Chapter 3 of 17 · 3981 words · ~20 min read

Part 3

Ich saß mit der jungen Frau Nordstamm an der leeren Wiege, drin das zu Erwartende liegen soll, und wir hatten die ganze kleine Aussteuer um uns herum gebreitet, aber die Türe sorgfältig verschlossen: daß nur ja kein unberufenes Männerauge unser törichtes Tun belauschen sollte. Jedes gestrickte Mützchen wurde über der Faust anprobiert, und die kleinwinzigen Linnen wurden vor die eigene Brust gehalten, um den staunenswerten Unterschied recht deutlich zu sehen. Und ich erhielt von der jungen Frau das Lob, daß ich »recht wie eine Mutter fühle«. Dreimal packten wir das Bettzeug der Wiege aus und ein, und legten immer wieder ein neues, noch zierlicheres Hemdchen, Jäckchen, Mützchen hinein. Und die angehende Mutter schaukelte sacht das Gestell, darauf zwischen leuchtenden Rosen und Tulipanen der Spruch gemalt war: »Onze Heere God zal dat Kind bewaren.«

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Von meiner Entdeckung im Lager Wald sagte ich nichts, vielleicht war’s eine eifersüchtige Wallung, die keinem Menschen sonst das Kirchlein gönnte. Eines heimlichen Bangens kann ich mich nicht erwehren. Die junge Frau ist überzart. Wenn ihr Gatte etwas sagt, fliegt Blässe und Röte über ihr schmales Gesicht, fast möchte ich sagen, es sieht wie Abneigung aus, womit sie ihn anschaut. Aber freut man sich dann _so_ auf das Kindchen? Der Arzt predigt ungeheure Schonung der jungen Frau. –

Von der Wiege kommend, traf ich beim abendlichen Heimweg auf ein Grab. Ich hatte einen anderen, weiteren Weg gewählt, vor dem mich der alte Förster Nordstamm gewarnt. »Der Wilde Jäger sollte dort umgehn mit Heihallo und Hussida.« Herr Förster, das war gefehlt. Vor halsbrecherischen, schlechten Wegen lasse ich mich gern warnen, denn meine Gesundheit gehört nicht mehr mir, sondern dem »grauen Alltag«. Aber dem »Spuk« gehe ich entgegen. –

Es lief alles friedlich ab. Ich fand ein Grab in tiefster Waldwildnis versteckt, und meine zerrissenen Hände geben Zeugnis, wie hartnäckig ich mich durch Brombeeren und Ilex durchkämpfte. Einen Namen trug die Ruhestätte nicht, ein winziges Kreuzlein, roh aus Holz geschnitzt, steckte darauf. Vom Grabe aus schritt ich nach der Lager Kirche und ließ mir vom Küster den Schlüssel zur Gruft geben. Ihm blieb der Mund offen stehen. »Bi disse Tid?« fragte er fast tonlos. –

Ja, der Sarg ist leer, nur ein altes Pergament liegt darinnen. Joochen Lage, † 1642: »Die Lager Luft verwirret Kopf und Herz.« Rings um mich standen die Holzsärge bis an die Decke hinauf übereinander, ein trostloser Anblick. Drei oder vier Steinsärge mit alter Ornamentik reihten sich rings in der Gruftrundung; ein paar neumodische Zinksärge zeigten, daß auch Holländer Mynheers de Lage hier in den letzten drei Jahren beigesetzt worden waren. Ich löschte den Wachsstock, der in der Nische für abendliche Besucher aufbewahrt wird, und schritt im Lichte des letzten Mondviertels über den Friedhof.

»Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht Hinab auf die Gräber in Lage.«

Auch hier ruhten Vorfahren, die nicht in der düsteren Gruft hatten liegen wollen, umgeben von Steinen und Moder, jedem Zufall preisgegeben, der die ungeschützten Särge zerstören konnte. Ich blieb noch einige Zeit an der tausendjährigen Buche stehen und dachte meiner Eltern, dachte des weißen Kreuzes auf dem Friedhof zu Erfurt: »Sei getreu bis an den Tod«, dachte in Liebe und Heimweh an die beiden Efeuhügel, die Unersetzliches bergen.

Als ich dann in mein Zimmer trat, glänzte schon von weitem das große, gelbliche Büttenpapier, auf dem der »Enterbte« mir seine närrische Weisheit darzureichen pflegte, und ich war just in der rechten Stimmung, sie anzunehmen.

