Chapter 7 of 17 · 3940 words · ~20 min read

Part 7

Meine alte Eva sieht aus wie Sturm und Gewitter, eitel Regen und wolkenverhangener Himmel. Durch einen inneren, mir unerklärlichen Aufruhr huscht sie wie eine Junge durch meine Räume, vermeidet aber trotzig jede Aussprache. Erst als ich meinen Arm um sie legte und bittend sagte: »Wenn du wüßtest, wie einsam ich bin, meine gute Alte, du gäbst mir scheffelweise Sonnenschein …«, da sah sie mich forschend an und streichelte ungeschickt meine Hand. Ließ sie aber gleich wieder fallen und murrte: »Andere und Bessere sind noch viel einsamer, und man nimmt ihnen den letzten Sonnenschein und freut sich an eigener Liebe.« – Eva, Eva, so dunkel hast du noch nie dahergeredet, und irgendeine Not hat dich gepackt, daß du nicht weißt, was du sprichst. –

27.

Wunderliches, seltsames Leben! Mit diesem Gemeinplatz muß ich meinen Tag beginnen. – Mein tiefster Wunsch, einen Bruder zu haben, einen natürlichen Beschützer, ist in Erfüllung gegangen. Pastor Konrad Oswald. Er ist mir Bruder geworden. Und sehr fröhlich und befreiend schließt dieses Kapitel für mich ab. Madame Oswald freilich … Ich kann ihr hier nicht helfen. Eine echte Mutter muß diesen Weg allein zu ihrem Kinde finden. – Zwei Menschen standen heute vor mir Hand in Hand, nachdem Pastor Oswald zuerst über eine Stunde allein mit mir gesprochen hatte. Ich will sein zartes, liebes Bekenntnis, das mich ehrt und stolz macht, nicht einmal diesem stillen Folianten anvertrauen. Wenn er so groß ist, daß er eigenes Wollen begräbt, um die starke Linie zu verfolgen, die in dem Wahlspruch gipfelt: gut sein und glücklich machen, – wenn er nur an das Dorf denkt, an die trostbedürftigen Alten, an die Hilfeheischenden, an die Siechen und widerborstigen Gesunden, an das Edelmaterial, das in der Lager Jugend steckt … Oh, dann soll mein Bruder Konrad gesegnet sein! Weil er selbst ein Segen ist. Mit Maria Dörping hat er sich versprochen. Da kommen zwei Edelmenschen zusammen. Ich bin innerlich so tief glücklich darüber, daß ich mein Leid über den toten Wald und den leeren Tempel weit zurückzudrängen vermag. Fühle auch, welch starke Kampfnatur ich bin. – In dem Bestreben, diesen beiden zu helfen, wachsen mir noch ungeahnte Kräfte. Was für Widerstände gibt’s hier noch zu überwinden! Nicht allein bei der vornehmen Hamburgerin, der die Wahl des Sohnes ein so harter Schlag gegen alle Tradition bedeutet, daß sie ihn um jeden Preis abzuwenden versuchte. Auch der graue Alltag ist wie ein verstörter Ameisenhaufen. Das ganze Dorf zischelt und schilt und mutmaßt, und das einzige Lachende ist das breite Grinsen der Korb-Sina. Es ward ihr wahrlich nicht an der Wiege gesungen, daß ihr Schwiegerenkel einst der Pfarrer von Lage sein würde. Sie machte heute glänzende Geschäfte. Verkaufte ihre sämtlichen Körbe. Sämtliche Dörfler gaben sich bei ihr ein Stelldichein. Neues wollten alle über die unerhörte Begebenheit erfahren, und doch ist niemand auf seine Kosten gekommen.

