbtes Gesicht mit den scharfen Falten, welche die Krankheit gegraben, die erschreckende Hagerkeit, die wachsgelben Hände, die tief liegenden Augen, die blasse, hohe Stirn. Und ich küßte ihn innig, da er es nicht zu wagen schien.
»Wer ist draußen?« fragte er endlich leise. »Leo? Und der Junge? Laß sie noch eine Weile warten. Mir ist jetzt, als hätte ich doch nur _dich_ sehen wollen. – Aber nein, – es ist ja richtig. Wir haben viel zu sprechen über Clemens-Hartmut. – Der Arzt hat mich gehörig präpariert, damit mich die Schmerzen nicht heimsuchen, solange du hier bist. Aber sie kommen oft plötzlich und verspotten uns. Rufe den Jungen, Gitti!«
Clemens-Hartmut kam. Und er sah meine brennenden Tränen und mein tiefes Leid.
»Weine doch nicht, Gittimuhm,« rief seine weiche, gute Stimme, »ich habe dich noch nie weinen sehen.« Und sich zu Ritter Lage wendend, legte er seine warme, feine Kinderhand auf die des Kranken. »Ich werde bestimmt Arzt,« meinte er beruhigend, »es dauert nicht mehr lange, dann sind Sie gesund.«
Ritter Lage lächelte. »Das hoffe ich«, sagte er bedeutungsvoll. »Und nun laß dich einmal recht betrachten, Clemens-Hartmut.«
Vater und Sohn sahen sich schweigend in die Augen.
Dann winkte Clemens, daß sich der Knabe wieder entfernen solle. Er gehorchte schweigend, und die Tür schloß sich hinter ihm. –
Ich zog mir einen niedrigen Hocker zu dem Ruhebett hin und saß nun ganz nahe bei dem Geliebten.
»Wie gut sieht der Bub aus!« sagte Clemens leise. »Das schönste Kind unter all den Lageschen Ahnenbildern … Du wirst ihn recht erziehen, meine Gitti.« –
»Das will ich, Clemens. Und du wirst mir helfen, ja, Geliebter?«
»Nein, das kann ich nicht«, entgegnete er schroff. »Dies Kind braucht deine _Liebe_ und gutes, wohlerwogenes Manneswort des Erziehers Oswald. Ich hab’ genugsam am eigenen Leibe gespürt, was für Gifte sich in eine Erziehung mischen lassen. Und so soll Clemens-Hartmut niemals Spott und Ironie zu spüren bekommen, diese Register auf der Dissonanzenorgel, die man _mir_ zog, und die ich nun am besten meistere.«
»Clemens! Mich hast du nur Liebe spüren lassen.«
»Du echtes Kind!« lachte er. »Mit deiner Verklärungskraft! Ist alles Weh schon vergessen, das dir von mir kam? Wie gut wäre ich bei dir aufgehoben gewesen! Und nun sag’ mir, Gitti, – und sieh mich an dabei, hörst du … wie ein plaudernder Knabe will ich dich fragen –: Was hat dir den tiefsten Eindruck gemacht in unserm gemeinsamen Erleben? Gelt: die geheimnisvollen Büttenpapiere? … Oder die ~Pietà~? Über deren Wert du das für mich feinste Urteil faßtest, indem du Blumen küßtest und Bäume umarmtest. Oder …?«
»Dein Kuß war es!« rief ich ungestüm. »Ach, du weißt nicht, wie es ist, wenn man sich nach etwas sehnt und innewird, daß man es nie in seinem Leben erfahren kann … Da hast _du_ es mir gegeben!« Und ich barg mein Gesicht in seine Hände und küßte sie.
»Du Seltsames«, sagte Ritter Lage. »Dafür dankst du mir? Für neue Welten und herb-süße Seligkeiten, die du mich kennen lehrtest, dankst du mir?«
»Immer, allezeit! Du hast mich aufgeweckt! Es ist so trostlos, sein Leben zu verschlafen. – Wie sollt’ ich dir nicht danken? Ich bin nun auch gar nicht scheu mehr, bin recht aufdringlich. Gelt? Findest du nicht?«
»Erschrecklich.« Und er lachte wieder. »Sieh, – wie wir beide schulmeistern. Ich lehre dich küssen, und du lehrst mich lachen. _Wieder_ lachen, meine Gitti. Ah, das ist ungewohnt und tut wohl und weh.« – Er lehnte sich matt zurück. –
»Nun muß ich gewiß gehen, Liebster«, rief ich erschrocken und richtete mich auf.
»Ein Weilchen noch,« – bat er, »eine kurze, wichtige Frage lang. Sag’ mir, meine Gitti, was dein höchster Wunsch ist. Du bist noch so jung. Ich weiß, du liebst Lage und alles, was damit zusammenhängt, – dein Dorf, deine Leute, die Kapelle, den Märchenwald. Was davon mein ist, möchte ich _dir_ schenken, möchte dich restlos glücklich sehen, Gitti … wunschlos … Sprich – Liebste …«
Da nahm ich mein Herz in beide Hände.
Und alle Scheu wich von mir, nur ganz Bitte war ich.
»Laß mich immer bei dir bleiben,« bat ich, – »schick’ mich nicht fort! Ich mißgönne jedem, selbst deinem alten, treuen Diener, die Handreichungen bei dir. – Ich darf dich krank und am Boden liegen sehen, denn ich bin ja dein Kamerad, einen bessern findst du nit! Ritter Lage! Laß mich bei dir bleiben!«
»Du! Du einzige!« Wie ein Aufschluchzen klang es. Er zog meine Hand an seine Lippen. Dann rief ich seinen Diener, und ihm folgte Baron Leo auf dem Fuße. Der Diener gab dem Kranken Wein und ordnete die Kissen, dann ging er in den Vorraum zu Clemens-Hartmut zurück. Währenddem sprachen Leo ter Mählen und ich leise miteinander. Bis uns Ritter Lages Stimme ganz lebhaft rief: »Sie hat entschieden, Freund Leo. Was ich nicht fassen konnte und wollte, – sie bringt das ungeheure Opfer freiwillig … Leo, sie bittet mich darum, – Leo, sieh dir dies tapfere Kind an, – mit Lachen kommt Gitti zum Zornebock … Küsse ihr die Hand, Leo, und neige dich tief vor der jetzigen und künftigen Herrin von Lage …«
Noch eine Stunde durfte ich bei ihm bleiben. Ritter Lage fühlte sich wohler denn je. Nur etwas rasch und fieberhaft sprach er. – Er wollte mich in alles einführen, in seine Pläne über die holländischen Besitzungen, in das Wohl und Wehe seiner Arbeiter.
Wie war sein Denken scharf, logisch, großzügig und weitsehend! Oft mußte ich ihn bitten, langsamer vorzugehen, weil ich ihm nicht zu folgen vermochte.
Dann lachte er herzerquickend musikalisch.
Und wir beide vergaßen in dieser angeregten Stunde die ganze Not, die sonst so lastend lag. –
45.