»Die liebwerte Regenschirmbase geht sehr selbstherrlich vor, wie mir scheint. Mit ihrer unverbrauchten Kraft lockt sie kranke Kinder aus fremden Häusern, denn wenn die feine, kleine Lagesche Spürnase auch unvergleichlich ist und ungeheuer nett in dem gescheiten Gesichtchen steht, so hat sie doch über die Grenze geschnüffelt. Die schmale Spur zwischen Clemenskapelle und Tempel _ist_ diese Grenze, und der Tempel steht nicht mehr auf Brigitte Lages Grund und Boden. Hausrecht soll man ehren, oder??? Für die Lampe bedankt sich der heilige Clemens. Sie muß jeden Tag gefüllt werden, das gebe ich zu bedenken, aber hübsch jenseits der Grenze bleiben, ohne die Werkstatt zu betreten … Und damit die liebe Regenschirmbase nicht wieder so zerschunden aus dem Ilexgewirr des Waldgrabes hervortaucht und sich unnützen Grübeleien hingibt, so diene zur Vervollkommnung der Familiengeschichte (siehe oben), daß in besagtem Grabe der Urahn Joochen wirklich ruht, wenigstens das fein säuberliche Gerippe. Meine eigenen Hände haben ihn dort still beigesetzt, als ich einst entdeckte, daß sein Sarg offen stand und beim Umfallen schon einmal die Gebeine verloren hatte.

Durch meine nüchterne Enthüllung hoffe ich die Regenschirmbase richtig eingeschätzt zu haben … Den goldenen Manschettenknopf bitte ich in der Clemenskapelle niederzulegen.

Der Enterbte.«

Ich habe den Brief hin und her gewendet, aber da keine Marke ihn zeichnete, konnte ich auch nicht sehen, woher er kam. Die Kenntnis des Ritter Lage von meinen Wegen und Taten ist mir unheimlich, die verschiedenen Rüffel, die er mir erteilt, empören mich. Wenn aber wirklich der Tempel nicht auf meinem Grund und Boden steht, so hat der Mann recht, und ich muß meine »Grenzen« besser studieren und innehalten. Eine beschämende Mahnung für mich von dem Fremden. Wer mag ihm nur alles hinterbringen? Das ist der häßliche Beigeschmack der ganzen Angelegenheit, daß hier irgendein Spion in meiner Nähe sitzt. Und merkwürdig quälend für mich der Gedanke, daß sich »Ritter Lage« zu solch einem Spiel hergibt.

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10.

Natürlich habe ich sozusagen »fliegenden Fußes« den Knopf in der Kapelle hinterlegt und lächerlicherweise nach Verlauf von einer Stunde festgestellt, daß er verschwunden war. Gleichzeitig habe ich das Gelübde getan, den Märchenwald zu meiden und die Clemenskapelle überhaupt nicht wieder zu betreten. Mag doch die Lampe austrocknen oder -brennen, – ich bin Protestantin, habe gar nichts damit zu tun. –

»Die ewige Lampe brennt«, schreibt daraufhin Ritter Lage. »Es gehört keine blühende Phantasie dazu, um herauszuklügeln, daß Brigitte Lage ihren fein aufgesetzten Kopf in den Nacken wirft, wie Rassepferdchen tun, und in weiblicher Unlogik den armen Heiligen entgelten lassen will, was der Unheilige verbrochen hat. Also sie brennt wieder, und man braucht überhaupt gar nicht mehr zu kommen. – Meine Bitte entsprang auch nur einer augenblicklichen Verlegenheit. Ich hatte mir den Fuß bös verletzt und konnte nicht so rasch, als ich wohl wollte, in die Kapelle humpeln … Von Holland her, verehrte Regenschirmbase … Aber in richtiger Erkenntnis der weiblichen Logik humpelte ich doch … Übrigens war selbstverständlich schon früher eine ewige Lampe in der kleinen Waldkirche, – auch ohne daß Sie das Lichtchen anzündeten, – aber sie war verlöscht … Wie gesagt, mein Fuß ist schuld. Die Lampe hängt in einer Nische am Altar versteckt, aber ich benutze das rührend komische Steinnäpfchen meiner rührend komischen Regenschirmbase …

Sie erkennen daraus, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. –

Der Enterbte.«

Natürlich war das wieder Spiegelfechterei. Denn als ich hinlief, in hellem Ärger über meine Pflichtvergessenheit – dem Kranken gegenüber, der seinen verletzten Fuß aufs Spiel setzte … da war die Lampe im Verlöschen und wäre ohne Zweifel ohne mich jetzt tot. Ritter Lage hatte sich also darauf verlassen, daß ich sofort in jähem Mitleid kommen würde …

11.