[Illustration]

Außer der Korb-Sina. Die strich ihre Batzen ein und schwieg. Kicherte nur und hohnlachte wie eine rechte, echte Hexe. Aber nun hat sie ihre Stube aufgeräumt und ihr Gottestischkleid angezogen. Am Fenster sitzt sie geruhlich mit einem Strickstrumpf, und ihre Augen hängen an dem blühenden Myrtenbaum, der auf dem Sims steht. Den hat sie lange treulich für die Enkelin gehegt und betreut. Sie selbst und ihre eigene Tochter hatten der Myrte und ihres Sinnbildes nicht geachtet. Aber Maria Dörpings weißes Brautkleid wird von Myrten überrankt sein, und ihren feinen Kopf wird der grüne, geschlossene Kranz zieren. All das liest man im runenvollen Gesicht der Großmutter. Sie grüßt stolz jeden neuen Besucher und macht sich den uralten Sinnspruch auf ihre Art zurecht: »Ist der Zweig heilig, so ist es auch die Wurzel.« Noch geht die Mißgunst durch das Dorf Lage und den grauen Alltag. Aber dessen bin ich gewiß, es wird nicht standhalten vor Marias ernster Art. Sie wird sich nicht überheben, wenn sie die Gattin des Seelsorgers ist, vielmehr freiwillig den Panzer ablegen, mit dem sie sich umgürtet hatte, weil sie fühlte, daß man sie und die Großmutter mied. Für das Dorf war die Wahl, die Pastor Oswald traf, eine weise, er kann Besseres mit dem vermögenslosen, schlichten Dorfkind wirken, denn mit mir, seiner Patronin. – Auch äußerlich geben die beiden ein schönes Paar. Maria ist hoch und schlank, und ihre herben, feinen Gesichtszüge stimmen gut zu seiner hamburgisch rassigen Vornehmheit. Mir gegenüber hat sie eine reizende Ehrerbietung, aus der ich spüre, wie gut Pastor Oswald über mich geurteilt haben mag. Es wird ein gutes Zusammenwirken werden. –

Abends.

Ich glaube nicht, daß ich jeden Tag so arbeiten darf, wie ich es heute tat. Denn in dem toten Wald ist niemand mehr, der Einhalt gebietet. Und keinen Menschen auf Gottes weiter Welt stört es, wenn das Maschinchen einen Knacks bekommt. Ich habe in der Dämmerstunde die gelben Büttenpapiere in Atome zerschnitten und die stattliche Menge in ein seidenes Tuch geknüpft. Das ist nun ein weiches, weißes, vornehmes Ruhebett für meines jungen Lebens einzige Freude geworden. –

Ich habe das Bündel zum Lager Wald getragen und unter einem Tannenbäumchen eingegraben. Nur ein kleiner Heidezweig schmückt das seltsame Grab …

»Sie bringen ihre Garben und tragen edlen Samen …«

So soll es sein.

Viel Gutes soll aus diesem kleinen Hügel wachsen. – Denn was drinnen ruht, ist die Güte, die ein Fremder der einsamen Waise bot.

[Illustration]

Frühmorgens.

Die großen, hallenden Räume im grauen Alltag werden mir zu eng. Zudem ist es Sonntag, und alle Waldglocken läuten ihn ein. So will ich hinauswandern zur Clemenskapelle, mit raschen, einsamen Schritten, ehe ich mit dem ganzen Dorf in der Kirche des grauen Alltags bete …

Am Abend desselben Tages.

Derselbe Tag, derselbe Abend. Aber ich? Wer bin ich? Doch nicht derselbe Mensch? Die Prinzessin Weißnichts, aus dem Hause Ohnearg? Die alle Möglichkeiten verschlafen hatte und ausging, das Glück zu suchen? O du mein einziger Lager Wald! Wie ich dir aberhundert Kosenamen gab, so gib du mir den rechten Ruf zurück: Prinzessin Weißalles! Prinzessin Findeglück!

»Meinen Eingang segne Gott«, so rief ich heute morgen laut, als ich den Lager Wald betrat. Und just in diesem Augenblick legte sich die liebe Sonne wie ein breites, goldenes Band um meine braune Heide. Die zeigt schon viele rote Blüten und wartet nur noch auf die Mitte des Augustmondes, um in vollster, leuchtend roter Pracht zu strahlen. Und es taten sich Dome von silberstämmigen Buchen auf. Ihre Zweige reichten bis zum Himmel und klopften beim Herrgott an, daß Er sie segne …

Wann hatte ich das schon einmal erlebt?

Jähe Freude beflügelte meinen Schritt. Ein Lichtchen leuchtete durch die Tannenwildnis hindurch. Komm! winkte es, komm!

Da lachten wohl meine Augen und mein ganzes Herz. Und ich grüßte die Clemenskapelle und die ewige Lampe. Auf der Schwelle des Kirchleins lag das zusammengesunkene Bündel, das ich so gut kannte in seiner Hilflosigkeit.

»Bist du auch wieder da?« fragte ich liebreich. Und ich beugte mich nieder und küßte den armen Kopf mit dem borstigen, rötlichen Schopf.

Da geschah etwas Schreckliches. Der Krüppel sprang in furchtbarer Gelenkigkeit auf und warf sich über mich. Jäh stürzte ich zu Boden und schlug hart mit dem Hinterkopf an den steinernen Fuß des heiligen Clemens. Da hab’ ich wohl gerufen, weit, weit hallend, in meiner gräßlichen Angst und Not.

Und ebenso rasch ward ich auch der furchtbaren Bürde ledig, und ich sah, wie der Krüppel in eine Ecke flog und dann grinsend entwich. Und ich fühlte mich emporgehoben an ein wild klopfendes Herz und hörte eine wundergute, tiefe Stimme an meinem Ohr: »Um Gott, nicht diese angstvollen Augen, du! Hörst du mich? Gitti!«

Und ich sagte ganz leise an seinem Ohr: »Sprich weiter, du! Ich habe so auf dich gewartet …«

Da ließ er mich rasch aus seinen Armen, daß ich taumelte, und ich lehnte mich nun an den steinernen Heiligen, denn mir war’s, als drehe sich die ganze Kapelle um mich herum.

Er aber stand vor mir, blaß und vornehm und verbeugte sich, als wären wir auf dem Parkett und nicht in grüner Waldwildnis, und sagte scharf mit ganz veränderter Stimme: »Ich bin Clemens, Freiherr von Lage.« –

Da wich der ganze Märchenzauber weit zurück. Aber doch nicht so weit, daß ich in den gleichen, wunderlichen, frostigen Ton verfallen wäre, wie der Ritter Lage.

»Ich bin die Regenschirmbase.«

»Wirklich!?« Das klang, als ob er mit einem Kinde spräche. Sein Gesicht ist sehr veränderungsfähig. Viel Ironie, viel Spott, viel Ernst rumort darin. Ein Gran Bitterkeit zieht die Mundwinkel leicht herunter. In den dunkeln Augen liegt Güte. – Wir betrachteten uns ungewöhnlich lange. Als wollten wir uns innerlich festhalten. Und unser Gebaren stach seltsam ab von unsern kalten, förmlichen Worten.

Dann tönte ein Klageruf durch den Wald wie von einem fernen, wunden Tier, und Ritter Lage wandte sich eilends und wortlos und entwich durch die Tannenwildnis. Er ist schlank und zart gebaut, nicht über Mittelgröße. Seinen linken Fuß zieht er nach, und die linke Hand scheint kraftloser zu sein als die rechte …

Andern Tags.

So soll es nicht weitergehen. Meine Arbeit darf nicht leiden unter dem, was mich gepackt hat. Es wirkt sich aus fast wie ein starker, körperlicher Schmerz. Solchem bin ich noch immer zu Leibe gegangen. – Ich hoffte, das Allheilmittel, das ich seit Jahren anwende, würde auch diesmal nicht versagen, – ein scharfer Marsch durch Wald und Heide. Aber es hat versagt. Liegt es daran, daß ich den entgegengesetzten Weg einschlug?

Der Lager Wald und die Clemenskapelle waren mir durch die neue Sachlage verwehrt, so landete ich denn in einigen zerstreuten Katen, die jenseits der großen Lager Heide liegen. Hier fand ich neue Arbeit und neue Unrast und neue Sorgen: ein krankes, hilfloses Weib, einen Säufer, eine Stube voll Kinder, viel Ungeziefer und böse Gerüche.

Solches Erleben hat mich sonst immer tapfer gefunden, heute machte es mich elend. Vielleicht deshalb, weil mein eigenes wunderliches feines Leid mich klein dünken mußte gegen das brutale Geschehen in den Häusern meines Dorfes. Wie der Säufer mich anstierte! Und wie sein jammervolles Weib doch noch in ihren Augen ein winzig kleines Fünkchen jenes Feuers barg, das »die Größeste unter den dreien, Glaube, Liebe, Hoffnung«, hütet. Ich sah, wie ein Lächeln über ihre erloschenen Züge ging, als dem vom Trunke Zermürbten das muffige Mahl mundete. Dies Lächeln redete in lauter Sprache, daß auch dies saure Leben noch Sonnenstunden gebiert, eben weil es nur sauer, aber nicht bitter ist.