Matthias und Fernande Lage sind eingetroffen. Die Urbilder der »Kümmerlichkeit«.

Dabei ist beider Geist rege, und die Zungen sind scharf geschliffen. Ohm Matthias wirkt wie »Gift und Operment«. Ich habe, bildlich gesprochen, mein Väterchen zu Hilfe gerufen, – mich buchstäblich zur inneren Ruhe erzogen. Haus Lage »flog«. Ich kann mir unmöglich denken, daß das Spitalweibchen in ihrem Leben viel elektrische Klingeln zur Verfügung gehabt hat, um dienstbare Geister heranzurufen. Heute zeterte sie nach dem »Personal« und war sehr ungehalten, als auf ihr Rufen nur immer _ich_ erschien. Eva hatte ich zur jungen Försterin beurlaubt, die plötzlich erkrankt ist. Der Fall macht mir rechte Sorgen. Wie gern wäre ich selbst hingegangen, um zu hören, was ihr zugestoßen ist. Statt dessen vernehme ich Klagen und Jammertöne zweier unzufriedener Geister, die eigentlich recht glücklich sein müßten, daß sie nun eine Heimat haben. Kaum mit einem Augenwink haben sie die Frühlingspracht da draußen gestreift, als ich sie vom Bahnhof mit unsern munteren Pferdchen »Hans« und »Fritz« abholte. Und jedes geringfügige Scheuen der allerdings stark temperamentvollen Tiere quittierte Tante Fernande mit gellendem Schrei. Ohm Matthias saß dagegen mit stoischer Ruhe auf seinem Sitz und bemerkte nur bissig, daß bei einem etwaigen Durchgehen der Pferde ebensogut »spekulative Erben« den Hals brechen könnten, als er selbst.

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Mein herzliches Lachen schien ihn etwas zu entwaffnen. Ich glaube nicht, daß Ohm Matthias auch nur das geringste zu vererben hat. –

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Denn er zeterte in seinem Zimmer umher und verlangte eine »Gästezahnbürste«. Vermutlich muß ich bei diesem zärtlichen Verwandten ganz und gar umlernen, muß ihm Urbegriffe beibringen. – Aber sie sind nun wenigstens untergebracht in den beiden sonnigsten Zimmern, die ich zu vergeben habe. »Nicht standesgemäß«, kritisierten beide. Aber Haus Lage ist überhaupt nicht »standesgemäß« im landläufigen Sinne. Ein Vorfahr hat es sogar »seine Tonne« genannt. Der suchte seiner Lebtage »Menschen«, und da er sie nicht fand, löschte er seine Diogeneslaterne und zog sich grollend nach Lage zurück. – Es ist schade, daß dieser Ahn seine Anspruchslosigkeit nicht auf Ohm Matthias und Tante Fernande vererbt hat, unser Zusammenleben wäre dann ersprießlicher. Auch die Verschiedenheit der beiden Konfessionen wirkt sich übel aus. Ohm Matthias macht um die protestantische Kirche einen auffallend weiten Bogen, als berge sie Gefahren für sein Seelenheil, besucht auch die Gräber der dort Ruhenden niemals. Er fährt jeden Freitag und jeden Sonntag mit der Kreisbahn nach N., um Messe und Predigt zu hören, und kommt stets so unduldsam wieder, daß ich als Parole und Feldgeschrei ausgegeben habe: »Kein Gespräch über Religion bei Tische!« »Kämpfe um Luther und Ignaz Loyola werden nur im stillen Kämmerlein unter vier Augen ausgefochten.« –

Lade ich Pastor Oswald zum Sonntagsbraten ein, so ißt Ohm Matthias auf seinem Zimmer; und speist Hochwürden Trewes bei uns, der die Seelen seiner katholischen Schäflein mit Nahrung versorgt, so verschwindet Tante Fernande in ihre Gemächer. Es ist eine lächerliche Gesellschaft. Aber beide Verwandte sind einsam, sie haben nie Liebe kennengelernt, sondern nur Armut, Krankheit und Zurücksetzung. So will ich ihnen von dem Reichtum abgeben, den ich in mir spüre, und von all dem Äußeren, das mir ein gütiges Geschick zuwarf.