In dieser Erkenntnis durchquerte ich auf dem Rückweg die ganze weite Heide und sog mit durstigen Lungen die reine, herbe Luft ein. Streckte dabei beide Arme kraftvoll wieder und wieder weit empor und »atmete mir den Feind aus der Brust«. –

28.

Ritter Lage hat eine Reise angetreten. Meine alte Eva spricht mit einem Male ganz geruhlich von ihm, als hätten niemals Rätsel rings in den Bäumen des Holländer Waldes gehangen …

Der Freiherr bringt seinen Sohn in eine fest umschlossene Anstalt …

Nach acht Tagen.

Heute hat mir Ritter Lage seinen ersten Besuch gemacht. Tante Fernande empfing ihn. Ganz große Dame und ~ancien régime~. Ich verhielt eine Weile in meinem Zimmer. Denn ich hatte die beschämende Entdeckung gemacht, daß mein Kalenderblock noch denselben Tag zeigte, an dem der Enterbte und ich uns zum ersten Male sahen. Und jäh schoß mir das alte Lied durch Kopf und Herz:

[Illustration: Der graue Alltag.]

»Die Tage, da du fern von mir, die zählen nicht in meinem Leben« – –. Da riß ich wohl hastig die schwarzen Ziffern herab, bis der rote Sonntag leuchtend vor mir lag. Und konnte dann äußerlich ganz ruhig den seltenen Gast begrüßen.

Er saß im roten Ledersessel, »darinnen die Lages ausrasten«. Seine dunkeln Augen sahen mich noch eine Weile ernst und gütig an, ehe er sich langsam an dem festen Stock aufrichtete, dessen Elfenbeinkrücke in seiner Rechten ruhte.

Die alte Eva stand neben ihm und hatte in ihren Augen einen ruhigen Glanz. Und auf ihrem runzligen Antlitz ein stilles Lächeln voller Befriedigung, das sagte: Was wollt ihr nun noch? Es ist ja jetzt alles gut und in Ordnung.

Tante Fernande saß auf der kleinen Estrade, jeder Zoll die Audienzgebende. Aber als Ritter Lage sie ruhig und schweigend anblickte, verschwand sie hastig, und Eva folgte ihr. Nun standen wir uns allein gegenüber.

»Sie haben sich Muhme Jesuliebes Räume wunderbar heimelig eingerichtet«, begann er das Gespräch. »Man wird sich zusammennehmen müssen, um sich aus diesem Raum loszureißen. Denken Sie, wie entsetzlich es wäre, wenn ich immer hier bliebe …« Ich stand schweigend; es war mir, als läse ich einen der närrischen Büttenpapierbriefe.

Ritter Lage deutete mit seinem Stock auf eine Ausbuchtung der Mauer, die in das Zimmer hineinragt. Sein Gesicht war blaß, seine Mundwinkel zuckten. Spott, Verlegenheit und Unbehagen lagen in seinen Mienen.

»Die verehrte Regenschirmbase hat natürlich alles gläubig als Zauberei hingenommen«, sagte er mit seltsamem Lachen. »Das macht, weil Sie die Urkunde noch nicht kennen, und außerdem keinen Hang zur Neugierde haben. Ich aber hatte schon als 10jähriger Bub herausgefunden, daß sich hier eine ›Horchbucht‹ befindet. Wie Sie sie oft genug auf Plätzen, in alten Höfen, Toren und Burgmauern sehen können. – Gitti, Sie werden mir nachher die Ehre Ihres Gegenbesuches schenken. Lassen Sie den Knigge und den guten Ton in allen Lebenslagen einmal ruhig beiseite. Der graue Alltag braucht ihn nicht. Ich will Ihnen nur zeigen, daß seit 20 Jahren mein Schreibtisch in dieser Ausbuchtung steht, und daß ich laut Urkunde lebenslängliches Heimatsrecht in Lage habe.«

Ich erschrak so heftig, daß ich mich am Tisch festhalten mußte.