Eva grollt mit mir, aber das soll mich nicht beirren. Sie möchte einen stillen, vornehmen Haushalt führen als meine Dienerin und als Beschließerin von Haus Lage. Die beiden Verwandten dünken sie Eindringlinge, wunderliche Bilder, unwürdig des Rahmens, der sie umgibt. Ich aber mit meiner Jugend und stürmenden Kraft will noch nichts von Stille, Ruhe und Nur-Vornehmheit wissen. »Teich mit Entengrün« nannte mein Vater solche Beschaulichkeit. Er pflegte Steine hineinzuwerfen und freute sich, wenn das Wasser sich klärte und Kreise zog. Ich aber bin meines Vaters Tochter.

Ungeheuer viel Pläne trage ich in mir. Ich muß in Lage bauen. Ein hübsches Lehrerhaus möchte ich haben. Das Schulhaus ist uralt, die Lehrersfrau klagt über Ratten und sonstiges Geziefer. Auch kann die blitzsaubere Frau dem Kalk nicht wehren, der von Wänden und Decken fällt und von der Schuljugend zertreten und überall herumgetragen wird. – Ein Lehrerhaus muß schmuck sein, außen und innen.

Wie will er reine Gedanken in die Herzen der Kinder tragen, wenn seine Wohnstätte unsauber ist? Bisher scheint hier in Lage für den Lehrer alles gut genug gewesen zu sein. Hei, damit will ich aufräumen. – Der alte Pfarrer, der im Ruhestand lebt, sieht scheel zu meinen Erneuerungsgelüsten. Gottlob hat er nicht mehr dreinzureden, und der junge Pfarrer Oswald ist ganz meiner Ansicht und gibt mir nach bestem Wissen und Gewissen gute Ratschläge. Vielleicht tut es im Laufe der Jahre auch einmal der »Ritter Lage«. Wohin man auch hört, wird er als der Bestkundige der Grafschaft bezeichnet, und auch aus seinen närrischen Briefen spricht seine Vertrautheit mit allen hiesigen Verhältnissen. Holland ist also doch nicht so weit, Herr Vetter Clemens, als Sie mich glauben machen wollen … Zuerst und vor allem andern aber will ich der Pietät Genüge tun und das Grab von Brigitte-Jesuliebe Lage instand setzen lassen. Es liegt auf dem Friedhof hier, aber fern von den andern Gräbern an sehr unwirtlicher Stelle. Nichts ist angepflanzt rings um die Ruhestatt der letzten Besitzerin von Haus Lage, ich fand beim Aufräumen einzelne vermoderte Sträuße, die irgendein dankbares Gemüt ihr heimlich hingelegt haben mag. Auch kein Kreuz oder Stein bezeichnet das Grab, nur die öde Nummer, die der Totengräber in seinem Buche vermerkt hat. Ich sprach mit Eva. Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab. –

Eva, Eva, wenn ich spüren sollte, daß du Menschenfurcht kennst! Daß du um des unduldsamen Eiferns des alten Herrn Pastors willen deine Pflicht versäumt hast an deiner Herrin, an meiner Wohltäterin! Sie hat dich gespeist und getränkt und besoldet und ist dir eine gerechte Obrigkeit gewesen. Sie hat mit dir geweint und gelacht, du hast die Füße unter ihren gedeckten Tisch gesetzt. Heilig ist solche Gastfreundschaft. »Ein undankbarer Mensch aber steht unter dem Tier. Denn jedes edle Tier ist dankbar«, sagt der Philosoph Hilty.

12.

Ich werde mich mit dem alten Pastor noch einmal auseinandersetzen. Er geht des öfteren um den Friedhof herum, wenn ich darin arbeite, und sieht mir scharf auf die Finger. Ich habe mir einen tüchtigen Gärtner und seinen Gehilfen aus der Stadt kommen lassen, damit erst einmal Ordnung auf dem Gottesacker geschaffen wird. Wie der Friedhof, so das Dorf und sein Patron. Meine eigene Bequemlichkeit, die Instandsetzung des Parkes, des Gartens, die Gewächshäuser, – alles dies kann warten, ich erachte es gering gegen die Pietätspflicht. Am 29. Juni ist der Geburtstag der Heimgegangenen. Einen Stein will ich dann bestellen, der Tante Jesuliebes Namen tragen soll.