»Fallen Sie bitte nicht um, Gitti«, sagte Ritter Lage. »Mein linkes Bein ist heute besonders schmerzhaft, schief und verbogen, und die linke Hand kraftloser denn je. Ich würde mitfallen, wollte ich Sie aufheben. Glauben Sie auch nicht, daß es mir etwa Freude gemacht hat, den Horcher zu spielen. Ich hatte ein weit geruhigeres Leben, als Sie noch nicht Erbin des grauen Alltags waren. Sozusagen Schulter an Schulter arbeitete ich mit Muhme Jesuliebe, und nach der Arbeit schlüpfte die alte Dame durch die Tapetentür zu mir, strahlend und lautlos lachend darüber, daß sie mit 80 Lenzen noch diese geheimen Schleichwege gehen konnte. Wir waren uns sehr gut, Muhme Jesuliebe und ich. Sie war die interessanteste Frau, die ich je gekannt. Ebensoweit entfernt von künstlich erborgter Jugend, wie vom Quietismus des Alters. Als sie dann starb und Gitti hier einzog, gab ich natürlich immer Fersengeld, sobald sie das Zimmer betrat, denn ein geborener Horcher bin ich nicht, Regenschirmbase. Die Flucht war aber nicht immer möglich – mein Befinden ist großen Schwankungen unterworfen. Oft habe ich zähneknirschend auf dem Ruhebett gelegen, während Ihr lieber Plaudermund schier dicht an meinem Ohr seine Weisheit verzapfte.«

Er war wieder sehr blaß, als er dies sagte, und ich regte mich nicht.

»Kleine Gitti, es wäre barmherziger, wenn Sie schelten würden, anstatt so schrecklich stumm und vernichtet dazustehen. Wenn ich Sie so hinters Licht führte und nicht eher aus der Horchbucht hervortrat, so geschah es auch, weil ich allzu Köstliches in dieser Zeit gelernt habe. – Weil ich in eine liebe, ganz neue, wunderbar lichte Welt eintrat« …

»Aber man darf doch nicht horchen«, wendete ich gequält ein und rang meine Finger ineinander.

»Ach, kommen Sie mir nicht mit Ihrer Kleinkinderstubenweisheit«, sagte er ärgerlich. »Folgen Sie mir lieber in mein Reich und überzeugen Sie sich, wie weitab mein Ruhebett von der Ausbuchtung entfernt steht. Ich werde Sie hinübergeleiten und dann hierher zurückkehren. Mit ganz leiser Stimme werde ich von hier aus Ihnen abbitten, und Sie werden es trotzdem gellend in Ihren Ohren hören.«

Nun lachte ich doch ein klein wenig. »Ich glaube das noch nicht«, sagte ich, ihm folgend.

Er drückte auf eine Erhöhung in der Wand, und da tat sich langsam eine Tapetentür auf. Durch diese schoben wir uns hindurch, und sie fiel sofort wieder lautlos ins Schloß. Der Raum, den wir betraten, ist mir der liebste im ganzen Gewese. Groß und doch heimelig, mit ganz erlesenem Geschmack eingerichtet. Seine Spitzbogenfenster gehen zur schönsten Stelle des Parkes hinaus.

»Hier ist gar kein grauer Alltag,« sagte ich still, »hier wohnt das Licht.« Aber ich redete nur zu mir selbst, denn Ritter Lage war schon wieder durch die Tapetentür entschwunden. Ich hörte seinen Stock im Nebenzimmer aufstapfen und vernahm auch das leise Räuspern, das »Junker Clemens« an sich hat. Inzwischen fesselte meine Augen ein großes Bild über dem kostbar geschnitzten Sofa, es war unser Stammbaum. »Joochen Lage« las ich zu oberst in den Zweigen. »Geboren 1595, gestorben 1642 in’t Lager Huus.« Ich setzte mich still dem Bilde gegenüber auf das breite, große Ruhebett, auf dem ein riesiges Eisbärenfell ausgebreitet war, und meine forschenden Augen schweiften weiter über die Zweige und Verästelungen des Stammbaumes. Da tönte es eindringlich in mein Ohr: »Kleine Gitti, hörst du mich?«

Ich schaute mich um, aber ich war allein in dem schönen Raum.

»Gitti Regenschirm, weißt du, daß _du_ das Licht im grauen Alltag bist?«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Gitti, wir sind viele Jahrhunderte durch grauen Alltag geschritten. Bis _du_ kamst. Nun kann es nie wieder ganz dunkel werden in’t Lager Huus.«

»Ritter Lage, ich möchte das alles zurückgeben. Für mich war die ewige Lampe der Kapelle das Licht im grauen Alltag, und _du_ hast es entzündet, Clemens Lage.« –

»Kleine Gitti, ich werde noch heute eine lange Reise antreten. Diese Reise wird großes Glück oder unfaßbares Leid bringen, mir und dir …«

»Für mich ist es schon Leid, wenn du fortgehst, Ritter Lage …«

»Gottes Segen über dich, Gitti, Seelchen!«

Einen Augenblick war ich fassungslos. War es die Lichtfülle, die über mein einsames Leben hereinbrach? Die meine Augen so blendete, daß ich nichts in meinem Umkreis mehr unterscheiden konnte? Ich warf mich auf das Ruhebett und lachte und weinte in das weiße Fell hinein, und der vornehme Duft, der das ganze Zimmer beherrschte, legte sich schmeichelnd auf meine Sinne.

Aber als ich dann aufsprang, weil die liebe, klangvolle Stimme verstummt war, und dann durch die Tapetentür in mein eigenes Zimmer schlüpfte, da war dieses kalt und dunkel und leer. Und wie in weiter Ferne sah ich das stille Gesicht der alten Eva, und hörte ihre trockene Meldung: »Der Herr Baron lassen sich bestens empfehlen.«

29.

Es ist gut, wenn ein geliebter Mund Worte prägt, die dann zu Leitsternen werden. Mein Leitstern in all diesen Tagen, »die nicht in meinem Leben zählen, da er fern von mir«, war das Wort: »Es kann nie wieder ganz dunkel werden im grauen Alltag.« So konnte ich Sieger bleiben tausend kleinen Widerwärtigkeiten gegenüber und konnte Fröhlichkeit in mir tragen und Zuversicht tausendfältig abgeben. Trotz des Heimwehs, das mich schüttelt. Trotz der tiefen Sehnsucht nach seiner Stimme, seinen märchendunkeln Augen. Und ich vermochte es, meine Unrast einzudämmen, die mich umtrieb im Lager Busch, im Holländerwald und in der roten Heide. –

Über Nacht ist das Blühen gekommen. Rot leuchtend liegt meine Heide da, weit ausgebreitet ihr schimmernder Teppich. Und die Sonne küßt sie wieder und wieder und kann sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit. Der Morgenwind harft ein Preislied. In seinem Hauche neigen sich die Birken huldigend ihrer Heidekönigin, deren kraftvollem Schoße sie ihre schlanke Schönheit verdanken. Stärker duftet der Ginster, heilkräftiger der Wacholder. Über Mittag surren die Bienen heran, alles atmet rascher, – ein rastloses Arbeiten hebt an, ein liebedurchglühtes, ein starkes Schaffen.

Dann wieder die betende Stille, die sonnendurchglühte Rast, bis der Sonnenball zum letzten Male die Kiefernstämme küßt, daß sie metallen glänzen. Und dann tot stehen, weil die leuchtende Mutter von ihnen wich mit einem letzten Gute Nacht. –

Morgen, morgen leuchtet wieder die rote Heide!

* * * * *

Im Forsthaus ist geschäftiges Treiben. Es scheint, als solle dort wirklich das Glück Hüsung haben. Axthiebe schallen zu mir herüber, der alte Förster zimmert eine neue Wiege. Denn die mit Rosen und Tulipanen verzierte, in welcher Klein Erika ihren Einzug hielt, soll erst einmal in meinem Hause bleiben. So rasch gebe ich mein süßes Kind noch nicht her, wenngleich der junge Förster Nordstamm mich männlich-fest gebeten hat, ihm Rikas Kind zu überlassen, auf daß er seine Vaterpflicht nicht versäume. Ich habe es ihm versprochen. – Gese Tönnings blüht auf wie eine Sonnenblume. Das Glück, die Erwartung macht sie gut. – Und ich denke, wenn das Kind da ist, wird sein erstes Weinen selbst den Hammer übertönen, den der Großvater Schmied kraftvoll-zornig schwingt …

Das Krankenhaus wächst, das Schulhaus glänzt in neuer Frische. Auch dort soll ein kleiner Weltbürger seinen Einzug halten. Der Lehrer teilte es mir strahlend mit.