Jesuliebe!

Ich weiß nicht, ob sie Gott und Gottes Sohn geliebt hat. Sie soll die Kirche nie besucht haben.

Aber die Armen und Siechen haben mir von ihr erzählt, von ihrer gebefrohen rechten Hand, die nicht wußte, was die linke tat. So soll auf dem Stein nur stehen: »… ihre Werke folgen ihnen nach«.

Wenn mir der Ritter Lage nur nicht so viel Rätsel aufgeben möchte! Und ich wette, wenn ich den nächsten Brief öffne, so steht darin: »Ich bin gar nicht rätselhaft, verehrte Regenschirmbase.« Sein Gedankenlesen ist unheimlich. Heute lag sein Brief auf Urahn Joochens Grab im Walde. Dessen Geburtstag ist heute, das habe ich aus der Urkunde entnommen, und Ritter Lage nahm natürlich an, daß ich Kranz oder Strauß niederlegen würde:

»Ich muß abbitten, liebste Regenschirmbase, wie ein ganz armer Sünder. Glaubte und – fürchtete, daß das rasche, junge Geschöpf dem Wunsche der Toten schon nachgekommen wähnte (zünd an, Brigitte Lage, zünd an!), wenn es dem heiligen Clemens alltäglich seine Lampe füllte … Und nun ist dies Menschenkind so reif, daß es tiefer und weiter gedacht hat, und so gut, daß es mit _Freuden_ den Hilferuf der Heimgegangenen in die schöne Tat umsetzt. Wäre ich nicht ein alter, kranker, verbitterter Mann, der unfroh fern in Holland (?) sitzt …

Aber ich darf doch in Gedanken die kleine, fleißige, tapfere Hand küssen, die unser altes Lage mit so sicherem Griff gepackt hat. – Doch kann der alte Mann seinen Rat nicht vorenthalten: Jeder Kraftfahrer läßt seine Maschine _langsam_ angehen. Bei Brigitte Lage ist noch zuviel Überschüssiges. Nach diesem Tempo muß der Körper schließlich Lehrgeld zahlen. (Ich überlege, aus welchem Teich Vetter Ernst der Hüne und Base Pauline die Bodenständige dies winzige Lebewesen herausgefischt haben.) Aber zäh ist’s, zäh, das merke ich schon. Und das braucht Lage. Also langsam! Langsam! Es wäre ein Jammer, wenn das Maschinchen einen Knacks bekäme.

Der Enterbte.«

Wie ist es nur möglich, daß solch ein Wort so froh machen kann! Bin ich so sonnenhungrig, daß mich ein paar hingeworfene Brocken schon Lichtstrahlen dünken? Jedenfalls ist das »Maschinchen« neu geölt, und – Dank für den guten Rat, Ritter Lage! –

13.

Welch großes Unglück! Ich bin ganz verstört. Die junge Förstersfrau wird sterben. – Mein Gott, wie ich das so bestimmt hinschreiben kann. – Sie ist schwer gefallen, als sie nach der kurzen Krankheit, die sie neulich zu überstehen hatte, ihren geliebten Wald zum erstenmal wieder aufsuchen wollte. Gleich will ich wieder zu ihr hin. – Von überall her werden die Ärzte erwartet. – Die Kranke ist ohne Besinnung. –

Abends: Tot! Ich fasse es nicht. Soll nicht Allmutter Natur die werdende Mutter schützen? Ein kleines gesundes Mädchen hat sie geboren, aber sie selbst … Das Kind schlummert bei mir in Haus Lage, es würde sonst ganz vergessen vom unglücklichen Vater, den der Schmerz bis zum Toben gebracht hat. Die Flinte hing er um und lief in den Wald, der alte Förster hinter ihm drein. Im Hause blieb eine alte, durch die Ereignisse völlig kopflose Wärterin und das kleine, schreiende Kind. Da habe ich’s auf den Arm genommen und bin mit ihm durch den Wald geschritten. Wohlverwahrt lag es an meiner Brust.

Und wie ich das warme Etwas spürte, – kam mir das Leben, das ich geführt hatte, seltsam leer und öde vor – bis heute … Die weise Frau aus Lage hat mir ein richtiges »Wochenzimmer« eingerichtet und mit derben Scherzen, wie sie diese Frauen leicht annehmen, nicht gekargt. Alle Sachen und Sächelchen, die solch ein Neugeborenes braucht, sind vom Försterhaus in mein Schlafzimmer übergesiedelt, und die alte Wärterin Marianne hat auch wieder einen Kopf bekommen, den ich ihr etwas zurechtsetzte.