Überhaupt schaue ich in lauter helle Gesichter. Als hätten sie mit den Häusern zugleich einen neuen Anstrich erhalten. – Wie mir die Arbeit willkommen ist! Wie sie mich ablenkt von dem gewaltigen Geschehen in mir. Abzulenken _versucht_. Denn es bleiben immer noch Minuten, da mich mein neues Erleben stürmisch überfällt.

[Illustration]

Hei ho, hei ho! Ich bin ein Kämpfer und lasse mich nicht rasch unterkriegen. Aber ich bin auch ein Weib und ahne, daß ein Unterliegen süß sein kann, wenn kraftvolle Arme uns zwingen und ein echter, unverbrauchter, unzersplitterter Manneswille …

Ritter Lage, wo weilst du?

Ich habe heute die Ruine erstürmt, wie einst die Spanier die Burg. Habe mich an Eisenknäufen festgehalten und emporgeschwungen, und immer wieder fand mein tastender Fuß irgendeinen Vorsprung, bis ich den Söller erreichte. Droben ließ ich mein weißes Tuch durch die Lüfte wehen, es grüßte den Fernen.

»Ich weiß nicht, wo du träumst und suchst und irrst, Ich weiß nur, daß du wiederkehren wirst.«

30.

Die Hochzeitsglocken läuten über die Heide.

Es liegt ein seltsames Drängen in ihren Klängen, Sie geben und schaffen mir Unrast …

Förster Nordstamm führt heute Gese Tönnings heim.

Und morgen ist Pastor Oswalds Hochzeit.

Schmied Tönnings will keine Gäste haben. Er und seine Frau sind die Trauzeugen. Dann will er die Tochter ins Forsthaus selbst geleiten, so hat er es sich ausbedungen, nachdem ich ihn endlich soweit gebracht, die verlorene Tochter bei sich wieder aufzunehmen. Tief mußte sie sich beugen vor dem strengen Vater und die biblischen Worte nachsprechen: »Ich bin nicht wert, daß ich dein Kind heiße.« Aber die Liebe half ihr über alles Demütigende hinweg. Ich war heute für ganz kurze Zeit in der Schmiede. Wollte der Braut wenigstens ein Myrtenzweiglein bringen, damit das strenge, schwarze Kleid etwas Lichtes habe. Aber der Vater litt es nicht. Gese Tönnings muß alle Folgerungen aus ihrem Vergehen ziehen, und der strenge Vater führt ihre Mißgestalt durch die Lager Kirche an den Altar mitten durch die gaffenden, lächelnden oder mitleidigen Blicke hindurch. –

Und morgen schreitet Maria Dörping denselben Weg in ihrer schlanken, herben Schöne und Reinheit.

Aber der graue Alltag wird ebenso raunen und zischeln, und die Kirche wird noch gedrängter und voller sein. Denn man ist gespannt auf die Korb-Sina, die sich vor Hochmut nicht zu lassen weiß über den pfarrherrlichen Enkel und das Glück ihrer Enkelin. –

Der Trauung des Försters Nordstamm bleibe ich fern. Es dünkt mich grausam, wie Schmied Tönnings sein Kind behandelt, da will ich die Schar der Zeugen nicht vermehren. Wie hart habe ich früher selbst geurteilt und verdammt. Von der hohen Warte der Unversuchten aus. Und bin mir nie des häßlichen Pharisäertums bewußt geworden. Nun ist dies überwältigende Erleben zum erstenmal über mich gekommen, und in tiefen, verschwiegenen Stunden meiner einsamen Kemenate frage ich mich, ob ich den Ritter Lage lieben darf? Mit jener brennenden Liebe, die alles glaubt und alles hofft? Lebt nicht sein Weib, und kann sie nicht gesunden? Muß ich nicht vielmehr jene entsagende Liebe in mir pflegen, die nicht das Ihre sucht? Oh, diese Zweifel und Fragen, die über mich herfallen mit scharfen Zähnen, mitleidlos … Sie quälen mich maßlos. Und sie sagen: Du Aufrechte, du! Wie stehst du da, wenn sein Weib ihn zurückfordert? Und mein Herz schreit auf und ruft dagegen, daß diese Frau als Irre lebt seit zwanzig Jahren, und daß selbst das Gesetz die Trennung erlaubt. – Aber sie kann gesunden …