Nun bin ich Mutter. Herrgott, hab’ Dank! Und hilf mir, daß ich eine rechte Mutter werde für dies Waislein.

Aber ein junges Leben mußte dafür auslöschen …

Wie ist alles so seltsam!

Der alte Förster kam heute und sah das schlafende, rote Gesichtchen lange gramvoll an.

Der unglückliche Vater hat noch nicht nach seinem Kinde gefragt.

Über all dem Neuen vergaß ich aber doch die Clemenskapelle nicht, ich halte dort meine Morgenandacht und lege mir in der tiefen, göttlichen Ruhe meinen Tag und seine Pflichten zurecht. Meine eigene evangelisch-lutherische Kirche ist ja immer geschlossen …

Viel wirre, bunte, krause Gedanken mußte ich heute in der Waldkapelle verarbeiten. Wir wollen übermorgen das Kind taufen am Sarge seiner Mutter und dann die Tote zur letzten Rast geleiten. Wie sollen wir das Kind nennen? Es sind keine Bestimmungen getroffen, die Eltern hatten nur immer vom »Stammhalter« gesprochen. Armes, kleines Mädchen, man hatte dich gar nicht erwartet. Der Vater antwortet auf keine Frage, die dich betrifft. Soll ich dir _meinen_ Namen geben?

Als ich von der Kapelle fortschritt, hockte wieder der Krüppel davor. Hastig haschte er nach meiner Hand, legte sie sich auf seinen armen Kopf, an sein Gesicht. Und wackelte wieder neben mir her. Als ich mit der Hand nach dem Tempel wies, sah ich plötzlich einen bösen Ausdruck auf seinem ohnehin so häßlichen Antlitz. Und als er sich vor mir niederwarf und nach meinem Kleidersaum griff, herrschte ich ihn zornig an.

Wie konnt’ ich mich so vergessen! Diesem Ärmsten der Armen muß wohl vor allen Dingen meine Liebe gehören, will ich dem Wort nachfolgen: »Was ihr getan habt einem der Geringsten unter euch, das habt ihr mir getan.« – Als ich heimkam, war auch der Krüppel an der Schwelle und ließ sich nicht wegbitten, noch verjagen. Ich wollte ihn wieder in sein Zimmer bringen, aber Eva stand plötzlich vor der Tür, nahm seine Hand, führte ihn hindurch und schloß hinter sich zu. Es scheint, daß ich wenig Herrscherrecht hier habe …

»~Gratulor~«, schreibt Ritter Lage. »Also wir haben ein kleines Kind bekommen? Ich konnte es mir natürlich denken. Ganz Lage wird hinfüro Kleinzeugs in die Welt setzen, denn Freifräulein Brigitte nimmt alles an ihr warmes Herz. Und wenn Haus Lage nicht ausreicht, so ist der Tempel noch da und die Clemenskapelle. Ich stelle alles zur Verfügung und helfe auch beim Anbau. Das Haus der Regenschirmbase muß wie eine Ziehharmonika sein. –

Über den Namen des Kindes dürfen Sie sich nicht den hübschen Kopf zerbrechen. Es gibt nämlich nur _einen_ Namen für dies Heidekind: ›_Erika_‹.

›Clementine‹ würde ich anmaßend von _mir_ finden. Und gegen ›Brigitte‹ sträube ich mich, und werde es _nie_ zugeben.

Und nun, verehrte Regenschirmbase, noch eine ganz ernste Sache: Sie werden den idiotischen Krüppel, der leider hie und da Ihren Weg gekreuzt hat, _nie_ wieder berühren! Ich verlange das ganz einfach von Ihnen, kraft meines Rechtes als älterer Vetter. Und die kleine Base, die so fein zu organisieren, so tapfer zu befehlen, so lieb zu bitten versteht, wird ohne Widerspruch gehorchen. Und wird den Kranken mit Strenge in das Haus mit dem tempelartigen Vorbau verweisen, das auf meinem Grund und Boden steht. – Und nachdem das kleine Mädchen bis jetzt so getan hat, als hätte sie aufmerksam den Brief bis hieher gelesen, während sie doch ihre Gedanken nur an dem einen Punkte haften ließ, daß ich den Namen Brigitte verwerfe, sage ich ihm leise ins Ohr, daß Brigitte ganz _einzig_ ist, gar nicht noch einmal in der Welt vorkommen _kann_, und es mir deshalb vom künstlerischen Standpunkt aus unleidlich ist, irgendein Lebewesen ebenso genannt zu wissen wie sie …

Clemens, der Enterbte.«

14.

Wir haben die Taufe der kleinen Erika begangen. Pastor Oswald hat wie ein rechter, echter Hirt gesprochen, aber im Kopf und Herzen des unglücklichen Vaters der Kleinen ist wohl nichts haftengeblieben.

Es gibt nichts Trostloseres, als solch eine Feier am offenen Sarge einer Mutter. Aber die Sitte will es hier so, und Sitten und Gebräuche können sehr unbarmherzig sein. Ich kam auch nachgerade in eine bedrückend trübe Stimmung hinein und wunderte mich eigentlich, daß die Mutterhände sich nicht plötzlich ausstreckten und das Kind zu sich betteten. Und daß sie nicht all die vielen laut weinenden Weiber fortwiesen, die so sehr mit ihrem Geschrei die Ruhe des Todes und die Ruhe des lebenden und schlafenden Kindleins störten.

Nach der Taufe wurde der Sarg geschlossen und fortgetragen. Der junge Förster stand wie ein Taumelnder. Sein Vater schob ihn zu mir hin, vielleicht sollte er mir danken, daß ich sein Kind in mein Haus und an mein Herz nahm. Ich sah in zwei schier erloschene Augen und in versteinerte Züge. Da wandte ich mich ab und trat zur Seite, und der alte Vater stützte den jungen Sohn und führte ihn zu den Menschen, die den Sarg zum Friedhof geleiteten. Es war ein seltsamer Tag und ein besinnlicher Abend. Für die Teilnehmer an der Trauerfeier und dem Begräbnis – es war wohl das ganze Dorf versammelt – habe ich Kaffee kochen und einen Imbiß herrichten lassen im Forsthaus. Eva war mit zwei Mädchen dort und hat alles versorgt. – Ich selbst betreute das Kind und blieb mit wunderlichen Gedanken bei der Wiege. Ohm Matthias und Tante Fernande spielten Schach. Diese Stunden versöhnen beide, und infolgedessen sind’s auch für mich Feierstunden. Ich schaukelte sacht die Wiege. Im Kamin loderten knackende Holzscheite. Mein Leben hat nie lodernde Flammen gekannt, nur herzerquickende Wärme …

Hab’ Dank über das Grab hinaus, mein herrlicher Vater! Und du, herzliebste Mutter! Ihr gabt mir das Eiland, die sonnige, behütete Jugend. Pflanztet die heilige Menschenliebe in mein Herz, und ich erbte von euch beiden doch Herbheit genug, ein kleines, festes Mäuerlein um mich zu bauen. –

Wenn die Liebe, die die Dichter besingen und unsterblich machen, so furchtbare Kraft hat, daß sie einen starken, bodenständigen, fast ein wenig bäurisch-tölpelhaften Mann wie den jungen Förster Nordstamm zum Greise wandelt, der schier ohne seine fünf Sinne herumgeht, der seiner Vaterpflicht vergißt, weil ihm das junge Weib starb, – dann will ich mich vor der Liebe bewußt hüten. – Bisher ist sie noch nicht an mich herangetreten. Man hat in ehrlicher Freude mit mir geplaudert, auch ist wohl manch ein kecker Bewunderungsblick zu mir hingeflogen, aber man bestürmt _arme_ Töchter höherer Stände nicht mit Bitten: »Komm auf mein Schloß mit mir.« Ich hätte auch, – zwar mit dem Schloß, aber nicht mit dem Bittenden, etwas anfangen können. Jetzt hat mir ein gütiges Geschick ein Schloß »ohne lästiges Zubehör« geschenkt, – das ist herzerquickend schön. Ei, und das Kindlein? das rosige, atmende, werdende Etwas? Sollten Leute, die keine Menschenliebe kennen, nicht gerade dies Kleinchen ein lästiges Zubehör nennen? Für mich ist’s ein Gottesgeschenk. –

Schier setzt mein Herzschlag aus bei dem Gedanken, man könnte dies Geschenk jemals wieder zurückfordern. –